V.
Es war ein Herr, nicht mehr jung, geziert, würdevoll, mit einem lauernden und verdrießlichen Gesichte; er begann damit, daß er an der Tür stehen blieb und sich mit unverkennbar beleidigtem Erstaunen umblickte, als ob er fragen würde: „wohin bin ich denn geraten?“ Mißtrauisch, mit dem Ausdruck eines affektierten Überraschtseins, fast eines Schreckens, sah er sich in Raskolnikoffs enger und niedriger „Schiffskajüte“ um. Mit gleichem Erstaunen richtete er seine Blicke auf Raskolnikoff selbst, der entkleidet, ungekämmt und ungewaschen auf seinem unansehnlichen, schmutzigen Sofa lag und ihn ebenso unverwandt betrachtete. Dann begann er mit gleicher Bedächtigkeit die abgerissene, unrasierte und ungekämmte Gestalt Rasumichins zu betrachten, der seinerseits ihm frech und fragend direkt in die Augen blickte, ohne sich von seinem Platze zu rühren. Das gespannte Schweigen dauerte etwa eine Minute und endlich trat, wie man es auch erwarten konnte, ein kleiner Stimmungswechsel ein. Nachdem der eingetretene Herr wahrscheinlich aus gewissen, übrigens sehr deutlichen Anzeichen entnommen hatte, daß mit einer herrischen Miene hier in dieser „Schiffskajüte“ nichts zu wollen sei, wurde er etwas freundlicher und sagte höflich, obgleich nicht ohne eine gewisse Strenge, indem er sich an Sossimoff wandte und jede Silbe seiner Frage betonte: „Rodion Romanytsch Raskolnikoff, Herr Student oder ehemaliger Student?“
Sossimoff rührte sich ein wenig und hätte auch vielleicht geantwortet, wenn Rasumichin, an den die Worte gar nicht gerichtet waren, ihm nicht zuvorgekommen wäre.
„Da liegt er auf dem Sofa! Und was wollen Sie?“ Dieses familiäre „Und was wollen Sie?“ traf den gezierten Herrn wie ein Hieb, und fast hätte er sich zu Rasumichin umgewandt, aber er hielt sich noch rechtzeitig zurück und wandte sich schnell wieder an Sossimoff.
„Da ist Raskolnikoff!“ brummte Sossimoff und wies auf den Kranken hin, dann gähnte er, wobei er ungewöhnlich weit seinen Mund aufsperrte und ihn ungewöhnlich lange in dieser Lage behielt. Dann bewegte er die Hand langsam zu der Westentasche, zog eine riesige, dicke, goldene Uhr hervor, öffnete den Deckel, sah nach und steckte sie ebenso langsam und träge wieder ein.
Raskolnikoff selbst lag die ganze Zeit schweigend auf dem Rücken und blickte unverwandt, scheinbar gedankenlos, den Eingetretenen an. Sein Gesicht, das er jetzt von der interessanten Blume in der Tapete abgewandt hatte, war außerordentlich bleich und drückte ein ungewöhnliches Leiden aus, als hätte er soeben eine qualvolle Operation durchgemacht, oder als hätte er eine Tortur hinter sich. Der eingetretene Herr aber begann allmählich seine Aufmerksamkeit mehr und mehr zu erregen, es tauchten in ihm Zweifel, Mißtrauen und sogar anscheinend Furcht auf. Als aber Sossimoff auf ihn hinwies und „da ist Raskolnikoff“ sagte, erhob er sich schnell, wie auffahrend, setzte sich auf sein Bett und sagte mit fast herausfordernder, aber schwankender und schwacher Stimme:
„Ja. Ich bin Raskolnikoff! Was wollen Sie?“
Der Besucher blickte ihn aufmerksam an und sagte mit Betonung:
„Peter Petrowitsch Luschin. Ich habe die sichere Hoffnung, daß mein Name Ihnen nicht ganz unbekannt sei.“
Raskolnikoff aber, der etwas ganz anderes erwartet hatte, blickte ihn stumpf und nachdenklich an und antwortete nichts, als ob er Peter Petrowitschs Namen entschieden zum erstenmal höre.
„Wie? Haben Sie bis jetzt noch keine Nachrichten über mich erhalten?“ fragte Peter Petrowitsch mit einer Bewegung unangenehmer Überraschung.
Anstatt zu antworten, ließ sich Raskolnikoff langsam auf das Kissen nieder, steckte die Hände unter den Kopf und begann die Zimmerdecke zu betrachten. Eine bedrückte Stimmung zeigte auf Luschins Gesicht starke Betroffenheit. Sossimoff und Rasumichin fingen an, ihn mit noch größerer Neugierde anzusehen, und er wurde sichtlich verlegen.
„Ich nahm an und rechnete bestimmt darauf,“ murmelte er, „daß der Brief, der schon vor mehr als zehn Tagen, vielleicht sogar vor vierzehn Tagen abgesandt ist ...“
„Hören Sie mal, was sollen Sie denn die ganze Zeit an der Türe stehen?“ unterbrach ihn Rasumichin, „wenn Sie etwas mitzuteilen haben, setzen Sie sich doch, für Sie und Nastasja ist es dort zu eng. Nastasja, mach mal Platz, laß ihn durchgehen! Kommen Sie hierher, da haben Sie einen Stuhl! Kriechen Sie hier durch!“
Er rückte seinen Stuhl von dem Tische ab, machte zwischen dem Tisch und seinen Knien einen Durchgang frei und wartete in dieser unbequemen Stellung, bis der Gast durch diesen Spalt „hindurchkriechen“ würde. Der Moment war so gewählt, daß man nicht gut ablehnen konnte, und der Besucher kroch durch den engen Durchgang, sich beeilend und stolpernd, hindurch. Als er den Stuhl erreicht hatte, setzte er sich und blickte Rasumichin argwöhnisch an.
„Seien Sie übrigens nicht verlegen,“ platzte dieser hervor. „Rodja ist schon den fünften Tag krank und hat drei Tage phantasiert, jetzt aber ist er zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt sein Arzt, er hat ihn soeben untersucht, und ich bin Rodjas Kamerad, auch ein ehemaliger Student, und pflege ihn nun; also, achten Sie nicht auf uns und genieren Sie sich nicht, fahren Sie nur fort und sagen Sie, was Sie zu sagen haben.“
„Ich danke Ihnen. Werde ich aber nicht durch meine Anwesenheit und mit meinem Gespräch den Kranken aufregen?“ wandte sich Peter Petrowitsch an Sossimoff.
„N–nein,“ sagte Sossimoff langsam, „Sie können ihn vielleicht zerstreuen.“
Und er gähnte wieder.
„Oh, er ist schon lange bei Besinnung, seit heute morgen!“ fuhr Rasumichin fort, dessen Familiarität den Stempel solch einer unverfälschten Treuherzigkeit trug, daß Peter Petrowitsch allmählich seine Fassung wiedergewann, zum Teil wohl auch darum, weil dieser zerlumpte und freche Mensch sich als Student vorgestellt hatte.
„Ihre Frau Mutter ...“ begann Luschin.
„Hm!“ äußerte sich Rasumichin vernehmlich.
Luschin blickte ihn fragend an.
„Das hat nichts zu sagen, ich tat es nur so; fahren Sie fort ...“
Luschin zuckte die Achseln.
„... Ihre Frau Mutter begann noch während meiner Anwesenheit dort einen Brief an Sie. Nachdem ich hier eingetroffen war, ließ ich absichtlich einige Tage vergehen und kam nicht gleich zu Ihnen, um ganz gewiß zu sein, daß Sie von allem unterrichtet sind, jetzt aber zu meinem Erstaunen ...“
„Ich weiß, ich weiß!“ sagte plötzlich Raskolnikoff mit dem Ausdrucke des ungeduldigsten Ärgers. „Sie sind es? Der Bräutigam? Nun, ich weiß ... und genug!“
Peter Petrowitsch fühlte sich entschieden beleidigt, aber er schwieg. Er dachte eifrig nach, was dieses alles zu bedeuten habe. Es herrschte ein minutenlanges Schweigen.
Indessen begann Raskolnikoff, der sich bei seiner Antwort nur ein wenig ihm zugekehrt hatte, ihn von neuem aufmerksam und mit einer gewissen Neugier anzusehen, als hätte er vorhin nicht Zeit gefunden, ihn ganz zu betrachten oder als wäre ihm etwas Neues an ihm aufgefallen; er erhob sich zu dem Zwecke sogar absichtlich von dem Kissen. In dem ganzen Aussehen von Peter Petrowitsch lag wirklich etwas Besonderes, und zwar etwas, das die Bezeichnung „Bräutigam,“ die ihm soeben so ungeniert zugeteilt wurde, zu rechtfertigen schien. Man konnte sehen, und zwar ziemlich deutlich, daß Peter Petrowitsch sich sehr beeilt hatte, die paar Tage seines Aufenthaltes in der Residenz auszunutzen, um sich in Erwartung der Braut neu auszustaffieren und zu verschönern, was gewiß sehr unschuldig und statthaft war. Sogar die eigentümliche, vielleicht ein wenig zu ausgeprägte Selbstzufriedenheit über seine angenehme Veränderung konnte in diesem Falle verzeihlich erscheinen, denn Peter Petrowitsch war ja in dem Stande eines Bräutigams. Seine ganze Kleidung war soeben vom Schneider gekommen und alles war gut, nur daß eben alles zu neu war und zu sehr den bestimmten Zweck verriet. Auch der elegante, nagelneue, runde Hut deutete auf diesen Zweck hin, – Peter Petrowitsch behandelte ihn zu ehrerbietig und hielt ihn mit zu großer Vorsicht in Händen. Auch das reizende Paar Handschuhe von heller lila Farbe bezeugte das, wenn auch nur damit, daß man sie nicht anzog, sondern in der Hand hielt. Helle und jugendliche Farben herrschten in Peter Petrowitschs Kleidung vor. Er hatte ein sehr hübsches Sommerjackett von hellbrauner Farbe an, helle leichte Beinkleider, ebensolch eine Weste, neugekaufte feine Wäsche, eine leichte Krawatte aus Batist mit rosa Streifen, und das allerbeste war dabei, daß alles Peter Petrowitsch sehr gut kleidete. Sein Gesicht, sehr frisch und sogar hübsch, schien auch ohnedem jünger als fünfundvierzig Jahre. Ein dunkler Backenbart umrahmte es zu beiden Seiten und verdichtete sich ziemlich hübsch um das glänzende, vorzüglich rasierte Kinn. Auch die Haare, übrigens nur stellenweise und kaum bemerkbar grau, waren von einem Friseur gekämmt und gekräuselt, erhielten aber dadurch nichts Lächerliches oder gaben ein dummes Aussehen, was gewöhnlich bei gekräuselten Haaren der Fall ist, weil es dem Gesichte eine unvermeidliche Ähnlichkeit mit einem Deutschen, der zum Altar schreitet, verleiht. Wenn in diesem ziemlich hübschen und soliden Gesichte etwas tatsächlich Unangenehmes und Abstoßendes war, so hatte dies einen anderen Grund. Nachdem Raskolnikoff Herrn Luschin ungeniert betrachtet hatte, lächelte er sarkastisch, ließ sich wieder auf das Kissen nieder und begann, wie früher, die Zimmerdecke anzusehen.
Herr Luschin aber nahm sich zusammen und schien entschlossen zu sein, diese Sonderbarkeiten vorläufig nicht zu beachten.
„Ich bedauere sehr, sehr, Sie in solch einer Lage zu finden,“ begann er von neuem, mit Mühe das Schweigen brechend. „Wenn ich von Ihrem Unwohlsein gewußt hätte, wäre ich früher gekommen. Aber, wissen Sie, die Plackereien ... Ich habe außerdem eine sehr wichtige Angelegenheit im Senat, in meiner Eigenschaft als Advokat. Ich erwähne nicht die Sorgen, die auch Sie erraten können. Die Ihrigen, das heißt Ihre Frau Mutter und Schwester, erwarte ich stündlich ...“
Raskolnikoff machte eine Bewegung und wollte etwas sagen; sein Gesicht drückte eine gewisse Erregung aus. Peter Petrowitsch hielt in Erwartung inne, aber da nichts erfolgte, fuhr er fort: „... Stündlich. Ich habe ihnen fürs erste eine Wohnung gesucht ...“
„Wo?“ fragte leise Raskolnikoff.
„Gar nicht weit von hier, im Hause von Bakalejeff.“
„Das ist auf dem Wosnesensky-Prospekt,“ unterbrach ihn Rasumichin, „dort sind zwei Stockwerke, als möblierte Zimmer eingerichtet; der Kaufmann Juschin ist Inhaber; ich bin dort gewesen.“
„Ja, es sind möblierte Zimmer ...“
„Es ist fürchterlich dort; Schmutz, Gestank und ein verdächtiger Ort auch; mancherlei ist da vorgefallen. Ja, und weiß der Teufel, was da nicht alles wohnt! ... Ich selbst bin dort aus einem skandalösen Grunde gewesen. Übrigens ist es billig.“
„Ich konnte selbstverständlich nicht soviel erfahren, da ich selbst vor kurzem angekommen bin,“ antwortete Peter Petrowitsch empfindlich, „es sind übrigens zwei sehr, sehr saubere kleine Zimmer, und da es auf eine sehr kurze Zeit nur ist ... Ich habe schon eine wirkliche, das heißt unsere künftige Wohnung gefunden,“ wandte er sich an Raskolnikoff, „und jetzt wird sie instand gesetzt; unterdessen aber behelfe ich mich auch selbst mit einem möblierten Zimmer, zwei Schritte von hier, bei Frau Lippewechsel, in der Wohnung eines jungen Freundes von mir, Andrei Ssemenytsch Lebesjätnikoff; er hat auch mir das Haus von Bakalejeff empfohlen ...“
„Lebesjätnikoff?“ sagte langsam Raskolnikoff, als ob er sich auf etwas besinne.
„Ja, Andrei Ssemenytsch Lebesjätnikoff, er ist im Ministerium angestellt. Kennen Sie ihn?“
„Ja ... nein ...“ antwortete Raskolnikoff.
„Entschuldigen Sie, mir scheint es so nach Ihrer Frage. Ich war einmal sein Vormund ... ein sehr lieber junger Mann ... und mit Interessen ... Und ich bin froh, mit der Jugend zusammenzukommen; durch sie erfährt man alles Neue ...“
Peter Petrowitsch blickte erwartungsvoll alle Anwesenden an.
„Wie meinen Sie das?“ fragte Rasumichin.
„Nun, im besten Sinne des Wortes,“ sagte Peter Petrowitsch, als wäre er über die Frage erfreut. „Ich war, sehen Sie, seit zehn Jahren nicht mehr in Petersburg. Alle unsere Neuerungen, Reformen und Ideen, dies alles hat auch uns in der Provinz erreicht, aber um klarer zu sehen und um alles zu sehen, muß man in Petersburg sein. Nun, und meine Meinung ist, daß man am meisten bemerkt und erfährt, indem man unsere jüngere Generation beobachtet. Und offen gestanden, ich bin erfreut ...“
„Worüber denn?“
„Ihre Frage ist zu umfassend. Ich kann mich irren, aber es scheint mir, ich finde einen klareren Blick, sozusagen mehr Kritik, mehr Tüchtigkeit ...“
„Das ist wahr,“ sagte gelassen Sossimoff.
„Du lügst, Tüchtigkeit ist nicht da,“ mischte sich Rasumichin ein. „Tüchtigkeit erwirbt sich schwer und fällt nicht umsonst vom Himmel. Wir sind aber fast seit zweihundert Jahren von jeder Arbeit entwöhnt ... Ich gebe zu, Ideen hat man,“ wandte er sich an Peter Petrowitsch, „auch Wünsche für das Gute sind da, wenn auch kindische, auch Ehrlichkeit findet man vor, ungeachtet dessen, daß hierher unzählige Gauner gekommen sind, aber Tüchtigkeit gibt es doch nicht! Nur in Ausnahmefällen.“
„Ich bin mit Ihnen nicht einverstanden,“ erwiderte mit sichtbarem Behagen Peter Petrowitsch, „sicher gibt es Übertreibung, Unregelmäßigkeiten, aber man muß auch nachsichtig sein; Übertreibung zeugt von Eifer für die Sache und von der unrichtigen äußeren Umgebung, in der die Sache sich befindet. Wenn noch wenig getan ist, so war auch die Zeit zu kurz. Von den Mitteln rede ich gar nicht. Meiner persönlichen Auffassung nach ist sogar, wenn Sie wollen, etwas getan, – es sind neue nützliche Gedanken, einige neue nützliche Werke, an Stelle der früheren schwärmerischen und romantischen, verbreitet; die Literatur zeigt ein reiferes Gepräge; viele schädliche Vorurteile sind ausgerottet und werden verspottet ... Mit einem Worte, wir haben uns unwiderruflich von der Vergangenheit losgesagt, und das ist meiner Meinung nach schon eine Tat ...“
„Hat er das auswendig gelernt! Empfiehlt sich damit!“ sagte plötzlich Raskolnikoff.
„Was?“ fragte Peter Petrowitsch, da er nicht recht gehört hatte, aber er erhielt keine Antwort.
„Das ist alles wahr,“ beeilte sich Sossimoff zu bemerken.
„Ja, nicht wahr?“ fuhr Peter Petrowitsch fort und blickte Sossimoff freundlich an. „Geben Sie selbst zu,“ wandte er sich an Rasumichin, jetzt aber im Tone des Triumphes und der Überlegenheit, und beinahe hätte er „junger Mann“ hinzugefügt, „daß es einen Fortschritt oder, wie man sich jetzt ausdrückt, einen Prozeß gibt, wenigstens in der Wissenschaft und in den wirtschaftlichen Gesetzen ...“
„Das ist ein Gemeinplatz!“
„Nein, es ist kein Gemeinplatz! Wenn man mir zum Beispiel bis jetzt sagte: ‚Liebe deinen Nächsten‘, und ich tat es, – was kam dabei heraus?“ fuhr Peter Petrowitsch fort, vielleicht mit zu großem Eifer. „Es kam das heraus, daß ich meinen Rock in zwei Hälften zerriß, ihn mit dem Nächsten teilte, und wir beide blieben halbnackt, wie nach dem russischen Sprichworte: ‚Wer ein paar Hasen gleichzeitig nachjagt, fängt keinen einzigen.‘ Die Wissenschaft aber sagt: ‚Liebe vor allem zuerst dich selbst, denn alles in der Welt ist auf persönlichem Interesse begründet.‘ Wenn man sich selbst liebt, wird man seine Angelegenheiten, wie es sich gehört, in Ordnung bringen, und der Rock bleibt einem ganz und heil. Die wirtschaftlichen Gesetze fügen noch hinzu, daß, je mehr es in der Gesellschaft geordnete Privatangelegenheiten und sozusagen ganze und heile Röcke gibt, daß sie um so mehr Grundlagen hat, und daß um so mehr das Allgemeinwohl gefördert wird. Also, indem ich allein und ausschließlich für mich selbst erwerbe, erwerbe ich dadurch auch für alle und trage dazu bei, daß mein Nächster etwas mehr als einen zerrissenen Rock erhält, und nicht mehr als Wohltat von einzelnen Privatpersonen, sondern infolge des allgemeinen Fortschritts. Der Gedanke ist einfach, aber zum Unglück tauchte er zu spät auf, verdeckt durch Überschwänglichkeit und Schwärmerei, und es möchte scheinen, daß man nicht viel Witz braucht, um darauf zu kommen ...“
„Entschuldigen Sie, ich habe auch nicht viel Witz,“ unterbrach ihn Rasumichin schroff, „hören wir besser auf. Ich habe nur aus einem bestimmten Zweck begonnen, sonst ist mir dies ganze Geschwätz, dieses Sichselbst-Trösten, diese endlosen unaufhörlichen Gemeinplätze und dies ewige Einerlei in drei Jahren so zuwider geworden, daß ich bei Gott erröte, wenn auch andere, nicht ich bloß, in meiner Gegenwart davon sprechen. Sie haben sich selbstverständlich beeilt, sich mit Ihren Kenntnissen einzuführen, das ist sehr verzeihlich, und ich verurteile Sie nicht. Ich aber wollte bloß erfahren, wer Sie sind; denn sehen Sie, in der letzten Zeit haben sich so viel und allerhand Industrieritter an der allgemeinen Sache angeklebt und haben alles, womit sie in Berührung kamen, so zu ihrem Vorteil zugerichtet, daß sie entschieden die ganze Sache beschmutzt haben. – Nun genug davon!“
„Mein Herr,“ begann Luschin, sich mit der größten Würde aufrichtend, „wollen Sie etwa damit ausdrücken, daß auch ich ...“
„Oh, bitte, bitte ... Könnte ich es denn! ... Nun genug!“ schnitt Rasumichin ab und wandte sich unmittelbar an Sossimoff, um das frühere Gespräch fortzusetzen.
Peter Petrowitsch zeigte sich so klug, sofort der Erklärung zu glauben, beschloß aber, nach ein paar Minuten wegzugehen.
„Ich hoffe, daß unsere jetzt geschlossene Bekanntschaft,“ wandte er sich an Raskolnikoff, „nach Ihrer Genesung und infolge der Ihnen bekannten Umstände sich noch mehr befestigen wird ... Besonders wünsche ich Ihnen gute Besserung ...“
Raskolnikoff wandte nicht mal den Kopf um. Peter Petrowitsch schickte sich an, aufzustehen.
„Der Mörder war sicher ein Pfandgeber!“ Sossimoff stimmte zu.
„Unbedingt ein Pfandgeber!“ wiederholte Rasumichin. „Porphyri verrät seine Gedanken nicht, aber er verhört doch die Pfandgeber ...“
„Verhört die Pfandgeber?“ fragte Raskolnikoff laut.
„Ja, was ist denn?“
„Nichts.“
„Wo findet er sie denn?“ fragte Sossimoff.
„Einige hat Koch genannt; von anderen waren die Namen auf den Umschlägen der Sachen notiert, und manche kamen von selbst, als sie hörten ...“
„Na, das muß doch eine gewandte und erfahrene Kanaille sein! Welche Kühnheit! Welche Entschlossenheit!“
„Das ist es ja, daß dies nicht der Fall ist!“ unterbrach Rasumichin. „Das bringt auch alle von der Spur ab. Ich aber sage – er war ungewandt und unerfahren und sicher war es das erstemal. – Nimm Berechnung und eine gewandte Kanaille an, und es erscheint unglaublich. Nimm aber einen Unerfahrenen an, und es zeigt sich, daß nur der Zufall ihn unterstützt und gerettet hat, und was tut nicht der Zufall? Ich bitte dich, er hat vielleicht nicht einmal Hindernisse vorausgesehen! Und wie führt er die Tat aus? – Er nimmt Sachen im Werte von zehn und zwanzig Rubel, stopft sich damit die Taschen voll, wühlt in dem Kasten, in allerhand Weiberlumpen, – und in der Kommode, in der oberen Schublade findet man nachher in einer Schatulle an barem Gelde gegen anderthalb tausend, außer den Wertpapieren. Er hat nicht mal verstanden zu rauben, er hat bloß verstanden zu morden! Ich sage dir, es ist sein erster Fall, sein allererster; er hat seine Fassung verloren. Und nicht durch Berechnung, sondern durch Zufall ist er entkommen.“
„Mir scheint, Sie sprechen von der kürzlichen Ermordung der alten Beamtenwitwe,“ mischte sich Peter Petrowitsch ein, sich an Sossimoff wendend. Er stand schon mit dem Hute und Handschuhen in der Hand, aber vor dem Fortgehen wollte er noch einige geistreiche Worte fallen lassen. Er mühte sich sichtlich, einen guten Eindruck zu hinterlassen und die Eitelkeit überwand die Vernunft.
„Ja. Haben Sie davon gehört?“
„Selbstverständlich, es ist ja in der Nachbarschaft ...“
„Kennen Sie die Einzelheiten?“
„Das kann ich nicht behaupten. Mich aber interessiert dabei ein anderer Umstand, sozusagen die ganze Frage. Ich spreche nicht davon, daß in den letzten fünf Jahren die Verbrechen in der unteren Klasse sich vermehrt haben; ich spreche nicht von den ununterbrochenen Raubanfällen und Feuersbrünsten, die überall nun vorkommen; am auffallendsten aber erscheint mir, daß die Verbrechen auch in den höheren Klassen sich ebenso vermehren und sozusagen in paralleler Weise. Dort, hört man, hat ein ehemaliger Student auf offener Straße die Post beraubt; dort wieder fabrizieren Menschen, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung zu den ersten gehören, falsches Papiergeld; in Moskau ertappt man eine ganze Gesellschaft beim Fälschen von Scheinen der letzten Prämienanleihe, – und einer der Hauptbeteiligten ist ein Professor der Weltgeschichte; dort, im Auslande ermordet man einen von unsern Botschaftssekretären aus rätselhaften Gründen ... Und wenn jetzt diese alte Pfandleiherin von jemand aus der besseren Gesellschaft getötet ist, – denn einfache Leute versetzen keine Goldsachen, – wie kann man denn diese Verdorbenheit des gebildeten Teiles unserer Gesellschaft erklären?“
„Es gibt viele ökonomische Verschiebungen,“ bemerkte Sossimoff.
„Wie erklären?“ unterbrach ihn Rasumichin.
„Gerade durch die uns anhaftende Untüchtigkeit kann man es erklären.“
„Wieso denn?“
„Was antwortete Ihr Professor in Moskau auf die Frage, warum er die Scheine gefälscht habe? Alle werden durch allerhand Mittel reich, da wollte ich auch schnell reich werden – das war seine Antwort. Des Wortlautes entsinne ich mich nicht genau; aber der Sinn war, daß er auf fremde Kosten schnell, ohne zu arbeiten, reich werden wollte. Wir sind gewohnt, Hilfe zu erhalten, am Gängelbande zu gehen, Vorgekautes zu essen ... Nun, und schlägt die große Stunde, da zeigt sich jeder in seiner wahren Gestalt ...“
„Aber es gibt doch Moral. Und sozusagen Begriffe ...“
„Ja, was ereifern Sie sich denn?“ mischte sich Raskolnikoff plötzlich ins Gespräch. „Es ist doch nach Ihrer Theorie!“
„Wieso nach meiner Theorie?“
„Ziehen Sie doch die Konsequenzen dessen, was Sie vorhin predigten, und es ergibt sich, daß man Menschen umbringen darf ...“
„Aber ich bitte!“ rief Luschin aus.
„Nein, so ist das nicht!“ bemerkt Sossimoff.
Raskolnikoff lag bleich mit zuckender Lippe da und atmete schwer.
„Alles hat seine Grenzen,“ fuhr Luschin hochmütig fort, „eine ökonomische Idee ist noch keine Aufforderung zum Mord, und wenn man nur annimmt ...“
„Ist es wahr, daß Sie,“ unterbrach ihn von neuem Raskolnikoff mit vor Wut zitternder Stimme, aus der man die Freude zu beleidigen heraus merkte, „ist es wahr, daß Sie Ihrer Braut ... in derselben Stunde, als Sie ihr Jawort erhielten, gesagt haben, daß Sie sich am meisten darüber freuten ... daß sie eine Bettlerin sei ... weil es vorteilhafter sei, eine bettelarme Frau zu nehmen, um über sie später herrschen ... und ihr vorhalten zu können, daß Sie ihr Wohltäter seien? ...“
„Mein Herr!“ rief Luschin betroffen und gereizt aus und wurde rot und verwirrt. „Mein Herr ... so meine Worte zu entstellen ... Entschuldigen Sie, aber ich muß Ihnen sagen, daß die Gerüchte, die zu Ihnen gedrungen sind, oder besser gesagt, die Ihnen zugetragen sind, auch nicht den Schatten eines vernünftigen Grundes haben, und ich ... vermute, wer ... mit einem Worte ... dieser ... Pfeil ... mit einem Worte, Ihre Frau Mutter ... Sie erschien mir auch ohnedem, bei allen ihren übrigens ausgezeichneten Eigenschaften, in ihrer Auffassung ein wenig schwärmerisch und romantisch angehaucht ... Aber ich war doch tausend Meilen entfernt von der Voraussetzung, daß sie die Sache in solch einer von der Phantasie verunstalteten Weise auffassen und auslegen würde ... Und schließlich ... schließlich ...“
„Wissen Sie was?“ rief Raskolnikoff aus, erhob sich auf dem Kissen und sah ihn mit durchdringendem, scharfem Blicke an. „Wissen Sie was?“
„Was denn?“ Luschin hielt inne und wartete mit gekränkter und herausfordernder Miene.
Das Schweigen dauerte einige Sekunden.
„Daß, wenn Sie noch einmal ... wagen, nur ein Wort ... von meiner Mutter zu erwähnen, ich Sie die Treppe hinunterwerfe!“
„Was ist dir?“ rief Rasumichin aus.
„Ah, so ist die Sache!“ Luschin erbleichte und biß sich auf die Lippen. „Hören Sie, Herr,“ begann er stockend und mit aller Kraft an sich haltend, aber dennoch atemlos, „ich habe schon vorhin beim ersten Schritt Ihre Feindseligkeit erraten, aber ich blieb absichtlich hier, um noch mehr zu erfahren. Vieles konnte ich einem Kranken und Verwandten zugute halten, jetzt aber ... Ihnen ... niemals ...“
„Ich bin nicht krank!“ rief Raskolnikoff aus.
„Um so schlimmer ...“
„Scheren Sie sich zum Teufel!“
Luschin ging schon von selbst, ohne seine Rede zu vollenden, indem er wieder zwischen dem Tisch und Stuhl hindurchkroch; Rasumichin stand diesmal auf, um ihn durchzulassen. Ohne jemand anzusehen und ohne sogar Sossimoff mit einem Kopfnicken zu grüßen, der ihm längst schon Zeichen gegeben hatte, den Kranken in Ruhe zu lassen, ging Luschin hinaus, und als er durch die Tür gebückt hindurchging, hielt er vorsichtshalber seinen Hut in Schulterhöhe. Sogar die Krümmung seines Rückens schien ausdrücken zu wollen, daß er sich furchtbar beleidigt fühle.
„Aber wie kann man denn, wie kann man denn so ...“ sagte der verblüffte Rasumichin und schüttelte den Kopf.
„Laßt mich, laßt mich alle in Ruhe!“ rief Raskolnikoff rasend. „Ja, wollt ihr endlich mich in Ruhe lassen, ihr Quälgeister! Ich fürchte euch nicht! Ich fürchte jetzt niemand, niemand! Geht fort! Ich will allein sein, allein, allein sein!“
„Gehen wir!“ sagte Sossimoff und winkte Rasumichin.
„Erlaube, kann man ihn denn so lassen?“
„Gehen wir,“ bestand Sossimoff und ging hinaus.
Rasumichin sann nach und lief dann hinaus, ihn einzuholen.
„Es könnte schlimmer werden, wenn wir nicht gehorcht hätten,“ sagte Sossimoff, schon auf der Treppe. „Man darf ihn nicht reizen ...“
„Was ist mit ihm?“
„Wenn ihm bloß etwas Glückliches widerfahren wollte, das wäre gut. Vorhin war er bei Kräften ... Weißt du, er hat etwas auf dem Herzen. Etwas Starkes, Bedrückendes ... Das fürchte ich sehr!“
„Ja, vielleicht ist es dieser Herr Peter Petrowitsch! Aus dem Gespräche konnte man entnehmen, daß er seine Schwester heiraten will, und daß Rodja darüber kurz vor der Krankheit einen Brief erhalten hat ...“
„Ja; der Teufel hat ihn jetzt hergeführt; vielleicht hat er die ganze Sache verdorben. Hast du aber gemerkt, daß er gegen alles gleichgültig ist, über alles schweigt, außer den einen Punkt, wo er aus sich herausgeht – den Mord ...“
„Ja, ja!“ bestätigte Rasumichin. „Ich habe es sehr gut gemerkt. Er interessiert sich dafür, gerät in Aufregung. Man hat ihn am Tage, als er krank wurde, in dem Polizeibureau damit erschreckt; er fiel in Ohnmacht.“
„Erzähle mir darüber genauer heute abend, ich will dir auch später etwas sagen. Er interessiert mich sehr! Nach einer halben Stunde will ich ihn aufsuchen ... Ein Fieber wird übrigens nicht folgen.“
„Ich danke dir. Ich will unterdessen bei der lieben Praskovja warten und will durch Nastasja ihn beobachten lassen ...“
Raskolnikoff blickte voll Ungeduld und traurig Nastasja an; sie aber zögerte wegzugehen.
„Willst du jetzt Tee trinken?“ fragte sie ihn.
„Nachher! Ich will schlafen! Laß mich ...“ Er wandte sich krampfhaft der Wand zu. Nastasja ging hinaus.