VII.
Die Türe wurde, wie auch damals, um einen einzigen Spalt geöffnet, und wieder hafteten auf ihm zwei scharfe und mißtrauische Augen aus der Dunkelheit. Da verlor Raskolnikoff die Fassung und machte beinahe einen großen Fehler.
In der Befürchtung, daß die Alte erschrecken würde, weil sie allein sei, und da er nicht glauben konnte, daß sein Anblick sie beruhigen würde, griff er nach der Türe und zog sie zu sich, damit die Alte nicht auf den Gedanken komme, sich wieder einzuschließen. Als die Alte das sah, zog sie die Türe nicht zurück, ließ aber auch nicht die Türklinke los, so daß er sie beinahe mit der Türe auf die Treppe hinauszog. Da er aber sah, daß sie quer vor der Türe stand und ihn nicht durchlassen wollte, ging er direkt auf sie los. Die Alte sprang erschreckt zurück, wollte etwas sagen, aber schien es nicht zu können und sah ihn unverwandt an.
„Guten Tag, Aljona Iwanowna,“ begann er möglichst ungezwungen, aber die Stimme gehorchte nicht, sie brach ab und zitterte. „Ich habe Ihnen ... ein Versatzstück gebracht ... aber wir gehen besser hierher ... wo es hell ist ...“ Er ließ sie stehn und ging ohne Aufforderung in das Zimmer. Die Alte lief ihm nach, ihre Zunge hatte sich gelöst.
„Herrgott! Was wollen Sie? ... Wer sind Sie? Was wollen Sie?“
„Erlauben Sie, Aljona Iwanowna ... ich bin Ihnen bekannt ... Raskolnikoff ... da haben Sie, ich habe ein Versatzstück gebracht, wie ich vor ein paar Tagen versprach ...“
Und er reicht ihr das Versatzstück hin.
Die Alte warf einen leichten Blick auf das Versatzstück, aber richtete sofort ihre Augen direkt ins Gesicht des ungebetenen Gastes. Sie sah ihn aufmerksam, böse und mißtrauisch an. Es verging eine Minute; ihm schien sogar, in ihren Augen liege etwas wie Spott, als ob sie schon alles erraten hätte. Er fühlte, daß er die Fassung verlor, und daß ihn die Furcht packte, eine so starke Furcht, daß ihm schien, wenn sie ihn noch eine halbe Minute so weiter angesehen hätte, er ohne ein Wort zu sagen weggelaufen wäre.
„Warum sehen Sie mich so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennen?“ sagte er plötzlich ebenfalls böse. „Wenn Sie wollen, nehmen Sie es zum Versatz, wenn nicht, – gehe ich zu anderen, ich habe keine Zeit.“
Er wußte selbst nicht, wie er zu diesen Worten kam.
Die Alte kam zu sich, und der entschlossene Ton des Besuchers gab ihr anscheinend Mut.
„Warum sind Sie hergekommen, Väterchen, was ist das?“ fragte sie und blickte auf das Versatzstück.
„Ein silbernes Zigarettenetui; ich sprach vorigesmal davon!“
Sie streckte die Hand aus.
„Warum sind Sie so blaß? Auch Ihre Hände zittern! Haben Sie gebadet?“
„Fieber habe ich,“ antwortete er kurz. „Unwillkürlich wird man blaß ... wenn man nichts zu essen hat,“ fügte er, die Worte kaum aussprechend, hinzu. Die Kräfte verließen ihn wieder. Die Antwort aber erschien wahrheitsgetreu; denn die Alte nahm das Versatzstück.
„Was ist es?“ fragte sie, indem sie Raskolnikoff noch einmal prüfend ansah und das Versatzstück in der Hand wog.
„Ein Ding ... ein Zigarettenetui ... aus Silber ... Sehen Sie nach.“
„Hm, mir scheint es nicht aus Silber ... Sieh, wie er es zugeschnürt hat ...“ Indem sie versuchte, den Bindfaden zu lösen und sich zum Fenster gegen das Licht wandte (alle Fenster waren trotz der schwülen Hitze geschlossen), ließ sie ihn auf ein paar Sekunden aus dem Auge und stellte sich mit dem Rücken gegen ihn. Er knöpfte seinen Mantel auf und zog das Beil aus der Schlinge, aber er holte es noch nicht hervor, sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Mantel. Seine Hände waren furchtbar schwach; er fühlte selbst, wie sie mit jedem Augenblick immer mehr erlahmten und erstarrten. Er fürchtete, daß er das Beil fallen lassen werde ... plötzlich schwindelte ihm der Kopf.
„Was hat er denn da umgewickelt!“ rief die Alte ärgerlich aus und machte eine Bewegung nach seiner Seite. Kein Moment länger durfte verloren gehen. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, kaum daß er sich dessen bewußt war, mit beiden Händen empor und ließ es fast ohne Anstrengung, fast mechanisch mit der breiten Seite auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte, wie es schien, dabei keine Kraft angewandt. Aber kaum hatte er das Beil zum ersten Male fallen lassen, da kamen auch die Kräfte.
Die Alte war wie immer barhäuptig. Ihre hellen, leicht ergrauten dünnen Haare, wie gewöhnlich fettig geölt, waren in rattenschwanzartige kleine Flechten geflochten und wurden von einem abgebrochenen Hornkamme, der auf ihrem Hinterkopfe saß, zusammengehalten. Der Schlag hatte sie bei ihrer Kleinheit direkt auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber sehr leise, ihre beiden Hände gegen den Kopf erhebend. In der einen Hand hielt sie das „Versatzstück“ fest. Da schlug er aus aller Kraft ein zweites und ein drittes Mal zu, immer mit der breiten Seite und immer gegen den Scheitel. Das Blut strömte hervor wie aus einem zersprungenen Glase, und der Körper fiel zu Boden mit dem Gesichte nach oben. Er trat einen Schritt zurück, ließ den Körper liegen und beugte sich über ihr Gesicht; sie war schon tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie herausspringen wollten, und die Stirn und das ganze Gesicht waren verzogen und krampfhaft verzerrt.
Er legte das Beil auf die Diele neben die Tote, langte eilends in ihre Tasche, in dieselbe rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die Schlüssel hervorgeholt hatte, und suchte zu verhindern, daß er sich mit dem fließenden Blute beschmiere. Er war bei klarem Verstande, Verdüsterungen und Schwindel fühlte er nicht mehr, aber die Hände zitterten immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr aufmerksam und vorsichtig war und immer versuchte, sich nicht zu beschmutzen ... Die Schlüssel zog er sofort heraus; sie hingen alle wie damals an einem Schlüsselbunde, an einem Ringe von Stahl. Er lief sofort mit ihm in das Schlafzimmer. Das war ein sehr kleines Zimmer mit einer großen Sammlung Heiligenbilder. An der anderen Wand stand ein großes Bett, sehr reinlich, mit einer wattierten Decke, die mit bunten Seidenflicken besetzt war. An der dritten Wand stand eine Kommode. Wie seltsam, kaum begann er die Schlüssel an der Kommode zu probieren, kaum hörte er ihr Rascheln, da kam der Krampf über ihn. – Er bekam wieder Lust, alles liegenzulassen und fortzugehen. Aber das dauerte nur einen Augenblick; es war zu spät, fortzugehen. Er lächelte sogar über sich selbst, als plötzlich ein anderer beunruhigender Gedanke durch seinen Kopf fuhr. Ihm däuchte plötzlich, daß die Alte vielleicht noch lebe und zu sich kommen könne. Er ließ die Schlüssel fallen, lief zurück zu der Toten, ergriff das Beil und erhob es noch einmal über die Alte, ließ es aber nicht niedersausen. Es gab keinen Zweifel, sie war tot. Indem er sich über sie beugte und sie wieder in der Nähe betrachtete, sah er deutlich, daß der Schädel zerschmettert und sogar ein wenig nach der Seite verschoben war. Er wollte mit dem Finger es befühlen, aber er riß die Hand zurück; es war ja ohnedem zu sehen. Indessen war schon eine ganze Pfütze Blut zusammengelaufen. Plötzlich bemerkte er an ihrem Halse eine Schnur, er riß daran, aber die Schnur war stark und ließ sich nicht zerreißen, außerdem war sie mit Blut durchtränkt. Er versuchte sie so unter dem Busen hervorzuziehen, aber etwas hielt die Schnur fest. Ungeduldig wollte er wieder das Beil emporheben, um die Schnur von oben über den Körper durchzuschlagen, aber er wagte es nicht, und mit großer Mühe zerschnitt er nach einer Arbeit von zwei Minuten die Schnur, ohne mit dem Beile den Körper zu berühren, wobei er aber seine Hände und das Beil mit Blut besudelt hatte; er hatte sich nicht geirrt – an der Schnur hing ein Beutel. Außerdem hingen daran zwei Kreuze, eins von Zypressen und das andere von Kupfer, und ein Heiligenbildchen aus Emaille; es war ein kleiner beschmutzter Beutel aus Sämischleder mit einer stählernen Spanne und kleinem Ringe. Der Beutel war sehr voll gepackt. Raskolnikoff steckte ihn, ohne ihn näher zu betrachten, in die Tasche, die Kreuze warf er der Alten auf die Brust, nahm diesmal das Beil auch mit und stürzte in das Schlafzimmer zurück.
Er war in schrecklicher Hast, nahm die Schlüssel und versuchte sie von neuem. Aber es gelang ihm immer nicht, sie paßten nicht für die Schlösser. Nicht, weil seine Hände zitterten, aber er irrte sich immer; er sah zum Beispiel, daß es nicht der richtige Schlüssel war, daß er nicht paßte, trotzdem probierte er ihn immer wieder. Plötzlich dachte er daran und es leuchtete ihm ein, daß dieser große Schlüssel mit dem zackigen Barte, der an dem Ringe mit den anderen kleinen zusammenhing, gar nicht zu der Kommode gehörte (wie es ihm schon vorigesmal in den Sinn gekommen war), sondern unbedingt zu einer Truhe gehören mußte, und daß in dieser Truhe vielleicht alles aufbewahrt war. Er verließ die Kommode und kroch sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen gewöhnlich bei alten Frauen unter dem Bette stehen. Es stimmte, es stand darunter eine ziemlich große Truhe, ungefähr ein Meter lang, mit einem halbrunden Deckel, mit rotem Saffian beschlagen. Der zackige Schlüssel paßte und schloß die Truhe auf. Oben, unter einem weißen Laken, lag ein mit rotem Stoff bezogener Pelz aus Hasenfellen; unter ihm ein seidenes Kleid, ein Schal und in der Tiefe lagen, wie es schien, allerhand Kleidungsstücke. Zuerst begann er seine mit Blut besudelten Hände an dem roten Stoff abzuwischen. „Der Stoff ist rot und bei rot ist Blut nicht so auffallend,“ dachte er und plötzlich kam er zu sich. „Mein Gott! Verliere ich den Verstand?“ sagte er sich erschreckt.
Kaum aber hatte er die Lumpen angerührt, als plötzlich unter dem Pelze eine goldene Uhr hervorglitt. Er machte sich daran, alles in der Truhe umzuwerfen. Zwischen den Kleidungsstücken waren in der Tat goldene Sachen untergebracht – wahrscheinlich alles versetzte Sachen, gekaufte oder nicht ausgelöste Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und dergleichen mehr. Manche Pfänder waren in Futteralen, andere wieder einfach in Zeitungspapier eingeschlagen, aber peinlich und sorgfältig in doppelte Bogen und mit Bindfaden zugeschnürt. Ohne einen Moment zu zögern, begann er seine Hosentaschen und die Taschen im Mantel mit den Sachen zu füllen; er untersuchte nicht und öffnete nicht die Pakete und die Futterale, aber er kam nicht dazu, viel einzustecken ...
Denn plötzlich hörte er in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er ließ das Kramen und verhielt sich still, wie ein Toter. Alles war aber ruhig, also hatte er nur geträumt. Aber da hörte er deutlich einen leisen Schrei, als wenn jemand leise und abgerissen stöhnte und darauf schwieg. Wieder trat eine Totenstille ein, eine Minute oder zwei Minuten lang. Er horchte neben der Truhe und wartete mit angehaltenem Atem, plötzlich aber sprang er auf, ergriff das Beil und lief aus dem Schlafzimmer.
Mitten im Zimmer stand Lisaweta mit einem großen Bündel in der Hand und sah erstarrt die ermordete Schwester an; sie war weiß wie Linnen und schien außerstande zu schreien. Als sie ihn hereinlaufen sah, erzitterte sie wie ein Blatt, und ihr ganzes Gesicht zuckte; sie erhob die eine Hand, öffnete den Mund, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen, ihm unverwandt ins Gesicht sehend, aber immer noch nicht schreiend, als ob es ihr an Luft mangele. Er stürzte sich auf sie mit dem Beile. Ihre Lippen verzogen sich so kläglich, wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie sich vor etwas fürchten, den Gegenstand ihrer Furcht unverwandt ansehen und sich anschicken zu schreien. Diese unglückliche Lisaweta war so einfältig und so völlig eingeschüchtert, daß sie nicht einmal ihre Hände erhob, um das Gesicht zu schützen, obwohl das doch die unwillkürlichste und natürlichste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, während das Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie erhob nur ein wenig ihre freie linke Hand, aber bei weitem nicht bis zum Gesichte und streckte sie ihm langsam entgegen, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte. Der Schlag traf direkt den Schädel mit der scharfen Seite des Beiles und durchschnitt mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis zur Schläfe. Sie stürzte sofort hin. Raskolnikoff verlor beinahe die Fassung, er ergriff ihr Bündel, warf es wieder hin und lief in das Vorzimmer.
Die Angst packte ihn mehr und mehr nach diesem zweiten, vollkommen unerwarteten Morde. Er wollte schnell von hier fort. Und wenn er in diesem Augenblicke imstande gewesen wäre, klarer zu sehen und zu denken, wenn er sich alle Schwierigkeiten seiner Lage, die ganze Verzweiflung, den ganzen Ekel und den ganzen Wahnsinn der Situation hätte vorstellen können und dabei verstanden hätte, wieviel Hindernisse, vielleicht auch Verbrechen er noch überwinden und vollbringen mußte, um von hier loszukommen und nach Hause zu gelangen, dann hätte er wahrscheinlich alles im Stiche gelassen und wäre sofort hingegangen und hätte sich selbst gestellt; und er hätte es nicht aus Furcht getan für seine Person, sondern nur aus Schrecken und Widerwillen allein vor dem, was er vollbracht hatte. Besonders der Widerwillen stieg und wuchs in ihm mit jedem Augenblicke. Um keinen Preis in der Welt würde er jetzt zu der Truhe oder in das Zimmer zurückgegangen sein.
Aber eine Zerstreutheit, eine Nachdenklichkeit kam allmählich über ihn; einige Minuten blieb er wie verloren stehen oder besser, er verlor sich in Kleinigkeiten und vergaß die Hauptsache. Als er übrigens einen Blick in die Küche warf und auf einer Bank einen Eimer sah, der zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, kam er auf den Gedanken, seine Hände und das Beil abzuwaschen. Seine Hände waren blutig und klebten. Das Beil steckte er mit der Schneide einfach ins Wasser, ergriff ein Stück Seife, das auf dem Fensterbrette auf einer zerschlagenen Untertasse lag und begann im Eimer selbst seine Hände zu waschen. Nachdem er die Hände gereinigt hatte, zog er auch das Beil heraus, wusch das Eisen ab und wusch lange, gegen drei Minuten lang, die Blutflecken vom Holze ab und versuchte sogar das Blut mit Seife abzuwaschen. Dann trocknete er alles mit Wäschestücken ab, die hier an einem Stricke trockneten, und besah lange voll Aufmerksamkeit am Fenster das Beil. Spuren waren nicht da, nur das Holz war noch feucht. Er steckte sorgfältig das Beil in die Schlinge unter dem Mantel. Darauf besah er den Mantel, die Hosen und die Stiefel, soweit es ihm das Licht in der halbdunklen Küche erlaubte. Beim ersten Blick schien man außen nichts zu sehen; nur auf den Stiefeln waren Flecken. Er machte einen Lappen naß und wischte die Stiefel ab. Er wußte übrigens, daß er nicht gut sehen konnte, daß es vielleicht etwas in die Augen Fallendes gab, was er nicht bemerkte. In Nachdenken versunken, stand er mitten im Zimmer. Ein quälender dunkler Gedanke erstand in ihm – der Gedanke, daß er den Verstand verliere, und daß er in diesem Augenblicke weder denken noch sich verteidigen könne, daß vielleicht gar nicht das zu tun sei, was er jetzt tue ...
„Mein Gott! Ich muß fort, fort!“ murmelte er und stürzte in das Vorzimmer. Aber hier erwartete ihn ein Schrecken, wie er ihn sicher noch nie erlebt hatte.
Er stand, sah hin und traute seinen Augen nicht: die Türe, die Außentüre, die aus dem Vorzimmer auf die Treppe ging, dieselbe, an der er vor kurzem geschellt und durch die er hineingekommen war, stand offen, sogar eine Hand breit offen, weder das Schloß war zu, noch der Riegel vor – die ganze, die ganze, ganze Zeit! Die Alte hatte hinter ihm nicht abgeschlossen, vielleicht aus Vorsicht. Aber, mein Gott! Er hat aber doch später Lisaweta gesehen! Und wie konnte, wie konnte er nicht auf den Gedanken kommen, daß sie doch irgendwie hereingekommen war! Sie war nicht durch die Wand gekommen!
Er stürzte zur Türe und legte den Riegel vor.
„Aber nein, das war wieder nicht das richtige! Ich muß fort, fort! ...“
Er zog den Riegel zurück, öffnete die Türe und begann zur Treppe hin zu lauschen.
Er horchte lange. Irgendwo weit unten, wahrscheinlich unter dem Tore, schrien laut und kreischend zwei Stimmen, stritten sich und schimpften.
Er wartete geduldig. Endlich wurde mit einem Male alles still, wie abgeschnitten; sie sind fortgegangen.
Er wollte schon hinaustreten, aber plötzlich öffnete sich geräuschvoll ein Stock tiefer eine Tür zur Treppe, jemand begann die Treppe hinabzusteigen und summte vor sich irgend etwas her.
„Wie sie alle lärmen!“ ging es durch seinen Kopf.
Er zog wieder die Türe zu und wartete. Endlich verstummte alles, keine Seele war zu hören. Er tat schon einen Schritt zur Treppe, als er plötzlich wieder neue Schritte vernahm.
Diese Schritte kamen von sehr weit her, ganz vom Anfange der Treppe, aber er erinnerte sich sehr gut und deutlich, daß er schon beim ersten Schritte damals aus irgendeinem Grunde den Verdacht faßte, daß man unbedingt hierher, in den vierten Stock, zu der Alten komme. Warum? Klangen die Schritte so sonderbar, so bedeutungsvoll? Es waren schwere gleichmäßige Schritte von einem Menschen, der keine Eile hat. Den ersten Stock hat er schon erreicht, nun steigt er weiter die Treppe hinauf, – deutlicher und deutlicher hört man es. Er vernahm das schwere Atmen des Kommenden. Nun ist er schon im dritten Stock. Er kommt hierher! Und plötzlich erschien es Raskolnikoff, als wäre er versteinert, als wäre er im Traume, wenn es einem träumt, daß man verfolgt wird, daß die Mörder ganz nahe hinter einem sind, man aber wie angewachsen dasteht und die Hände nicht rühren kann.
Endlich, als der Besucher schon den vierten Stock heraufstieg, fuhr er plötzlich zusammen und es gelang ihm doch schnell und geschmeidig, von dem Treppenabsatz in die Wohnung hineinzuschlüpfen und die Türe hinter sich zuzumachen. Dann nahm er den Haken und legte ihn leise, unhörbar vor. Der Instinkt half ihm. Als er das in Ordnung gebracht hatte, stellte er sich mit angehaltenem Atem direkt an die Türe. Der unbekannte Besucher war schon da. Sie standen jetzt einander gegenüber, wie er vor kurzem der Alten gegenüberstand, als die Türe sie voneinander trennte, und er lauschte.
Der Besucher atmete ein paarmal schwer.
„Er ist wahrscheinlich dick und groß,“ dachte Raskolnikoff und nahm das Beil fester in die Hand. Ihm war wieder alles wie im Traume. Der Besucher faßte die Klingel und läutete stark.
Als die Klingel blechern erklirrte, schien es ihm, als ob in dem Zimmer sich jemand rühre. Einige Sekunden lauschte er. Der Unbekannte schellte noch einmal, wartete ein wenig und begann plötzlich ungeduldig aus aller Kraft mit der Türklinke zu klappern. Mit Schrecken blickte Raskolnikoff auf den hüpfenden Haken und wartete mit stumpfer Angst, daß der Haken jeden Augenblick herausspringen werde. Es schien in der Tat möglich zu sein, – so stark riß jener an der Türe. Er wollte den Haken mit der Hand niederhalten, aber der andere konnte es merken. Es begann ihm wieder schwindlig zu werden.
„Ich breche noch zusammen!“ durchzuckte es ihn, aber der Unbekannte begann zu sprechen, da kam er zu sich. „Ja, schlafen die denn da oder sind sie tot? Verflucht noch einmal!“ wetterte er. „He, Aljona Iwanowna, alte Hexe! Lisaweta Iwanowna, du wundervolle Schönheit! Öffnet! Ach, verflucht, schlafen sie wirklich?“
Und er riß von neuem rasend gegen zehnmal nacheinander aus voller Kraft an der Klingel. Es war wohl ein Mann, der etwas galt und im Hause gut bekannt war.
In diesem Augenblick vernahm man unweit auf der Treppe kurze eilige Schritte. Es kam noch jemand. Raskolnikoff hatte es zuerst nicht gehört.
„Ist niemand da; unmöglich?“ rief laut der Angekommene und wandte sich freundlich an den ersten Besucher, der noch immer an der Klingel riß. „Guten Abend, Koch!“
„Nach der Stimme zu urteilen, muß es ein sehr junger Mann sein,“ dachte Raskolnikoff.
„Das weiß der Teufel, ich habe fast das Schloß abgerissen,“ antwortete Koch. „Aber woher kennen Sie mich denn?“
„Warum nicht! Vorgestern habe ich Ihnen drei Partien Billard im ‚Gambrinus‘ abgewonnen.“
„Ah ...“
„Also, sie sind nicht zu Hause. Merkwürdig. Das ist aber dumm. Wo mag nur die Alte hingegangen sein? Ich habe Geschäfte mit ihr.“
„Ich auch, mein Lieber.“
„Was ist da zu tun? Wohl oder übel müssen wir wieder gehen. Ach! Und ich hoffte Geld zu bekommen!“ rief der junge Mann aus.
„Selbstredend müssen wir gehen, aber wozu gibt man eine Zeit an? Die alte Hexe hat mir selbst die Stunde bestimmt. Für mich bedeutet das einen weiten Weg. Zum Teufel, ich verstehe nicht, wo sie sich herumtreiben kann. Das ganze Jahr sitzt sie im Hause, die Hexe, rührt sich nicht vom Fleck, die Füße tun ihr weh, und nun plötzlich macht sie Ausflüge!“
„Sollen wir nicht den Hausknecht fragen?“
„Wonach denn?“
„Wohin sie gegangen ist und wann sie wiederkommt?“
„Hm ... zum Teufel ... sollen wir fragen ... Ja, sie geht doch nie aus ...“ und er riß noch einmal an der Türklinke.
„Zum Teufel, es bleibt nichts übrig, wir müssen fortgehen.“
„Warten Sie!“ rief plötzlich der junge Mann. „Sehen Sie einmal, wie die Türe nachgibt, wenn man daran reißt!“
„Na, und?“
„Also ist sie nicht abgeschlossen, sondern nur eingehakt, auf den Haken! Hören Sie, wie der Haken klirrt?“
„Nun?“
„Verstehn Sie denn nicht? Also ist jemand von ihnen zu Hause. Wenn alle fortgegangen wären, hätten sie die Türe mit dem Schlüssel abgeschlossen, und nicht von innen mit dem Haken. Hören Sie nun, wie der Haken klirrt? Um aber von innen die Türe mit dem Haken abzuschließen, muß man zu Hause sein, verstehen Sie? Also, sitzen sie zu Hause und öffnen nicht!“
„Hm! Ja, das ist wahr!“ rief erstaunt Koch. „Was ist denn mit ihnen los?“ Und er begann voll Wucht an der Türe zu zerren.
„Warten Sie!“ rief von neuem der junge Mann. „Halten Sie ein! Hier ist etwas nicht in Ordnung ... Sie haben doch geklingelt, an der Türe gerüttelt, – und sie öffnen nicht, also, liegen sie entweder in Ohnmacht oder ...“
„Was?“
„Hören Sie mal, holen wir den Hausknecht, möge er sie aufwecken.“
„Gut.“
Sie gingen beide zur Treppe.
„Warten Sie! Bleiben Sie mal hier, ich aber laufe nach dem Hausknecht.“
„Warum soll ich bleiben?“
„Es ist so besser ...“
„Ich bereite mich zum Untersuchungsrichter vor! Hier stimmt offenbar, offen–bar ... nicht alles!“ rief voll Eifer der junge Mann und lief eilig die Treppe hinab.
Koch blieb, rührte noch einmal leise die Klingel und es klirrte ein einziges Mal; dann begann er sachte, als ob er es überlegte und prüfte, die Türklinke zu bewegen, er zog sie auf und ließ sie niedergleiten, um sich noch einmal zu vergewissern, daß die Türe bloß mit einem Haken geschlossen sei. Darauf bückte er sich schwer atmend und blickte durch das Schlüsselloch, aber darin stak von innen der Schlüssel, und er konnte nichts sehen.
Raskolnikoff stand und hielt krampfhaft das Beil, fieberhaft erregt. Er war bereit zu kämpfen, wenn sie hereinkommen sollten. Schon als sie klopften und sich besprachen, kam ihm einigemal der Gedanke, allem ein Ende zu machen und ihnen durch die Türe zuzurufen. Es wandelte ihn an, sie zu schimpfen, sie zu reizen, bevor sie die Türe aufmachten. „Möchte es doch schneller zu Ende gehen!“ fuhr es ihm durch den Kopf. „Zum Teufel noch einmal ...“
Die Zeit verrann, eine Minute nach der andern ging vorüber, niemand kam. Koch begann unruhig zu werden.
„Zum Teufel noch einmal! ...“ rief er plötzlich aus, und voll Ungeduld verließ er seinen Posten, ging die Treppe eilig hinab, und stapfte fest auf.
„Mein Gott, was ist nun zu tun!“ Raskolnikoff hob den Haken ab, öffnete ein wenig die Türe, es war nichts zu hören, er trat plötzlich vollkommen gedankenlos heraus, zog die Türe hinter sich möglichst dicht zu und ging hinab. Er war schon drei Treppen hinabgestiegen, als plötzlich unten ein starker Lärm hörbar wurde, – wohin sich wenden? Er konnte sich nirgends verstecken und wollte schon zurück in die Wohnung laufen.
„He Teufel! Halt!“
Mit einem Schrei stürzte jemand unten aus einer Wohnung heraus und lief so schnell hinunter, daß er die Treppe beinahe hinunterzufallen schien.
„Mitjka, Mitjka! Mitjka! Mitjka! Mitjka! Hol dich der Kuckuck!“
Der Schrei endete mit Kreischen; die letzten Töne hörte man schon vom Hofe her; alles wurde still. Aber im selben Augenblick begannen ein paar Menschen, die laut und schnell sprachen, geräuschvoll die Treppe hinaufzusteigen, vielleicht drei oder vier. Raskolnikoff unterschied die helle Stimme des jungen Mannes.
„Das sind sie.“
In größter Verzweiflung ging er ihnen direkt entgegen, – mochte nun kommen, was wollte. Wenn sie ihn anhielten, war alles verloren, wenn sie ihn vorbeiließen, war auch alles verloren, – denn sie werden ihn wiedererkennen. Sie kamen bedenklich näher; zwischen ihnen war nur eine einzige Treppe – da kam die Rettung. Einige Stufen vor ihm rechts stand weit geöffnet eine leere Wohnung, dieselbe Wohnung im zweiten Stock, in der Arbeiter malten und jetzt wie mit Absicht fortgegangen waren. Das waren sicher die Leute gewesen, die soeben mit solch einem Geschrei hinabgelaufen waren. Die Dielen waren frisch gestrichen, mitten im Zimmer stand ein kleiner Eimer und eine Scherbe von einem Topfe mit Farbe und Pinsel. Im Nu schlüpfte er durch die offene Tür und verbarg sich hinter einer hohen Wand, es war hohe Zeit. Sie waren schon auf dem Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach oben und gingen laut sprechend nach dem vierten Stock. Er wartete eine Zeitlang, ging auf Fußspitzen hinaus und lief nach unten.
Auf der Treppe war niemand! Auch unten nicht. Er ging schnell durch das Tor und ging nach links die Straße hinunter. Er wußte es nur zu gut, daß sie in diesem Augenblicke schon in der Wohnung waren, daß sie erstaunt waren, die Türe offen zu sehen, die noch eben verschlossen war, daß sie schon die Leichen erblickten, und daß sie in weniger als einer Minute erraten würden, daß der Mörder hier soeben noch dagewesen war und Zeit gefunden hatte, sich irgendwo zu verbergen, an ihnen vorbeizuhuschen und zu fliehen; sie werden vielleicht auch auf den Gedanken gekommen sein, daß er in der leeren Wohnung stak, als sie nach oben gingen. Indessen aber durfte er um keinen Preis seinen Gang zu sehr beschleunigen, obgleich bis zur ersten Seitenstraße gegen hundert Schritte waren.
„Soll ich nicht in ein Tor hineinschlüpfen und irgendwo in einer unbekannten Straße abwarten? Nein, das ist gefährlich! Soll ich nicht das Beil fortwerfen? Soll ich nicht eine Droschke nehmen? Es ist zu gefährlich, zu gefährlich!“
Endlich kam die Seitenstraße, er bog in sie halbtot ein. Hier war er schon zur Hälfte gerettet, und ward es inne, – hier erregte er kaum Verdacht, zudem war diese Straße stark belebt, und er ging wie ein Sandkorn in der Menge verloren. Aber alle diese Qualen hatten ihn so erschöpft, daß er sich kaum mehr fortbewegen konnte. Der Schweiß rann ihm in Tropfen herunter, sein Hals war ganz naß.
„Sieh mal, wie der voll ist!“ rief ihm jemand zu, als er auf den Kanal hinauskam.
Er hatte fast keinen Gedanken mehr; je weiter er ging, um so schlimmer wurde es. Er erschrak plötzlich, als er an den Kanal hinauskam; denn dort gab es wenig Menschen, hier konnte er leichter auffallen, und er wollte wieder in die Seitengasse zurückkehren. Trotzdem er am Umfallen war, machte er doch einen Umweg und kam von einer anderen Seite nach Hause.
Noch fast besinnungslos schritt er durch das Tor seines Hauses; er war schon die Treppe hinaufgestiegen, da erst entsann er sich des Beiles. Eine überaus wichtige Aufgabe stand ihm noch bevor, das Beil zurückzulegen und es unbemerkt zu tun. Er hatte nicht mehr die Kraft, zu überlegen, ob es vielleicht nicht viel besser wäre, das Beil gar nicht mehr auf seinen früheren Platz zurückzubringen, sondern es irgendwo auf einen fremden Hof, wenn auch nicht sofort, zu werfen.
Doch es ging alles gut vonstatten. Die Türe zu der Wohnung des Hausknechts war zugemacht, aber nicht verschlossen, also war der Hausknecht sehr wahrscheinlich zu Hause. Und so weit hatte er schon die Fähigkeit zu überlegen verloren, daß er einfach auf die Wohnung losging und die Türe öffnete. Hätte der Hausknecht ihn in diesem Augenblick gefragt, was er wolle, er hätte ihm einfach das Beil in die Hand gegeben. Der Hausknecht war aber auch diesmal nicht da und er konnte das Beil auf seinen Platz unter die Bank legen; er bedeckte es sogar wieder mit einem Holzscheit. Keine Seele begegnete ihm bis zu seinem Zimmer; die Türe zur Wohnung der Wirtin war abgeschlossen. Nachdem er in sein Zimmer eingetreten war, warf er sich auf den Diwan, so wie er war. Er schlief nicht, verfiel aber in einen Halbschlummer. Wenn jemand jetzt in sein Zimmer getreten wäre, wäre er aufgesprungen und hätte geschrien. Abgerissene, verworrene Gedanken wirbelten in seinem Kopfe, aber er konnte keinen einzigen erfassen, keinen festhalten, trotz aller Anstrengung.
Zweiter Teil
I.
So lag er sehr lange da. Manchmal wachte er vom Schlafe auf und dann bemerkte er, daß es schon längst Nacht war. Endlich nahm er wahr, daß es schon heller Tag war. Er lag auf dem Diwan ausgestreckt, noch erstarrt von der kaum überwundenen Bewußtlosigkeit. Schrill tönte fürchterliches verzweifeltes Geheul von der Straße herauf, das er jede Nacht unter seinem Fenster in der dritten Morgenstunde hörte. Das hatte ihn auch jetzt wieder aufgeweckt.
„Ah! Es kommen die Betrunkenen schon aus den Kneipen,“ dachte er. „Es ist drei Uhr!“ und er sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Diwan heruntergestoßen.
„Wie! Es ist schon drei!“
Er setzte sich – und da fiel ihm alles ein! Plötzlich fiel ihm alles ein!
Im ersten Augenblicke dachte er, er würde den Verstand verlieren. Eine furchtbare Kälte erfaßte ihn, aber die Kälte kam vom Fieber, das schon längst während des Traumzustandes angefangen hatte. Es packte ihn ein Schüttelfrost, daß die Zähne zusammenschlugen, und alles zitterte an ihm. Er öffnete die Türe und begann zu lauschen: im Hause schlief alles. Erschreckt betrachtete er sich selbst und alles ringsum im Zimmer und begriff nicht – wie konnte er nur gestern die Türe nicht zuhaken und sich nicht nur angekleidet, sondern sogar mit dem Hute auf den Diwan werfen; der Hut war ihm heruntergefallen und lag dort auf der Diele in der Nähe des Kissens.
„Wenn jemand gekommen wäre, was hätte er denken müssen? Daß ich betrunken, aber ...“
Er stürzte zum Fenster. Es war genügend hell und er besah sich schnell ganz vom Kopfe bis zu den Füßen, seine ganze Kleidung, ob nicht Spuren daran waren. Aber man konnte so nichts sehen; zitternd vor Frost, zog er alles aus und wieder betrachtete er es von allen Seiten. Er drehte alles um bis zum letzten Faden und Fetzen, und da er sich selber nicht traute, wiederholte er dreimal die Besichtigung. Aber er fand nichts, scheinbar keine Spur; nur an einer Stelle, wo die Hosen unten abgerieben und in Fransen hingen, waren an diesen Fransen dicke Flecken eingetrockneten Blutes. Er nahm ein großes Taschenmesser und schnitt die Fransen ab. Mehr schien es nicht zu sein. Da fiel ihm ein, daß der Beutel und die Sachen, die er aus der Truhe bei der Alten herausgenommen, sich noch immer in seinen Taschen befanden. Er hatte nicht mehr daran gedacht, sie herauszunehmen und zu verstecken. Nicht einmal jetzt sogar hatte er sich ihrer gleich erinnert, als er seine Kleider besah. War denn das möglich? Hastig nahm er sie heraus und warf sie auf den Tisch. Nachdem er alles herausgenommen und die Taschen umgekehrt hatte, um sich zu vergewissern, daß nichts übriggeblieben war, brachte er den ganzen Haufen in eine Ecke. Dort in der Ecke waren unten an einer Stelle die von der Wand losgelösten Tapeten zerrissen; sofort begann er alles in dieses Loch unter dem Papier hineinzustopfen.
„Es ist hineingegangen! Alles ist fort, sogar der Beutel!“ dachte er voller Freude, indem er aufstand und stumpf in die Ecke sah, auf das Loch, wo die Tapete jetzt weiter abstand.
Da schrak er wieder zusammen.
„Mein Gott,“ flüsterte er verzweifelt, „was ist mit mir? Ist denn das versteckt? Versteckt man das so?“
Natürlich hatte er mit solchen Gegenständen gar nicht gerechnet; er dachte, daß es nur Geld bei ihr geben würde und darum hatte er keinen Platz vorher ausgesucht.
„Aber jetzt, jetzt, worüber freute ich mich denn?“ dachte er. „Versteckt man denn so? In der Tat, der Verstand verläßt mich!“
Erschöpft setzte er sich auf den Diwan und von neuem schüttelte ihn ein unerträglicher Fieberanfall. Mechanisch hüllte er sich in seinen früheren Studentenmantel, einen gefütterten, aber schon recht schäbigen Winterüberzieher; er deckte sich mit ihm zu, und alsbald überfielen ihn wieder Schlaf und Fieberträume.
Doch schon nach fünf Minuten sprang er wieder auf und stürzte außer sich von neuem zu seinen Kleidern. „Wie konnte ich nur wieder einschlafen, wo noch nichts getan ist! Da haben wir es, da haben wir es, die Schlinge unter der Achsel habe ich noch nicht abgenommen! Ich habe es vergessen, habe solch eine Sache vergessen! Solch ein Verdachtsmoment!“
Er riß die Schlinge ab und begann sie schnell in Stücke zu zerreißen und versteckte sie unter dem Kissen in der Wäsche.
„Stücke von zerrissener Leinwand können in keinem Falle Verdacht erregen; es scheint so, es scheint so!“ wiederholte er, mitten im Zimmer stehend, und begann von neuem mit schmerzhaft angespannter Aufmerksamkeit ringsum, auf der Diele und überall, herumzuspähen, ob er nicht noch etwas vergessen habe. Die Überzeugung, daß alles, sogar das Gedächtnis, sogar das einfache Denken ihn verließ, – begann ihn unerträglich zu quälen.
„Was! fängt es schon jetzt an, kommt schon jetzt die Strafe? Sieh da, sieh es stimmt!“
Die abgeschnittenen Fransen, die er von den Hosen abgetrennt hatte, lagen in der Tat auf der Diele mitten im Zimmer, damit sie ja der erste beste sehen konnte.
„Was ist denn nur mit mir!“ rief er wieder aus, wie verloren.
Da kam ihm ein seltsamer Gedanke: vielleicht war auch seine ganze Kleidung blutig, vielleicht hat sie viele Flecken, aber er sieht sie bloß nicht, er bemerkt sie nicht, weil sein Denken geschwächt, verworren ... der Verstand verdüstert ist ... Plötzlich erinnerte er sich, daß an dem Beutel auch Blut war.
„Bah, also muß in der Tasche auch Blut sein, da ich den noch feuchten Beutel hineinsteckte!“
Schnell kehrte er die Hosentasche um, und – tatsächlich, – auf dem Futter der Tasche waren Spuren, Flecken.
„Also hat mich der Verstand noch nicht ganz verlassen, also besitze ich noch Urteilsfähigkeit und Gedächtnis, wenn ich mich hierauf besinnen konnte!“ dachte er triumphierend und atmete aus voller Brust tief und freudig auf. „Es ist einfach fieberhafte Schwäche, eine vorübergehende Anwandlung.“
Und er riß das ganze Futter aus der linken Hosentasche. In diesem Augenblicke beleuchtete ein Sonnenstrahl seinen linken Stiefel; auf dem Strumpfe, der aus dem Stiefel hervortrat, schienen Flecken zu sein. Er zog den Stiefel aus, – es waren wirklich Spuren. Die ganze Fußspitze war mit Blut durchtränkt; wahrscheinlich war er unvorsichtigerweise in die Pfütze getreten ... „Aber was nun damit tun? Wohin diesen Strumpf tun? Wohin diesen Strumpf, die Franse, die Hosentasche?“ Er knüllte alles in der Hand zusammen und blieb mitten im Zimmer stehen. „In den Ofen? Aber im Ofen wird man zuerst nachstöbern. Verbrennen? Ja, aber womit brennen? Er hat nicht mal Streichhölzer. Nein, besser, irgendwo hingehen und alles fortwerfen. Ja! das beste ist fortwerfen!“ wiederholte er und setzte sich von neuem auf den Diwan. „Und sofort muß ich es tun, in diesem Augenblick, ohne Zeit zu verlieren! ...“
Indessen fiel sein Kopf von neuem auf das Kissen; wieder durchrüttelte ihn eisig der unerträgliche Schüttelfrost; wieder zog er den Wintermantel über sich. Und lange noch, ein paar Stunden, träumte er ab und zu, „ich muß sofort ohne Zögern irgendwo hingehen und alles fortwerfen, damit es schnell aus den Augen kommt!“ Einigemal erhob er sich vom Diwan, wollte aufstehn, konnte aber nicht mehr. Endlich weckte ihn ein starkes Klopfen an der Türe.
„Öffne doch, lebst du oder nicht? Und immer schläft er!“ schrie Nastasja und schlug mit der Faust an die Türe. „Den ganzen geschlagenen Tag schläft er wie ein Hund! Er ist auch ein Hund! Öffne doch. Es ist schon elf Uhr.“
„Vielleicht ist er nicht zu Hause,“ sagte eine männliche Stimme.
„Ha, das ist die Stimme des Hausknechtes ... Was will er?“
Er sprang auf und setzte sich auf den Diwan. Das Herz klopfte so stark, daß es ihn schmerzte.
„Wer hat denn die Türe zugehakt?“ erwiderte Nastasja. „Sieh mal, er fängt an, sich einzuschließen! Fürchtet er, daß man ihn holen könnte? Öffne. Mensch, wach auf!“
„Was wollen sie? Warum ist der Hausknecht da? Alles ist bekannt. Soll ich Widerstand leisten oder öffnen? Mag alles zugrunde gehen ...“
Er erhob sich ein wenig, beugte sich nach vorn und nahm den Haken ab.
Das ganze Zimmer war nur so groß, daß man den Türhaken abnehmen konnte, ohne vom Bette aufzustehen.
Er hatte richtig geraten, – vor ihm standen Nastasja und der Hausknecht. Nastasja blickte ihn eigentümlich an. Er warf dem Hausknechte einen herausfordernden und verzweifelten Blick zu. Der reichte ihm schweigend ein graues zusammengelegtes Stück Papier, das mit gewöhnlichem Siegellack zugesiegelt war.
„Vorladung aus dem Bureau,“ sagte er, indem er das Papier überreichte.
„Aus welchem Bureau? ...“
„Selbstredend vom Polizeibureau.“
„Von der Polizei! ... Warum?“
„Woher soll ich es wissen. Man verlangt es und da müssen Sie gehen.“
Er sah ihn aufmerksam an, warf einen Blick ins Zimmer und wandte sich, um fortzugehen.
„Bist du ganz krank geworden?“ bemerkte Nastasja, die ihre Augen nicht von ihm abwandte.
Der Hausknecht drehte auch einen Augenblick seinen Kopf um.
„Seit gestern hat er Fieber,“ fügte sie hinzu.
Er antwortete nichts und hielt das Schriftstück in den Händen, ohne es zu öffnen.
„Bleib liegen,“ fuhr Nastasja fort; sie wurde weicher gestimmt, als sie sah, daß er die Füße vom Diwan herabließ.
„Da du krank bist, so gehe nicht hin: es brennt doch nicht. Was hast du da in der Hand?“
Er blickte hin. In der rechten Hand hielt er die abgeschnittenen Fransen von der Hose, den Strumpf und die Fetzen der ausgerissenen Tasche. So hatte er mit ihnen geschlafen. Als er später darüber nachsann, erinnerte er sich, daß er im Fieber aufwachend, dies alles nur fester in seiner Hand zusammenballte und wieder einschlief.
„Sieh, was für Lumpen er gesammelt hat und schläft mit ihnen, als wären sie ein kolossaler Schatz ...“ Und Nastasja fiel in ihr lautes nervöses Lachen.
Im Nu steckte er alles unter den Mantel und heftete auf sie einen forschenden Blick. Obwohl er in diesem Augenblicke wenig mit Verstand sich die Sache überlegen konnte, fühlte er doch, daß man einen Menschen nicht in dieser Weise behandeln würde, wenn man ihn verhaften wollte ...
„Aber ... die Polizei?“
„Du solltest etwas Tee trinken. Willst du? Ich bringe ihn dir; es ist etwas übriggeblieben ...“
„Nein ... ich will hingehen; ich will sofort hingehen,“ murmelte er aufstehend.
„Du kannst ja nicht mal die Treppe hinuntergehen.“
„Ich will hingehen ...“
„Wie du willst.“
Sie folgte dem Hausknechte.
Sofort stürzte er zum Licht, um den Strumpf und die Hosenfransen zu besehen.
„Flecken sind da, aber kaum sichtbar. Alles ist beschmutzt, abgerieben und verblichen. Wer es nicht weiß – wird nichts bemerken. Nastasja konnte wahrscheinlich von weitem nichts sehen. Gott sei Dank.“ Dann öffnete er mit Bangen die Vorladung und begann zu lesen; er las lange, und schließlich begriff er. Es war eine gewöhnliche Vorladung, vom Polizeirevier, heute um halb zehn in dem Bureau des Revieraufsehers zu erscheinen.
„Das ist mir noch nie passiert. Ich habe nichts mit der Polizei zu tun. Und warum gerade heute!“
Er wollte sich schon auf die Knie werfen, um zu beten, lachte dann aber selbst darüber, – nicht über das Beten, sondern über sich selbst. Er begann sich eilig anzuziehen.
„Soll ich zugrunde gehen, na, dann ist nichts zu machen. Soll ich den Strumpf anziehen!“ dachte er plötzlich. „Er wird noch mehr im Staub beschmutzt und die Spuren werden verschwinden.“
Kaum aber hatte er ihn angezogen, als er ihn voll Ekel und Schrecken herunterriß. Er hatte ihn vom Fuß heruntergerissen, aber nachdem er überlegt hatte, daß er keinen anderen hatte, zog er ihn wieder an – und lachte wieder.
„All das ist Vorurteil, alles ist nur wie man’s nimmt, all das sind nur Formen,“ dachte er einem flüchtigen Gedanken nach und zitterte dabei am ganzen Körper. „Ich habe ihn doch angezogen. Hab es fertig gebracht, ihn anzuziehen.“
Aber das Lachen verwandelte sich sogleich in Verzweiflung.
„Nein, das ist über meine Kräfte ...“ dachte er. Seine Füße zitterten.
„Aus Angst,“ murmelte er vor sich hin. Der Kopf schwindelte ihm und schmerzte vor Fieber.
„Eine List ist es! Sie wollen mich mit List hinlocken und mich plötzlich aus der Fassung bringen,“ fuhr er fort vor sich hinzumurmeln und ging auf die Treppe hinaus. „Das ist schlimm, daß ich fieberig bin ... ich kann irgendeine Dummheit machen ...“
Auf der Treppe besann er sich, daß er alle Sachen so in dem Loche unter der Tapete liegen ließ. „Und gerade jetzt konnte absichtlich in seiner Abwesenheit eine Haussuchung vorgenommen werden,“ fiel es ihm ein, und er blieb stehn. Aber solch eine Verzweiflung und solch ein, wenn man sich so ausdrücken darf, – Zynismus über seinen Untergang hatten ihn gepackt, daß er unbekümmert weiterging.
„Möge es bloß schnell vorbei sein! ...“ Auf der Straße war es wieder unerträglich heiß; kein Regentropfen in all diesen Tagen. Wieder gab es Staub von Ziegeln und Kalk, wieder den Gestank aus den Läden und Wirtshäusern, wieder tauchten alle Augenblicke Betrunkene, finnische Höcker und halbzerfallene Droschken auf. Die Sonne strahlte hell in seine Augen, so daß es ihm weh tat, und der Kopf schwindelte ihm, – das gewöhnliche Gefühl eines Fieberkranken, der plötzlich auf die Straße an einem heißen sonnigen Tage hinaustritt.
Als er um die Ecke in die gestrige Straße einbog, blickte er dorthin, auf jenes Haus voll qualvoller Unruhe ... und wendete sogleich die Augen ab.
„Wenn man mich frägt, werde ich es vielleicht sagen,“ dachte er, indem er sich dem Polizeibureau näherte.
Das Bureau war ein paar hundert Schritte von seinem Hause entfernt. Es war kürzlich in neuen Räumen in einem neuen Hause im vierten Stocke untergebracht worden. In dem alten Bureau war er einmal, aber vor längerer Zeit, gewesen. Als er in das Tor eintrat, erblickte er zur rechten Hand eine Treppe, von der ein Mann mit einem Buche in der Hand herunterkam. „Ein Bureaudiener also; folglich ist auch hier das Bureau,“ und er begann aufs Geratewohl die Treppe hinaufzusteigen. Er wollte niemanden um Auskunft fragen.
„Ich trete ein, werfe mich auf die Knie und erzähle alles ...“ dachte er, indem er die letzte Treppe zum vierten Stock hinaufstieg.
Die Treppe war sehr schmal, steil und voll Unrat. Alle Küchen von allen Wohnungen in all den vier Stockwerken mündeten auf diese Treppe und standen fast den ganzen Tag offen. Daher war dort eine furchtbare, stickige Luft. Es kamen und gingen Hausknechte mit Büchern unter dem Arm, Schutzleute und allerhand Volk beiderlei Geschlechts, die da zu tun hatten. Die Türe zu dem Polizeibureau stand auch sperrweit auf. Er trat ein und blieb im Vorzimmer stehn. Überall standen, überall warteten Bauern. Auch hier war die Luft schrecklich dumpf und außerdem roch es zum Übelwerden nach frischer, nicht ausgetrockneter Farbe mit ranzigem Öl von den neugestrichenen Dielen. Er wartete ein wenig und beschloß, weiter in das nächste Zimmer zu gehen. Alle Zimmer waren klein und niedrig. Eine quälende Ungeduld zog ihn immer weiter und weiter. Niemand beachtete ihn. In dem zweiten Zimmer saßen und schrieben einige Schreiber, die vielleicht ein wenig besser gekleidet waren als er, dem Äußeren nach komische Menschen. Er wandte sich an einen von ihnen.
„Was wünschest du?“
Er zeigte die Vorladung.
„Sie sind Student?“ fragte der Schreiber, nachdem er einen Blick auf die Vorladung geworfen hatte.
„Ja, ich bin gewesener Student.“
Der Schreiber blickte ihn ohne jegliche Neugier an. Er war ein besonders zerzauster Mensch mit einem unbeweglichen Ausdruck im Blicke.
„Von diesem erfahre ich nichts, denn ihm ist es gleichgültig,“ dachte Raskolnikoff.
„Gehen Sie dorthin, zu dem Sekretär,“ sagte der Schreiber und wies mit dem Finger auf das allerletzte Zimmer.
Er trat in dieses Zimmer, das vierte der Reihe nach; es war eng und vollgestopft von Menschen, die ein wenig besser gekleidet waren, als in den ersten Zimmern. Unter den Besuchern waren auch zwei Damen. Die eine in Trauer, ärmlich gekleidet, saß an einem Tisch gegenüber dem Sekretär und schrieb etwas nach seinem Diktat. Die andere Dame, eine sehr dicke, purpurrote, ansehnliche Frau mit Flecken im Gesichte, sehr auffällig gekleidet, mit einer Brosche in der Größe einer Untertasse stand seitwärts und schien auf etwas zu warten. Raskolnikoff schob dem Sekretär seine Vorladung zu. Dieser besah sie flüchtig, sagte: „warten Sie“ und fuhr fort, sich mit der Dame in Trauer zu beschäftigen.
Raskolnikoff atmete erleichtert auf.
„Es ist sicher nicht das!“ Allmählich begann er Mut zu fassen, er sprach sich mit aller Macht zu, sich zusammenzunehmen und besonnen zu sein.
„Irgendeine Dummheit, irgendeine geringfügige Unvorsichtigkeit, und ich kann mich verraten! Hm ... schade, daß hier keine frische Luft ist,“ fügte er hinzu, „diese Schwüle ... Der Kopf schwindelt mir noch mehr ... und der Verstand auch ...“
Er fühlte in seinem ganzen Körper eine furchtbare Zerrüttung und fürchtete auch, sich nicht beherrschen zu können. Nun versuchte er, sich an etwas anzuklammern, und an irgend etwas vollkommen Nebensächliches zu denken, aber das gelang ihm absolut nicht. Der Sekretär interessierte ihn übrigens sehr stark, – er wollte gern aus seinem Gesichte etwas erraten und ihn durchschauen. Es war ein sehr junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, mit einem beweglichen Gesichte von dunkler Farbe, das ihn älter erscheinen ließ; er war nach der Mode und stutzerhaft gekleidet, hatte einen Scheitel am Hinterkopf, war frisiert und pomadisiert und trug eine Menge Ringe an den weißen, peinlich sauberen Fingern und eine goldene Kette auf der Weste. Mit einem anwesenden Ausländer wechselte er sogar ein paar Worte französisch, und tat es ziemlich gut.
„Louisa Iwanowna, setzen Sie sich doch,“ sagte er flüchtig zu der geputzten purpurroten Dame, die die ganze Zeit dastand, als wage sie nicht sich hinzusetzen, obwohl ein Stuhl neben ihr stand.
„Ich danke,“ sagte sie deutsch und setzte sich, seiderauschend, auf den Stuhl. Ihr hellblaues Kleid, mit weißen Spitzen besetzt, umgab gleich einem Luftballon ihren Stuhl und nahm beinahe das halbe Zimmer ein. Ein Duft von Parfüm verbreitete sich. Aber der Dame schien es peinlich zu sein, daß sie das halbe Zimmer einnahm und daß sie so stark nach Parfüm duftete, obgleich sie halb ängstlich, halb frech, jedoch voll deutlicher Unruhe lächelte.
Die Dame in Trauer war endlich fertig und erhob sich von ihrem Platze. Plötzlich trat mit einigem Geräusch, bei jedem Schritte sehr rasch und eigentümlich die Schultern bewegend, ein Offizier ein, warf die Mütze mit der Kokarde auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Bei seinem Anblicke sprang die geputzte Dame von ihrem Platze auf und begann mit besonderem Entzücken zu knixen, der Offizier aber schenkte ihr nicht die geringste Beachtung und sie wagte es nicht mehr, sich in seiner Gegenwart hinzusetzen. Es war der Gehilfe des Revieraufsehers, er hatte einen horizontal abstehenden rötlichen Schnurrbart, sein Gesicht wies unbedeutende Züge auf, die außer einer gewissen Frechheit nichts ausdrückten. Er blickte von der Seite und unmutig auf Raskolnikoff; dessen Anzug war schlecht, und dennoch entsprach seine Haltung nicht der Ärmlichkeit seiner Kleidung. Raskolnikoff hatte aus Unvorsichtigkeit ihm zu lange ins Gesicht gestarrt, so daß jener sich sogar beleidigt fühlte.
„Was willst du?“ schrie er ihn an, entrüstet, daß solch ein zerlumpter Mensch nicht daran dachte, vor seinem blitzesprühenden Blicke sich zu verziehen.
„Man hat mich bestellt ... laut Vorladung ...“ antwortete Raskolnikoff zusammenhanglos.
„Es handelt sich um eine Geldforderung an ihn, er ist Student,“ beeilte sich der Sekretär zu bemerken, indem er von seiner Arbeit aufschaute. „Da ist es!“ und er warf Raskolnikoff ein Heft zu und zeigte ihm die Stelle. „Lesen Sie es durch!“
„Geld? Was für Geld?“ dachte Raskolnikoff, „aber, ... es ist also nicht das!“
Und er fuhr vor Freude zusammen. Es wurde ihm urplötzlich unbeschreibbar leicht. Alles war verflogen.
„Um welche Stunde aber sind Sie hierher bestellt, mein Herr!“ schrie der Leutnant, der sich aus unbekannten Gründen immer mehr ärgerte. „Man bestellte Sie um neun und jetzt ist schon die zwölfte Stunde.“
„Man hat mir die Vorladung erst vor einer Viertelstunde zugestellt,“ antwortete laut und über die Schulter hinweg Raskolnikoff, der auch plötzlich und unerwartet ärgerlich geworden war und darin ein gewisses Vergnügen fand. „Es ist schon genug, daß ich trotz meines Fiebers hergekommen bin.“
„Belieben Sie nicht zu schreien!“
„Ich schreie gar nicht, sondern spreche sehr ruhig, aber Sie schreien mich an; ich bin Student und erlaube nicht, daß man mich anschreit.“
Der Gehilfe war so erregt, daß er im ersten Augenblick kein Wort hervorbringen konnte, er zischte nur und sprang von seinem Platze auf.
„Schwei–gen Sie bitte! Sie stehen vor einer Behörde. Sie dürfen nicht grob sein, mein Herr!“
„Auch Sie sind bei einer Behörde,“ rief Raskolnikoff, „und Sie schreien nicht allein, sondern rauchen auch, verletzen uns also in jeder Weise.“
Als Raskolnikoff dies gesagt hatte, empfand er einen unbeschreiblichen Genuß. Der Sekretär blickte sie lächelnd an. Der hitzige Leutnant war sichtbar verblüfft.
„Das geht Sie nichts an!“ schrie er endlich unnatürlich laut. „Belieben Sie aber besser eine Antwort auf die Forderung zu geben. Zeigen Sie sie ihm, Alexander Grigorjewitsch. Klagen laufen gegen Sie ein! Sie zahlen nicht! Schaut mal den noblen Herrn an!“
Raskolnikoff aber hörte nicht mehr, nahm aufgeregt das Papier vor und suchte schnell die Lösung. Er las es einmal, ein zweites Mal, und begriff nichts.
„Was ist es denn?“ fragte er den Sekretär.
„Man verlangt von Ihnen Geld laut Schuldschein, eine Forderung ist es. Sie müssen entweder die Summe mit allen Unkosten, Strafgeldern und so weiter bezahlen oder eine schriftliche Erklärung abgeben, wann Sie imstande sind zu bezahlen, gleichzeitig aber auch sich verpflichten, die Hauptstadt bis zur Tilgung der Schuld nicht zu verlassen und Ihr Eigentum weder zu veräußern noch zu verheimlichen. Der Gläubiger aber hat das Recht, Ihr Eigentum zu verkaufen und mit Ihnen nach dem Gesetze zu verfahren.“
„Ja ... aber ich schulde niemand etwas.“
„Das geht uns nichts an. Wir haben zur Einkassierung einen verfallenen und gesetzlich protestierten Schuldschein auf hundertundfünfzehn Rubel erhalten, den Sie der Witwe des Kollegienassessors Sarnitzin vor neun Monaten ausgestellt haben und der von der Witwe Sarnitzin an den Hofrat Tschebaroff durch Kauf übergegangen ist, und darum fordern wir von Ihnen eine Erklärung.“
„Sie ist ja meine Zimmerwirtin!“
„Nun, und was ist dabei, daß sie Ihre Zimmerwirtin ist?“
Der Sekretär blickte ihn mit herablassendem mitleidigen Lächeln an, gleichzeitig aber ein wenig triumphierend, wie über einen Neuling, den man soeben beginnt zu rupfen, als wollte er sagen: „Nun, wie fühlst du dich jetzt?“
Aber was kümmert ihn jetzt der Schuldschein, eine Forderung! Lohnt es sich jetzt, darüber sich auch nur ein wenig aufzuregen, es auch nur zu beachten! Er stand da, las, hörte, antwortete, fragte sogar selbst, aber alles nur mechanisch. Der Triumph der Selbsterhaltung, die Rettung aus der drohenden Gefahr, – das erfüllte in diesem Augenblick sein ganzes Wesen, ohne Ausblick, ohne Analyse, ohne Deutung und Enträtselung der Zukunft, ohne Zweifel und ohne Fragen. Es war ein Augenblick unmittelbarer, rein tierischer Freude. Aber in diesem Momente ereignete sich im Bureau etwas wie die Entladung eines Gewitters. Der Leutnant, immer noch aus dem Gleichgewicht wegen der Unehrerbietigkeit, ganz aufgeregt und wahrscheinlich mit dem Wunsche, die gekränkte Ehre herzustellen, stürzte sich mit seinem ganzen Zorn auf die unglückliche „pompöse Dame,“ die ihn seit seinem Eintritt mit einem äußerst dummen Lächeln anblickte.
„Ach du, so eine,“ schrie er sie plötzlich aus vollem Halse an (die Dame in Trauer war schon fortgegangen), „was ist bei dir in der vorigen Nacht passiert? Ah? Wieder gibt es bei dir Schimpf und Skandal in der ganzen Straße? Wieder Schlägerei und Sauferei. Du träumst wohl vom Arbeitshause! Ich habe dir doch schon gesagt, habe dich schon zehnmal gewarnt, daß ich dir das elfte Mal nichts schenken werde! Und du tust es wieder, du, du ...“
Das Papier entfiel den Händen Raskolnikoffs und er blickte entsetzt die prachtvolle Dame an, mit der man so ungeniert herumsprang; aber bald darauf begriff er, was los sei, und sofort gefiel ihm diese Sache ausgezeichnet. Er hörte mit Vergnügen zu, so daß er Lust bekam, laut zu lachen, zu lachen, zu lachen ... Alle seine Nerven zuckten.
„Ilja Petrowitsch!“ versuchte der Sekretär zu besänftigen, aber er hielt inne, um die rechte Zeit abzuwarten, denn den in Aufregung geratenen Leutnant konnte man nicht anders beruhigen als durch Festhalten der Hände, was er aus eigener Erfahrung kannte.
Was aber die prachtvolle Dame anging, so begann sie zuerst beim Donner und Blitz zu beben; aber sonderbar, je zahlreicher und kräftiger die Schimpfwörter wurden, um so liebenswürdiger wurde ihr Aussehen, um so bezaubernder wurde ihr Lächeln dem zornigen Leutnant gegenüber. Sie trippelte auf einem Fleck, knixte ununterbrochen und wartete voll Ungeduld, daß sie endlich auch zu Wort kommen würde, was ihr schließlich gelang.
„Gar kein Lärm und keine Schlägerei waren bei mir, Herr Kapitän,“ plapperte sie plötzlich los, so schnell, als schüttete man Erbsen aus, – mit einem stark deutschen Akzent, aber doch fließend russisch, – „und gar kein Skandal, gar keiner, und sie kamen betrunken hin, und ich will alles erzählen, Herr Kapitän, und ich bin nicht schuld ... ich habe ein anständiges Haus, Herr Kapitän, und ein anständiger Ton ist bei mir, Herr Kapitän, und ich will nie, will selbst nie einen Skandal haben. Sie aber kamen ganz betrunken hin und haben dann drei Flaschen verlangt, und dann erhob einer seine Füße und begann mit den Füßen auf dem Klavier zu spielen, und das paßt sich gar nicht in einem anständigen Hause, und er hat das ganze Klavier zerschlagen, und das ist doch keine Manier, und da habe ich es ihm gesagt. Er aber nahm eine Flasche und begann alle von hinten mit der Flasche zu stoßen. Und da habe ich den Hausknecht gerufen, und als Karl kam, hat er Karl das Auge ausgeschlagen, und Henriette hat er auch das Auge ausgeschlagen, und mich hat er fünfmal auf die Backe geschlagen. Und das ist nicht fein in einem anständigen Hause, Herr Kapitän, und ich habe geschrien. Und er hat das Fenster zu dem Kanal geöffnet und hat wie ein kleines Schwein aus dem Fenster gequiekt; das ist doch eine Schande. Wie kann man auch wie ein kleines Schwein aus dem Fenster quieken? Pfui, pfui, pfui! Und Karl hat ihn an seinem Frack vom Fenster gezogen, und das ist wahr, Herr Kapitän, daß er ihm da seinen Rock zerrissen hat. Und da begann er zu schreien, daß man ihm fünfzehn Rubel Strafe zahlen müsse. Und ich selbst habe ihm fünf Rubel für seinen Rock bezahlt, Herr Kapitän. Und das ist ein unanständiger Gast, Herr Kapitän, und er hat allen Skandal gemacht. Ich werde, hat er gesagt, eine große Satire über Sie drucken lassen, denn ich kann in allen Zeitungen über Sie schreiben.“
„Also ein Zeitungsschreiber?“
„Ja, Herr Kapitän, und welch ein unanständiger Gast, Herr Kapitän, wenn er in einem anständigen Hause ...“
„Nun, nun, genug! Ich habe dir doch gesagt, habe dir doch gesagt ...“
„Ilja Petrowitsch!“ sagte von neuem der Sekretär bedeutungsvoll.
Der Leutnant blickte ihn schnell an, der Sekretär nickte leicht mit dem Kopfe.
„... Also es ist mein letztes Wort, verehrteste Louisa Iwanowna, und auch zum letztenmal,“ fuhr der Leutnant fort, „wenn in deinem anständigen Hause nur noch ein einziges Mal ein Skandal vorkommt, so werde ich dich selbst beim Wickel nehmen, wie man sich poetisch ausdrückt. Hast du gehört? Also ein Literat, ein Schriftsteller war es, der in einem ‚anständigen Hause‘ fünf Rubel für einen Rockschoß genommen hat? So sind sie, diese Schriftsteller!“ und er warf einen verächtlichen Blick auf Raskolnikoff. „Vorgestern passierte in einem Restaurant dieselbe Geschichte, – hat einer zu Mittag gegessen, wünscht aber nicht zu zahlen; ‚ich werde‘, sagt er, ‚Sie in einer Satire schildern‘. Ein anderer wieder beschimpft mit den gemeinsten Worten in der vorigen Woche auf einem Dampfschiffe die achtbare Familie eines Staatsrates, Frau und Tochter. Vor ein paar Tagen hat man einen dritten aus einer Konditorei herausgeschmissen. So sind sie alle, die Schriftsteller, Literaten, Studenten, Großmäuler ... pfui! Und du kannst dich packen! Ich will mal selbst dich aufsuchen ... dann nimm dich in acht! Hast du gehört?“
Louisa Iwanowna begann mit eiliger Liebenswürdigkeit nach allen Seiten hin zu knixen und trippelte knixend bis zur Türe, hier aber stieß sie von hinten auf einen stattlichen Offizier mit einem offenen frischen Gesichte und schönem dichten, blonden Backenbart. Es war Nikodim Fomitsch selbst, der Revieraufseher. Louisa Iwanowna beeilte sich einen tiefen Knix zu machen und flog mit eiligen kleinen Schritten hüpfend aus dem Bureau hinaus.
„Wieder Gepolter, wieder Donner und Blitz, Wirbelwind und Orkan!“ wandte sich Nikodim Fomitsch liebenswürdig und freundschaftlich an Ilja Petrowitsch. „Wieder hat man Ihr Herz in Aufruhr gebracht, wieder sind Sie erregt worden! Ich hab’ es schon auf der Treppe gehört.“
„Ach, was!“ sagte mit nobler Gleichgültigkeit Ilja Petrowitsch und ging mit einigen Papieren zu einem anderen Tisch, wobei er bei jedem Schritt elegant mit den Schultern zuckte. „Da, bitte sehen Sie es sich mal an – der Herr Schriftsteller, pardon Student, ein gewesener wollte ich sagen, zahlt nicht, stellt Wechsel aus, räumt die Wohnung nicht, fortwährende Klagen laufen ein, – er aber war doch gekränkt, daß ich in seiner Gegenwart mir eine Zigarette ansteckte. Selbst aber gaunert diese Sorte, bitte sehen Sie sich ihn doch an, – da steht er in seinem reizenden Aussehen.“
„Armut ist kein Laster, mein Freund, na, aber wozu reden. Es ist ja bekannt, du bist wie Pulver, konntest eine Kränkung nicht ertragen. Sie fühlten sich durch irgend etwas von ihm gekränkt und konnten sich nicht beherrschen,“ fuhr Nikodim Fomitsch fort, sich liebenswürdig an Raskolnikoff wendend, „aber das war überflüssig, er ist der an–stän–dig–ste Mensch, sage ich Ihnen, aber wie Pulver, wie Pulver! Flammt auf, kocht über, brennt ab – und Schluß. Und alles ist vorbei! Und zu guter Letzt bleibt nur das goldene Herz! Man hat ihn schon im Regiment ‚Leutnant Pulver‘ genannt!“
„Und was für ein Regiment es war!“ rief Ilja Petrowitsch aus, sehr zufrieden, daß man ihm so angenehm geschmeichelt hatte, aber immer noch schmollend. Raskolnikoff bekam plötzlich Lust, ihnen allen etwas äußerst Angenehmes zu sagen.
„Aber bitte, Herr Kapitän,“ begann er ziemlich ungezwungen, sich plötzlich an Nikodim Fomitsch wendend, „berücksichtigen Sie auch meine Lage ... Ich bin sogar bereit, um Entschuldigung zu bitten, wenn ich gegen etwas verstoßen habe. Ich bin ein armer und kranker Student, erdrückt (er sagte ‚erdrückt‘) von Armut. Ich bin ehemaliger Student, da ich jetzt meinen Unterhalt nicht verdienen kann, aber ich erhalte Geld ... Ich habe Mutter und Schwester im –schen Gouvernement. Sie werden mir Geld schicken und ich werde ... bezahlen. Meine Wirtin ist eine gute Frau, aber sie ist so böse geworden, weil ich meine Stunden verloren habe und ihr den vierten Monat nicht zahle, daß sie mir sogar kein Mittagessen mehr schickt ... Und ich begreife gar nicht, was das für ein Wechsel ist. Jetzt verlangt sie von mir, ihn einzulösen, aber wie kann ich denn zahlen, urteilen Sie selbst!“
„Aber das geht ja uns nichts an ...“ versuchte der Sekretär wieder zu bemerken ...
„Erlauben Sie, erlauben Sie, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden, aber erlauben Sie, Ihnen klar zu machen,“ unterbrach ihn Raskolnikoff, indem er sich nicht an den Sekretär, sondern, wie schon die ganze Zeit, an Nikodim Fomitsch wandte und dabei aus aller Kraft versuchte, sich auch an Ilja Petrowitsch zu wenden, obgleich dieser sich hartnäckig den Anschein gab, als wühle er in den Papieren und beachte ihn nicht, „erlauben Sie mir auch meinerseits Ihnen zu erklären, daß ich schon drei Jahre bei ihr wohne, seit meiner Ankunft aus der Provinz und früher ... früher ... übrigens warum soll ich es nicht gestehen, gleich im Anfang gab ich ihr das Versprechen, daß ich ihre Tochter heiraten werde, es war ein mündliches, vollkommen freiwilliges Versprechen ... Sie war ein junges Mädchen ... übrigens sie gefiel mir sogar ... obgleich ich nicht in sie verliebt war ... mit einem Worte Jugend, d. h. ich will sagen, daß meine Wirtin mir damals viel Kredit einräumte und ich führte teilweise ein solches Leben ... ich war sehr leichtsinnig ...“
„Man verlangt von Ihnen gar nicht solche intime Geständnisse, mein Herr, außerdem haben wir keine Zeit dazu,“ unterbrach ihn grob und triumphierend Ilja Petrowitsch, aber Raskolnikoff beeilte sich voll Eifer weiter zu sprechen, obwohl es ihm plötzlich äußerst schwer fiel.
„Aber erlauben Sie, erlauben Sie mir, teilweise, alles zu erzählen ... wie die Sache vor sich ging und ... wiederum ... obgleich es überflüssig ist zu erzählen, ich bin darin mit Ihnen einverstanden, – aber vor einem Jahre starb dies junge Mädchen am Typhus, ich aber blieb in Miete, wie vorher, und meine Wirtin sagte mir, als sie in ihre jetzige Wohnung einzog, und ... sagte es mir freundschaftlich ... daß sie mir vollkommen vertraue und daß alles ... aber ob ich ihr nicht einen Schuldschein von hundertundfünfzehn Rubel ausstellen möchte, das war die Summe, die ich ihr schuldete. Erlauben Sie, – sie sagte mir nämlich, daß, wenn ich ihr dies Papier ausgestellt habe, sie mir von neuem kreditieren würde, soviel ich nur wünschte, und daß sie niemals, niemals – das sind ihre eigenen Worte – von diesem Papier Gebrauch machen würde, bis ich selbst bezahlen werde ... Und jetzt, wo ich meine Stunden verloren und nichts zu essen habe, verklagt sie mich ... Was soll ich dazu sagen?“
„Alle diese rührenden Einzelheiten gehen uns gar nichts an, mein Herr,“ schnitt Ilja Petrowitsch dreist ab. „Sie müssen eine Erklärung abgeben und eine Verpflichtung ausstellen, ob Sie aber verliebt waren, und all diese tragischen Sachen gehen uns ganz und gar nichts an.“
„Nun, du bist aber ... auch zu grausam ...“ murmelte Nikodim Fomitsch, indem er sich an seinen Tisch setzte und Papiere zu unterschreiben begann.
Er schien sich zu schämen.
„Schreiben Sie also,“ sagte der Sekretär zu Raskolnikoff.
„Was soll ich schreiben?“ fragte er besonders grob.
„Ich werde Ihnen diktieren.“
Raskolnikoff schien es, als wäre der Sekretär herablassender und geringschätziger ihm gegenüber nach seiner Beichte geworden, – aber merkwürdig, – ihm war plötzlich die Meinung eines anderen so vollkommen gleichgültig, und dieser Umschwung hatte sich in einem Augenblick, in einem Nu vollzogen. Wenn er nur ein wenig hätte nachdenken wollen, so würde er sicher verwundert gewesen sein, wie er so mit ihnen vor einer Minute hatte sprechen und sich sogar mit seinen Gefühlen hatte aufdrängen können? Und woher kam dieses Gefühl? Jetzt, wenn das Zimmer plötzlich nicht mit Revieraufsehern, sondern mit seinen besten Freunden angefüllt wäre, würde er kein einziges menschliches Wort für sie finden, so leer war plötzlich sein Herz geworden. Ein düsteres Empfinden der qualvollen endlosen Einsamkeit und Entfremdung teilte sich plötzlich bewußt seiner Seele mit. Nicht die Erniedrigung vor Ilja Petrowitsch durch seine Herzensergießung, auch nicht die Erniedrigung durch den Triumph des Leutnants hatten sein Herz plötzlich so umgewandelt. Oh, was ging ihn jetzt die eigene Schuftigkeit an, all der Ehrgeiz, was gingen ihn alle Leutnants, deutsche Frauen, Geldforderungen, Bureaus an und so weiter und so weiter! Hätte man ihn in diesem Augenblicke zum Scheiterhaufen verurteilt, er hätte sich auch dann nicht gerührt, hätte kaum das Urteil aufmerksam angehört. In ihm vollzog sich etwas ihm völlig Unbekanntes, Neues, Unerwartetes und Niedagewesenes. Er konnte es nicht begreifen, aber fühlte es ganz klar mit der ganzen Kraft des Empfindens, daß er von jetzt ab weder mit gefühlvollen Ereignissen, wie vorhin, noch mit anderen Dingen sich an diese Menschen im Polizeibureau wenden konnte; auch dann wäre es für ihn überflüssig, sich an sie jemals im Leben zu wenden, wenn es sogar seine leiblichen Brüder und Schwestern gewesen wären, und nicht Polizeileutnants. Er hatte bis zu diesem Augenblick noch nie eine ähnliche seltsame und fürchterliche Empfindung erlebt. Und das Quälendste dabei war, – daß es ein Empfinden war, kein bewußtes Begreifen, eine unmittelbare Empfindung, die qualvollste von allen, die er im Leben gekostet.
Der Sekretär begann ihm die Form einer in diesem Falle gebräuchlichen Erklärung zu diktieren, d. h. ich kann nicht zahlen, verspreche es in der Frist (irgendwann) zu tun, werde die Stadt nicht verlassen und mein Eigentum weder verkaufen, noch verschenken und dergleichen mehr.
„Sie können ja gar nicht schreiben, die Feder fällt Ihnen aus der Hand,“ – bemerkte der Sekretär und blickte voll Neugier Raskolnikoff an. – „Sie sind krank?“
„Ja ... der Kopf schwindelt mir ... diktieren Sie weiter.“
„Das ist alles. Unterschreiben Sie es.“
Der Sekretär nahm das Papier und wendete sich andern Besuchern zu.
Raskolnikoff gab die Feder zurück, aber anstatt aufzustehen und wegzugehen, stützte er die Ellbogen auf den Tisch und preßte mit den Händen den Kopf zusammen. Es war, als ob man ihm einen Nagel in die Schläfe hineinschlüge. Ein wunderlicher Gedanke kam ihm plötzlich, – sofort aufzustehen, zu Nikodim Fomitsch zu gehen und ihm das gestrige zu erzählen, alles bis auf die letzte Einzelheit, dann mit ihm in seine Wohnung zu gehen und ihm die Sachen in dem Winkel im Loche zu zeigen. Der Drang war so stark, daß er sich schon erhob, um es auszuführen.
„Soll ich nicht einen Moment nachdenken?“ – fuhr es ihm durch den Kopf. „Nein, besser nicht nachdenken und die Sache ist abgetan!“
Aber plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Nikodim Fomitsch sprach voll Eifer mit Ilja Petrowitsch, und er vernahm folgende Worte:
„Es kann nicht sein, man wird beide freilassen. Erstens, widerspricht alles der Annahme; urteilen Sie selbst, – warum holten sie den Hausknecht, wenn sie es getan haben? Etwa um sich selbst anzuzeigen? Oder aus Schlauheit! Nein, das wäre schon zu schlau! Und schließlich, den Studenten Pestrjakoff haben beide Hausknechte und eine Frau am Tore im selben Momente gesehen, als er hineinging, – er ging mit drei Bekannten zusammen und verabschiedete sich von ihnen am Tore, und dann fragte er die Hausknechte nach der Wohnung in Gegenwart seiner Bekannten. Nun, wird jemand nach der Wohnung fragen, wenn er so eine Absicht hat? Und Koch, – der hat, bevor er zu der Alten ging, eine halbe Stunde unten bei dem Silberarbeiter gesessen und er ist genau ein viertel vor acht zu der Alten hinaufgegangen. Jetzt erwägen Sie ...“
„Aber erlauben Sie, woher denn der Widerspruch bei ihnen – sie behaupten selbst, daß sie geklopft haben, und daß die Türe verschlossen war, und nach drei Minuten, als sie mit dem Hausknecht heraufkamen, erwies sich, daß die Türe offen war?“
„Das ist ja der Haken, – der Mörder saß unbedingt drinnen und hatte sich eingeschlossen, und man hätte ihn sicher gefaßt, wenn Koch nicht die Dummheit begangen hätte, selbst nach dem Hausknecht zu gehen. Dem aber gelang es währenddessen, die Treppe hinunterzugehen und irgendwie an ihnen vorbeizuschlüpfen. Koch bekreuzt sich mit beiden Händen: ‚wenn ich geblieben wäre,‘ sagt er, ‚würde er herausgekommen sein und hätte mich totgeschlagen‘. Er will ein russisches Dankgebet abhalten lassen ... ha–ha!“
„Und den Mörder hat niemand gesehen?“
„Wie denn? Das Haus ist eine Arche Noah,“ – bemerkte der Sekretär, der von seinem Platze zuhörte.
„Es ist ganz klar, es ist ganz klar!“ wiederholte Nikodim Fomitsch eifrig.
„Nein, die Sache ist sehr unklar,“ blieb Ilja Petrowitsch bei seiner Ansicht.
Raskolnikoff nahm seinen Hut und ging zur Türe, aber kam nicht so weit ... Als er zu sich kommt, sieht er, daß er auf einem Stuhl sitzt; daß rechts ihn jemand stützt, links ein anderer steht mit einem gelben Glase, gefüllt mit gelbem Wasser, und daß Nikodim Fomitsch vor ihm steht und ihn unverwandt anblickt. Er stand vom Stuhle auf.
„Was ist Ihnen, sind Sie krank?“ – fragte Nikodim Fomitsch ziemlich scharf.
„Schon als er unterschrieb, konnte er kaum die Feder führen,“ bemerkte der Sekretär, indem er seinen Platz einnahm und in seinen Papieren wieder blätterte.
„Sind Sie schon lange krank?“ rief Ilja Petrowitsch von seinem Platze aus, indem er auch in Papieren blätterte.
Er hatte selbstverständlich auch den Kranken betrachtet, als er ohnmächtig war, war aber sofort auf die Seite getreten, als jener zu sich kam.
„Seit gestern ...“ murmelte Raskolnikoff zur Antwort.
„Und sind Sie gestern ausgegangen?“
„Ja.“
„Krank?“
„Ja.“
„Um wieviel Uhr?“
„In der achten Stunde abends.“
„Und wohin, wenn man fragen darf?“
„Auf die Straße.“
„Kurz und bündig.“
Raskolnikoff antwortete scharf, kurz, bleich wie ein Taschentuch, ohne seine schwarzen entzündeten Augen vor dem Blick Ilja Petrowitsch’ zu senken.
„Er kann kaum auf den Füßen stehen und du ...“ versuchte Nikodim Fomitsch zu bemerken.
„Tut nichts!“ – sagte Ilja Petrowitsch sehr eigentümlich.
Nikodim Fomitsch wollte noch etwas hinzufügen, schwieg aber, als er den Sekretär anblickte, der ihn auch sehr aufmerksam ansah. Plötzlich schwiegen alle. Es war merkwürdig.
„Nun gut!“ – schloß Ilja Petrowitsch.
„Wir halten Sie nicht auf.“
Raskolnikoff ging hinaus. Er konnte noch hören, wie nach seinem Fortgange plötzlich ein lebhaftes Gespräch begann, in dem am lautesten die fragende Stimme von Nikodim Fomitsch hervortrat ... Auf der Straße kam er ganz zu sich.
„Eine Haussuchung, Haussuchung, sie werden sofort bei mir suchen!“ – wiederholte er vor sich hin, indem er sich beeilte nach Hause zu kommen. – „Räuber! Sie haben Verdacht!“
Wieder erfaßte ihn vom Kopf bis zu Füßen die Angst von vorhin.
II.
„Wie, wenn die Haussuchung schon vorgenommen ist? Wie, wenn ich sie jetzt schon bei mir antreffe?“
Aber da ist er schon in seinem Zimmer. Nichts und niemand; niemand war dagewesen. Sogar Nastasja hat nichts angerührt. Aber, mein Gott! Wie konnte er nur vorhin alle diese Sachen in dem Loche liegen lassen?
Er stürzte zu dem Winkel, steckte die Hand unter die Tapeten und begann die Sachen hervorzuholen und in die Taschen zu stecken. Im ganzen waren es acht Stück, – zwei kleine Schachteln mit Ohrgehängen oder etwas ähnlichem, – er hatte es nicht genau angesehen; dann vier kleine Etuis aus Saffian. Eine kleine Kette war bloß in Zeitungspapier eingewickelt. Es war noch etwas in einem Zeitungspapier, wie es schien, ein Orden ... Er steckte alles in die verschiedenen Taschen, in den Paletot und in die übriggebliebene rechte Hosentasche und gab sich Mühe, daß nichts von außen zu merken war. Den Beutel nahm er gleichfalls mit. Dann verließ er das Zimmer und ließ diesmal die Tür weit offen stehen.
Er ging schnell und fest, und obgleich er fühlte, daß er vollkommen zerschlagen war, war doch sein Bewußtsein klar. Er fürchtete eine Verfolgung, fürchtete, daß nach einer halben Stunde, nach einer Viertelstunde schon vielleicht der Befehl gegeben würde, ihn zu beobachten, also mußte er um jeden Preis, ehe es zu spät war, alles beiseite schaffen. Er mußte fertig sein, solange ihm noch die geringste Kraft und klarer Verstand zur Seite standen ... Wohin aber gehen?
Das war längst entschieden: „Alles in den Kanal werfen, und das ist das Ende“. So hatte er noch in der Nacht, im Fieber, beschlossen, in den Augenblicken, wo er – er entsann sich dessen – ein paarmal versuchte aufzustehen und fortzugehen: „Schnell, schnell, alles fortwerfen“. Aber das erwies sich als sehr schwer.
Er wanderte den Jekaterinenkanal schon über eine halbe Stunde entlang, vielleicht auch länger, und schaute nach den Treppen, die zum Kanal hinabführten. Aber es war nicht mal daran zu denken, das Vorhaben auszuführen: entweder lagen an den Treppen Flöße, und Wäscherinnen wuschen dort, oder Kähne hatten angelegt, und überall wimmelte es von Menschen, außerdem aber konnte man von allen Seiten hersehen, es war schon verdächtig, wenn ein Mensch hinabging, stehen blieb und etwas ins Wasser warf. Und gar wenn die Etuis nicht untergingen, sondern obenauf schwammen? Ja, und so wird es auch kommen. Jeder wird es sehen. Schon jetzt sehen alle ihn an, als ob sie sich nur um ihn kümmerten.
„Woher kommt das, oder scheint es mir nur so?“ – dachte er.
Endlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wäre, irgendwohin an die Newa zu gehen? Dort sind weniger Menschen, und es würde weniger bemerkbar und in jedem Falle bequemer sein, hauptsächlich aber wäre es weit von hier. Und er wunderte sich plötzlich, wie er eine volle halbe Stunde an den gefährlichen Stellen in Trübsal und Unruhe herumgewandert war, ohne früher auf diesen Gedanken zu kommen.
Und er hatte nur darum eine halbe Stunde nutzlos verbraucht, weil er so im Traume, im Fieber beschlossen hatte. Er war sehr zerstreut und vergeßlich geworden und fühlte es. Entschieden mußte er sich beeilen.
Er ging zur Newa den W.schen Prospekt entlang und unterwegs kam ihm plötzlich der Gedanke: „Warum denn zur Newa? Warum ins Wasser werfen? Ist es nicht besser, irgendwohin ganz weit hinzugehen, vielleicht auf die Inseln, und dort irgendwo an einer einsamen Stelle, im Walde, unter einem Busche alles zu verscharren und vielleicht sich den Baum zu merken?“
Und obgleich er fühlte, daß er nicht imstande sei, alles klar und vernünftig in diesem Augenblicke zu überlegen, schien ihm doch der Gedanke einwandfrei zu sein.
Aber auch das war ihm nicht bestimmt auszuführen, es geschah etwas anderes: – als er vom W.schen Prospekt auf den Platz kam, erblickte er plötzlich links das Tor zu einem von vollkommen fensterlosen Mauern umgebenen Hof. Rechts zog sich von dem Eingange tief in den Hof hinein die fensterlose, ungekalkte Mauer des vierstöckigen Nachbarhauses. Links vom Eingange, parallel der kahlen Mauer, lief ein hölzerner Zaun, der weiterhin, etwa zwanzig Schritte vom Eingange eine Biegung nach links machte. Es war ein leerer, umzäunter Platz, wo allerhand Baumaterialien lagen. Weiter, tief im Hofe, blickte hinter dem Zaune die Ecke einer niedrigen, verräucherten Scheune aus Stein hervor, wahrscheinlich der Teil einer Werkstatt. Hier war sicher eine Werkstatt für Wagenbauer oder eine Schlosserei oder etwas ähnliches, denn überall lag viel schwarzer Kohlenstaub. „Hier könnte man es wegwerfen und fortgehen!“ – durchzuckte es ihn plötzlich. Da er niemand auf dem Hofe bemerkte, durchschritt er das Tor und erblickte sofort am Eingange eine am Zaune angebrachte Rinne, wie man sie oft in solchen Häusern antrifft, in denen es viele Arbeiter, Kutscher usw. gibt, und über der Rinne war am Zaune mit Kreide die übliche witzige Bemerkung angeschrieben: „Hier ist es verboten, stehen zu bleiben!“ Dieser Umstand war also ausgezeichnet, es konnte keinen Verdacht erregen, daß er hineingegangen und hier stehn geblieben war. „Alles mit einem Ruck fortwerfen und fortgehen!“
Er blickte sich noch einmal um und wollte schon die Hand in die Tasche stecken, als er plötzlich an der äußeren Mauer, zwischen dem Tore und der Rinne, wo es höchstens einen Meter breit war, einen großen unbehauenen Stein bemerkte, der vielleicht einen halben Zentner schwer sein mochte und an die Straßenmauer angelehnt war. Hinter dieser Mauer war die Straße, der Fußsteg, man hörte, wie die Vorbeigehenden schlurften, aber hinter dem Tore konnte ihn niemand sehen, wenn nicht jemand von der Straße eintrat, was übrigens sehr leicht passieren konnte, und darum mußte er sich beeilen.
Er beugte sich zu dem Steine, packte die obere Spitze mit beiden Händen fest an, nahm alle seine Kräfte zusammen und wandte den Stein um. Unter dem Steine hatte sich eine kleine Vertiefung gebildet; er begann sofort alles aus der Tasche hineinzuwerfen. Der Beutel kam obenauf zu liegen, und trotzdem war noch Platz in der Vertiefung. Dann packte er den Stein von neuem an, drehte ihn mit einem Ruck um, und er kam genau auf die frühere Stelle zu liegen, nur schien er ein wenig hervorzuragen. Er scharrte Erde ringsum zusammen und trat sie fest. Es war nichts zu merken. Dann ging er hinaus und wandte sich dem Platze zu. Wieder packte ihn auf einen Augenblick eine starke, überwältigende Freude, wie vorhin in dem Polizeibureau.
„Alle Spuren sind verwischt! Und wem, wem könnte es in den Sinn kommen, unter diesem Steine nachzusuchen? Er liegt hier, vielleicht seitdem das Haus gebaut ist und wird vielleicht noch ebensolange liegen. Und wenn man es auch finden würde, wer würde an mich denken? Alles ist vorüber! Es gibt keine Beweise!“ und er lachte. Ja, er entsann sich später, daß ihn ein nervöses stilles Lachen überfallen und daß er solange gelacht hatte, als er über den Platz ging. Als er aber den K.schen Boulevard erreichte, wo er vorgestern dem jungen Mädchen begegnet war, verging ihm das Lachen. Andere Gedanken kamen ihm in den Kopf. Ein Abscheu ergriff ihn, an jener Bank vorbeizugehen, auf der er damals nach dem Fortgehen des Mädchens gesessen und nachgedacht hatte, und er fürchtete sich, dem Polizisten wieder zu begegnen, dem er damals zwanzig Kopeken gegeben hatte. „Hol ihn der Teufel!“ Er ging und blickte sich zerstreut und ärgerlich um. Alle seine Gedanken drehten sich jetzt um einen einzigen, anscheinend um den Hauptpunkt, und er fühlte, daß dies wirklich der Hauptpunkt sei, und daß er jetzt, gerade jetzt, mit diesem Hauptpunkte unter vier Augen zu tun habe, – und daß es das erstemal seit diesen zwei Monaten sei.
„Ah, hol der Teufel all das!“ dachte er plötzlich in einem Anfalle von unermeßlicher Wut. „Na, wenn es mal begonnen hat, mag es auch dabei bleiben, hol der Teufel das neue Leben. Oh Gott, wie das dumm ist! ... Und wieviel habe ich heute zusammengelogen und wie gemein war ich! Wie gemein habe ich vorhin geschwänzelt und dem charakterlosen Ilja Petrowitsch geschmeichelt. Was war das für ein Blödsinn! Ich pfeife auf sie alle und auch auf das, daß ich geschwänzelt und geschmeichelt habe. Das ist es nicht, das ist es gar nicht!“
Plötzlich blieb er stehn; eine neue, völlig unerwartete und außerordentlich einfache Frage brachte ihn von diesem Gedanken ab und ließ ihn bitter erstaunen:
„Wenn das ganze in der Tat bewußt und nicht in alberner Weise vollführt wurde, wenn du tatsächlich ein bestimmtes und sicheres Ziel hattest, – wie kam es dann, daß du bis jetzt nicht einmal in den Beutel hineinblicktest und nicht weißt, was dir zugefallen ist, warum hast du alle Qualen auf dich genommen und solch eine gemeine, häßliche, niedrige Tat bewußt übernommen? Du wolltest doch soeben ihn ins Wasser werfen, den Beutel mit all den Sachen, die du auch noch nicht gesehen hast ... Wie ist denn das?“
Ja so ist es, es ist einmal so. Er hatte es vorher gewußt, und es war gar keine neue Frage für ihn. Auch als es in der Nacht beschlossen wurde, ohne jedes Schwanken und jeden Widerspruch, sondern so, als gehörte es sich so, als wäre es anders unmöglich ... Ja, er wußte dies alles und erinnerte sich daran; ja, schon gestern war es vielleicht so beschlossen in demselben Moment, als er über den Kasten gebückt dasaß und die Futterale hervorholte ... Es ist doch so! ...
„Das kommt daher, daß ich sehr krank bin,“ entschied er schließlich finster, „ich habe mich selbst gemartert und abgequält und weiß selbst nicht, was ich tue ... Auch gestern und vorgestern und die ganze Zeit habe ich mich gemartert ... Ich werde gesund werden und ... werde mich dann nicht mehr martern ... Aber wenn ich nun gar nicht gesund werde? Oh Gott! Wie ich all dessen überdrüssig bin ...“
Er ging weiter ohne stehn zu bleiben. Er wollte sehr gern sich irgendwie zerstreuen, aber er wußte nicht, was er tun und unternehmen sollte. Eine neue unbezwingbare Empfindung erfaßte ihn immer stärker und stärker mit jedem Augenblick, – es war ein grenzenloser, fast physischer Widerwille gegen alles, was ihm begegnete und was ihn umgab; es war ein hartnäckiges, böses und quälendes Gesicht. Alle Begegnenden waren ihm widerwärtig, – ihre Gesichter, ihr Gang, ihre Bewegungen waren ihm widerwärtig. Er hätte sie am liebsten angespien, ja, vielleicht gar gebissen, wenn man ihn angeredet hätte.
Er blieb stehn, als er an das Ufer der kleinen Newa, auf Wassiljew Ostroff bei der Brücke hinauskam.
„Da wohnt er ja, in diesem Hause,“ dachte er. „Was ist denn das, bin ich etwa zu Rasumichin mit Willen gegangen? Es ist dieselbe Geschichte wie damals ... Es ist mir nun doch sehr interessant, – bin ich mit Absicht hierhergekommen oder lenkte das Schicksal meine Schritte. Es ist mir übrigens gleichgültig. Ich sagte mir ... vorgestern ... daß ich am andren Tage nach dem hingehen werde; na, ich werde es tun, was ist denn dabei! Als ob ich jetzt nicht zu ihm gehen könnte ...“
Er ging hinauf zu Rasumichin in das fünfte Stockwerk.
Rasumichin war in seinem Zimmerchen und mit Schreiben beschäftigt; er öffnete ihm selbst. Seit vier Monaten etwa hatten sie sich nicht gesehen. Rasumichin stak in einem zerfetzten abgetragenen Schlafrock, hatte Pantoffeln an den bloßen Füßen und saß ungekämmt, unrasiert und ungewaschen da. Auf seinem Gesichte zeigte sich großes Erstaunen.
„Was ist mit dir?“ rief er aus und betrachtete den eingetretenen Kameraden vom Kopf bis zu den Füßen. Dann schwieg er und tat einen leisen Pfiff.
„Steht es mit dir wirklich so schlecht? Ja, du hast sogar unsereinen übertroffen,“ fügte er hinzu und blickte auf Raskolnikoffs Lumpen. „Aber so setz’ dich doch, du bist wahrscheinlich müde!“
Und als dieser auf das türkische Sofa von Wachstuch hinsank, sah Rasumichin plötzlich, daß sein Besucher krank sei.
„Du bist ja ernstlich krank, weißt du das?“
Er begann seinen Puls zu fühlen, Raskolnikoff aber riß die Hand weg.
„Ist nicht nötig,“ sagte er, „ich bin gekommen ... die Sache ist – ich habe keine Stunden zu geben ... ich wollte ... übrigens, ich brauche keine Stunden ...“
„Weißt du was? Du phantasierst ja!“ bemerkte Rasumichin, der ihn aufmerksam beobachtete.
„Nein, ich phantasiere nicht ...“
Raskolnikoff erhob sich vom Sofa. Indem er zu Rasumichin ging, dachte er nicht daran, daß er Auge in Auge ihm gegenüberstehen müsse. Jetzt aber, in einem Nu, wurde es ihm durch diese Erfahrung klar, daß er jetzt am allerwenigsten aufgelegt sei, irgend jemandem auf der ganzen Welt Auge in Auge gegenüberzutreten. Die Galle stieg in ihm auf. Er verlor fast den Atem vor Wut über sich selbst, darüber, daß er diese Schwelle überschritten hatte.
„Lebe wohl!“ sagte er plötzlich und ging zur Tür.
„Aber warte doch, warte, du komischer Kauz!“
„Nicht nötig! ...“ wiederholte der und stieß seine Hand zurück.
„Weshalb aber bist du denn gekommen, zum Teufel noch einmal! Bist du von Sinnen? Das ist doch ... fast beleidigend. Ich laß dich nicht so.“
„So hör nun, – ich bin zu dir gekommen, weil ich niemand außer dir kenne, der mir helfen würde ... anzufangen ... weil du besser, d. h. klüger als alle anderen bist und beurteilen kannst ... Jetzt aber sehe ich, daß ich nichts brauche, hörst du, gar nichts brauche ... keinen Dienst und Teilnahme ... Ich selbst ... allein ... Nun, genug davon! Laßt mich in Ruhe!“
„Aber warte doch einen Augenblick, du Schornsteinfeger! Bist ja ganz verrückt! Meinetwegen tue, wie du willst. Siehst du, Stunden habe ich nicht mal selber und pfeife auch darauf, aber auf dem Trödlermarkt gibt es einen Buchhändler Heruwimoff, der ist mir lieber als Stunden. Ich möchte ihn nicht gegen fünf Stunden bei Kaufleuten vertauschen. Er verlegt allerhand kleine Sachen und gibt naturwissenschaftliche Broschüren heraus, – und wie die gehen? Die Titel allein sind schon was wert! Siehst du, du hast immer behauptet, ich wäre dumm; bei Gott, es gibt noch Dümmere als ich, Bruder mein! Jetzt macht er sogar in der modernen Literatur; selbst versteht er rein gar nichts davon, ich aber unterstütze ihn selbstverständlich darin. Hier siehst du mehr als zwei Bogen deutschen Text, – meiner Ansicht nach, von der allerdümmsten Charlatanerie; mit einem Worte, es wird erörtert, ob die Frau ein Mensch ist oder nicht? Selbstredend wird mit Glanz bewiesen, daß sie ein Mensch ist. Heruwimoff bringt es, als zur Frauenfrage gehörend, heraus. Ich übersetze; er wird diese zwei und einen halben Bogen auf sechs ausdehnen, wir erfinden dann einen prachtvollen Titel; eine halbe Seite lang, und schlagen es zu fünfzig Kopeken los. Es wird sicher gehen! Für die Übersetzung bekomme ich sechs Rubel pro Bogen, also für das Ganze fünfzehn, und sechs Rubel habe ich Vorschuß. Wenn wir damit fertig sind, fangen wir an, über Walfische zu übersetzen, dann folgen einige langweilige Klatschgeschichten aus dem zweiten Teil der ‚Konfessions,‘ die schon vorgemerkt sind und übersetzt werden sollen. Jemand hat Heruwimoff gesagt, Rousseau wäre eine Art Radischtscheff.[9] Ich widerspreche selbstverständlich nicht, hol ihn der Teufel! Willst du nun den zweiten Bogen von ‚Ist die Frau ein Mensch?‘ übersetzen? Wenn du willst, nimm sofort den Text, Federn und Papier – dies alles wird gratis geliefert – und nimm drei Rubel. Da ich für die ganze Übersetzung, für den ersten und zweiten Bogen, vorausbekommen habe, so kommen gerade auf diesen Teil drei Rubel. Und wenn du mit dem Bogen fertig bist, – erhältst du noch drei Rubel. Ja, noch eins, – bitte, sieh’ es nicht als einen Dienst meinerseits an. Im Gegenteil, als du eintratest, dachte ich gleich, wie nützlich du mir sein könntest. Erstens bin ich in der Orthographie schlecht und zweitens bin ich im Deutschen öfters recht schwach, so daß ich meistens selbst hinzu dichte und mich bloß damit tröste, daß es dadurch noch besser wird. Aber wer weiß, vielleicht wird es nicht besser, sondern schlechter ... Tust du mit oder nicht?“ Raskolnikoff nahm schweigend die Blätter der deutschen Artikel, nahm die drei Rubel und ging ohne ein Wort zu sagen hinaus. Rasumichin blickte ihm erstaunt nach. Als Raskolnikoff aber schon ein Stück gegangen war, kehrte er plötzlich um, ging wieder zu Rasumichin hinauf, legte auf den Tisch die Blätter und die drei Rubel und ging wieder schweigend von dannen.
„Hast du etwa das Delirium?“ schrie Rasumichin, der schließlich wütend geworden war. „Warum führst du hier eine Komödie auf? Hast mich sogar konfus gemacht ... Warum bist du denn hergekommen, zum Teufel?“
„Ich brauche keine ... Übersetzungen ...“ murmelte Raskolnikoff, als er schon die Treppe hinabstieg.
„Ja, was brauchst du denn, zum Teufel?“ rief von oben Rasumichin.
Der ging jedoch schweigend hinunter.
„He, du! Wo wohnst du?“
„Na, so hol dich der Teu–fel!“ ...
Raskolnikoff war schon auf der Straße angelangt.
Auf der Nikolaibrücke passierte es ihm, daß er infolge eines für ihn sehr unangenehmen Zwischenfalles wieder zur völligen Besinnung kam. Der Kutscher einer Privatequipage hatte ihm einen starken Peitschenhieb über den Rücken versetzt, weil er beinahe unter die Pferde geraten war, trotzdem er ihn einigemal angerufen hatte. Der Peitschenhieb verursachte eine solche Wut in ihm, daß er bis ans Geländer sprang – (es war unklar, warum er in der Mitte der Brücke, auf dem Fahrweg, ging) und mit den Zähnen knirschte. Ringsherum erklang lautes Lachen.
„Geschieht ihm recht!“
„Ist wahrscheinlich ein Spitzbube.“
„Selbstverständlich, stellt sich betrunken, kriecht absichtlich unter die Räder, und unsereiner muß es verantworten.“
„Davon leben sie, Verehrtester, damit verdienen sie ...“
In dem Augenblicke, als er am Geländer stand, den Rücken reibend und immer noch sinnlos vor Wut der davonfahrenden Equipage nachschaute, fühlte er, daß ihm jemand Geld in die Hand drückte. Er blickte auf, – es war eine ältliche Kaufmannsfrau mit einem Kopftuche, und neben ihr ein junges Mädchen im Hute, mit einem grünen Sonnenschirme, wahrscheinlich die Tochter. „Nimm, mein Lieber, um Christi willen!“ Er nahm das Geld, und sie gingen weiter. Es waren zwanzig Kopeken. Seiner Kleidung und dem Aussehen nach konnten sie ihn sehr leicht für einen Bettler, für einen echten Groschensammler von der Straße halten, daß sie ihm aber ganze zwanzig Kopeken gaben, hatte er sicher dem Peitschenhiebe zu danken, der sie mitfühlend gestimmt hatte.
Er drückte die Münze fest in die Hand, ging etwa zehn Schritte und wandte sich mit dem Gesichte zur Newa, in der Richtung des Winterpalais. Der Himmel war ohne die geringste Wolke und das Wasser fast blau, was so selten auf der Newa vorkommt. Die Kuppel des Domes, der von keinem Punkte sich besser hervorhebt, als von der Brücke aus, leuchtete förmlich, durch die reine Luft konnte man jede Verzierung deutlich wahrnehmen. Der Schmerz vom Peitschenhieb hatte nachgelassen, und Raskolnikoff hatte den Hieb vergessen; ein unruhiger und nicht ganz klarer Gedanke beschäftigte ihn jetzt ausschließlich. Er stand und schaute lange und unverwandt in die Ferne; diese Stelle kannte er besonders gut. Als er noch zur Universität ging, geschah es gewöhnlich, – meistens auf dem Rückwege nach Hause, – daß er gerade an dieser Stelle stehn blieb, um unverwandt dieses prachtvolle Panorama zu betrachten, und jedesmal mußte er über den Eindruck, den er sich nicht erklären konnte, staunen. Eine unerklärliche Kälte wehte ihm stets von diesem wundervollen Panorama entgegen; dieses prächtige Bild war für ihn von einem stillen und dumpfen Geiste erfüllt ... Er wunderte sich jedesmal über seinen düsteren und rätselhaften Eindruck und schob die Lösung, ohne zu wissen warum, in die Zukunft. Jetzt erinnerte er sich deutlich seiner früheren Fragen und Zweifel, und es schien ihm, als hätte er sich nicht rein zufällig ihrer erinnert. Schon der Umstand erschien ihm merkwürdig und wunderlich, daß er auf derselben Stelle, wie früher, stehengeblieben war, als bilde er sich wirklich ein, daß er jetzt über dasselbe, wie ehedem, nachsinnen und sich für ebensolche Themen und Bilder interessieren könne, wie er es früher ... noch unlängst getan. Ihm wurde fast lächerlich zumute und gleichzeitig schnürte es ihm die Brust zu. In der Tiefe, tief unten in einem ungeheuren Abgrunde versunken, erschien ihm jetzt die ganze Vergangenheit, die früheren Gedanken, die alten Ziele und Probleme, die damaligen Eindrücke und dieses ganze Panorama, und er selbst und alles ... Ihm schien, als fliege er irgendwo hinauf, und alles verschwinde aus seinen Augen ... Indem er eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand machte, fühlte er wieder in seiner geballten Faust die zwanzig Kopeken. Er öffnete die Hand, blickte aufmerksam das Geldstück an und schleuderte es ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Ihm schien es, als hätte er in diesem Augenblick seine ganze Vergangenheit mit einer Schere abgeschnitten.
Es war am Abend, als er nach Hause kam, also mußte er im ganzen gegen sechs Stunden gewandert sein. Welchen Weg, und wie er zurückgekommen war, erinnerte er sich gar nicht. Er kleidete sich aus, und zitternd am ganzen Körper, wie ein abgehetztes Pferd, legte er sich auf das Sofa, zog seinen Mantel über sich und fiel sofort in Bewußtlosigkeit ...
Er wurde in völliger Dämmerung von einem furchtbaren Geschrei aufgestört. Oh, Gott, was ist das für ein Geschrei! Solche unnatürlichen Töne, solch ein Geheul, Stöhnen, Knirschen, Weinen, Schläge und Schimpfen hatte er noch nie vernommen. Er konnte sich nicht mal solchen Greuel, solche Raserei vorstellen. Voll Schrecken erhob er sich und setzte sich in seinem Bette auf; schwer atmend litt er Qualen. Die Schläge, das Geschrei und die Schimpfwörter wurden immer stärker und stärker. Er vernahm zu seiner größten Verwunderung die Stimme seiner Wirtin. Sie heulte, kreischte und klagte, sie sprach die Worte in so eiliger Hast, daß man nicht verstehen konnte, um was sie flehte, – gewiß, daß man aufhören sollte, sie zu schlagen, denn man prügelte sie auf der Treppe unbarmherzig. Die Stimme des Schlagenden war so schauerlich vor Wut und Raserei, daß er bloß noch röchelte, und er sprach ebenso unverständlich, hastig und sich verschluckend. Plötzlich bebte Raskolnikoff am ganzen Körper; er hatte die Stimme von Ilja Petrowitsch erkannt. Er ist hier und schlägt die Wirtin! Er schlägt sie mit Fäusten, stößt ihren Kopf auf die Stufen, – das ist klar, man hörte es an dem Ton, am Geheul, an den Schlägen! Was ist denn geschehen, hat sich die Welt gewendet? Man hörte, wie aus allen Stockwerken, auf der ganzen Treppe sich Menschen ansammeln, Stimmen, Ausrufe erschallen, man läuft, trampelt, schlägt die Türen zu, rennt zusammen. „Aber weshalb denn, weshalb und wie ist es denn möglich?“ wiederholte er und glaubte in allem Ernste, er hätte den Verstand verloren. Aber nein, er hört es doch zu deutlich! ... Also wird man auch zu ihm gleich kommen, „denn ... das ist sicher wegen desselben ... wegen des gestrigen ... Oh, Gott!“ Er wollte die Tür zuhaken, konnte aber die Hand nicht erheben ... und es wäre ja nutzlos. Die Angst lag auf seiner Seele wie Eis, hatte ihn zermartert, ihn erstarrt ... Aber nach und nach hörte dieser Spektakel, der sicher gegen zehn Minuten gedauert hatte, auf. Die Wirtin stöhnte und ächzte, Ilja Petrowitsch drohte und schimpfte noch immer ... Endlich schien auch er ruhiger geworden zu sein; jetzt hörte man ihn nicht mehr. „Ist er fortgegangen? Oh, Gott!“ Ja, nun geht auch die Wirtin fort, sie stöhnt und weint noch immer ... nun schlug sie auch ihre Türe zu ... Jetzt gehen die Menschen die Treppe hinunter in ihre Wohnungen, – sie bedauern, streiten, rufen einander zu, bald erhebt sich ihr Gerede bis zum Geschrei, bald sinkt es zum Flüstertone. Wahrscheinlich waren es viele gewesen, fast das ganze Haus war zusammengelaufen. „Aber, mein Gott, ist denn das alles möglich! Und warum, warum kam er hierher!“
Raskolnikoff fiel kraftlos auf das Sofa hin, aber er konnte kein Auge schließen; er lag etwa eine halbe Stunde in solcher Qual, in dem unausstehlichen Gefühle eines grenzenlosen Schreckens, wie er ihn noch nie empfunden hatte. Plötzlich erhellte ein greller Schein sein Zimmer, – Nastasja kam mit einem Lichte und einem Teller Suppe herein. Sie sah ihn aufmerksam an und als sie bemerkte, daß er nicht schlafe, stellte sie das Licht auf den Tisch und begann das Mitgebrachte aufzustellen: Brot, Salz, einen Teller und Löffel ...
„Hast seit gestern wahrscheinlich nichts gegessen? Hast dich den ganzen Tag umhergetrieben, – im Fieber, wie du bist.“
„Nastasja ... warum schlug man die Wirtin?“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Wer hat die Wirtin geschlagen?“
„Soeben ... vor einer halben Stunde. Ilja Petrowitsch, der Gehilfe des Revieraufsehers, auf der Treppe ... Warum hat er sie so geschlagen. Und ... warum kam er her?“
Nastasja betrachtete ihn schweigend und mit zusammengezogenen Augenbrauen, und sah ihn lange so an. Ihm wurde dieses Anstarren sehr unangenehm, beängstigend.
„Nastasja, warum schweigst du?“ sagte er schließlich zaghaft mit schwacher Stimme.
„Das ist das Blut,“ antwortete sie leise, als rede sie mit sich selbst.
„Blut! ... Was für ein Blut? ...“ murmelte er erbleichend und rückte zur Wand.
Nastasja fuhr fort ihn schweigend zu betrachten.
„Niemand hat die Wirtin geschlagen,“ sagte sie endlich in strengem und entschiedenem Tone.
Er sah sie an und atmete kaum.
„Ich habe selbst gehört ... ich habe nicht geschlafen ... ich saß,“ sagte er noch zaghafter. „Ich habe lange zugehört ... Der Gehilfe des Revieraufsehers war gekommen ... Alle waren auf der Treppe zusammengelaufen, aus allen Stockwerken ...“
„Niemand ist dagewesen. Es ist das Blut, das in dir spricht. Wenn es keinen Ausweg hat und sich in Klumpen zusammenballt, dann erscheinen einem allerhand Dinge ... Wirst du essen?“
Er antwortete nicht. Nastasja stand immer noch bei ihm, blickte ihn aufmerksam an und ging nicht weg.
„Gib mir zu trinken ... liebe Nastasja.“
Sie ging hinunter und nach ein paar Minuten kehrte sie mit Wasser in einer weißen Tasse zurück, weiter erinnerte er sich nichts mehr, nur noch, wie er einen Schluck kalten Wassers genommen und aus der Tasse auf die Brust verschüttet hatte. Dann hatte er das Bewußtsein verloren.