III.
Er eilte zu Sswidrigailoff. Was er von diesem Menschen erwartete, – wußte er selbst nicht. Er wußte nur das eine, daß der eine Macht über ihn hatte. Nachdem er dies einmal eingesehen hatte, konnte er sich nicht länger mehr beunruhigen und außerdem war jetzt die richtige Zeit gekommen. – Auf dem Wege quälte ihn besonders die eine Frage, – war Sswidrigailoff bei Porphyri Petrowitsch gewesen?
Soweit er beurteilen konnte, und er hätte darauf schwören mögen, – war er nicht dort gewesen! Er dachte wiederholt nach, rief den ganzen Besuch Porphyri Petrowitschs in seine Erinnerung zurück und überlegte: – nein, er war nicht bei ihm gewesen, ganz gewiß nicht!
Aber wenn er noch nicht dort gewesen war, würde er oder würde er nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehen?
Vorläufig schien es Raskolnikoff, als ob er nicht hingehen würde. Warum? Er konnte sich selber dies nicht erklären, aber wenn er es auch gekonnt hätte, so wollte er sich jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen. Dies alles quälte ihn, und doch hatte er zugleich für etwas anderes Interesse. Es war erstaunlich und niemand würde es vielleicht geglaubt haben, – um sein jetziges unumgängliches Schicksal war er wenig besorgt, er dachte nur zerstreut daran. Ihn quälte etwas anderes, anscheinend Wichtigeres, etwas Außergewöhnliches, – das nur ihn selbst und niemand anderen betraf. Außerdem empfand er eine grenzenlose seelische Erschlaffung, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser arbeitete, als in allen diesen letzten Tagen.
Und war es der Mühe wert, nach alledem, was vorgefallen war, diese neuen winzigen Bedrängnisse zu überwinden? War es der Mühe wert, zum Beispiel, zu intrigieren, damit Sswidrigailoff nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehe; ihn zu studieren, auszukundschaften und Zeit zu verlieren für einen Sswidrigailoff?
Oh, wie ihm dies alles langweilig war!
Indessen eilte er aber doch zu Sswidrigailoff; erwartete er etwa von ihm etwas neues, oder Fingerzeige oder einen Ausweg? Man greift in der Not auch nach einem Strohhalm! Führte sie etwa jetzt das Schicksal oder ein Instinkt zusammen? Vielleicht war es bloß Müdigkeit, Verzweiflung, vielleicht brauchte er gar nicht Sswidrigailoff, sondern jemand anderen, und Sswidrigailoff war ihm nur in den Weg gelaufen. Ssonja? Ja, wozu sollte er jetzt zu Ssonja gehen? Wieder um ihre Tränen betteln? Ssonja war ihm jetzt schrecklich. In Ssonja stellte er sich ein unerbittliches Urteil, einen unwandelbaren Entschluß vor. Hier aber handelte es sich darum, entweder ihr oder sein Weg. Besonders im gegenwärtigen Augenblicke war er außerstande, sie zu sehen. Nein, es wäre besser, Sswidrigailoff auszuforschen, – was wäre dabei? Er konnte sich nicht innerlich eingestehen, daß er tatsächlich jenen schon längst zu irgend etwas gebrauchte.
Aber was konnte es zwischen ihnen beiden gemeinsames geben? Selbst eine Freveltat konnte sie beide nicht auf gleiche Stufe bringen. Dieser Mensch war ihm sehr unangenehm, offenbar äußerst verdorben, sicher aber schlau und unzuverlässig, und vielleicht auch bösartig. Von ihm wurde allerhand erzählt. Es war ja richtig, er hat sich der Kinder Katerina Iwanownas angenommen; aber wer weiß, zu welchem Zwecke und was es noch auf sich hatte? Dieser Mensch hatte stets seine Absichten und Pläne.
In all diesen Tagen schwebte ständig Raskolnikoff noch ein Gedanke vor und beunruhigte ihn sehr, obwohl er ihn stets von sich zu weisen suchte; so schwer lastete dieser Gedanke auf ihm! Er dachte – Sswidrigailoff hat die ganze Zeit sich mit ihm beschäftigt; Sswidrigailoff hat sein Geheimnis erfahren und hatte schon böse Absichten gegenüber Dunja. Man könnte doch fast mit Bestimmtheit sagen, daß er sie noch haben werde. Und wenn er jetzt, nachdem er sein Geheimnis erfahren und so über ihn eine Macht erhalten hätte, sie als eine Waffe gegen Dunja benutzen wollte?
Dieser Gedanke quälte ihn sogar im Traume, aber noch nie war er ihm so deutlich gekommen, wie jetzt. Und dieser Gedanke allein versetzte ihn in die äußerste Wut. Dann würde sich alles verändern, sogar seine eigene Lage, – er muß dann sofort sein Geheimnis Dunetschka mitteilen. Er mußte sich vielleicht selbst verraten, um Dunetschka von einem unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Und der Brief? Heute früh hatte Dunetschka einen Brief erhalten! Von wem in Petersburg kann sie Briefe empfangen? Etwa von Luschin? Es ist ja wahr, dort paßt Rasumichin auf, aber Rasumichin weiß doch nichts von alldem. Vielleicht muß er sich auch Rasumichin anvertrauen. Raskolnikoff dachte mit Widerwillen an diese Möglichkeit.
Er beschloß endgültig, Sswidrigailoff in jedem Falle möglichst bald aufzusuchen. Gott sei Dank, hier handelt es sich nicht so sehr um die Einzelheiten, als um den Kernpunkt der Sache, – aber wenn er, wenn er schon fähig war ... wenn Sswidrigailoff irgend etwas gegen Dunja vorhatte, – so ...
Raskolnikoff war während dieser ganzen Zeit, während dieses ganzen Monats so abgespannt geworden, daß er jetzt ähnliche Fragen nicht anders mehr lösen konnte, als bloß durch das eine, – „dann töte ich ihn!“ Das dachte er auch in diesem Augenblicke mit kalter Verzweiflung. Schwer bedrückte es sein Herz; er blieb mitten auf der Straße stehen und begann sich umzusehen, – welchen Weg er ging und wohin er gekommen war? Er befand sich auf dem N.schen Prospekt, dreißig oder vierzig Schritte vom Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Der ganze zweite Stock eines Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster waren weit geöffnet; das Restaurant war, nach den vielen an den Fenstern sich bewegenden Gestalten zu urteilen, stark besetzt. Im Saale sang ein Chor, Lieder, Klarinetten und Geigen tönten und eine türkische Trommel lärmte. Man hörte auch das Gekreische einiger Weiber. Er wollte umkehren und begriff gar nicht, wie er auf den N.schen Prospekt gekommen war, als er plötzlich in einem der letzten offenen Fenster des Restaurants Sswidrigailoff erblickte, der dort hinter einem Teetisch mit einer Pfeife im Munde saß. Er erschrak, und sein Schrecken ward zum Entsetzen. Sswidrigailoff blickte ihn an und beobachtete ihn schweigend und wollte – was Raskolnikoff ebenfalls betroffen machte, wie es schien, aufstehen, um leise und unbemerkt fortzugehen. Raskolnikoff gab sich sofort den Anschein, als hätte auch er ihn nicht bemerkt, und blickte in Gedanken versunken zur Seite, ohne aber ihn ganz aus dem Auge zu lassen. Sein Herz klopfte unruhig. Es war richtig, – Sswidrigailoff wollte offenbar nicht gesehen werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und wollte sich verbergen; als er aber aufstand und den Stuhl zur Seite schob, hatte er wahrscheinlich gemerkt, daß Raskolnikoff auch ihn gesehen und beobachtet hatte. Es war etwas, was der Szene ihres ersten Zusammentreffens bei Raskolnikoff, während seines Schlafes, glich. Ein spöttisches Lächeln zeigte sich auf dem Gesichte Sswidrigailoffs. Beide wußten, daß sie einander gesehen und beobachtet hatten. Zuletzt lachte Sswidrigailoff laut auf.
„Nun! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wollen; ich bin hier!“ rief er ihm aus dem Fenster zu.
Raskolnikoff ging in das Restaurant hinauf. Er fand ihn in einem sehr kleinen Hinterzimmer mit einem Fenster, das an den großen Saal anstieß, in dem an etwa zwanzig kleinen Tischen beim greulichen Gebrüll eines Sängerchores Kaufleute, Beamte und andere Leute Tee tranken. Aus einer anderen Ecke vernahm man das Anprallen von Billardkugeln. Auf dem Tische vor Sswidrigailoff stand eine angebrochene Flasche Champagner und ein Glas, zur Hälfte mit Wein gefüllt. In dem kleinen Zimmer befanden sich außerdem ein Knabe, der eine kleine Drehorgel hatte, und ein kräftiges rotwangiges Mädchen, in einem gestreiften aufgebauschten Rocke und einem Tiroler Hütchen mit Bändern. Es war eine Sängerin, etwa achtzehn Jahre alt, die, trotz des Chorgesanges in dem anderen Zimmer, unter Begleitung der Drehorgel einen Gassenhauer mit ziemlich heiserer Kontrealtstimme sang ...
„Nun, genug!“ unterbrach Sswidrigailoff sie beim Eintritt Raskolnikoffs.
Das Mädchen brach sofort ab und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen. Auch ihren Gassenhauer hatte sie mit einem ehrerbietigen und ernsten Ausdrucke im Gesichte gesungen.
„He, Philipp, ein Glas!“ rief Sswidrigailoff.
„Ich werde keinen Wein trinken,“ sagte Raskolnikoff.
„Wie Sie wollen, aber ich habe das Glas nicht Ihretwegen bestellt. Trink, Katja! Heute brauche ich euch nicht mehr, geht!“ – Er goß ihr ein volles Glas Wein ein und legte einen Rubelschein für sie auf den Tisch.
Katja leerte das Glas mit einem Male, wie die Frauen Wein trinken, das heißt, ohne das Glas abzusetzen und zwanzigmal schluckend, sie nahm dann den Schein, küßte Sswidrigailoff die Hand, was er sehr ernst zuließ und verließ das Zimmer, ihr folgte der Knabe mit der Drehorgel. Man hatte beide von der Straße heraufgeholt. Sswidrigailoff wohnte noch nicht einmal eine Woche in Petersburg und alles verkehrte schon mit ihm auf recht patriarchalischem Fuße. Auch der Kellner Philipp kannte ihn schon und bediente ihn unterwürfigst. Die Tür zum Saale wurde geschlossen, Sswidrigailoff war in diesem Zimmer wie bei sich zu Hause und verbrachte hier jedenfalls ganze Tage. Das Restaurant war schmutzig, schlecht und nicht einmal von mittlerer Sorte.
„Ich wollte zu Ihnen gehen und suchte Sie,“ begann Raskolnikoff, „bog aber unversehens vom Heumarkte zu dem N.schen Prospekt ab! Ich gehe nie diesen Weg und komme nie hierher. Ich nehme vom Heumarkte immer den Weg zur rechten Hand. Auch der Weg zu Ihnen führt hier nicht vorbei. Doch kaum als ich einbog, erblickte ich Sie sofort. Das ist seltsam!“
„Warum sagen Sie nicht offen heraus, – das ist ein Wunder!“
„Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.“
„Wie sonderbar all diese Leute beschaffen sind!“ lachte Sswidrigailoff, „Sie wollen es nicht eingestehen, wenn Sie auch innerlich selbst an Wunder glauben! Sie sagen doch selbst, daß es – ‚vielleicht‘ – bloß ein Zufall ist. Und wie sie alle hier feig sind, eine eigene Meinung zu haben, können Sie sich gar nicht vorstellen, Rodion Romanowitsch. Ich meine nicht Sie. Sie haben eine eigene Meinung und fürchten sich nicht, sie zu haben. Darum haben Sie auch mein Interesse gefesselt.“
„Aber das genügt doch.“
Sswidrigailoff war offenbar in erregtem Zustande, doch nur ein klein wenig; von dem Wein hatte er nur ein halbes Glas getrunken.
„Mir scheint es, Sie kamen schon zu mir, ehe Sie erfuhren, daß ich fähig bin, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen,“ bemerkte Raskolnikoff.
„Nun, damals war es eine andere Sache. Jeder hat seine eigenen Wege. Was aber das Wunder anbetrifft, muß ich Ihnen sagen, daß Sie anscheinend diese letzten zwei oder drei Tage verschlafen haben. Ich habe Ihnen selbst dieses Restaurant angegeben, und es war gar kein Wunder, daß Sie hierher kamen; ich habe Ihnen selbst den ganzen Weg beschrieben und Ihnen den Ort und die Stunden gesagt, wann man mich hier treffen kann. Erinnern Sie sich?“
„Ich habe es vergessen,“ antwortete Raskolnikoff verwundert.
„Es scheint so. Zweimal habe ich es Ihnen gesagt. Die Adresse hat sich Ihrem Gedächtnisse mechanisch eingeprägt. Sie schlugen auch diesen Weg mechanisch ein, indessen streng der Adresse folgend, ohne es selbst zu wissen. Als ich es Ihnen damals sagte, glaubte ich nicht, daß Sie mich verstanden hatten. Sie verraten sich zu sehr, Rodion Romanowitsch. Noch eins: – ich bin überzeugt, daß es in Petersburg viele Leute gibt, die im Gehen mit sich selbst sprechen. Es ist eine Stadt von Halbverrückten. Wenn wir die Wissenschaften mehr pflegten, so könnten Mediziner, Juristen und Philosophen, jeder auf seinem Spezialgebiete die wertvollsten Untersuchungen über Petersburg anstellen. Selten findet man so viel finstere, tiefeinschneidende und eigentümliche Einflüsse auf die Seele eines Menschen vor, wie in Petersburg. Was allein sind die klimatischen Einflüsse wert! Indessen ist es das administrative Zentrum von ganz Rußland, und sein Charakter muß sich in allem geltend machen. Aber es handelt sich jetzt nicht darum, sondern, daß ich Sie ein paarmal schon heimlich beobachtet habe. Sie verlassen Ihre Wohnung – halten den Kopf nach oben. Nach zwanzig Schritten lassen Sie ihn schon sinken und die Hände legen Sie auf den Rücken. Sie blicken vor sich und sehen offenbar weder vor sich etwas, noch neben sich. Schließlich beginnen Sie die Lippen zu bewegen und mit sich selbst zu sprechen, wobei Sie zuweilen die eine Hand frei machen und deklamieren, endlich bleiben Sie mitten auf dem Wege lange stehen. Das ist nicht gut. Vielleicht beobachtet jemand Sie außer mir, und das ist nicht vorteilhaft. Mir ist es im Grunde genommen gleichgültig, und ich werde Sie nicht heilen, aber Sie verstehen mich sicher.“
„Wissen Sie es, daß man mich beobachtet?“ fragte Raskolnikoff und blickte ihn forschend an.
„Nein, ich weiß nichts davon,“ antwortete Sswidrigailoff, wie verwundert.
„Nun, lassen wir meine Person aus dem Spiel,“ murmelte Raskolnikoff mit verdüstertem Gesichte.
„Gut, lassen wir Sie aus dem Spiel.“
„Sagen Sie mir lieber, – wenn Sie hierher gehen zu trinken und mir selbst diesen Ort zweimal genannt haben, damit ich hierher zu Ihnen kommen soll, warum versteckten Sie sich denn und wollten weggehen, als ich Sie von der Straße aus am Fenster sah? Ich habe es sehr gut gemerkt.“
„He–he! Warum lagen Sie auf Ihrem Sofa mit geschlossenen Augen und stellten sich schlafend, während Sie doch gar nicht schliefen, als ich damals bei Ihnen auf der Schwelle stand? Ich habe es sehr gut bemerkt.“
„Ich konnte ... Gründe haben ... Sie wissen es selbst.“
„Auch ich konnte meine Gründe haben, obwohl Sie sie nicht erfahren werden.“
Raskolnikoff setzte den rechten Ellenbogen auf den Tisch, stützte mit den Fingern der rechten Hand sein Kinn und starrte unverwandt Sswidrigailoff an. Er betrachtete eine Weile sein Gesicht, das auch früher ihn stets in Staunen gesetzt hatte. Es war ein auffallendes Gesicht, das einer Maske zu gleichen schien, – weiß, rotwangig, mit roten, purpurroten Lippen, mit einem hellblonden Barte und noch ziemlich dichten hellblonden Haaren. Die Augen waren zu blau und ihr Blick zu schwer und unbeweglich. Es lag etwas äußerst Unangenehmes in diesem hübschen und für sein Alter viel zu jugendlichen Gesichte. Sswidrigailoffs Kleidung war elegant, leicht, sommerlich; besonders elegant war seine Wäsche. An einem Finger hatte er einen großen Ring mit einem kostbaren Stein.
„Ja, soll ich mich denn auch mit Ihnen abgeben,“ sagte Raskolnikoff plötzlich, indem er mit krampfhafter Ungeduld auf sein Ziel losging, „obgleich Sie vielleicht der gefährlichste Mensch sind, wenn Sie Lust bekommen sollten, mir zu schaden, aber ich will mich nicht mehr verstellen und Komödie spielen. Ich will Ihnen gleich zeigen, daß ich gar keinen großen Wert auf meine Person lege, wie Sie wahrscheinlich annehmen. Wissen Sie, ich bin gekommen, Ihnen offen zu erklären, wenn Sie noch Ihre frühere Absicht gegenüber meiner Schwester hegen, und wenn Sie zu diesem Zwecke irgend etwas von dem, was Ihnen in der letzten Zeit bekannt geworden ist, zu benutzen gedenken, – ich Sie eher töten werde, bevor Sie mich ins Gefängnis bringen. Mein Wort ist sicher, – Sie wissen, daß ich es zu halten imstande bin. Zweitens, wenn Sie mir irgend etwas zu sagen haben, – denn es schien mir die ganze Zeit, als wollten Sie mir etwas mitteilen, – tun Sie es schnell, denn die Zeit ist kostbar, und vielleicht ist es sehr bald zu spät.“
„Was haben Sie denn für eine Eile?“ fragte Sswidrigailoff und blickte ihn neugierig an.
„Jeder hat seine eigenen Wege,“ sagte Raskolnikoff finster und ungeduldig.
„Sie haben mich selbst soeben gebeten, offen zu sein, und die erste Frage lehnen Sie schon ab, zu beantworten,“ bemerkte Sswidrigailoff mit einem Lächeln.
„Ihnen scheint es immer, daß ich irgend welche Zwecke verfolgen muß und darum betrachten Sie mich argwöhnisch. Nun, das ist in Ihrer Lage vollkommen begreiflich. Aber wie sehr ich auch wünsche, mit Ihnen in nähere Beziehungen zu kommen, werde ich mir doch nicht die Mühe machen, Sie vom Gegenteile zu überzeugen. Bei Gott, es ist nicht der Mühe wert, und ich hatte gar nicht die Absicht, mit Ihnen über irgend etwas besonderes zu sprechen.“
„Wozu brauchten Sie mich dann? Sie scharwenzelten doch um mich herum?“
„Ganz einfach, als ein interessantes Beobachtungsobjekt. Mir gefielen Sie durch das Phantastische Ihrer Lage, – das ist der Grund. Außerdem sind Sie der Bruder einer Persönlichkeit, die mich sehr interessierte, und schließlich habe ich seinerzeit von derselben Persönlichkeit sehr viel und oft über Sie gehört, woraus ich schloß, daß Sie einen großen Einfluß auf die Dame haben; ist denn das nicht genügend Grund? He–he–he! Ich muß übrigens gestehen, Ihre Frage ist für mich sehr kompliziert, und es fällt mir etwas schwer, Ihnen darauf zu antworten. Nun, zum Beispiel jetzt, – Sie sind zu mir nicht bloß wegen der einen Angelegenheit gekommen, sondern auch wegen etwas ganz neuem? Es stimmt doch? Nicht wahr?“ sagte Sswidrigailoff mit einem spöttischen Lächeln. – „Nun, stellen Sie sich vor, daß ich selbst, noch auf der Reise hierher im Eisenbahnwagen, auf Sie rechnete, daß Sie mir auch etwas neues sagen würden, und daß es mir gelingen würde, etwas von Ihnen zu entlehnen! Sehen Sie, wie reich wir sind!“
„Was denn entlehnen?“
„Ja, was soll ich Ihnen sagen? Weiß ich etwa, – was es ist? Sehen Sie, in was für einem Restaurant ich die ganze Zeit hocke, und das ist mir höchst unangenehm, das heißt, eigentlich nicht, aber ich muß mich doch irgendwo hinhocken. Nun, und diese arme Katja – haben Sie sie gesehen? ... Wäre ich wenigstens ein Vielfresser oder ein Feinschmecker, Sie sehen aber selbst, was ich esse. – (Er zeigte mit dem Finger in eine Ecke, wo auf einem Tischchen das Überbleibsel von einem entsetzlichen Beefsteak mit Kartoffeln stand.) – Apropos, haben Sie zu Mittag gegessen? Ich habe etwas zu mir genommen und möchte nichts mehr. Wein, z. B., trinke ich gar nicht. Außer Champagner gar keinen Wein, und davon trinke ich auch den ganzen Abend ein einziges Glas, davon tut mir schon der Kopf weh. Ich habe ihn bloß bestellt, um mir auf die Beine zu helfen, denn ich will irgendwohin gehen, Sie sehen mich in einer besonderen Stimmung. Ich habe mich darum auch vorhin wie ein Schulbube versteckt, weil ich meinte, daß Sie mich stören werden; aber ich glaube – (er zog seine Uhr hervor) – ich kann mit Ihnen noch eine Stunde zusammen sein; es ist jetzt halb fünf. Glauben Sie mir, wenn ich wenigstens etwas wäre, sagen wir, Gutsbesitzer, Landwirt, oder Vater, ein Ulan, Photograph oder Journalist ... Aber nichts, ich habe gar keine Spezialität! Zuweilen ist mir das langweilig. Wirklich, ich glaubte, von Ihnen etwas neues zu hören.“
„Ja, wer sind Sie denn eigentlich und warum sind Sie hierher gereist?“
„Wer ich bin? Sie wissen doch, – bin vom Adel, habe zwei Jahre in der Kavallerie gedient, mich dann hier in Petersburg herumgetrieben, habe Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Da haben Sie meine Lebensbeschreibung!“
„Sie sind wohl ein Spieler?“
„Nein, ich bin kein Spieler. Ein Falschspieler ist kein Spieler.“
„Waren Sie denn Falschspieler?“
„Ja, ich war Falschspieler.“
„Hat man Sie auch gefaßt?“
„Es ist auch vorgekommen. Was ist dabei?“
„Nun, Sie konnten doch gefordert werden ... Das bringt doch auch mehr Leben ins Dasein.“
„Ich widerspreche Ihnen nicht und bin außerdem kein Meister im Philosophieren. Ich will Ihnen gestehen, daß ich mehr der Weiber wegen hierher gekommen bin.“
„Nachdem Sie kaum Marfa Petrowna beerdigt hatten?“
„Nun ja,“ lächelte Sswidrigailoff mit einer frappanten Offenheit. – „Was ist dabei? Mir scheint, Sie finden etwas schlechtes darin, daß ich über die Weiber so rede.“
„Das will wohl sagen, ob ich etwas schlechtes in der Unsittlichkeit finde oder nicht?“
„In der Unsittlichkeit! Nun, Sie gehen zu weit! Übrigens aber will ich Ihnen zuerst im allgemeinen über die Frauen antworten. Wissen Sie, ich liebe gerade jetzt zu plaudern. Sagen Sie mir, wozu soll ich mich enthalten? Warum soll ich die Frauen lassen, wenn ich ein großer Freund davon bin? Sie sind doch wenigstens eine Beschäftigung.“
„Also Sie rechnen hier bloß auf die Unsittlichkeit?“
„Was ist dabei, ja, meinetwegen auf Unsittlichkeit. Wie Sie sich darauf versessen haben. Ich liebe aber wenigstens eine offene Frage. In dieser Unsittlichkeit ist etwas beständiges, in der Natur begründetes und der Phantasie nicht unterworfenes, etwas, das stets wie eine feurige Glut im Blute steckt, ewig anfeuert und das man lange nicht, auch mit den Jahren vielleicht nicht, so schnell auslöschen kann. Geben Sie doch selbst zu, ist das nicht eine Art von Beschäftigung?“
„Wie soll man sich dabei freuen? Es ist eine Krankheit, und eine gefährliche.“
„Ah, Sie kommen damit! Ich gebe zu, daß es eine Krankheit ist, wie auch alles, was über das Maß hinausgeht, – und hier wird man unbedingt das Maß überschreiten, – aber das ist doch, erstens, bei dem einen so, bei dem anderen anders, und zweitens, muß man eben wie in allem Maß einhalten; es ist Berechnung und eine gemeine dazu, aber was soll man tun? Wenn es dies nicht gäbe, müßte man sich möglicherweise erschießen. Ich gebe zu, daß ein anständiger Mensch verpflichtet ist, sich lieber zu langweilen, aber dennoch ...“
„Könnten Sie sich erschießen?“
„Aber, hören Sie!“ erwiderte Sswidrigailoff mit Widerwillen. „Tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie nicht davon,“ fügte er hastig hinzu und ohne jegliche Großtuerei, die sich in allen seinen früheren Worten ausprägte. Sogar sein Gesicht schien sich verändert zu haben. – „Ich gestehe diese unverzeihliche Schwäche ein, aber was soll ich tun, – ich fürchte den Tod und liebe nicht, daß man darüber spricht. Wissen Sie, ich bin teilweise Mystiker?“
„Ah! Die Erscheinungen von Marfa Petrowna! Wie, kommt sie noch immer?“
„Ach, erinnern Sie mich nicht daran; in Petersburg ist es noch nicht vorgekommen; und hol der Teufel die Erscheinungen!“ rief er mit gereizter Miene aus. – „Nein, wir wollen lieber über ... ja übrigens ... Hm! Ach, ich habe zu wenig Zeit, kann nicht lange bei Ihnen bleiben, es ist schade! Ich hätte Ihnen etwas mitzuteilen.“
„Was, ist es eine Frau, die Sie erwartet?“
„Ja, eine Frau, ein ganz unerwarteter Zufall ... nein, ich meine nicht das.“
„Nun, und die Schändlichkeit dieser ganzen Umgebung wirkt schon nicht mehr auf Sie? Sie haben schon die Kraft verloren, zu stoppen?“
„Sie machen auch Ansprüche an Kraft? He–he! Sie haben mich soeben überrascht, Rodion Romanowitsch, obwohl ich im voraus wußte, daß es so kommen werde. Sie reden mit mir über Unsittlichkeit und über Ästhetik! Sie – ein Schiller, Sie – ein Idealist! Dies alles muß natürlich so sein, und man müßte erstaunt sein, wenn es anders wäre, aber trotzdem ist etwas merkwürdiges vor der Wirklichkeit ... Ach, schade, daß ich so wenig Zeit habe, Sie sind ein äußerst interessantes Subjekt! Ja, nebenbei gefragt, lieben Sie Schiller? Ich liebe ihn außerordentlich.“
„Was Sie aber für ein Großtuer sind!“ sagte Raskolnikoff mit einem gewissen Abscheu.
„Ich bin es nicht, bei Gott!“ antwortete Sswidrigailoff mit lautem Lachen, „aber ich will es nicht bestreiten, mag ich ein Großtuer sein; doch warum soll man auch nicht wichtigtun, wenn es harmlos ist. Ich habe sieben Jahre auf dem Lande bei Marfa Petrowna gelebt, schon darum freue ich mich zu plaudern, nachdem ich jetzt auf einen klugen Menschen wie Sie, – auf einen klugen und im höchsten Grade interessanten Menschen gestoßen bin, und außerdem habe ich dieses halbe Glas Wein getrunken und es ist mir ein bißchen zu Kopfe gestiegen. Die Hauptsache aber ist, daß es einen Umstand gibt, der mich sehr aufgerüttelt hat, den ich aber ... verschweigen werde. Wohin gehen Sie denn?“ fragte Sswidrigailoff plötzlich erschrocken.
Raskolnikoff machte Miene, sich zu erheben. Ihm wurde es schwer, beengend und peinlich, daß er hierher gekommen war. Von Sswidrigailoff hatte er die feste Meinung gewonnen, daß er der unbedeutendste und inhaltloseste Bösewicht der Welt sei.
„Ach! Setzen Sie sich, bleiben Sie noch,“ bat Sswidrigailoff, „und bestellen Sie sich doch wenigstens Tee. Bleiben Sie sitzen, ich will keinen Unsinn mehr, das heißt, über mich schwatzen. Ich will Ihnen etwas erzählen. Wollen Sie? Ich werde Ihnen erzählen, wie mich eine Frau, um in Ihrem Stile zu reden, ‚retten wollte‘? Das wird sogar eine Antwort auf Ihre erste Frage sein, weil diese Dame – Ihre Schwester ist. Darf ich erzählen? Wir schlagen auch die Zeit damit tot.“
„Erzählen Sie, aber ich hoffe, Sie ...“
„Oh, seien Sie ruhig! Außerdem kann Awdotja Romanowna sogar bei solch einem schlimmen und oberflächlichen Menschen, wie ich, bloß die höchste Achtung hervorrufen.“
IV.
„Sie wissen vielleicht, – ich habe es Ihnen übrigens selbst erzählt,“ begann Sswidrigailoff, „daß ich hier im Schuldgefängnis wegen ungeheurer Schulden saß, ohne die geringste Aussicht, sie zu tilgen. Es lohnt sich nicht, die Einzelheiten zu erwähnen, wie mich damals Marfa Petrowna loskaufte; wissen Sie, bis zu welcher Bewußtlosigkeit eine Frau sich zuweilen verlieben kann? Sie war eine ehrliche, ziemlich kluge, obwohl vollkommen ungebildete Frau. Stellen Sie sich vor, daß diese eifersüchtige und ehrliche Frau nach vielen schrecklichen Wutausbrüchen und Vorwürfen sich entschlossen hatte, mit mir sozusagen einen Vertrag abzumachen, den sie während unserer Verheiratung erfüllte. Die Sache war die, daß sie bedeutend älter war als ich, und außerdem ständig eine Gewürznelke im Munde hatte. Ich hatte in meiner Seele trotz aller Gemeinheit so viel Ehrlichkeit, ihr offen zu erklären, daß ich ihr vollkommene Treue nicht halten könne. Dieses Geständnis versetzte sie in Wut, aber meine grobe Offenheit schien ihr in gewisser Weise gefallen zu haben. ‚Er will also selbst nicht betrügen,‘ dachte sie, ‚wenn er im voraus es in dieser Weise erklärt,‘ – nun, und für eine eifersüchtige Frau ist es das wichtigste. Nach vielen Tränen kam zwischen uns folgender mündlicher Vertrag zustande, – erster Punkt, ich werde Marfa Petrowna nie verlassen und stets ihr Mann bleiben; zweitens, ohne ihre Erlaubnis werde ich nirgendwohin verreisen; drittens, eine ständige Geliebte werde ich mir nie anschaffen; viertens, dagegen gestattet mir Marfa Petrowna, mir zuweilen eine von den Stubenmädchen auszusuchen, jedoch nicht anders, als mit ihrem geheimen Wissen; fünftens, Gott soll mich behüten, daß ich mich in eine Frau aus unserem Stande verliebe; sechstens, falls aber, was Gott verhüte, mich irgend eine große und ernste Leidenschaft heimsuchen sollte, muß ich mich Marfa Petrowna anvertrauen. In Bezug auf den letzten Punkt war Marfa Petrowna übrigens die ganze Zeit ziemlich ruhig; sie war eine kluge Frau, und folglich konnte sie mich nicht anders, als für einen liederlichen und lasterhaften Menschen, betrachten, der nicht imstande ist, sich ernstlich zu verlieben. Aber eine kluge Frau und eine eifersüchtige Frau sind zwei verschiedene Dinge, und das ist ein Unglück. Übrigens, um unparteiisch über einige Menschen urteilen zu können, muß man sich vorher von manchen voreingenommenen Ansichten und von der alltäglichen Gewöhnung an die uns umgebenden Menschen und Gegenstände lossagen. Ich habe ein Recht, auf Ihr Urteil mehr, als von jemanden anderen, zu hoffen. Vielleicht haben Sie schon sehr viel lächerliches und unsinniges über Marfa Petrowna gehört. In der Tat, sie hatte manche lächerliche Angewohnheit, aber ich will Ihnen offen sagen, daß ich die zahllosen Bekümmernisse, die ich ihr verursacht habe, aufrichtig bedauere. Das scheint für einen sehr anständigen Oraison funèbre[17] der zärtlichsten Frau von dem zärtlichsten Manne zu genügen. Bei unseren Streitigkeiten schwieg ich meistenteils und war nicht gereizt, und dieses gentlemanlike Benehmen erreichte fast stets das Ziel; es wirkte auf sie und gefiel ihr sogar; es gab auch Fälle, wo sie sogar auf mich stolz war. Aber Ihr Fräulein Schwester hat sie trotzdem nicht ertragen. Und wie war es möglich, daß sie riskiert hatte, solch eine Schönheit in ihr Haus als Gouvernante zu nehmen! Ich erkläre es mir dadurch, daß Marfa Petrowna eine feurige und empfängliche Frau war, und daß sie sich ganz einfach selbst in Ihre Schwester verliebt, – buchstäblich verliebt hatte. Nun, und Awdotja Romanowna hat selbst den ersten Schritt getan, – ob Sie mir glauben oder nicht? Können Sie sich denken, daß Marfa Petrowna sogar zuerst auf mich wegen meines ständigen Schweigens über Ihre Schwester böse wurde, weil ich mich gegen ihre ewigen und verliebten Lobsprüche auf Awdotja Romanowna gleichgültig verhielt? Ich begreife selbst nicht, was sie eigentlich wollte! Und selbstverständlich erzählte Marfa Petrowna alles, meine ganze Vergangenheit Awdotja Romanowna. Sie hatte die unglückliche Eigenschaft, allen unsere ganzen Familiengeheimnisse zu erzählen und vor allen ständig über mich zu klagen; wie sollte sie da solch eine neue und schöne Freundin damit verschonen? Ich nehme selbst an, daß zwischen ihnen kein anderes Gespräch geführt wurde, als über mich, und zweifellos bekam Awdotja Romanowna alle diese finsteren geheimnisvollen Märchen zu hören, die über mich im Umlauf sind ... Ich wette, daß Sie auch irgend etwas derartiges schon gehört haben.“
„Ich habe etwas gehört. Luschin beschuldigte Sie, daß Sie sogar die Ursache des Todes eines Kindes waren. Ist es wahr?“
„Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich mit allen diesen Abgeschmacktheiten in Ruhe,“ sagte Sswidrigailoff mit Abscheu und Ekel, „wenn Sie unbedingt wünschen, über diesen ganzen Unsinn näheres zu erfahren, will ich es Ihnen einmal erzählen, jetzt aber ...“
„Man sprach auch von einem Diener auf Ihrem Gute und daß Sie angeblich auch die Ursache ...“
„Tun Sie mir den Gefallen, genug davon!“ unterbrach ihn Sswidrigailoff von neuem mit sichtbarer Ungeduld.
„Ist das nicht derselbe Diener, der Ihnen nach seinem Tode die Pfeife stopfen wollte ... Sie haben mir noch selbst davon erzählt?“ fuhr Raskolnikoff immer gereizter fort.
Sswidrigailoff blickte Raskolnikoff aufmerksam an, und jenem schien es, daß in diesem Blicke, gleich einem Blitze, ein boshaftes Lächeln aufzuckte, Sswidrigailoff aber bemeisterte sich und antwortete sehr höflich:
„Es ist derselbe. Ich sehe, daß auch dies alles Sie außerordentlich interessiert, und werde es für meine Pflicht halten, bei der ersten besten Gelegenheit Ihre Neugier in allen Punkten zu befriedigen. Zum Teufel! Ich sehe, daß ich tatsächlich jemand als eine romantische Person erscheinen kann. Beurteilen Sie selbst, wie dankbar ich der verstorbenen Marfa Petrowna sein muß, daß sie Ihrem Fräulein Schwester so viel Geheimnisvolles und Interessantes über mich erzählt hatte. Ich nehme mir nicht die Freiheit, über den Eindruck zu urteilen, aber in jedem Falle war es für mich vorteilhaft. Bei dem ganzen natürlichen Widerwillen Awdotja Romanownas gegen mich und trotz meines ständigen finsteren und abstoßenden Aussehens – tat ich ihr endlich leid, tat ihr der verlorene Mensch leid. Wenn aber dem Herzen eines jungen Mädchens etwas leid tut, ist dies selbstverständlich für sie am gefährlichsten. Da bekommt man unbedingt Lust ‚zu retten‘, aufzurütteln, zu überzeugen, zu edleren Zielen zu rufen und zu neuem Leben und neuer Tätigkeit zu erwecken, – nun, es ist bekannt, was man in dieser Art zusammenträumen kann. Ich habe sofort gemerkt, daß das Vögelchen selbst ins Netz fliegt, und habe mich meinerseits vorbereitet. Sie scheinen mir das Gesicht zu verziehen, Rodion Romanowitsch? Hat nichts auf sich, die Sache hat, wie Sie wissen, mit Kleinigkeiten geendet. – Zum Teufel, wie viel Wein ich heute trinke! – Wissen Sie, ich bedauerte immer von Anfang an, daß es Ihrer Schwester nicht vergönnt war, im zweiten oder dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung irgendwo als Tochter eines kleinen regierenden Fürsten oder eines Regenten oder eines Prokonsuls in Kleinasien zur Welt zu kommen. Sie würde zweifellos eine von jenen gewesen sein, die das Martyrium erduldet haben, und sie hätte sicher gelächelt, wenn man ihr die Brust mit glühenden Zangen gebrannt hätte. Sie hätte dies absichtlich auf sich genommen, im vierten oder fünften Jahrhundert aber würde sie in eine Wüste von Ägypten gegangen sein, hätte dort dreißig Jahre gelebt und sich von Wurzeln, Verzückung und Erscheinungen genährt. Sie dürstet bloß und verlangt darnach, irgend eine Marter für jemand auf sich zu nehmen, wenn man ihr aber diese Marter nicht geben wird, so springt sie möglicherweise zum Fenster hinaus. Ich habe etwas von einem Herrn Rasumichin gehört. Man sagt, er sei ein vernünftiger Bursche, worauf auch sein Familienname deutet, wahrscheinlich aus dem geistlichen Stande, nun mag er Ihre Schwester hüten. Mit einem Worte, mir scheint es, ich habe sie verstanden, was ich auch mir als eine Ehre anrechne. Damals aber, das heißt am Anfang der Bekanntschaft, wie Sie selbst wissen, ist man immer leichtsinniger und dümmer, sieht vieles im falschen Lichte, sieht nicht das richtige. Zum Teufel, warum ist sie auch so schön? Ich habe keine Schuld! Mit einem Worte, es begann bei mir mit einer sehr starken wollüstigen Neigung. Awdotja Romanowna ist unbeschreiblich und unerhört keusch. Merken Sie sich, ich teile Ihnen dieses als eine Tatsache über Ihre Schwester mit. Sie ist vielleicht bis zur Krankhaftigkeit keusch, trotz ihres ganzen großen Verstandes, und das wird ihr schaden. Bei uns tauchte ein Mädchen Parascha, die schwarzäugige Parascha auf, die man soeben von einem anderen Gute zu uns gebracht hatte, als Stubenmädchen, und die ich vorher nie gesehen hatte, – sie war sehr hübsch, aber unglaublich dumm, – sie weinte, erhob über den ganzen Hof ein Geheul und es passierte ein Skandal. Eines Tages suchte Awdotja Romanowna nach dem Essen mich absichtlich allein in einer Allee im Garten auf und verlangte von mir mit blitzenden Augen, daß ich die arme Parascha in Ruhe lassen sollte. Das war beinahe unser erstes Gespräch zu zweien. Ich hielt es selbstverständlich für eine Ehre, ihrem Wunsche nachzukommen, versuchte mich überrascht, beschämt zu stellen, nun, mit einem Worte, ich spielte meine Rolle nicht übel. Es begannen Beziehungen, geheimnisvolle Gespräche, Moralpredigten, Bitten, Flehen, sogar Tränen, – können Sie es glauben, sogar Tränen! Sehen Sie, wie stark und weit bei manchen jungen Mädchen die Leidenschaft Propaganda machen geht! Ich schob selbstverständlich alles auf mein Schicksal, stellte mich hin als einen nach Erleuchtung Hungernden und Dürstenden, und schließlich machte ich von dem größten und unerschütterlichen Mittel, Frauenherzen zu erobern, Gebrauch, von dem Mittel, das nie und nimmer trügt und das entschieden auf alle, ohne jede Ausnahme, wirkt. Es ist ein bekanntes Mittel – die Schmeichelei. Es gibt nichts schwereres in der Welt, als offener Freimut, und nichts leichteres, als Schmeichelei. Wenn im Freimut bloß ein hundertster Teil des Tones falsch ist, so tritt sofort eine Dissonanz und nach ihr – ein Skandal ein. Wenn aber in der Schmeichelei alles, bis zum geringsten Tone falsch ist, auch dann ist sie angenehm und wird mit Vergnügen angehört, und wenn auch mit grobem Vergnügen, so doch mit Vergnügen. Und mag die Schmeichelei noch so derb sein, so wird doch unbedingt wenigstens die Hälfte als Wahrheit geglaubt. Und das gilt für alle Entwicklungsstufen und Schichten der Gesellschaft. Sogar eine Vestalin kann man durch Schmeichelei verführen. Von gewöhnlichen Menschen lohnt sich nicht mal zu reden. Ich kann mich nicht ohne Lachen daran erinnern, wie ich einmal eine Dame, die ihrem Manne, ihren Kindern und ihren Tugenden ergeben war, verführt habe. Wie amüsant es war und wie wenig Arbeit es mir machte! Die Dame war tatsächlich tugendhaft, wenigstens in ihrer Art. Meine ganze Taktik bestand darin, daß ich jeden Augenblick von ihrer Keuschheit einfach erdrückt war und mich davor in den Staub warf. Ich schmeichelte ihr gottlos und kaum, wenn ich von ihr einen Händedruck, selbst einen Blick erhaschte, machte ich mir Vorwürfe, daß ich dies ihr mit Gewalt abgenötigt habe, daß sie sich dem widersetzt, sich dem so widersetzt habe, daß ich sicher nie etwas von ihr erlangt hätte, wenn ich selbst nicht so verdorben wäre, daß sie in ihrer Unschuld meine Arglist nicht vorgesehen habe und unabsichtlich, ohne es selbst zu wissen und zu ahnen, mir entgegengekommen wäre, und dergleichen mehr. Mit einem Worte, ich erreichte alles, meine Dame aber blieb im höchsten Grade davon überzeugt, daß sie unschuldig und keusch wäre und alle Pflichten und Schuldigkeiten erfüllt habe, daß sie aber zufällig gefallen war. Und wie böse wurde sie auf mich, als ich ihr zu guter Letzt erklärte, daß meiner aufrichtigen Überzeugung nach, sie ebenso, wie ich, einen Genuß gesucht habe. Die arme Marfa Petrowna war auch schrecklich empfänglich für Schmeichelei, wenn ich nur gewollt hätte, so hätte sie sicher ihr ganzes Vermögen auf meinen Namen noch bei ihren Lebzeiten umgeschrieben. – Jedoch, ich trinke viel Wein und schwatze. – Ich hoffe, Sie werden nicht böse werden, wenn ich jetzt erwähne, daß sich auch bei Awdotja Romanowna dasselbe Resultat zu zeigen begann. Ich war aber selbst dumm und ungeduldig und habe die ganze Sache verdorben. Awdotja Romanowna mißfiel furchtbar der Ausdruck meiner Augen, schon einige Male vorher, – das eine Mal aber ganz besonders, – glauben Sie es? Mit einem Worte, in meinen Augen leuchtete immer stärker und unvorsichtiger ein gewisses Feuer, das sie bange machte und ihr schließlich verhaßt wurde. Die Einzelheiten lohnen sich nicht zu erzählen, aber wir kamen auseinander. Da machte ich wieder eine Dummheit. Ich begann in der gröbsten Weise alle diese Propaganda und Bekehrungen zu verhöhnen; Parascha erschien wieder auf der Bildfläche, und nicht allein sie, – mit einem Worte, es begann ein Sodom. Ach, Rodion Romanowitsch, wenn Sie nur ein einziges Mal im Leben die Augen Ihrer Schwester gesehen hätten, wie sie zuweilen zu blitzen verstehen! Es tut nichts, daß ich jetzt betrunken bin und schon ein ganzes Glas Wein getrunken habe, ich sage die Wahrheit; ich versichere Sie, daß ich von diesem Blicke träumte; ich konnte schließlich nicht mehr das Rauschen ihres Kleides ertragen. Ich dachte in der Tat, daß ich die Fallsucht bekomme, nie habe ich es mir träumen lassen, daß ich so außer mir geraten könne. Mit einem Worte, es war notwendig Frieden zu schließen, aber es war schon unmöglich. Und stellen Sie sich vor, was ich dann tat? Bis zu welchem Stumpfsinn die rasende Wut einen Menschen bringen kann! Unternehmen Sie niemals etwas in rasender Wut, Rodion Romanowitsch. In der Annahme, daß Awdotja Romanowna im Grunde genommen bettelarm ist – (ach, entschuldigen Sie, ich wollte nicht das sagen ... ist es aber nicht einerlei, wenn es nur einen Begriff wiedergibt?) – mit einem Worte, daß sie von ihrer Hände Arbeit lebt, – daß sie ihre Mutter und Sie unterhalten muß – (ach, zum Teufel, Sie verziehen wieder Ihr Gesicht ...) – beschloß ich ihr mein ganzes Geld anzubieten, – ich konnte damals etwa dreißigtausend realisieren, – damit sie mit mir – nun, meinetwegen, – hierher nach Petersburg fliehen solle. Es versteht sich, daß ich ihr dabei ewige Liebe, Seligkeit und dergleichen mehr geschworen habe. Können Sie mir glauben, daß ich damals so von ihr benommen war, daß, hätte sie zu mir gesagt, – ermorde oder vergifte Marfa Petrowna und heirate mich, – ich es sofort getan hätte! Alles aber endete mit der Ihnen schon bekannten Katastrophe, und Sie können sich selbst ausmalen, in was für eine Wut ich geriet, als ich erfuhr, daß Marfa Petrowna damals diese gemeine Schreiberseele Luschin aufgegabelt und beinahe die Heirat zustande gebracht hatte, – was im Grunde genommen dasselbe gewesen wäre, was auch ich anbot. Ist es etwa nicht so? Ist es nicht dasselbe? Nicht wahr, es ist dasselbe? Ich merke, daß Sie mir zu aufmerksam zuhören ... interessierter junger Mann ...“
Sswidrigailoff schlug voll Ungeduld mit der Faust auf den Tisch. Er war rot geworden. Raskolnikoff sah deutlich, daß das eine oder die anderthalb Glas Champagner, den er unmerklich in kleinen Schlucken getrunken hatte, krankhaft auf ihn gewirkt hatten, – und beschloß diese Gelegenheit wahrzunehmen. Sswidrigailoff erschien ihm sehr verdächtig.
„Nach all dem Gesagten bin ich völlig überzeugt, daß Sie auch hierher gereist sind, weil Sie meine Schwester im Auge haben,“ sagte er zu Sswidrigailoff offen und ohne sich zu verstellen, um ihn nur noch mehr zu reizen.
„Ach, lassen Sie es,“ Sswidrigailoff schien sich plötzlich zusammenzunehmen, „ich habe Ihnen schon gesagt ... und außerdem kann Ihre Schwester mich gar nicht leiden.“
„Ja, davon bin ich auch überzeugt, daß sie es nicht kann, aber es handelt sich jetzt nicht darum.“
„Sind Sie wirklich überzeugt, daß sie mich nicht leiden kann?“ Sswidrigailoff kniff die Augen zusammen und lächelte spöttisch. – „Sie haben recht, sie liebt mich nicht, aber übernehmen Sie nie eine Gewährleistung in Dingen, die zwischen einem Manne und einer Frau oder zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgefallen sind. Es gibt hier stets einen Winkel, der immer der ganzen Welt verborgen bleibt, und der nur den beiden bekannt ist. Übernehmen Sie die Gewährleistung, daß Awdotja Romanowna mich stets mit Widerwillen angeschaut hat?“
„Ich merke aus einigen Ihrer Worte und Andeutungen während Ihrer Erzählung, daß Sie auch jetzt noch unbedingt Absichten gegen Dunja haben, und selbstverständlich gemeiner Natur.“
„Wie! Mir sollten solche Worte und Andeutungen entschlüpft sein?“ sagte erschreckt Sswidrigailoff und in der naivsten Weise, ohne dem Epitheton, der seinen Absichten beigelegt worden war, die geringste Beachtung zu schenken.
„Auch jetzt entschlüpften sie Ihnen. Warum fürchten Sie sich so? Worüber erschraken Sie jetzt plötzlich?“
„Ich soll mich fürchten und erschrocken sein? Soll ich etwa vor Ihnen erschrocken sein? Eher haben Sie Grund, mich zu fürchten, cher ami[18]. Ach, was für Unsinn ... Ich bin berauscht, ich sehe es; beinahe hätte ich mich wieder versprochen. Der Teufel soll den Wein holen! Heda, Wasser!“
Er packte die Flasche und schleuderte sie ohne viel Federlesens zum Fenster hinaus. Philipp brachte ihm Wasser.
„Dies alles ist Unsinn,“ sagte Sswidrigailoff, indem er ein Handtuch anfeuchtete und es an den Kopf hielt, – „ich kann Sie aber mit einem einzigen Worte zurückweisen und Ihren ganzen Verdacht zunichte machen. Wissen Sie zum Beispiel, daß ich heirate?“
„Sie haben es mir schon erzählt!“
„Habe ich es? Das hatte ich vergessen. Damals aber konnte ich es noch nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich hatte die Braut gar nicht gesehen; ich hatte bloß die Absicht. Jetzt aber habe ich schon eine Braut und die Sache ist beschlossen, und wenn ich bloß nicht etwas Unaufschiebbares zu tun hätte, würde ich Sie unbedingt und sofort zu einem Besuche dort mitnehmen, – denn ich möchte Sie um Rat fragen. Ach, zum Teufel! Ich habe bloß zehn Minuten übrig. Sie sehen selbst nach der Uhr; ich will es Ihnen übrigens erzählen, denn meine Heirat ist auch eine interessante Sache, in ihrer Art, versteht sich, – wohin wollen Sie? Wollen Sie wieder fortgehen?“
„Nein, jetzt gehe ich schon nicht mehr fort.“
„Sie wollen gar nicht fortgehen? Nun, wir wollen es sehen! Ich werde Sie mitnehmen und Ihnen die Braut zeigen, das ist wahr, aber bloß nicht jetzt; es ist bald Zeit für Sie zu gehen. Sie gehen nach rechts und ich nach links. Kennen Sie diese Rößlich? Ich meine, dieselbe Rößlich, bei der ich jetzt wohne, – ah? Hören Sie? Nein, denken Sie sich, ich meine dieselbe, von der man erzählt, daß das kleine Mädchen damals im Winter ... Nun, hören Sie! Hören Sie? Sie ist es auch, die mir diese Geschichte arrangiert hat; du langweilst dich, – sagte sie, – zerstreue dich ein wenig. Ich bin aber ein finsterer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich sei fröhlich? Nein, ich bin finster, – ich füge niemandem Schaden zu, sitze in der Ecke, und zuweilen kann man mich drei Tage nicht zum Reden bringen. Die Rößlich ist eine Spitzbübin, sage ich Ihnen; sie hat dabei folgendes im Sinn, – mir wird es überdrüssig werden, ich werde meine Frau verlassen und fortreisen, meine Frau wird dann ihr zufallen, und sie wird sie in unseren Kreisen und höher hinauf in Umsatz bringen. Sie sagte mir, – es gibt solch einen gelähmten Vater, einen verabschiedeten Beamten, der im Sessel sitzt und das dritte Jahr die Beine nicht rühren kann; auch eine Mutter ist da, eine sehr vernünftige Dame; der Sohn dient irgendwo in der Provinz, hilft ihr aber nicht; die eine Tochter ist verheiratet, sucht aber die Eltern nicht mehr auf; die Eltern haben für zwei kleine Neffen zu sorgen – da sie an ihren eigenen Sorgen nicht genug hatten, – und haben ihre letzte Tochter, ohne daß sie den Kursus absolviert hat, aus der Schule genommen; sie werde nach einem Monat erst sechzehn Jahre alt, also könnte man sie auch nach einem Monat verheiraten. Ich sollte sie also heiraten. Wir fuhren hin; wie bei ihnen alles lächerlich zuging; ich stellte mich vor, – Gutsbesitzer, Witwer, aus bekannter Familie, mit den und den Verbindungen, vermögend, – nun, was ist dabei, daß ich fünfzig Jahre alt bin und jene nicht mal sechzehn? Wer achtet darauf? Nun, es ist doch verlockend, ah? Nicht wahr, es ist verlockend, ha! ha! ha! Sie sollten mich gesehen haben, wie ich mich mit dem Papa und der Mama unterhalten habe! Man müßte etwas dafür bezahlen, um mich nur damals gesehen zu haben. Sie kommt endlich, macht einen Knicks, nun, können Sie sich vorstellen, sie war noch in kurzem Kleidchen, eine noch unaufgebrochene Knospe, sie errötete, flammte wie die Morgenröte auf – man hat ihr selbstverständlich alles mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie Sie sich zu Frauengesichtern stellen, aber meiner Ansicht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch kindlichen Augen, diese Verlegenheit und Tränen der Beschämtheit – besser als jede Schönheit, und sie ist außerdem wie ein Bild. Hellblonde Haare, in kleinen Locken gekräuselt, volle, rote kleine Lippen, Füßchen – mit einem Worte reizend! ... Nun, ich wurde also dort bekannt, erklärte, daß ich es infolge häuslicher Angelegenheiten eilig habe, und am anderen Tage, also vorgestern, erhielten wir den Segen. Seit dem Tage, wenn ich bloß hinkomme, nehme ich sie sofort auf meinen Schoß und lasse sie nicht herunter ... Nun, sie errötet, ich aber küsse sie alle Augenblicke; die Mama sagt ihr selbstverständlich, daß ich ihr Mann sei und daß es sich so gehöre, mit einem Worte, ich habe es dort ausgezeichnet. Und meine jetzige Lage als Bräutigam ist vielleicht auch besser, als die eines verheirateten Mannes. Hier ist, was man la nature et la vérité[19] nennt! Ha! Ha! Ich habe mich mit ihr ein paarmal unterhalten, – das Mädel ist gar nicht dumm; zuweilen blickt sie mich so verstohlen an, – daß es mich einfach durchschauert. Wissen Sie, sie hat ein Gesicht wie die Madonna von Raphael. Die Sixtinische Madonna hat doch ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer leidenden, im heiligen Wahne befangenen, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Nun, sie hat ein Gesicht von dieser Art. Kaum hatte man uns den Segen erteilt, als ich am anderen Tage ihr für anderthalb Tausend Geschenke mitbrachte, – einen Brillantenschmuck, ein Perlenhalsband und einen silbernen Toilettenkasten für Damen – von dieser Größe, mit allerhand Dingen darin, so daß ihr Gesichtchen, das Madonnengesichtchen, errötete. Ich setzte sie gestern auf meinen Schoß hin, habe es aber wahrscheinlich zu ungeniert getan, – sie errötete ganz und gar und Tränen kamen zum Vorschein, sie wollte sich aber nicht verraten und brannte wie im Fieber. Alle gingen auf einen Augenblick, ich blieb mit ihr ganz allein zurück, plötzlich fiel sie mir – zum ersten Male von selbst – um den Hals, umarmte mich mit ihren Händchen, küßte mich und schwur, daß sie mir eine folgsame, treue und gute Frau sein werde, daß sie mich glücklich machen wolle, daß sie ihr ganzes Leben, jeden Augenblick ihres Lebens dazu verwenden und alles, alles opfern werde, dafür wünscht sie bloß meine Achtung allein zu besitzen und weiter, – sagte sie ‚brauche ich nichts, gar nichts, keine Geschenke.‘ Geben Sie selbst zu, daß ein derartiges Geständnis unter vier Augen von solch einem sechzehnjährigen Engel mit jungfräulicher Schamröte und enthusiastischen Tränen in den Augen anzuhören, – ziemlich verlockend ist? Nicht wahr, es ist verlockend? Es ist doch etwas wert, ah? Nicht wahr? Nun ... nun hören Sie ... fahren wir zu meiner Braut hin ... aber nicht sofort!“
„Mit einem Worte, dieser unerhörte Unterschied im Alter und in der Entwicklung erregt gerade in Ihnen die Wollust! Und Sie wollen sie tatsächlich heiraten?“
„Wieso? Ich heirate sie unbedingt. Jeder sorgt für sich selbst, und am lustigsten von allen lebt der, welcher es am besten von allen versteht, sich selbst zu betrügen. Ha! ha! Haben Sie sich in die Tugend denn ganz vernarrt? Erbarmen Sie sich meiner, Väterchen, ich bin ein sündhafter Mensch. He! he! he!“
„Sie haben doch die Kinder von Katerina Iwanowna untergebracht und versorgt. Übrigens ... übrigens Sie hatten dazu Ihre Gründe ... ich begreife jetzt alles.“
„Kinder habe ich überhaupt gern, ich liebe Kinder sehr,“ lachte Sswidrigailoff. – „In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein sehr interessantes Erlebnis erzählen, das auch jetzt noch nicht zu Ende ist. Am ersten Tage nach meiner Ankunft ging ich in all diesen Kloaken herum, nun – nach sieben Jahren stürzte ich mich hinein. Sie haben wahrscheinlich gemerkt, daß ich keine Eile habe, den Verkehr mit den früheren Freunden und Bekannten aufzunehmen. Und ich will noch möglichst lange ohne sie auskommen. Wissen Sie, – bei Marfa Petrowna auf dem Lande haben mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen Orte und Winkel, in denen einer vieles finden kann, der es kennt, bis zu Tode gequält. Hol der Teufel! Das Volk säuft, die gebildete Jugend geht vor Nichtstun in unmöglichen Träumen und Phantasien auf, wird vor lauter Theorien zum Krüppel; irgendwoher sind Juden herbeigeströmt und sammeln Geld, alles übrige aber ergibt sich der Unzucht. Von den ersten Stunden an wehte mich auch von dieser Stadt ein bekannter Geruch an. Ich geriet zu einem sogenannten Tanzabend, – in einer entsetzlichen Kloake – ich liebe aber gerade die Kloaken mit etwas Schmutz, – und selbstverständlich wurde kankaniert, wie man eigentlich nirgends kankaniert, und wie man es zu meiner Zeit noch nicht tat. Ja, darin ist Fortschritt. Plötzlich sehe ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, sehr nett angezogen, wie sie mit einem Subjekt tanzt; ein anderer, als ihr vis-a-vis. An der Wand auf einem Stuhle sitzt ihre Mutter. Sie können sich vorstellen, wie kankaniert wurde! Das Mädchen wurde beschämt, verlegen, errötete, schließlich faßte sie es als Kränkung auf und begann zu weinen. Das Subjekt erfaßt sie, fängt an sie herumzuschwenken und vor ihr zu tanzen, ringsum lachen alle und – ich habe das Publikum in solchen Augenblicken gern, mag es auch ein kankanierendes Publikum sein, – schreien, – ‚Geschieht mit Recht! Man soll keine Kinder hierherbringen!‘ Nun, ich pfiff darauf und mich ging es auch nichts an, ob sie sich logisch oder unlogisch, diese Menschen da, trösteten! Ich hatte mir meinen Plan sofort zurechtgelegt, setzte mich neben die Mutter hin und begann damit, daß ich auch fremd wäre, daß hier alle so unerzogen wären, daß sie nicht verstünden, wahre Vorzüge zu unterscheiden und die gebührende Achtung zu bewahren. Ich gab zu verstehen, daß ich viel Geld hätte, schlug vor, in meinem Wagen sie nach Hause zu bringen. Ich geleitete sie nach Hause und wurde mit ihnen bekannt, sie sind soeben angekommen und leben in einem kleinen möblierten Zimmer. Man teilte mir mit, daß sie meine Bekanntschaft, wie sie, so auch die Tochter bloß als eine große Ehre auffassen könnten; ich erfuhr, daß sie weder Haus noch Hof haben, und daß sie gekommen sind, um in irgend einer Behörde eine Sache durchzuführen; ich bot ihnen meine Dienste und Geld an; ich erfuhr auch, daß sie irrtümlicherweise zu diesem Tanzabend hingefahren sind, in der Annahme, daß man dort tatsächlich tanzen lehre. Ich bot meinerseits an, zu der Erziehung des jungen Mädchens beizutragen, sie französischen Unterricht und Tanzstunden nehmen zu lassen. Man nimmt es mit Begeisterung auf, hält es für eine Ehre, und ich verkehre bei ihnen noch immer. – Wollen Sie mit mir zu ihnen hinfahren? – Aber nicht gleich.“
„Lassen Sie, lassen Sie Ihre niederträchtigen, gemeinen Anekdoten, Sie verdorbener, gemeiner, wollüstiger Mensch!“
„Sehen Sie mal den Schiller, unsern Schiller! Où va-t-elle la vertu se nicher?[20] Wissen Sie, ich will Ihnen absichtlich solche Dinge erzählen, um Sie aufschreien zu hören. Es ist ein Genuß!“
„Und ob, bin ich mir denn jetzt nicht selbst lächerlich?“ murmelte Raskolnikoff voll Wut.
Sswidrigailoff lachte aus vollem Halse; schließlich rief er Philipp, bezahlte seine Rechnung und begann sich fertig zu machen.
„Ich bin jetzt betrunken, assez causé!“ sagte er, „es ist ein Genuß!“
„Das glaube ich,“ rief Raskolnikoff aus, sich auch erhebend, „ist es denn für einen abgebrühten Wüstling kein Genuß, von solchen Erlebnissen zu erzählen, – wobei er sich schon wieder mit unerhörten Absichten von derselben Art trägt, – außerdem unter diesen Umständen und vor solch einem Menschen, wie ich es bin, ... das muß ein Genuß sein ... Es muß ihn förmlich heiß machen.“
„Und wenn die Sache so ist,“ antwortete Sswidrigailoff ein wenig verwundert und betrachtete Raskolnikoff, „wenn dem so ist, so sind Sie auch selbst ein großer Zyniker. Sie enthalten wenigstens in sich ein ungeheures Material dazu. Sie können vieles verstehen, vieles ... und, Sie können auch vieles tun. Jedoch, genug darüber. Ich bedauere aufrichtig, daß ich mich nicht länger mit Ihnen unterhalten kann, aber Sie entgehen mir nicht ... Warten Sie nur ...“
Sswidrigailoff verließ das Restaurant. Raskolnikoff folgte ihm. Sswidrigailoff war nicht sehr stark berauscht; der Wein war ihm bloß auf einen Augenblick zu Kopf gestiegen und der Rausch verschwand mit jedem Augenblick mehr. Er hatte etwas äußerst wichtiges vor und sein Gesicht verfinsterte sich. Eine Erwartung regte ihn augenscheinlich auf und beunruhigte ihn. In den letzten Minuten ihres Zusammenseins wurde er plötzlich gegen Raskolnikoff gröber und spöttischer. Raskolnikoff hatte alles gemerkt und war auch in Unruhe geraten. Sswidrigailoff schien ihm sehr verdächtig; er beschloß ihm nachzugehen.
Sie gelangten auf das Trottoir.
„Sie müssen nach rechts, ich aber nach links, oder vielleicht auch umgekehrt, also – adieu bon plaisir[21], auf freudiges Wiedersehen!“
Und er ging nach rechts dem Heumarkte zu.