III.
Er erwachte am anderen Tage spät nach einem unruhigen Schlafe; der Schlaf hatte ihn nicht gestärkt. Er erwachte griesgrämig, gereizt und böse, und blickte voll Haß seine Kammer an. Es war ein winziger Raum, sechs Schritt lang, und machte mit seiner gelblichen, staubigen und überall an den Wänden losgelösten Tapete einen kläglichen Eindruck; das Zimmer war so niedrig, daß es einem einigermaßen großen Manne bange wurde, und immer schien es, als könnte man jeden Augenblick mit dem Kopf an die Decke stoßen. Die Möbel entsprachen dem Raume, – es waren drei alte Stühle da, in nicht ganz brauchbarem Zustande, in einer Ecke stand ein gestrichener Tisch, auf dem ein paar Hefte und Bücher lagen; schon aus dem Umstande, wie verstaubt sie waren, konnte man schließen, daß sie lange nicht berührt worden waren. Außerdem stand in dem Zimmer noch ein plumpes, großes Sofa, das fast die ganze Wand und die Hälfte des Zimmers einnahm, einst war es mit Kattun bezogen, jetzt war es zerfetzt; es diente Raskolnikoff als Bett. Er schlief darauf oftmals so, wie er ging und stand, ohne sich auszuziehen, ohne Laken, bedeckt mit einem alten, abgerissenen Studentenmantel, unter dem Kopfe ein kleines Kissen, worunter er alles, was er an Wäsche, reiner und getragener, besaß, stopfte, um die Kopfstelle höher zu machen. Vor dem Sofa stand ein kleines Tischchen. Es hielt schwer, noch verkommener und zerlumpter zu sein, Raskolnikoff aber war das in seiner jetzigen Gemütsverfassung gerade angenehm. Er hatte sich, wie eine Schildkröte in ihrer Behausung, von allen völlig zurückgezogen; und das Gesicht des Mädchens, das verpflichtet war, ihn zu bedienen und das zuweilen in sein Zimmer einen Blick warf, reizte schon seine Galle und verursachte ihm Krämpfe. Das kommt bei manchen Leuten vor, die von einer Manie befallen sind, und die sich auf etwas besonders stark konzentriert haben. Seine Wirtin hatte seit zwei Wochen schon aufgehört, ihm Essen zu geben und er hatte noch nicht gedacht, zu ihr zu gehen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, obwohl er ohne Mittag saß. Nastasja, die Köchin und das einzige Mädchen der Wirtin, war über die Stimmung des Mieters zum Teil froh und hatte aufgehört, sein Zimmer aufzuräumen und auszukehren; ab und zu jedoch, vielleicht einmal in der Woche, ergriff sie, wie zufällig, den Besen. Sie hatte ihn jetzt geweckt.
„Steh auf, was schläfst du!“ rief sie ihm zu. „Es ist schon zehn Uhr. Ich habe dir Tee gebracht. Willst du Tee? Bist wahrscheinlich schon ganz abgemagert?“
Der junge Mann öffnete die Augen, zuckte zusammen und erkannte Nastasja.
„Ist der Tee von der Wirtin?“ fragte er und erhob sich langsam und mit schmerzlicher Miene vom Sofa.
„Was dir einfällt, – von der Wirtin!“
Sie stellte ihre eigene gesprungene Teekanne mit altem aufgebrühtem Tee vor ihm hin und legte zwei Stück gelben Zucker daneben.
„Nimm das, bitte, Nastasja,“ sagte er, indem er in der Tasche suchte – (er hatte angekleidet geschlafen) – und eine Handvoll Kupfermünzen hervorholte. „Gehe und kaufe mir Weißbrot. Hole auch ein wenig Wurst aus dem Laden, aber billige ...“
„Weißbrot will ich dir sofort bringen, willst du aber nicht anstatt Wurst etwas Kohlsuppe haben? Die Kohlsuppe ist gut, sie ist von gestern. Ich hatte gestern für dich etwas aufbewahrt, aber du kamst erst so spät. Es ist eine gute Kohlsuppe.“
Nachdem sie die Kohlsuppe gebracht hatte, setzte sich Nastasja neben ihm auf dem Sofa hin und begann, während er aß, zu plaudern. Sie war vom Lande und ein sehr geschwätziges Frauenzimmer.
„Praskovja Pawlowna will dich bei der Polizei verklagen,“ sagte sie.
Er verzog das Gesicht.
„Bei der Polizei? Was will sie denn?“
„Du zahlst nicht und räumst das Zimmer nicht. Es ist begreiflich, was sie will.“
„Zum Teufel, das fehlte noch,“ murmelte er und knirschte mit den Zähnen. „Nein, das kommt mir jetzt ... sehr ungelegen ... Sie ist dumm,“ fügte er laut hinzu. „Ich will heute noch zu ihr gehen und mit ihr sprechen.“
„Sie ist dumm, ebenso wie ich; aber du, Kluger, was liegst du da, wie ein Sack, nichts hat man von dir. Früher, sagst du, hast du Kinder unterrichtet, warum machst du aber jetzt nichts?“
„Ich mache ...“ antwortete Raskolnikoff unwillig und finster.
„Was machst du denn?“
„Ich arbeite ...“
„Was arbeitest du denn?“
„Ich denke,“ antwortete er nach einem Schweigen finster.
Nastasja schüttelte sich vor Lachen. Sie war von den Lachlustigen, und wenn man sie zum Lachen reizte, lachte sie lautlos, aber am ganzen Körper bebend und sich schüttelnd, bis sie nicht mehr konnte.
„Hast du viel Geld mit dem Denken verdient?“ brachte sie endlich hervor.
„Ohne Stiefel kann man doch nicht unterrichten. Und übrigens pfeife ich auf alles.“
„Sei nicht zu stolz.“
„Den Unterricht bezahlt man in Kupfer. Was soll man mit ein paar Kopeken anfangen?“ fuhr er unwillig fort, als antworte er den eigenen Gedanken.
„Du möchtest wohl ein ganzes Kapital auf einmal haben?“
Er blickte sie sonderbar an.
„Ja, ein ganzes Kapital,“ antwortete er nach einem Schweigen entschlossen.
„Fang mit kleinem an; du erschreckst einen ja. Soll ich dir jetzt Weißbrot holen oder nicht?“
„Wie du willst!“
„Ach, ich vergaß; gestern ist für dich ein Brief angekommen.“
„Ein Brief! Für mich! Von wem?“
„Von wem er ist – das weiß ich nicht. Ich habe dem Briefträger drei Kopeken aus meiner eigenen Tasche gegeben. Gibst du sie mir wieder?“
„Bring doch den Brief, um Gottes Willen, bring ihn gleich!“ rief Raskolnikoff ganz erregt. „Oh, Gott!“
Nach einer Minute kam der Brief. „Wirklich! Er ist von der Mutter, aus dem R.schen Gouvernement.“ Er erbleichte sogar, als er ihn nahm. Lange schon hatte er keine Briefe erhalten, und jetzt bedrückte noch etwas anderes sein Herz.
„Nastasja, geh fort, um Gotteswillen. Da hast du deine drei Kopeken, geh nur schnell fort, um Gotteswillen.“
Der Brief zitterte in seinen Händen; er wollte ihn nicht in ihrer Anwesenheit öffnen, er wollte mit dem Briefe allein sein. Als Nastasja gegangen war, führte er schnell den Brief an seine Lippen und küßte ihn; dann blickte er lange die Schrift auf dem Kuvert an, die bekannte und liebe, feine und schräge Schrift seiner Mutter, die ihn einst lesen und schreiben gelehrt hatte. Er zögerte, den Brief zu öffnen, schien sich sogar vor etwas zu fürchten. Endlich öffnete er den Brief, einen langen, gewichtigen Brief; zwei große Briefbogen waren dicht beschrieben.
„Mein lieber Rodja,“ schrieb die Mutter, „es ist über zwei Monate her, seit ich mit dir brieflich gesprochen habe; darunter habe ich selbst gelitten, und manche Nacht haben mich die Gedanken nicht schlafen lassen. Aber du wirst mich sicher nicht verurteilen wegen meines ungewollten Schweigens. Du weißt, wie ich dich liebe; du bist unser Einziges, mir und Dunja, du bist unser alles, unsere ganze Hoffnung, unser Trost. Ach, wenn du wüßtest, wie mir war, als ich erfuhr, daß du die Universität schon einige Monate verlassen hast, weil es dir an Mitteln mangelte, und daß das Stundengeben und deine anderen Arbeiten ein Ende genommen haben. Und wie hätte ich dir mit meiner Pension von hundertzwanzig Rubel jährlich helfen können? Die fünfzehn Rubel, die ich vor vier Monaten schickte, hatte ich, wie du auch weißt, von unserem hiesigen Kaufmann Wassilij Iwanowitsch Wachruschin auf die Pension hin geliehen. Er ist ein guter Mensch und war ein Freund deines Vaters. Aber da ich ihm das Recht, die Pension für mich zu empfangen, gegeben hatte, mußte ich warten, bis die Schuld abgetragen war, und das ist soeben erst geschehen, so daß ich die ganze Zeit dir nichts schicken konnte. Jetzt aber, Gott sei Dank, denke ich, dir wieder etwas schicken zu können, und überhaupt wir können jetzt sogar von einem Glück sprechen, und das beeile ich mich, dir mitzuteilen. Zuerst also kannst du es dir vorstellen, lieber Rodja, daß deine Schwester bereits anderthalb Monate bei mir lebt, und daß wir uns nie mehr, in aller Zukunft nicht, trennen werden. Gott sei Dank, ihre Qualen haben ein Ende gefunden, aber ich will dir alles der Reihe nach erzählen, damit du erfährst, wie alles war und was wir bis jetzt vor dir verheimlichten. Als du mir vor zwei Monaten schriebst, du hättest von irgend jemand gehört, daß Dunja stark unter der Grobheit im Hause der Herrschaften Sswidrigailoff zu leiden habe, und von mir genaue Aufklärung verlangtest, – was hätte ich dir damals antworten können? Wenn ich dir die ganze Wahrheit mitgeteilt hätte, so hättest du wahrscheinlich alles liegen lassen, wärest, und sei es zu Fuß, zu uns gekommen, denn ich kenne deinen Charakter und deine Gefühle, du hättest nicht geduldet, daß deine Schwester beleidigt wird. Ich war ganz verzweifelt, aber was sollte ich tun? Und wußte damals selber nicht die ganze Wahrheit. Das Haupthindernis bestand darin, daß Dunetschka, bei ihrem Eintritt in das Haus als Gouvernante im vorigen Jahre volle hundert Rubel voraus erhalten hatte, unter der Bedingung, die Summe monatlich von ihrem Gehalte abzuzahlen, und so konnte sie die Stelle nicht eher aufgeben, als die Schuld getilgt war. Diese Summe aber (jetzt kann ich dir alles erklären, teurer Rodja) hatte sie eigentlich deshalb genommen, um dir die sechzig Rubel zu schicken, die du damals nötig brauchtest, und die du auch im vorigen Jahre von uns erhalten hast. Wir haben dich damals getäuscht; wir schrieben dir, es sei von dem Gelde, das Dunetschka sich früher erspart habe, aber es verhielt sich nicht so, jetzt erst teile ich dir die volle Wahrheit mit, weil sich alles jetzt plötzlich nach Gottes Willen zum besten gewendet hat, und damit du weißt, wie Dunja dich liebt und welch unschätzbares Herz sie hat. Herr Sswidrigailoff behandelte sie zuerst sehr grob und erlaubte sich ihr gegenüber allerhand Unhöflichkeiten und Spöttereien bei Tisch ... Aber ich will all diese trüben Einzelheiten nicht aufzählen, und dich nicht unnütz aufregen, da alles nun ein Ende hat. Kurz, trotz der guten und anständigen Behandlung seitens Marfa Petrownas, der Gemahlin des Herrn Sswidrigailoff, und aller Hausgenossen, hatte es Dunetschka sehr schwer, besonders wenn Herr Sswidrigailoff nach alter Regimentsgewohnheit unter dem Einflusse des Bacchus stand. Aber was geschah später? Stelle dir vor, dieser Wahnwitzige hatte schon seit langem eine Leidenschaft für Dunja gefaßt, aber er verbarg sie immer unter dem Scheine eines groben und hochfahrenden Wesens ihr gegenüber. Vielleicht schämte er sich auch und war unmutig auf sich selbst, daß er, als älterer Mann und Familienvater, sich solchen leichtfertigen Wünschen hingab und war darum auf Dunja unwillkürlich böse. Vielleicht wollte er auch durch seine Grobheit und durch seinen Spott die Wahrheit vor anderen verbergen. Schließlich aber hielt er es nicht mehr aus und wagte Dunja offen einen gemeinen Antrag zu machen und versprach ihr hohe Belohnung. Alles wollte er sogar im Stiche lassen und mit ihr auf ein anderes Gut oder ins Ausland reisen. Du kannst dir ihre Leiden vorstellen! Sofort ihre Stellung aufgeben, konnte sie nicht, – nicht bloß wegen der Schuld, sondern auch um Marfa Petrowna zu schonen, die dadurch Verdacht fassen mußte; damit wäre der Zwist in die Ehe gekommen. Ja, auch für Dunetschka hätte es einen großen Skandal gegeben; so ganz ohne Aufsehen wäre die Sache nicht vorübergegangen. Es gab noch manche andere Gründe, so daß Dunja, noch vor sechs Wochen, in keinem Falle rechnen konnte, aus diesem schrecklichen Hause fortzukommen. Du kennst ja Dunja, weißt, wie klug sie ist, und welch festen Charakter sie besitzt. Dunetschka kann vieles ertragen, und im alleräußersten Falle findet sie immer noch so viel Stärke in sich, daß sie ihre Festigkeit bewahrt. Sie hat nicht mal mir über alles berichtet, um mich nicht aufzuregen, wir haben aber sonst einander oft geschrieben. Es kam jedoch eine unerwartete Lösung. Marfa Petrowna hörte zufällig, wie ihr Mann Dunetschka im Garten anflehte, und da sie alles falsch aufgefaßt hatte, gab sie Dunetschka die Schuld, in der Meinung, sie habe es eingefädelt. Es spielte sich im Garten zwischen ihnen eine fürchterliche Szene ab, – Marfa Petrowna hat sogar Dunetschka geschlagen, wollte nichts hören, schrie aber selbst stundenlang fort und befahl schließlich, Dunja sofort zu mir in die Stadt zu bringen, – auf einem gewöhnlichen Bauernwagen, in den man alle ihre Sachen, – Wäsche, Kleider, alles, wie man es vorfand, ohne es zusammenzulegen und ohne einzupacken, hineinwarf. Bei strömendem Regen mit Schande und Schmach bedeckt, mußte Dunja siebzehn Werst weit im offenen Bauernwagen fahren. Nun überlege, was hätte ich dir, als Antwort auf deinen Brief vor zwei Monaten schreiben sollen? Ich war verzweifelt; die Wahrheit durfte ich dir nicht mitteilen, denn du wärest unglücklich, zornig und empört geworden, ja und was hättest du tun können? Vielleicht hättest du dich ins Verderben gestürzt. Und Dunetschka hatte es mir verboten. Den Brief aber mit Lappalien ausfüllen, während im Herzen solcher Kummer gräbt, habe ich nicht gekonnt. Einen Monat lang gingen in der ganzen Stadt allerhand Klatschereien über diese Geschichte herum, und es war so weit gekommen, daß ich mit Dunja vor verächtlichen Blicken und hämischem Flüstern nicht mal in die Kirche gehen konnte, selbst in unserer Gegenwart wurde laut darüber gesprochen. Alle Bekannten hatten sich von uns abgewandt, alle hatten aufgehört, uns zu grüßen, und ich erfuhr mit Bestimmtheit, daß die Kommis und einige Schreiber die Absicht hatten, uns eine niederträchtige Beleidigung anzutun, indem sie das Tor unseres Hauses mit Teer beschmieren wollten, so daß unsere Wirtsleute verlangten, wir möchten die Wohnung räumen. Das alles war das Werk von Marfa Petrowna; es war ihr gelungen, Dunja in allen Häusern zu beschuldigen und schlecht zu machen. Sie ist ja hier mit allen bekannt, und in diesem Monat kam sie fortwährend in die Stadt, und da sie ziemlich geschwätzig ist und über ihre Familienangelegenheiten zu erzählen liebt, besonders aber bei jedem und allen über ihren Mann klagt, was doch sehr häßlich ist, so hatte sich die ganze Geschichte in kurzer Zeit nicht bloß in der Stadt, sondern auch im Kreise verbreitet. Mich griff’s hart an, Dunetschka aber war stärker, hättest du doch sehen können, wie sie alles ertrug, wie sie mich tröstete und mir Mut zusprach! Sie ist ein Engel! Aber dank der Barmherzigkeit Gottes nahmen unsere Qualen ein Ende, Herr Sswidrigailoff kam zur Besinnung, bereute alles, und wahrscheinlich aus Mitleid mit Dunja legte er Marfa Petrowna volle und klare Beweise der völligen Unschuld von Dunetschka vor, und zwar, – einen Brief, den Dunja noch bevor Marfa Petrowna sie im Garten überraschte, ihm zu schreiben und zu übersenden sich gezwungen sah, um persönliche Erklärungen und das Verlangen geheimer Zusammenkünfte abzulehnen; dieser Brief war nach der Abreise von Dunetschka in den Händen des Herrn Sswidrigailoff geblieben. In diesem Briefe hatte sie ihn in eindringlichster Weise und mit voller Entrüstung gerade wegen seines ehrlosen Benehmens Marfa Petrowna gegenüber getadelt, ihm vorgehalten, daß er Vater und Gatte sei, und ihm schließlich zu verstehen gegeben, wie niedrig es von ihm sei, ein wehrloses und ohnedem schon unglückliches Mädchen zu quälen und noch unglücklicher zu machen. Mit einem Worte, lieber Rodja, dieser Brief ist so edel und rührend geschrieben, daß ich schluchzend ihn las und ihn jetzt noch nur unter Tränen lesen kann. Außerdem kamen zur Rechtfertigung Dunjas die Aussagen der Dienstboten hinzu, die wie gewöhnlich viel mehr gesehen und gehört hatten, als Herr Sswidrigailoff ahnte. Marfa Petrowna war außergewöhnlich bestürzt und ‚von neuem zerschmettert,‘ wie sie uns selbst gestand, aber völlig von der Schuldlosigkeit Dunetschkas überzeugt; am anderen Tage noch, einem Sonntage, fuhr sie direkt in die Kirche und flehte zur Mutter Gottes kniefällig und mit Tränen, ihr die Kraft zu geben, diese neue Prüfung zu überstehen und ihre Pflicht zu erfüllen. Aus der Kirche kam sie zu uns, ohne jemand anderen zu besuchen, erzählte uns alles, weinte bitter und umarmte Dunja voller Reue und bat inständig um ihre Verzeihung. Am selben Morgen noch ging sie gleich von uns in alle Häuser der Stadt, und überall erzählte sie unter Tränen und in für Dunetschka schmeichelhaftesten Ausdrücken von Dunjas Unschuld und ihrem edlen Gemüt und Benehmen. Und nicht genug damit, sie zeigte allen den eigenhändigen Brief Dunetschkas an Sswidrigailoff, las ihn laut vor und erlaubte sogar Abschriften von dem Briefe zu nehmen, – was mir wirklich zu viel scheint. In dieser Weise mußte sie einige Tage nacheinander alles in der Stadt besuchen, weil mancher sich gekränkt fühlte, daß anderen der Vorzug erwiesen war; es wurde also eine Reihenfolge bestimmt, so daß man sie in jedem Hause zu einer festgesetzten Zeit erwartete, und alle wußten, daß an dem und dem Tage Marfa Petrowna dort und dort den Brief vorlesen würde, und zu jedem Vorlesen kamen Leute, auch solche, die den Brief schon ein paarmal, sowohl in ihrem eigenen Hause, als auch bei Bekannten, gehört hatten. Meiner Meinung nach war hierbei vieles, sehr vieles überflüssig, aber Marfa Petrowna hat nun mal so einen Charakter. Sie hat wenigstens die Ehre von Dunetschka vollkommen wiederhergestellt und was an dieser Sache prekär, fiel wie eine untilgbare Schande ihrem Mann, als dem allein Schuldigen zu Lasten, so daß er mir doch zuletzt leid tat; man ist zu streng mit diesem Wahnwitzigen umgegangen. Dunja wurde sofort aufgefordert, in einigen Häusern Unterricht zu geben, allein sie schlug es ab. Überhaupt begannen alle mit einem Male ihr eine besondere Achtung zu zeigen. Dies alles half hauptsächlich ein Ereignis herbeiführen, durch das sich, man kann wohl sagen, jetzt unser ganzes Schicksal ändert. Du sollst wissen, lieber Rodja, daß Dunja einen Antrag von einem Herrn erhalten hat und daß sie ihre Einwilligung bereits gegeben hat, was ich dir eilends hierdurch mitteile. Obwohl die Sache sich auch ohne deinen Ratschlag entschieden hat, wirst du wahrscheinlich weder über mich noch über deine Schwester ungehalten sein; du wirst selbst aus dem Verlauf der Angelegenheit ersehen, daß wir unmöglich warten und die Antwort bis zu dem Empfang deines Briefes hinausschieben konnten. Ja, und du hättest auch nur an Ort und Stelle alles genau beurteilen können. Es ging also folgendermaßen vor sich: Er ist schon Hofrat, heißt Peter Petrowitsch Luschin und ist ein weitläufiger Verwandter von Marfa Petrowna, die diese Angelegenheit sehr gefördert hat. Er begann damit, daß er durch Marfa Petrowna den Wunsch äußern ließ, mit uns bekannt zu werden; er wurde, wie es sich ziemt, empfangen, trank bei uns Kaffee, und am nächsten Tage schickte er einen Brief, in dem er sehr höflich seinen Antrag machte und um eine baldige und bestimmte Antwort bat. Er ist ein arbeitsamer und vielbeschäftigter Mann und will jetzt schleunigst nach Petersburg reisen, so daß für ihn jeder Augenblick kostbar ist. Selbstverständlich waren wir zuerst sehr überrascht, da dies schnell und unerwartet gekommen war. Wir erwogen und überlegten den ganzen Tag miteinander. Er ist ein zuverlässiger Mann, in gesicherten Verhältnissen, nimmt zwei Stellungen ein und besitzt schon eigenes Vermögen. Gewiß, er ist schon fünfundvierzig Jahre alt, hat aber ein ganz angenehmes Äußere und kann noch Frauen gefallen; ja, er ist überhaupt ein sehr solider und anständiger Mann, bloß ein wenig düster und anscheinend hochmütig. Aber vielleicht scheint es bloß so beim ersten Anblick. Ja, und ich gebe dir den guten Rat, lieber Rodja, wenn du ihn in Petersburg sehen wirst, was sehr bald geschehen kann, urteile nicht zu schnell und hitzig, wie es dir eigen ist, wenn bei der ersten Begegnung dir etwas an ihm nicht so gut gefallen will. Ich sage das bloß für alle Fälle, denn ich bin überzeugt, daß er auf dich einen angenehmen Eindruck machen wird. Zudem, um einen fremden Menschen einzuschätzen, muß man sich ihm allmählich und vorsichtig nähern, damit man keinen Fehler begeht und keine Voreingenommenheit faßt, die später sehr schwer zu berichtigen und zu beseitigen ist. Peter Petrowitsch ist, wenigstens nach vielen Anzeichen, ein sehr ehrenwerter Mann. Bei seinem ersten Besuche schon erklärte er, daß er ein resoluter Mann sei, aber daß er in vielem ‚die Überzeugungen der jüngeren Generation‘ – wie er sich ausdrückte – teile, und ein Feind von allen Vorurteilen sei. Er sprach noch über vieles, denn er scheint ein wenig eingebildet zu sein und es zu lieben, daß man ihm zuhöre, aber das ist ja kein Fehler. Ich habe natürlich wenig davon begriffen, aber Dunja versicherte mir, daß er keine sehr große Bildung besitze, aber ein kluger und wie es scheint, auch guter Mensch sei. Du kennst den Charakter deiner Schwester Rodja. Sie ist ein starkes, vernünftiges, geduldiges und großmütiges Mädchen, freilich auch feurigen Herzens, so wie ich sie kenne. Gewiß ist weder auf ihrer, noch auf seiner Seite eine besondere Liebe vorhanden, aber Dunja ist nicht allein ein kluges Mädchen, sondern gleichzeitig auch ein edles Wesen, ein Engel, und wird es sich zur Aufgabe stellen, das Glück des Mannes auszumachen, der seinerseits für ihr Glück Sorge tragen wird; daran aber zu zweifeln haben wir vorläufig keine Ursache, obwohl – offen gestanden – die Sache mir ein wenig zu schnell zustande kam. Außerdem ist er ein berechnender Mann, der sicher einsehen wird, daß sein eigenes Glück in der Ehe um so fester begründet ist, je glücklicher er Dunetschka macht. Was aber irgendwelche Unebenheiten des Charakters, irgendwelche alte Gewohnheiten und sogar ein gewisses Auseinandergehen in den Anschauungen anbetrifft – (und das ist auch in den glücklichsten Ehen nicht zu vermeiden) – so sagte mir Dunetschka, daß sie in dieser Hinsicht auf sich vertraut, daß es keinen Grund gibt, darüber beunruhigt zu sein und daß sie vieles ertragen kann, wenn nur gegenseitige Ehrlichkeit und Gerechtigkeit herrscht. Mir schien er zum Beispiel zuerst etwas hart, aber das kann auch von seiner Offenherzigkeit kommen und so wird es wohl auch sein. Bei seinem zweiten Besuche, als er das Jawort hatte, äußerte er im Gespräch, daß er schon früher, ehe er Dunja kennengelernt habe, beschlossen habe, ein ehrliches, aber armes Mädchen zu heiraten und unbedingt eines, das die Armut schon gekostet habe, denn ein Mann solle nach seiner Meinung seiner Frau durch nichts verpflichtet sein, sondern das sei das richtige, daß die Frau den Mann als ihren Wohltäter betrachte. Ich will hinzufügen, daß er sich ein wenig weicher und zarter ausdrückte, als ich es schreibe, denn ich habe den richtigen Wortlaut vergessen, erinnere mich bloß des Sinnes, und zudem hatte er das keineswegs mit Absicht gesagt, sondern hatte sich offenbar in Eifer gesprochen, darum versuchte er später, es abzuschwächen und zu mildern. Dennoch erschien es mir ein wenig zu scharf, und ich sprach darüber nachher mit Dunja. Sie aber antwortete mir sogar, daß ‚Worte noch keine Taten sind,‘ und das ist auch wahr. Ehe Dunja sich zu diesem Schritt entschloß, verbrachte sie eine schlaflose Nacht, und in der Meinung, daß ich schliefe, stand sie auf und ging die ganze Nacht im Zimmer auf und ab; schließlich ließ sie sich auf die Knie nieder und betete lange und inbrünstig vor der Mutter Gottes, und am andern Morgen erklärte sie mir, sie hätte sich entschieden.
Ich habe schon erwähnt, daß Peter Petrowitsch sich jetzt nach Petersburg begibt. Er hat dort große Geschäfte vor, will in Petersburg ein öffentliches Bureau als Advokat eröffnen. Er beschäftigt sich seit langem schon mit Vertretung von allerhand Zivilklagen und Prozessen, und hat vor kurzem einen bedeutenden Prozeß gewonnen. Nach Petersburg muß er auch deswegen reisen, weil er dort im Senate eine bedeutende Sache zu vertreten hat. So kann er auch dir, lieber Rodja, sehr nützlich sein, ja in jeder Hinsicht, und wir – ich und Dunja – meinen nun, daß mit dem heutigen Tage deine künftige Karriere mit Sicherheit beginnt und daß dein Schicksal klar vor Augen liegt. Oh, wenn es sich schon verwirklicht hätte! Das wäre so ein Glück, daß man es nicht anders, als eine unmittelbare Gnadenspende des Allmächtigen an uns betrachten müßte. Das ist Dunjas Traum. Wir haben schon gewagt, ein paar Worte in dieser Hinsicht Peter Petrowitsch zu sagen. Er äußerte sich vorsichtig und meinte, daß er gewiß ohne einen Sekretär nicht auskommen könne, und da sei es selbstverständlich besser, das Gehalt dafür einem Verwandten als einem Fremden zu zahlen, wenn er sich bloß für den Posten eigne, – (du solltest dich dazu nicht eignen!) – gleichzeitig aber zweifelte er, daß das Universitätsstudium die Zeit für die Arbeiten in seinem Bureau übrig ließe. Diesmal blieb die Angelegenheit dabei stehen, aber Dunja denkt an nichts anderes mehr als an diese Aussicht. Sie ist seit einigen Tagen fieberhaft erregt, und hat sich einen ganzen Plan ausgedacht, daß du nämlich späterhin Mitarbeiter und sogar Kompagnon von Peter Petrowitsch in seinen Rechtssachen werden könntest, um so mehr, als du in der juristischen Fakultät bist. Ich bin mit ihr vollkommen einig, lieber Rodja, teile alle ihre Pläne und Hoffnungen und halte ihre völlige Verwirklichung für möglich. Und trotzdem Peter Petrowitsch sich jetzt zurückhaltend verhält, was sehr erklärlich ist, da er dich noch nicht kennt, so ist Dunja fest überzeugt, daß sie alles durch ihren guten Einfluß auf ihren künftigen Mann erreichen wird. Wir haben uns natürlich in acht genommen, Peter Petrowitsch etwas von unseren Zukunftsträumen und hauptsächlich davon, daß du sein Kompagnon werden sollst, merken zu lassen. Er ist ein nüchterner Mann und hätte es vielleicht sehr kalt aufgenommen, weil er alles für Phantasterei angesehen hätte. Ebensowenig haben wir, weder ich, noch Dunja, einen Ton über unsere feste Hoffnung gesprochen, daß er uns helfen soll, dich mit Geld zu unterstützen, solange du auf der Universität bist; wir haben es deswegen unterlassen, weil es sich späterhin jedenfalls von selbst ergeben und weil er sicher ohne viele Worte es uns anbieten wird – (er wird doch Dunetschka es nicht abschlagen können!) – um so mehr, als du seine rechte Hand im Bureau werden kannst, und diese Unterstützung nicht als eine Wohltat, sondern als verdientes Gehalt empfangen sollst. Dunetschka will es so einrichten, und ich bin mit ihr vollkommen einverstanden. Außerdem unterließen wir es, darüber zu sprechen, weil ich bei eurer bevorstehenden Begegnung dich auf gleichem Fuße mit ihm stehen sehen wollte. Wenn Dunja mit ihm voll Entzücken über dich sprach, antwortete er, daß man jeden Menschen selbst zuerst sehen, und zwar sehr nah sehen müsse, um über ihn urteilen zu können, und daß er sich das Recht vorbehalte, seine Meinung über dich zu bilden, erst nachdem er dich kennengelernt habe. Weißt du was, mein teurer Rodja, mir scheint es aus gewissen Gründen, – die übrigens gar nichts mit Peter Petrowitsch zu tun haben, sondern so meine eigenen gewissen, persönlichen, vielleicht auch altweibischen Launen sind, – also mir scheint es, daß ich vielleicht besser tue, wenn ich nach ihrer Verheiratung allein, so wie jetzt, und nicht mit ihnen zusammenleben werde. Ich bin völlig überzeugt, daß er so erkenntlich und zartfühlend sein wird, selber mir das Angebot zu machen, bei der Tochter zu bleiben und wenn er darüber bis jetzt nicht gesprochen hat, so kam es selbstverständlich daher, weil es auch ohne Worte so anzunehmen ist, aber ich will es ablehnen. Ich habe in meinem Leben mehr als einmal erfahren, daß Schwiegermütter den Männern nicht besonders genehm sind, und ich möchte niemandem im geringsten zur Last fallen und möchte auch selbst vollkommen frei sein, solange ich noch einen Bissen zu essen und solche Kinder, wie dich und Dunetschka, zu lieben habe. Wenn es mir möglich ist, will ich mich in der Nähe von euch beiden niederlassen, denn das angenehmste habe ich zum Schluß des Briefes aufgehoben, Rodja. Erfahre nun, mein lieber Freund, daß wir alle vielleicht sehr bald wieder zusammen sein und alle drei uns nach fast dreijähriger Trennung umarmen werden! Es ist schon bestimmt beschlossen, daß ich und Dunja nach Petersburg kommen, wann aber – das weiß ich noch nicht, in jedem Falle sehr, sehr bald, vielleicht schon in einer Woche. Alles hängt von den Anordnungen Peter Petrowitschs ab, der uns sofort, wenn er sich in Petersburg umgesehen hat, Nachricht geben will. Er will die Vorbereitungen zur Heirat aus verschiedenen Erwägungen möglichst beschleunigen, und wenn möglich, die Hochzeit noch vor dem großen Fasten feiern, sollte es aber infolge der kurzen Frist nicht ausführbar sein, dann gleich nach den Osterfeiertagen. Oh, mit welch einem Glück werde ich dich an mein Herz pressen! Dunja ist vor Freude dich wiederzusehen ganz aufgeregt und sagte einmal im Scherz, daß sie schon deswegen allein Peter Petrowitsch heiraten würde. Sie ist ein Engel! Sie schreibt dir nicht, hat mich aber gebeten, dir zu schreiben, daß sie über so vieles mit dir sprechen müsse, über so vieles, daß ihre Hand sich jetzt gegen die Feder sträube, denn in ein paar Zeilen könne man nichts mitteilen, sondern sich nur aufregen. Sie bat mich, dich innig, innig zu umarmen und dir unzählige Küsse zu senden. Trotzdem wir uns vielleicht sehr bald sehen werden, will ich dir doch in diesen Tagen Geld, soviel ich vermag, zuschicken. Jetzt, wo alle wissen, daß Dunetschka Peter Petrowitsch heiratet, hat sich auch mein Kredit plötzlich gebessert, und ich weiß bestimmt, daß Afanassi Iwanowitsch mir jetzt auf Konto der Pension sogar bis zu fünfundsiebzig Rubel zu leihen bereit ist, so daß ich dir vielleicht fünfundzwanzig oder auch dreißig Rubel schicken kann. Ich würde noch mehr schicken, aber ich fürchte unsere Reisekosten. Obwohl Peter Petrowitsch so gut war, einen Teil der Ausgaben für unsere Reise nach der Residenz zu übernehmen, – er hat sich nämlich selbst angeboten, unser Gepäck und einen großen Koffer für seine Rechnung hinzuschicken (er arrangiert es in irgendeiner Weise durch Bekannte), müssen wir doch mit der Reise nach Petersburg rechnen und damit, daß man dort nicht ohne einen Groschen ankommen kann und wenigstens für die ersten paar Tage das Nötige haben muß. Wir haben übrigens alles genau überschlagen, und es zeigte sich, daß uns die Reise nicht zu teuer zu stehn kommt. Von uns bis zur Eisenbahn sind es nur neunzig Werst, und wir haben für jeden Fall mit einem bekannten Bauern schon abgeschlossen; die Fortsetzung der Reise aber werden wir, ich und Dunetschka, glücklich und zufrieden in der dritten Klasse machen. Dann kriege ich es vielleicht fertig, dir nicht nur fünfundzwanzig, sondern dreißig Rubel zu schicken. Nun aber genug: zwei Bogen habe ich voll geschrieben und es ist kein Platz mehr da. Unsere ganze Geschichte habe ich dir erzählt, – nun, es hat sich auch ein Haufen Ereignisse angesammelt. Jetzt, mein teurer Rodja, umarme ich dich bis zu unserem nahen Wiedersehen und sende dir meinen mütterlichen Segen. Rodja, liebe deine Schwester Dunja; liebe sie so, wie sie dich liebt, und vergiß nicht, daß sie dich grenzenlos, mehr als sich selbst, liebt. Sie ist ein Engel und du Rodja, bist unser alles, unsere ganze Hoffnung und unser Trost. Sei du bloß glücklich, dann werden auch wir glücklich sein. Betest du zu Gott, Rodja, wie früher und glaubst du auch an die Güte des Schöpfers und unseres Erlösers? Ich fürchte im Herzen, daß der neueste moderne Unglaube auch dich berührt haben kann. Wenn es so ist, dann bete ich für dich. Erinnerst du dich, mein Lieber, wie du, als dein Vater noch lebte, in deiner Kindheit auf meinen Knien deine Gebete stammeltest, und wie glücklich waren wir alle damals. Lebe wohl, oder besser, – auf Wiedersehen! Ich umarme dich innig, innig und küsse dich unzähligemal.
Dein bis zum Tode
Pulcheria Raskolnikowa.“
Fast die ganze Zeit, während Raskolnikoff den Brief las, von den ersten Zeilen an, war sein Gesicht naß von Tränen; als er aber geendet hatte, war sein Gesicht bleich und zuckte, und ein hartes, bitteres, böses Lachen lag auf seinen Lippen. Er lehnte seinen Kopf an das dünne und abgenutzte Kissen und dachte lange, lange nach. Sein Herz schlug stark, und die Gedanken wogten hin und her. Es wurde ihm schließlich zu dumpf und eng in dieser gelben Kammer, die einem Käfig oder einem Kasten glich. Die Augen und die Gedanken verlangten eine freie Weite. Er nahm seinen Hut und ging hinaus, diesmal ohne Angst, jemand auf der Treppe zu begegnen: das hatte er vergessen. Er schlug den Weg in der Richtung nach Wassiljew Ostroff ein, den W.ski-Prospekt entlang, als hätte er dort eine eilige Angelegenheit, er ging aber, wie es seine Gewohnheit war, ohne den Weg zu beachten, flüsterte vor sich hin und sprach hin und wieder laut mit sich selbst; so daß er den Vorübergehenden auffiel, und viele hielten ihn für betrunken.
IV.
Der Brief der Mutter hatte ihn sehr erschüttert. Über die Hauptsache aber, das Moment, um das sich alles drehte, war er auch nicht einen Augenblick im Zweifel, nicht einmal während des Lesens. Ihrem Wesen nach war die Sache für ihn entschieden: „Diese Heirat kommt nicht zustande, solange ich lebe, und hol’ der Teufel den Herrn Luschin!“
„Die ganze Geschichte ist klipp und klar,“ murmelte er höhnisch lachend und im voraus triumphierend über die Folgen seines Entschlusses. „Nein, liebe Mama, nein, Dunja, ihr könnt mich nicht täuschen! ... Und da entschuldigen sie sich, daß sie mich nicht um Rat gefragt und ohne mich die Sache gemacht haben! Haben auch Grund dazu! Sie meinen, daß man es nicht mehr zerreißen kann; wir wollen mal sehen, ob es möglich ist oder nicht! Sie haben auch eine glänzende Ausrede gefunden – Peter Petrowitsch sei so beschäftigt, so beschäftigt, daß er nicht anders, als per Postpferde, fast per Eisenbahn, heiraten kann. Nein, Dunetschka, ich durchschaue alles und weiß, worüber du mit mir so viel sprechen möchtest. Ich weiß auch, worüber du die ganze Nacht im Zimmer auf- und abgehend nachgedacht hast, und was du vor dem Bilde der Gottesmutter, das bei Mama im Schlafzimmer hängt, gebetet hast. Es ist schwer, Golgatha hinaufzugehen ... Hm ... Also es ist endgültig beschlossen. Awdotja Romanowna, Sie geruhen also einen tüchtigen und resoluten Mann zu heiraten, der eigenes Vermögen besitzt – (der schon eigenes Vermögen besitzt, das ist solider und ehrfurchtgebietender) – der zwei Stellungen einnimmt und der die Überzeugungen unserer jüngeren Generation teilt (wie Mama sagt) und der, wie es scheint, gut ist, wie Dunetschka selbst sagt. Dieses ‚wie es scheint‘ ist das großartigste dabei! Und Dunetschka heiratet dieses ‚wie es scheint‘! ... Großartig! Großartig!
Es ist jedoch interessant, warum Mama mir über ‚die jüngere Generation‘ geschrieben hat? Bloß um die Person zu charakterisieren oder mit einer weitliegenden Absicht, – um mich für Herrn Luschin günstig zu stimmen? Oh, ihr Schlauen! Es wäre auch interessant, noch einen Umstand aufzuklären, – wie weit war an jenem Tage und in jener Nacht ihre beiderseitige Offenherzigkeit und auch in der folgenden Zeit? Wurde alles unter ihnen Wort für Wort besprochen, oder haben beide gefühlt, daß sie, eine wie die andere, ein und dasselbe auf dem Herzen hatten, so daß es überflüssig war, alles laut werden zu lassen und womöglich zu viel zu sagen. Sicher war es größtenteils so gewesen; man sieht’s aus dem Briefe. Mama schien er ein wenig hart, und die naive Mama wandte sich sofort an Dunja mit Bemerkungen. Die wurde selbstverständlich böse und ‚antwortete verstimmt‘. Das ist begreiflich! Wen wird es nicht wütend machen, wenn eine Sache auch ohne naive Fragen klar genug ist, und wenn ausgemacht ist, daß daran nicht mehr zu rütteln ist. Und warum schreibt sie mir: ‚Rodja, liebe Dunja! Sie liebt dich mehr als sich selbst‘. Wird sie etwa im geheimen von Gewissensbissen gequält, daß sie eingewilligt hat, die Tochter für den Sohn zu opfern. ‚Du bist unser Trost, du bist unser Alles! Oh, Mama! ...‘“
Der Zorn packte ihn immer stärker, und wäre Herr Luschin ihm jetzt begegnet, er hätte sich an ihm vergriffen!
„Hm ... das ist wahr,“ spann er die Gedanken weiter, die sich wie im Wirbelwinde in seinem Kopfe drehten. „Das ist wahr, daß man sich ‚einem Menschen allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn kennenzulernen,‘ Herr Luschin ist einem auch so verständlich. Die Hauptsache ist ‚ein tüchtiger und wie es scheint guter Mensch‘; es hat ja was zu sagen, daß er das Gepäck übernommen hat und für seine Rechnung den großen Koffer transportiert! Nun, ist er denn nicht gut? Die beiden aber, die Braut und die Mutter, akkordieren mit einem Bauern und reisen in einem mit Strohmatten gedeckten Wagen – ich kenn es ja selber! Das hat ja auch nichts zu sagen! Es sind bloß neunzig Werst, weiter aber ‚fahren wir zufrieden und glücklich dritter Klasse‘ – also über tausend Werst. Es ist auch vernünftig, – man muß sich nach der Decke strecken; aber Sie, Herr Luschin, was denken Sie dabei? Es ist ja Ihre Braut ... Sollten Sie etwa nicht wissen, daß Mutter sich das Geld zur Reise auf ihre Pension hin leiht? Gewiß, Sie haben hier ein gemeinsames kaufmännisches Geschäft, ein Unternehmen auf gegenseitigen Vorteil und mit gleichlautenden Anteilen, folglich fallen die Ausgaben auch in gleiche Teile; wie nach dem Sprichworte, – Salz und Brot zusammen, Tabak aber jeder für sich. Ja, aber auch hier hat der geschäftstüchtige Mann die beiden ein wenig übers Ohr gehauen, – das Gepäck kommt ihm billiger als ihre Reise zu stehen, und vielleicht kostet das Gepäck ihm gar nichts. Sehen denn beide es nicht oder wollen sie es nicht sehen? Sie sind ja zufrieden, sind beide zufrieden! Wenn man aber denkt, daß dies erst der Anfang ist und daß das dicke Ende später nachkommt! Was fällt einem hier am meisten auf, – nicht der Geiz, nicht die schmutzige Rechnerei, sondern der Ton des Ganzen. Das ist ja der künftige Ton nach der Verheiratung, die warnende Prophezeiung ... Ja, und die Mama, warum ist sie so flott? Mit was kommt sie nach Petersburg? Mit drei Rubel oder mit zwei ‚Scheinchen,‘ wie die ... Alte sagt ... hm! Wovon will sie denn in Petersburg leben? Sie hat schon aus irgendwelchen Anzeichen herausgefunden, daß sie mit Dunja nach der Verheiratung nicht zusammenleben kann, nicht mal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat sich auch hier sicher irgendwie versprochen, hat es zu verstehen gegeben, obwohl Mama sich mit beiden Händen dagegen sträubt, – ‚ich will,‘ sagt sie, ‚es selbst ablehnen‘. Ja, auf was hofft sie denn noch – mit ihrer Pension von hundertundzwanzig Rubel, von der noch die Schuld an Afanassi Iwanowitsch abgezogen wird? Sie strickt dann zu Hause Tücher, stickt Manschetten und verdirbt sich die alten Augen, und das bringt ihr zwanzig Rubel im Jahre ein zu der Pension, das kenne ich. Also, hofft man doch und baut auf die Freigiebigkeit und die Großmut des Herrn Luschin. ‚Er wird es mir selbst anbieten,‘ meint sie, ‚wird mich darum bitten.‘ Nein, darauf kann sie lange warten. So geht es stets diesen schönen Schillerschen Seelen, – bis zum letzten Moment schmücken sie einen Menschen mit Pfauenfedern, bis zum letzten Moment glauben sie an das Gute und nicht an das Böse im Menschen; obwohl sie die Kehrseite der Medaille ahnen, belügen sie sich lieber selbst, weil sie sich vor der Wahrheit fürchten. Mit beiden Händen wehren sie sich dagegen, bis ihnen schließlich der ausgeschmückte Mensch eigenhändig einen Nasenstüber gibt. Es wäre interessant zu wissen, ob Herr Luschin Orden hat; ich gehe eine Wette ein, daß er den Orden der heiligen Anna im Knopfloche stecken hat und daß er ihn zu Diners bei allerhand Kaufleuten und Lieferanten trägt. Vielleicht wird er ihn auch zur Feier seiner Hochzeit anlegen! übrigens, hol ihn der Teufel! ... Nun, gegen Mama ist nichts zu sagen, sie ist einmal so, aber was ist mit Dunja? Liebe Dunetschka, ich kenne sie doch! Sie war bereits zwanzig Jahre alt, als wir uns zum letztenmal sahen, ihren Charakter habe ich schon damals verstanden. Die Mama schreibt ‚Dunetschka kann vieles ertragen‘. Das wußte ich schon früher. Das wußte ich bereits vor zweiundeinhalb Jahren, und seit jener Zeit habe ich nachgedacht, zweiundeinhalb Jahre habe ich gerade darüber nachgedacht, wie vieles Dunetschka ertragen kann? Denn Herrn Sswidrigailoff mit all dem Folgenden ertragen zu können, heißt viel ertragen können. Jetzt aber meint sie, wie auch Mama, daß man den Herrn Luschin als zukünftigen Ehemann ebenfalls ertragen kann, der die Theorie über die Vorzüge von Frauen vertritt, die von Hause aus bettelarm sind und folglich von ihren Männern nur Wohltaten empfingen, und der dies fast bei der ersten Zusammmkunft auseinandersetzt. Nun, gut, wollen wir annehmen, er habe ‚sich versprochen,‘ obwohl er doch ein verständiger Mann ist, der sich vielleicht gar nicht versprochen, sondern sofort ihre richtige Stellung klargestellt wissen wollte, aber Dunja, Dunja, was ist mit ihr? Sie durchschaut doch den Menschen klar und deutlich, und muß mit ihm leben. Sie würde lieber schwarzes Brot essen und Wasser dazu trinken, als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre sittliche Freiheit für keinen Komfort hergeben; für ganz Schleswig-Holstein würde sie sie nicht hergeben, geschweige denn für einen Herrn Luschin. Nein, Dunja war nicht so, soweit ich sie kannte, und ... hat sich sicher nicht verändert! ... Was ist da zu sagen! Sswidrigailoffs sind bitter! Es ist bitter, sein ganzes Leben als Gouvernante für zweihundert Rubel in der Provinz herumzuwandern, aber ich weiß, daß meine Schwester lieber als Neger zu einem Plantagenbesitzer oder als lettischer Bauer zu einem Deutschen in den Ostseeprovinzen sich verdingen würde, als ihren Geist und ihr sittliches Empfinden durch die Verbindung mit einem Manne zu besudeln, den sie nicht achtet und mit dem sie nichts verbindet – auf ewig, aus persönlichem Vorteil bloß! Und wäre Herr Luschin sogar aus reinstem Golde oder aus einem einzigen Brillanten, auch dann würde sie nie einverstanden sein, die gesetzliche Bettgenossin des Herrn Luschin zu werden! Warum willigt sie denn ein? Wo ist der Schlüssel? Wo ist die Lösung? Die Sache ist klar, – ihrer selber wegen, um eigener Annehmlichkeiten willen, selbst um sich vor dem Tode zu retten, wird sie sich nicht verkaufen, für einen anderen aber verkauft sie sich! Für einen geliebten, für einen vergötterten Menschen verkauft sie sich! Da haben wir das ganze Rätsel, – für den Bruder, für die Mutter verkauft sie sich, verkauft ihr Bestes. Oh, hier wird man auch bei Gelegenheit das sittliche Empfinden unterdrücken; man wird die Freiheit, die Ruhe, das Gewissen sogar, alles, alles – auf den Trödelmarkt bringen. Fahr dahin, Leben! Mögen bloß diese geliebten Wesen glücklich sein! Nicht genug dessen, man denkt sich noch eine eigene Kasuistik aus, geht bei den Jesuiten in die Lehre und beruhigt sich selbst vielleicht für eine Zeit, überzeugt sich selbst, daß es so gut sei, tatsächlich für einen guten Zweck nötig sei. Man ist nun einmal so, und alles ist so klar wie der Tag. Es ist ja selbstredend, daß hier niemand anders als Rodion Romanowitsch Raskolnikoff mitspricht und im Vordergrunde steht. Nun, warum denn auch nicht, – man kann sein Glück begründen, ihn auf der Universität unterstützen, ihn zum Teilhaber machen, sein ganzes Schicksal sichern. Vielleicht wird er später ein reicher Mann, wird als angesehener, geachteter, auch vielleicht als berühmter Mann sein Leben beenden! Und die Mutter? Ja, es handelt sich um Rodja, den teuren Rodja, den Erstgeborenen! Und warum soll man nicht um solch eines Erstgeborenen willen selbst die Tochter opfern! Oh, ihr lieben und einfältigen Seelen! Man wird in diesem Falle vielleicht auch das Los einer Ssonjetschka nicht verschmähen! Ssonjetschka, Ssonjetschka Marmeladowa, die ewige Ssonjetschka, solange die Welt besteht! Habt ihr beide auch das Opfer, dieses Opfer genau ermessen? Habt ihr es? Reicht die Kraft aus? Ist es zum Besten? Ist es vernünftig? Wissen Sie auch Dunetschka, daß das Los von Ssonjetschka in keiner Weise schlimmer ist als Ihr Los mit Herrn Luschin? ‚Liebe ist nicht vorhanden,‘ schreibt die Mama. Was, wenn aber außer Liebe auch keine Achtung vorhanden ist, sondern im Gegenteil sich Widerwille, Verachtung und Ekel schon eingestellt haben, was dann? Und es kommt dabei auf eins heraus, daß man auch hier auf Sauberkeit achtgeben muß. Ist es nicht etwa so? Verstehen Sie, verstehen Sie auch, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Verstehen Sie, daß die Sauberkeit der Frau von Luschin gleichbedeutend mit der Sauberkeit von Ssonjetschka ist, vielleicht aber auch schlimmer, gemeiner und ekliger, weil Sie, Dunetschka, doch mit einem Überschuß von Annehmlichkeiten rechnen, dort aber handelt es sich einfach ums Verhungern! Diese Sauberkeit kommt teuer, sehr teuer zu stehen, Dunetschka! Und wenn nun die Kräfte nicht ausreichen, werden Sie es bereuen? Wieviel Kummer, Trauer, Flüche und Tränen folgen nach, tief verborgen, da Sie doch keine Marfa Petrowna sind! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist jetzt schon voll Unruhe und quält sich; wie dann, wenn sie alles klar und deutlich durchschauen wird? Und was wird mit mir? ... Ja, was haben Sie denn tatsächlich von mir gedacht? Ich will Ihr Opfer nicht, Dunetschka, ich will es nicht, Mama! Es soll nicht geschehen, solange ich lebe, es soll nicht sein, nicht sein! Ich nehme es nicht an!“
Er kam plötzlich zu sich und blieb stehen.
„Es soll nicht geschehen! Was willst du denn tun, damit es nicht geschieht? Willst du es verbieten? Was für ein Recht hast du? Was kannst du ihnen versprechen, um dir solch ein Recht anzueignen? Dein ganzes Schicksal, die ganze Zukunft ihnen widmen, wenn du die Universität absolviert und eine Stelle erhalten hast? Davon haben wir gehört, das sind aber Träume, was nun, jetzt? Es muß doch jetzt etwas, sofort etwas getan werden, verstehst du? Was tust du jetzt? Du beraubst sie. Sie erhalten das Geld, indem sie die Pension von hundert Rubel versetzen und sich bei den Herrschaften Sswidrigailoff verdingen. Wie willst du sie, du zukünftiger Millionär, du Zeus, der über das Schicksal verfügt, wie willst du sie vor Sswidrigailoffs, vor Afanassi Iwanowitsch Wachruschin bewahren? Etwa nach zehn Jahren? Inzwischen wird die Mutter vor lauter Stricken, vielleicht auch von Weinen, längst erblindet sein; vielleicht vor lauter Fasten zugrunde gehen. Und die Schwester? Denk mal nach, was nach zehn Jahren oder in diesen zehn Jahren mit der Schwester geschehen kann? Ist es dir gegenwärtig?“
So quälte er sich und peitschte sich mit diesen Fragen; es bereitete ihm sogar einen gewissen Genuß. Und alle diese Fragen sie waren ihm nicht neu und unerwartet; sie waren alt, lange herumgetragen und längst vorhanden. Sie marterten sein Herz schon lange. Seit langer, sehr langer Zeit war in ihm diese Schwermut entstanden, war gewachsen, hatte sich angesammelt, war zur Reife gekommen, hatte sich konzentriert und die Form der entsetzlichen, wilden und phantastischen Frage angenommen, die sein Herz und seinen Kopf marterte und nach einer Lösung schrie. Der Brief von der Mutter hatte ihn jetzt wie ein Blitz getroffen. Jetzt war keine Zeit mehr, schwermütig zu sein, passiv zu leiden und zu erwägen, daß die Fragen unlösbar sind, sondern es muß unbedingt gehandelt werden, schnell gehandelt werden. Um jeden Preis muß ich mich für etwas entscheiden oder ...
„Oder sich vom Leben ganz und gar lossagen!“ rief er plötzlich in größter Erregung aus. – „Das Schicksal, so wie es ist, ein für allemal geduldig hinnehmen und alles in sich ersticken, sich von jeglichem Rechte zu wirken, zu leben und zu lieben, lossagen!“
„Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hingehen kann?“ erinnerte er sich plötzlich der gestrigen Frage Marmeladoffs, „denn es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte ...“
Plötzlich zuckte er zusammen, – ein Gedanke, auch von gestern, ging wieder durch seinen Kopf. Er zuckte aber nicht zusammen, weil dieser Gedanke ihm neu war. Er kannte ihn schon, er ahnte, daß er unbedingt „kommen wird“ und erwartete ihn sogar; auch war er nicht erst vom gestrigen Tage. Aber das andere war, daß dieser Gedanke vor einem Monat und von gestern noch bloß ein Traum war, jetzt aber ... jetzt erschien er ihm nicht mehr als Traum, sondern in einem neuen drohenden und völlig unbekannten Lichte, und er wurde dessen plötzlich bewußt ... Mit Keulenhieben schlug es ihn nieder, und vor seinen Augen wurde es dunkel. Er sah sich schnell um, als suche er etwas. Er wollte sich hinsetzen und suchte eine Bank; er war auf dem K.schen Boulevard. Nicht weit von ihm, etwa hundert Schritte, bemerkte er eine. Er ging eiligst darauf zu, auf dem Wege dahin aber ereignete sich ein Zwischenfall, der auf einige Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Während er sich nach einer Bank umsah, bemerkte er – ungefähr zwanzig Schritte vor sich – eine Frauensperson, zuerst schenkte er ihr so wenig Beachtung, wie all den Gegenständen, die an ihm vorbeiglitten. Es geschah ihm oft, daß er nach Hause kam und sich des Weges nicht entsann, den er gegangen war; so dahinzuwandern war ihm zur Gewohnheit geworden. Die Frauensperson aber, die vor ihm ging, hatte so etwas Sonderbares und Auffallendes an sich, daß seine Aufmerksamkeit allmählich an ihr haften blieb, – zuerst gegen seinen Willen und zu seinem Verdruß, dann aber mit sich steigerndem Interesse. Er wollte sich klarmachen, was an dieser Frauensperson Sonderbares war. Sie war wahrscheinlich ein noch sehr junges Mädchen; ging in dieser Hitze mit unbedecktem Kopfe, ohne Sonnenschirm und ohne Handschuhe und pendelte eigentümlich mit den Armen. Sie hatte ein leichtes seidenes Kleidchen an, das sehr bedenklich angezogen und kaum zugeknöpft war, und hinten an der Taille, gerade, wo der Rock anfing, war es zerrissen, ein ganzes Stück hing lose herunter. Um den entblößten Hals war ein kleines Tuch umgeworfen und fiel auf der einen Seite schief herab. Außerdem fiel es ihm auf, daß das Mädchen unsicher ging, stolperte und sogar schwankte. Diese Erscheinung erregte also die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikoffs. Er holte das Mädchen bei der Bank ein; sie aber warf sich in eine Ecke der Bank, lehnte den Kopf an die Rücklehne und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster Ermattung. Als Raskolnikoff sie näher ansah, begriff er sofort, daß sie völlig betrunken war. Es war ein so sonderbarer und widerwärtiger Anblick, daß er an seiner Wirklichkeit zweifelte. Er sah vor sich ein junges Gesichtchen von sechzehn, oder gar erst fünfzehn Jahren, mit hellblonden Haaren, sehr hübsch, aber unnatürlich gerötet und allem Anscheine nach ein wenig aufgedunsen. Das junge Mädchen schien nicht ganz bei Bewußtsein zu sein; das eine Bein hatte sie über das andere geschlagen und weiter vorgestreckt, als anständig war; jedenfalls war es ihr nicht bewußt, daß sie auf der Straße war.
Raskolnikoff setzte sich nicht hin, wollte aber auch nicht weggehen; er blieb unschlüssig vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer ziemlich leer, jetzt aber in der zweiten Nachmittagsstunde und bei dieser Hitze war fast niemand zu sehen. Nur etwa fünfzehn Schritte weiter, am Ende des Boulevards war seitwärts ein Herr stehengeblieben, der allem Anscheine nach die größte Lust hatte, an das junge Mädchen mit gewissen Absichten heranzutreten. Er hatte sie wahrscheinlich von weitem erblickt und war ihr nachgeeilt, Raskolnikoff aber hatte seinen Weg gekreuzt. Er warf ihm feindliche Blicke zu, die unbemerkt bleiben sollten und wartete voll Ungeduld, bis der Lump fortgegangen wäre, und er zu seinem Rechte käme. Die Sache war klar. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, kräftig, wohlgenährt, mit roten Lippen und kleinem Schnurrbart, und sehr elegant gekleidet. Raskolnikoff ärgerte sich über ihn; er bekam plötzlich Lust, diesen gutgenährten Gecken in irgendeiner Weise zu beleidigen. So verließ er das junge Mädchen und trat an den Herrn heran.
„He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier?“ rief er ihm zu, ballte die Fäuste und lachte mit vor Wut bleichen Lippen.
„Was soll das heißen?“ fragte der Herr streng, zog die Augenbrauen zusammen und maß ihn mit einem hochmütigen Blick.
„Sie sollen sich packen, heißt das!“
„Wie wagst du, Kanaille! ...“
Und er erhob sein Stöckchen. Raskolnikoff stürzte sich mit geballten Fäusten auf ihn, vollständig vergessend, daß der kräftige Herr mit ein paar solchen, wie er, fertig würde. In diesem Augenblicke aber packte ihn jemand von hinten, und zwischen beide trat ein Schutzmann.
„Ich bitte, meine Herren, sich nicht an öffentlichen Plätzen zu prügeln. Was wünschen Sie? Wer bist du?“ wandte er sich streng an Raskolnikoff, nachdem er dessen Lumpen erblickt hatte.
Raskolnikoff sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Soldatengesicht mit grauem Schnurrbart und Backenbart und einem verständigen Blick.
„Sie brauche ich gerade,“ rief er aus und faßte ihn bei der Hand. „Ich bin der ehemalige Student Raskolnikoff ... Das können auch Sie erfahren!“ wandte er sich an den Herrn. „Kommen Sie bitte mit, ich will Ihnen etwas zeigen ...“
Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank.
„Sehen Sie, sie ist ganz betrunken, soeben kam sie von dem Boulevard her. Wer weiß, wer sie ist, aber sie sieht nicht aus, wie eine gewerbsmäßige. Es ist wahrscheinlicher, daß man sie irgendwo betrunken gemacht und verführt hat ... zum erstenmal ... verstehen Sie ... und hat sie dann auf die Straße gebracht. Sehen Sie, wie das Kleid zerrissen ist, sehen Sie, wie es angezogen ist, – man hat sie angekleidet, nicht sie selber, und ungeschickte Hände, Männerhände haben sie angekleidet. Das sieht man doch. Sehen Sie aber bitte dorthin, – diesen Geck, mit dem ich mich soeben beinahe geprügelt hätte, kenne ich nicht, ich sehe ihn zum erstenmal. Er hat sie auch auf der Straße bemerkt, hat gesehen, daß sie betrunken, besinnungslos betrunken ist, und nun möchte er furchtbar gern an sie herankommen, und sie abfangen, und sie in diesem Zustande irgendwo hinschleppen ... Es ist sicher so, glauben Sie mir, ich irre mich nicht. Ich habe gesehen, wie er sie beobachtet und verfolgt hat, ich habe ihn bloß daran gehindert, und er wartet nun, bis ich weggehe. Sehen Sie, er ist jetzt ein paar Schritte weitergegangen und bleibt stehen, als drehe er sich eine Zigarette ... Wie können wir sie ihm entreißen? Wie können wir sie nach Hause schaffen, – denken Sie doch darüber nach!“
Der Schutzmann hatte im Nu alles verstanden und begriffen. Die Absichten des kräftigen Herrn waren ihm klar, mit dem jungen Mädchen aber mußte etwas geschehen. Der Veteran beugte sich über sie, um sie näher zu betrachten und ein aufrichtiges Mitleid drückte sich in seinen Zügen aus.
„Ach, wie schade!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Sie ist ja noch ein Kind. Man hat sie verführt, das ist sicher. Hören Sie, mein Fräulein,“ begann er sie zu rufen. „Wo wohnen Sie?“
Das junge Mädchen öffnete die müden, schläfrigen Augen, blickte stumpf den Fragenden an und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Hören Sie,“ sagte Raskolnikoff. „Hier haben Sie,“ er suchte in der Tasche und zog zwanzig Kopeken hervor, die er noch fand, „hier haben Sie zu einer Droschke, und lassen Sie sie durch einen Kutscher nach Hause bringen. Wenn wir bloß Ihre Wohnung erfahren könnten.“
„Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ begann von neuem der Schutzmann, nachdem er das Geldstück in Empfang genommen hatte. „Ich will Ihnen sofort eine Droschke besorgen und will Sie selbst begleiten. Wohin befehlen Sie? Ah? Wo wohnen Sie?“
„Geht fort! ... Laßt mich in Ruhe! ...“ murmelte das Mädchen und wehrte von neuem mit der Hand ab.
„Ach, wie schlecht! Ach, welch eine Schande, Fräulein, welch eine Schande!“ sagte der Schutzmann und schüttelte mit dem Kopfe, in Entrüstung und Mitleid. „Das ist eine Aufgabe!“ wandte er sich an Raskolnikoff und sah ihn wieder flüchtig von Kopf bis zu Füßen an. Wahrscheinlich erschien er ihm merkwürdig, – ein Mensch in solchen Lumpen, der Geld hergab.
„Haben Sie sie weit von hier gefunden?“ fragte er ihn.
„Ich sagte Ihnen – sie ging mit wankenden Schritten vor mir, hier, auf dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie sofort hin.“
„Ach, welch eine Schande jetzt in der Welt herrscht, Herrgott! So blutjung und schon betrunken! Man hat sie verführt, das ist sicher. Auch das Kleidchen ist zerrissen ... Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift ... Ja, sie wird wahrscheinlich eine Adlige sein, von den armen ... Jetzt gibt es viele solche. Dem Aussehen nach ist sie von den zarten, ganz wie ein Fräulein ...“ und er beugte sich wieder über sie.
Vielleicht wuchsen bei ihm zu Hause auch solche Töchter heran, „ganz wie Fräuleins und von den zarten,“ mit Gewohnheiten der Feinerzogenen und mit angenommener Modesucht ...
„Die Hauptsache ist,“ sagte Raskolnikoff, „daß dieser Schuft sie nicht bekommt! Warum soll er sie noch schänden! Man sieht ja, was er will, sehen Sie, der Schuft, er geht nicht weg.“
Raskolnikoff sprach laut und zeigte mit der Hand auf ihn. Jener hörte es und wollte wieder böse werden, aber besann sich und begnügte sich mit einem verächtlichen Blick. Dann ging er langsam zehn Schritt weiter und blieb wieder stehen.
„Das kann man verhindern, daß er sie bekommt,“ antwortete der Schutzmann in Gedanken. „Wenn sie bloß sagen würde, wohin man sie bringen soll, so aber ... Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ er beugte sich zu ihr.
Sie öffnete plötzlich die Augen, blickte aufmerksam die beiden an, als hätte sie etwas verstanden, stand von der Bank auf und ging in dieselbe Richtung zurück, woher sie gekommen war.
„Pfui, schämt euch, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen!“ sagte sie und wehrte wieder mit der Hand ab.
Sie ging schnell, aber auch, wie früher, stark schwankend.
Der feine Herr ging ihr nach, aber in einer anderen Allee, und verlor sie nicht aus den Augen.
„Haben Sie keine Sorge, ich will schon aufpassen!“ sagte entschlossen der bärtige Schutzmann und folgte dem Mädchen.
„Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift!“ wiederholte er laut und seufzte.
Plötzlich schien Raskolnikoff mit einem Schlage wie verwandelt.
„Hören Sie mal!“ rief er dem Schutzmann nach. Der wandte sich um.
„Lassen Sie es. Was geht es Sie an? Lassen Sie es. Möge er sich amüsieren“ (er zeigte auf den Stutzer). „Was geht es Sie an?“
Der Schutzmann begriff ihn nicht und starrte ihn an. Raskolnikoff lachte auf.
„Na nu!“ sagte der Schutzmann, machte eine abwehrende Handbewegung und ging dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach; wahrscheinlich hielt er Raskolnikoff entweder für einen Verrückten oder für etwas Schlimmeres.
„Meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen!“ sagte Raskolnikoff wütend, als er allein zurückgeblieben war. „Nun, mag er auch von dem, von dem andern nehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen, damit wird es auch enden ... Und wozu habe ich mich hineingemischt? Um zu helfen? Steht es mir denn zu, jemand zu helfen? Habe ich denn ein Recht dazu? Mögen sie doch einander lebendig auffressen, – was geht es mich an? Und wie durfte ich diese zwanzig Kopeken fortgeben? Gehören sie denn mir?“
Bei diesen sonderbaren Worten wurde es ihm schwer zumute. Er setzte sich auf die nun leere Bank. Seine Gedanken waren verwirrt ... Und es war ihm kaum möglich, in diesem Augenblicke einen Gedanken zu fassen. Er wollte sich vollkommen vergessen, alles vergessen, dann erwachen und ganz von neuem beginnen ...
„Armes Mädchen!“ sagte er, nachdem er die leere Ecke der Bank erblickte. „Sie wird zu sich kommen, wird weinen, und dann erfährt es die Mutter ... Zuerst wird sie sie schlagen, ihr die Rute geben, schmerzhaft und schmachvoll, vielleicht wird sie sie aus dem Hause jagen ... Und wenn sie sie nicht verjagt, werden es doch allerhand Darjas Franzowna erfahren, und das Mädchen wird aus einer Hand in die andere gehen ... Dann folgt das Krankenhaus – und das passiert stets mit denen, die bei sehr ehrenwerten Müttern leben und im geheimen lose Streiche verüben, – nun, und dann ... folgt wieder das Krankenhaus ... Wein ... Kneipen ... und dann nochmals das Krankenhaus ... und in zwei oder drei Jahren ist sie ein Krüppel, und im ganzen hat sie ein Alter von neunzehn oder auch bloß achtzehn Jahren erreicht ... Habe ich denn nicht genug solche gesehen? Wie sind sie aber so geworden? So und nicht anders sind sie es geworden ... Pfui! Mögen Sie es! Man sagt, es muß so sein. Jedes Jahr, sagt man, muß ein gewisser Prozentsatz draufgehen ... irgendwohin ... wahrscheinlich zum Teufel, um die übrigen zu erfrischen und ihnen nicht hinderlich zu sein. Prozentsatz! Die Menschen haben in der Tat herrliche Worte gefunden, – sie sind so beruhigend und wissenschaftlich noch dazu. Es ist gesagt – ein Prozentsatz muß sein, also kein Anlaß, um sich zu beunruhigen. Ja, hätte man ein anderes Wort dafür, nun dann ... würde es vielleicht beunruhigender sein ... Was aber, wenn auch Dunetschka in irgendeiner Weise in diesen Prozentsatz hineinkommt! ... Und wenn nicht in diesen, dann in einen anderen! ... Aber wohin gehe ich denn?“ – dachte er plötzlich. – „Sonderbar. Ich ging doch aus irgendeinem Grunde von Hause weg. Als ich den Brief gelesen hatte, ging ich fort ... Ich ging zu Rasumichin auf Wassiljew Ostroff ... jetzt erinnere ich mich. Aber wozu denn eigentlich? Und warum kam mir gerade jetzt der Gedanke zu Rasumichin zu gehen? Das ist sonderbar.“
Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer von seinen früheren Kommilitonen. Raskolnikoffs Eigentümlichkeit auf der Universität war, daß er fast keine Bekannten hatte, sich von allen zurückzog, zu niemandem hinging und ungern jemand bei sich empfing. Bald wandte man sich auch von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften, noch an Gesprächen, noch an Zerstreuungen – an nichts nahm er teil. Er arbeitete sehr eifrig, ohne auf sich Rücksicht zu nehmen; man achtete ihn deswegen, aber niemand liebte ihn. Er war sehr arm, abweisend stolz und unmitteilsam, als ob er etwas zu verheimlichen hätte. Manchem seiner Kommilitonen schien es, als sehe er auf sie alle, wie auf Unmündige herab, als hätte er sie alle in der Entwicklung, im Wissen und in Lebensanschauung überholt und als betrachte er ihre Anschauungen und ihre Interessen wie etwas Unreifes.
Rasumichin war er aus irgendeinem Grunde nähergekommen, das heißt, eigentlich nicht so nähergekommen, daß er ihm gegenüber mitteilsam und offener geworden wäre. Man konnte eben zu Rasumichin in keinem anderen Verhältnisse stehn. Er war ein ungemein lustiger und mitteilsamer Bursche und gut bis zur Einfalt. Unter dieser Einfalt verbargen sich jedoch Tiefe und Würde. Die besten seiner Kameraden wußten es, und alle liebten ihn. Er war sehr klug, konnte aber zuweilen wirklich täppisch sein. Sein Äußeres war charakteristisch – hochgewachsen, hager, schwarzhaarig und immer schlecht rasiert. Zuweilen suchte er Händel und genoß den Ruf eines bärenstarken Menschen. Eines Nachts hatte er in einer lustigen Gesellschaft mit einem Hiebe einen baumlangen Hüter der Ordnung niedergeschlagen. Trinken konnte er unmenschlich, aber er konnte auch wieder gar nicht trinken; manchmal verübte er Streiche, die ans Unerlaubte grenzten, aber er konnte auch Ruhe halten. Rasumichin war es auch eigen, daß ihn kein Mißerfolg verblüffte, und das Schlimmste schien ihn nicht beugen zu können. Er vermochte es, gegebenenfalls auf einem Dachboden zu hausen, höllischen Hunger und ungewöhnliche Kälte zu ertragen. Er war sehr arm und verschaffte sich ganz und gar seinen Unterhalt durch alle möglichen Arbeiten, für die er eine Unmenge Quellen hatte. Einmal verbrachte er einen ganzen Winter im ungeheizten Zimmer und begründete es damit, daß es sich in der Kälte besser schliefe. Gegenwärtig war er ebenfalls gezwungen, die Universität zu verlassen, aber nicht auf lange Zeit, und er mühte sich aus allen Kräften, seine Verhältnisse zu verbessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können. Raskolnikoff war seit vier Monaten nicht bei ihm gewesen, Rasumichin aber wußte sogar nicht dessen Wohnung. Vor zwei Monaten war er ihm einmal zufällig auf der Straße begegnet. Raskolnikoff aber hatte sich abgewandt und war sogar auf die andere Seite hinübergegangen, damit Rasumichin ihn nicht sehen sollte. Rasumichin hatte ihn wohl erkannt, ging aber ebenso vorbei, weil er den Freund nicht stören wollte.