Strassenbilder.
Durch die Foochow Road.
Im Schanghaier Sprachgebrauch ist das Wort „Fu-tschou lu“ nicht sehr häufig. Wenn ein Einheimischer nach der Fuoochow Road geht, dann geht er nach dem „Vierten Pferdeweg.“ Die Hauptstrassen der internationalen Niederlassung haben sich nämlich die Chinesen in Ma-lu (wörtlich: Pferdeweg) eingeteilt. So ist zum Beispiel die Nanking Road der „grosse Pferdeweg“, die erste Parallelstrasse der „erste Pferdeweg“, die zweite, der „zweite Pferdeweg“, und so fort. Von allen Pferdewegen hat aber der vierte den besten Klang: Sze-ma-lu ist ein Schlagwort, das weit mehr sagt, als die nüchternen Worte ahnen lassen. Mit dem Szemalu sind die Gestalten pfirsichfarben geschminkter und winzig befusster Mädchen, Politik, Theater, aus der Kehle gequetschter und mit der Fiedel begleiteter Gesang, die neuesten Witze, schlemmerhafte Restaurants und langverandige Teehäuser auf das Engste verknüpft, kurz, der Szemalu ist „die“ Strasse Schanghais, wenn nicht ganz Chinas. Daraus erhellt, dass der Szemalu die Strasse der chinesischen Lebewelt ist. Bei Tage unterscheidet sich die Foochow Road kaum von den übrigen Pferdewegen. Sie trägt dann ein nüchternes, geschäftsmässiges Kleid; in der Luft liegt der Schweiss des Alltags, ausgehaucht von heissgelaufenen Rickschakulies und Lastträgern, vermischt mit Gerüchen, die den Läden entströmen. Die Menschen, die sich durch die Strassen bewegen, tun es nicht zum Zeitvertreib und zum Vergnügen. Jeder hat seine Bestimmung. Wer also bei Tage als studientreibender Ausländer die vielgerühmte Foochow Road durchwandert, der wird enttäuscht sein; denn ihr Bild ist ebenso alltäglich und farblos wie das jeder andern Strasse der Niederlassung. Er muss trotzdem aber einmal bei Tage durchgewandert sein, um die Folie für Das zu haben, was die Augen am Abend erschauen.
Ein Teehaus in der Foochow-Road.
Die Foochow-Road.
Sobald sich die Dämmerung über Shanghai senkt, wird die Foochow Road von einem Zauberstab berührt. Der Zauberer ist ein böses weibliches Wesen; es heisst Vergnügungs- und Genussucht. Wenn die aus dem Herzen der chinesischen Lebewelt verbannt werden könnte, so gäbe es eben keine Foochow Road. Der Zauber teilt sich den Menschen mit, und diese zwingen die Elektrizität in bunte Glaslampen zum frohen Farbenspiel. Trotz des ununterbrochenen Lärmens und Schreiens, mit dem sich die Menschenmenge durch den Strassenschlund zwängt, liegt darin Feierliches und Würdevolles. Das wird vor Allem durch die einheitliche Kleidung, den behäbig schlendernden Gang und das anmutige Spiel des Fächers bedingt. Nach des Tages Last und Hitze streift der Schanghaier Lebemann seine Alltagskleidung ab und wirft sich in ein leichtes, crêmefarbiges Gewand und presst das mit Pomade gesteifte Haar nach rechts und links zu einem Scheitel; er trägt in der Regel hellfarbige westländische Schuhe und weisse Strümpfe, die mit äusserlich sichtbaren Gummibändern straff gehalten werden. Das ist die Schanghaier Herrenmode im Sommer. Wer aus dem Norden des Reiches kommt, kann ihr nur schwer widerstehen; denn der „Wind des Südens“, der auf den harten Nordmann bald von verderblichem Einfluss wird, dass er sich wie „frühe Sommergarben im Winde beugt“, macht sich nicht allein in dem Unterwerfen unter die Schanghaier Weltanschauung des äusserlichen Scheins und des ausschöpfenden Geniessens (was man am Besten mit „Schanghaiismus“ bezeichnen könnte) geltend, sondern auch auf dem Gebiet der Mode. Nur ganz charakterfeste Nordleute vermögen ihre völkische Eigenart inmitten des Schanghaier Völkergewimmels aufrecht zu erhalten. Zur Ehre der Schantung- und Kiangpei-Leute, die ob ihrer besondern Zuverlässigkeit auf vorgeschobenen Posten als Schutzleute für die Sicherheit der Niederlassung Sorge tragen, sei es gesagt, dass sie bisher dem „Schanghaiismus“ mannhaft Stand gehalten haben. Sie sind die Einzigen unter der chinesischen Schutzmannschaft, die ihren Zopf zur Schau tragen; dass die konservative Beharrung durchaus mit einer kernfesten, das Zersetzende der Republik erkennenden Auffassung der Dinge in Einklang steht, erfährt, wer sich mit ihnen in eine Unterhaltung einlässt. Gar zu bald schleift sich aber bei weniger standhaften Nordchinesen die breite, harte und doch so wohlklingende Sprache zu Gunsten des wischwaschigen Schanghaier Dialekts ab, und auch das dunkelblaue, grobleinene Gewand, das vielleicht die Mutter dem nach Süden ziehenden Sohn liebevoll mit eignen Händen gewebt hat, wird bald mit dem verweichlichenden Schanghaier Gewand vertauscht. Bei den Schanghaiern mehr wesensverwandten Mittel- und Südchinesen geht der Wechsel noch rascher vor sich. Daraus erklärt sich das einheitliche Strassenbild in der Foochow Road, obwohl unter der Menge, die täglich am Abend durch die Strasse wandert, Vertreter aller Provinzen des Reiches sind. Ein erlauschtes Wort und ein Blick ins Gesicht lässt aber stets mit ziemlicher Sicherheit erkennen, welcher Heimatprovinz der also vom „Schanghaiismus“ Besiegte angehört. Da drängt sich der vornehme Tschekianger, auf dessen edel geschnittenem Gesicht und in zwei weichen Augen ein Abglanz jener schwelgerischen Zeiten zu liegen scheint, als die alte Sungdynastie in Hangtschou herrschte; da fächelt sich selbstzufrieden der Musik und Sang liebende Hunaner; da schreitet der wetterfeste, von Nordsturm und Sonne gebräunte Schantunger; ihm folgt der melodisch gesprächige Ost-Tschihlier und der behagliche Pekinger. Und im Gegensatz zu diesen steht der Kantoner; er steht über allen diesen Gruppen. In seinem pergamentgelben Gesicht treten starke Backenknochen hervor, wodurch die Augen umso stärker zurückgedrückt erscheinen. In den Augen liegt der ganze Charakter; dort sprüht und flackert es von zielbewusstem Vorwärtsstreben, aber auch von Ermattung nach einem fruchtlosen Kampf; die Schnelle der Augenbewegungen wird von einer abgehackt, nervös klingenden Sprache unterstützt; eine Gestalt voll Leben und Unruhe. Wenn ein Mittelchinese diese Zeilen zu schreiben hätte, so würde er die Menge ganz anders charakterisiert haben, denn fast jeder Provinzler, Städter und Dörfler in China hat einen „Spitznamen“. Er würde zum Beispiel so gesagt haben: „Sehen Sie, dort geht eine Ningpoer „Wasserschüssel“, dort eine Tsimoer „Süsskartoffel“, dort steht eine Südschantunger „Wassermelone“, in der Sänfte sitzt ein Hangtschouer „Eisenkopf“, hier ist ein Anhuier „Maultier“, im Rickscha fährt ein Schansier „Rauhbein“, und dort drüben an der Ecke stehen eine Tientsiner „Schnauze“ und ein Pekinger „Aal“. Und wenn wieder ein Nordchinese seine Charakteristik abgeben sollte, dann würde er die „Schanghaiisten“ mit dem Sammelnamen „Nanmandse“ (Süd-Barbaren) abfertigen; als Antwort würde ihm aber von dem Schanghaier entgegenschallen: „Du kulturloser Nordmann.“ Doch genug von dem Partikularismus, der sich gerade jetzt, nach der „Zurückziehung der Mandschus von den Staatsgeschäften“, so verderblich für eine zielbewusste Politik gezeigt hat.
Gestossen und geschoben kommen wir allmählich in dem Gewühl vorwärts. Der Weg vom deutschen Postamt bis zur Stelle, wo der Szemalu von der Kiang-nan Road gekreuzt wird, kann man noch ziemlich ungestört gehen. Was jenen Teil der Strasse auszeichnet, sind die chinesischen Drogerien und die Ateliers der Zahnkünstler. Beide erfreuen sich, trotz der Abendstunden, eines lebhaften Zuspruchs; denn in ihnen liegt die Quelle des innern und äussern Wohlergehens für den Chinesen. Innerlich, weil in den Drogerien westländische und japanische Allerweltsheilmittel verkauft werden, die angeblich ebenso sicher bei nervösem Asthma wie bei schmerzenden Hühneraugen wirken, wodurch also die Erfüllung des Lebenswunsches eines jeden Chinesen nach „schou“ (langes Leben) gewährleistet wird; äusserlich, weil in den Zahnateliers gleissend goldene Zähne verfertigt werden, die, den zernagten angeschmolzen, eine prahlerische Zahnreihe schaffen, die das stets geübte Lächeln vergolden, wodurch vor Allem zum Ausdruck kommen soll, dass der Besitzer zur Schau getragener Goldzähne wirtschaftlich in der Lage ist, sich ein solches Vergnügen zu leisten. Das hat den Vorteil, dass der Kredit gestärkt wird, und mancher Gläubiger, auch die des weiblichen Geschlechts, die von den verführerischen Zahnreihen bezaubert wurden, raufen sich oft die Haare, weil sie so dumm waren und um eines vergoldeten Zahns willen so weitherzig Kredit gegeben hatten. In der Foochow Road dem Vergnügen nachzugehen, ist für den mit den Verhältnissen nicht vertrauten chinesischen Lebemann nicht immer leicht. Wer aus den tiefsten Quellen geniessen will, dem muss ein kreditfähiger Name, der durch die Einführung eines bekannten Freundes erworben werden kann, vorausgehen. Der Provinzler, der ohne die nötige Einführung durch die Foochow Road bummelt, schöpft nur von der Oberfläche. Man findet ihn deshalb fast nur in den Teehäusern mit und ohne Gesang, die auch für den Einheimischen billige Stätten der Unterhaltung und des Vergnügens sind. In dem Teehaus ohne Musik trinkt man Tee, knappert Melonenkerne und versucht, möglichst einen Platz auf den langen, nach der Strasse liegenden Veranden zu ergattern, wo man in das bunte Strassengewühl blicken kann. Die männliche jeunesse dorée schätzt diese Art Teehäuser nicht besonders, weil ihre Gegenwart nicht von sangesfrohen Damen verschönt wird. Dafür gibt es aber Stätten, wo ebenso wie aus der Teekanne das heisse Getränk, Mädchengesang ohne Unterlass aus den Kehlen quillt. Betritt ein Gast den zu dem ersten Stockwerk des Teehauses führenden Treppenaufgang, so stösst ein Bedienster einen kurzen Zuruf aus, der oben, aus mehreren Kehlen klingend, seinen Widerhall findet. Für die Aufwärter ist der Zuruf ein Zeichen, dass sich ein Gast naht. Ist man inzwischen die Treppe emporgeklommen, so wird man von der Aufwärterschar empfangen, die sich bemüht, jeder für seine Abteilung, den Gast unterzubringen; zugleich wird aber durch den Zuruf die Aufmerksamkeit der anwesenden Gäste nach dem Treppenfirst gelenkt, die in infolgedessen Gelegenheit haben, den Ankömmling zu mustern und, wenn es ein Freund ist, ihn zu begrüssen. Es ist eine geräumige Halle, die wir betreten. Die vier Wände sind völlig mit Wandrollen, die sinnige Inschriften tragen, geschmückt. Geschenke, die dem Unternehmer vor einigen Jahren oder Jahrzehnten aus Anlass der Geschäftseröffnung von Freunden überreicht wurden. An einer Reihe viereckiger, braun gebeizter Tische, deren Flächen mit Marmorplatten eingelegt sind, sitzen die Gäste; andere machen es sich auf den an bessere Opiumhöhlen erinnernden Bänken, auf denen sie mit angezogenen Beinen ruhen, bequem. An der hintern Wand befindet sich die Bühne mit rot und gold bemaltem, verschnörkelten Schnitzwerk. Auf der Bühne steht ein langer Tisch, um den fünf Sängerinnen sitzen. Sie lösen sich gegenseitig im Singen ab. Eine klassische Melodie steht auf dem Programm; ein Gesang aus dem Theaterstück „Yang-gia-dsiang“, das das Schicksal eines hohen verdienten Staatsbeamten aus der Sungzeit schildert, dem ein Aufstand Macht und Ansehen raubte und der, verlassen von Allen, den Hungertod stirbt. Die Seelenkämpfe des qualvoll Endenden behandelte ein Lied, an das sich der Klagegesang eines Trauernden schloss. Für Begleitmusik sorgte die Hauskapelle, die aus Trommel, Zimbel, Fiedel und Flöte bestand. Derweilen der gedämpfte Sterbegesang der Kehle einer Sängerin entquoll, lag ein kremefarbig gekleideter, langbeiniger Flegel auf der Bank, guckte mit dem Kopf nach der Decke, und spuckte die nicht essbaren Ueberreste von Melonenkernen in weitem Bogen durch die Luft. Die Sängerinnen wechselten häufig. Sie waren nicht prunkvoll gekleidet, sondern trugen schlichte Leinenkleider. Ihre tägliche Einnahme ist äusserst gering; für ein Lied erhalten sie etwa zwanzig Zent Singhonorar. Jeden Abend treten sie nach einander in vier bis fünf Teehäusern auf; das macht im Monat kaum dreissig Dollar. Es ist klar, dass die Mädchen auf Nebenverdienst angewiesen sind; noch klarer ist, dass dieser nicht in Stricken und Häkeln besteht.
Besser ist es um die Klasse der Sängerinnen bestellt, von denen wir eine Vertreterin auf Bestellung hören sollten. So glatt auch Alles am Nachmittag schon eingeleitet war: als die Ausführung kommen sollte, stiessen wir auf Schwierigkeiten. Wir besuchten eine Reihe der ersten Restaurants, um ein kleines Zimmer zu erhalten; aber sie waren besetzt. Es blieb nichts weiter übrig, als ein zweitklassiges Restaurant zu wählen. Arglos füllten wir einen Zettel aus, der den Namen des Restaurants trug, und baten unsere Sängerin, die zu den besten und bekanntesten Schanghais zählt, uns mit dem bestellten Gesang zu erfreuen. Dem Ruf wich aber unsere Freundin vorläufig aus und schickte zur nähern Auskundschaftung ihre Dienerin, die sich scheinbar etwas bestürzt in unserm spiessbürgerlich mittelstandsmässig eingerichteten Speisezimmer umsah, einige entschuldigende Worte sprach und verschwand. Unterdessen wurde ein kleiner Imbiss aufgetragen; es gab Huhn in Scheiben mit würziger Tunke, geschmorte Krabben und kleine, in brauner Tunke schwimmende Fische; 1898er Wein aus Schauhsing würzte den Imbiss. Es schmeckte, aber der verdauende Gesang fehlte immer noch. Eine zweite Dienerin kam, sprach und ging. Wir wurden ungeduldig. Gerade als ein zweiter Zettel abgeschickt werden sollte, erschien unsere Freundin, liess sich, wie üblich auf der Seite des Gastgebers nieder und sang. Aber leider nicht die von uns gewünschte Parodie, sondern das Original, das berühmte Lied von den „Fünf Nachtwachen“, das kurz nach der Revolution mit zu den volkstümlichsten Schlagern gehört. Es ist in der Begeisterung entstanden, die damals in gewissen Kreisen herrschte, als es hiess, ein „nördliches Expeditionskorps“ der Revolutionäre rüste sich zum Vormarsch gegen Peking, und es ist den Eroberern zum Geleit gedichtet und in Marschmusik gesetzt worden. Das Lied ist von dem in chinesischen Kreisen rühmlichst bekannten Liederdichter Lin Butsing verfasst worden und zuerst in der Liedersammlung „Hsiaoyehhun“ erschienen. Die nicht in Reim und Rhythmus gezwängte Uebersetzung des Liedes, wie es uns die Sängerin am jenem Abend vortrug, lautet:
Der erste Schlag ertönt.
Der Mond geht auf.
Beeilt euch, Soldat zu werden.
Ajo, ajo!
Wir fürchten nicht den Tod,
denn wir sind voller Mut.
Wir setzen unsere Kraft ein
und werden überwinden.
Je eher wir schlagen,
Desto früher wird uns der Sieg.
Auf, nach Peking heisst die Losung.
Ajo, ajo!
Der zweite Schlag ertönt.
Der Mond steht hoch.
Haltet Stand.
Ajo, ajo!
Wir müssen ein Verdienst erwerben
Und einmal alle Kraft einsetzen,
Wir, ein liebend Brüdervolk.
Die Erfüllung naht.
Schart Euch um eure Führer.
Ajo, ajo!
Der dritte Schlag ertönt.
Der Mond steht in der Mitte.
Schliesst die Reihen.
Ajo, ajo!
Wir ziehn bestimmt nach Norden.
Der Name Li-Yüan-hung sei unser Leitstern.
Nehmt alle Kraft zusammen.
Ajo, ajo!
Der vierte Schlag ertönt.
Der Mond neigt sich westwärts.
Freut euch und seid nicht traurig.
Ajo, ajo!
Lasst die Banner der Ko-ming wallen.
Wenn auch das Blut auf dem Schlachtfeld dampft, seid fröhlich.
Und dann atmet auf
und ziehet siegreich heimwärts.
Ajo, ajo!
Der fünfte Schlag ertönt.
Der Mond geht unter.
Das krafterfüllte Volksheer
Ajo, ajo!
ernennt einen starken Präsidenten,
der furchtlos und treu
die alte Ordnung vernichtet.
Sein Name wird ewig genannt.
Ajo, ajo!
Es ist eine Melodie, die jedes ausländische Ohr erfreuen würde; es haftet ihr aber in Takt und Rhythmus etwas Unchinesisches an, doch ist es wohl gerade die Eigenart, die dem Ausländer gefällt. Wenn man den Text einigermassen beherrscht und die Melodie dazu singen hört, kann man sich sogar für das Lied begeistern; so lebendig und rhythmisch ist der Gesang, dass man den Marschschritt der Soldaten zu vernehmen glaubt und sich mitten in dem Kampf wähnt. Unsere Freundin, die ein dünngewebtes, gazeeartiges Kleid trug und aus deren Haar eine stark duftende Jasminblüte einen erfrischenden Duft verbreitete, blieb nach dem Gesang noch eine Weile plaudernd bei uns. Und dann klärte sich auch auf, weshalb sie zu kommen gezögert hatte. Einfach deshalb, weil zwischen ihrem Ruf als erstklassiger Sängerin und dem zweitklassigen Restaurant, das wir, der Not gehorchend, wählen mussten, eine schier unüberbrückbare Kluft bestehe. Wir mussten ihr Recht geben. Unser Verhältnis wurde aber dadurch nicht getrübt. Sie lud uns freundlich ein, sie in einer Stunde in ihrer Wohnung zu besuchen. Der kleine Zwischenfall gab zu denken, und er hat bewiesen, dass man chinesisches Wesen nicht immer aus chinesischen Verhältnissen heraus erklären muss, sondern dass auch in Einzelfällen westländisches Taktgefühl als Massstab geübt werden kann. Denn wer würde es wagen, eine grosse Künstlerin zum „Strammen Hund“ in Berlin zu bitten, die Unnahbare, die nur auf Dressel und höher abgestimmt ist?
Bis zum Besuch der Sängerin hatten wir noch eine gute Stunde, die mit dem Besuch des in dem westlichen Teil der Fuchou Road gelegenen Theater Tanguidi itai ausgefüllt wurde. Seine innere Einrichtung ist völlig europäisch. Ein reicher elektrischer Lichtglanz bestrahlt die vielhundertköpfige Zuschauermenge, die, gleichfarbig gekleidet, gar würdevoll und peinlich sauber ausschaut. Es wird ein leichter Schwank: „Der geheilte Spieler“ gegeben; der Dialog ist überaus gewandt und witzig, und er hält die Zuschauer fortwährend in Spannung. Der Held und seine Frau, die sich bald zärtlich anschäkern, bald erregte Auftritte haben, sprechen Schanghaier Dialekt, während der Schwiegervater und die Schwiegermutter in schönem Norddialekt dazwischen poltern. Der Schwiegervater ist eine köstliche Figur, die jetzt noch dem wirklichen Leben entnommen werden kann, in einigen Jahrzehnten vielleicht der Vergangenheit angehört und sich in Theaterstücken und Romanen nur noch künstlich als behäbiger Biedermeier erhält. Der Westländer, der dem Schwank zu folgen vermag, wird anregend unterhalten, und er verlässt das Theater fast mit demselben Genuss wie eine europäische Aufführung.
Nun noch rasch einen Blick in das japanische Panoptikum; an den Wänden stehen Kästen mit Drehkurbeln. Für einen Zent sieht darin der Chinese anschauliche, bewegliche Bilder, wie sie in der Wirklichkeit zu schauen auch dem reichsten Chinesen verschlossen bleiben. Jeder Kasten trägt eine chinesische Aufschrift, die kitzelnd andeutet, was darin zu sehen ist. Aufschriften wie: „Amerikanerinnen Zigaretten rauchend“, „Amerikanerinnen im Bade“, „Amerikanerinnen beim Schlafengehen“ bedürfen keines weitern Kommentars. Im Interesse des Ansehens der Westländer ist eine solche Schaustellung höchlich bedauernswert, und die Foochow Road würde wirklich keiner Eigentümlichkeit beraubt werden, wenn von massgebender Seite eine Schliessung dieses Lokals erfolgen würde.
Zur festgesetzten Stunde sassen wir unserer Freundin in ihrer Häuslichkeit gegenüber. Die erste Scheu, einen „Nakoning“ (Ausländer) zu bewirten, war bald überwunden, nachdem einige erheiternde Scherzworte gefallen waren. Das Zimmer war hoch und sehr geräumig. An dem hintern Ende stand eine aus schwerem Ningpoholz geschnitzte Lagerstätte; an der Wand die üblichen kleinen Empfangstische und nach Süden eine bequeme mit rotem Polster ausgelegte Ruhebank. Die nur zwei Sekunden glimmende Wasserpfeife, die mit einem Fidibus, der durch geschicktes Anblasen in Brand gerät, angezündet wurde, machte die Runde. Doch: Sieh da, Timotheus! Zwei Stückchen deutsche Heimat hängen dort an der Wand: billige Drucke mit der Unterschrift: „Winter am Main“ und „Windmühlen in Schleswig“, wodurch das Gespräch neue Anküpfungspunkte erhielt. Aus der weitern Unterhaltung erklärte sich auch, weshalb unsere Freundin nicht die „Neuen fünf Nachtwachen“ sang. Um das Weitere zu verstehen, muss der Leser zunächst mit der Tendenz der Parodie vertraut gemacht werden, die einen Mitarbeiter der „Schenpao“ zum Verfasser hat. Die ersten zwei Strophen lauten:
„Der erste Schlag ertönt.
Der Mond geht auf.
Eine merkwürdige Geschichte hat sich ereignet.
Ajo, ajo!
Der Ministerpräsident ist weggelaufen
samt Familie nach Tientsin.
Das hatte seinen Grund,
Yüan-Shih-kai sitzt in der Patsche,
Weil er der Stimme eines Schauspielers glaubte.
Der zweite Schlag ertönt.
Der Mond steigt höher.
Die Parteien plärren sich an.
Ajo ajo!
Telegramme höhnten Tang.
Der Blumen- und Wein-Tutu wollte eine Erklärung;
die Antwort blieb aus.
Darob war er erbittert,
Und er pfiff auf den Posten eines Handelsministers.
Das war sehr dumm.“
Neben den Ausfällen gegen Tang Shau i und den „Blumen- und Wein-Tutu“ (damit ist der Tutu von Schanghai Tschen Ki mei gemeint, der den ihm angebotenen Posten eines Handelsministers im ersten republikanischen Kabinett nicht antrat) enthalten die drei letzten Strophen scharfe Angriffe gegen die kantonesische Partei Tungmenghui, ferner wird über die belgische Anleihe, über die keine Abrechnung vorliege, gespottet, und der neue Ministerpräsident Lu Tscheng-hsiang wird gerühmt, dass er sich auf die auswärtige Politik wohl verstehe. Also: „Ein garstig Lied. Pfui! Ein politisch Lied.“ Wenn sich eine namhafte Sängerin wie unsere Freundin nicht in ihrem Erwerb schädigen will, so darf sie ein solches Lied, das ein Kampfmittel der gemässigten Republikaner gegen die kantonesische Partei darstellt, nicht in ihr Repertoir aufnehmen; denn Shanghai ist noch eine starke Hochburg der Kantonesen. Aber trotzdem wird der Sang von Mädchen schon verschwiegen gepflegt. Man kann sich leicht ausmalen, wie es manchem eingefleischten gegnerischen Parteigänger gleich Balsam über die Seele tropft, wenn aus einem kleinen, ein wenig karmesinrot betupften Mündchen die Moritaten Tang Shau yis und seiner Parteigenossen ertönen. Unsere Freundin bleibt aber neutral; sie kennt den Text und schweigt. Man sieht, dass die neue Politik, die in Peking gemacht wird, ihren Einfluss sogar auf die Welt der Sängerinnen ausübt.
Bei der anregenden Unterhaltung ist es inzwischen Mitternacht geworden; es ist Zeit zum Aufbruch. Durch zahllose Winkelwege führt der Weg auf die Foochow Road. Dort herrscht noch immer brausendes Leben. Die Theatereingänge speien ununterbrochen hellfarbige Menschenketten aus, unzählige Wagen und Rickschas drängen sich dazwischen, stauen sich und fahren mit Gästen davon. Allmählich kommt Ordnung in den Menschenschwarm, der sich in die Seitengasssen und in den zahlreichen Restaurants verteilt, wo vor dem Schlafengehen noch rasch ein kleiner Imbiss genommen, politisiert und geschwelgt wird. Aus kleinen winkligen Gässchen tönt hie und da noch ein später Gesang mit Fiedelbegleitung; er wird aus holdem Mund den Lebemännern gesungen, die ohne ihn keine erquickliche Nachtruhe finden können.
Die Revolution in der Nanking Road.
Eine blutrünstige Ueberschrift, nicht wahr, meine Gnädige? Wenn man in China nur das Wort Revolution hört, verknüpft man (die Erfahrung lehrt es) gleich etwas Schreckliches damit. Henkersschwert, lose sitzende Köpfe, Bomben und abgerissene Gliedmassen. Man denkt dabei auch an Fürsten, die ihre verbrieften Herrscherrechte scheinbar aus den Händen gegeben haben, weil das Volk, zornig mit dem Fuss stampfend, darauf bestand; man denkt an Männer, die sich bei dem Streben nach Neuerungen von wahrem Patriotismus leiten lassen, aber auch an Schreier, Schwätzer und unreife Politiker. Nichts von alle Dem will ich Ihnen erzählen. Denn Sie wissen, dass eine Revolution nicht immer politisch grausam zu sein braucht, sie kann auch wirtschaftlich friedlich sein. Und darüber möchte ich mit Ihnen plaudern, wenn Sie im Geiste Ihren Arm in den meinen legen wollen, damit ich Sie ohne Fährnisse vom Bund bis zum Rennplatz führen kann.
Wenn Sie an jenem grossen westländischen Kaufhaus an der Ecke der Szechuan Road stehen bleiben, so sind Ihnen schon gelegentlich im Schaufenster in protzig chinesischer Schrift geschriebene Ankündigungen aufgefallen. Sie haben sicher schon darüber ihren Kopf geschüttelt, haben Ihre Augen bestürzt über die krausen Schriftzeichen wandern lassen und vergeblich nach dem Preis gesucht, ohne aber auf den Gedanken zu kommen, etwas zu kaufen; die Güte des Ausgestellten und die chinesische Anpreisung sagten Ihnen, dass die Waren nicht für Westländer bestimmt sind. Hier haben Sie es schon: Revolution. Vor ein paar Monaten hätte kaum ein westländisches Geschäft daran gedacht, auf diese Weise chinesische Kundschaft heranzuziehen. Wie sollte es auch, wo das chinesische Gewerbe und die Industrie leistungsfähig genug waren, die Bedürfnisse der chinesischen Massen zu befriedigen. Wie viel Chinesen dachten vor ein paar Monaten an Schuhe, Hemden, Strümpfe und dergleichen Erzeugnisse westländischer Art? Heute ist es anders geworden. Bleiben Sie bitte noch ein Weilchen vor dem Schaufenster stehen und schauen Sie ab und zu nach dem Eingang. Jetzt hält ein Ponygespann an. Ihm entsteigen drei vornehme Chinesinnen. Sie betreten das Kaufhaus. Eine Schiebetür hinter dem Schaufenster öffnet sich, Sie sehen die drei Damen nach Gegenständen deuten. Die zierliche flinke Verkäuferin vermag kaum noch Alles auf ihren Armen zu halten; das kleine Köpfchen verschwindet fast hinter dem Stapel Baumwollwaren. Gerade als der Pony unruhig zu stampfen anfängt, kommen die drei Vornehmen, mit Paketen beladen, aus der Eingangstür, und die Fahrt geht weiter. Sie aber sehen mich entrüstet an. Ihre Augen scheinen zu sprechen: „Wie kann man nur...“ Ich weiss genau, was Sie sagen wollen: Wie so vornehme Frauen so billige Ware kaufen können. Die verwöhnte Westländerin verlangt natürlich die feinsten Stoffe, weisses Linnen oder knisternde Seide. Alles Andere hält sie für „shocking“. Was Sie so entrüstet, ist jetzt aber bei der vornehmen Frauenwelt Chinas Mode. Und die Mode ist eine eigensinnige Dame.
Jetzt kreuzen wir die Strasse und betreten die deutsche Buchhandlung. Während wir die neu eingetroffenen Bücher ansehen, kommen einige Chinesen und zuletzt eine Chinesin in den Laden. Ich weiss bestimmt, wenn Sie Verkäuferin wären, dass Sie in Ihrem Schanghaier Kosmopolitismus gefragt hätten: „Woat ting wantschie?“ Aber lauschen Sie nur. „N’ Tag, möchte mir ’mal Ihre Bücher ansehen.“ Ein junger Chinese spricht es in fliessendem Deutsch und begibt sich auf die Wanderung durch die Menge der ausgelegten Bücher. Ein anderer tritt ein und spricht, den Oberkörper steif biegend, kurz und abgehackt militärisch deutsch: „Famoses Buch, die Kriegsgeschichte von General Müller. Ist mir leider während der Revolution abhanden gekommen. Möchte nachbestellen. Sein Sohn stand übrigens mit mir in Halberstadt in Garnison.“ Und er kauft sich die neuen deutschen Dienstvorschriften, einen Kriegsroman und einen Neuruppiner Bilderbogen von der preussischen Garde für seinen Jungen. Und von den anderen Chinesen nimmt der Eine ein technisches Fachwörterbuch, der Andere die Verfassung des Deutschen Reiches, und wieder ein Andrer interessiert sich für Berg- und Hüttenwesen. So geht es Tag für Tag. Sprechen solche Augenblicksbilder in dem deutschen Buchladen nicht ganze Bände? Sieht man nicht daraus, wie sich merklich das Interesse für deutsches Wesen unter den Chinesen zu regen beginnt. Ist es nicht ein Stückchen geistige Revolution? Doch beinahe hätten wir die junge Chinesin vergessen. Sie steht ein wenig schüchtern abseits und endlich verlangt sie — Hand aufs Herz — das bekannte Buch vom „imponierenden Auftreten“ und ein Werk über moderne Frauenfragen.
Nun müssen wir wieder in das Strassengewühl. Es stürmt so viel Neues, Revolutionäres auf die Augen ein, dass man kaum weiss, was man zu zuerst als besonders bezeichnend herausgreifen soll. Vor uns geht ein Chinese in eigenartiger Tracht. Wenn Sie illustrierte chinesische Romane aus dem fünfzehnten Jahrhundert durchblättern, finden Sie das Vorbild. Das Volk bezeichnet sie als Mingtracht. Es ist ein langes, quer über die Brust zusammengeschlagenes Gewand, dessen Kragen mit Samt eingefasst ist. Wahrscheinlich haben wir es in diesem Falle mit der neuen Nationaltracht zu tun, für die die chinesische Presse in letzter Zeit Stimmung gemacht hat. Als ob die bisherige Kleidung nicht praktisch wäre! Ja, praktisch ist sie, aber Manchem zu politisch. Denn man muss wissen, dass der letzte Modewechsel nach dem Sturz der Mingdynastie stattgefunden hat. Die neuen mandschurischen Herren sorgten für eine neue Mode, um das Andenken an die Ming zu verwischen. Und das Gleiche streben heute die Kleiderreformer an, die von der jetzigen Volkstracht Alles verbannen wollen, was an die Mandschus erinnert. Dann wollen sie aber auch dem Tragen westländischer Kleider entgegenwirken, in denen sich junge Stutzer so gern gefallen. Wenn man als durchschnittlich behäbig gekleideter Mitteleuropäer heute einem jener modisch gekleideten Stutzer begegnet, so kommt man sich recht klein vor. Und erst die Augen, die so herablassend auf den europäischen Kuli blicken! Ja, die Zeiten beginnen sich zu ändern. Das sieht man auch an dem Paar, das vor uns geht. Die Beiden sind entweder verlobt oder jung verheiratet. Sie gehen Arm in Arm. O, heiliger Konfuzius! Nein, wirklich nicht deshalb, weil sie Arm in Arm gehen, ich glaubte zwar, das sei etwas ganz Neues.... Aber sehen Sie, die junge Chinesin trägt ja ein — „Korsett“ ergänzen Sie seelenruhig, als ob es das gleichgültigste Ding der Welt sei. Keine Täuschung; die Chinesin trägt ein Korsett. Man sieht ganz deutlich, wie stark die Hüften geschnürt sind, wie mit Gewalt nach berühmten westländischen Vorbildern eine neue Linie geschaffen werden soll. Wohin man blickt, Revolution. Noch eine Schöpfung der neuen Zeit drängt sich in der Nanking Road zur Schau. So farbenschreiend auffallend ist ihr Aeusseres, dass die Augen mit Gewalt angezogen werden. Es sind die neuen Barbierläden. Um die von Grund auf verfolgte Wandlung, die das Barbiergewerbe durchgemacht hat, darzustellen, muss ich Ihnen zum Massstab erst einen der alten Barbierläden vorzeichnen. Er war so sehr unter der Flucht von anderen Lädchen versteckt, dass nur der Kundige das anpreisende Firmenschild „Tscheng-jung“ (Ordnung des Gesichts) unter den vielen anderen herausfand. Der Glasverschlag, der die Barbierstube von dem Lärm der Strasse trennte, war schmutzig und mit Staub überzogen und wenn man durch die Tür blickte, so sah man einige mit heissem Wasser gefüllte Schüsseln auf Holzgestellen, worüber der sich in die Obhut des Barbiers Begebende seinen borstigen Vorderschädel beugte und ihn mit heissem Wasser einreiben liess. Der Barbiergehilfe setzte dann das viereckige, an einem schwarzen Holzstengelchen befestigte Messer auf die Kopfhaut und entfernte den Borstenwald. Dann wurde die verschlungene Strähne des Zopfes geöffnet, das Haar mit einem starken Kamm durchgekämmt und neu geflochten. Einschliesslich Rückenmassage zahlte der Kunde sechs Kupferlinge. Diese Barbierläden wurden fast ausschliesslich von den männlichen Angehörigen der unteren und mittleren Volksklassen besucht; der Vornehme hielt sich seinen eigenen Barbier oder liess ihn täglich ins Haus kommen. Dieser Zustand hat sich durch das Entstehen der modernen Barbierläden geändert. Der Uebergang vollzog sich aber nicht von heute auf morgen. In den ersten Wochen nach dem Ausbrechen des Aufstands lief noch Alles zu den alten Läden, deren Inhaber sich flugs Haarschneidemaschinen anschafften, um für das Wachsen des plötzlich vom Zopf entblössten Haares einen festen Grund zu legen. Derweilen wurden auf die alte Art die sprossenden Gesichtshaare entfernt. Allmählich gingen die Barbiere zur Benutzung von europäischem Barbierwerkzeug über. Den Wünschen des „feinen Publikums“ gerecht werdend, wurde die innere Ausstattung des Barbierladens nicht vernachlässigt. Heute gibt es Läden in der Nanking Road, die in Bezug auf Ausstattung, von dem bequemen, einstellbaren Lehnsessel bis zu dem mit einem blendend weissen Ueberwurf bekleideten Gehülfen, den Vergleich mit manchem westländischen Barbiergeschäft aushalten. Das schreiende Aeussere der früher die Zurückhaltung bewahrenden Barbierläden liegt in dem den japanischen Einfluss verratenden Anbringen von farbig bemalten Stangen und in den hochtönenden Anpreisungen der neuen Haarschneide- und Rasiermethoden; ja ein Barbier in der Nanking Road ging so weit, ein Schild mit westländischen Köpfen malen zu lassen, worauf er in Schriftzeichen andeutet, dass in seinem Geschäft die deutsche, englische, amerikanische und französische Haar- und Barttracht gepflegt würde. In den modernen Barbierläden findet die neue Zeit ihre stärkste Ausprägung.
Von der friedlichen Revolution sind auch die chinesischen Kaufhäuser nicht verschont geblieben, die sich wie hungrige Maultiere an die Krippe zu beiden Seiten der allmählich breiter werdenden Nanking Road drängen. Der Typ des alten, gemütlichen Ladens wird von der neuen Zeit allmählich verdrängt. Ja, gemütlich war es darin, für die Kunden sowohl wie für die Angestellten. Die Ladenfront war nach der Strasse hin offen; und während der Verkäufer, die Wünsche des Kunden erfüllend, die Waren zusammensuchte, konnte der Kunde an einem Tisch Platz nehmen, seinen Tee schlürfen und plaudern, wozu immer einer der Angestellten ein angenehmer Gesellschafter war. Es spielte sich Alles in einem ruhigen, von gegenseitiger Ehrerbietung getragenen Rahmen ab. Heute gibt es zwar noch Läden in der Nanking Road, die ein Ueberbleibsel der gemütlichen, vorrevolutionären Zeit sind; aber in den meisten Geschäften hat eine amerikanische Hast ihren Einzug gehalten; übereifrige Höflichkeit und verächtliche Abfertigung werden aus einem Mund den Kunden gegenüber gepflogen. In den Läden alten Typs ist jeder Kunde den Verkäufern gegenüber nach Rang und Stand gleich. Betritt aber heute ein ärmlich gekleidetes Bauernweib eines der grossen Kaufhäuser und folgt ihm eine im Automobil angekommene, in Seide strotzende und mit Armspangen und Similibrillanten geschmückte Schöne, so wird Letztere mit unterwürfigen Bücklingen behandelt, während das Bauernweib so ganz von oben herab nach seinen Wünschen gefragt wird. Aeusserlich heben sich die Kaufhäuser neuen Stils von den alten sehr ab. Die Schaufenster, in denen, soweit es solche überhaupt gab, früher die Waren wahl- und ziellos durcheinanderlagen, sind für die Augen geschmackvoll hergerichtet; man merkt, wie genau die Aussteller vor den westlichen Läden Studien gemacht haben. Viele Artikel, die vor wenigen Monaten einzelne Ladenhüter waren, sind nun in den Vordergrund der Nachfrage gerückt, so Strohhüte, Taschentücher, sogar solche mit Sun Ya tsen in Schwarzdruck, westländische Anzüge, Schuhe und dergleichen. Und am Abend schwimmen die Fenster in elektrischem Licht, sodass das bekannte Schild: „Tschen bu erl gia“ (Hier gibt es wirklich keine zwei Preise) merklich überstrahlt wird. Was sich dem Westländer so unangenehm aufdrängt ist die Prunksucht der Ladeninhaber. Man merkt, wie mit Gewalt alle Mittel des äussern Scheins angewandt werden, um die Käufer anzulocken. Von den mit englischen Aufschriften versehenen Firmenschilder anfangend bis zu dem in verschwenderischer Pracht geübten elektrischen Farbenspiel sind das Alles Zeichen für die Vorliebe äusserer Gefallsucht, wenn nicht Zeichen eines erbitterten Wettbewerbs, der in der lärmdurchtobten Nanking Road ausgefochten wird und den der Aussenstehende nur ahnen kann. Für die Spezialgeschäfte scheint eine bedenkliche Krisis gekommen zu sein. In den chinesischen Städten steht zwar heute das Spezialgeschäft, das in der Regel die Verkaufstelle der in dem damit verbundenen Betrieb hergestellen Ware ist, noch in hoher Blüte. Von der Nanking Road wird es aber verdrängt, wenn es sich nicht den neuen Verhältnissen anpasst. Denn schon sind Kaufhäuser entstanden, die alle Bedarfsartikel des täglichen Leben führen. Interessant ist die Beobachtung, wie sich die alten Spezialgeschäfte für Fussbekleidung umformen. Sie sind zunächst der gegenwärtigen Entwicklung gefolgt und haben ihren Betrieb auf den Verkauf von westländischem Schuhwerk erweitert. Das scheint aber nicht den erwünschten Gewinn zu bringen; denn alle Schuhgeschäfte führen neuerdings auch Kopfbedeckungen. Also auch der chinesische Kaufmann in der Nanking Road macht seine Revolution durch. Sie hat schon manches Ehrwürdige eingerissen und Zweifelhaftes an seine Stelle gestellt; und Letzteres neigt bedenklich vom Soliden zum Unsoliden.
Mit solchen Betrachtungen bahnen wir uns den Weg durch das Gewühl. Sehen ab und zu mit eitlen, parfümduftenden Chinesen besetzte Autos vorbeijagen, die man für ein paar Dollar mieten kann; sehen überelegante, zierliche Ponygespanne, deren Insassen prunkende Gewänder tragen, und lassen uns schliesslich, auf der Suche nach einem ruhenden Punkt, in einem chinesischen Café nieder, wo wir in Eiskaffee mit Schlagsahne schlemmen. Die Sahne, die eben noch süsser als Honig schmeckt, wurde plötzlich bitter; denn herein trat das verliebte Braut- oder Ehepaar von vorhin, dessen weiblicher Teil die Linienrevolution durchmacht. Der galante junge Mann bestellte zweimal Fleischbrühe mit Hörnchen....