V.

Lebesjätnikoff sah aufgeregt aus.

„Ich komme zu Ihnen, Ssofja Ssemenowna. Entschuldigen Sie ... Ich dachte mir, daß ich auch Sie treffen werde,“ – wandte er sich schnell an Raskolnikoff, – „das heißt, ich dachte nichts ... in dieser Hinsicht ... aber ich dachte ... Dort bei uns ist Katerina Iwanowna verrückt geworden,“ – schloß er plötzlich, zu Ssonja gewandt.

Ssonja schrie auf.

„Das heißt, es scheint wenigstens so ... Wir wissen nicht, was wir tun sollen, das ist es! Sie kam zurück ... man scheint sie irgendwo hinausgejagt, vielleicht auch geschlagen zu haben ... es scheint wenigstens so ... Sie war zu dem Vorgesetzten des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gelaufen, hatte ihn nicht zu Hause getroffen; er war bei einem anderen General zu Mittag geladen ... Und stellen Sie sich vor, sie lief dann dorthin, ... zu diesem anderen General, stellen Sie sich vor, – sie bestand auf ihrem Verlangen, den Vorgesetzten von Ssemjon Sacharytsch zu sehen, und sie hat, wie es scheint, ihn von der Tafel rufen lassen. Sie können sich denken, was passiert ist. Man jagte sie selbstverständlich hinaus; sie erzählte, daß sie den General beschimpft und ihm sogar etwas ins Gesicht geschleudert habe. Das kann man ihr schon glauben ..., daß man sie nicht zur Polizei gebracht hat, – verstehe ich nicht! Jetzt erzählt sie es allen, auch Amalie Iwanowna, doch es ist schwer zu verstehen, was sie meint, denn sie schreit und wirft sich dabei mit dem Kopfe an die Wand ... Ach ja – sie sagt und schreit, da sie jetzt von allen verlassen sei, jetzt wolle sie mit den Kindern auf die Straße gehen, die einen Leierkasten tragen sollen, die Kinder müßten singen und tanzen, auch sie würde singen und Geld einsammeln, und Tag für Tag wolle sie vor den Fenstern des Generals stehen ... ‚Mögen alle sehen,‘ sagt sie, ‚wie die edlen Kinder eines angesehenen Beamten als Bettler in den Straßen herumgehen müssen!‘ Sie schlägt die weinenden Kinder, Lene lehrt sie ein Lied singen, den Knaben tanzen und Poletschka ebenfalls; reißt alle Kleider entzwei; macht ihnen Mützen, wie die Gaukler sie haben; sie selbst will ein Becken tragen, darauf schlagen, an Stelle der Musik ... Uns will sie gar nicht anhören ... Stellen Sie sich vor, wie soll das werden? Das geht doch nicht an!“

Lebesjätnikoff hätte noch weiter gesprochen, aber Ssonja, die ihm mit angehaltenem Atem zugehört hatte, griff rasch nach ihrer Mantille und ihrem Hut, lief aus dem Zimmer und kleidete sich im Gehen an. Raskolnikoff ging ihr nach und Lebesjätnikoff folgte ihm.

„Sie ist ganz gewiß verrückt geworden!“ – sagte er zu Raskolnikoff und trat mit ihm auf die Straße, – „ich wollte nur Ssofja Ssemenowna nicht so erschrecken und sagte deshalb – ‚es scheint‘, aber es kann keinen Zweifel darüber geben. Man hört oft, daß bei Schwindsucht im Gehirn solche Knollen entstehen; schade, daß ich nicht Medizin studiert habe. Ich versuchte übrigens, sie zu überzeugen, aber sie will nichts hören.“

„Haben Sie ihr von diesen Knollen gesprochen?“

„Das heißt, eigentlich nicht von den Knollen. Sie würde es doch nicht verstanden haben. Ich sage aber, – wenn man einen Menschen logisch überzeugen kann, daß er eigentlich keinen Grund hat, zu weinen, so hört er auch auf zu weinen. Das ist klar. Oder meinen Sie, daß er nicht aufhören wird?“

„Dann wäre das Leben leicht,“ – antwortete Raskolnikoff.

„Erlauben Sie, erlauben Sie bitte; gewiß, bei Katerina Iwanowna würde es ziemlich schwer fallen, sie verstände es nicht. Aber ist Ihnen nicht bekannt, daß in Paris schon ernste Versuche gemacht worden sind über die Möglichkeit, durch Anwendung von logischer Überredung Wahnsinnige zu heilen? Ein Professor dort, der vor kurzem gestorben ist, ein großer Gelehrter, hat sich ausgedacht, daß man sie in dieser Weise heilen kann. Sein Grundgedanke ist, daß bei den Wahnsinnigen eine besondere Störung im Organismus nicht vorgeht, und daß der Wahnsinn sozusagen ein logischer Fehler, ein Fehler der Urteilsfähigkeit, eine falsche Ansicht von Dingen ist. Er widerlegte allmählich den Kranken, und denken Sie sich, er soll Erfolge erzielt haben. Da er außerdem auch Duschen anwandte, so wurden die Erfolge dieser Behandlung bezweifelt ... Es scheint wenigstens so ...“

Raskolnikoff hörte ihm längst nicht mehr zu. Als er an seinem Hause ankam, nickte er mit dem Kopfe Lebesjätnikoff zu und bog in den Torweg ein. Lebesjätnikoff kam zu sich, blickte sich um und lief weiter.

Raskolnikoff trat in seine Kammer und blieb mitten darin stehen. Warum war er hierher zurückgekehrt? Er sah diese gelblichen, abgerissenen Tapeten, diesen Staub, sein Sofa an ... Vom Hofe drang ein hartes ununterbrochenes Klopfen; man schien Nägel einzuschlagen ... Er trat an das Fenster, hob sich auf den Zehen und blickte lange mit außerordentlicher Aufmerksamkeit im Hofe umher. Der Hof aber war leer und man sah die Klopfenden nicht. Links, im Seitengebäude war hie und da ein geöffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Töpfe mit schwächlichen Geranien. Vor den Fenstern hing Wäsche ... Das ganze Bild kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa. Noch nie, nie hatte er sich so furchtbar einsam gefühlt!

Ja, er fühlte es noch einmal, daß er vielleicht Ssonja hassen werde, und zwar jetzt, wo er sie unglücklicher gemacht hatte.

Warum war er zu ihr hingegangen? Um um ihre Tränen zu bitten? Warum mußte er so unbedingt ihr Leben verkümmern? Oh, welche Gemeinheit.

„Ich bleibe allein!“ – sagte er plötzlich entschlossen, – „und sie soll nicht ins Gefängnis zu mir kommen!“

Nach etwa fünf Minuten erhob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Es war ein merkwürdiger Gedanke: – „Vielleicht ist es in Sibirien tatsächlich besser.“

Er erinnerte sich nicht, wie lange er in seinem Zimmer sich mit den einstürmenden unklaren Gedanken abgegeben hatte. Da öffnete sich plötzlich die Türe und Awdotja Romanowna trat herein. Sie blieb zuerst stehen und blickte ihn von der Schwelle an, so wie er gestern Ssonja angeblickt hatte; kam dann herein und setzte sich auf einen Stuhl, auf ihren gestrigen Platz, ihm gegenüber. Er sah sie schweigend und augenscheinlich gedankenlos an.

„Sei mir nicht böse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick,“ – sagte Dunja.

Der Ausdruck ihres Gesichtes war nachdenklich, aber nicht streng. Der Blick war klar und still. Er sah, daß auch sie mit Liebe zu ihm gekommen war.

„Bruder, ich weiß jetzt alles, alles. Mir hat Dmitri Prokofjitsch alles erklärt und erzählt. Man verfolgt und quält dich mit einem dummen und schändlichen Verdacht! ... Dmitri Prokofjitsch hat mir gesagt, daß für dich keine Gefahr vorhanden sei, daß du dich unnütz mit solch einem Schrecken befassest. Ich denke nicht, wie er, ich verstehe vollkommen, wie alles in dir empört sein muß, und daß diese Empörung in dir für immer Spuren hinterlassen kann. Davor habe ich Angst. Ich verurteile dich nicht und darf dich nicht verurteilen, daß du uns verlassen hast, verzeih mir, daß ich dir dies vorgeworfen habe. Ich weiß selbst, daß auch ich von allen fortgehen würde, wenn ich solch einen großen Kummer hätte. Ich werde der Mutter davon nichts sagen, will aber mit ihr immer über dich sprechen, und will in deinem Namen sagen, daß du sehr bald kommen wirst. Quäle dich nicht ihretwegen; ich werde sie beruhigen; aber quäle auch sie nicht zu sehr, – komm wenigstens noch einmal zu ihr; erinnere dich, daß sie unsere Mutter ist! Ich bin nur gekommen, um zu sagen,“ – Dunja stand auf, – „daß, falls du irgendwie mich brauchen solltest und wenn es ... mein Leben gälte ... so rufe mich, ich werde kommen. Leb wohl!“

Sie wandte sich schnell um und ging zur Türe.

„Dunja!“ – rief Raskolnikoff, stand auf und ging zu ihr, – „dieser Dmitri Prokofjitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.“

Dunja errötete ein wenig.

„Nun!“ – fragte sie nach einer Weile.

„Er ist ein tüchtiger, fleißiger, ehrlicher Mensch und ist starker Liebe fähig ... Leb wohl, Dunja.“

Dunja errötete, dann wurde sie unruhig.

„Was ist dir, Bruder, trennen wir uns denn wirklich für immer, daß du mir ... solch ein Vermächtnis machst?“

„Wie dem auch sei ... leb wohl ...“

Er kehrte sich um und ging zum Fenster. Sie blieb eine Weile stehen, sah ihn sorgenvoll an und ging mit dem Gefühle der Angst hinaus.

Er war ihr gegenüber nicht kälter! Es hatte einen Augenblick, in letzter Minute, gegeben, wo er die größte Lust verspürte, sie innig zu umarmen, von ihr Abschied zu nehmen und ihr alles zu sagen, aber er wagte ihr nicht einmal die Hand zu reichen.

„Sie würde vielleicht später noch erschauern bei dem Gedanken, daß ich sie umarmt habe, und würde sagen, daß ich ihr einen Kuß gestohlen hätte!“

„Würde sie dies ertragen können oder nicht?“ – fügte er nach einigen Minuten hinzu. – „Nein, sie würde es nicht ertragen können; eine solche Natur nicht ...“

Er dachte an Ssonja.

Vom Fenster kam eine kühle Luft. Draußen war es nicht mehr hell. Er nahm seine Mütze und ging hinaus.

Er konnte und wollte nicht auf seinen krankhaften Zustand achten. Aber diese ununterbrochenen Aufregungen und diese seelischen Erschütterungen konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem heftigen Fieber daniederlag, so war es vielleicht darum, weil diese inneren ununterbrochenen Aufregungen ihn vorläufig noch aufrecht und bei Bewußtsein hielten.

Er irrte ziellos herum. Die Sonne ging unter. Eine eigenartige Angst begann in der letzten Zeit seiner Seele sich zu bemächtigen. Es war kein bohrender oder brennender Schmerz; etwas Beständiges oder Bleibendes aber ging von ihm aus; die Ahnung einer Reihe endloser kalter, toter Jahre lag darinnen, einer Ewigkeit auf dem „ellenbreiten Raume“. In den Abendstunden war dieses Gefühl stärker und peinvoller.

„Und mit diesen dummen, rein physischen Schwächen, die vom Sonnenuntergang abhängen konnten, soll man sich vor Dummheiten hüten! Da läuft man dann nicht bloß zu Ssonja hin, auch zu Dunja!“ – murmelte er haßerfüllt vor sich hin. Man rief ihn beim Namen. Er blickte sich um; Lebesjätnikoff eilte auf ihn zu.

„Denken Sie, ich war bei Ihnen, ich suchte Sie. Stellen Sie sich vor, sie hat wirklich ihre Absicht ausgeführt und die Kinder mitgenommen. Ich habe sie mit Ssofja Ssemenowna nur mit Mühe gefunden. Sie selbst schlägt auf eine Pfanne, und läßt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie bleiben an Straßenecken und vor Läden stehen. Das dumme Volk läuft ihnen nach. Wir wollen hingehen!“

„Und Ssonja?“ – fragte Raskolnikoff unruhig und eilte Lebesjätnikoff nach.

„Sie ist ganz außer sich. Nicht Ssofja Ssemenowna, sondern Katerina Iwanowna ist außer sich; aber auch Ssofja Ssemenowna ist außer sich. Katerina Iwanowna ist aber ganz und gar aufgelöst. Ich sage Ihnen, sie ist vollkommen verrückt. Man wird sie noch zur Polizei bringen. Sie können sich vorstellen, wie das erst auf sie wirken wird ... Jetzt sind sie am Kanal bei der N.schen Brücke, gar nicht weit von Ssofja Ssemenownas Wohnung.“

Am Kanal, nicht weit von der Brücke und zwei Häuser von der Wohnung Ssonjas entfernt, hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Besonders Knaben und Mädchen liefen hin. Von der Brücke aus konnte man die heisere, überanstrengte Stimme von Katerina Iwanowna hören. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, fähig, das Straßenpublikum zu fesseln. Katerina Iwanowna hatte ihr altes, abgetragenes Kleid an, einen Schal umgelegt und einen zerrissenen Strohhut auf; sie war tatsächlich ganz außer sich. Dabei war sie müde und rang nach Atem. Ihr abgehärmtes schwindsüchtiges Gesicht sah noch leidender aus; außerdem sieht ein Schwindsüchtiger draußen im Sonnenlicht stets kränklicher und mehr entstellt aus als zu Hause, – ihr aufgeregter Zustand nahm kein Ende, sie wurde mit jedem Augenblicke gereizter. Bald stürzte sie sich auf die Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte sie auf der Straße in Gegenwart aller, wie sie tanzen und was sie singen sollten, begann ihnen zu erklären, warum dies nötig sei, geriet in Verzweiflung, daß sie nicht begreifen wollten, und schlug sie ... Dann stürzte sie wieder ins Publikum, – wenn sie einen einigermaßen besser gekleideten Menschen entdeckte, der stehen blieb, um sich die Sache anzusehen, beeilte sie sich sofort, ihm zu erklären, daß es so weit, – mit – den Kindern „aus einem feinen, man kann sogar sagen aristokratischen Hause,“ gekommen war. Wenn sie unter den Zuschauern Lachen oder ein freches Wort hörte, wandte sie sich sofort an die Dreisten und begann sie zu schelten. Einige lachten darüber, andere wieder schüttelten die Köpfe; aber allen war es interessant, die Wahnsinnige mit ihren erschrockenen Kindern anzusehen. Die Pfanne, die Lebesjätnikoff erwähnt hatte, war nicht da; Raskolnikoff sah sie wenigstens nicht. Katerina Iwanowna schlug den Takt nicht auf einer Pfanne, sondern mit ihren mageren Händen, wenn sie Poletschka zum singen und Lene und Kolja zum tanzen veranlaßte. Sie fing selbst an mitzusingen, wurde jedoch jedesmal beim zweiten Tone von einem quälenden Husten unterbrochen; dann wurde sie von neuem verzweifelt, fluchte ihrem Husten und weinte sogar. Am meisten brachte sie das Weinen und die Angst Koljas und Lenes auseinander. Sie hatte wirklich den Versuch gemacht, die Kinder aufzuputzen, wie Straßentänzer und Gaukler. Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weißem Stoff, damit er einem Türken ähnle. Für Lene reichte es zu einem Kostüm nicht aus; sie hatte nur ein rotes, gestricktes Käppchen des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch auf dem Kopfe und an dieses Käppchen war eine abgebrochene Straußfeder befestigt worden, die noch der Großmutter von Katerina Iwanowna gehört hatte und die bis jetzt, als ein altes Familienstück, im Koffer aufbewahrt wurde. Poletschka war in ihrem gewöhnlichen Kleidchen. Sie blickte schüchtern und weltvergessen die Mutter an, wich nicht von ihrer Seite, verbarg die Tränen, ahnend, daß die Mutter wahnsinnig geworden sei, und sah unruhig um sich. Die Straße und die Menschenmenge hatten sie äußerst erschreckt. Ssonja wich keinen Schritt von Katerina Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurückzukehren. Katerina Iwanowna aber blieb unerbittlich.

„Höre auf, Ssonja, höre auf!“ – schrie sie hastig, außer Atem und hustend. – „Du weißt selbst nicht, was du bittest, du bist wie ein Kind! Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich zu dieser vertrunkenen Deutschen nicht zurückkehren will. Mögen alle, ganz Petersburg sehen, wie die Kinder eines edlen Vaters, der sein ganzes Leben treu und redlich gedient hat, und man kann sagen, im Dienste gestorben ist, betteln gehen müssen.“ – Katerina Iwanowna hing schon an dieser Erfindung eigener Phantasie mit blindem Glauben. – „Mag es nur dieser schändliche Kerl von einem General sehen. Ja, du bist dumm, Ssonja, – was sollen wir denn essen, sage mir? Wir haben dich genug gepeinigt, ich will es nicht mehr! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind es!“ – rief sie aus, als sie Raskolnikoff erblickte, und stürzte zu ihm hin, – „erklären Sie bitte dieser dummen kleinen Person, daß wir nichts klügeres tun konnten! Sogar Leierkastenmänner verdienen, bei uns aber werden alle bemerken und erfahren, daß wir eine arme feine Familie und Waisen sind, die an den Bettelstab gebracht wurden, und dieser Kerl von einem General wird seine Stelle verlieren. Sie werden es sehen! Wir werden jeden Tag vor seinen Fenstern stehen, und wenn der Kaiser vorbeifahren wird, will ich mich auf die Knie werfen und auf die Kinder will ich zeigen und sagen: – ‚Schütze sie, Vater!‘ Er ist der Vater aller Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schützen, Sie werden es sehen, und diesen Kerl von einem General ... Lene! Tenez vous droite![11] Du, Kolja, wirst sofort wieder tanzen. Was heulst du? Er heult wieder! Nun, warum fürchtest du dich, Dummköpfchen! Oh, Gott! Was soll ich mit ihnen tun, Rodion Romanowitsch! Wenn Sie wüßten, wie unvernünftig sie sind! Was soll man mit ihnen tun! ...“

Und sie zeigte, fast weinend, was sie jedoch nicht hinderte, ununterbrochen und unaufhörlich zu reden, – auf die schluchzenden Kinder. Raskolnikoff versuchte sie zu überreden, nach Hause zu gehen und sagte ihr sogar, in der Meinung auf ihre Eigenliebe zu wirken, daß es für sie unpassend sei, wie Leierkastenleute in den Straßen umherzuziehen, weil sie doch beabsichtigte, die Vorsteherin einer Pension für junge Mädchen aus besseren Ständen ...

„Einer Pension für junge Mädchen, ha! ha! ha! Was weit herkommt, hat gut lügen – sagt das Sprichwort!“ – rief Katerina Iwanowna aus; nach dem Lachen überfiel sie ein starker Husten, – „nein, Rodion Romanowitsch, der Traum ist vorüber! Alle haben uns verlassen! ... Und dieser Kerl von einem General ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein Tintenfaß an den Kopf geworfen, – es stand gerade eins da, im Vorzimmer, neben dem Buche, wo alle ihre Namen eintragen, auch ich habe mich eingetragen, ich warf ihm das Tintenfaß an den Kopf und lief davon. Oh, gemeine, niederträchtige Menschen! Ich pfeife auf sie alle, ich will selbst die da füttern, will niemanden mehr anbetteln! Wir haben sie genug gequält!“ – und sie wies auf Ssonja. – „Poletschka, wieviel haben wir eingesammelt, zeige mir mal! Wie? Bloß zwei Kopeken? Oh, schändliche Menschen! Sie geben nichts, laufen uns bloß mit ausgestreckter Zunge nach! Nun, was lacht dieser Holzklotz?“ – sie zeigte auf einen in der Menge. – „Das kommt alles daher, weil Kolja so einfältig ist, man hat nur Schererei mit ihm! Was willst du, Poletschka? Sprich mit mir französisch, parlez moi français[12]. Ich habe dich doch gelehrt, du kennst doch einige Sätze! ... Wie kann man denn erkennen, daß ihr aus feiner Familie, wohlerzogene Kinder seid und keine Leierkastenleute. Wir machen doch kein Kasperletheater auf den Straßen, wir wollen eine schöne feine Romanze singen ... Ach ja! Was sollen wir denn singen? Ihr unterbrecht mich in einem fort, wir sind ... sehen Sie, Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehen geblieben, um auszusuchen, was wir singen sollen, – etwas, was auch Kolja vortanzen kann ... denn alles machen wir, Sie können es sich vorstellen, ohne Vorbereitungen. Wir wollen uns besprechen, um alles ordentlich durchzunehmen, dann gehen wir auf den Newski Prospekt, wo es bedeutend mehr Menschen aus der höchsten Gesellschaft gibt, die uns sofort bemerken werden. Lene kennt das Lied ‚Die Troika‘ ... Aber das kann man doch nicht immerwährend singen, die ganze Welt singt es ja! Wir müssen etwas viel Besseres singen ... Nun, was meinst du, Poletschka, du könntest doch der Mutter helfen! Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen! Ach, wollen wir doch französisch ‚Cinq sous‘[13] singen! Ich habe es euch doch gelehrt! Und da es französisch ist, werden alle sofort sehen, daß ihr adlige Kinder seid, und das ist bedeutend rührender ... Wir könnten sogar ‚Malbrough s’en va-t-en guerre![14]‘ singen, da es ein ausgesprochenes Kinderlied ist und in allen aristokratischen Häusern gesungen wird, wenn die Kinder zum Schlafen gebracht werden.“

Malbrough s’en va-t-en guerre

Ne sait quand reviendra ...[14]

begann sie zu singen ... „Nein, es ist besser ‚Cinq sous![13]‘ Nun, Kolja, stemme die Händchen in die Seiten, aber schneller, und du Lene, drehe dich in entgegengesetzter Richtung, ich werde mit Poletschka singen und in die Hände klatschen!

Cinq sous, cinq sous

Pour monter notre ménage ...[15]

Kche–kche–kche!“ (Und sie krümmte sich vor Husten.) „Bring dein Kleid in Ordnung, Poletschka, die Schultern sind entblößt,“ bemerkte sie, zwischen dem Husten atemholend. – „Ihr müßt euch jetzt besonders anständig und in feinem Tone benehmen, damit es alle sehen, daß ihr adlige Kinder seid. Ich habe damals gesagt, daß man die Taille länger und in doppelter Breite zuschneiden soll. Du kamst aber mit deinen Ratschlägen, Ssonja, – es kürzer und kürzer zu machen, nun jetzt siehst du, ist das Kind völlig verunstaltet ... Ihr weint wieder! Ja, warum weint ihr Dummen! Kolja, fang schneller an, schneller, – ach, wie dies Kind unerträglich ist! ...

Cinq sous, cinq sous –[13]

Wieder ein Schutzmann! Nun, was willst du?“

Es drängte sich ein Schutzmann durch die Menge. Gleichzeitig näherte sich ihr ein Herr im Dienstrocke und Mantel, ein höherer Beamter, mit einem Orden am Halsbande – dieser Umstand war Katerina Iwanowna sehr erwünscht und hatte selbst Einfluß auf den Schutzmann, – und überreichte ihr schweigend einen grünen Dreirubelschein. Sein Gesicht drückte aufrichtiges Mitleid aus. Katerina Iwanowna nahm das Geld und verbeugte sich höflich, fast förmlich.

„Ich danke Ihnen, mein Herr,“ begann sie von oben herab, „die Gründe, die uns gezwungen haben ... nimm das Geld, Poletschka. Du siehst, es gibt noch edle und großmütige Menschen, die sofort bereit sind, einer armen adligen Dame im Unglücke zu helfen. Sie sehen adlige Waisen vor sich, mein Herr, man kann sogar sagen, mit aristokratischsten Verbindungen ... Und dieser Kerl von einem General saß am Tische und aß Haselhühner ... stampfte mit den Füßen, weil ich ihn gestört habe ... ‚Eure Exzellenz,‘ sagte ich, ‚schützen Sie die Waisen, da Sie den verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gut kannten,‘ sagte ich, ‚und weil der gemeinste aller Schufte seine leibliche Tochter an seinem Todestage verleumdet hat ...‘ Wieder kommt dieser Schutzmann! Schützen Sie mich!“ rief sie dem Beamten zu, – „was will dieser Schutzmann von mir? Wir sind schon vor einem weggelaufen ... Nun, was geht es dich an, Dummkopf!“

„Es ist in den Straßen verboten. Machen Sie keinen Skandal!“

„Du bist selbst ein Skandalmacher! Ich gehe herum, wie jeder Leierkastenmann, was geht es dich an?“

„Zu einem Leierkasten muß man eine Erlaubnis haben. Sie sammeln aber in dieser Weise das Volk an. Wo wohnen Sie?“

„Wie, Erlaubnis,“ schrie Katerina Iwanowna. – „Ich habe heute meinen Mann beerdigt, was ist da für eine Erlaubnis nötig!“

„Bitte, beruhigen Sie sich, Madame,“ begann der vornehme Beamte, „kommen Sie, ich will Sie begleiten ... Hier unter den Leuten ist es unpassend ... Sie sind krank ...“

„Mein Herr, mein Herr, Sie wissen gar nicht!“ schrie Katerina Iwanowna, „wir wollen auf den Newski Prospekt gehen ... Ssonja, Ssonja! Wo ist sie denn? Sie weint auch! Was ist denn mit euch allen! ... Kolja, Lene, wohin geht ihr denn?“ rief sie plötzlich im Schreck, „oh, die dummen Kinder! Kolja, Lene, ja, wohin laufen sie denn? ...“

Als Kolja und Lene, bis aufs äußerste von der Menschenmenge und von der wahnsinnigen Mutter erschreckt, den Schutzmann erblickten, der sie nehmen und irgendwohin führen wollte, faßten sie einander wie auf Verabredung an den Händchen und liefen davon. Mit Geschrei und Weinen stürzte die arme Katerina Iwanowna ihnen nach, um sie einzuholen. Es war widerwärtig und traurig zu sehen, wie sie weinend und keuchend lief. Ssonja und Poletschka eilten ihr nach.

„Bring sie zurück, bring sie zurück, Ssonja! Oh, die dummen, undankbaren Kinder! ... Polja! Fange sie ein ... Ich habe es doch für euch ...“

Sie stolperte im vollen Laufe und fiel hin.

„Sie hat sich blutig geschlagen! Oh, Gott!“ rief Ssonja aus, sich über sie beugend.

Alle liefen hin und drängten sich um sie. Raskolnikoff und Lebesjätnikoff waren als die ersten zur Stelle, der Beamte eilte auch hinzu und ihm folgte der Schutzmann, der etwas wie „Ach ja!“ brummte und den Kopf schüttelte, in der Vorahnung, daß die Sache ihm viel zu schaffen machen würde.

„Geht weiter, geht!“ er jagte die Menschen, die umherstanden, auseinander.

„Sie stirbt!“ rief jemand.

„Sie hat den Verstand verloren!“ sagte ein anderer.

„Gott schütze sie!“ bemerkte eine Frau und schlug ein Kreuz. – „Hat man den Jungen und das Mädel gekriegt? Ja, da bringt man sie, die älteste hat sie eingeholt ... Was ihnen nur einfiel!“

Als man aber Katerina Iwanowna näher betrachtet hatte, sah man, daß sie sich gar nicht an den Steinen blutig geschlagen hatte, wie Ssonja angenommen, sondern daß das Blut, das den Fahrdamm besudelte, aus Brust und Mund kam.

„Das kenne ich aus Erfahrung,“ sagte der Beamte leise zu Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, „das ist Schwindsucht; das Blut stürzt hervor und man erstickt. Einer Verwandten von mir ist es jüngst ähnlich gegangen, ich habe es selbst gesehen, ein halbes Glas kam ... und so plötzlich ... Was soll man tun, sie wird gleich sterben.“

„Bringt sie zu mir, hier in der Nähe!“ flehte Ssonja, „ich wohne hier ... in dem Hause, das zweite von hier ... Schnell, schnell! ...“ wandte sie sich aufgeregt an alle. „Holt einen Arzt ... Oh Gott!“

Dank der Bemühungen des Beamten ging die Sache glatt vor sich, sogar der Schutzmann half Katerina Iwanowna hinübertragen. Man brachte sie fast tot in Ssonjas Zimmer und legte sie auf das Bett. Das Blut hörte noch nicht auf zu fließen, aber Katerina Iwanowna kam langsam zu sich. In das Zimmer traten gleichzeitig außer Ssonja, Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, der Beamte und der Schutzmann, nachdem er vorher die Menge auseinandergejagt hatte, von der einige bis zur Türe gefolgt waren. Poletschka kam auch mit Kolja und Lene, die zitterten und weinten; sie hielt sie an den Händen. Auch von Kapernaumoff kamen Leute, er selbst, lahm und krumm, von seltsamem Aussehen mit borstigen Haaren und Backenbart; seine Frau, die immer ein erschrockenes Aussehen hatte und einige ihrer Kinder mit offenem Munde und immer erstauntem, hölzernem Gesichtsausdruck. Unter diesem Publikum befand sich auch Sswidrigailoff. Raskolnikoff blickte ihn verwundert an, ohne zu begreifen, wie er hierher gekommen sei, da er sich seiner unter der Menge nicht entsann. Man sprach davon, einen Arzt und einen Priester holen zu lassen. Obwohl der Beamte Raskolnikoff auch zugeflüstert hatte, daß ein Arzt, wie es ihm schien, jetzt wohl überflüssig sei, sandte man doch nach ihm. Kapernaumoff lief selbst fort.

Unterdessen war Katerina Iwanowna zu sich gekommen und das Blut hörte für eine Weile auf zu fließen. Sie sah unverwandt mit einem schmerzlichen und durchdringenden Blick auf die bleiche und bebende Ssonja, die ihr mit einem Taschentuche die Schweißtropfen auf der Stirn abtrocknete; schließlich bat sie, man möge sie aufrichten. Man setzte sie auf und stützte sie von beiden Seiten.

„Wo sind die Kinder?“ fragte sie mit schwacher Stimme. – „Hast du sie gebracht, Polja? Oh, ihr dummen ... Warum lieft ihr fort ... Ach!“

Blut bedeckte noch ihre trockenen Lippen. Sie blickte sich um.

„Also, hier lebst du, Ssonja! Ich war nie bei dir gewesen ... jetzt erst bin ich dazu gekommen ...“

Sie blickte sie unendlich traurig an.

„Wir haben dich ausgesaugt, Ssonja ... Polja, Lene, Kolja, kommt her ... Da sind sie alle, Ssonja, nimm sie ... aus meiner Hand ... ich bin fertig! ... Das Fest ist aus! H–a ... Legt mich nieder und laßt mich wenigstens ruhig sterben ...“

Man legte sie wieder auf die Kissen zurück.

„Was? Einen Priester? ... Ist nicht nötig. Habt ihr einen überflüssigen Rubel? ... Ich habe keine Sünden! ... Gott muß mir auch ohnedem vergeben ... Er weiß, wie ich gelitten habe! ... Und wenn er nicht vergibt, so ist es auch gut! ...“

Ein unruhiges Phantasieren bemächtigte sich ihrer mehr und mehr. Zuweilen fuhr sie auf, blickte um sich, erkannte alle auf einen Augenblick, und das Bewußtsein schwand wieder. Sie atmete schwer und röchelnd.

„Ich sagte ihm: ‚Ew. Exzellenz!‘ ...!“ rief sie und holte nach jedem Worte Atem, „diese Amalie Ludwigowna ... ach! Lene, Kolja! Die Händchen in die Hüften, schneller, schneller, glissez, glissez, pas de basque![16] Stampf mit den Füßchen ... Sei ein graziöses Kind.

Du hast Diamanten und Perlen ...

Wie geht es weiter? Das sollten wir singen ...

Du hast die schönsten Augen

Mädchen, was willst du noch mehr? ...

Das ist nicht ganz richtig! Was willst du noch mehr – was sich dieser Holzklotz dabei gedacht hat? ... – Ach ja, oder ein anderes Lied

In mittäglicher Glut ...

Ach, wie ich es liebte ... Ich habe dieses Lied sehr geliebt, Poletschka! ...

In mittäglicher Glut im Tale Daghestans ...

Weißt du, dein Vater sang es ... als Bräutigam noch ... Oh, die Tage! ... Das sollten wir singen! Nun, wie heißt es denn ... ich habe es vergessen ... helft mir doch dabei ... wie heißt es denn?“ – Sie war in furchtbarer Erregung und versuchte aufzustehen. Mit schrecklicher, heiserer und überschnappender Stimme, bei jedem Worte außer Atem, schreiend und mit einer sich steigernden Angst begann sie zu singen:

„In mittäglicher Glut ... im Tale ... Daghestans ...

Mit Blei in der Brust ...

Ew. Exzellenz!“ schrie sie plötzlich herzzerreißend und in Tränen ausbrechend, „schützen Sie die Waisen! Eingedenk der Gastfreundschaft des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch! ... Man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen ... Ha–a!“ fuhr sie auf, zur Besinnung kommend und betrachtete alle mit Entsetzen, erkannte aber sofort Ssonja. – „Ssonja, Ssonja!“ sagte sie sanft und freundlich, als wäre sie erstaunt, sie vor sich zu sehen, „Ssonja, liebe Ssonja, du bist auch hier?“

Man richtete sie wieder auf.

„Genug! ... Es ist Zeit! ... Lebwohl, Armselige! ... Die Stute ist abgehetzt! ... Zu Tode gehetzt!“ rief sie verzweifelt und haßerfüllt aus und fiel mit dem Kopfe auf das Kissen zurück.

Sie verlor von neuem das Bewußtsein, und ohne es wieder erlangt zu haben, fiel ihr blaßgelbes abgemagertes Gesicht nach hinten, der Mund öffnete sich, die Füße streckten sich krampfhaft aus. Sie stöhnte tief auf und starb.

Ssonja warf sich auf die Leiche, faßte sie mit den Händen, lehnte den Kopf an die magere Brust der Verstorbenen und verharrte so lange. Poletschka fiel zu den Füßen der Mutter nieder und küßte sie laut schluchzend. Kolja und Lene, die noch nicht verstanden hatten, was geschehen war, aber etwas Schreckliches ahnten, faßten einander mit beiden Händen an den Schultern, starrten einander in die Augen und begannen zu schreien. Beide waren noch aufgeputzt, – er im Turban, sie in dem Käppchen mit der Straußenfeder.

Und wie kam das Ehrendiplom auf das Bett neben Katerina Iwanowna hin? Es lag neben dem Kissen, Raskolnikoff hatte es gesehen.

Er ging zum Fenster. Lebesjätnikoff kam eilig zu ihm.

„Sie ist gestorben!“ sagte Lebesjätnikoff.

„Rodion Romanowitsch, ich muß Ihnen ein paar wichtige Worte sagen,“ trat Sswidrigailoff heran.

Lebesjätnikoff trat ihm sofort seinen Platz ab und verschwand zartfühlend. Sswidrigailoff führte den erstaunten Raskolnikoff in eine abgelegene Ecke hin.

„Diese ganze Schererei, das heißt die Beerdigung und alles übrige nehme ich auf mich. Wissen Sie, es kommt doch bloß auf das Geld an, und ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich überflüssiges habe. Diese zwei Sprößlinge und diese Poletschka will ich in einer besseren Anstalt für Waisenkinder unterbringen und will für jeden bis zur Volljährigkeit fünfzehnhundert Rubel in eine Bank einzahlen, so daß Ssofja Ssemenowna vollkommen unbesorgt sein kann. Auch sie will ich aus dem Pfuhle herausziehen, denn sie ist ein gutes Mädchen, nicht wahr? Und so teilen Sie Awdotja Romanowna mit, daß ich ihre zehntausend in dieser Weise verbraucht habe.“

„Welche Absichten verfolgen Sie bei diesen übergroßen Guttaten?“ fragte Raskolnikoff.

„Ach! Sie mißtrauischer Mensch!“ lachte Sswidrigailoff. – „Ich habe doch gesagt, daß dieses Geld bei mir überflüssig liegt. Einfach aus Menschlichkeit, das lassen Sie bei mir nicht gelten? Sie war doch keine ‚Laus‘ gewesen – (er zeigte mit dem Finger auf die Ecke, wo die Verstorbene lag) – wie irgendeine alte Wucherin. Gestehen Sie doch selbst, – ‚soll Luschin tatsächlich weiterleben und Scheußlichkeiten verüben, oder sie sterben?‘ Und wenn ich nicht helfe, so muß doch Poletschka den nämlichen Weg gehen ...“

Er sagte es spöttisch mit zugekniffenen Augen und ohne den Blick von Raskolnikoff abzuwenden. Raskolnikoff erbleichte, es durchzog ihn ein Schauer, als er seine eigenen Worte wieder hörte, die er zu Ssonja gesprochen hatte. Er fuhr zurück und blickte Sswidrigailoff fassungslos an.

„Wo–woher ... wissen Sie?“ flüsterte er, kaum atmend.

„Ich wohne ja hier, hinter der Wand bei Madame Rößlich. Hier wohnt Kapernaumoff und dort Madame Rößlich, eine alte und sehr ergebene Bekannte von mir. Ich bin ihr Nachbar.“

„Sie?“

„Ja, ich,“ fuhr Sswidrigailoff fort, sich vor Lachen schüttelnd, „und ich kann Sie auf Ehre versichern, lieber Rodion Romanowitsch, daß Sie mich kolossal interessiert haben. Ich habe doch gesagt, daß wir einander näher kommen werden, ich habe es Ihnen vorausgesagt, – nun sind wir auch einander näher gekommen. Und Sie werden sehen, wie verträglich ich bin. Sie werden sehen, daß es sich mit mir noch leben läßt ...“

Sechster Teil

I.

Für Raskolnikoff war eine merkwürdige Zeit angebrochen. – Es war, als wäre plötzlich ein schwerer Nebel auf ihn herabgesunken und hätte für ihn eine undurchdringliche und tiefe Einsamkeit beschlossen. Als er später, lange nachher, sich dieser Zeit entsann, dachte er es sich so, daß sein Bewußtsein zeitweise sich verdunkelte und daß dies mit wenigen Unterbrechungen bis zur endgültigen Katastrophe gedauert hatte. Er war vollkommen überzeugt, daß er sich damals öfters geirrt haben müsse, zum Beispiel in der Zeit und der Dauer verschiedener Ereignisse. Wenigstens, als er sich späterhin auf dies oder jenes besinnen wollte und sich das Erinnerte zu erklären versuchte, erfuhr er vieles über sich selbst, indem er sich nach den Mitteilungen richtete, die er von anderen erhalten. So verwechselte er ein Ereignis z. B. mit einem anderen; ein anderes hielt er für die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner Einbildung existierte. Zuweilen erfaßte ihn eine qualvolle Unruhe, die sich zu einem panischen Schrecken steigern konnte. Er entsann sich auch, daß es Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage gab, die er im Gegensatz zu der Angst, in völliger Apathie verbrachte, – eine Apathie, die dem schmerzhaft gleichgültigen Zustand Sterbender ähnlich war. Überhaupt trieb es ihn in diesen letzten Tagen, einem klaren und vollen Verständnis seiner Lage aus dem Wege zu gehen; alltägliche Dinge, die eine unverzügliche Erledigung verlangten, lasteten auf ihm; wie froh wäre er dagegen gewesen, von manchen Sorgen sich befreien und loslösen zu können, die im Falle ihrer Vernachlässigung ihm den völligen, unvermeidlichen Untergang bringen mußten.

Am meisten beunruhigte ihn Sswidrigailoff, – ja, man konnte sagen, daß Sswidrigailoff seine einzige Sorge war. Seit der Zeit, als er von Sswidrigailoff in Ssonjas Zimmer, in Katerina Iwanownas Todesstunde die drohenden und unzweideutigen Worte gehört hatte, schien der gewöhnliche Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Und obgleich ihn diese neue Tatsache äußerst beunruhigte, beeilte sich Raskolnikoff nicht, die Sache aufzuklären. Zuweilen, wenn er sich irgendwo in einem abgelegenen und menschenleeren Stadtteile, in einem kläglichen Restaurant an einem Tische allein in Gedanken versunken vorfand und sich kaum entsann, wie er hierher gekommen war, fiel ihm mit einem Male Sswidrigailoff ein, – er sah nur zu deutlich ein, daß er sich möglichst schnell mit diesem Menschen verständigen und zu einem Ende mit ihm kommen müsse. Einmal, als er vor die Stadt geraten war, bildete er sich sogar ein, daß er hier Sswidrigailoff erwarte, daß sie hier eine Zusammenkunft verabredet hätten. Ein anderes Mal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der Erde im Gebüsch und begriff nicht, wie er hierhergekommen war. In den zwei, drei auf Katerina Iwanownas Tode folgenden Tagen hatte er ein paarmal Sswidrigailoff getroffen, fast immer in der Wohnung Ssonjas, wohin er ziellos, stets aber nur einen kurzen Augenblick gegangen war. Sie wechselten stets einige kurze Worte und berührten kein einziges Mal den Hauptpunkt, als wäre es zwischen ihnen so verabredet worden, vorläufig darüber zu schweigen. Die Leiche von Katerina Iwanowna lag noch im offenen Sarge. Sswidrigailoff gab die Anordnungen für die Beerdigung und sorgte für alles. Ssonja war auch sehr in Anspruch genommen. Bei der letzten Begegnung hatte Sswidrigailoff ihm mitgeteilt, daß er die Frage bezüglich der Kinder Katerina Iwanownas gelöst habe und sehr glücklich sei, daß dank einiger Verbindungen alle drei Waisen sofort in sehr anständige Anstalten untergebracht werden könnten und daß das für sie deponierte Geld viel dazu beigetragen habe, weil wohlhabende Waisen leichter als arme unterzubringen seien. Er redete auch über Ssonja, versprach Raskolnikoff in den nächsten Tagen selbst aufzusuchen, um sich mit ihm zu beraten, da in dieser Angelegenheit Notwendiges zu besprechen sei.

Das Gespräch fand im Korridor, an der Treppe statt. Sswidrigailoff sah unverwandt Raskolnikoff in die Augen und fragte ihn nach einigem Schweigen mit gesenkter Stimme.

„Was ist mit Ihnen, Rodion Romanowitsch, Sie sind so vollkommen verändert? Wirklich! Sie hören zu und schauen einen dabei an, scheinen aber nichts zu verstehen. Geben Sie acht auf sich. Wir wollen einmal miteinander sprechen; schade nur, daß ich jetzt so viel für andere und für mich selbst zu tun habe ... Ach, Rodion Romanowitsch,“ fügte er unmittelbar hinzu, „alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft ... Vor allen Dingen!“

Er trat zur Seite, um den eben heraufkommenden Priester und den Küster vorbeizulassen. Sie kamen, die Totenmesse zu halten. Sswidrigailoff hatte angeordnet, daß pünktlich zweimal am Tage Totenmessen abgehalten würden. Sswidrigailoff ging seinen Angelegenheiten nach und Raskolnikoff blieb eine Weile stehen, dachte nach und folgte dann dem Priester in Ssonjas Wohnung.

Er blieb an der Türe stehen. Der Gottesdienst begann leise, andächtig, traurig. In dem Bewußtsein, sterben zu müssen und in der Empfindung der Gegenwart des Todes lag für ihn stets, von früher Kindheit an, etwas Schweres, Drückendes und Mystisches, und er hatte seit langem keiner Totenmesse mehr beigewohnt. Außerdem peinigte ihn noch ein anderes Gefühl. Er sah auf die Kinder, – sie lagen alle vor dem Sarge auf den Knien und Poletschka weinte. Hinter ihnen stand Ssonja, still und schüchtern weinend und betete.

„Sie hat mich in diesen Tagen kein einziges Mal angeblickt und mir noch kein Wort gesagt,“ dachte Raskolnikoff. Die Sonne beleuchtete hell das Zimmer; der Weihrauch stieg in feinen Wolken empor; der Priester las „Gott schenke dir Ruhe ...“ Raskolnikoff blieb während des ganzen Gottesdienstes. Als der Priester den Segen erteilte und sich verabschiedete, blickte er sich eigentümlich um. Nach Beendigung der Messe trat Raskolnikoff an Ssonja heran. Sie nahm plötzlich seine beiden Hände und lehnte den Kopf an seine Schulter. Diese kurze Bewegung überraschte ihn. Wie? war es möglich? – Nicht der geringste Widerwille, nicht der geringste Ekel ihm gegenüber, nicht das leiseste Beben ihrer Hand. War das nicht eine grenzenlose Demütigung seines eigenen Ichs. In dieser Weise faßte er es auf. Ssonja sagte nichts und Raskolnikoff drückte ihr nur die Hand und ging fort. Ihm war schwer zumute. Hätte er in diesem Augenblicke irgendwohin gehen können, um völlig allein zu bleiben, und selbst fürs ganze Leben, er würde sich glücklich gepriesen haben. Trotzdem er in der letzten Zeit fast immer allein war, war er nicht imstande, ein Fürsichsein zu empfinden. Er ging öfters außerhalb der Stadt auf Landwegen herum, einmal sogar war er in einen Wald geraten, aber je einsamer der Ort war, desto stärker empfand er die beunruhigende Nähe von irgend etwas, das wohl nichts furchterweckendes, wohl aber etwas belästigendes war, so daß er jedesmal schneller in die Stadt zurückkehrte, sich unter die Menschen mischte, in Restaurants oder Schenken ging, den Trödelmarkt oder den Heumarkt aufsuchte. Hier ward es ihm leichter und hier fühlte er sich allein. Eines Tages war er in einer Schenke, wo man kurz vor Abend zu singen begann; er blieb eine ganze Stunde sitzen, hörte zu und erinnerte sich, daß ihm dies wohlgetan hatte. Zum Schluß aber wurde er wieder unruhig, als ob sein Gewissen wach würde. „Ich sitze hier und höre zu, wie gesungen wird, habe ich denn nichts anderes zu tun!“ dachte er mit einemmale. Es wurde ihm bald klar, daß nicht dieser Umstand ihn allein beunruhige; es gab etwas anderes, das eine unverzügliche Lösung verlangte, was er aber sich weder klar vorstellen, noch durch Worte wiedergeben konnte. Alles verwickelte sich zu einem Knäuel. „Nein, es ist doch besser, einen Kampf zu führen! Mag Porphyri Petrowitsch wieder auftreten ... oder Sswidrigailoff ... Mag nun wieder eine Herausforderung, ein Angriff erfolgen ... Ja! Ja!“ – Er verließ die Schenke und lief fast nach Hause. Der Gedanke an Dunja und die Mutter jagte ihm plötzlich eine panische Angst ein.

Es war in der Nacht, aber der Morgen graute schon, als er auf der Krestowski-Insel im Gebüsch fröstelnd vor Fieber erwachte; er ging nach Hause. Nach einigen Stunden Schlaf war das Fieber vorüber, er erwachte sehr spät, – es war zwei Uhr nachmittags.

Es kam ihm wieder in Erinnerung, daß Katerina Iwanowna heute beerdigt werden sollte, und er war froh, daß er nicht zugegen sein mußte. Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er aß und trank mit großem Appetit, fast mit einem Heißhunger. Sein Kopf wurde frischer, er selbst ruhiger, als in diesen letzten drei Tagen. Er wunderte sich sogar flüchtig über die früheren Anfälle seiner panischen Angst. Da öffnete sich die Türe und Rasumichin trat herein.

„Ah! Du ißt, so bist du auch nicht krank!“ sagte Rasumichin, nahm einen Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikoff gegenüber. Er war aufgeregt und versuchte nicht, es zu verbergen und sprach mit sichtbarem Ärger, aber ohne sich zu überhasten und ohne die Stimme besonders zu erheben. Man konnte denken, daß ihn eine ganz bestimmte Absicht herführe. „Höre,“ begann er entschlossen, „ich kehre mich den Teufel um euch alle und zwar, weil ich jetzt sehe, deutlich sehe, daß ich nichts davon verstehen kann; bitte, glaube nicht, daß ich gekommen bin, dich auszufragen. Ich pfeife darauf! Ich will es gar nicht wissen! Und wenn du mir jetzt selbst alles anvertrauen, alle eure Geheimnisse entdecken wolltest, ich würde sie vielleicht nicht mal anhören, ich pfeife auf alles und gehe fort. Ich bin nur gekommen, um persönlich und endgültig zu erfahren, ob es wahr ist, daß du verrückt bist? Siehst du, es besteht die Meinung über dich, – irgendwo, das ist ja einerlei – daß du möglicherweise verrückt bist, jedenfalls aber starke Anlagen dazu habest. Ich muß dir gestehen, ich selbst war stark geneigt, diese Meinung zu teilen, erstens wegen deiner dummen und zum Teil schmählichen Handlungen, die durch nichts erklärt werden können, und zweitens wegen deines kürzlichen Benehmens deiner Mutter und Schwester gegenüber. Nur ein Scheusal und ein Schuft, oder ein Wahnsinniger konnte sie in dieser Weise behandeln, wie du sie behandelt hast; folglich bist du wahnsinnig ...“

„Hast du sie lange nicht gesehen?“

„Ich war soeben bei ihnen. Und du hast sie seit dieser Zeit nicht mehr gesehen? Sage mir bitte, wo treibst du dich herum, ich bin schon dreimal bei dir gewesen. Deine Mutter ist seit gestern ernstlich erkrankt. Sie wollte zu dir gehen; Awdotja Romanowna hielt sie davon ab; doch sie wollte auf nichts hören. ‚Wenn er krank ist,‘ sagte sie, ‚wenn sein Geist gestört ist, wer soll ihm denn helfen, wenn nicht die eigene Mutter?‘ So kamen wir alle hierher, denn wir konnten sie doch nicht allein gehen lassen. Bis zu deiner Tür haben wir sie gebeten, sich zu beruhigen. Wir traten in dein Zimmer, da warst du nicht da; hier, auf diesem Platz, hat sie gesessen. Sie saß über zehn Minuten da, wir standen schweigend in ihrer Nähe. Sie stand dann auf und sagte, – ‚wenn er ausgeht, ist er gesund und hat die Mutter vergessen; es ist unpassend und eine Schande für eine Mutter, weiter noch an der Schwelle zu stehen und um Liebkosung, wie um ein Almosen zu betteln‘. Sie kehrte nach Hause zurück, mußte sich zu Bett legen und liegt jetzt im Fieber. ‚Ich sehe,‘ sagte sie, ‚für die Seine hat er Zeit.‘ Sie meinte mit der Seinen Ssofja Ssemenowna, deine Braut oder deine Geliebte, ich weiß es nicht. Ich ging sofort zu Ssofja Ssemenowna, denn ich wollte alles erfahren, Bruder; ich komme hin und sehe, – ein Sarg steht dort, die Kinder weinen, Ssofja Ssemenowna probiert ihnen Trauerkleider an, du bist aber nicht da. Ich sah das alles an, entschuldigte mich und ging fort und habe Awdotja Romanowna alles erzählt. Alles ist Unsinn und es gibt gar keine Seine,‘ also ist es ganz Wahnsinn. Doch jetzt sitzest du hier und frißt gekochtes Fleisch, als hättest du drei Tage nichts gegessen. Es ist wahr, Wahnsinnige essen auch und du hast kein Wort mit mir gesprochen, du bist aber ... nicht verrückt. Das kann ich beschwören. Unter keinen Umständen verrückt. Also, hol euch alle der Teufel, es steckt etwas dahinter, es gibt irgendein Geheimnis, und ich habe keine Lust, über eure Geheimnisse mir den Kopf zu zerbrechen. Ich bin bloß gekommen, zu schimpfen,“ schloß er und stand auf, „mir Luft zu machen und nun weiß ich, was ich zu tun habe!“

„Was willst du jetzt tun?“

„Was geht es dich an, was ich jetzt tun will?“

„Gib acht, du fängst zu trinken an!“

„Woher ... woher weißt du das?“

„Das ist leicht zu erraten!“

Rasumichin schwieg eine Weile.

„Du warst immer ein sehr vernünftiger Mensch und nie, niemals warst du verrückt,“ bemerkte er plötzlich voll Eifer. „Das stimmt, – ich werde anfangen zu trinken! Lebwohl!“

Und er schickte sich an zu gehen.

„Vorgestern, glaube ich, habe ich von dir mit der Schwester gesprochen, Rasumichin.“

„Von mir! Ja ... wo konntest du sie denn vorgestern gesehen haben?“ Rasumichin blieb stehen und wurde ein wenig blaß.

Man konnte bemerken, wie sein Herzschlag langsamer und schwerer ging.

„Sie war hierhergekommen, allein, saß hier und sprach mit mir.“

„Sie!“

„Ja, sie!“

„Was hast du denn gesprochen ... ich will sagen, – von mir?“

„Ich sagte ihr, daß du ein sehr guter, ehrlicher und arbeitsamer Mensch seist. Daß du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, denn das weiß sie selbst.“

„Sie weiß es selbst?“

„Nun, und ob! Wohin ich auch reisen mag, was mit mir auch geschehen mag, – du würdest bei ihnen, als ihre Vorsehung, bleiben. Ich übergab sie beide deiner Obhut, Rasumichin. Ich sage es, weil ich sehr gut weiß, wie du sie liebst und weil ich von der Reinheit deines Herzens überzeugt bin. Ich weiß auch, daß auch sie dich lieben kann und vielleicht sogar schon liebt. Jetzt beschließe selbst, wie es dir am besten erscheint, – ob du trinken willst oder nicht?“

„Rodja ... Siehst du ... Nun ... Ach, Teufel! Wohin willst du aber gehen? Siehst du, wenn es ein Geheimnis ist, laß es! Aber ich ... ich werde das Geheimnis erfahren ... Und bin überzeugt, daß es sicher irgendein Unsinn und eine lächerliche Kleinigkeit ist, und daß du allein dir alles andere eingebrockt hast. Im übrigen aber bist du ein ausgezeichneter Mensch! Ein ausgezeichneter Mensch! ...“

„Und ich wollte gerade hinzufügen, da hast du mich aber unterbrochen, daß du vorhin sehr gut und richtig geäußert hast, diese Geheimnisse nicht erfahren zu wollen. Laß es vorläufig sein, rege dich nicht auf. Du wirst alles rechtzeitig zu wissen bekommen und dann, wenn es nötig sein wird. Gestern hat ein Mann zu mir gesagt, daß die Menschen Luft brauchen, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm hingehen und erfahren, was er darunter versteht.“

Rasumichin stand in Gedanken versunken, aufgeregt schien er über etwas nachzudenken.

„Er ist ein politischer Verschwörer! Sicher! Und er steht vor einem entscheidenden Schritt, – das ist auch sicher! Anders kann es nicht sein und ... Dunja weiß es ...“ dachte er.

„Also zu dir kommt Awdotja Romanowna,“ sagte er und betonte jedes Wort, „und du selbst willst einen Menschen treffen, der da sagt, daß mehr Luft nötig sei, mehr Luft und ... und, also hängt auch dieser Brief ... irgendwie damit zusammen.“

„Was für ein Brief?“

„Sie hat einen Brief erhalten, heute; der hat sie sehr aufgeregt. Sehr. Fast zu sehr ... Als ich von dir zu sprechen anfing, – bat sie mich zu schweigen. Dann ... dann sagte sie, daß wir uns vielleicht sehr bald trennen müßten, und begann mir für etwas heiß zu danken; ging darauf in ihr Zimmer und schloß sich ein.“

„Sie hat einen Brief erhalten?“ wiederholte Raskolnikoff nachdenklich.

„Ja, einen Brief, und du weißt nichts davon? Hm!“ Beide schwiegen eine Weile.

„Lebwohl, Rodion. Ich, Bruder ... es gab eine Zeit ... übrigens aber, lebwohl; siehst du, es gab eine Zeit ... Nun, lebwohl! Ich muß auch gehen. Ich werde nicht trinken. Jetzt ist es nicht mehr nötig ... wird nicht gemacht!“

Er hatte Eile, aber als er schon draußen war und die Türe fast geschlossen hatte, öffnete er sie plötzlich wieder und sagte, indem er zur Seite blickte:

„Apropos! Erinnerst du dich dieses Mordes, der Sache, die Porphyri Petrowitsch führt, – der Ermordung der Alten? Nun, du sollst wissen, daß der Mörder gefunden ist, er hat alles eingestanden und alle Beweise geliefert. Stell dir vor, es ist einer von denselben Arbeitern, den Anstreichern, die ich – erinnerst du dich – noch bei dir im Zimmer verteidigte. Kannst du es glauben, er hat diese ganze Szene mit der Schlägerei und dem Lachanfall auf der Treppe mit seinem Kameraden, als der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufgingen, – absichtlich vorgeführt und zwar um jeden Verdacht von sich abzulenken. Welch eine Schlauheit, welch eine Geistesgegenwart in so einem jungen Hunde steckt! Es ist schwer zu glauben; er hat aber selbst die Sache aufgeklärt, alles selbst eingestanden! Und wie ich hereingefallen bin! Nun, meiner Ansicht nach ist er bloß ein Genie der Verstellung und Geschicklichkeit, ein Genie gegenüber juristischer Verhörskunst, – folglich ist hier nichts staunenswertes! Kann es denn nicht auch solche Genies geben? Und weil er es nicht bis zu Ende durchgeführt, sondern eingestanden hat, aus dem Grunde glaube ich ihm noch mehr. Es ist überzeugender! ... Aber wie ich damals hereingefallen bin! Ich kletterte ja um ihretwillen an die Wände hinauf!“

„Sage mir bitte, woher hast du es erfahren, und warum interessiert es dich so sehr?“ fragte ihn Raskolnikoff sichtbar erregt.

„Nun, was frägst du bloß! Warum sollte es mich nicht interessieren! Das ist auch eine Frage! ... Ich habe es unter anderem von Porphyri Petrowitsch erfahren. Übrigens, ich habe fast alles durch ihn erfahren.“

„Von Porphyri Petrowitsch?“

„Ja, von Porphyri Petrowitsch.“

„Was ... was meint er?“ fragte Raskolnikoff angstvoll.

„Er hat es mir ausgezeichnet erklärt. Psychologisch erklärt, auf seine Weise.“

„Er hat es dir erklärt? Er hat es dir selbst erklärt?“

„Ja, selbst, selbst; lebwohl! Ich will dir später noch mehr erzählen, jetzt aber habe ich zu tun. Ja ... es gab eine Zeit, wo ich glaubte ... Nun, was ist da zu reden ... später davon ... Warum soll ich jetzt anfangen zu trinken. Du hast mich auch ohne Wein betrunken gemacht. Ich bin ja betrunken, Rodja! Ohne Wein bin ich betrunken; nun, aber lebwohl! Ich komme zu dir. Sehr bald.“

Er ging hinaus.

„Er ist, er ist ein politischer Verschwörer, das ist sicher, das steht fest!“ sagte sich Rasumichin endgültig, indem er langsam die Treppe hinabstieg. „Und die Schwester hat er auch hineingezogen; das ist sehr, sehr begreiflich bei dem Charakter von Awdotja Romanowna. Sie haben Zusammenkünfte ... Und sie hat es mir auch angedeutet. Aus vielen ihrer Worte ... und Andeutungen ... und Anspielungen ergibt sich dies alles! Ja, wie kann man denn sonst diesen ganzen Wirrwarr erklären? Hm! Und ich dachte ... Oh, Gott, was ich gemeint habe. Ja, das war eine Verblendung und ich habe gefehlt vor ihm! Damals bei der Lampe im Korridor hat er mich verwirrt und verblendet! Pfui! Welch ein häßlicher, roher, gemeiner Gedanke von mir! Nikolai ist ein braver Bursche, daß er es eingestanden hat ... Und wie sich jetzt alles Vorhergegangene leicht erklären läßt! Seine Krankheit damals, alle seine sonderbaren Handlungen, auch früher schon, in der Universität noch, als er immer so düster und verschlossen war ... Aber was bedeutet jetzt dieser Brief? Hier steckt vielleicht auch etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich habe einen Verdacht ... Hm! Nein, ich will alles erfahren.“

Da erinnerte er sich an Dunetschka, und sein Herz blieb ihm fast stillstehen. Er riß sich von seinen Gedanken los und lief weiter.


Kaum war Rasumichin fortgegangen, so stand Raskolnikoff auf, wandte sich zum Fenster, ging von einer Ecke in die andere, als hätte er die Enge seiner Kammer vergessen, und ... setzte sich wieder auf das Sofa hin. Er schien ganz wie ausgewechselt zu sein; wieder – hatte sich ein Ausweg gefunden!

Ja, es hat sich ein Ausweg gefunden! sagte er sich. Alles war schon zu vollgestopft, es hatte angefangen, ihn qualvoll zu drücken, ein förmlicher Taumel hatte ihn überfallen. Seit dem Auftritte mit Nikolai bei Porphyri Petrowitsch vermeinte er, ohne einen Ausweg ersticken zu müssen. Nach Nikolai folgte am selben Tage der Auftritt bei Ssonja; er hatte ihn nicht so, wie er’s sich vorgenommen, begonnen und durchgeführt ... also hatte ihn die Schwäche plötzlich und vollständig übermannt! Mit einemmale! Er war ja doch damals mit Ssonja einverstanden, aus vollem Herzen einverstanden, daß er mit solch einer Sache auf der Seele allein nicht leben könne! Und Sswidrigailoff? Sswidrigailoff ist ein Rätsel ... Sswidrigailoff beunruhigt ihn, das ist wahr, aber nicht nach dieser Richtung hin. Mit Sswidrigailoff steht vielleicht auch ein Kampf bevor. Mit Sswidrigailoff gibt es vielleicht auch einen Ausweg, mit Porphyri Petrowitsch – das ist freilich eine andere Sache.

Aber Porphyri Petrowitsch hat selbst Rasumichin alles erklärt, psychologisch ihm erklärt! Wieder fängt er mit seiner verfluchten Psychologie an! Porphyri Petrowitsch? Was, Porphyri Petrowitsch soll auch nur einen Augenblick geglaubt haben, daß Nikolai schuldig sei, – nach allem, was zwischen ihnen beiden vorgefallen war, vor Nikolais Erscheinen, nach jenem Auftritt, Auge in Auge, für den man keine andere Erklärung finden konnte, außer einer einzigen? – (Raskolnikoff war einigemal in diesen Tagen dieser Auftritt mit Porphyri Petrowitsch in der Erinnerung stückweise vorgeschwebt; sich des Auftritts in seiner ganzen Bedeutung zu erinnern, hätte er nicht ertragen können.) – Während dieser Szene hatten sie beide Worte gewechselt, waren Bewegungen und Gesten vorgekommen, Blicke getauscht, war einiges in einem Tone gesagt worden, und die ganze Szene hatte einen Charakter angenommen, daß auf keinen Fall ein Nikolai, – den Porphyri Petrowitsch doch sofort beim ersten Worte und bei der ersten Bewegung richtig erkannt hatte, – die Grundlage seiner Überzeugung erschüttern konnte.

Wie weit war es aber auch schon gekommen! Sogar Rasumichin hatte begonnen, Verdacht zu schöpfen! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist an ihm nicht spurlos vorübergeglitten. Er ist doch zu Porphyri Petrowitsch hingelaufen ... Aber aus welchem Grunde will jener ihn irreführen? Was hat er für einen Zweck, Rasumichin auf Nikolai zu bringen? Er hat unbedingt etwas vor; er verfolgt damit bestimmte Zwecke, aber welcher Art sind sie? Es ist wahr, seit diesem Morgen ist viel Zeit vergangen, – viel zu viel Zeit und von Porphyri Petrowitsch habe ich weder etwas gehört, noch gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen ...

Raskolnikoff nahm seine Mütze, versank in Gedanken und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Es war der erste Tag, während dieser ganzen Zeit, daß er sich wenigstens bei gesundem Bewußtsein fühlte. „Ich muß dieser Sache mit Sswidrigailoff ein Ende machen,“ – dachte er, – „um jeden Preis und möglichst schnell; er scheint zu erwarten, daß ich selbst zu ihm komme.“ – In diesem Augenblicke entstand in seinem bedrückten Herzen ein wilder Haß, daß er einen von beiden, – Sswidrigailoff oder Porphyri Petrowitsch hätte ermorden können. Er fühlte wenigstens, daß er, wenn nicht jetzt, so später, imstande sei, es zu tun. – „Wir wollen sehen, wir wollen sehen,“ wiederholte er vor sich. –

Als er aber gerade die Türe zur Treppe öffnete, stieß er mit Porphyri Petrowitsch zusammen. Der kam zu ihm. Raskolnikoff war im ersten Augenblick erstarrt. Aber sonderbar, sein Staunen über Porphyris Erscheinen und sein Schrecken waren gering. Er zuckte bloß zusammen, sammelte sich aber sofort augenblicklich. „Vielleicht ist es die Lösung! Aber wie leise er gekommen war, wie eine Katze, ich habe ihn nicht gehört! Hat er etwa gelauscht?“

„Sie haben diesen Besuch nicht erwartet, Rodion Romanowitsch,“ rief Porphyri Petrowitsch lachend. „Wollte schon lange Sie aufsuchen; ging nun vorbei und dachte mir, – warum soll ich nicht auf fünf Minuten hinaufgehen. Sie wollen ausgehen? Ich will Sie nicht aufhalten. Bloß auf eine Zigarette, wenn Sie gestatten.“

„Ja, nehmen Sie Platz, Porphyri Petrowitsch, nehmen Sie bitte Platz,“ Raskolnikoff bot seinem Besuche mit solch einer sichtlich zufriedenen und freundschaftlichen Miene einen Platz an, daß er über sich selbst verwundert gewesen wäre, wenn er sich hätte sehen können.

Es war auch der letzte Rest seiner Kraft. So hegt ein Mensch eine halbe Stunde lang tödliche Angst vor dem Räuber, wenn aber das Messer ihm endgiltig an die Kehle gesetzt wird, schwindet die Angst. Er setzte sich Porphyri Petrowitsch gegenüber und blickte ihn, ohne die Augen für einen Moment abzuwenden, an. Porphyri Petrowitsch kniff die Augen zusammen und steckte sich eine Zigarette an.

„Nun, sprich, sprich doch,“ schien es aus dem Herzen Raskolnikoffs herauszurufen. – „Nun, warum redest, warum redest du nicht?“