VI.

Raskolnikoffs Erinnerung an diesen Moment war in späterer Zeit folgende:

Das Geräusch hinter der Türe verstärkte sich und die Türe wurde ein wenig geöffnet.

„Was soll das?“ – rief Porphyri Petrowitsch ärgerlich. „Ich habe doch gesagt ...“

Einen kurzen Augenblick erfolgte keine Antwort, jedoch man merkte, daß hinter der Türe einige Leute standen, die jemanden zurückzuhalten schienen.

„Was ist denn los?“ – wiederholte Porphyri Petrowitsch beunruhigt.

„Man hat den Arrestanten Nikolai gebracht,“ – ertönte eine Stimme.

„Es ist nicht nötig! Fort mit ihm! Soll warten! ... Weshalb hat man ihn hierher gebracht? Was ist das für eine Unordnung!“ – rief Porphyri Petrowitsch, zur Türe stürzend.

„Ja, er ...,“ – begann dieselbe Stimme und brach plötzlich ab.

Nicht länger als zwei Sekunden währte ein regelrechter Kampf, als jemand mit aller Kraft zurückgestoßen wurde, und darauf ein sehr bleicher Mann direkt in das Arbeitszimmer von Porphyri Petrowitsch eintrat.

Dieser Mensch sah sehr eigentümlich aus. Er blickte vor sich hin, ohne von seiner Umgebung etwas zu merken. In seinen Augen funkelte eine Entschlossenheit, Totenblässe bedeckte sein Gesicht, als hätte man ihn zum Schafott gebracht. Seine blutleeren Lippen zuckten.

Er war gekleidet wie ein Mann aus dem Volke, war noch sehr jung, von mittlerem Wuchse, hager, mit rund beschnittenen Haaren und feinen, herben Gesichtszügen. Der von ihm unerwartet Zurückgestoßene, ein Gefängniswärter, stürzte als erster ihm ins Zimmer nach und packte ihn an den Schultern. Nikolai zog seinen Arm zurück und riß sich abermals von ihm los.

In der Türe drängten sich die Neugierigen. Manche von ihnen wollten eintreten. Alles das geschah in einem Augenblick.

„Fort, es ist zu früh! Warte, bis ich dich rufen lasse! ... Warum hat man ihn schon jetzt hergebracht?“ murmelte ärgerlich Porphyri Petrowitsch, ganz außer sich.

Da warf sich Nikolai auf die Knie nieder.

„Was ist mir dir?“ – rief Porphyri Petrowitsch erstaunt.

„Ich bin schuldig! Ich bin der Sünder! Ich bin der Mörder!“ – sagte plötzlich Nikolai, stockend, aber mit ziemlich lauter Stimme.

Ein Schweigen, als wären alle erstarrt, trat ein; der eskortierende Soldat wich zurück und trat nicht mehr an Nikolai heran, er ging mechanisch zur Türe und blieb dort unbeweglich stehen.

„Was sagst du?“ – rief Porphyri Petrowitsch, aus seiner Erstarrung erwachend.

„Ich ... bin der Mörder ...,“ – wiederholte Nikolai nach kurzem Schweigen.

„Wie ... du ... wie ... Wen hast du ermordet?“

Porphyri Petrowitsch war sichtbar betreten.

Nach einer kurzen Pause antwortete Nikolai wieder.

„Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta Iwanowna habe ich ... mit dem Beile ... erschlagen. Eine Verblendung kam über mich ... –“ fügte er plötzlich hinzu und verstummte von neuem, immer noch auf den Knien liegend.

Porphyri Petrowitsch stand nachdenklich da; als er wieder zu sich kam, winkte er mit den Händen den ungebetenen Zeugen, fortzugehen. Sie verschwanden sogleich und die Türe wurde zugemacht. Dann blickte er Raskolnikoff an, der in einer Ecke stand und Nikolai verstört ansah, er ging auf ihn zu, blieb jedoch auf halbem Wege wieder stehen, betrachtete ihn nochmals, wandte dann seinen Blick Nikolai zu, und so besah er beide abwechselnd, bis er sich plötzlich auf Nikolai stürzte, von einem Gedanken gepackt.

„Was kommst du mir mit deiner Verblendung daher?“ – rief er ihm wütend zu. – „Ich habe doch noch gar nicht gefragt, ob eine Verblendung über dich gekommen ist oder nicht ... sage mir, hast du gemordet?“

„Ich bin der Mörder ... ich mache das Bekenntnis ...“ – sagte Nikolai.

„Ach was! Und womit hast du gemordet?“

„Mit einem Beile. Ich hatte es mir vorher besorgt.“

„Nur langsam, nicht so schnell! Du allein?“

Nikolai verstand die Frage nicht.

„Hast du allein gemordet?“

„Allein. Dmitri ist unschuldig und ganz unbeteiligt.“

„Eile nicht so mit Dmitri! ...“

„Wie bist du denn damals die Treppe hinuntergelaufen? Die Hausknechte haben doch euch beide zusammen gesehen?“

„Ich bin absichtlich ... damals ... mit Dmitri hinuntergelaufen,“ – antwortete Nikolai schnell als hätte er sich vorher vorbereitet.

„Ja, da haben wir’s wieder!“ rief Porphyri Petrowitsch wütend aus, – „er glaubt selbst nicht, was er sagt!“ – murmelte er scheinbar vor sich hin und bemerkte im selben Augenblick Raskolnikoff wieder.

Er war so stark mit Nikolai beschäftigt, daß er für eine kurze Zeit die Anwesenheit Raskolnikoffs offenbar vergessen hatte. Er wurde verlegen ...

„Rodion Romanowitsch, Väterchen! Entschuldigen Sie mich, es geht nicht an ... bitte ... Sie haben hier nichts zu tun ... ich bin auch selbst ... Sie sehen, welch eine Überraschung! ... Bitte! ...“

Er nahm ihn bei der Hand und zeigte auf die Türe.

„Das haben Sie nicht erwartet?“ – sagte Raskolnikoff, der die Sache selbst noch nicht begriff, jedoch seine Fassung wiedergefunden hatte.

„Auch Sie, Väterchen, haben es nicht erwartet. Wie Ihre Hand zittert! He–he–he!“

„Auch Sie zittern, Porphyri Petrowitsch.“

„Ja, ich zittere auch; hätte das nie für möglich gehalten! ...“

Sie standen beide schon an der Türe. Porphyri Petrowitsch wartete mit Ungeduld auf Raskolnikoffs Hinausgehen.

„Und Ihre Überraschung, wollen Sie sie mir nicht zeigen?“ – sagte Raskolnikoff höhnisch.

„Sie fangen schon wieder so an, während Ihnen die Zähne noch ordentlich klappern, he–he! Sie sind ein eigener Mensch! Nun, auf Wiedersehen.“

„Es wäre besser, Lebewohl zu sagen!“

„So Gott will, so Gott will!“ – murmelte Porphyri Petrowitsch mit einem schiefen Lächeln.

Als Raskolnikoff durch die Kanzlei ging, bemerkte er, daß viele ihn aufmerksam anblickten. Im Vorzimmer sah er unter der Menge die beiden Hausknechte aus jenem Hause, die er damals in der Nacht mit zum Polizeiaufseher gehen hieß. Sie standen und warteten. Kaum hatte er die Treppe erreicht, als er die Stimme Porphyri Petrowitschs hinter sich vernahm. Er kehrte sich um und bemerkte, daß dieser ihm ganz außer Atem nachkam.

„Nur ein Wort noch, Rodion Romanowitsch, über die Sache ... nun, wie Gott will! aber dennoch muß ich Sie über einiges der Form wegen fragen ... so sehen wir uns noch, nicht wahr?“

Und Porphyri Petrowitsch blieb lächelnd vor ihm stehen.

„Nicht wahr?“ – fügte er noch einmal hinzu.

Man hatte den Eindruck, daß er noch etwas sagen wollte, aber es erfolgte nichts.

„Ich bitte Sie, Porphyri Petrowitsch, mich zu entschuldigen wegen des vorhin Vorgefallenen ... ich habe mich hinreißen lassen,“ – begann Raskolnikoff, vollkommen gefaßt und dem unwiderstehlichen Wunsche nachgebend, sich wichtig zu tun.

„Hat nichts zu sagen, hat nichts auf sich,“ – fiel Porphyri Petrowitsch fast freudig ein. – „Auch ich selbst ... ich habe einen gehässigen Charakter, ich gebe es zu, ich gebe es zu! Wir werden uns ja wiedersehen. Wenn Gott will, werden wir uns sehr bald wiedersehen! ...“

„Und dann einander endgültig kennenlernen?“ – fiel Raskolnikoff ein.

„Und dann einander endgültig kennenlernen,“ – pflichtete ihm Porphyri Petrowitsch bei, kniff die Augen zusammen und sah ihn durchdringend an. – „Jetzt eilen Sie zum Namenstage?“

„Zur Beerdigung.“

„Ja, richtig, zur Beerdigung! Schonen Sie Ihre Gesundheit vor allem, Ihre Gesundheit ...“

„Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen meinerseits wünschen soll!“ – fiel Raskolnikoff ein, der schon die Treppe hinabstieg und sich wieder zu Porphyri Petrowitsch umwandte, – „ich möchte Ihnen ‚guten Erfolg‘ wünschen, aber Ihr Amt ist zu eigenartig!“

„Wieso denn, eigenartig?“ – Porphyri Petrowitsch spitzte die Ohren, obwohl er sich schon umgekehrt hatte, um fortzugehen.

„Warum denn nicht; diesen armen Nikolai haben Sie wahrscheinlich auch ordentlich psychologisch in Ihrer Weise gequält und gemartert, bis er gestanden hat; haben ihm wahrscheinlich Tag und Nacht vorinspiriert, – ‚du bist der Mörder, du bist der Mörder ...‘, und jetzt, wo er es eingestanden hat, werden Sie ihn wieder anders vorkriegen. Jetzt heißt es: ‚Du lügst, du bist nicht der Mörder! Du kannst es nicht sein! Du glaubst nicht an deine eigenen Worte!‘ Nun, ist Ihr Amt nicht komisch?“

„He–he–he! Sie haben es also gehört, daß ich zu Nikolai gesagt habe, er glaube nicht an seine eigenen Worte?“

„Warum sollte ich es nicht gehört haben?“

„He–he! Sie sind scharfsinnig, sehr scharfsinnig! Sie bemerken alles! Sie haben einen ausgezeichneten lebhaften Verstand! Und erwischen immer die komischeste Seite ... he–he! Sagt man nicht, von den Schriftstellern hatte Gogol am ausgeprägtesten diese Eigenschaft.“

„Ja, Gogol.“

„Ja, Gogol ... Auf angenehmes Wiedersehen!“

„Auf angenehmes Wiedersehen!“

Raskolnikoff ging direkt nach Hause. Er war zuletzt so verwirrt und konfus geworden, daß er, als er nach Hause kam, sich auf das Sofa warf und erst eine Viertelstunde ausruhen mußte, ehe er versuchen konnte, seine Gedanken einigermaßen zu sammeln. Den Fall mit Nikolai wollte er gar nicht einmal erörtern, er fühlte eine mächtige Erregung in sich, und fühlte, daß in dem Geständnis Nikolais etwas Unerklärliches und Seltsames war; er war jetzt noch nicht imstande, dies alles zu fassen. Das Geständnis Nikolais war eine unbestreitbare Tatsache. Die Folgen dieser Tatsache wurden ihm sofort klar, – die Lüge mußte sich offenbaren und dann nahm man ihn wieder vor. Aber bis dahin war er wenigstens frei, er muß nun unbedingt irgend etwas für sich tun, denn die Gefahr war unvermeidlich.

Jedoch, in welcher Weise? Die Lage begann sich zu klären. Während er sich im allgemeinen des ganzen Auftrittes bei Porphyri Petrowitsch entsann, durchlief es ihn eiskalt. Gewiß kannte er noch nicht alle Absichten Porphyri Petrowitschs, konnte alle seine Berechnungen vorhin nicht enträtseln. Doch ein Teil des Spieles war offenbar; selbstverständlich konnte niemand besser als er selbst verstehen, wie schrecklich für ihn dieser „Schachzug“ im Spiele Porphyri Petrowitschs sei. Noch ein wenig, und er hätte sich vollkommen verraten. Indem Porphyri Petrowitsch die Empfindlichkeit seines Charakters erkannt hatte und vom ersten Augenblick richtig eingeschätzt und durchschaut hatte, handelte er sehr entschlossen, und fast mit sicherem Erfolge. Es war nicht zu bestreiten, daß Raskolnikoff sich schon stark kompromittiert hatte, doch bis zu Tatsachen war es noch nicht gekommen; dies alles war nur relativ. Faßte er jedoch jetzt auch alles richtig auf? Irrte er sich nicht? Zu welchem Resultate wollte heute Porphyri Petrowitsch kommen? Hatte er heute wirklich etwas vorbereitet? Und was war es? Wartete er wirklich auf etwas oder nicht? Wie würden sie sich heute getrennt haben, wenn der unerwartete Vorfall mit Nikolai nicht eingetreten wäre?

Porphyri Petrowitsch hatte fast sein ganzes Spiel aufgedeckt; es war selbstverständlich von ihm riskiert, aber er hatte es doch getan, und – hatte alles aufgedeckt, wie es Raskolnikoff schien, – wenn Porphyri Petrowitsch wirklich mehr gehabt hätte, würde er es auch aufgedeckt haben. Was war nur diese „Überraschung“? War es etwa Fopperei? Hatte sie eine Bedeutung oder nicht? Konnte sich darunter etwas, das einer Tatsache, einem positiven Beweis glich, verbergen? Vielleicht der Mann von gestern? Wo ist er hinverschwunden? Wo war er heute? Wenn Porphyri Petrowitsch etwas Positives hatte, so hing es sicher mit dem Manne von gestern zusammen ... Er saß auf dem Sofa, hatte den Kopf tief sinken lassen, stützte sich auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Ein nervöses Zittern durchlief immer noch seinen ganzen Körper. Schließlich stand er auf, nahm seine Mütze in die Hand, dachte eine Weile nach und ging zur Türe.

Ein Gefühl, daß er wenigstens heute sich in Sicherheit fühlen könne, rief fast Freude in seinem Herzen wach, – er wollte jetzt schnell zu Katerina Iwanowna gehen. Zur Beerdigung kam er selbstverständlich zu spät, zum Essen langte es noch und er würde dort Ssonja sehen.

Er blieb stehen, sann nach und ein schmerzliches Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.

„Heute! Heute!“ – wiederholte er vor sich, – „ja, heute noch! Es muß so sein ...“

Er wollte gerade die Türe öffnen, als sie auch schon von außen geöffnet wurde. Er erzitterte und sprang zurück. Sie öffnete sich langsam und leise, und die Gestalt – des Mannes von gestern kam zum Vorschein.

Der Mann blieb auf der Schwelle stehen, sah Raskolnikoff schweigend an und machte einen Schritt in das Zimmer. Er war genau wie gestern gekleidet, er hatte die gleiche gebückte Gestalt, nur in seinem Gesicht und im Blick war eine große Veränderung vorgegangen, – er sah traurig drein, und nachdem er eine Weile dagestanden hatte, seufzte er tief. Es fehlte bloß, daß er die Wange auf eine Hand stützte und den Kopf zur Seite beugte, um völlig einem Weibe zu ähneln.

„Was wünschen Sie?“ – fragte Raskolnikoff.

Der Mann schwieg und verneigte sich auf einmal tief, so tief, daß er mit einem Finger der rechten Hand den Boden berührte.

„Was ist mit Ihnen?“ – rief Raskolnikoff aus.

„Verzeihen Sie,“ – sagte leise der Mann.

„Was soll ich verzeihen?“

„Meine bösen Gedanken.“

Sie blickten einander an.

„Es quälte mich. Als Sie damals kamen, vielleicht berauscht, und die Hausknechte aufforderten, mit auf die Polizei zu gehen und nach dem Blut fragten, quälte es mich, daß man die Sache so ohne weiteres ließ und Sie für einen Betrunkenen ansah. Und es quälte mich so stark, daß ich den Schlaf verlor. Und da ich mich Ihrer Adresse erinnerte, bin ich gestern hierher gekommen und habe den Hausknecht gefragt ...“

„Wer ist hergekommen?“ – unterbrach ihn Raskolnikoff und da erinnerte er sich wieder.

„Ich, das heißt, ich habe Sie gekränkt.“

„Also, Sie sind aus jenem Hause?“

„Ja, ich stand damals mit den anderen am Tore, erinnern Sie sich nicht? Ich habe dort seit langem eine Werkstatt. Ich bin Kürschner, Kleinbürger, arbeite zu Hause ... Am meisten aber quälte es mich ...“

Und Raskolnikoff erinnerte sich auf einmal klar der ganzen Szene von vorgestern am Tore; er entsann sich, daß außer den Hausknechten dort noch einige Menschen, darunter auch Frauen, gestanden hatten. Er erinnerte sich einer Stimme, die vorschlug, ihn auf die Polizei zu bringen. Auf das Gesicht des Sprechenden konnte er sich nicht entsinnen und erkannte ihn auch jetzt nicht, aber er wußte noch, daß er ihm damals geantwortet und sich nach ihm umgewandt habe ...

Also, das war die Lösung des ganzes Schreckens von gestern. Am furchtbarsten war ihm der Gedanke, daß er dadurch fast zugrunde gegangen wäre, eines solch nichtigen Verhängnisses wegen sich fast zugrunde gerichtet hätte. Also, außer des Besuches in der Wohnung und des Gespräches über das Blut konnte dieser Mensch gar nichts erzählen. So hatte auch Porphyri Petrowitsch gar nichts, keine Tatsachen, nichts Positives, nichts außer diesem Fieberwahn, und außer der Psychologie, die ihre zwei Seiten hat. Wenn keine Tatsachen mehr auftauchen – und sie dürfen nicht mehr auftauchen, dürfen, dürfen nicht, – was ... was kann man ihm anhaben? Wodurch kann man ihn denn endgültig überführen, selbst wenn sie ihn auch arretieren würden? So hat Porphyri Petrowitsch erst jetzt, soeben erst von der Wohnung erfahren, und vorher nichts davon gewußt.

„Haben Sie es heute Porphyri Petrowitsch gesagt ... daß ich dort gewesen war?“ – rief er aus, von einer neuen Idee überrascht.

„Was für einem Porphyri Petrowitsch?“

„Dem Untersuchungsrichter.“

„Ja, ich habe es gesagt. Die Hausknechte gingen damals nicht hin, und da ging ich denn.“

„Heute?“

„Ich war einen Augenblick früher da, als Sie kamen. Ich habe alles mit angehört, alles, und wie er Sie peinigte.“

„Wo? Was? Wann?“

„Ich saß die ganze Zeit bei ihm hinter der Wand.“

„Wie? Also Sie waren die Überraschung? Ja, wie konnte es denn zugehen? Erlauben Sie!“

„Als ich sah,“ – begann der Kleinbürger, – „daß die Hausknechte trotz meiner Worte nicht hingehen wollten, weil es, wie sie sagten, schon spät sei und er vielleicht böse würde, daß sie in so später Stunde noch daherkämen, quälte es mich, ich verlor den Schlaf und begann mich zu erkundigen. Und nachdem ich mich gestern erkundigt hatte, ging ich heute hin. Als ich zum erstenmal kam, war er noch nicht da, als ich nach einer Stunde wieder kam, empfing er mich nicht, und als ich zum drittenmal da war, – ließ man mich zu ihm. Ich erzählte ihm alles, wie es war, er lief im Zimmer herum und schlug sich mit der Faust vor die Brust. ‚Was macht ihr mit mir,‘ – sagte er, – ‚ihr Räuber? Hätte ich das gewußt, ich würde ihn mit einer Eskorte geholt haben!‘ Dann lief er aus dem Zimmer, rief jemand und begann in einer Ecke mit ihm zu sprechen, dann kam er wieder zu mir, frug mich aus, schimpfte mich und machte auch sich Vorwürfe. Ich teilte ihm alles mit, sagte auch, daß Sie gestern nicht gewagt hätten, mir auf meine Worte zu antworten, und daß Sie mich nicht erkannt hätten. Da begann er wieder herumzulaufen, sich vor die Brust zu schlagen und zu ärgern. Als man aber Sie anmeldete, sagte er, – ‚nun, krieche hinter die Wand, sitze dort, rühr dich nicht, was du auch hören solltest‘, und brachte mir selbst einen Stuhl dorthin und schloß mich ein; ‚vielleicht werde ich dich noch ausfragen‘, sagte er. Als man aber Nikolai hineingeführt hatte, ließ er mich hinaus, nachdem Sie gegangen waren. ‚Ich werde noch einmal nach dir schicken,‘ sagte er ‚und werde dich fragen ...‘“

„Und hat er Nikolai in deiner Gegenwart verhört?“

„Als er Sie hinausgeleitet und mich hinausgelassen hatte, begann er Nikolai zu verhören.“

Der Kleinbürger hielt inne und verneigte sich plötzlich noch einmal tief und berührte wieder mit einem Finger den Boden.

„Verzeihen Sie mir die Beschuldigung und meine Bosheit.“

„Gott vergebe dir,“ – antwortete Raskolnikoff, und kaum hatte er es gesagt, verneigte sich der Kleinbürger wieder vor ihm, aber diesmal nicht bis zum Boden, drehte sich um und verließ das Zimmer.

„Alles hat zwei Seiten, jetzt hat alles zwei Seiten,“ – wiederholte Raskolnikoff und ging mutiger als je aus dem Zimmer.

„Ha, jetzt wollen wir noch kämpfen!“ – sagte er mit einem bösen Lächeln, als er die Treppe hinabstieg. Das böse Lächeln war für ihn selbst bestimmt; er erinnerte sich seines „Kleinmutes“ mit Verachtung und Beschämung.

Fünfter Teil

I.

Der Morgen, der auf die für Peter Petrowitsch Luschin verhängnisvolle Erklärung mit Dunetschka und Pulcheria Alexandrowna folgte, verfehlte seine ernüchternde Wirkung auch auf Luschin nicht. Er mußte zu seinem größten Leidwesen allmählich das Ereignis als eine vollzogene und unwiderrufliche Tatsache ansehen, das ihm noch gestern als Phantom, als Unmöglichkeit erschienen war. Die schwarze Schlange der verletzten Eigenliebe hatte die ganze Nacht an seinem Herzen genagt. Nachdem er das Bett verlassen hatte, besah er sich sofort im Spiegel. Er fürchtete, daß die Galle ihm übergelaufen sei. Aber es war alles vorläufig in bester Ordnung, und als Peter Petrowitsch sein edles, weißes und in der letzten Zeit voller gewordenes Antlitz erblickte, tröstete er sich für einen Augenblick in der festen Überzeugung, irgendwo anders eine Braut, und vielleicht eine noch bessere, zu finden. Er wies den Gedanken alsbald von sich und spie energisch aus, wodurch er ein stilles, aber sarkastisches Lächeln bei seinem jungen Freunde und Stubengenossen Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff hervorrief. Peter Petrowitsch bemerkte dieses Lächeln und beschloß sofort, es seinem jungen Freunde heimzuzahlen. Es hatte sich in letzter Zeit noch mehr angesammelt. Seine Wut vergrößerte sich, als es ihm noch bewußt wurde, daß es ganz unnötig gewesen war, Andrei Ssemenowitsch sein gestriges Erlebnis mitzuteilen. Das war der zweite Fehler, den er gestern im Eifer, in überflüssiger Aufregung, in Gereiztheit gemacht hatte ... Zudem folgte nun diesen ganzen Morgen, wie absichtlich, eine Unannehmlichkeit der anderen. Sogar im Senate hatte er einen Mißerfolg in der Sache, die er vertrat. Ganz besonders aber hatte ihn der Hauswirt gereizt, von dem er in Anbetracht seiner baldigen Heirat eine Wohnung gemietet hatte und die er auf eigene Rechnung reparieren ließ. Dieser Wirt, irgendein reichgewordener deutscher Handwerker, weigerte sich, den soeben abgeschlossenen Vertrag rückgängig zu machen und verlangte die volle Bezahlung der im Vertrage genannten Entschädigungssumme, obgleich ihm Peter Petrowitsch eine nahezu völlig renovierte Wohnung zurückgab. Ebenso wollte man auch in dem Möbelgeschäfte keinen einzigen Rubel von der Anzahlungssumme für die gekauften, aber noch nicht in die Wohnung geschafften Möbel zurückgeben. „Ich kann mich doch nicht der Möbel wegen verheiraten!“ – knirschte Peter Petrowitsch mit den Zähnen, und gleichzeitig durchfuhr ihn noch einmal eine verzweifelte Hoffnung. – „Ja, ist denn wirklich alles unwiderruflich verloren und abgetan? Kann man es denn nicht noch einmal versuchen?“ Der Gedanke an Dunetschka traf verführerisch sein Herz. Es war ihm ein Augenblick voller Qual, und hätte jetzt gleich der bloße Wunsch Raskolnikoff töten können, Peter Petrowitsch hätte unverzüglich diesen Wunsch geäußert.

„Mein Fehler war auch der, daß ich ihnen kein Geld gab,“ – dachte er, als er traurig in die Stube von Lebesjätnikoff zurückkehrte, – „und warum bin ich, zum Kuckuck, so ein Jude geworden? Hier war es nicht angebracht! Ich dachte sie in Not zu halten und sie so weit zu bringen, daß sie mich als ihre Vorsehung betrachten müßten, und es kam so anders ... Pfui! ... Nein, ich hätte ihnen während dieser Zeit, sagen wir, anderthalbtausend zur Aussteuer geben müssen, allerhand Geschenke, Nähkästchen, Necessaires, Stoffe und anderen Schund, und die Sache war gut, war sicher! Man hätte mir nicht so leicht absagen können! Sie gehören zu den Leuten, die es unbedingt für ihre Pflicht gehalten hätten, im Falle einer Aufhebung der Verlobung die Geschenke und das Geld zurückzugeben; und das würde ihnen schwer gefallen sein und hätte ihnen leid getan! Auch das Gewissen würde sie geplagt haben; wie kann man, hätten sie sich gesagt, plötzlich einen Menschen verjagen, der bis jetzt so freigebig und zartfühlend war? ... Ich habe einen schweren Fehler begangen!“ Peter Petrowitsch knirschte mit den Zähnen und nannte sich einen Dummkopf, – selbstverständlich nur bei sich. Als er zu dieser Folgerung gekommen war, kehrte er noch wütender und gereizter nach Hause zurück, als er fortgegangen war. Die Vorbereitungen für das Essen in Katerina Iwanownas Zimmer zum Angedenken an den Verstorbenen nahmen teilweise seine Neugier in Anspruch. Er hatte schon gestern einiges über dieses Essen gehört; es schwebte ihm selbst vor, als hätte man auch ihn eingeladen; allein bei seinen eigenen Sorgen hatte er all dem keine Beachtung geschenkt. Er beeilte sich, sich bei Frau Lippewechsel näher zu erkundigen, die während der Anwesenheit Katerina Iwanownas auf dem Friedhofe für das Arrangement sorgte, und erfuhr, daß das Gedächtnismahl feierlich sein würde. Fast alle Mitbewohner, sogar auch solche, die der Verstorbene nicht gekannt hatte, waren eingeladen; Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff war auch, ungeachtet seines kürzlichen Streites mit Katerina Iwanowna, eingeladen. Auch er selbst, Peter Petrowitsch, sei geladen und würde mit großer Ungeduld erwartet, weil er der vornehmste Gast von allen sei. Amalie Iwanowna war ebenfalls, trotz aller vorgefallenen Unannehmlichkeiten, mit großer Ehre eingeladen, und mühte sich jetzt selbst ab, um alle häuslichen Anordnungen zu treffen; sie fühlte sich sehr wichtig dabei, sie war festlich geputzt, wennschon in Trauer, sie hatte ein ganz neues seidenes Kleid an und war nicht wenig stolz darauf. Alle diese Tatsachen und Mitteilungen brachten Peter Petrowitsch auf einen Gedanken; etwas nachdenklich ging er in sein, das heißt in Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoffs Zimmer. Unter anderem hatte er erfahren, daß unter den Eingeladenen auch Raskolnikoff sei.

Andrei Ssemenowitsch blieb diesen ganzen Morgen aus einem bestimmten Grunde zu Hause. Zwischen diesem Herrn und Peter Petrowitsch herrschten eigentümliche, teilweise auch natürliche Beziehungen, – Peter Petrowitsch verachtete und haßte ihn von dem Tage an, als er sich bei ihm einquartierte, über alle Maßen, gleichzeitig ihn ein wenig fürchtend. Er war bei ihm nach seiner Ankunft in Petersburg nicht bloß aus übertriebener Sparsamkeit abgestiegen; obwohl dies wohl der Hauptgrund war, gab es noch eine andere Ursache. Schon in der Provinz hatte er von Andrei Ssemenowitsch, seinem früheren Zögling, gehört, als einem der ersten jungen Progressisten, der sogar eine bedeutende Rolle in gewissen interessanten und vielbesprochenen Kreisen spiele. Das überraschte Peter Petrowitsch. Diese mächtigen, alles wissenden, alles verachtenden und alle entlarvenden Kreise jagten schon lange Peter Petrowitsch einen besonderen, wenn auch ganz unbestimmten Schrecken ein. Er selbst konnte sich, zumal er in der Provinz lebte, in keiner Weise einen annähernd genauen Begriff davon machen. Er hatte, wie viele andere, gehört, daß es besonders in Petersburg Progressisten, Nihilisten, Enthüller und dergleichen mehr gebe, aber er übertrieb gleich vielen, und verdrehte den Sinn und die Bedeutung dieser Benennungen bis ins Absurde. Am meisten fürchtete er, schon seit einigen Jahren, Enthüllungen, und dies war die hauptsächliche Ursache seiner beständigen übertriebenen Unruhe, besonders wenn er daran dachte, seine Tätigkeit nach Petersburg zu verlegen. In dieser Hinsicht war er, wie man sagt, verschreckt, wie zuweilen kleine Kinder verschreckt sind. Vor einigen Jahren in der Provinz, als er eben seine Laufbahn begonnen hatte, erlebte er zwei Fälle schlimmer Enthüllungen für zwei ziemlich bedeutende Persönlichkeiten der Gouvernementsbehörde, zu denen er sich bis dahin gehalten und die ihn protegierten. Der eine Fall endete für den Kompromittierten mit besonderem Eklat, der zweite wäre fast noch schlimmer abgelaufen. Aus diesem Grunde hatte Peter Petrowitsch beschlossen, sich sofort nach der Ankunft in Petersburg zu erkundigen, wie die Sache eigentlich sei, und falls nötig, vorzubeugen und sich bei „unserer jungen Generation“ einzuschmeicheln. Dabei rechnete er auf Andrei Ssemenowitsch, und er hatte schon gelernt, wie beim Besuche Raskolnikoffs, bestimmte Phrasen aus fremder Quelle wiederzugeben ...

Gewiß, es gelang ihm bald, Andrei Ssemenowitsch als einen außerordentlich flachen, einfältigen und unbedeutenden Menschen zu erkennen. Dies hatte aber keineswegs den Glauben Peter Petrowitschs erschüttert oder ihn sicherer gemacht. Selbst wenn er sich überzeugt hätte, daß alle Progressisten eben solche Dummköpfe wären, auch dann würde sich seine Unruhe nicht gelegt haben. Alle Lehren, Gedanken, Systeme, mit denen Andrei Ssemenowitsch sich sofort auf ihn gestürzt hatte, interessierten ihn ganz und gar nicht. Er hatte sein eigenes Ziel. Er wollte bloß schnell, unverzüglich erfahren, was hier vorginge und wie? Hatten diese Leute einen Einfluß oder nicht? Würden sie ihn kompromittieren, wenn er dies oder jenes unternähme, oder nicht? Und wenn sie einen kompromittierten, fragt es sich, was würden sie dabei im Auge haben? Worauf richteten sich jetzt eigentlich die Enthüllungen? Und weiter, – konnte man sich nicht ihnen in irgendeiner Weise anschließen und sie irreführen, wenn sie tatsächlich Einfluß haben sollten? Sollte man es tun oder nicht? Könnte man nicht, zum Beispiel, durch ihre Vermittlung seine Karriere fördern? Mit einem Worte, es standen hunderte von Fragen vor ihm.

Andrei Ssemenowitsch war ein kraftloser und skrophulöser Mann von kleinem Wuchse, der bei irgend jemand bedienstet war; er war auffallend blond und hatte einen Kotelettenbart, auf den er sehr stolz war. Seine Augen waren fast immer entzündet. Er hatte ein ziemlich weiches Herz, in seinen Reden lag etwas sehr Selbstbewußtes, ja zuweilen etwas außerordentlich Herausforderndes – was im Vergleiche zu seiner kleinen Gestalt fast stets lächerlich wirkte. Amalie Iwanowna rechnete auch ihn zu ihren angesehensten Mietern, da er nicht trank und sein Zimmer pünktlich bezahlte. Alles in allem war Andrei Ssemenowitsch wirklich etwas dumm. Er hatte sich den Progressisten und „unserer jungen Generation“ leidenschaftlich zugesellt. Es war einer aus der bunt zusammengesetzten Legion flacher Menschen, verfehlter Existenzen und Halbgebildeten, die nichts ordentliches gelernt hatten, die sich an die modernste gangbarste Idee heranmachen, um sie sofort zu verflachen und um alles in einem Nu zu verzerren, auch wenn sie selbst in der aufrichtigsten Weise ihr dienen.

Übrigens konnte Lebesjätnikoff, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, seinen Stubengenossen und früheren Vormund Peter Petrowitsch nicht leiden. Es kam das wie von ungefähr und beruhte auf Gegenseitigkeit. Trotz seiner Beschränktheit begann Andrei Ssemenowitsch allmählich zu merken, daß ihn Peter Petrowitsch beschwindelte und im geheimen verachtete, und daß er nicht der „Rechte“ war. Er versuchte, ihm Fouriers System und Darwins Theorie darzulegen, aber Peter Petrowitsch begann, besonders in der letzten Zeit, sarkastisch zuzuhören und sogar zu schelten. Peter Petrowitsch fühlte instinktiv heraus, daß Lebesjätnikoff nicht bloß ein flacher und ziemlich beschränkter Mensch, sondern auch ein Prahlhans sei, und daß er keine bedeutenden Verbindungen in seinem eigenen Kreise hatte, sondern sich nur mit fremden Federn schmückte; mehr noch, – daß er nicht mal seine eigene Sache, die Propaganda, ordentlich verstand, weil er zu konfus redete, und ein solcher konnte doch kein Ankläger sein! Nebenbei wollen wir noch bemerken, daß Peter Petrowitsch in diesen anderthalb Wochen, besonders aber im Anfange, sehr gern die merkwürdigsten Absichten von Andrei Ssemenowitsch sich beilegen ließ, das heißt, er wies sie nicht zurück und erwiderte auch nichts, z. B., wenn Andrei Ssemenowitsch ihm die Bereitwilligkeit zuschrieb, die künftige und baldige Gründung einer neuen „Kommune“ irgendwo in der nächsten Nähe zu fördern, oder z. B. Dunetschka nicht hinderlich zu sein, wenn es ihr im ersten Monate nach der Hochzeit einfallen sollte, sich einen Geliebten anzuschaffen, oder auch seine künftigen Kinder nicht taufen zu lassen und dergleichen mehr. Peter Petrowitsch widersprach nicht, seiner Gewohnheit nach, wenn ihm diese Eigenschaften zugeschrieben wurden, und ließ es zu, daß man ihn dafür lobte, – so angenehm war ihm jedes Lob.

Peter Petrowitsch, der an diesem Morgen einige fünfprozentige Staatspapiere gewechselt hatte, saß am Tische und zählte das Papiergeld und die Kupons nach. Andrei Ssemenowitsch, der fast nie Geld hatte, ging im Zimmer auf und ab und gab sich den Anschein, als betrachte er diesen Haufen Geld gleichgültig und geringschätzig. Peter Petrowitsch konnte um nichts in der Welt glauben, daß Andrei Ssemenowitsch so viel Geld gleichgültig war, und jener wiederum dachte voll Bitterkeit, daß Peter Petrowitsch wirklich fähig sei, in dieser Weise von ihm zu denken, und sich möglicherweise freue, ihn, seinen jungen Freund, mit den aufgebauten Päckchen von Papiergeld zu reizen und zu verhöhnen, indem er ihn an seine Unbedeutendheit und den zwischen ihnen bestehenden Abstand erinnerte.

Andrei Ssemenowitsch fand ihn heute ungewöhnlich gereizt und unaufmerksam, trotzdem er ihm sein Lieblingsthema über die Errichtung einer neuen eigenartigen „Kommune“ auseinandergesetzt hatte. Die kurzen Erwiderungen und Bemerkungen, die Peter Petrowitsch inmitten seiner Berechnungen machte, zeugten von einer sehr deutlichen und beabsichtigt spöttischen Unhöflichkeit. Aber der „humane“ Andrei Ssemenowitsch schrieb die Stimmung von Peter Petrowitsch dem gestrigen Bruche mit Dunetschka zu und brannte vor Verlangen, schneller dieses Thema zu berühren, – er hätte etwas Fortschrittliches und Propagandistisches für ihn, was seinen ehrenwerten Freund trösten und „sicher“ seiner weiteren Entwicklung von Nutzen sein müßte.

„Was ist das für ein Gedächtnismahl, das diese ... die Witwe da arrangiert?“ – fragte plötzlich Peter Petrowitsch, Andrei Ssemenowitsch bei der interessantesten Stelle unterbrechend.

„Als ob Sie das nicht selbst wüßten; ich habe doch gestern mit Ihnen über dieses Thema gesprochen und Ihnen meine Gedanken über all diese Gebräuche entwickelt ... Sie hat Sie ja auch eingeladen, ich habe es gehört, als Sie gestern selbst mit ihr sprachen ...“

„Ich hätte keineswegs erwartet, daß diese bettelarme, dumme Person all das Geld zu einem Gedächtnismahl verplempern wird, das sie von diesem andern Dummkopf ... Raskolnikoff erhalten hat. Ich war erstaunt, als ich beim Durchgehen sah, – was für Vorbereitungen gemacht sind ... Wein ist aufgestellt! ... Es sind allerhand Menschen geladen, – weiß der Teufel, was das bedeuten soll!“ – fuhr Peter Petrowitsch fort, der absichtlich dieses Gespräch anfing. – „Was? Sie sagen, man hatte auch mich geladen?“ – fügte er plötzlich hinzu und erhob den Kopf. – „Wann war denn das? Ich erinnere mich gar nicht. Ich will übrigens nicht hingehen. Was soll ich dort? Ich habe mit ihr gestern bloß im Vorbeigehen über die Möglichkeit gesprochen, daß sie, als die arme Witwe eines Beamten, seinen Jahresgehalt als eine einmalige Unterstützung erhalten könnte. Sollte sie mich deswegen vielleicht eingeladen haben? He–he!“

„Ich habe auch nicht die Absicht hinzugehen,“ – sagte Lebesjätnikoff.

„Das fehlte noch, wo Sie sie eigenhändig verprügelt haben. Das ist doch begreiflich, Sie müßten sich schämen, he–he–he!“

„Wer hat verprügelt und wen?“ – fragte Lebesjätnikoff aufgebracht und errötete.

„Sie, Sie haben doch Katerina Iwanowna vor einem Monat verprügelt! Ich habe es gestern gehört ... Da haben wir die Prinzipien! ... Also die Frauenfrage hinkt auch. He–he!“

Und Peter Petrowitsch setzte wie getröstet seine Berechnungen fort.

„Das ist alles Unsinn und Verleumdung!“ – brauste Lebesjätnikoff auf, der ungern an diese Geschichte erinnert wurde, – „das war gar nicht der Fall! Es war ganz anders ... Sie haben es nicht richtig gehört; alles ist Klatscherei! Ich habe mich damals nur verteidigt. Sie stürzte sich zuerst auf mich ... Sie hat mir fast meinen Backenbart ausgerissen ... ich hoffe denn doch, daß jedem Menschen erlaubt ist, seine Person zu verteidigen. Außerdem gestatte ich niemand, mir Gewalt anzutun ... Aus Prinzip. Denn das ist schon Despotismus. Was sollte ich denn tun, – etwa alles ruhig mir gefallen lassen? Ich habe sie bloß zurückgestoßen ...“

„He–he–he!“ kicherte Luschin boshaft weiter.

„Sie sticheln mich nur, weil Sie selbst geärgert wurden und nun böse darüber sind ... Das ist doch Unsinn und hat gar nichts, rein gar nichts mit der Frauenfrage zu tun! Sie haben das nicht richtig aufgefaßt; ich denke sogar, wenn man annimmt, daß die Frau in allem dem Manne gleich sei, selbst in der physischen Kraft, wie man schon behauptet, so muß hier erst recht Gleichheit herrschen. Gewiß, ich habe es mir nachher überlegt, daß es so eine Frage überhaupt nicht geben soll, weil Prügeleien sowieso nicht stattfinden sollen. In der künftigen Gesellschaft wird dies undenkbar sein ... es wäre doch sonderbar, eine Gleichberechtigung zum Prügeln anzustreben. So dumm bin ich nicht ... obwohl Prügeleien übrigens auch vorkommen können ... ich will sagen, nachher nicht vorkommen werden, jetzt aber noch vorkommen ... pfui! zum Teufel! Mit Ihnen wird man ganz konfus! Ich gehe nicht zu diesem Essen, nicht weil diese Unannehmlichkeit passiert ist, ich gehe vielmehr aus Prinzip nicht hin, um nicht bei einem so schändlichen Brauch wie einer Gedächtnisfeier mitzutun; ja, das ist der Grund! Man könnte eigentlich hingehen, um sich darüber lustig zu machen ... Nur schade, daß keine Priester da sein werden. Sonst würde ich unbedingt hingehen.“

„Mit anderen Worten: Gastliches Salz und Brot essen und gleich darauf es ebenso beschimpfen wie die, die Sie eingeladen haben. So ist es doch gemeint?“

„Durchaus nicht beschimpfen, nur protestieren. Ich gehe mit bester Absicht hin. Ich kann indirekt die Entwicklung und die Propaganda fördern. Jeder Mensch ist verpflichtet, andere zu fördern und auf sie zu wirken, je kräftiger er es tut, desto besser ist es vielleicht. Ich kann eine Idee bringen, einen Samen ausstreuen ... Aus diesem Samen wird eine Tat entstehen. Womit hätte ich da gekränkt? Anfangs fühlen sie sich vielleicht gekränkt, nachher aber werden sie selbst einsehen, daß es ihnen nur von Nutzen war. Bei uns beschuldigte man eine Zeitlang Terebjewa, – dieselbe, die jetzt in der Kommune ist, – weil sie, als sie sich von ihrer Familie lossagte und ... sich einem hingab, ihrer Mutter und ihrem Vater geschrieben hatte, sie wolle nicht mehr in Vorurteilen leben und gehe eine illegale Ehe ein; man fand es rücksichtslos, so mit den Eltern umzugehen, und meinte, sie hätte es ihnen schonender und milder beibringen sollen. Meiner Ansicht nach ist dies alles Unsinn, man soll gar nicht so mild sein, im Gegenteil, ganz im Gegenteil, man soll erst recht scharf protestieren. Nehmen wir zum Beispiel die Warentz; sie hat sieben Jahre mit ihrem Manne zusammengelebt, hat ihn und ihre zwei Kinder verlassen und ihrem Manne in einem Briefe die Wahrheit gesagt. – ‚Ich habe eingesehen, daß ich mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde Ihnen nie vergeben, daß Sie mich betrogen haben, indem Sie mir verheimlichten, daß noch eine andere gesellschaftliche Einrichtung, nämlich die Kommune existiert. Ich habe es vor kurzem durch einen großmütigen Mann erfahren, dem ich mich auch hingegeben habe, und mit ihm zusammen begründe ich eine Kommune. Ich sage Ihnen dies offen, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu betrügen. Tun Sie, was Sie für gut halten. Hoffen Sie nicht, mich zurückzuerobern, es ist zu spät. Ich wünsche Ihnen alles Glück.‘ So muß man schreiben!“

„Nicht wahr, diese Terebjewa ist doch die, von der Sie erzählten, daß sie in der dritten illegalen Ehe lebe?“

„Richtig betrachtet, erst in der zweiten! Aber mag sie auch in der vierten oder fünfzehnten Ehe leben, was ist dabei! Und wenn ich jemals bedauerte, daß mein Vater und meine Mutter gestorben sind, so ist es sicher jetzt der Fall. Ich habe schon ein paarmal gedacht, wie ich sie mit meinem Protest aufrütteln würde, wenn sie noch am Leben wären! Ich hätte absichtlich alles so eingerichtet ... Ich hätte es ihnen gezeigt! Ich hätte sie staunen gemacht! Es ist wirklich schade, daß ich niemanden habe!“

„Um ihn erstaunen zu machen? He–he! Nun, gut!“ – unterbrach ihn Peter Petrowitsch, – „sagen Sie mir lieber, Sie kennen doch die Tochter des Verstorbenen, ein zartes, unbedeutendes Ding! Ist es wahr, was man von ihr erzählt, hm?“

„Und was wäre dabei? Meiner Meinung, das heißt meiner persönlichen Überzeugung nach ist es die normale Lage der Frau. Warum denn nicht? Das heißt distinguons[9]. In der gegenwärtigen Gesellschaft gilt das nicht als normal, weil es eine gezwungene Lage ist, in der künftigen Gesellschaft ist sie vollkommen normal, weil sie freiwillig sein wird. Ja, auch jetzt hatte sie das Recht dazu, – sie litt Not und das war ihr Fond, sozusagen ihr Kapital, über das sie vollkommenes Recht hat zu verfügen. Selbstverständlich werden in der künftigen Gesellschaft keine Fonds mehr nötig sein, ihre Rolle wird in anderer Hinsicht bestimmt, harmonisch und vernünftig bedingt sein. Was Ssofja Ssemenowna persönlich anbetrifft, so betrachte ich ihre Handlungen als einen energischen und personifizierten Protest gegen die gesellschaftliche Einrichtung und achte sie deswegen um so höher, ja ich freue mich ihrer Handlungsweise!“

„Man hat mir aber doch erzählt, daß gerade Sie sie gezwungen haben, von hier auszuziehen!“

Lebesjätnikoff wurde wütend.

„Das ist wieder eine Klatscherei!“ – schrie er. – „Die Sache verhält sich ganz und gar nicht so! Das ist absolut nicht so gewesen! Katerina Iwanowna hat damals alles geschwindelt, weil sie nichts davon verstanden hat! Ich habe mich gar nicht an Ssofja Ssemenowna herangemacht! Ich habe sie bloß gefördert, vollkommen ohne Hintergedanken, und versuchte in ihr den Protest zu erwecken ... Mir war es bloß um den Protest zu tun, und außerdem konnte Ssofja Ssemenowna sowieso nicht mehr hier bleiben!“

„Luden Sie sie in die Kommune ein?“

„Sie machen sich immer lustig über mich, doch ohne Erfolg, erlaube ich mir zu bemerken. Sie verstehen gar nichts davon. Solche Rollen gibt es in einer Kommune nicht. Darum wird gerade eine Kommune gegründet, damit solche nicht mehr existieren sollen. In einer Kommune wird ihr Stand sein jetziges Wesen völlig verändern, und was hier dumm ist, wird dort vernünftig sein, was jetzt bei den gegenwärtigen Verhältnissen unnatürlich ist, wird dort vollkommen natürlich sein. Alles hängt davon ab, in welcher Umgebung und in welcher Gesellschaft ein Mensch lebt. Der Mensch selbst ist nichts. Mit Ssofja Ssemenowna stehe ich noch jetzt auf gutem Fuße, was Ihnen als Beweis dienen kann, daß sie mich nie als ihren Feind und Beleidiger angesehen hat. Ja! Ich schlage ihr jetzt vor, in eine Kommune einzutreten, aber auf einer ganz anderen Basis! Was erscheint Ihnen wieder lächerlich? Wir wollen eine eigene Kommune, eine besondere Kommune auf viel breiteren Grundlagen begründen, als alle früheren. Wir sind in unseren Überzeugungen weiter gegangen. Wir negieren mehr! Wenn Dobroljuboff[10] aus dem Grabe steigen würde, möchte ich mit ihm diskutieren! Und Belinski[11] würde ich übel zurichten! Vorläufig aber fahre ich fort, Ssofja Ssemenowna zu fördern! Sie ist eine herrliche, herrliche Natur!“

„Nun, und Sie benutzen auch die herrliche Natur, ah? He–he!“

„Nein, nein! Oh, nein! Im Gegenteil!“

„Nun, nun im Gegenteil! He–he–he! Was Sie nicht sagen!“

„Glauben Sie mir doch! Warum soll ich es vor Ihnen verheimlichen, ich bitte Sie? Im Gegenteil, mir erscheint es selbst merkwürdig, – sie ist mir gegenüber besonders ängstlich, keusch und schamhaft!“

„Und Sie fördern sie selbstverständlich ... he–he! Beweisen ihr, daß diese ganze Schamhaftigkeit Unsinn ist? ...“

„Gott bewahre, durchaus nicht! Oh, wie gemein, wie dumm – verzeihen Sie es mir – Sie das Wort ‚Förderung‘ verstehen! Nichts, rein gar nichts verstehen Sie! Oh, mein Gott, wie Sie noch ... unreif sind! Wir erstreben Freiheit für die Frau, und Sie haben bloß das eine im Sinn ... Ich lasse die Frage über Keuschheit und weibliche Schamhaftigkeit vollkommen beiseite, als Dinge, die an und für sich nutzlos und voller Vorurteile sind, aber ich verstehe sie vollkommen und lasse ihre Keuschheit mir gegenüber gelten, weil darin – ihr Wille, ihr ganzes Recht besteht. Wenn sie selbst zu mir sagen würde: – ‚Ich will dich haben‘, – könnte ich mich eines großen Erfolges rühmen, weil das Mädchen mir sehr gefällt. Gegenwärtig behandelt sie gewiß niemand höflicher und zuvorkommender und mit größerer Achtung ihrer Würde, als ich ... Ich warte und hoffe – und weiter nichts!“

„Schenken Sie ihr besser etwas. Ich wette, daß Sie daran noch nicht gedacht haben.“

„Sie verstehen nichts, gar nichts; ich habe es Ihnen schon oft gesagt! Gewiß, ihre Lage ist derart, aber hier ist noch eine andere Frage! Eine ganz andere Frage! Sie verachten sie einfach. Wenn Sie eine Tatsache sehen, die Sie irrtümlicherweise für verachtungswürdig halten, verweigern Sie einem menschlichen Wesen eine humane Betrachtung. Sie wissen noch gar nicht, was sie für eine Natur ist! Mir tut es nur sehr leid, daß sie in der letzten Zeit fast gänzlich aufgehört hat zu lesen und keine Bücher von mir mehr nimmt. Früher hat sie sich öfters Bücher geholt. Es ist auch schade, daß sie trotz ihrer Energie und Entschlossenheit, zu protestieren, – die sie schon einmal bewiesen hat, immer noch wenig Selbständigkeit, sozusagen Unabhängigkeit, wenig Verneinung besitzt, um sich endgültig von einigen Vorurteilen und ... Dummheiten loszureißen. Und ungeachtet dessen, daß sie manche Fragen ausgezeichnet begreift. Sie hat z. B. glänzend die Frage über das Handküssen verstanden, das heißt, daß der Mann das Gesetz der Gleichheit mit der Frau überschreitet, wenn er ihr die Hand küßt. Über diese Frage wurde bei uns debattiert und ich habe es ihr sofort mitgeteilt. Auch für Assoziationen der Arbeiter in Frankreich zeigt sie Interesse. Jetzt erörterte ich mit ihr die Frage des ungehinderten Zutritts in alle Wohnungen der künftigen Gesellschaft.“

„Was ist das?“

„In letzter Zeit wurde über die Frage debattiert, ob ein Mitglied der Kommune das Recht habe, zu jeder Zeit in das Zimmer eines anderen Mitgliedes, sei es ein Mann oder eine Frau, eintreten darf ..., und es wurde beschlossen, daß er das Recht dazu habe ...“

„Wenn aber der oder die in diesem Augenblicke mit einem natürlichen Bedürfnisse beschäftigt ist, he–he!“

Andrei Ssemenowitsch wurde böse.

„Sie reden immer über dasselbe, über die verfluchten ‚Bedürfnisse‘!“ – rief er voll Haß aus, – „pfui, wie ärgere ich mich, wie bin ich wütend, daß ich damals, als ich Ihnen das System erklärte, so vorzeitig diese verfluchten Bedürfnisse erwähnte! Zum Teufel! Das ist immer der Stein des Anstoßes für Ihresgleichen, am schlimmsten ist es, daß sie es zur Zielscheibe ihrer Witzeleien machen, ehe sie erfahren, wie die Sache ist! Als wären sie im Rechte! Als könnten Sie sich etwas darauf einbilden! Pfui! Ich habe immer behauptet, daß man diese ganze Frage Neulingen erst am Schlusse darstellen kann, wenn sie schon von dem System überzeugt sind, wenn sie schon entwickelt und auf dem richtigen Wege sich befinden. Ja, und sagen Sie mir bitte, was finden Sie Häßliches und Verachtungswürdiges, z. B. an einer Mistgrube? Ich bin der erste, der bereit ist, alle beliebigen Mistgruben zu reinigen! Da ist noch nicht mal etwas Selbstaufopferndes dabei. Es ist einfach eine Arbeit, eine edle, für die Gesellschaft nützliche Tätigkeit, die jeder andern wert ist, nur bedeutend höher steht, als zum Beispiel die Tätigkeit irgendeines Rafael oder Puschkin, weil sie nützlicher ist.“

„Und edler vor allem, edler ist, – he–he!“

„Was heißt edel? Ich verstehe solche Ausdrücke bei der Feststellung von menschlicher Tätigkeit nicht. ‚Edel‘, ‚großmütig‘ – Unsinn, Dummheiten, alte Worte voller Vorurteile, die ich verneine! Alles, was der Menschheit von Nutzen ist, ist auch edel. Ich verstehe nur das eine Wort, – nützlich! Kichern Sie, soviel Sie wollen, es ist doch so!“

Peter Petrowitsch lachte laut. Er hatte seine Berechnungen abgeschlossen und das Geld eingesteckt. Ein Teil davon blieb noch auf dem Tische liegen. Die Frage „über Mistgruben“ hatte schon ein paarmal, trotz ihrer ganzen Flachheit, zur Folge gehabt, daß es zwischen Peter Petrowitsch und seinem jungen Freunde zu Mißverständnissen und Uneinigkeiten gekommen war. Die ganze Dummheit war, daß Andrei Ssemenowitsch sich tatsächlich ärgerte. Luschin fand nur eine Zerstreuung darin, heute jedoch wollte er Lebesjätnikoff ärgern.

„Sie sind wegen Ihres gestrigen Mißerfolges wütend und suchen Streit,“ – platzte endlich Lebesjätnikoff heraus, der trotz seiner „Unabhängigkeit“ und aller seiner „Proteste“ nicht wagte, Peter Petrowitsch entgegenzutreten und noch immer aus früheren Jahren her gewohnt war, Respekt zu beobachten.

„Sagen Sie mir lieber,“ – unterbrach ihn Peter Petrowitsch hochmütig und ärgerlich, – „können Sie ... oder besser gesagt, sind Sie tatsächlich so gut mit der erwähnten jungen Person bekannt, daß Sie sie sofort, auf einen Augenblick, in dieses Zimmer bitten können? Ich glaube, sie sind schon alle vom Friedhofe zurückgekehrt ... Ich höre Schritte ... Ich möchte diese Person einen Augenblick sehen.“

„Wozu denn?“ fragte verwundert Lebesjätnikoff.

„Ich möchte sie sehen. Heute oder morgen verlasse ich diese Wohnung und möchte ihr noch etwas mitteilen ... Ich bitte Sie übrigens, während der Unterredung hier zu bleiben. Es ist besser. Sonst könnten Sie, Gott weiß noch was, denken.“

„Ich denke mir gar nichts dabei ... Ich habe nur gefragt, und wenn Sie etwas vorhaben, so gibt’s nichts Leichteres, als sie hierher zu bitten. Ich will sofort hingehen. Und ich will Sie, seien Sie überzeugt, nicht stören.“

Und wirklich, nach etwa fünf Minuten kehrte Lebesjätnikoff mit Ssonjetschka zurück. Sie trat äußerst verwundert und schüchtern ein. In solchen Fällen war sie stets schüchtern und fürchtete neue Gesichter und neue Bekanntschaften, schon als Kind fürchtete sie sich davor und wieviel mehr noch jetzt ... Peter Petrowitsch begrüßte sie „freundlich und höflich,“ und mit einem Anflug von Vertraulichkeit, die bei solch einem ehrenwerten und soliden Menschen, wie er, einem jungen und in gewissem Sinne interessanten Wesen gegenüber, seiner Meinung nach, gut angebracht war. Er beeilte sich, sie „zu ermutigen,“ und bot ihr einen Platz ihm gegenüber am Tische an. Ssonja setzte sich hin, sah sich um, – sah Lebesjätnikoff an, das auf dem Tisch liegende Geld, blickte wieder zu Peter Petrowitsch und wandte die Augen nicht mehr von ihm ab. Lebesjätnikoff ging zur Türe, Peter Petrowitsch aber stand auf, gab Ssonja ein Zeichen, sitzen zu bleiben und hielt Lebesjätnikoff zurück.

„Ist Raskolnikoff dort? Ist er gekommen?“ fragte er ihn im Flüstertone.

„Raskolnikoff? Er ist da. Warum? Ja, er ist da ... Er ist soeben gekommen, ich habe ihn gesehen ... Was ist mit ihm?“

„Nun, dann bitte ich Sie inständig, hier bei uns zu bleiben und mich nicht allein mit diesem ... Fräulein zu lassen. Es ist eine ganz unbedeutende Sache, aber man kann, weiß Gott, was daraus schließen. Ich will nicht, daß es Raskolnikoff dort erzählt ... Verstehen Sie, was ich meine?“

„Ich verstehe, ich verstehe!“ – begriff plötzlich Lebesjätnikoff. – „Ja, Sie haben recht ... Nach meiner persönlichen Überzeugung gehen Sie in Ihren Befürchtungen zu weit, aber ... Sie haben dennoch recht. Bitte, ich bleibe. Ich will mich hier ans Fenster stellen und will Sie nicht stören ... Meiner Ansicht nach haben Sie recht ...“

Peter Petrowitsch kehrte zum Sofa zurück, setzte sich Ssonja gegenüber, blickte sie aufmerksam an und gab sich ein außergewöhnlich solides und sogar ein wenig strenges Aussehen, als möchte er dadurch sagen, – „du sollst dir nichts dabei denken, Verehrteste.“ Ssonja wurde ganz verlegen.

„Zuerst bitte ich Sie, Ssofja Ssemenowna, mich bei Ihrer verehrten Frau Mutter zu entschuldigen ... Es ist doch richtig? Katerina Iwanowna nimmt die Stelle einer Mutter bei Ihnen ein?“ – begann er sehr würdevoll und ziemlich freundlich.

Man merkte, daß er die freundschaftlichsten Absichten hatte.

„Ja, sie vertritt mir die Mutter,“ – antwortete Ssonja hastig und ängstlich.

„Nun, also entschuldigen Sie mich bei ihr, daß ich durch unvorhergesehene Umstände gezwungen bin, abzusagen und zu dem Essen nicht erscheinen kann, trotz der angenehmen Einladung Ihrer Frau Mutter.“

„Ich will es sagen; ihr sofort sagen,“ – und Ssonjetschka sprang hastig vom Stuhle auf.

„Das ist noch nicht alles,“ – hielt sie Peter Petrowitsch zurück und lächelte über ihre Einfalt und Unkenntnis von Anstand, – „Sie kennen mich wenig, liebe Ssofja Ssemenowna, wenn Sie meinen, daß ich wegen dieser unbedeutenden, mich allein angehenden Ursache jemanden wie Sie persönlich bemüht und gebeten hätte, zu mir zu kommen. Ich habe noch ein anderes Anliegen.“

Ssonja setzte sich wieder hastig hin. Die bunten Banknoten, die auf dem Tische lagen, flimmerten wieder vor ihren Augen, sie wandte schnell ihr Gesicht von ihnen ab und erhob die Augen zu Peter Petrowitsch; es kam ihr auf einmal höchst unanständig vor, besonders weil sie es war, fremdes Geld anzublicken. Sie heftete ihren Blick auf den goldenen Kneifer in der linken Hand Peter Petrowitschs, und auf den großen, massiven, wertvollen Ring mit einem gelben Stein an seinem Mittelfinger, – aber schnell wandte sie die Augen auch davon ab, und da sie nicht wußte, wohin sie sehen sollte, blickte sie wieder Peter Petrowitsch unverwandt ins Gesicht. Nachdem er noch würdevoller, als vorhin, eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort:

„Es traf sich, daß ich gestern im Vorübergehen einige Worte mit der unglücklichen Katerina Iwanowna wechselte. Ein paar Worte genügten, um zu erfahren, daß sie sich in einem – unnatürlichen Zustande befindet, – wenn man sich so ausdrücken kann ...“

„Ja ... in einem unnatürlichen,“ – pflichtete Ssonja hastig ihm bei.

„Oder einfacher und verständlicher gesagt, – in einem kranken Zustande.“

„Ja, einfacher und verständ... ja, sie ist krank.“

„Nicht wahr, das stimmt. Aus dem Gefühle der Humanität, und ... und sozusagen, des Mitleides möchte ich meinerseits, ihr unvermeidliches und unglückliches Schicksal voraussehend, irgendwie ihr nützlich sein. Es scheint mir, daß die ganze arme Familie jetzt auf Ihnen allein lastet.“

„Erlauben Sie mir zu fragen,“ – stand Ssonja plötzlich auf, – „was haben Sie ihr gestern von der Möglichkeit einer Pension gesagt? Sie sagte mir, daß Sie es übernommen hätten, ihr eine Pension zu bewirken. Ist das wahr?“

„Keineswegs, und sogar in gewisser Beziehung ein Unsinn. Ich habe nur von einer einmaligen Unterstützung, als der Witwe eines im Dienste gestorbenen Beamten, erwähnt, – wenn Protektion da sei, – aber wie mir scheint, hat Ihr verstorbener Vater nicht nur die gesetzliche Frist nicht ausgedient, sondern hatte in der letzten Zeit gar nicht im staatlichen Dienste gestanden. Mit einem Worte, es konnte Hoffnung, wenn auch eine ziemlich zweifelhafte, da sein, denn im Grunde genommen, gibt es in diesem Falle keine Rechte auf eine Unterstützung, sondern im Gegenteil ... So, sie dachte schon an eine Pension, he–he–he! Eine flinke Dame!“

„Ja, an eine Pension ... Sie ist leichtgläubig und gut, und aus Güte glaubt sie alles und ... und ... sie hat so einen Verstand ... Ja ... entschuldigen Sie,“ – sagte Ssonja und stand wieder auf, um fortzugehen.

„Erlauben Sie, Sie haben mich nicht zu Ende gehört.“

„Ja, ich habe nicht zu Ende gehört,“ – murmelte Ssonja.

„Also, setzen Sie sich.“

Ssonja wurde furchtbar verlegen und setzte sich, zum dritten Male.

„Nachdem ich ihre Lage mit den unglücklichen kleinen Kindern sehe, möchte ich, – wie ich schon gesagt habe – irgendwie nach meinen Kräften nützlich sein, das heißt, was man nach Kräften nennt, nicht mehr. Man könnte zum Beispiel eine Sammlung veranstalten oder sozusagen eine Verlosung ... oder etwas dieser Art, – wie es auch stets in ähnlichen Fällen von den Nächststehenden oder auch Fremden, überhaupt von Menschen, die helfen möchten, arrangiert wird. Darüber hatte ich die Absicht, mit Ihnen zu reden. Man könnte es tun.“

„Ja, es wäre gut ... Gott wird Sie dafür ...“ stammelte Ssonja und blickte Peter Petrowitsch unverwandt an.

„Man könnte es, aber ... darüber können wir nachher ... das heißt, man könnte gleich heute den Anfang machen. Wir wollen uns noch einmal am Abend sehen, es besprechen und sozusagen die Grundlagen festsetzen. Kommen Sie so gegen sieben Uhr zu mir. Ich hoffe, daß Andrei Ssemenowitsch sich daran beteiligen wird ... Aber ... hier gibt es einen Umstand, der vorher und genau erwähnt werden muß. Deshalb habe ich Sie, Ssofja Ssemenowna, auch hierher bemüht. Meine Ansicht geht nämlich dahin, daß man Katerina Iwanowna selbst kein Geld in die Hände geben darf, ja daß es gefährlich ist; der Beweis dafür liegt in dem heutigen Gedächtnismahl. Ohne eine trockene Rinde Brot zu morgen und ... Stiefel, und andere nötigen Dinge zu haben, – wird heute Rum und Madeira und ... Kaffee eingekauft. Ich habe es im Vorbeigehen gesehen. Morgen hängt wieder alles bis auf das letzte Stück Brot an Ihnen, und das ist unsinnig. Darum muß die Sammlung nach meiner persönlichen Ansicht so vor sich gehen, daß die unglückliche Witwe von dem Gelde nichts wissen darf, nur Sie allein würden es zu wissen bekommen. Ist das nicht richtiger?“

„Ich weiß es nicht. Sie ist nur heute so ... nur einmal im Leben ... sie wollte so gern sein Gedächtnis feiern, ihm die Ehre erweisen ... Sie ist sonst sehr klug. Aber, wie Sie wollen, und ich werde Ihnen sehr, sehr, sehr ... und sie werden Ihnen sehr ... Gott wird Ihnen ... und die Waisen ...“

Ssonja sprach nicht zu Ende und weinte.

„So. Nun, also behalten Sie es im Auge, jetzt aber belieben Sie zur Unterstützung Ihrer Verwandten fürs erste eine meinen Kräften angemessene Summe von mir entgegenzunehmen. Ich möchte ausdrücklich wünschen, daß mein Name dabei nicht genannt wird. Bitte ... da ich sozusagen selbst Sorgen habe, bin ich nicht imstande, mehr ...“

Und Peter Petrowitsch streckte Ssonja einen Zehnrubelschein entgegen, wobei er ihn peinlich aufrollte. Ssonja nahm den Schein in Empfang, errötete, sprang auf, murmelte etwas und begann sich eilig zu verabschieden. Peter Petrowitsch begleitete sie feierlich bis zur Türe. Sie sprang aus dem Zimmer, ganz erregt und abgequält und kehrte zu Katerina Iwanowna in größter Verlegenheit zurück.

Während dieses Vorganges stand Andrei Ssemenowitsch bald am Fenster, bald ging er im Zimmer herum und wollte das Gespräch nicht unterbrechen. Als Ssonja fortgegangen war, trat er auf Peter Petrowitsch zu und reichte ihm feierlich die Hand.

„Ich habe alles gehört und alles gesehen,“ sagte er und betonte besonders das letzte Wort. „Das ist edel, das heißt, ich wollte sagen, human! Sie wollten keinen Dank, ich habe es gesehen! Und obwohl ich, offen gestanden, prinzipiell mit der privaten Wohltätigkeit nicht sympathisieren kann, weil sie nicht bloß das Übel nicht vertilgt, sondern es nur noch mehr stärkt, muß ich gestehn, daß ich Ihre Handlung mit Vergnügen gesehen habe, – ja, ja, mir gefällt es.“

„Oh, das ist Unsinn!“ murmelte Peter Petrowitsch ein wenig erregt und blickte aufmerksam Lebesjätnikoff an.

„Nein, es ist kein Unsinn! Ein Mann, der wie Sie durch den gestrigen Vorfall beleidigt und geärgert ist, und gleichzeitig fähig ist, an das Unglück von anderen zu denken, – ein solcher Mensch ist ... obwohl er durch seine Handlungen einen sozialen Fehler begeht, – dennoch ... der Achtung würdig! Ich habe es sogar von Ihnen, Peter Petrowitsch, nicht erwartet, um so mehr, nach Ihren Begriffen ... oh, wie Ihre Begriffe Ihnen noch hinderlich sind! Wie Sie, zum Beispiel, dieser gestrige Mißerfolg aufregt!“ rief der gute kleine Andrei Ssemenowitsch aus und fühlte wieder eine stärkere Sympathie für Peter Petrowitsch, „und wozu, wozu brauchen Sie unbedingt diese Ehe, diese gesetzliche Ehe, lieber, edler Peter Petrowitsch? Warum brauchen Sie unbedingt diese Gesetzlichkeit in der Ehe? Nun, wenn Sie wollen, schlagen Sie mich, aber ich freue mich, freue mich, daß diese Ehe nicht zustande gekommen ist, daß Sie frei sind, daß Sie noch nicht ganz für die Menschheit verloren sind, ich freue mich ... So, jetzt habe ich mich ausgesprochen!“

„Weil ich in Ihrer illegalen Ehe keine Hörner tragen und fremde Kinder züchten will, aus diesem Grunde brauche ich die gesetzliche Ehe,“ sagte Luschin, nur um etwas zu sagen.

Er war besonders besorgt und nachdenklich.

„Kinder? Sie sagen Kinder?“ fuhr Andrei Ssemenowitsch auf wie ein Kampfroß, das das Signal gehört hatte, „Kinder – das ist eine soziale Frage und eine Frage von größter Wichtigkeit, das gebe ich zu, aber die Kinderfrage wird sich anders lösen. Einige verwerfen vollkommen die Kinder, wie alles, was mit Familie zu tun hat. Wir wollen über die Kinder nachher reden und wollen uns jetzt mit den Hörnern beschäftigen. Ich muß Ihnen gestehen, daß das mein schwacher Punkt ist. Dieser üble Husarenausdruck, der Ausdruck eines Puschkins ist im künftigen Lexikon undenkbar. Ja, und was sind Hörner? Oh, welch eine Verirrung! Was für Hörner? Wozu Hörner? Welch ein Unsinn! Im Gegenteil, in der illegalen Ehe können sie gar nicht existieren! Die Hörner sind nur die natürliche Folge jeder gesetzlichen Ehe, sozusagen, ihre Korrektur, ein Protest, so daß sie in diesem Sinne keineswegs erniedrigend sind ... Und wenn ich irgendwann, – diesen Unsinn einmal angenommen, – gesetzlich verheiratet sein sollte, so würde ich mich sogar über diese verfluchten Hörner freuen; ich würde dann meiner Frau sagen, – ‚mein Freund, ich habe dich bis jetzt bloß geliebt, jetzt aber achte ich dich auch, weil du verstanden hast, zu protestieren!‘ Sie lachen! Das kommt davon, weil Sie nicht imstande sind, sich von den Vorurteilen loszureißen! Zum Teufel, ich begreife doch, worin gerade die Unannehmlichkeit besteht, wenn man in gesetzlicher Ehe betrogen wird, – aber das ist doch bloß eine niederträchtige Folge einer niederträchtigen Tatsache, wo beide Teile erniedrigt sind. Wenn aber die Hörner einem offen aufgesetzt werden, wie in der illegalen Ehe, dann existieren sie nicht mehr, sie sind undenkbar und verlieren sogar die Benennung Hörner. Im Gegenteil, Ihre Frau wird Ihnen bloß beweisen, wie sie Sie schätzt, indem sie Sie für unfähig hält, ihrem Glücke im Wege zu sein und Sie für so reif betrachtet, daß Sie wegen ihres neuen Mannes an ihr keine Rache nehmen werden. Zum Teufel, ich träume zuweilen, daß, wenn ich mich verheiraten würde, pfui! wenn ich heiraten würde, – ob illegal, ob gesetzlich, das ist einerlei, – würde ich selbst zu meiner Frau einen Liebhaber bringen, wenn sie sich noch keinen angeschafft hätte, und würde ihr sagen, – ‚mein Freund, ich liebe dich, aber ich wünsche auch, daß du mich achtest, – bitte, hier hast du ihn!‘ Ist das nicht das Richtige?“

Peter Petrowitsch hörte zu und lachte, aber ohne besondere Begeisterung. Er hörte fast nicht zu. Er überlegte sich etwas ganz anderes, und Lebesjätnikoff merkte es auch schließlich. Peter Petrowitsch war aufgeregt, rieb sich die Hände und dachte nach. Das alles kam Andrei Ssemenowitsch später erst zum Bewußtsein.

II.

Es würde schwer fallen, genau die Gründe anzuführen, aus welchen die Idee dieses sinnlosen Gedächtnismahles in dem verstörten Gehirn von Katerina Iwanowna entstanden war. Es waren beinahe zehn Rubel von dem Gelde daraufgegangen, das ihr Raskolnikoff eigentlich zur Beerdigung Marmeladoffs gegeben hatte. Vielleicht hielt sich Katerina Iwanowna dem Verstorbenen gegenüber verpflichtet, sein Andenken „wie es sich gehört“ zu ehren, damit alle Mitbewohner und besonders Amalie Iwanowna wissen sollten, daß er „nicht nur gar nicht schlechter als sie, vielleicht weit besser war,“ und daß niemand von ihnen das Recht hatte, sich über ihn zu stellen. Vielleicht hatte hierzu jener besondere Stolz der Armen am meisten beigetragen, aus dem viele bei gewissen gesellschaftlichen Gebräuchen, die, wie es einmal ist, für alle und jeden verbindlich sind, ihre letzten Kräfte anspannen und die letzten Spargroschen ausgeben, um bloß „nicht schlechter, als andere“ zu sein, und damit die anderen nicht darüber „reden“ können. Es war auch sehr möglich, daß Katerina Iwanowna das Verlangen hatte, gerade in diesem Falle, namentlich in dem Augenblicke, wo sie scheinbar von aller Welt verlassen war, allen diesen „unbedeutenden und schlimmen Mietern“ zu zeigen, daß sie nicht nur Lebensart hatte und sich auf Empfänge verstand, sondern daß sie gar nicht zu solch einem Lose bestimmt war, daß sie „in einem feinen, ja in dem aristokratischen Hause eines Obersten“ erzogen war, und daß sie durchaus nicht dazu erzogen war, die Diele selbst zu fegen und des Nachts Kinderlumpen zu waschen. Diese Anfälle von Stolz und Eitelkeit suchen zuweilen die ärmlichsten und unterdrücktesten Menschen heim und verwandeln sich oft bei ihnen in ein gereiztes, unüberwindliches Bedürfnis. Katerina Iwanowna gehörte eigentlich nicht zu den Unterdrückten, man konnte sie durch Umstände töten, aber sie moralisch unterdrücken, das heißt, sie einschüchtern und ihren Willen unterwerfen, – konnte man nicht. Außerdem sagte Ssonjetschka mit gutem Grunde, daß ihr Verstand verstört sei. Man konnte es freilich nicht positiv und endgültig sagen, doch in letzter Zeit, in dem letzten Jahre, wurde ihr armer Kopf zu stark gequält, als daß er nicht zum Teil gelitten hätte. Und eine stark fortgeschrittene Schwindsucht trägt auch, wie die Ärzte sagen, zu einer Geistesstörung bei.

Weine in Mehrzahl und verschiedene Sorten gab es freilich nicht, ebenso fehlte auch Madeira, – das war übertrieben, Wein war aber da. Es gab Branntwein, Rum und Lissaboner, alles von der schlechtesten Sorte, aber in genügender Menge. Von Speisen waren außer Kutje drei oder vier Gerichte vorhanden, alles aus der Küche von Amalie Iwanowna, dazu wurden zwei Samowars aufgestellt für Tee und Punsch, die nach dem Essen gereicht werden sollten. Katerina Iwanowna hatte alles selbst eingekauft, als Hilfe hatte sie einen Mieter mitgehabt, einen kläglichen Polen, der weiß Gott warum bei Frau Lippewechsel wohnte. Er hatte sich sofort zu Katerina Iwanownas Verfügung gestellt, lief den ganzen gestrigen Tag und den ganzen heutigen Morgen Hals über Kopf und mit heraushängender Zunge herum und war besonders bemüht, daß man dies auch bemerken solle. Wegen jeder Kleinigkeit kam er zu Katerina Iwanowna gelaufen, war ihr sogar in die Kaufläden nachgegangen, nannte sie fortwährend „Pani Chorunschina“ und wurde ihr zuletzt bis zum Überdrusse langweilig, obwohl sie zuerst behauptet hatte, daß sie ohne diesen „bereitwilligen und großmütigen“ Menschen vollkommen verloren wäre. Katerina Iwanowna hatte die Eigenschaft in ihrem Charakter, den ersten Besten, der ihr in den Weg lief, mit den hellsten und schönsten Farben zu schmücken, ihn so zu loben, daß mancher sich schämte, allerhand Umstände, die gar nicht existierten, zu seinem Preise zu erfinden, selbst daran vollkommen aufrichtig und ehrlich zu glauben, und dann plötzlich, mit einem Male, sich enttäuscht zu fühlen, alles abzubrechen, den Menschen zu beschimpfen und hinauszuschmeißen, den sie noch vor einigen Stunden buchstäblich angebetet hatte. Von Natur aus hatte sie einen heiteren, fröhlichen und friedfertigen Charakter, infolge des ununterbrochenen Unglücks und Mißerfolges begann sie geradezu rasend zu wünschen und zu verlangen, daß alle in Frieden und Freude leben sollten und anders nicht leben dürfen, und der geringste Mißklang im Leben, die allerkleinsten Mißerfolge brachten sie sofort in Wut, und sie fing an, unmittelbar nach den stärksten Hoffnungen und Phantasien ihr Schicksal zu verfluchen, alles, was ihr unter die Hände geriet, zu zerreißen und fortzuwerfen und mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Amalie Iwanowna hatte plötzlich in Katerina Iwanownas Augen eine ungewöhnliche Bedeutung und außergewöhnliche Achtung errungen, vielleicht einzig aus dem Grunde, weil dieses Gedächtnismahl vorbereitet wurde und weil Amalie Iwanowna von ganzem Herzen bereit war, an allen Besorgungen teilzunehmen. Sie hatte es übernommen, den Tisch zu decken, die Wäsche, das Geschirr und alles übrige herzugeben und in ihrer Küche das Essen zuzubereiten. Katerina Iwanowna überließ ihr alles und ging auf den Friedhof. Und wirklich war alles aufs beste hergerichtet, – der Tisch war ziemlich reinlich gedeckt, das Geschirr, Gabeln, Messer, Gläser, Weingläser, Tassen – all dieses paßte nicht zusammen, war von den verschiedenen Mietern zusammengeborgt, aber alles stand zur bestimmten Stunde auf seinem Platze, und Amalie Iwanowna, im Vollgefühle ihrer gut besorgten Aufgabe, begrüßte die Zurückkehrenden mit einem gewissen Stolze; sie war sehr geputzt in einer Haube mit neuen Trauerbändern und im schwarzen Kleide. Dieser Stolz, obwohl berechtigt, mißfiel aus irgendeinem Grunde Katerina Iwanowna, „als hätte man in der Tat ohne Amalie Iwanowna nicht verstanden, den Tisch zu decken“! Auch die Haube mit den neuen Bändern erregte ihr Mißfallen, – „möglicherweise ist diese dumme Deutsche noch darauf stolz, daß sie die Wirtin ist und sich aus Gnade bereit erklärt hat, den armen Mietern zu helfen? Aus Gnade? Bitte sehr! Bei Katerina Iwanownas Papa, der Oberst und beinahe Gouverneur war, wurde zuweilen der Tisch für vierzig Personen gedeckt, so daß irgend eine Amalie Iwanowna oder besser gesagt Ludwigowna, dort nicht mal in die Küche zugelassen worden wäre ...“ Katerina Iwanowna beschloß aber, ihre Gefühle nicht vor der Zeit zu äußern, obgleich sie sich im Herzen fest vorgenommen hatte, Amalie Iwanowna heute noch unbedingt abzutrumpfen und sie an ihren richtigen Platz zu erinnern, sonst würde die sich Gott weiß was einbilden; vorläufig behandelte sie sie bloß kalt. Eine andere Unannehmlichkeit hatte auch teilweise zu der Gereiztheit von Katerina Iwanowna beigetragen, – zu der Beerdigung war, außer dem Polen, von den Geladenen fast niemand erschienen, der aber hatte Zeit genug, auf den Friedhof zu laufen; zu dem Gedächtnismahle dagegen waren nur die Unansehnlichsten und Armen gekommen, viele sogar nicht ganz nüchtern, sozusagen das Pack. Die älteren und angesehensten waren, wie absichtlich, ferngeblieben, als hätten sie sich alle verabredet. Peter Petrowitsch Luschin zum Beispiel, man kann sagen, der solideste von allen Mietern, war nicht erschienen, während Katerina Iwanowna schon gestern aller Welt, das heißt Amalie Iwanowna, Poletschka, Ssonjetschka und dem Polen, erzählt hatte, daß dieser edelste und großmütigste Mann mit besten Verbindungen und von sehr großem Vermögen, ein früherer Freund ihres ersten Mannes, der in dem Hause ihres Vaters verkehrt habe, ihr versprochen hätte, alle Mittel in Bewegung zu setzen, um ihr eine bedeutende Pension zu verschaffen. Wir wollen hierbei bemerken, daß, wenn Katerina Iwanowna mit Verbindungen und Vermögen anderer Leute prahlte, sie es vollkommen uneigennützig, sozusagen aus übervollem Herzen tat, nur aus dem Vergnügen allein, den Gelobten noch mehr zu preisen und ihm einen größeren Wert zu verleihen. Nächst Luschin und wahrscheinlich „seinem Beispiele folgend“ war auch „dieser üble, schändliche Lebesjätnikoff“ nicht erschienen. Was bildet sich denn dieser ein? Man hatte ihn bloß aus Gnade und weil er in einem Zimmer mit Peter Petrowitsch lebte und sein Bekannter war, eingeladen; es wäre peinlich für ihn gewesen, nicht eingeladen zu sein. Auch eine feine Dame mit ihrer Tochter, „einer überreifen alten Jungfer,“ die erst seit zwei Wochen bei Amalie Iwanowna lebten, waren nicht erschienen; sie hatten sich trotz ihres kurzen Aufenthaltes hier schon einige Male über den Lärm und das Geschrei in Marmeladoffs Zimmer, besonders, wenn der Verstorbene betrunken nach Hause gekommen war, beklagt. Das hatte Katerina Iwanowna durch Amalie Iwanowna erfahren, wenn diese sich mit Katerina Iwanowna zankte, ihr drohte, sie und die ganze Familie hinauszujagen, und dabei aus vollem Halse schrie, daß sie „anständige Mieter, deren Fußtritt Sie nicht mal wert sind,“ beunruhige. Katerina Iwanowna hatte absichtlich beschlossen, diese Dame und ihre Tochter, deren „Fußtritt sie angeblich nicht wert sei,“ einzuladen, und um so mehr, weil jene bei zufälligen Begegnungen sich hochmütig abwandte, – damit sie wisse, daß man hier „edler denkt und fühlt und sie, ohne sich des Bösen zu erinnern, einlade,“ und damit sie sehen sollten, daß Katerina Iwanowna nicht gewohnt sei, in solchen Verhältnissen zu leben. Es war unbedingt vorausgesetzt, ihnen allen bei Tische zu erklären und zu erwähnen, daß ihr verstorbener Vater beinahe Gouverneur gewesen sei, und gleichzeitig indirekt zu verstehen zu geben, daß es überflüssig wäre, sich bei Begegnungen abzuwenden, und daß es äußerst dumm wäre. Ebenso war der dicke Oberstleutnant, eigentlich war er Stabskapitän außer Dienst, nicht erschienen, es stellte sich heraus, daß er seit dem gestrigen Morgen vor Trunkenheit „ohne Hinterbeine“ war. Mit einem Worte: es waren bloß erschienen, – der Pole, dann ein häßlicher schweigsamer Kanzlist, in einem stark glänzenden Frack, mit Finnen im Gesichte und einem widerlichen Geruche und noch ein tauber und fast erblindeter alter Mann, der einst in einem Postamt gedient hatte und den jemand seit undenkbaren Zeiten und aus unbekannten Gründen bei Amalie Iwanowna untergebracht hatte. Es war auch ein betrunkener verabschiedeter Leutnant, eigentlich ein Proviantmeister, erschienen mit einem höchst unanständigen lauten Lachen, und: „stellen Sie sich vor,“ ohne Weste! Einer von den Gästen setzte sich direkt an den Tisch, ohne sogar Katerina Iwanowna zu begrüßen, und zuguterletzt tauchte eine Person im Schlafrocke auf, da sie keine Kleider besaß, aber das war so unanständig, daß es den Bemühungen von Amalie Iwanowna und dem Polen gelang, ihn hinauszuexpedieren. Der Pole hatte übrigens noch zwei andere Polen mitgebracht, die niemals bei Amalie Iwanowna gewohnt hatten, und die niemand vorher in ihrem Hause gesehen hatte. Dies alles reizte Katerina Iwanowna in höchstem Grade. „Für wen waren schließlich denn alle Vorbereitungen getroffen?“ Man hatte sogar die Kinder, um an Platz zu gewinnen, nicht am Tische untergebracht, der das ganze Zimmer einnahm, sondern für sie in der hinteren Ecke auf einem Kasten gedeckt, wobei die beiden kleineren auf einer Bank saßen, Poletschka aber, als die Erwachsene, mußte auf sie aufpassen, sie füttern und ihnen „wie Kindern aus feinem Hause“ die Näschen putzen. Mit einem Worte, Katerina Iwanowna glaubte alle mit doppelter Würde und sogar mit Hochmut begrüßen zu müssen. Manche blickte sie besonders streng an und bat sie von oben herab, sich an den Tisch zu setzen. Da sie aber aus irgendeinem Grunde meinte, Amalie Iwanowna für alle Nichterschienenen verantwortlich machen zu müssen, begann sie plötzlich, sie äußerst nachlässig zu behandeln, was jene sofort merkte und dadurch sehr pikiert wurde. Solch ein Anfang deutete auf kein gutes Ende. Endlich hatten alle Platz genommen. Raskolnikoff trat fast in demselben Augenblick ein, als sie von dem Friedhofe zurückkehrten. Katerina Iwanowna war überaus erfreut, ihn zu sehen, erstens, weil er der einzige „gebildete“ von allen Gästen war und „wie bekannt, nach zwei Jahren in der hiesigen Universität einen Lehrstuhl einnehmen werde,“ und zweitens, weil er sofort und ehrerbietig sich entschuldigte, daß er trotz seines Wunsches zu der Beerdigung nicht hatte kommen können. Sie stürzte sich buchstäblich auf ihn, setzte ihn bei Tisch neben sich zur linken Hand, zur rechten saß Amalie Iwanowna, und wandte sich ununterbrochen an Raskolnikoff, trotz ihrer beständigen Unruhe und Sorge, daß das Essen auch richtig herumgereicht wurde und alle erhielten, trotz des qualvollen Hustens, der sie alle Augenblicke unterbrach und peinigte, und der sich in diesen letzten zwei Tagen besonders verstärkt zu haben schien. Sie beeilte sich, ihm halb flüsternd alle angesammelten Gefühle und ihre ganze gerechte Entrüstung über das mißlungene Gedächtnismahl mitzuteilen, wobei die Entrüstung oft unabsichtlich und ohne jede Berechnung, einem ausgelassenen Lachen über die versammelten Gäste, besonders aber über die Wirtin, Platz machte.

„An allem ist dieser Kuckuck schuld. Sie wissen, wen ich meine, – die dort, dort!“ und Katerina Iwanowna wies mit dem Kopfe auf die Wirtin. „Sehen Sie sie an, – sie hat die Augen aufgesperrt, fühlt, daß wir über sie reden, kann aber nichts verstehn. Pfui, so eine Eule! Ha–ha–ha! ... Kche–kche–kche!“ hustete sie. „Und was will sie mit ihrer Haube! Kche–kche–kche! Haben Sie gemerkt, sie möchte gern, daß alle Gäste meinen sollen, sie beschütze mich und erweise mir mit ihrem Hiersein eine Ehre. Ich habe sie gebeten, wie man eine anständige Person bittet, bessere Leute, und zwar die Bekannten des Verstorbenen, einzuladen, und sehen Sie, wen sie hergebracht hat, – allerhand Narren! Schmutzfinke! Sehen Sie nur diesen da mit dem unreinen Teint, – das ist doch eine Rotznase auf zwei Beinen! Und diese Polen ... ha–ha–ha! Kche–kche–kche! Niemand, niemand hat sie vorher hier gesehen, auch ich nicht. Wozu sind die gekommen, frage ich Sie? Wie hübsch sie sitzen, nebeneinander. Pan, heda!“ rief sie plötzlich einem von ihnen zu, „haben Sie genug vorgelegt? Nehmen Sie noch? Trinken Sie Bier! Wollen Sie nicht Schnaps? Sehen Sie, – er ist aufgesprungen und verbeugt sich, sehen Sie, sehen Sie, – sie sind wahrscheinlich sehr hungrig, die Armen! Tut nichts, mögen sie essen! Sie lärmen wenigstens nicht, aber ... aber ich fürchte ... für die silbernen Löffel der Wirtin! ... Amalie Iwanowna!“ wandte sie sich plötzlich an die Wirtin laut, „ich sage Ihnen im voraus, falls Ihre Löffel gestohlen werden, übernehme ich keine Verantwortung! Ha–ha–ha!“ lachte sie, wandte sich wieder an Raskolnikoff, wies wieder auf die Wirtin und freute sich über ihre Bemerkung. „Sie hat es nicht verstanden, sie hat wieder nichts verstanden! Sehen Sie, wie sie mit aufgesperrtem Munde dasitzt, – wie eine echte Eule, eine Eule mit neuen Bändern, ha–ha–ha!“

Das Lachen verwandelte sich von neuem in einen unerträglichen Husten, der minutenlang anhielt. Auf ihrem Taschentuch zeigte sich Blut, und Schweißtropfen traten auf die Stirne. Sie zeigte Raskolnikoff schweigend das Blut, und kaum hatte sie sich erholt, flüsterte sie mit roten Flecken auf den Wangen ihm lebhaft wieder zu.

„Sehen Sie, ich habe ihr einen sehr heiklen Auftrag gegeben, diese Dame und ihre Tochter einzuladen. Sie wissen doch, von wem ich spreche? Hier mußte man in der zartesten Weise, in der geschicktesten Art handeln, sie war aber so ungeschickt, daß diese angereiste dumme Person, dieses aufgeblasene Geschöpf, diese unbedeutende Provinzmadam, sie die Witwe irgendeines Majors, die sich hier um eine Pension bemüht und bei den Behörden deswegen herumläuft ... und die mit ihren fünfundfünfzig Jahren sich schminkt und färbt ... was allgemein bekannt ist ... daß dieses Geschöpf nicht nur sich für zu gut hielt, hier zu erscheinen, sondern sich nicht einmal entschuldigen ließ, wie es in diesen Fällen doch die gewöhnlichste Höflichkeit verlangt! Ich kann nicht begreifen, warum auch Peter Petrowitsch nicht gekommen ist? Und wo ist Ssonja? Wo ist sie nur hingegangen? Ah, da ist sie ja! Ssonja, wo warst du? Merkwürdig, daß du sogar am Beerdigungstage deines Vaters so unpünktlich bist. Rodion Romanowitsch, sie soll sich neben Sie setzen. Hier ist dein Platz, Ssonjetschka ... nimm, was dir gefällt. Nimm von dem Fisch, er ist gut. Hat man den Kindern auch etwas gegeben? Poletschka, habt ihr alles? Kche–kche–kche! Nun, gut. Sei ein artiges Kind, Lene und du, Kolja, zapple nicht mit den Beinen, sitz, wie ein anständiges Kind sitzen muß. Was sagst du, Ssonjetschka?“

Ssonja beeilte sich sofort, ihr die Entschuldigung von Peter Petrowitsch mitzuteilen und versuchte so laut zu sprechen, daß es alle hören konnten, gebrauchte gewählte und ehrerbietige Ausdrücke, die sie absichtlich Peter Petrowitsch andichtete. Sie fügte hinzu, daß Peter Petrowitsch sie besonders gebeten habe, mitzuteilen, daß er unverzüglich, sobald es ihm nur möglich sei, herkommen würde, um in geschäftlichen Angelegenheiten allein mit Katerina Iwanowna zu sprechen und zu verabreden, was man jetzt und künftig unternehmen könnte und dergleichen mehr.

Ssonja wußte, daß dies Katerina Iwanowna friedlicher stimmen und beruhigen würde, sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen und ihr Stolz würde befriedigt sein. Sie setzte sich neben Raskolnikoff, den sie hastig begrüßte und flüchtig, doch voll Interesse anblickte. Während der folgenden Zeit vermied sie aber ihn anzusehen und mit ihm zu sprechen. Sie war zerstreut, obwohl sie die ganze Zeit Katerina Iwanowna im Auge behielt, um ihre Wünsche zu erraten. Weder sie, noch Katerina Iwanowna waren in Trauer, da sie keine Kleider hatten; Ssonja hatte ein dunkelbraunes Kleid an und Katerina Iwanowna ihr einziges, ein dunkelgestreiftes Kattunkleid. Die Mitteilung über Peter Petrowitsch verbreitete sich rasch. Als Katerina Iwanowna mit Würde Ssonja angehört hatte, erkundigte sie sich ebenso würdevoll, wie es Peter Petrowitsch gehe? Dann flüsterte sie hörbar Raskolnikoff zu, daß es für einen angesehenen und soliden Menschen, wie Peter Petrowitsch, unmöglich gewesen wäre, in solch eine „ungewöhnliche Gesellschaft“ zu kommen, trotz der großen Anhänglichkeit an ihre Familie und der alten Freundschaft mit ihrem Papa.

„Sehen Sie, darum bin ich auch Ihnen, Rodion Romanowitsch, so sehr dankbar, daß Sie trotz solcher Umgebung Salz und Brot von mir nicht verschmäht haben,“ fügte sie fast laut hinzu, „übrigens bin ich überzeugt, daß nur die besondere Freundschaft zu meinem armen Verstorbenen Sie veranlaßt hat, Ihr Wort zu halten.“

Sie blickte noch einmal voll Stolz und Würde ihre Gäste an und erkundigte sich plötzlich mit besonderer Fürsorge laut über den Tisch hinüber bei dem tauben alten Manne, „ob er nicht mehr vom Braten nehmen möchte und ob er Lissaboner bekommen habe?“ Der Alte antwortete nicht und konnte lange nicht begreifen, wonach man ihn frage, obwohl seine Nachbarn aus Scherz ihn anzustoßen begannen. Er blickte nur mit offenem Munde um sich, wodurch er die allgemeine Heiterkeit noch mehr hervorrief.

„Ist das ein Holzklotz! Sehen Sie doch nur! Wozu hat man den hierher gebracht? Was Peter Petrowitsch anbetrifft, so war ich stets seiner sicher,“ fuhr Katerina Iwanowna fort, Raskolnikoff zu erzählen, „so gleicht er selbstverständlich nicht ...“ wandte sie sich laut und scharf und mit äußerst strenger Miene zu Amalie Iwanowna, daß sie darüber erschrak, „so gleicht er nicht jenen aufgedonnerten Madams mit ihren Schleppen, die bei meinem Papa nicht mal als Köchinnen ihren Dienst verrichten gedurft hätten, und denen mein verstorbener Mann nur deshalb die Ehre erwiesen hatte, sie zu empfangen, weil er eine unerschöpfliche Güte hatte.“

„Ja, er liebte eins zu trinken, ja, er liebte es und trank auch!“ rief plötzlich der verabschiedete Proviantmeister und leerte das zwölfte Glas Schnaps.

„Mein verstorbener Mann hatte diese Schwäche, das wissen alle,“ stürzte sich Katerina Iwanowna plötzlich auf ihn, „aber er war ein guter und edler Mensch, der seine Familie liebte und achtete; nur das eine war schlimm, daß er in seiner Güte allerhand verdorbenen Leuten zu sehr traute und weißgott mit wem trank, sogar mit solchen, die seine Stiefelsohle nicht wert waren! Stellen Sie sich vor, Rodion Romanowitsch, man fand in seiner Tasche einen Pfefferkuchenhahn, – er ging total betrunken heim, und dachte doch an seine Kinder.“

„Einen Ha–hn? Sie belieben zu sagen – ei–nen Hahn?“ rief der Proviantmeister.

Katerina Iwanowna würdigte ihn keiner Antwort. Sie dachte über etwas nach und seufzte.

„Sie meinen auch sicher, wie alle, daß ich zu streng zu ihm war,“ fuhr sie fort, sich an Raskolnikoff wendend. „Das ist nicht richtig! Er hat mich geachtet, er hat mich sehr, sehr geachtet! Er war eine gute Seele. Und zuweilen tat er mir so leid! Er saß manchmal in der Ecke und sah mich an, da tat er mir so leid, ich wollte zu ihm freundlich sein, dachte mir aber, wenn ich jetzt freundlich zu ihm bin, betrinkt er sich wieder. Nur mit Strenge konnte man ihn einigermaßen davon zurückhalten.“

„Ja, es ist vorgekommen, daß er an den Haaren gezerrt wurde, es ist vorgekommen, öfters,“ brüllte wieder der Proviantmeister und leerte noch ein Glas.

„Es wäre angebracht, manche Dummköpfe nicht nur an den Haaren zu zerren, sondern mit einem Besenstiel zu verprügeln. Ich rede jetzt nicht von dem Verstorbenen!“ trumpfte Katerina Iwanowna den Proviantmeister ab.

Die roten Flecken auf ihren Wangen traten immer stärker hervor und ihre Brust hob sich. Nur wenig fehlte und ein Skandal begann. Viele kicherten; das wäre ihnen offenbar sehr angenehm gewesen. Man begann den Proviantmeister zu stoßen und ihm etwas zuzuflüstern. Man wollte beide aufeinander hetzen.

„Erlau–ben Sie mir zu fragen, wen Sie damit meinten,“ begann der Proviantmeister wieder, „wessen Ehre ... haben Sie soeben ... Übrigens, es ist unnötig! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich verzeihe ... Ich passe!“ und er goß sich wieder Schnaps ein.

Raskolnikoff hörte schweigend, voll Widerwillen zu. Er nahm nur aus Höflichkeit, rührte kaum die Stücke an, die ihm Katerina Iwanowna alle Augenblicke auf den Teller legte und aß bloß, um sie nicht zu kränken. Er blickte Ssonja aufmerksam an. Ssonja aber wurde immer unruhiger und besorgter; sie ahnte, daß das Gedächtnismahl kein friedliches Ende nehmen werde und beobachtete voll Angst die sich steigernde Gereiztheit von Katerina Iwanowna. Sie wußte, daß sie der Hauptgrund war, warum die beiden zugereisten Damen so verachtungsvoll mit der Einladung Katerina Iwanownas umgegangen waren. Sie hatte von Amalie Iwanowna selbst gehört, daß die Mutter allein schon durch die Einladung beleidigt worden war und die Frage gestellt hatte, „wie sie es verantworten könne, ihre Tochter neben diese Person zu setzen?“ Ssonja ahnte, daß Katerina Iwanowna dies irgendwie erfahren habe, und eine Kränkung Ssonjas bedeutete für Katerina Iwanowna mehr, als eine persönliche, mehr als eine Kränkung ihrer Kinder, ihres Papas, mit einem Worte, es war für sie eine tödliche Beleidigung, und Ssonja wußte, daß Katerina Iwanowna sich nicht eher beruhigen werde, „bis sie diesen geputzten Krähen bewiesen hätte, daß sie beide ...“ und dergleichen mehr. Wie absichtlich, hatte in diesem Augenblicke jemand vom anderen Ende des Tisches Ssonja einen Teller zugesandt, worauf zwei Herzen, durchbohrt mit einem Pfeile, aus Brot geknetet waren. Katerina Iwanowna flammte auf und bemerkte sofort laut über den ganzen Tisch weg, daß der Absender sicher „ein betrunkener Esel“ sei. Amalie Iwanowna, die auch etwas Schlimmes ahnte, und gleichzeitig durch den Hochmut Katerina Iwanownas im tiefsten Innern gekränkt war, begann ohne jede Veranlassung, nur um die unangenehme Stimmung der Gesellschaft abzulenken und gleichzeitig um ihr Ansehen in aller Augen zu heben, zu erzählen, wie ein Bekannter von ihr „Karl aus der Apotheke“ eines Nachts in einer Droschke nach Hause fuhr und der Kutscher ihn ermorden wollte, daß Karl ihn sehr, sehr gebeten habe, ihn nicht zu ermorden, „die Hände gefaltet und geweint hätte und so erschrocken wäre und daß die Angst sein Herz durchbohrt hätte“. Katerina Iwanowna bemerkte aber lächelnd, daß Amalie Iwanowna keine russischen Anekdoten erzählen solle. Jene fühlte sich dadurch noch mehr gekränkt und erwiderte, daß ihr Vater in Berlin ein sehr, sehr bedeutender Mann gewesen sei und daß er „immer die Hände in die Taschen steckte“. Die lachlustige Katerina Iwanowna konnte ein lautes Lachen nicht unterdrücken, so daß Amalie Iwanowna die letzte Geduld verlor und kaum mehr sich beherrschen konnte.

„Das ist mal eine Eule!“ flüsterte Katerina Iwanowna Raskolnikoff zu und wurde fast heiter gestimmt, „sie wollte sagen, daß er die Hände in den Taschen hatte, sie brachte es aber so heraus, als ob er ein Langfinger gewesen wäre, ha–ha! Haben Sie auch schon bemerkt, daß alle diese Ausländer in Petersburg, hauptsächlich aber die Deutschen, die irgendwoher zu uns kommen, dümmer sind, als wir? Sie müssen doch zugeben, daß man nicht erzählen kann, daß ‚Karls Herz aus Angst durchbohrt sei,‘ und daß er – so eine Memme! – anstatt den Kutscher zu knebeln, die ‚Hände gefaltet, geweint und sehr gebeten hat‘. Ach, so ein Holzklotz! Und sie glaubt noch, daß dies sehr rührend sei und ahnt nicht, wie dumm sie ist! Meiner Ansicht nach ist dieser betrunkene Proviantmeister noch bei weitem klüger als sie; man sieht, daß er ein Bruder Liederlich ist und das bißchen Verstand vertrunken hat, diese andere aber tut so ordentlich, sitzt ernst da ... Sehen Sie nur, wie sie nun die Augen aufreißt. Sie ist böse! Ärgert sich! Ha–ha–ha! Kche–kche–kche!“

Als Katerina Iwanowna so lustig geworden war, kam sie auf allerhand Dinge und erzählte plötzlich, wie sie mit Hilfe der in Aussicht gestellten Pension unbedingt in ihrer Heimatsstadt T... eine Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen errichten werde. Katerina Iwanowna hatte dies Raskolnikoff noch nicht selbst mitgeteilt und sie ließ sich auf sehr ausführliche, verlockende Einzelheiten ein. Auf rätselhafte Weise tauchte plötzlich in ihren Händen dasselbe „Ehrendiplom“ auf, von dem der verstorbene Marmeladoff in der Schenke Raskolnikoff schon erzählt und dabei erwähnt hatte, daß Katerina Iwanowna, seine Gattin, bei der Entlassung aus dem Stift mit einem Shawl „vor dem Gouverneur und den übrigen hohen Personen“ getanzt habe. Dieses Ehrendiplom mußte offenbar Katerina Iwanowna jetzt als Zeugnis dienen, daß sie auch ein Recht dazu habe, eine Erziehungsanstalt zu gründen, es war hauptsächlich mit der Absicht hervorgeholt und in der Nähe aufbewahrt worden, um endgültig „den beiden aufgedonnerten Krähen,“ wenn sie zu dem Gedächtnismahle gekommen wären, den Hochmut zu nehmen, und um ihnen deutlich zu beweisen, daß Katerina Iwanowna aus einem sehr feinen Hause stamme, „man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen Hause“ und die Tochter eines Obersten und sicher mehr sei, als manche Abenteurerin, die in der letzten Zeit so überhand nahmen. Das Ehrendiplom ging sofort von Hand zu Hand unter den betrunkenen Gästen, was Katerina Iwanowna nicht hinderte, weil darin tatsächlich en toutes lettres[10] bemerkt war, daß sie die Tochter eines Hofrats und Ritters pp. sei, folglich in der Tat beinahe die Tochter eines Obersten. Katerina Iwanowna, einmal entflammt, begann unverzüglich über alle Einzelheiten des künftigen schönen und ruhigen Lebens in T... sich zu verbreiten, – über die Gymnasiallehrer, die sie auffordern würde, in ihrer Anstalt Unterricht zu geben, über einen ehrenwerten, alten Herrn, einen Franzosen Mangot, der Katerina Iwanowna noch im Stifte in französischer Sprache unterwiesen hatte, und der jetzt in T... sein Leben beschloß und sicher für einen angemessenen Preis zu ihr kommen werde. Endlich kam sie auch auf Ssonja zu sprechen, „die zusammen mit Katerina Iwanowna nach T... reisen und dort in allem ihr behilflich sein solle“. Aber hier prustete jemand am andern Ende des Tisches vor Lachen. Katerina Iwanowna gab sich sofort den Anschein, als beachte sie nicht das Lachen am anderen Ende des Tisches, erhob absichtlich die Stimme und begann mit Begeisterung über die unzweifelhaften Vorzüge von Ssofja Ssemenowna als ihrer Stütze zu reden, „über ihre Sanftmut, Geduld, Selbstaufopferung, edlen Sinn und ihre Bildung,“ wobei sie Ssonja auf die Wange tätschelte, aufstand und sie ein paarmal innig küßte. Ssonja errötete und Katerina Iwanowna brach plötzlich in Weinen aus, nannte sich selbst „eine nervenschwache dumme Person, die ziemlich angegriffen sei, und daß es Zeit sei, ein Ende zu machen, da alle gegessen hätten und daß jetzt Tee kommen könne“. Da riskierte Amalie Iwanowna, gänzlich verschnupft, daß sie an der ganzen Unterhaltung nicht den geringsten Anteil genommen hatte, und daß man sie gar nicht angehört hatte, den letzten Versuch und erlaubte sich mit unterdrücktem Ärger, Katerina Iwanowna eine äußerst sachliche und tiefsinnige Bemerkung zu machen, daß man nämlich in der künftigen Pensionsanstalt besonders auf die reine Wäsche der jüngeren Mädchen achthaben müsse, und daß unbedingt eine tüchtige Dame da sein müsse, um darauf aufzupassen, und zweitens darauf, daß die jungen Mädchen heimlich in der Nacht keine Romane lesen könnten. Katerina Iwanowna, wirklich angegriffen und sehr müde, und des Gedächtnismahls überdrüssig, schnitt Amalie Iwanowna schroff das Wort mit der Bemerkung ab, daß sie „Unsinn quatsche“ und nichts verstehe; daß die Sorge um die Wäsche Sache der Kastellanin sei und nicht der Vorsteherin einer Anstalt für junge Mädchen aus besseren Ständen, und was das Lesen von Romanen anbetrifft, sei ihre Bemerkung einfach unanständig, und sie bitte sie endlich zu schweigen. Amalie Iwanowna ward rot und antwortete geärgert, daß sie es nur gut gemeint hätte, und daß sie für die Wohnung schon lange kein Geld erhalten habe. Katerina Iwanowna zeigte ihr sofort den ihr zukommenden Platz, indem sie sagte, daß Amalie Iwanowna lüge, wenn sie behaupte, es nur gut gemeint zu haben, weil sie schon gestern, als der Verstorbene noch auf der Bahre lag, sie wegen der Wohnungsmiete gequält habe. Darauf erwiderte Amalie Iwanowna mit großartiger Konsequenz, daß sie jene Damen eingeladen hätte, aber daß die Damen darum nicht gekommen seien, weil sie feine Damen seien und zu unfeinen Damen nicht gehen könnten. Katerina Iwanowna hielt ihr sofort unter die Nase, daß sie, solch ein Schmutzfink, gar nicht beurteilen könne, was in Wahrheit fein sei. Amalie Iwanowna konnte das nicht vertragen und erklärte sofort, daß „ihr Vater aus Berlin ein sehr, sehr wichtiger Mann gewesen sei, beide Hände in die Taschen gesteckt habe und immer nur – puff! puff! gemacht habe“! Und um ihren Vater augenscheinlicher vorzustellen, sprang Amalie Iwanowna vom Stuhle auf, steckte ihre beiden Hände in die Taschen, blies die Wangen auf und begann mit dem Munde unbestimmte Töne, die – puff! puff! ähnelten, hervorzubringen, unter lautem Lachen von allen Mietern, die Amalie Iwanowna absichtlich durch ihren Beifall reizten, weil sie eine Prügelei voraussahen. Jenes nun konnte wiederum Katerina Iwanowna nicht vertragen und sie sagte unverzüglich und laut, daß Amalie Iwanowna vielleicht nie einen Vater gehabt habe, daß Amalie Iwanowna einfach eine betrunkene Estin aus Petersburg sei und sicher irgendwo früher als Köchin gedient habe, vielleicht aber auch etwas schlimmeres gewesen sei. Amalie Iwanowna wurde krebsrot und kreischte, daß Katerina Iwanowna vielleicht keinen Vater gehabt habe, daß sie aber einen Vater aus Berlin gehabt und er einen langen Rock getragen und immer – puff! puff! – gemacht habe! Katerina Iwanowna bemerkte mit Verachtung, daß ihre Herkunft allen bekannt sei, und daß in diesem Ehrendiplom gedruckt sei, daß ihr Vater Oberst war, daß aber der Vater von Amalie Iwanowna – wenn sie überhaupt einen Vater gehabt habe – sicher ein Este aus Petersburg war und Milch verkauft habe; am wahrscheinlichsten aber sei, daß sie gar keinen Vater gehabt habe, weil es bis jetzt noch nicht festzustellen sei, wie der Vatername von Amalie Iwanowna laute, ob Iwanowna oder Ludwigowna? Da geriet Amalie Iwanowna ganz außer sich, schlug mit der Faust auf den Tisch, fing an zu kreischen, daß sie Amalie Iwanowna und nicht Ludwigowna heiße, daß der Name ihres Vaters Johann sei und daß er Dorfschulze gewesen war und daß der Vater von Katerina Iwanowna niemals Dorfschulze gewesen sei. Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und bemerkte streng, scheinbar mit ruhiger Stimme, – obwohl sie ganz bleich war und ihre Brust schwer atmete, – daß, wenn sie noch einmal wagen werde, ihren dreckigen Vater mit ihrem Papa auf gleiche Stufe zu stellen, sie ihr die Haube von ihrem Kopfe herunterreißen und mit den Füßen zertreten werde. Als Amalie Iwanowna das hörte, begann sie im Zimmer herumzulaufen und schrie aus allen Kräften, daß sie die Wirtin sei und daß Katerina Iwanowna sofort das Zimmer räumen solle; dann raffte sie die silbernen Löffel vom Tische zusammen. Es erhob sich ein Lärm und Getöse; die Kinder weinten. Ssonja stürzte zu Katerina Iwanowna hin, um sie zurückzuhalten, als aber Amalie Iwanowna etwas von „Sittenkontrolle“ schrie, stieß Katerina Iwanowna Ssonja von sich, eilte auf Amalie Iwanowna zu, um ihre Drohung bezüglich der Haube sofort wahr zu machen. In diesem Augenblicke öffnete sich die innere Tür und auf der Schwelle erschien Peter Petrowitsch Luschin. Er blieb stehen und warf einen strengen und aufmerksamen Blick auf die ganze Gesellschaft. Katerina Iwanowna stürzte zu ihm hin.