Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs.
In jener sternklaren Sommernacht, wo der grimmige Mars um den Wusungforts die Stunde regierte, lernte ich ihn kennen. In kauernder Stellung, hinter Ufergras und Erdhügel versteckt, das müde Auge nach dem Huangpu gerichtet, lag er da und horchte beim Klirren eines Glasscherbchen, das der hartbesohlte Schuh des Westländers zersplitterte, auf, riss schussbereit sein Gewehr in die Höhe und liess es sinken, als er sich vergewissert hatte, dass ich ein Ausländer war. Wir hatten unsere feindselige Begegnung bald vergessen und lagen plaudernd im nachttaukühlen Gras. Er hiess Wang Fei ting und gehörte zu den „Kan sze tui“ Truppen, die ihre nächtlichen Stellungen am Huangpu-Ufer bezogen hatten und eine Landung nordchinesischer Truppen verhindern sollten. Ich erinnere mich deutlich des zarten, jungenhaften Gesichts mit den fragenden Augen, das sich mir in dem nächtlichen Dunkel entgegenstreckte. „Fremder Herr, weshalb kämpfen wir hier?“, flüsterte mir Wang zu; mit ganz gedämpfter Stimme sprach er, damit seine Kameraden es nicht hörten. Und ich erzählte, was ich für sein tapferes, „zum Sterben bereites“ Herz für gut hielt, und als ich von ihm schied, da hauchte: „Ich sehne mich nach deiner Belehrung.“ Ich gab ihm die Adresse der Redaktion und nach dem Fall der Wusungforts stellte er sich bei mir als Zivilist ein, aufgeregt seine letzten Abenteuer erzählend. Das Haar hing ungekämmt auf seinem Kopf, seine Zivilistenkleidung, die er zerknittert in einem Pfandhaus ausgelöst hatte, schlotterte, ungeordnet an seinen Füssen schlürften ein paar ausgetretene Grossvaterpantoffel. Wie mir Wang erzählte, stand er vor der Entlassung. Vierzehn Tage hörte ich nichts weiter von ihm. Plötzlich kam er wieder, säuberlich gekleidet und stellte sich mir als „zum Sterben bereiter Freiwilliger a. D.“ vor. So kam es, dass ich Wang Fei ting aufforderte, seine Erlebnisse als Revolutionär niederzuschreiben, um sie einem deutschen Leserkreis zu erhalten. Nüchtern und unpersönlich schrieb er nieder, wie es ihm in seinem Leben ergangen war und erst weitere Fragen und Gegenfragen ergaben das, was jetzt als Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs der Oeffentlichkeit übergeben werden soll.
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Ich heisse Wang Fei ting und bin aus dem Kreise Kiang ling, der in der Provinz Hupeh liegt, gebürtig. Meine Eltern, die einige Mou Ackerland bestellten, waren arm. Trotzdem ermöglichten sie es, dass ich in Zeiten, wo die Feldarbeit ruhte, die Schule des Dorfes besuchen konnte, und als ich dreizehn Jahre alt war, schickten sie mich sogar auf die höhere Elementarschule in der Kreisstadt. Dort hatten wir einen Lehrer, den ich sehr liebte. Er war weit gereist und sogar in Japan gewesen. Wenn die Schulstunden vorüber waren, kam er oft zu uns Schülern und plauderte wie ein Vater. Wie erstaunt war ich, als ich lernte, wie gross die Welt sei und wieviel Menschen, die alle möglichen Berufe ausübten, auf ihr wohnten. Vor dieser Riesengrösse kam ich mir sehr klein vor. Ich wurde verzagt und glaubte, für mich sei kein Platz auf dieser Welt, um vorwärts zu kommen. Trotzdem war etwas in meinem Innern, das mich vorwärts trieb. Der grosse Panku hat in achtzehntausend Jahren die Welt erschaffen, also sein ganzes Leben mit der Vollbringung einer einzigen Tat ausgefüllt. Ich sagte mir, da du nun einmal auf der Welt bist, musst du aus deinem Leben machen, was zu machen ist. Aus dem Werk Pankus schöpfte ich zuerst Kraft und Aneiferung. Noch ein andrer Umstand trieb mich zum Schaffen an: die Ausländer. Trotzdem ich noch keinen von ihnen gesehen hatte, war meine Hochachtung vor ihrem Können gross. Unser Lehrer erzählte, dass die weissen Ausländer bisher von dem Geschick auserwählt seien, für die Menschheit grosse Taten zu vollbringen. Er erzählte von den ausländischen Schiffen, Bergwerken, Maschinen, Telegraphen, Geschützen, Gewehren und noch vielen anderen Dingen, deren Namen mir entfallen sind, und ermahnte uns, fleissig zu lernen, damit wir den Ausländern bald ebenbürtig seien. Nach den Schulstunden machte ich meine Gedanken über all das Gesagte und kam zu dem Schluss, dass in all den Werken der Ausländer ein riesiger Fleiss stecken müsse; mir war klar, dass nicht ein Einzelner die grossen westländischen Errungenschaften erfunden hat, sondern dass der Fleiss ganzer Generationen in einem einzigen Werke steckt, das zu immer höherer Vollkommenheit gebracht würde. Ich muss sagen, dass wirklich der ausländische Schaffensgeist ein grosser Ansporn für mich gewesen ist. Eine Ueberschwemmung, die unser Haus samt Wasserbüffeln und Schweinen fortriss, brachte meine Eltern an den Bettelstab, ich musste daher meine Studien aufgeben und mich beim Aufbau eines neuen Herds nützlich machen. Zu jener Zeit kam eine Anzahl feiner Herren der Regierung in unser Dorf und sprach mit dem Ortsältesten. Dieser liess bald die jungen Leute des Dorfes rufen und sagte ihnen, wer Soldat werden wolle, solle sich melden. Soldat? Das Wort blieb in meinem Ohr haften, und eh ich mich versah, rief ich meinen Namen, so laut, dass mich die umstehenden Dorfbewohner erstaunt anblickten. Soldat! Mir fiel das ein, was unser Lehrer von dem französischen Heerführer Na pu lun (Napoleon) erzählte, und ich dachte daran, dass er zuerst auch nur einfacher Soldat gewesen sei. Ausser mir meldeten sich noch drei Jungen meines Alters. Wir wurden gefragt, wie alt wir seien, ob wir zwanzig Li ohne Unterbrechung marschieren und ob wir einen halben Zentner Gewicht heben könnten. Als wir bejahten, wurden unsere Namen in die Liste eingetragen. Meine Eltern, die Anfangs über meinen Entschluss aufgeregt waren, beruhigten sich, als ich ihnen sagte, ich würde jeden Monat einen Teil meiner Löhnung nach Hause schicken.
So wurde ich mit sechzehn Jahren Soldat und der 9ten Division in Kiangsu zugeteilt. Ich erhielt jeden Monat sieben Dollar Löhnung, wovon jedoch vor der Auszahlung drei Dollar für Beköstigung abgezogen wurden. Zum Nachhauseschicken blieb nur eine ganz kleine Summe übrig. Ehe ich richtiger Soldat wurde, musste ich Kulidienste tun. Jeden Morgen musste ich die Stube reinigen, den fünf Mann auf der Stube Essen holen und sonstige Dienste leisten. Für meine Eltern und Dorfgenossen hatte ich früher ähnliche Arbeiten verrichtet und mich nie darüber beklagt; als mich aber die fünf Menschen zu ihrem Diener erniedrigten, sträubte sich mein Empfinden, und ich sagte eines Tages dem diensttuenden Offizier, dass ich richtiger Soldat werden wollte, andernfalls würde ich wieder nach Hause gehen. Ich wurde dann in eine andere Stube gelegt und hatte es von nun an besser. Die paar Stunden Dienst waren leicht zu ertragen. Ich lernte marschieren und das Gewehr behandeln. Nach einigen Monaten durfte ich nach der Dienststunde die Schule unserer Division besuchen, wo uns ein hoher Offizier Vorträge über die Kriegskunst hielt. Der Offizier erzählte uns vom deutschen und japanischen Heer, von siegreichen Schlachten und von der Liebe des Volks zum Herrscher. Dass auch wir Soldaten unsern Kaiser lieben sollten, erzählte er nicht. Einmal sagte er scharf: „Ihr seid nur Soldat, damit ihr kämpfen könnt, wenn sich die Zeit erfüllt.“ Er lächelte dann still für sich hin. Wir Soldaten sahen uns an und verstanden ihn nicht. Erst später habe ich den Sinn der Worte verstanden. Unsern Divisionsgeneral habe ich während meiner dreijährigen Dienstzeit in Nanking nur dreimal gesehen. Das vorletzte Mal bei einer Parade unserer Division; nach ihr wurde ich zum Gefreiten befördert. So vergingen Wochen und Monate. Als ich einmal Posten stand, wollte ein ausländisch gekleideter Landsmann, der ein blaue Brille trug, am Wachthaus vorbei. Als ich ihn anhielt, sagte er genau das Wort unserer heutigen Parole, und ich musste ihn durchlassen. Der seltsame Mann kam häufig wieder, manchmal kamen auch Mehrere zusammen. Ihrer Sprache nach mussten sie aus Kuangtung gewesen sein. Eines Tages gingen fünf Offiziere unserer Division weg, und wir erhielten Ersatz. Die Besuche der Fremdlinge wurden häufiger. Dieses Mal sah ich unsern Hauptmann und einige Offiziere mit den Fremdlingen im Gespräch auf der Offiziersstube; sie hatten eine grosse Karte vor sich, nannten oft den Namen meiner Heimatprovinz und beschrieben mit den Fingern Kreise auf der Karte. Die Disziplin unserer Division wurde immer mehr gelockert. Statt dass die Offiziere uns mit gutem Beispiel in ihrem Lebenswandel vorangingen, blieben sie Tage lang vom Dienst und Nächte lang von der Kaserne weg und gaben Geld in vollen Händen aus. Woher sie das nur hatten? Erst später habe ich es ergründet. Der Divisionsgeneral kam häufiger als sonst. Einmal trat er in die Stube eines Offiziers, riss den Schrank auf, zog einen Haufen Schriftstücke heraus und ging zornbebend fort. Den Offizier habe ich nie wieder gesehen. An einem Herbstabend lag ich mit einigen Kameraden im Gras vor dem Lager. Da kamen einige Leute der ersten Kompagnie mit weingeröteten Gesichter des Wegs; einer schrie: „Fragt der Kerl, ob wir schiessen können? Natürlich können wir schiessen!“ Den letzten Satz wiederholten die Betrunkenen mit lautem Gebrüll. Ein Nüchterner sagte mir, dass ein junger Chinese, der südlichen Dialekt sprach, ein paar Leute mit Wein bewirtet hätte, weil der Kaiser in Peking demnächst ein grosses Fest feiern werde. Das Fest der Herbstmitte war vorüber; die Disziplinlosigkeit in der Division erreichte ihren Höhepunkt. Da kam die Kunde in unser Lager, dass sich die Garnison in Wutschang gegen den Kaiser erhoben hätte. Ich erwartete nun, dass unser General uns sofort unter die Waffen rufen würde, das Leben des Kaisers zu schützen. Dafür kam eines Tages der Befehl, wer nach Hause gehen wollte, solle seinen rückständigen Sold in Empfang nehmen. Der grösste Teil der Soldaten meldete sich, und sofort sprangen tausende Leute aus Kuangtung und Chekiang ein, um die freigewordenen Stellen zu füllen. Auch die Offiziere wechselten; ich sah unter ihnen bekannte Gesichter. Kaum waren wir entlassenen Soldaten in der Stadt, da ging plötzlich ein grosser Kampf los. Ich weiss nicht mehr wieviel Tage gekämpft worden ist. Eines Tages zogen unsere frühere Division und zahlreiche Truppen des Revolutionsheeres in die Stadt ein und raubten alles aus. In dem mandschurischen Stadtteil war ein Kreischen und Schreien, das ich nie vergessen werde. Im Leng Kung Tempel hatten sich Mandschus zusammengedrängt, um gemeinsam zu sterben, ehe sie unter den Streichen des Volksheers fielen. Und plötzlich hoben sich mit furchtbarem Knall die Mauern in ihren Grundfesten und eine hohe Rauchsäule stieg in die Luft. Unter dem Schutt lagen nur Leichen. Die Tage der Stadt Nanking sind schrecklich gewesen. Ich verstand damals die Grösse der Zeit nicht und fluchte den Revolutionären.
Eines Tages war ich selbst unter ihnen. Da wir nun ein „Volksreich“ hatten, wollte ich es schützen. Ich begab mich nach Schanghai, wo ich mich bei den Kuang fu tschün Truppen, die im Taiyang Tempel bei Chapei lagen, gegen einen Monatssold von elf Dollar einreihen liess. Nach einigen Monaten wurden die Truppen aufgelöst, und ich ging wieder nach Nanking, wo ich unter den Kan sze tui Truppen, die bei der Eroberung von Nanking so kühn vorgegangen waren, aufgenommen wurde. Ich hatte soviel von den „Truppen, die den Tod nicht fürchteten“ gehört, dass ich mich freute, bei ihnen zu sein. Der Monatssold betrug nur acht Dollar, das Essen war frei. Die Truppen wurden von dem Obersten Liu Fu piao befehligt, der früher ein Führer der geheimen Gesellschaft Ko lao hui war. Wir waren im Fu Tse ying in der Nähe der Huai ting Brücke untergebracht. Mehrere Monate vergingen. Eines Tages wurde die Nachricht im Lager verbreitet, dass wir gegen die Truppen Yüan Schih kais kämpfen sollten. Ein paar ältere Leute unserer Truppe waren darüber ganz aufgeregt und sangen vor Freude Kriegslieder, die ich zum ersten Mal hörte. Und plötzlich hiess es, Nanking sei von Peking abgefallen und habe sich selbständig erklärt. Nach westländischem Kalender geschah das im Juli. In unserm Lager begann ein geschäftiges Treiben. Wir achthundert Mann tauschten unsere einschüssigen Gewehre gegen fünfschüssige aus, jeder erhielt eine Feldausrüstung mit Mantel und fünfzig Patronen. Auf den Mannschaftsstuben ging es lebhaft her. Wir Jüngern lauschten den Aeltern, die von Kriegstaten erzählten, von Bomben, Granaten und zerrissenen Gliedmassen. Dann gingen wir in voller Ausrüstung schlafen. Am folgenden Morgen bliesen schon frühzeitig die Hörner. Wir traten an und marschierten nach dem Hu ning Bahnhof, wo wir mit dem Zug nach Schanghai befördert wurden. Nach unserer Ankunft in Schanghai wurden wir auf Booten den Huangpu aufwärts nach Schih li pu (Nantao) befördert. Es dauerte lange, bis für unsere achthundert Mann eine passende Unterkunft gefunden war. Schliesslich bezogen wir in einer Schule hungrig und müde Quartier. Nachts um drei Uhr heulte ein furchtbarer Sturm. Und plötzlich hörte man den Schall einer Kanone. Wir wurden alarmiert und zogen durch enge Gassen in die Nacht. Vor uns marschierte das 61ste Bataillon, das Befehl hatte, das Arsenal von Nordwesten her anzugreifen. Wir bezogen vor dem Südwesten der Stadt als Reserve Stellung. Bis zum frühen Morgen dauerte das Schiessen. Viele kleine Geschosse und Granaten flogen über uns weg. Gegen Dämmerung wurden die ersten Toten und Verwundeten des 61sten Bataillons an uns vorbeigetragen. Er dauerte nicht lange, da musste das Bataillon, das drei Stunden mit dem Arsenal im Kampf gelegen hatte, zurückgehen. Es ging nicht zurück, es lief. Und wir lagen mit frischen Kräften hinten in Deckung; die Aeltern von uns wurden ungeduldig, schalten unsere Offiziere offen Feiglinge und wollten, die übrigen Mannschaften anfeuernd, vorwärts stürmen. Als die Offiziere jeden niederzuschiessen drohten, der seine Stellung verlasse, wurden die Unzufriedenen ruhig und knirschten nur ab und zu Flüche durch die Zähne. Während der ganzen Kämpfe ums Arsenal erging es uns so. O, Schmach, o Schmach. Wir mussten zusehen, wie Hunderte unserer Brüder von den Geschossen des Feindes hingerafft werden, ohne sie zu rächen. Wir sahen aber allmählich ein, dass alle Versuche, den Brüdern zu helfen, Wahnwitz gewesen wären. Unsere achthundert Gewehre reichten nicht gegen die grossen Kanonen des Feindes aus. Dennoch blieb wütender Zorn in unserm Herzen, dass wir nicht einmal schiessen durften. Unser Befehl lautete, das Leben der Einwohner der Stadt zu schützen. Und so zogen wir als Patrouillen Tage lang durch die Strassen der Stadt.
Eines Tages kam Liu Fu piao ins Quartier, liess die Patrouillen zurückziehen und gab Befehl zum Ausrücken. Niemand wusste, wohin es ginge. Die Aelteren freuten sich, weil sie glaubten, nun würde wirklich gekämpft. Statt dessen wurde einmal richtig gegessen, denn wir hatten seit vierzehn Tagen kein anständiges Essen im Leibe. Liu händigte einem Unteroffizier eine Summe Geldes aus und liess dafür über tausend warme Kuchen kaufen, von denen jeder Mann einen bekam. Dann marschierten wir kauend weiter nach dem Gebäude der Schansi Gilde am Nantao Bund, wo wir den Rest des im Feuer gewesenen 61sten Bataillons trafen. Wir waren noch nicht weggetreten, als Liu Fu piao mit einem etwa dreissig Jahre alten Chinesen kam, der einen goldnen Zahn hatte. Liu sagte, dass Herr Tsai einige Worte an uns richten wollte. Herr Tsai verneigte sich kurz und sprach, er sei bei dem Führer der Nordsoldaten gewesen, der sich sehr erfreut darüber ausgesprochen habe, dass die tapferen Kan sze tui Truppen ihre Kräfte aufgespart hätten und noch nicht gegen das Arsenal vorgegangen wären. „Ich sehe“, sprach Tsai weiter, „Ihr seid vom Hunger mager, Euch mangelt an Brot; Eure Waffenröcke sind zerschlissen. Folgt mir, ich will Euch Beides geben.“ Liu Fu piao bekräftigte mit wenigen Worten, was Tsai gesprochen hatte.
An demselben Tages wurden wir unter unserm neuen Führer Tai Hsing auf Boote verladen und nach den Wusung Forts gebracht, wo wir in der „Chung kuo kung hsueh“ bei dem Dorf Wen tsan pang Quartier bezogen. Tai Hsing hatte für ein gutes Quartier und ausreichendes Essen gesorgt, sodass bald frohe Laune herrschte. Die Leute auf meiner Stube stimmten das Kan sze tui Lied an:
Wer in tiefe Schluchten dringt,
Den Tiger dort zur Strecke bringt,
Ist mutig.
Wer in den tiefen Meerschlund taucht,
Und Perlen holt, die sein Liebchen braucht,
Ist mutig.
Doch kühner als der Jägersmann,
Und todverachtender als der Taucher,
Sind wir, die Kan sze tui.
Trotz des fröhlichen Lieds, in das auch die Leute auf den andern Stuben einfielen, herrschte doch bald wieder eine gedrückte Stimmung. Wir wurden das Gefühl nicht los, dass wir von unserm Führer wie Sklaven verkauft worden seien.
Am nächsten Morgen versammelte unser neuer Führer Ta Hsing die Mannschaften auf dem Haupthof der „Tschung kuo kung hsüeh“, wo wir im Quartier lagen und hielt eine Ansprache. Er sagte, wir seien in der Nähe der Wusungforts stationiert, um sie zu „schützen“. Wie und gegen wen wir die Forts schützen sollten, sagte er uns nicht. Die Aelteren von uns, die schon bei Nanking mitgefochten hatten und wirklich einmal kämpfen wollten, sahen sich erstaunt an und flüsterten sich etwas zu, was ich nicht verstand. Die Unzufriedenen wurden aber bald andern Sinnes, als Tai Hsing im Namen Liu Fu piaos einige Beförderungen bekannt gab. Auch ich stand auf der Liste und wurde vom Gefreiten zum Unteroffizier befördert. Als solcher verdiente ich vierzehn Dollar den Monat. Meine Freude war nicht gering; denn ich erhielt wirklich einmal Gelegenheit, ein paar Dollar zu sparen und wünschte im Stillen, dass die Revolution nur recht lange dauern würde. Ach, wenn ich damals gewusst hätte, wie kurz meine Zeit als Unteroffizier dauern sollte! Nachdem jeder der Beförderten einige Dollar Handgeld erhalten hatte, wurde Befehl zum Frühstücken gegeben. Mit grossem Poltern stürmten wir in die Stuben und harrten der reichhaltigen Mahlzeit, die unser neuer Führer uns versprochen hatte. Welche Enttäuschung! Es gab nur Tee und harte ausländische Kuchen. Ein grosser Groll sammelte sich gegen Tai Hsing an, weil er sein Versprechen nicht gehalten hatte. Die Beförderten kauten aber schweigsam die harten Kuchen und freuten sich auf das Essen, das sie am Abend in der Garküche nehmen würden, die nicht weit vom Quartier aufgeschlagen war. Am Abend sassen die Unteroffiziere unserer Truppe auf den schmalen Bänken vor der Garküche und schmausten und tranken. Der Unteroffizier Niu stimmte, als er die Reste der gegessenen Speisen mit einem Näpfchen Wein hinuntergespült hatte, ein Soldatenlied an, in das wir einfielen:
Vorwärts, immer vorwärts
Für die Republik
Unser Herz ist voller Mut
Soldaten fürchten nicht das Blut
ihrer Kameraden
Fürs Vaterland, fürs Vaterland
Ziehn wir in den Kampf
schützen Hof und Herd
mit Gewehr und Schwert.
Beim Singen klopften wir mit den Essstäbchen taktschlagend auf den Tisch. Da kam ein Bote unseres Kommandeurs und befahl uns, uns für den Ausmarsch bereit zu machen. Wir gingen in unsere Stuben, hingen Patronentasche und Nachtmantel um, und warteten auf das Signal des Aufbruchs. Das wurde bald gegeben. In einer langen Reihe, Einer hinter dem Andern, bogen wir in östlicher Richtung in die tiefschwarze Nacht. Längs des Huangpu marschierten wir in unsere Stellungen. Der Befehl lautete, scharfen Auslug auf verdächtige Fahrzeuge zu halten, die vielleicht Nordsoldaten den Huangpu aufwärts nach dem Arsenal bringen wollten. So lautete jeden Abend der Befehl. Bei Tage durften wir schlafen und essen. Liu Fu piao kam öfter von Schanghai und hatte wichtige Besprechungen mit Tai Hsing. Liu besuchte stets, ehe er nach Schanghai zurückkehrte, den Befehlshaber der Wusunger Befestigungen Kü Tscheng. Die Freundschaft, die die beiden Männer unterhielten, war ebenso stark, wie die zwischen Tsao Tsao und Kuang Yü, den hinterlistigen Helden aus der Zeit der „Drei Reiche“. Soldaten, die die geheimen Unterredungen zwischen Liu Fu piao und Tai Hsing, und zwischen Liu Fu piao und Kü Tscheng belauscht hatten, sagten, dass Yüan Schih kai unsere „Kan sze tui“ Truppe und die Besatzung des Forts für zehntausend Dollar kaufen wolle. Jeder Soldat sollte seinen vollen Monatssold und fünf Dollar Entlassungsgeld erhalten. Auffallend war, dass Liu Fu piao unsere Truppe täglich verstärkte. Wenn er von Schanghai zurückkam, brachte er immer einen Schub Rekruten mit, die zum Teil dem aufgelösten 61sten Bataillon entnommen waren. Eines Tages kamen auch auf Schleichwegen sechs Maschinengewehre. Wollte Liu unsere Truppe stärker machen, um mehr Geld beim Verkauf an die Regierung herauszuschlagen? Merkwürdig war, dass Lius Besuche beim Festungskommandanten plötzlich aufhörten. Alles sah danach aus, als ob unsere Truppe nicht zum Schutz, sondern zum Angriff auf die Forts bereit sein sollte.
Wir hatten das Gefühl, als ob irgend ein schreckliches Ereignis in der Luft liege. Wie es kam, weiss ich nicht. Eines Nachmittags ertappte ich mich auf einem Spaziergang um unser Quartier. Es war von vier Seiten von einem breiten Wassergraben umgeben, und der Weg zum Haupteingang führte über eine Brücke. Wie notwendig diese kurze Orientierung war, zeigte mir der kommende Tag, an den ich mit Schrecken zurückdenke. Bei Morgendämmerung zogen wir uns aus den gewohnten Stellungen am Huangpu zurück und fielen nach der durchwachten Nacht bald in Schlaf. Die vom Nachtdienst frei gebliebenen Mannschaften flickten ihre zerschlissenen Uniformen oder kauten harte Kuchen. Ich war gerade beim Kleiderwechseln, als der Wachtposten am Haupteingang aufgeregt durch die Gänge lief und Liu Fu piao und Tai Hsing suchte. Tai kam aus seiner Stube, und ich hörte, wie die Ordonnanz in hastigen Worten meldete, eben sei eine starke Abteilung Soldaten aus dem Fort marschiert und nähere sich unserm Quartier in Schützenlinie. Kaum hatte er die Meldung erstattet, da sauste ein Geschoss über unser Quartier und schlug nicht weit davon ein. Wer hatte geschossen? Waren Nordsoldaten gelandet? Hatte das Fort auf uns geschossen? Es war keine Zeit zum Nachdenken. Der Donner des Geschosses liess alle Schlafenden erwachen. Jeder griff zu den Waffen. Alles eilte wirr durcheinander. Draussen knatterte Kleingewehrfeuer. Das erhöhte die Verwirrung. Vergebens schrie Tai Hsing in die Soldatenmenge, sich zu ordnen. Liu Fu piao lief bleich und mit herabhängendem Schnurrbart aus seinem Zimmer und versuchte durch mutiges Schimpfen seine „entwichene Seele“ zurückzurufen. Dann trat er zu Tai Hsing, und sagte ihm, er fahre sofort nach Schanghai, um Verstärkungen zu holen, damit der Verrat gerächt werde. Statt aber mutig durch den Hauptausgang zu laufen, der von den Angreifern unter Feuer genommen wurde, lief er nach Westen, wo er wahrscheinlich über die Mauer geklettert und durch den Wassergraben geschwommen ist, um mit heiler Haut zu entkommen. Die Geschosse der Feinde fielen dichter ein; darunter waren auch Granaten. Auf dem Hof waren etwa zweihundert Mann angetreten, das war Alles, was von unsern achthundert Mann übrig geblieben war; der Rest war in der Verwirrung geflohen. Tai Hsing gab den Befehl, sofort durch den Hauptausgang dem Feind entgegenzurücken. Als wir im Sturmschritt durch den engen Ausgang in das freie Gelände liefen, prasselte uns ein Geschosshagel entgegen. Vor mir knickte ein Mann in sich zusammen; ich glaubte, er wollte seine Schuhriemen fester machen; er war aber zu Tode getroffen. Ohne starke Verluste waren wir endlich auf freiem Gelände und sahen unsern Gegner, der in langer Reihe hinter Feldrainen und Grabhügeln versteckt war. Auf dem Boden kriechend suchte jeder eine Deckung, und bald gaben wir den Angreifern durch anhaltendes Feuern ebenbürtig Antwort. Schuss auf Schuss krachte aus den grossen Geschützen im Fort, die schweren Geschosse flogen über unsere Köpfe weg und schlugen hinter unserm Quartier ein. Wahrscheinlich galten sie unsern Flüchtlingen, die wie ein Ameisenschwarm das Gelände überfluteten. Als Unteroffizier gab ich den Soldaten den Befehl, ein Maschinengewehr aus dem Quartier zu holen. An den Gebrauch dieser wirksamen Waffe hatte in der Verwirrung Niemand gedacht. Bald war das Gewehr in Feuerstellung. Niemand konnte aber damit schiessen. „Wer ist vom 61sten Bataillon?“, schrie ich die Reihe entlang. Rasch krochen einige Mann heran und dann sausten mehrere hundert Schuss in der Minute in den Feind; zugleich ratterten auch die Gewehre unserer zweihundert Mann. Das überraschende Schnellfeuer machte die Angreifer stutzig; einige wandten sich zur Flucht, und ihnen folgte ein grosser Haufe. Unsere Leute sprangen nun vor, schossen und rückten weiter vor, den Feind zurücktreibend, der keinen Widerstand leistete. So gingen wir rasch vor; etwa fünfzig Tote und Verwundete unserer Truppe bezeichneten den Weg, den wir gekommen waren, und ebensoviele Gefallene des Feindes zeigten uns den Weg, den wir noch zu gehen hatten. Etwa einen halben Li vor dem Fort blieben wir in Deckung liegen. Unteroffizier Niu, der am äussersten linken Flügel gefochten hatte, kam zu mir heran. Er blutete an der Wange. Trotzdem war sein Mut ungebeugt. Wir berieten beide, was nun weiter zu tun wäre. Sollten wir die Schmach auf uns nehmen, von unsern Brüdern, mit denen wir gemeinsam kämpfen wollten, angegriffen und geschlagen worden zu sein, oder sollten wir Rache nehmen? Rache nehmen hiess aber, für Yüan Schih kai gegen die Festung Sturm laufen. Wir entschieden uns für Letzteres, denn wir sagten uns, dass Ehre und Reichtum gewiss war, wenn wir die Befestigungswerke für die Nordregierung nehmen würden. Ein Kamerad, der früher bei der Artillerie stand, sagte, am Besten wäre es, die nach dem Huangpu liegende Seite des Forts anzugreifen, wo kleinere Geschütze standen; sobald wir auf den Wällen wären, wollte er den übrigen Teil des Forts mit den Geschützen beschiessen. Das war ein Gedanke, dem Niu und ich sofort zustimmten. Niu kroch nach dem linken Flügel zurück und gab den Leuten kund, dass sofort Befehl zum Angriff gegeben werde; das Ziel sei die Eingangspforte in der Nähe des Teiches. Kaum war Niu an seinem Flügel angelangt, so machte er mit seinen Untergebnen, etwa achtzig Mann, eine Schwenkung, sodass sein Zug halbrechts gegen den Huangpu lag. Im Fort wurde die Bewegung bemerkt, und so bekam sein Zug heftiges Feuer. Nun ging es im Sturmschritt vor. Hie und da stürzte Einer von uns. Wir kamen aber dem Fort immer näher. Deutlich konnten wir die feindlichen Schützen auf der Umfassungsmauer sehen. Wir feuerten, sprangen vor, suchten neue Deckung und feuerten weiter, das Auge immer auf den östlichen Teil der Forts gerichtet. Dreihundert Meter — zweihundertfünfzig — zweih —. Da plötzlich ertönte ein furchtbarer Schrei vom linken Flügel. Wir sahen nach links und bemerkten zugleich, wie aus den Toren der Forts sich feindliche Truppen ergossen und sich wie ein Heuschreckenschwarm über das Gelände verbreiteten. Unsere Leute hatten bald die sich nahende Uebermacht bemerkt und begannen zu flüchten. Es war kein Halten mehr; in wirrem Durcheinander strömte der Rest unserer Truppen dem roten Backsteinbau zu, wo unser Quartier lag. Viele rissen sich die Patronengürtel vom Leib und warfen die Waffen fort, um schneller laufen zu können. Wie flüchtendes Wild vor dem Jäger sauste Alles über die Felder. Geschosse aus Geschützen und Gewehren schlugen in unsere Reihen und manch wildem Lauf wurde ein frühes Ziel gesetzt. Etwa achtzig Mann erreichten das Quartier. Niu, der sich trotz seiner Wunde immer noch tapfer hielt, befahl, zwei Maschinengewehre an den Eingang zu stellen. Sie konnten jedoch nicht in Aktion treten, weil uns der Feind von der Nordseite her angriff. Unser Führer Tai Hsing und seine Unterführer liefen aufgeregt durch Gänge und Höfe und wussten keinen Rat. Auch wir Soldaten wussten nicht, was wir tun sollten; wir fühlten nur, dass unsere Widerstandskraft gebrochen war.
Ich wollte gerade in der Stube meine Sachen holen, da stürzten schon die Angreifer über Mauer und durch die Hinterpforte und zugleich schlug eine Granate in den hintern Teil des Gebäudes, das in Flammen aufging. Ich kletterte an einer Bambusstange die Südmauer hinauf, sprang auf der anderen Seite hinab und durchschwamm den Wassergraben. Ich blieb bis zum Oberkörper im Wasser und versteckte meinen Kopf zwischen Ufergebüsch. Aus dem Hof drang furchtbares Schreien und Schlagen, als ob mit dem Gewehrkolben auf Holz geschlagen würde. Nach einer Weile kroch ich aus meinem Versteck und wollte zwischen Reisfeldern das Weite suchen, als mich ein Schwarm der Angreifer entdeckte und mich zum Gefangenen machte. Ich wurde nach dem Hof unseres Quartiers gebracht, wo eine grosse Zahl meiner Kameraden von feindlichen Soldaten bewacht wurden. Auch Tai Hsing und seine Unterführer waren unter den Gefangenen. Unteroffizier Niu bemerkte ich nicht. Wir wurden unter scharfer Bewachung nach dem Fort gebracht, wo der Kommandant Kü Tscheng und seine Offiziere ein scharfes Verhör anstellten. Wir glaubten alle, dass wir erschossen werden sollten, zuerst wurde unser Führer Tai Hsing verhört. Kü Tscheng liess ihn vortreten und sprach zu ihm: „Du bist einmal einer meiner heissgeliebten Brüder gewesen, der für die gerechte Sache kämpfen wollte. Du bist aber ein Verräter geworden, der den Tod verdient.“ Kü Tscheng gab Befehl, den Gefangenen wegzuführen; Tai wurde am nächsten Morgen erschossen. Mit ihm noch einige Unterführer, mit Ausnahme Yings, der in die Dienste Kü Chengs trat. Von den Soldaten wurde keiner erschossen. Einige blieben im Fort, um bei Kü Tscheng Kriegsdienste zu tun. Die Uebrigen erhielten vier Dollar und durften gehen, wohin sie wollten.
Ich kehrte mit einigen Kameraden nach Schanghai zurück. Wir wollten Liu Fu piao suchen, der uns noch Entlassungsgeld zahlen sollte. Im Tai yang Tempel in Chapei fanden wir ihn. Dort kamen auch in den nächsten Tagen noch viele geflüchtete Kameraden, sodass wir im Ganzen zweihundert Mann waren. Viele von uns sahen mager aus und trugen zerrissene Zivilröcke. Liu Fu piao sorgte für unsern Unterhalt; er geizte aber mit den Ausgaben, so dass wir immer halbhungrig waren. Wir sagten ihm, er solle uns endlich ablöhnen. Einige von uns hatten eine Zusammenkunft in einem Hotel in der französischen Niederlassung und beratschlagten, was sie nach ihrer Entlassung tun sollten. Sie beschlossen, eine Eingabe an den Tutu von Kiangsu, Tschen Teh tschuan, zu machen, worin sie ihn bitten wollten, sie in seine Dienste zu nehmen. Was daraus geworden ist, weiss ich nicht. Endlich erhielten wir unsern letzten Sold. Am Nachmittag wurde ein Handkarren mit zwei Kisten ins Lager gefahren, die Silberstücke enthielten. Liu Fu piao liess uns dann durch seinen Zahlmeister je sieben Silberdollar bezahlen. Sie waren ganz neu und noch nicht gebraucht. Auf dem Geld stand: „Dollar der Ta Tsing Dynastie“ in chinesisch und mandschurisch. Merkwürdig: wir einstigen Revolutionäre wurden mit dem Geld des Kaisers aus dem Dienst entlassen. Jeder erhielt eine Bescheinigung, dass er unter Liu Fu piao bei den „Kan sze tui“ gedient hatte. Liu ging am nächsten Tage nach Su tschou.
Das ist meine Lebensgeschichte.
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Der Leser wird vielleicht enttäuscht sein, wenn er den Erinnerungen eines chinesischen Revolutionärs bis hierher gefolgt ist. Er hat sicher erwartet, dass darin von Verschwörungen, Bomben und Begeisterung berichtet werde, besonders weil Wang Fei ting der „gefürchteten“ zum „Tode bereiten Truppe“ (die Engländer sagen „dare to dies“) angehörte, von deren Tapferkeit und revolutionärer Begeisterung in der chinesischen und englisch-amerikanischen Presse nicht genug Rühmens gemacht werden konnte. Liu Fu piao wird sich über die ungewollte Pressreklame oft ins Fäustchen gelacht haben, denn sie hat sicher dazu beigetragen, dass er den Verkauf seiner Truppe an die Pekinger Regierung unter den günstigsten Bedingungen hat durchsetzen können. Geschichtlich ist die Feststellung interessant, dass die „Kan sze tui“ Truppen in dem Augenblick, wo sie von ihrem neuen Führer Tai Hsing in Nan tao im Empfang genommen wurden, schon ohne ihr Wissen an die Nordregierung verkauft waren. Die Verführten und Betörten sind natürlich die Söldner gewesen. Solange sie bezahlt werden und genug zu essen haben, kämpfen sie für jede Sache. Hunderte sind um des Geldes und des täglichen Reises willen auf dem Schlachtfeld geblieben; ihnen flicht die Nachwelt keine Kränze. Die Erinnerungen des Revolutionärs bergen eine ernste Lehre für die chinesische Regierung. Vor einigen Jahren zitterten die Behörden vor der „Studentengefahr“, da sie glaubten, dass in den Köpfen jugendlicher Heisssporne der Umsturz geboren werde; sie liessen aber dabei die „Soldatengefahr“ ausser Acht, die erst die Theorien politischer Wolkenkukuksheimer wirksam machen konnte, und die aus den Kreisen heraus entstehen musste, die infolge der sozialen Verhältnisse nach einer bessern Lebensversorgung drängten. Erst das Geld, dann die Gesinnung war das Schlagwort dieser Kreise; dass es mitunter zum Siege führen kann, hat die Wu-tschanger Revolution des Jahres 1911 gezeigt. Solange China Hunderttausende junge Menschen hat, die auf die Gefahr des Totschiessens hin jedem Demagogen folgen, der ihnen Geld und Reis zu bieten vermag, schwebt über jeder Regierung in Peking, sei sie republikanisch oder monarchisch, das Damoklesschwert einer Revolution.