Der Anfang seiner literarischen Tätigkeit.
Von dem Briefwechsel zwischen Fjodor Michailowitsch und seinem älteren Bruder sind leider gerade die Briefe aus den ersten Jahren seines freien Lebens außerhalb der Anstalt verloren gegangen. Doch diese Lücke wird zum Teil durch die um so wertvolleren Aufzeichnungen des Arztes Dr. A. E. Riesenkampf ausgefüllt.
Nachdem Dr. Riesenkampf im Juli 1842 mit dem älteren Dostojewski in Reval wieder zusammengewesen war, begann er im Herbst, nach seiner Rückkehr nach Petersburg, den jüngeren Bruder, über dessen wenig günstige wirtschaftliche Lage er von Michail Michailowitsch schon zur Genüge gehört hatte, häufiger zu besuchen. Er stellte fest, daß von der ganzen großen Wohnung, die F. M. Dostojewski gemietet hatte, tatsächlich nur das Arbeitszimmer geheizt wurde. Auf Vergnügungen hatte Fjodor Michailowitsch bereits vollkommen verzichtet, nachdem er 1841 und zu Anfang des Jahres 1842 nicht wenig für das zu der Zeit glänzende Alexandertheater ausgegeben hatte, zum Teil auch für das Ballett, das er damals aus irgend einem Grunde liebte, und für teure Konzerte solcher Berühmtheiten, wie Ole Bull und Franz Liszt u. a. Jetzt jedoch (im Herbst 1842) saß er tagaus tagein, nach dem Besuch der Offiziersklassen am Vormittage, eingeschlossen in seinem Arbeitszimmer und beschäftigte sich nur mit Literatur. Seine Gesichtsfarbe war fahl; ein trockener Husten quälte ihn beständig, besonders am Morgen; an seiner Stimme fiel die ständige starke Heiserkeit auf; zu diesen Krankheitszeichen gesellten sich dann noch geschwollene Halsdrüsen. Doch all dies wurde von Dostojewski hartnäckig verheimlicht oder abgeleugnet, und selbst dem Arzt und Freunde Riesenkampf gelang es nur mit Mühe, ihm wenigstens einige Mittel gegen den Husten aufzudrängen und ihn dazu zu bewegen, doch ein wenig mäßiger zu rauchen. Von seinen Freunden besuchte ihn damals des öfteren nur D. W. Grigorowitsch[16], der in vieler Beziehung sein größter Gegensatz war.
„Jung, gewandt, eine schöne Erscheinung,“ so schildert ihn Dr. Riesenkampf, „elegant, hübsch und geistreich, der Sohn eines reichen Husarenobersten, dessen Frau eine französische Aristokratin war, Freund des Leutnants Todleben, der schon damals die Anlagen zu seinen späteren Leistungen verriet, Freund berühmter Künstler, Liebling und Verehrer des schönen Geschlechts, der sich nur in den besten Kreisen der Petersburger Gesellschaft bewegte – dieser Grigorowitsch also hatte sich aus Leidenschaft zur Literatur dem menschenscheuen Dostojewski angeschlossen, der wie ein Einsiedler lebte.“ Nach Dr. Riesenkampf hat Grigorowitsch damals ein französisches Drama, das in China spielte, übersetzt, Dostojewski aber hat sich, nachdem er die Fortsetzung seiner „Maria Stuart“ aufgegeben, mit Eifer an seinen „Boris Godunoff“ gemacht, der freilich gleichfalls nie beendet worden ist. Außerdem beschäftigten ihn schon damals verschiedene Novellen und Erzählungen, Pläne, die sich in seiner fruchtbaren Phantasie nur so drängten und einander ablösten. Diese Fruchtbarkeit der Phantasie wurde bei Dostojewski durch unausgesetzte Lektüre natürlich noch mehr angeregt und aufs äußerste gesteigert. (Dr. Riesenkampf hat übrigens nie etwas davon gehört, daß Dostojewski angeblich schon in der Ingenieurschule an seinen „Armen Leuten“ gearbeitet habe.) Von russischen Schriftstellern las Dostojewski damals mit besonderer Vorliebe Gogol, aus dessen „Toten Seelen“ er gern ganze Seiten auswendig vortrug. Von französischen Schriftstellern las er, außer Balzac, George Sand und Victor Hugo, die er schon früher besonders gern gelesen hatte, nach Dr. Riesenkampf: Lamartine, Frédéric Soulié (dessen „Mémoires du diable“[1] er besonders liebte), ferner Emile Souvestre und hin und wieder sogar Paul de Kock. So ist es wohl zu verstehen, daß Dostojewski, bei seiner stetig wachsenden Neigung zur Literatur, den Besuch der Offiziersklassen als Last empfinden mußte. Er hätte sich von dieser Fessel wohl schon viel früher befreit, wenn sein Vormund nicht gedroht hätte, ihm in dem Falle die Rente nicht mehr auszuzahlen – Dostojewski aber befand sich fortwährend in Geldnot.
Zur Zeit der großen Fasten im Jahre 1842 war, wie Dr. Riesenkampf noch zu berichten weiß, wieder ein Geldzufluß bei Dostojewski bemerkbar, und er gönnte sich Erholung von der Arbeit durch den Besuch von Konzerten (Liszt, Rubini u. a.). Nach Ostern traf ihn Dr. Riesenkampf in einer Aufführung von Puschkins „Ruslan und Ludmila“. Doch schon im Mai versagte er sich wieder alle Vergnügungen, um sich nun zur letzten Prüfung – vom 20. Mai bis zum 20. Juni – vorzubereiten. In derselben Zeit hatte auch Dr. Riesenkampf sein Schlußexamen zu bestehen, erkrankte aber, infolge von Überanstrengung, und mußte noch am 30. Juni das Bett hüten. An diesem Tage erscheint nun plötzlich Dostojewski bei ihm, in einer Weise verändert, daß er kaum wiederzuerkennen ist. Heiter, gesund aussehend, zufrieden mit dem Schicksal, – so teilt er ihm mit, daß er das Examen bestanden hat und aus dem Institut mit dem Range eines Leutnants entlassen worden ist (als Feldingenieur), ferner daß er vom Vormund eine Summe erhalten habe, die es ihm möglich gemacht, alle seine Schulden zu bezahlen, und schließlich, daß er einen Urlaub auf 28 Tage in der Tasche trage, den er bei seinem Bruder in Reval verbringen werde, wohin er am nächsten Tage reisen wolle. Dann zog er den Freund mit Gewalt aus dem Bett, setzte ihn in eine Droschke und fuhr mit ihm ins Restaurant Lerch am Newski-Prospekt. Dort verlangte er ein Zimmer mit einem Klavier, bestellte ein großartiges Mittagessen mit Weinen und zwang den Kranken zum Mitessen und Mittrinken. Wie unmöglich das diesem zu Anfang auch erschien: das Beispiel Dostojewskis wirkte so ansteckend, daß er schließlich mit Vergnügen aß, sich dann an den Flügel setzte und – gesund war.
Am folgenden Tage begleitete er ihn zum Dampfschiff, und drei Wochen später fuhr er selbst nach Reval, wo er ihn, in der Familie seines Bruders seine Freiheit genießend, antraf. Inzwischen war Dostojewski auch mit der Revalenser Gesellschaft in Berührung gekommen und die hatte, wie Dr. Riesenkampf berichtet, „mit ihrem überlieferten Kastengeist, ihrer Scheinheiligkeit, ihrem Nepotismus und Pietismus, der noch durch die fanatischen Predigten des damaligen Modepastors, des Herrnhuters Hunn, geschürt wurde, sowie durch ihre Unduldsamkeit besonders dem russischen Militär gegenüber“ auf Dostojewski einen überaus schlechten Eindruck gemacht. Dieser Eindruck ist ihm für sein ganzes späteres Leben geblieben. Damals fühlte er sich hierdurch um so mehr enttäuscht, als er mit der Erwartung hingekommen war, in dieser so gepflegten Gesellschaft gesunde Anzeichen von Kultur zu finden. „Nur mit Mühe konnte ich ihm klar machen,“ erzählt Dr. Riesenkampf, „daß all dies ein rein örtliches Kolorit war und eben nur die Revalenser kennzeichnete ... Doch bei seiner Neigung zur Verallgemeinerung blieb in ihm seitdem ein gewisses Vorurteil gegen alles Deutsche.“
Michail Michailowitsch hatte inzwischen mit Hilfe seiner Frau den Bruder mit Wäsche und Kleidern, die in Reval so billig waren, vollkommen ausgestattet. Doch da er wußte, daß sein Bruder niemals auch nur ahnte, was und wieviel er eigentlich besaß, bat er den Freund Riesenkampf, in Petersburg doch mit Fjodor Michailowitsch zusammen zu wohnen und dann nach Möglichkeit mit seinem Beispiel deutscher Ordnungsliebe auf den Bruder einzuwirken. Das versuchte Riesenkampf denn auch, nachdem er im September 1843 nach Petersburg zurückgekehrt war. Dostojewski saß, als Riesenkampf ihn dort aufsuchte, ohne eine Kopeke zu Hause und lebte nur von Milch und Brot, die er auf Borg aus dem nächsten kleinen Laden bekam. „Fjodor Michailowitsch,“ bemerkt Dr. Riesenkampf, „gehörte zu jenen Menschen, mit denen zu leben für alle angenehm ist, die aber selbst beständig in Not sind. Er wurde jämmerlich bestohlen, doch bei seiner Vertrauensseligkeit und Güte wollte er sich das nicht eingestehen oder gar die Dienstboten und deren Krippenreiter, die seine Arglosigkeit mißbrauchten, des Diebstahls überführen“. So kam es, daß selbst das Zusammenleben mit dem Doktor für Dostojewski dauernd Veranlassung zu neuen Ausgaben wurde, denn er war bereit, jeden Armen, der um ärztlichen Rat zum Doktor kam, wie einen teuren Gast zu empfangen. „Da ich mich daran mache, das Leben der armen Menschen zu schildern,“ pflegte er dann, gleichsam zu seiner Rechtfertigung, zu sagen, „so freue ich mich der Gelegenheit, das Proletariat der Großstadt näher kennen zu lernen“. Doch die riesigen Rechnungen, die am Ende des Monats selbst ein einzelner Bäcker schickte, standen, wie sich bei einer Untersuchung herausstellte, weniger mit der erwähnten Gastfreundschaft Fjodor Michailowitschs in Zusammenhang, als mit seinem Bedienten Ssemjon, der innige Beziehungen zur Wäscherin unterhielt und nicht nur diese, sondern auch deren ganze Familie und sogar ihren Freundeskreis auf Rechnung seines Herrn versorgte. Auf ähnliche Weise erklärte sich bald auch die schnelle Abnahme des Wäschebestandes, der übrigens alle drei Monate von Dostojewski ergänzt wurde, nämlich jedesmal, wenn er das Geld aus Moskau erhielt. Und sein Ssemjon war nicht der einzige, der sein Vertrauen so mißbrauchte. Dasselbe taten auch der Schneider, der Schuster, der Barbier usw.; und ebenso mußte man ihn zu der ernüchternden Erkenntnis bringen, daß durchaus nicht alle von ihm bewirteten Patienten Dr. Riesenkampfs eine solche Teilnahme verdienten.
Seine völlige Geldlosigkeit dauerte damals gegen zwei Monate. Da, eines Tages, begann er plötzlich ganz anders in seinem Saal umherzugehen: laut, selbstbewußt, beinahe stolz. Er hatte aus Moskau 1000 Rubel erhalten. „Doch schon am nächsten Morgen,“ erzählt Dr. Riesenkampf, „kam er wieder in seiner leisen, schüchternen Art in mein Schlafzimmer und bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen.“ Der größte Teil der erhaltenen 1000 Rubel war zur Tilgung der Schulden draufgegangen, das übrige hatte er zum Teil verspielt, und die letzten 50 Rubel waren ihm dann noch gestohlen worden: von einem unbekannten Spielpartner, den er – als bemerkenswertes Subjekt für seine Beobachtungen – am Abend zu sich eingeladen und einen Augenblick im Zimmer allein gelassen hatte.
Ein besonderes Interesse hatte er, aus dem gleichen Grunde, namentlich für einen der Patienten des Doktors: für den Bruder des Klavierlehrers Keller. Es war das ein kleiner, unruhiger, schmeichlerischer, ziemlich heruntergekommener Deutscher, von Beruf Agent, doch in Wirklichkeit eigentlich nur ein Schmarotzer. Nachdem dieser Keller nun die arglose Gastfreundschaft Dostojewskis sozusagen entdeckt hatte, wurde er für eine Zeitlang sein täglicher Gast: er kam zum Tee, blieb zum Mittagessen, blieb zum Abend, und Dostojewski hörte geduldig seine Erzählungen von dem Petersburger Großstadtproletariat an. Oft schrieb er sich das Gehörte auf, und wie Dr. Riesenkampf später feststellen konnte, spiegelte sich manches aus diesem ursprünglich von Keller stammenden Material in den Romanen „Arme Leute“, „Der Doppelgänger“, „Njetotschka Neswanowa“ u. a. wieder.
Im Dezember 1843 war Dostojewski abermals ganz mittellos. Am 1. Februar 1844 erhielt er aus Moskau wieder 1000 Rubel, doch schon am Abend desselben Tages besaß er nur noch 100 Rubel und dieses Hundert wanderte noch vor der Nacht in die Tasche eines gewandten Spielers, der ihm ein angeblich „ganz unschuldiges, ehrliches Spiel“ (es handelte sich um Domino) hatte beibringen wollen. Am folgenden Tage begann dann von neuem das Geldborgen, oft gegen die ungeheuerlichsten Prozente. Im März dieses Jahres mußte Riesenkampf Petersburg verlassen – ohne daß es ihm gelungen war, Dostojewski deutsche Genauigkeit und etwas mehr Wirklichkeitssinn anzugewöhnen.
Vom Jahre 1844 an haben sich wieder Briefe Dostojewskis an den Bruder erhalten. Sie bestätigen nur, was Dr. Riesenkampf berichtet. In einem dieser Briefe ist u. a. die Rede davon, daß er in den Weihnachtsfeiertagen „Eugénie Grandet“ übersetzt habe, und daß die Übersetzung im Selbstverlage erscheinen solle: sein Freund Potton werde 700 Rubel geben, dessen Mutter werde dem Sohn 2000 Rubel (zu 40%!!) leihen und er selbst wolle sich aufs äußerste einschränken, um 500 Rubel beisteuern zu können. Seine Phantasie verheißt ihm einen Gewinn von 4000 Rubel. Doch zum Schluß des Briefes gesteht er, daß er kein Geld – zum Abschreiben der „Eugénie Grandet“ habe; und er bittet den Bruder „um der himmlischen Engel willen“, ihm 35 Rubel zu senden. „Ich schwöre dir beim Olymp,“ so schließt er, „und bei meinem Juden Jankel (im soeben beendeten Drama)[17] und wobei noch? – es sei denn bei dem Schnurrbart, der mir irgend einmal, wie ich hoffe, doch wachsen wird, daß die Hälfte von dem, was ich für die ‚Eugénie‘ bekomme, Dein sein soll“. Doch schon am 14. Februar 1844 schreibt er, daß aus der Sache wohl nichts werde. „Wie leid mir das tut, mein Freund, und wie leid du mir tust. Verzeih, Liebster, auch mir Armen ...“
Dann folgen Briefe, in denen von der Übersetzung des „Don Carlos“ die Rede ist, die der Bruder begonnen hatte, sowie davon, daß er selbst George Sand übersetze und 25 Rubel für den Druckbogen erhalte. Eine Nachschrift am Rande sagt: „Der Dienst ist mir zuwider. Er widersteht mir schon wie Kartoffeln ... Im September komme ich zu euch, wenn ich den Abschied genommen habe.“ Am 30. September 1844 schreibt er, daß er sein Abschiedsgesuch eingereicht habe, „ich nehme den Abschied, weil ich nicht länger dienen kann ... Warum soll ich meine besten Jahre verlieren? Die Hauptsache aber ist, daß man mich in die Provinz abkommandieren wollte; sage doch bitte selbst, was könnte ich ohne Petersburg anfangen? Wozu würde ich noch taugen? Du wirst mich sicher begreifen. Ich werde immer meinen Lebensunterhalt verdienen können,“ fügt er hinzu, wie um etwaigen Einwendungen zuvorzukommen. „Ich werde furchtbar viel arbeiten. Ich bin ja jetzt frei.“ Doch unmittelbar darauf folgt eine Aufzählung seiner Schulden und die Klage, daß man ihm aus Moskau immer nur ein Drittel von der Summe sende, um die er bäte. „Noch weiß niemand,“ schreibt er, „daß ich den Abschied nehme ... Ich habe nicht einmal Geld, um mir Zivilkleider zu kaufen. Ich quittiere den Dienst am 14. Oktober ... Wenn ich nicht sofort Geld aus Moskau bekomme, bin ich verloren. Man wird mich in allem Ernst ins Gefängnis sperren (das ist klar).“ Und er ist bereit, auf seinen Anteil am väterlichen Gut zu verzichten, wenn man ihm sofort 500 Rubel als runde Summe auszahlt und die anderen 500 zu je 100 Rubel im Monat. „Bitte, sage du für mich gut, Liebster, ... daß ich dann keine Forderungen mehr erheben werde.“ Der Brief hat an den Seiten wieder Nachschriften, die sich auf seine Geldnot beziehen, und zum Schluß heißt es: „Chlestakoff[18] war schließlich bereit ins Gefängnis zu gehen, jedoch nur wenn es ‚auf vornehme Weise geschah.‘ Wenn ich aber nicht einmal Hosen haben werde, wird es dann auch noch ‚auf vornehme Weise‘ geschehen können?“ Doch aus seiner beigefügten Anschrift ersehen wir, daß er seine kostspielige große Wohnung noch nicht aufgegeben hat. Eine Nachschrift am Rande lautet: „Ich bin mit meinem Roman außerordentlich zufrieden. Ich bin außer mir vor Freude. Für den Roman werde ich sicher Geld bekommen; was aber weiter kommt ...“
Es handelt sich hier um seine erste Arbeit, den Roman „Arme Leute“. Von nun an ist in seinen Briefen immer wieder von diesem Werke die Rede: wie die Arbeit vorwärts geht, wie er – das schreibt er am 24. März 1845 –, nachdem der Roman im November fertig geworden, ihn im Dezember wieder umgearbeitet, im Februar aber wieder vieles gestrichen und anderes hineingebracht habe ... Doch schon am 4. Mai berichtet er, daß er ihn von neuem umgearbeitet habe – „er hat dadurch, bei Gott, sehr viel gewonnen“. Wir ersehen daraus, wieviel Mühe ihm dieses erste Werk gemacht hat und wie für ihn trotz seiner schwierigen wirtschaftlichen Lage der künstlerische Wert dieses seines entscheidenden Versuches doch das wichtigste war. Neben derartigen Mitteilungen wiederholen sich immer wieder Erörterungen der Frage, wie und wo und wann es am besten und am vorteilhaftesten wäre, das Erstlingswerk zu veröffentlichen, das ja zugleich sein finanzieller Rettungsanker sein soll. Und zwischen all diesen Sorgen stehen Sätze wie: „... soeben las ich ... von den deutschen Dichtern, die an Hunger, Kälte oder in Irrenhäusern gestorben sind. Es sind im ganzen an die zwanzig und was für Namen sind darunter!“ oder „Wenn mir der Roman nicht gelingt, werde ich mich vielleicht erhängen ...“. In einem anderen Briefe: „Wenn ich den Roman nicht unterbringe, so gehe ich vielleicht in die Newa. Was soll ich denn tun? Ich habe mir schon alles überlegt. Ich werde den Tod meiner idée fixe[2] nicht überleben.“
Über das weitere Schicksal seines Erstlingswerkes – wie er das Manuskript zum erstenmal aus der Hand gab, welchen Eindruck es auf die ersten Leser (den Freund Grigorowitsch und den Dichter Njekrassoff[19]) machte, und wie er seinen ersten Erfolg und die begeisterte Anerkennung des großen Kritikers Bjelinski[20] damals (Mai 1845) erlebte, erzählt Dostojewski selbst 32 Jahre später in den „Erinnerungen“, die er dem Dichter Njekrassoff widmet[21]. Aber auch in dem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ (geschrieben 1860) finden wir im I. Teil (Kap. V, VI, X) und im III. Teil (Kap. V) mehrere autobiographische Stellen. Doch sowohl hier wie dort hat Dostojewski, wo er von der begeisterten Aufnahme seines ersten Werkes spricht, den Leser nicht darauf hingewiesen, daß wenigstens Bjelinski längst nicht das in dem Roman gesehen hat, was der Autor selbst in ihm sah. Und im Grunde hat die ganze damalige Kritik, bei aller Begeisterung, die „Armen Leute“ überhaupt nicht in der ganzen Tiefe ihrer Bedeutung gewertet. Aber Dostojewski hat das damals, wie es scheint, gar nicht bemerkt – oder nicht bemerken wollen –, vielleicht weil er noch zu sehr unter dem lebendigen Eindruck eines Lobes stand, das seinem Ehrgeiz schmeichelte. Sein Ehrgeiz aber meldete sich bereits stark. Natürlich brauchte Dostojewski nach einem so schmeichelhaften Urteil des berühmten Kritikers Bjelinski sich das Geschimpfe, mit dem viele andere über ihn herfielen, nicht weiter zu Herzen zu nehmen, vielmehr konnte er sogar stolz darauf sein. Und das war er denn auch tatsächlich in nicht zu geringem Maße, wie aus seinen weiteren Briefen an den Bruder hervorgeht.
In einem Brief ohne Datum, doch ersichtlich aus dieser Zeit, schreibt er – offenbar nach der Rückkehr von einem Sommeraufenthalt beim Bruder –: „Wie traurig war mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr ... Wenn mein Leben in diesem Augenblick aufgehört hätte, so wäre ich, scheint mir, mit Freuden gestorben.“ Sein Roman, der als Manuskript so viel Aufsehen erregt hatte, ist noch nicht gedruckt, doch schon schreibt er an seinem „Doppelgänger“, denn seine finanziellen Verhältnisse sind noch äußerst traurig. „Wie schade,“ schreibt er, „daß man arbeiten muß, um leben zu können. Meine Arbeit duldet keinen Zwang.“ Auch am 16. November 1845 ist sein Roman noch immer nicht erschienen, aber seine Stimmung ist nun nicht mehr düster, denn auch ungedruckt hat der Roman seinen Ruhm schon so verbreitet, daß er, wie er schreibt, „ganz berauscht“ ist. „... Man bringt mir überall unglaubliche Achtung und kolossales Interesse entgegen. Ich habe eine Menge höchst anständiger Menschen kennen gelernt. Fürst Odojewski bittet mich um die Ehre meines Besuches und Graf Ssollogub rauft sich vor Verzweiflung die Haare aus: Panajeff hat ihm erklärt, es gäbe ein neues Talent, das sie alle in den Staub träte. Als Krajewski (ein Verleger) neulich hörte, daß ich kein Geld habe, bat er mich ganz ergebenst, von ihm ein Darlehen von 500 Rubel anzunehmen ... Ich habe eine Menge neuer Ideen; aber wenn ich auch nur etwas irgend jemandem, z. B. Turgenjeff, anvertraue, wird es schon morgen an allen Ecken und Enden von Petersburg heißen, daß Dostojewski jetzt dies und das schreibt ... Ich glaube, daß ich bald viel Geld haben werde ... gestern war ich zum ersten Male bei P. und habe mich, wie mir scheint, in seine Frau verliebt ...“
Kurz, aus seinen Briefen, besonders aus seiner maßlosen Überschätzung seiner weiteren Arbeiten, an denen er nun schreibt (den „Doppelgänger“ erklärt er schon für sein „Chef-d’œuvre“[3]) oder die er in einer Nacht geschrieben hat („Roman in 9 Briefen“), ist zu ersehen, daß das große Lob dem jungen Schriftsteller entschieden zu Kopf gestiegen war. Das hat er schließlich wohl auch selbst empfunden, denn derselbe Brief schließt mit einer Nachschrift, die durch ihre Offenherzigkeit anzieht:
„Ich habe diesen Brief durchgelesen und festgestellt, daß ich erstens ungrammatisch schreibe und zweitens ein Prahlhans bin.“
In einer weiteren Randbemerkung dieses Briefes spielt, wie man annehmen darf, die Phantasie gleichfalls eine größere Rolle. Es steht da:
„Alle die Mienchen, Clärchen, Mariannen u. dgl. sind so schön geworden wie nur denkbar, kosten aber fürchterliches Geld. Turgenjeff und Bjelinski haben mich neulich wegen meines unordentlichen Lebens ausgescholten ...“
Hier dürfte zur Richtigstellung eine Bemerkung Dr. Riesenkampfs am Platze sein, der ja, wie wir wissen, mehrfach über Dostojewskis Unordentlichkeit berichtet hat, über sein Unvermögen, einen Haushalt zu führen und mit dem Gelde sparsamer umzugehen. An einer anderen Stelle seiner Aufzeichnungen sagt nun Dr. Riesenkampf: „Junge Leute pflegen in ihren zwanziger Jahren gewöhnlich hinter weiblichen Idealen her zu sein und an hübschen Frauenzimmerchen zu hängen. Merkwürdigerweise war aber bei Fjodor Michailowitsch nichts Ähnliches zu bemerken. Zu weiblicher Gesellschaft schien er sich immer gleichgültig zu verhalten und fast hatte er sogar eine gewisse Abneigung gegen sie.“ Übrigens fügt er gleich einen Vorbehalt hinzu und sagt: „Aber vielleicht hat er auch in der Beziehung manches verheimlicht; wenigstens wunderte es mich, daß er sich so sehr für die Gedichte des verliebten P. Ssuschkoff einsetzte, die bekanntlich an die Schauspielerin Assenkowa gerichtet waren, und daß er besonders die eine Romanze liebte: ‚Vergib mir, wunderbares Wesen‘, die er fortwährend vor sich hinsummte.“
Am 1. Februar 1846 schreibt Dostojewski selbst:
„Für den Goljädkin habe ich genau 600 Rubel bekommen. Ich habe auch sonst noch eine Menge Geld verdient, so daß ich nach unserer letzten Begegnung mehr als 3000 Rubel verlebt habe. Ich lebe eben sehr unordentlich, das ist die Sache! Meine Wohnung habe ich aufgegeben und lebe jetzt in zwei sehr schön möblierten Zimmern. Ich lebe sehr gut.“ (In demselben Hause ist Dostojewski später gestorben, doch als er dorthin ein paar Jahre vor seinem Tode umzog, hat er sich merkwürdigerweise nicht erinnert, daß er schon früher einmal in diesem Hause gewohnt hat.) „Ich bin so liederlich, daß ich gar nicht mehr ordentlich leben kann,“ schreibt er, – d. h. natürlich in dem Sinne liederlich, wie Dr. Riesenkampf ihn schildert, denn nur von einer solchen Liederlichkeit kann man so offen und so ruhig sprechen ...
Zwei Monate später (am 1. April 1846) schreibt er, daß die schlechte Kritik, die sein „Doppelgänger“ nunmehr erfahre, ihn inzwischen ganz mutlos gemacht und so furchtbar gequält habe, daß er erkrankt sei. „Ich habe ein entsetzliches Laster: ich bin unerlaubt ehrgeizig und eitel.“ ... Doch trotz der zeitweiligen „Hölle“, die er wegen seines „Doppelgängers“ durchgemacht, ist das Selbstvertrauen des jungen Schriftstellers nach dem glänzenden Erfolge der „Armen Leute“ immer noch sehr groß – zumal es von jenen gestützt wird, die er in seinen Briefen an den Bruder „die Unseren“ nennt – und erreicht bisweilen allerdings einen gefährlichen Grad. Das gab natürlich seinen verschiedenen Neidern – wie hätten die ausbleiben sollen? – Anlaß, sich alle möglichen Übertreibungen auszudenken und als Ansprüche Dostojewskis in Umlauf zu bringen. Zu diesen Geschichten gehört auch die angebliche Forderung einer besonderen Schmuckleiste, ohne die er den Roman „Arme Leute“ in Njekrassoffs „Petersburger Almanach“ (er erschien am 15. Januar 1846) nicht habe veröffentlichen lassen wollen ...
Am 1. Februar desselben Jahres erschien dann „Der Doppelgänger“ in den „Vaterländischen Annalen“, die der Verleger Krajewski herausgab. Die anderen Arbeiten, von denen er in seinen Briefen während dieser Zeit spricht, der nicht beendete „Rasierte Backenbart“ und „Die Geschichte von den abgeschafften Kanzleien“ sind nicht erhalten geblieben, – wenn er die letztere nicht etwa in seinem „Herrn Prochartschin“ verarbeitet hat?
In demselben Brief vom 1. April 1846 berichtet Dostojewski dem Bruder, daß viele neue Schriftsteller aufgetaucht seien, und nennt als die bedeutendsten, in denen er seine Nebenbuhler sieht, Alexander Herzen[22] und Gontscharoff[23] – „beide werden über alle Maßen gelobt“ –, doch sagt er selbstbewußt, trotz aller nunmehr sehr absprechenden Kritiken über ihn: „Ich habe aber vorläufig den Vorrang und hoffe, ihn für immer zu behalten. Im literarischen Leben war noch nie so viel los wie jetzt. Das ist ein gutes Zeichen ...“
Einen Monat später – am 16. Mai – schreibt er aber schon recht bedrückt in einem Briefe, der an viele seiner früheren melancholischen Briefe erinnert: „Mich quält Langeweile, Trauer, Niedergeschlagenheit und eine fieberhafte, krampfhafte Erwartung von etwas Besserem.“
Im Sommer reist er wieder zum Bruder. Nach seiner Rückkehr teilt er ihm (am 17. September 1846) mit, daß er für 14 Silberrubel zwei kleine möblierte Zimmer gegenüber der Kasanschen Kathedrale gemietet habe, jedoch noch nicht umgezogen sei[24]. Auch aus anderen Bemerkungen geht hervor, daß er sich nun nach Möglichkeit einschränkt: „Krajewski gab mir 50 Rubel, ich konnte aber schon von seinem Gesicht ablesen, daß er mir nichts mehr geben wird; ich werde es ziemlich schwer haben.“
Aus den gleichzeitigen Klagen über die Zensoren, die ihm die an sich ganz unschuldige Novelle „Herr Prochartschin“ so zusammengestrichen haben, daß er sich von diesem Werk lossagt, ist zu ersehen, daß die Richtung Dostojewskis bereits die Aufmerksamkeit der Zensoren auf sich gelenkt hatte. Man wird bei der Beurteilung der erwähnten Novelle die zerstörende Arbeit der Zensoren natürlich nicht vergessen dürfen ... Der Schluß dieses Briefes (vom 17. September 1846) verrät wieder Unzufriedenheit: „Bei uns herrscht entsetzliche Langeweile. Die Arbeit geht daher schlecht vorwärts. Ich habe bei euch wie im Paradiese gelebt; wenn es mir gut geht, muß ich immer alles mit meinem verdammten Charakter verderben ...“
In den folgenden Briefen spricht er wieder von Plänen und Berechnungen, wie er seine Arbeiten im Selbstverlage herausgeben könnte, von den Unannehmlichkeiten mit den Verlegern Njekrassoff und Krajewski ... Er denkt an eine Buchausgabe der „Armen Leute“ und des „Doppelgängers“, die ihm die Mittel zum Leben verschaffen soll ... Am 26. November schreibt er jedoch, daß aus allen seinen Absichten nichts geworden sei und er auch die Arbeit an dem „Rasierten Backenbart“ aufgegeben habe, da er eingesehen, daß „alles nur eine Wiederholung des Alten und längst von mir Ausgesprochenen ist.“
Inzwischen scheint er in einem nicht mehr vorhandenen Briefe die Absicht geäußert zu haben, ins Ausland zu reisen – am 7. Oktober schreibt er gleichsam zu seiner Rechtfertigung: „Ich reise nicht zum Vergnügen, sondern zur Kur. Petersburg ist eine Hölle für mich,“ – dasselbe Petersburg, ohne das er vor noch nicht langer Zeit glaubte, nicht leben zu können und „verloren“ zu sein!
In einem Brief vom 26. November 1846 teilt er seinen Bruch mit Njekrassoff mit und daß sich Krajewski darüber so sehr gefreut hat, „daß er mir Geld gab und außerdem alle meine Schulden zum 15. Dezember zu bezahlen versprach. Dafür muß ich bis zum Frühjahr für ihn arbeiten.“
Trotz aller Sorgen finden wir Dostojewski nicht mutlos, offenbar weil eine neue Arbeit („Das junge Weib“) ihm „wieder so leicht und frisch“ gelingt, wie ehedem die „Armen Leute“: „mein Herz bebt jetzt wie noch nie vor all den neuen Gestalten ... Ich mache jetzt nicht nur eine moralische, sondern auch eine physische Wandlung durch ... ich verdanke dies in hohem Grade meinen guten Freunden ... Ich machte ihnen schließlich den Vorschlag, zusammen zu wohnen. Wir mieteten uns eine große Wohnung und teilen alle Auslagen, sodaß höchstens 1200 Rubel für das Jahr auf den Kopf kommen. So groß sind die Segnungen des Genossenschaftsprinzips! Ich habe ein eigenes Zimmer und arbeite den ganzen Tag.“
Zu den hier erwähnten guten Freunden – den Brüdern Beketoff, Saljubezki und anderen –, die einen so günstigen Einfluß auf ihn gehabt hätten, gehörte auch S. D. Janowski, an den Dostojewski 1872 in einem Brief, in dem er auf diese Jugendjahre zu sprechen kommt, u. a. schreibt: „Sie liebten mich und gaben sich mit mir ab – der ich damals seelisch krank war (dessen bin ich mir ja jetzt bewußt), krank, bis zu meiner Reise nach Sibirien, wo ich dann gesund wurde.“
Von dieser nervösen Krankhaftigkeit spricht Dostojewski auch 1861 in seinem Roman „Erniedrigte und Beleidigte“ offenbar aus eigener Erinnerung, wo er den jungen Schriftsteller Iwan Petrowitsch von sich sagen läßt, daß er jedesmal mit Beginn der Dämmerung einer Stimmung verfalle, die er ... sein mystisches Grauen nenne. (Im I. Teil, Kapitel 10 folgt dann eine ausführliche psychiatrische Charakterisierung dieses Zustandes.)
Die Bemerkung „so groß sind die Segnungen des Genossenschaftsprinzips“ verrät schon seine wohl auf den Verkehr mit Bjelinski zurückzuführende Beschäftigung mit dem Sozialismus und seine damalige Begeisterung für ihn.
In seinen weiteren Briefen an den Bruder – bis zu seiner „Reise nach Sibirien“, wie er sich ausdrückt – schreibt er am 17. Dezember 1846, daß er mit Arbeit überhäuft sei: „Zum 5. Januar habe ich Krajewski versprochen, ihm den ersten Teil des Romans ‚Njetotschka Neswanowa‘ zuzustellen“. Er schreibt Tag und Nacht, gönnt sich nur hin und wieder Erholung in der Italienischen Oper, wo er einen Platz auf der Galerie hat (wohl ein Hinweis auf seine Sparsamkeit). Seine Gesundheit ist gut. „Es scheint mir immer, daß ich einen Kampf gegen unsere gesamte Literatur aufgenommen habe ... mit diesem Roman stelle ich auch für dieses Jahr meinen Vorrang zum Ärger meiner Feinde fest.“
Der Gedanke an eine Reise ins Ausland ist aufgegeben; statt dessen will er im Sommer wieder zum Bruder. Er lebt dann zusammen mit Beketoffs auf einer der Newa-Inseln – „nicht langweilig, gut und sparsam“. Er besucht Bjelinski, „der immer kränkelt“.
„Ich bezahle meine Schulden durch Krajewski,“ schreibt er weiter. „... Wann werde ich jemals aus den Schulden herauskommen: es ist ein Elend, als Tagelöhner zu arbeiten! Damit verdirbt man alles – Begabung, Jugend, Hoffnung, die Arbeit wird leblos und man selbst wird schließlich zum Schmierer und nicht zum Schriftsteller.“
Diese materielle Seite seines damaligen Zustandes hat Dostojewski später gleichfalls in seinen „Erniedrigten und Beleidigten“ geschildert: wenn er auch den Fürsten in der Schilderung der Lage des armen Iwan Petrowitsch das Selbsterlebte ein wenig übertreiben läßt, so stimmt doch die Hoffnung des letzteren, für die beendete Novelle vom Verleger, trotz seiner Verschuldung bei ihm, „wenigstens fünfzig Rubel“ zu bekommen, buchstäblich: auf 50 Rubel hofft F. M. auch in seinen Briefen. Auf die Bemerkung der Heldin des Romans, daß bei anderen Schriftstellern alles so sorgsam durchgearbeitet sei, erwidert Iwan Petrowitsch, daß jene eben materiell sichergestellt seien und nicht zu einem bestimmten Termin fertig werden müßten, er aber müsse wie ein Postgaul arbeiten. (III. Teil, 10. Kap. und im Schlußkapitel „Letzte Erinnerungen“.)
Im nächstfolgenden Briefe, zu Anfang des Jahres 1847, bedauert er den Bruder, daß er, zwar in einer geliebten Familie, doch „ohne Menschen in der Umgebung“ lebe. „Verliere aber nicht den Mut, Bruder!“ ermuntert er ihn. „Es werden noch bessere Tage kommen ... Natürlich, schrecklich ist die Dissonanz, schrecklich die Ungleichheit des Gewichts zwischen uns und der Gesellschaft ... Mein Gott! Es gibt so viele widerliche, gemeine und beschränkte graubärtige Weltweise, Kenner und Pharisäer des Lebens, die auf ihre Erfahrenheit, das heißt auf ihre Unpersönlichkeit (denn sie sind alle nach einer Schablone gearbeitet) stolz sind, nichtswürdig, die ewig Zufriedenheit mit dem Schicksal, einen Glauben an irgend etwas, Beschränkung im Leben und Zufriedenheit mit dem eigenen Platz predigen – eine Zufriedenheit, die der klösterlichen Selbstkasteiung und Beschränkung gleichkommt, und die mit unerschöpflicher, kleinlichster Gehässigkeit jede starke, glühende Seele verurteilen, die ihr triviales Tagesprogramm und ihren Lebenskalender nicht erträgt. Schurken sind sie mit ihrem vaudevillehaften irdischen Glück! Schurken sind sie! ...“
Diese Zeilen enthalten zweifellos jenen Protest in verneinendem Sinne, den Bjelinski aus dem Roman „Arme Leute“ vor allem herauslesen wollte. Hier wird die klösterliche Selbstbeschränkung bereits verurteilt, während Dostojewski dort noch zweifellos einen positiven Zug darin sah, daß der arme Beamte Makar Djewuschkin sich schämte, Tabak zu rauchen, während Warenjka nicht einmal das Notwendigste besaß. Nach den angeführten Zeilen dieses Briefes ist anzunehmen, daß Bjelinski einen entscheidenden Einfluß auf Dostojewski erlangt hatte.
Es folgt wieder ein Hinweis auf seine Geldlosigkeit. „Wenn es nicht gute Menschen gäbe, wäre ich verloren. Die Zerfetzung meines Ruhmes in den Zeitschriften gereicht mir mehr zum Vorteil als zum Nachteil. Um so schneller werden meine Verehrer, die, wie ich glaube, sehr zahlreich sind, nach dem Neuen greifen und mich verteidigen. Ich lebe in großer Armut: habe, seit ich Euch verließ, 250 Rubel verbraucht und 300 Rubel Schulden“ (welch ein Unterschied zu dem, was er früher ausgab). „Am schlimmsten hat mich Njekrassoff hineingelegt, dem ich seine 150 Rubel zurückgab. Zum Frühjahr hin nehme ich einen großen Vorschuß von Krajewski und schicke Dir dann bestimmt 400 Rubel.“ Ferner spricht er von einer Wasserkur im Sommer bei Prießnitz, mit dem Vorbehalt, das sei erst nur so „in der Phantasie“. Mit Reue denkt er daran zurück, wie schwerfällig und eckig er sich beim Bruder in Reval benommen habe, „ich war damals krank ... ich habe ja wirklich einen so schlechten, abstoßenden Charakter. Ich habe Dich aber immer über mich gestellt ... Ich kann mich nur dann als ein Mensch von Herz und Gemüt zeigen, wenn die äußeren Umstände mich gewaltsam aus dem ewigen Alltag herausreißen ... Der Roman ‚Njetotschka Neswanowa‘ wird wie der ‚Goljädkin‘ meine Beichte sein, wenn auch anders im Ton. Über ‚Goljädkin‘ bekomme ich oft solche Äußerungen zu hören, daß mir ganz bange wird ... Manche sagen, dieses Werk sei ein wirkliches, doch unverstandenes Wunder ... Nun fange ich schon wieder an, mich zu loben. Wie angenehm ist es aber, Bruder, richtig verstanden zu werden! ... Wünsche mir Erfolg. Ich arbeite jetzt an dem ‚Jungen Weibe‘.“
In seiner Beurteilung dieses Werkes sehen wir wieder eine Überschätzung, wie seinerzeit in der seines „Romans in neun Briefen“. „Eine Quelle von Begeisterung, die meiner Seele entspringt, leitet meine Feder. Es ist ganz anders als beim ‚Prochartschin‘, an dem ich den ganzen Sommer gelitten habe ...“
Nach einem solchen Entzücken mußte das vollkommen absprechende Urteil Bjelinskis begreiflicherweise einen sehr schweren Eindruck auf ihn machen. Doch aus seinen Briefen erfahren wir nichts davon.
In einem Briefe ohne Datum – vermutlich im Frühjahr 1847 geschrieben – schreibt er an den Rand: „Es ist nun schon das dritte Jahr meiner literarischen Tätigkeit, und ich bin wie im Rausche. Ich sehe das Leben um mich herum gar nicht, habe keine Zeit, zur Besinnung zu kommen; ich habe auch keine Zeit, um etwas zu lernen ... Sie haben mir einen zweifelhaften Ruhm geschaffen, und ich weiß nicht, wie lange noch diese Hölle, diese Armut und die vielen eiligen Arbeiten dauern werden; o könnte ich einmal Ruhe haben!!“
Eine Schuld, die er Maikoffs nicht wiedergeben kann, quält ihn, „obgleich sie mich nicht daran erinnern“. Im Herbst hofft er nach dem beendeten Roman „Njetotschka Neswanowa“ von Krajewski 1000 Rubel als unbefristeten Vorschuß zu erhalten. Njekrassoff und die anderen vom „Zeitgenossen“ wollten ihn schon endgültig begraben – um so mehr werde sie dieser Roman verblüffen. In diesem Briefe denkt er auch wieder an Übersetzungen, doch – „in zehn Jahren wird man nicht mehr an sie zu denken brauchen“.
In dem Briefe erwähnt er zum erstenmal die Familie Maikoff. Nach den Aufzeichnungen S. D. Janowskis versammelten sich im Hause des bekannten Malers Nikolai Apollonowitsch Maikoff an jedem Sonntagabend „jene jungen Leute, die von Gott mit einer gewissen Dosis Begabung ausgestattet waren, deren Herz von Geburt an in Liebe zum Nächsten, zum Guten und zur Wahrheit brannte und deren Verstand in allem und überall Licht und nur Licht suchte. Neben dem Hausherrn und seiner Gattin Jewgenia Petrowna nahm den ersten Platz in diesem Kreise der an Jahren bereits etwas ältere I. A. Gontscharoff ein. Außer ihm erschienen gewöhnlich S. S. Dudyschkin (der Kritiker der ‚Vaterländischen Annalen‘ nach Bjelinskis Tode) und Walerian Maikoff[25], die Brüder Drushinin, der Dichter M. A. Jasykoff u. a.“
In diesem Kreise geschah es nun nicht selten, daß Fjodor Michailowitsch „mit der ihm eigenen bis ins Kleinste eindringenden Analyse die Charaktere der Werke Gogols und Turgenjeffs auseinandersetzte und dann auch seinen ‚Herrn Prochartschin‘ erklärte, der damals den meisten Lesern unverständlich blieb, bis schließlich alle Zuhörer nicht nur die an und für sich vollendeten Charaktere begriffen, sondern auch die Beziehung jeder kleinsten Einzelheit zu diesem oder jenem Charakter erkennen lernten“.
Mit dem Sohn des Hausherrn, dem bekannten Dichter A. Maikoff[26], hat Dostojewski in späteren Jahren einen umfangreichen Briefwechsel geführt.
Doch außer diesen Sonntagabenden bei Maikoffs gab es in jener Zeit noch andere Kreise, die sich gleichfalls an bestimmten Tagen versammelten, und die von Fjodor Michailowitsch mit nicht minderem Eifer besucht wurden.
Über seinen Verkehr in diesen Kreisen geben uns seine Briefe an den Bruder gar keinen Aufschluß. Der Briefwechsel weist hier eine große Lücke auf. Der letzte aus dieser Zeit noch vorhandene Brief Fjodor Michailowitschs an den Bruder nimmt Bezug auf Michail Michailowitschs Absicht, den Dienst zu quittieren. Er rät dem Bruder, nicht auf diejenigen zu hören, die ihm davon abraten, und sich nicht dadurch abschrecken zu lassen, daß ihm, Fjodor Michailowitsch, „der erste Pfannkuchen mißriet“ ... „Warte nur, Bruder, wir werden uns schon durchschlagen ... es ist doch unmöglich, daß wir beide nicht auf den Weg kämen ...“. Er erwähnt auch sein jüngstes Werk, das er soeben beende, sagt, daß er keine Zeit habe, den Roman „Arme Leute“ in Buchform herauszugeben, obgleich er es durch eine Druckerei auf Kredit würde machen können. „Wie schade, daß du Schillers Dramen nicht zu Ende übersetzt hast.“ Eine Randbemerkung lautet: „Erkennst du nun, was Zusammenschluß bedeutet? Wenn wir jeder für sich arbeiteten – würden wir fallen ... Aber beide zusammen und für ein gemeinsames Ziel – das ist etwas ganz anderes.“
Inzwischen bereiteten sich im Leben Fjodor Michailowitschs mehr und mehr die Ereignisse vor, denen bestimmt war, in diesem Leben eine entscheidende Erschütterung hervorzurufen.
Die Katastrophe.
In den „Hellen Nächten“[27] finden wir die folgende Schilderung:
„... Es gibt hier in Petersburg recht merkwürdige Winkel ... Es ist, als schiene in diese Winkel niemals dieselbe Sonne, die sonst für Petersburger Menschen leuchtet, sondern als komme dorthin das Licht einer anderen, einer neuen Sonne, die gleichsam nur für diese Winkel bestellt ist, und ... als schiene sie auf alles mit einem ganz anderen, einem besonderen Lichte. In diesen Winkeln ... wird gleichsam ein ganz anderes Leben gelebt, eines, das gar nicht jenem Leben gleicht, das uns sonst umgibt, sondern eines, das es in einem tausend Meilen fernen unbekannten Staate geben könnte, nicht aber bei uns, in unserer so ernsten, so überernsten Zeit ... In diesen Winkeln leben seltsame Menschen ... Wesen, die man Träumer nennt.“
In unserer Presse ist die Ansicht vertreten worden, daß Dostojewski selbst ein solcher „Träumer“ gewesen sei. Ich erlaube mir dagegen die Annahme, daß in den angeführten Zeilen eine Anspielung auf jene besondere Art von „Träumerei“ enthalten ist, die Dostojewski schließlich nach „Sibirien“ gebracht hat.
Aber schon hier verhält Dostojewski sich einigermaßen kritisch zu der rätselhaften Bevölkerung in den von ihm erwähnten Winkeln. Er sieht in ihrem Leben „eine Mischung von etwas rein Phantastischem, glühend Idealem und zugleich trüb Prosaischem und Gewöhnlichem, um nicht zu sagen: bis zur Unglaublichkeit Gemeinem“.
„Eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit,“ nennt Dostojewski später jene Jahre, die am Ende seines ersten Lebensabschnittes stehen, als auch er sich infolge von Einflüssen, denen er seit seinem ersten literarischen Hervortreten ausgesetzt war, an gewissen Zusammenkünften beteiligte ... Diese Beeinflussung geht zunächst von der bezaubernden Persönlichkeit des „großen Kritikers“ aus (Bjelinski), der Dostojewski das zu erklären suchte, was dieser, wie Bjelinski meinte, von sich aus nicht begriff. „Ich nahm damals mit Leidenschaft seine Lehre an,“ erzählt Dostojewski später, und wohl deshalb nennt er jene Zeit „eine traurige, für mich verhängnisvolle Zeit“[28]. Nach dieser klaren Aussage sind die Zweifel, ob wirklich Bjelinski es war, der Dostojewski mit den sozialistischen Lehren bekannt gemacht hat, wohl nicht mehr berechtigt. Andererseits geht aus Bjelinskis im Jahre 1847 veröffentlichtem „Überblick über die russische Literatur“ ebenso unzweifelhaft hervor, daß die Beeinflussung eine gegenseitige war: daß die Unterhaltungen mit Dostojewski ihn dazu gebracht haben, die von ihm so leidenschaftlich übernommenen antichristlichen Theorien einer Prüfung zu unterziehen und sich mit Begeisterung wenigstens über den sittlichen Einfluß des Christentums im sozialen Sinne zu äußern.
In den vierziger Jahren hatten sich in Petersburg, unabhängig voneinander, gewisse Kreise gebildet. So war einer an der Universität entstanden, und zwar war er ursprünglich als Gegengewicht zu den damals an ihr bestehenden Korporationen gedacht, die ihr Vorbild in Dorpat hatten. Das überlieferte flotte Burschenleben mit den üblichen Mensuren erschien manchen unserer jungen Leute schließlich als gar zu abgeschmackt. Man wollte lieber Lesekreise einführen, plante die Gründung einer besonderen Studentenbibliothek u. a. m. Man besuchte die Vorlesungen Poroschins, deren Gegenstand man heute „Soziologie“ nennen würde, und so kam es, daß die Studenten – allerdings nicht besonders viele – sich überhaupt für ökonomische Fragen zu interessieren begannen. Allmählich machten sie sich auf eigene Faust mit den Werken von L. v. Stein[29] und Haxthausen[30] einerseits, wie andererseits mit denen von Louis Blanc[31], Fourier[32] und Proudhon[33] bekannt. Alsbald bildeten sich solche Kreise auch außerhalb der Universität. Ihre Mitgliederschaft war nach Bestand und Zusammensetzung eine äußerst bunte. Wie es zuging, daß diese verschiedenen Kreise nach und nach einen politisch-oppositionellen Charakter annahmen, erklärt uns A. P. Miljukoff[34] folgendermaßen:
„... Für unsere damalige gebildete Jugend war es eine schwere Zeit ... In ganz Europa schien neues Leben zu keimen ... Doch in Rußland herrschte in der gleichen Zeit die schwerste Reaktion; Wissenschaft und Presse konnten unter dem harten Drucke der Regierung kaum atmen und jede Äußerung des geistigen Lebens wurde unterdrückt. Aus dem Auslande wurden eine Menge freiheitlicher Schriften eingeschmuggelt.“
Eben diese verbotene Frucht wurde schließlich zur Hauptnahrung in jenen wissenschaftlich-literarischen Kreisen. Es war nun Petraschewski, der diese Kreise, über deren Vorhandensein er unterrichtet war, für seine Pläne zu benutzen gedachte. Der Titularrat Michail Butaschewitsch-Petraschewski hatte zunächst ein Lyzeum besucht, dann (1841) sein Studium an der Universität beendet, und war schließlich im Ministerium des Äußern angestellt worden, trug aber gleichwohl – was eine für jene Zeit erstaunliche Nachsicht seiner Vorgesetzten einer solchen „Schrulle“ gegenüber bezeugt – einen Bart und einen Hut mit einer riesigen Krempe. Diesem Petraschewski nun erschien es wünschenswert, daß sich möglichst viele Kreise von der bezeichneten Art bildeten, damit sie dann von verschiedenen Seiten her ihre Propaganda machen konnten – wobei es nicht nur unnötig, sondern nicht einmal erwünscht war, daß diese einzelnen Kreise sich persönlich kannten oder auch nur um einander Bescheid wußten: es genügte vielmehr, daß er, Petraschewski, allein mit den einzelnen Kreisen in Fühlung stand und sie alle kontrollierte[35].
„Unsere Sozialisten sind aus den Petraschewzen hervorgegangen. Die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut“ – hat Dostojewski selbst einmal in seinen letzten Lebensjahren gesagt. Wie aber der Boden zur Aufnahme dieses Samens vorbereitet wurde, darauf weist Dostojewskis Frage hin: „Kann denn der russische Jüngling dem Einfluß – des fortschrittlichen europäischen Gedankens – und besonders der russischen Seite ihrer Lehren gegenüber gleichgültig bleiben? ... Eine solche russische Seite dieser Lehren gibt es tatsächlich. Sie besteht aus Schlußfolgerungen in Gestalt unerschütterlicher Axiome, wie sie nur in Rußland gezogen werden.“ Diese russischen Schlußfolgerungen aus den europäischen Lehren waren immer deren äußerste Konsequenz, waren Folgerungen, die schließlich, wie Dostojewski 1876 schreibt, „zur Verneinung Europas und seiner Kultur führten, dieser Kultur, die in vielem, in gar zu vielem der russischen Seele fremd ist.“
In der neuesten europäischen Lehre – dem Sozialismus – erfordert nach L. von Stein unsere größte Aufmerksamkeit „die Kritik der gegenwärtigen Zivilisation“ ... – „Aber diese gegenwärtige Zivilisation ist ja ... eine europäische Zivilisation,“ folgerten alsbald einzelne bei uns, „sie wurzelt ja in der europäischen Vergangenheit, in den Grundlagen der europäischen Geschichte. Bei uns aber“ – so entschlossen sich einige, weiterzudenken – „bei uns sind die Grundlagen der geschichtlichen Vergangenheit ganz andere; um so weniger Wert hat für uns diese Zivilisation, und um so mehr Wert hat für uns das, was sich gegen sie erhebt.“
So sah Dostojewski in der Geschichte unserer sozialistischen Bewegung – als einer, der zu Anfang an derselben unmittelbar beteiligt gewesen war und als tiefer Psychologe – einerseits eine rückhaltlose Hingabe an Europa, und andererseits die geheime Gegenwehr unserer russischen Natur gegen dieses Europa, das uns überwältigen wollte. In dieser Doppelseitigkeit der Beziehung liegt vielleicht die Erklärung dafür, daß die Bewegung, wie Dostojewski sagt, „sich bis heute fortsetzt und keineswegs die Absicht zu haben scheint, stehen zu bleiben ...“
Und nun – nach so viel verehrten europäischen Namen und von uns aufgenommenen Ideen – vernimmt man plötzlich von einem Manne wie Louis Blanc diesen Ausbruch des Unwillens gegen eine solche europäische Koryphäe wie Voltaire: „Non, Voltaire n’aimait pas assez le peuple“,[5] usw. Als Bjelinski das las, entfuhr ihm unwillkürlich der Ausruf: „Alle Heiligen! Das ist ja Schewyreff!“[36] Denn Bjelinski war und blieb bei all seinem Sozialismus bis an sein Lebensende ein glühender Verehrer der europäischen Kultur, weshalb ihn ein solches Urteil abstoßen mußte. Andere dagegen konnte dieser Umstand, daß Louis Blanc an „Schewyreff“ gemahnte, nur um so mehr anziehen – den einen bewußt und offen, den anderen unbewußt und in Unklarheit über sich selbst[37].
A. P. Miljukoff, der im Winter 1848 gleichfalls zu dem kleinen Kreise gehörte, der bei dem Kollegienassessor a. D. und Schriftsteller Duroff[38] zusammenkam, erzählt, daß man aus Dostojewskis Urteilen immer den Verfasser der „Armen Leute“ erkennen konnte, und daß er sich stets gegen alle Maßnahmen, die geeignet waren, irgendwie das Volk zu bedrücken, ausgesprochen habe. Als man einmal die Frage erörterte, ob die Befreiung der Bauern „von unten oder von oben kommen werde, und jemand die Ansicht äußerte, die Aufhebung der Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege sei höchst zweifelhaft, äußerte Fjodor Michailowitsch schroff, daß er an keinen anderen Weg glaube“. An diese Erinnerung schließt sich die Aussage des Leutnants der Leibjäger A. Palm[39] an, nach der Dostojewski, als die Debatte sich zu der Frage zugespitzt hatte: „Nun, wenn es sich aber zeigt, daß man die Bauern nicht anders als durch einen Aufstand befreien kann?“ mit der ihm eigenen Empfänglichkeit für jeden Eindruck ausgerufen habe: „Dann, meinetwegen, auch durch einen Aufstand!“
Überhaupt scheint der Kreis um Duroff aus recht hitzköpfigen jungen Leuten bestanden zu haben. Diese Tollköpfigkeit verleitete sie u. a. zu der unvorsichtigen Absicht, eine geheime Druckerei zwecks Vervielfältigung und Verbreitung von Reden und Schriften anzulegen, – eine Unvorsichtigkeit, mit der Petraschewski sehr unzufrieden war, da sie bei den damaligen Zensur- und Polizeiverhältnissen durchaus nicht als ein unschuldiges Unterfangen angesehen werden konnte. Im übrigen schildert der erwähnte Leutnant A. Palm in seinem Roman „Alexei Sslobodin“ nicht nur eben diesen Kreis, sondern er hat auch, wie er mir selbst sagte, der Gestalt des Sslobodin einzelne Züge des jungen F. M. Dostojewski verliehen. So finden wir in der Wiedergabe der Debatten die folgende Stelle:
„Die einen traten mutig für die Öffentlichkeit der Gerichtsverhandlungen ein; die anderen sahen das ganze Heil in der Freiheit der Presse; die dritten proklamierten das Wahlrecht“ usw. „... Da sagte Sslobodin leise und langsam: ‚Die Befreiung der Bauern wird zweifellos der erste Schritt in unsere große Zukunft sein‘. Diese Worte, die in dem ruhigen Tone einer schon längst gewonnenen und abgeklärten Überzeugung gesagt wurden, wirkten stark auf die erhitzten Streiter und versöhnten alle Meinungen.“
Und an einer anderen Stelle des Romans, wo der Streit den politischen Umschwung in Frankreich berührt, äußert Sslobodin:
„... politische Fragen interessieren mich wenig ... es ist mir, offen gestanden, ganz gleichgültig, wen sie dort bekommen – Louis Philippe oder irgend einen Bourbonen, oder meinethalben auch die Republik ... Wem ist damit geholfen? Das Volk gewinnt ein paar wohltönende Phrasen, wird auf der Liste seiner Märtyrer ein paar neue Namen hinzufügen können, und am Ende wieder dieselbe Arbeit aufnehmen, die nur dem Bourgeois einen Gewinn einbringt, – folglich wird das Leben nicht um ein Haar dadurch besser werden ... Nein, ich glaube nicht, daß dieses Spiel mit alten politischen Formen irgendwelchen Nutzen bringen kann.“
Es entspricht dies übrigens der Lehre Fouriers und stimmt mit dem überein, was Miljukoff in seinen Erinnerungen an Dostojewski berichtet. Nur seiner Bemerkung, daß Dostojewski die sozialistischen Schriftsteller zwar gelesen, sich aber kritisch zu ihnen verhalten habe, muß die Aussage von I. Desbut[40] gegenübergestellt werden, nach der Dostojewski jene Schriften gar nicht selbst studiert hat, vielmehr nur mit ihrem Inhalt durch Chanykoff[41] bekannt geworden ist.
Aus manchem geht hervor, daß Dostojewski eine Gefahr für das russische Volk nicht nur in den offiziellen Regierungskreisen sah. Wie von anderer Seite verlautet, soll er sogar zu einer unmittelbaren Annäherung an die Unzufriedenen im Volk bereit gewesen sein. „Sslobodin“ knüpft in dem erwähnten Roman von Palm Beziehungen zu der Sekte der Raskolniki an. Auch nach der Aussage eines „Petraschewzen“ (d. h. eines der in dem Fall Petraschewski Mitverhafteten) hat Dostojewski tatsächlich an eine Annäherung an die Raskolniki gedacht. Aus den Untersuchungsakten geht nur hervor, daß Dostojewski „eingesteht, sich an Gesprächen über die Möglichkeit einzelner Veränderungen und Verbesserungen beteiligt zu haben, jedoch aussagt, daß sein Vorsatz gewesen sei, die Einführung dieser Veränderungen und Verbesserungen von der gesetzmäßigen Regierung abzuwarten“. Welche Veränderungen und Verbesserungen er eigentlich anstrebte, ist nicht gesagt, aber daß sie für die meisten hauptsächlich auf die Befreiung der Bauern hinausliefen, ist aus dem Verhör Golowinskis[42] zu ersehen, der „zwar einmal in der Hitze gesagt hat, daß zu diesem Zweck jedes Mittel recht sei, im allgemeinen sich aber über die Bauernbefreiung in dem Sinne geäußert haben will, daß die Regierung diese ja kraft ihres autokratischen Rechts einfach verfügen könne“.
Nun war aber in den Augen mancher Mitglieder der Untersuchungskommission schon der Wunsch, die Bauern befreit zu sehen, ein Verbrechen, selbst wenn man die Tat von der gesetzmäßigen Regierung erwartete; und überdies mögen manche Aristokraten unter ihnen wie auch unter den Richtern sich von gewissen Gefühlen des Adels zu besonderer Strenge haben verleiten lassen, von Gefühlen, denen gerade die hierbei der Autokratie als solcher zugewiesene Machtvollkommenheit in der Frage der Bauernbefreiung unerwünscht war[43].
Dagegen hätte man an Petraschewski selbst einzelne Züge entdecken können, die geeignet waren, den Landadel zu bestechen (und vielleicht hatte es Petraschewski gerade darauf abgesehen). Eine 1848 von ihm verfaßte und bei Gelegenheit der Adelswahlen unter vielen Adligen verteilte Denkschrift war offiziell als schädlich anzusehen, da sie immerhin die Absicht verfolgte, den Adel aufzuwiegeln. Aber dieselbe Denkschrift fand bei vielen der Petraschewzen selbst nicht den geringsten Anklang – besonders bei den Offenen und Unverfälschten nicht, die unfähig zu einer Handlung waren, die man heute Opportunismus nennt.
Einer von ihnen, Kaidanoff, äußerte sich denn auch sogleich über diese Denkschrift in einem Briefe: „... ich kann mit Petraschewskis Plan nicht sympathisieren, ebensowenig mit allem, was zu Merkantilfeudalismus und zur Finanzaristokratie führt ... mich interessiert die Preissteigerung der Adelsgüter nicht im geringsten“ (davon handelte nämlich die Denkschrift), „vielmehr sollten die Preise mehr und mehr zurückgehen, damit der Staat auf diese Weise die Möglichkeit erhält, die Güter von den Gutsbesitzern zu erwerben“. Und Chanykoff rief ohne weiteres aus: „Das ist ja Verrat!“ Petraschewskis Erklärungen, er habe durch die Verquickung des agrarischen Problems mit den finanziellen Interessen des Adels zunächst nur erreichen wollen, daß auch Personen der anderen Stände das Recht zum Erwerb von Gütern mit Leibeigenen erhielten, was dann, nach seiner Meinung, die Lösung des Bauernproblems nur erleichtern konnte, – diese Erklärungen befriedigten die „Fourieristen“ ganz und gar nicht. Jedenfalls weist Petraschewski darauf hin, daß „dieses Problem (die Bauernemanzipation) nicht gelöst werden kann ohne vorhergehende Umgestaltung der Gerichtsverfassung und des Gerichtsverfahrens“. Achscharumoff[44] dagegen war der Ansicht – und soll, wie verlautet, auch Petraschewski zu ihr bekehrt haben –, daß alle diese Probleme an ein und demselben Tage gelöst werden müßten.
Auch die früheren Verschwörer hatten ein „Vorstadium“ im Auge gehabt – zunächst eine vollkommene Änderung der Regierungsform. Nicht grundlos hat Dostojewski gesagt: „Die Idee der Dekabristen war, die Autokratie zu beschränken: Lords zu werden. Sie wollten“ – das erkennt er an – „die Bauern befreien, aber ohne Zuteilung von Land“. Und natürlich wäre es auch so gekommen, wenn sie ihr „Vorstadium“ erreicht hätten.[45]
Zur Kennzeichnung des Unterschiedes der Stellungnahme Petraschewskis sei hier angeführt, wie in dem von ihm (unter dem Pseudonym Kirilloff) herausgegebenen Fremdwörterbuch das Wort „Konstitution“ erklärt ist, – wobei dahingestellt bleiben muß, ob die Erklärung von ihm selbst oder von seinem Mitarbeiter, dem verstorbenen Walerian Maikoff, verfaßt wurde:
„Konstitution: diese Regierungsform war in den westlichen Staaten die Folge einer starken Ständeentwicklung ... Ihre Anhänger behaupten, sie gründe sich auf das Recht jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, an der Verwaltung jenes Ganzen, wovon er ein Teil ist, mitbeteiligt zu sein; doch in der Praxis ist dieser Grundsatz in großen Staaten nicht zu verwirklichen. Überall zwingt die Notwendigkeit, die Zahl der Personen zu begrenzen, die das Recht haben, einen Abgeordneten einer Provinz oder eines Standes zu wählen. Da aber das einzige Maß, an das man sich überall hält, die Größe des Besitzes des Staatsbürgers ist, so ist diese gepriesene Regierungsform in der Praxis nichts anderes als eine Aristokratie des Reichtums ... Die Anhänger der Konstitution vergessen, daß der Charakter des Menschen nicht im Besitz, sondern in der Persönlichkeit enthalten ist, und daß sie, indem sie die politische Macht der Reichen über die Armen anerkennen, damit die größte Despotie verteidigen. 200000 Reiche, die 33 Millionen Unbemittelte und Arme regieren, ist dasselbe wie die Kaste der atheniensischen oder römischen Bürger, die in Luxus und Wohlleben schwelgten, indem sie die Persönlichkeit von Millionen von Menschen niedertraten.“
Merkwürdigerweise findet sich eine Art „Vorstadium“ auch bei dem Gegner der Dekabristen, Karamsin: für ihn lag es in der Volksbildung und ging zurück auf Rousseaus „Zuerst muß man die Seelen befreien, dann die Leiber“. So haben denn bei uns die Anhänger verschiedener Richtungen die Notwendigkeit eines sogenannten „Vorstadiums“ anerkannt.
Doch daran dachten die „Durowzy“, zu denen auch Dostojewski gehörte, ganz und gar nicht, wie es auch die Folgerichtigen der „Fourieristen“ nicht taten, und wie daran im XVIII. Jahrhundert auch Radischtscheff[46] nicht gedacht hat (deshalb hat sich wohl auch unsere junkerlich-bürokratische Opposition an ihm, dem schon längst Verstorbenen, gerächt, indem sie in einer Zeit, als die Bauern bereits befreit waren, seine Werke offiziell verbrannte).
Ich erwähne das alles, weil ich es für notwendig halte, den Standpunkt Dostojewskis sowie vieler anderer unter den „Petraschewzen“ von dem Standpunkt desjenigen Mannes abzusondern, der dem ganzen Prozeß den Namen gegeben hat: Petraschewskis selbst. Dostojewski hatte alle Ursache zu sagen, der Inhalt des in Leipzig erschienenen kleinen Buches „Über die Propagandagesellschaft“ sei zwar „richtig, aber nicht vollständig. Ich sehe da nicht meine Rolle ...“ „Viele Umstände,“ fügt er hinzu, „sind der Darstellung vollständig entglitten; die ganze Verschwörung ist in dieser Darstellung verschwunden.“
In der Tat, wenn es in dem Bericht der Geheimpolizei heißt, daß es sich „hierbei weniger um eine kleine, abgesonderte Verschwörung handle, als um den allumfassenden Plan einer allgemeinen Bewegung des Umsturzes und der Zerstörung“, so geht doch aus der Sache selbst hervor, daß eine Verschwörung eigentlich gar nicht vorhanden war, und zwar „infolge der Verschiedenheit der Anschauungen der Beteiligten“. Petraschewski leitete sie gewissermaßen an. Gleichwohl war er vielen von ihnen recht unsympathisch. In der Erinnerung Dostojewskis hat sich aber augenscheinlich die Empfindung erhalten, daß in der Absicht eine Verschwörung bereits bestand – will sagen bevorstand, d. h. in der Zukunft sicher war. Sie ging allem Anscheine nach aus der allgemeinen Unzufriedenheit hervor, und diese Unzufriedenheit war schließlich das Hauptbindemittel zwischen den einzelnen Vertretern der „Propagandagesellschaft“, wie die ganze Bewegung in dem Leipziger Büchlein sehr richtig benannt worden ist. Man beabsichtigte, Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung der Dinge überall zu propagandieren, zunächst in den Lehranstalten, sodann Beziehungen anzuknüpfen überall dort, wo schon Unzufriedenheit herrschte – also Beziehungen zu den Raskolniki und zu den leibeigenen Bauern.
Und nun berichtet uns Ippolit Desbut, daß den Mitgliedern der verschiedenen Kreise die leidenschaftliche Natur Dostojewskis als für die Propaganda besonders geeignet erschien, da er auf die Zuhörer einen hinreißenden Eindruck machte.
„Ich sehe Fjodor Michailowitsch noch vor mir,“ berichtet Desbut, „und glaube noch jetzt zu hören, wie er bei Petraschewski von einem Feldwebel erzählt, der sich an seinem Kommandeur für seine und seiner Kameraden barbarische Behandlung gerächt hatte und dafür Spießruten laufen mußte; oder wenn er schilderte, wie Gutsbesitzer mit ihren Leibeigenen umgehen ... Nicht minder lebendig habe ich in der Erinnerung, wie er seine Geschichte von der ‚Njetotschka Neswanowa‘ erzählte – viel ausführlicher, als sie im Druck erschienen ist; und ich weiß noch, mit wie lebendig empfundener Menschlichkeit er sich auch damals zu jenem öffentlichen ‚Prozentsatz‘ verhielt, als dessen Verkörperung später seine Ssonetschka Marmeladowa erschien“ (natürlich nicht ohne Einfluß der Lehre Fouriers). „Begreiflicherweise wurde Dostojewski deshalb auch von den ‚Fourieristen‘ besonders geschätzt, und gerne hätten sie ihn unter den Ihrigen gesehen. Die Möglichkeit, ihn zu sich hinüberzuziehen, war nicht ausgeschlossen bei seiner Empfänglichkeit für Eindrücke und seiner noch unfesten Stellungnahme.“
Nach der Aussage Speschnjoffs hat Petraschewski auf Fjodor Michailowitsch dadurch einen abstoßenden Eindruck gemacht, daß er gottlos war und sich über den Glauben lustig machte. Er sei auch nicht oft zu Petraschewski gekommen.
Wie wir schon sahen, hätte Petraschewski es nicht verschmäht, als Mittel zum Zweck auch „merkantile und feudale Instinkte“ auszunutzen, und einzelne der Propagandisten waren bereit, zwecks Erhöhung der Unzufriedenheit den Pauperismus zu verbreiten (wenn man dem Bericht der Geheimpolizei trauen darf) – oder sie haben in den Verhören über die eigenen Gefährten falsche, belastende Aussagen gemacht: vermutlich um das Ganze als weit gefährlicher darzustellen, als es war, und um die Regierung zu erschrecken oder einzuschüchtern. Diesen Elementen aber standen andere gegenüber, die bezüglich der Mittel und Wege sittlich wählerischer waren, und zu diesen gehörte zweifellos Dostojewski.
Ganz abgesehen von seiner persönlichen Antipathie gegen Petraschewski, hat er schon damals darauf hingewiesen, daß alle diese sozialistischen Theorien für Rußland gar keinen Wert hätten, daß bei uns in der Dorfgemeinde (Mir), der Einrichtung der Genossenschaft (Artel) und der gegenseitigen Bürgschaft schon längst Grundlagen geschaffen seien, die sicherer und natürlicher waren als alle Träume Saint-Simons und seiner Schule. Später hat er seine eigene Richtung einen „Christlichen Sozialismus“ genannt, – aber schon damals haben sich an ihm, wie uns Miljukoff berichtet, die ersten Anzeichen von Slawophilentum bemerkbar gemacht. Nur vollzog sich die weitere Entwicklung dieser ersten Ansätze sowie ihr schließlicher Sieg über die aufgepfropften Theorien, wie Dostojewski 1873 selbst sagt, „nicht so schnell, sondern allmählich und erst nach längerer Zeit.“[47]
Doch diese ganze Besonderheit der Richtung Dostojewskis ist in den Untersuchungsakten mit keinem Worte erwähnt. Nur von A. Palm heißt es, daß aus seinen Schriften „eine große Liebe zu Rußland“ zu ersehen sei.
Von den Petraschewzen selbst verhielten sich einzelne sogar feindlich zu den Slawophilen. Toll[48] meinte: „... ihre Gesellschaft baut sich auf den dümmsten Grundsätzen auf, denn sie verneint die Verdienste Peters des Großen ... Die Regierung verfolgt sie, weil sie daran denken, einen Staat von der Art, wie er im mittelalterlichen Nowgorod bestand, einzuführen, mit einem Wjetsche“ (beratende Volksversammlung) „und mit Statthaltern“. Und A. Pleschtschejeff[49] schreibt aus Moskau von den Führern der Slawophilen: Chomjäkoff sei „ein Mensch ohne ernste Überzeugungen“, und Akssakoff „ein Fanatiker, der einen Bart bis zu den Knieen trägt, wie in der Sage Zar Berendei, dazu altrussischen Kittel, die Hosen in die Stulpstiefel gesteckt, fast täglich in die Kirche geht und alles für Sünde hält, auch das Theater, auch die Literatur (!!).“ Ja, es ist möglich, daß Pleschtschejeff gerade deshalb, weil er um das Vorhandensein gewisser slawophiler Keime in Dostojewski wußte, sich beeilte, ihm aus Moskau eine Abschrift des berühmten Briefes von Bjelinski an Gogol zu senden. In diesem Brief Bjelinskis an den religiös gewordenen Gogol sah man damals geradezu ein Manifest des siegenden Westlertums.
Dostojewski, der mit sehr vielem in Gogols Briefen ebensowenig zufrieden war, wie die bekannten Slawophilen, und der ihre Unzufriedenheit mit den Anschauungen Gogols über die Leibeigenschaft vollkommen teilte, las diesen Brief Bjelinskis bei Petraschewski mit ganzer Sympathie vor: und eben dies wurde nun zu einem der Hauptpunkte der Anklage gegen ihn (in den Akten wird dieser Brief bezeichnet, als „ein Schreiben voll von frechen Ausdrücken gegen die rechtgläubige Kirche und die oberste Macht“).
An dem betreffenden Abende war auch I. L. Jastrshemski[50] anwesend und hörte Dostojewski zum ersten Male vorlesen. Er erinnert sich lebhaft des starken Eindrucks, den die angenehme Stimme Dostojewskis auf ihn machte. „Er war ein Meister im Vorlesen“ bezeugt er. „Doch diese Vorlesung war der Grund, weshalb Dostojewski verurteilt wurde, und auch ich, weil ich zu den in dem Briefe ausgesprochenen Gedanken Beifall und Zustimmung geäußert und sogar mit dem Kopfe genickt hatte.“
Dostojewski hat selbst noch auf eine andere gegen ihn erhobene Anklage hingewiesen, auf die aber in dem Material, das von der Untersuchungskommission veröffentlicht worden ist, keine Hinweise zu finden sind.
„Ich bin unter anderem auch dafür verurteilt worden, daß ich gesagt hatte, Rußland diene der Politik Metternichs.“ Dieser Ausspruch wird zweifellos gleichfalls mit seinen frühen slawophilen Neigungen in Verbindung gestanden haben.
Wenn aus den Akten überhaupt nicht zu ersehen ist, daß die in ihnen erwähnte Verschiedenheit in den Anschauungen der Petraschewzen zum Teil auf den Unterschied zwischen zwei Typen hinauslief – auf die Westler einerseits und die Selbständigen oder Slawophilen andererseits –, auf Typen, die sich damals schon in ihren Anfängen zu unterscheiden begannen, so ist man sich über ihre religiösen Anschauungen noch weniger klar gewesen: in der Beziehung sind alle übereinstimmend als nicht religiös oder sogar als antireligiös dargestellt. In Wirklichkeit war nur Petraschewski ein Atheist. Wenn man den Akten folgen will, so hätten Toll, Achscharumoff u. a. sich „feuerbachisch“ zur Religion verhalten. Dagegen wissen wir, daß z. B. Duroff und Dostojewski unbedingt religiös waren, ersterer nach Dostojewskis Worten sogar „bis zur Lächerlichkeit“. Derselbe Duroff soll, nach Dostojewski, „klug, doch nach einer Seite hin auch gutmütig“ gewesen sein, nach Jastrshemski: „von großer Zartheit, sowohl seelisch wie physisch, dabei in Pflege und Verzärtelung aufgewachsen“. Das alles erinnert natürlich wenig an einen Verschwörer. Dagegen bemerkt ein Bekannter Speschnjoffs[51], daß nach dem Äußeren der echte Typ des Verschwörers in Dostojewski zu sehen gewesen sei: er war schweigsam, sprach mit Vorliebe unter vier Augen und war eher verschlossen als aufrichtig. Zudem wirkte er – nach Speschnjoff – niemals eigentlich jung, da er krank aussah (dabei war er damals erst 27 Jahre alt). Ähnlich schildert ihn auch Jastrshemski: „er war still, bescheiden, anscheinend ein sehr angenehmer und liebenswerter junger Mann. Seinem Gesicht sah man Kränklichkeit an. Er sprach wenig und immer leise.“ Wir alle sahen in ihm einen weichen, nervösen Menschen, fähig der zartesten Empfindungen. In vertraulichem Gespräch konnte man in ihm stets den Verfasser der ‚Njetotschka Neswanowa‘ erkennen. Doch dieser selbe stille und bescheidene Mensch war imstande, wie Desbut sagt, seinen Reden ein erschütterndes Pathos zu geben.
Seit wann waren denn nun diese „Verschwörer“ bei uns aufgekommen, oder wie Dostojewski sie in seinen „Hellen Nächten“ nennt, diese „Träumer“?
Wenn man den Angaben der Geheimpolizei folgen will, so hat es die „Propagandagesellschaft“ bereits im Jahre 1842 gegeben. Doch die Aussagen im Prozeß bezeugen übereinstimmend, daß man erst Ende des Jahres 1845 bei Petraschewski zusammenkam. Dostojewski hat diese Abende drei Jahre lang, also seit dem Winter 1846 besucht, wenn auch nur ziemlich selten. Somit gehörte er zu den älteren Besuchern, da die meisten erst seit 1848 kamen. Im Winter 1846–47 hatte auch Leutnant N. Mombelli[52] solche Zusammenkünfte eingeführt, Kaschkin[52] seit Ende 1848, Duroff aber erst seit dem März 1849. Briefe von Dostojewski aus dieser wichtigsten Zeit, von 1846–49, haben sich nicht erhalten, d. h. es ist sehr möglich, daß sie mit Absicht vernichtet worden sind. Wie mir N. Mombelli mündlich mitteilte, hatte man bei Petraschewski nach und nach das Verfahren eingeführt, daß die Debatten über die Referate (u. a. über den Atheismus, über die Bauernreform und ähnliche) von einem Präsidenten geleitet wurden.
Nun sollte man meinen, daß all dies schon längst die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich hätte lenken müssen – besonders in jener Zeit. Die Verzögerung lag aber zum Teil daran, daß die Polizei ein ganzes Jahr lang vergeblich einen passenden Spion suchte, d. h. einen, der, wie der Chef der Geheimpolizei Liprandi schreibt, „nicht nur auf der Bildungsstufe der versammelten Gesellschaft stand, sondern auch über das Vorurteil erhaben war, das in dem Ruf eines Angebers so ungerechterweise ... einen Schandfleck sieht. Solche Agenten findet man nicht für Geld“. Schließlich aber fand man doch so einen „über das Vorurteil Erhabenen“ in dem Sohn eines Künstlers, Antonelli, der die Petersburger Universität besucht hatte und, gleich Petraschewski, eine Anstellung im Auswärtigen Amt hatte. Dieser Antonelli erschien nun vom 11. März bis 15. April jeden Freitag bei Petraschewski. Wie Dostojewski später erzählte, hätten sie alle, als Antonelli zum ersten Male auftauchte, sofort gewußt, daß es ein Spion sei, und dies auch Petraschewski gesagt; und als Antonelli sie zu sich einlud, habe niemand der Einladung Folge geleistet.
Allem Anscheine nach hat ein am 7. April zu Ehren Fouriers veranstaltetes Diner den letzten Anlaß zur Verhaftung der Petraschewzen gegeben. Dostojewski hat an diesem Diner nicht teilgenommen.
Wie er verhaftet wurde, erzählt er später – 1860, bereits nach seiner Rückkehr aus Sibirien – nicht ohne einen gewissen Humor. Er hat diesen Bericht der Tochter seines Freundes A. P. Miljukoff ins Album geschrieben:
„Am 22., oder richtiger gesagt, am 23. April (1849) kam ich gegen halb vier Uhr morgens von Grigorjeff nach Hause, legte mich zu Bett und schlief sofort ein. Nicht später als nach ungefähr einer Stunde merkte ich, noch im Schlaf, daß in mein Zimmer irgendwelche verdächtige und jedenfalls ungewöhnliche Besucher eingedrungen waren. Es klirrte plötzlich ein Säbel, der an irgend etwas anstieß. Sonderbar! Was hatte das zu bedeuten? Mit Anstrengung schlage ich die Augen auf und höre eine weiche, freundliche Stimme: ‚Stehen Sie auf!‘ – Ich sehe: ein Polizeioffizier? ein Pristaw – jedenfalls ein Polizeimensch mit einem hübschen Backenbart. Doch nicht er hatte gesprochen: gesprochen hatte ein Herr in hellblauer Uniform mit Oberstleutnants-Epauletten.
„‚Was ist geschehen?‘ fragte ich, mich aufrichtend.
„‚Auf Befehl.‘ ... – Ich sehe: Tatsächlich ‚auf Befehl‘. In der Tür stand ein Soldat, gleichfalls in Hellblau. Sein Säbel war es, der geklirrt hatte.
„‚Aha! also das ist es,‘ dachte ich ...
„‚Ja erlauben Sie mir ...‘ begann ich.
„‚Macht nichts, macht nichts! kleiden Sie sich nur an. Wir warten so lange,‘ fügte der Oberstleutnant mit noch freundlicherer Stimme hinzu. – Während ich mich also ankleidete, verlangten sie von mir meine Bücher und begannen zu suchen; – sie fanden nicht viel, aber sie durchwühlten alles. Die Papiere und Briefe banden sie sorgfältig mit einem Schnürchen zusammen. Der Pristaw legte hierbei viel Umsicht an den Tag; er steckte die Nase in meinen Ofen und scharrte mit meinem Pfeifenrohr in der alten Asche herum. Der Gendarmerieunteroffizier stieg auf seinen Wunsch auf einen Stuhl und versuchte, auf den Ofen zu klettern, glitt aber vom Gesimse ab, fiel mit einem Krach auf den Stuhl und dann mit dem Stuhl auf den Fußboden. Da waren denn die scharfsinnigen Herren überzeugt, daß sich auf dem Ofen nichts befand. Aber auf dem Tisch lag ein Fünfkopekenstück, ein altes, verbogenes. Der Pristaw betrachtete es aufmerksam und gab dem Oberstleutnant mit einer Kopfbewegung einen Wink.
„‚Ist’s am Ende eine falsche Münze?‘ fragte ich.
„‚Hm ... Das muß man noch untersuchen‘ ... brummte der Pristaw und erledigte die Frage zunächst damit, daß er auch die Münze den anderen beschlagnahmten Sachen hinzufügte.
„Wir traten hinaus. Uns begleiteten die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der zwar auch sehr erschrocken zu sein schien, aber mit einer gewissen stumpfen Feierlichkeit, wie sie dem Ereignis angemessen war, dreinschaute; übrigens – einer nicht gerade festtäglichen Feierlichkeit. Vor dem Hause hielt eine Kutsche, in die stieg zuerst der Soldat ein, dann ich, dann der Pristaw und der Oberstleutnant. Wir fuhren zur Fontanka, zur Kettenbrücke am Sommergarten. Dort gab es ein großes Kommen und Gehen von vielen Menschen. Ich sah eine Reihe von Bekannten. Alle waren verschlafen und schweigsam. Irgend ein Herr, ein Zivilbeamter, doch von hohem Rang, besorgte den Empfang ... ununterbrochen kamen hellblaue Herren mit neuen Opfern herein. – ‚Da hast du nun, Mütterchen, den Georgstag!‘[53] sagte mir jemand ins Ohr. Der 23. April war ja richtig Georgi! Nach und nach umringten wir den hochgestellten Herrn, der eine Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste war vor den Namen Antonelli mit einem Bleistift geschrieben: ‚Agent in der aufgedeckten Sache‘.
„‚Also Antonelli,‘ dachten wir.
„Man verteilte uns in den Räumen, um uns auseinander zu halten, und wartete auf den endgültigen Bescheid, wo man einen jeden unterbringen sollte. In dem sogenannten weißen Saal befanden sich siebzehn von uns. Da kam Leonti Wassiljewitsch herein.“ (Dubbelt, der Untersuchungsrichter.) „Doch hier breche ich lieber ab. Das ist zu lang zum Erzählen. Ich versichere nur noch, daß Leonti Wassiljewitsch ein überaus angenehmer Mensch war.“
Irrtümlicherweise hatte man statt Michail Michailowitsch, der nach Quittierung seines Dienstes nach Petersburg übergesiedelt war, den jüngeren Bruder Andrei, der in Petersburg Architektur studierte, mit verhaftet.
Auch ihn hatten Gendarmen und Polizeileute geweckt und in die Dritte Abteilung Seiner Majestät Privatkanzlei (d. h. auf die Geheimpolizei) gebracht.
Dort fand er im Saal schon ungefähr zwanzig andere vor, – erzählt Andrei Michailowitsch in seinen Aufzeichnungen von diesem Erlebnis und der Haft in der Peter-Paulsfestung. – Sie unterhielten sich laut wie Bekannte unter einander; die einen verlangten Tee, die anderen Kaffee. „Plötzlich sehe ich meinen Bruder Fjodor, der eilig auf mich zukommt:
„‚Warum bist du hier, Bruder?‘ fragte er mich, aber da kamen schon zwei Gendarmen: und wir wurden in verschiedene Säle geführt.
„Den ganzen 23. April verbrachten wir fast bis zur Nacht in der Dritten Abteilung[54]. Das war ein Tag quälender Ungewißheit. Man verteilte uns zu 8 oder 10 in den verschiedenen Sälen. Gegen Mittag erschien der Chef der Gendarmerie, Fürst Orloff, und hielt eine kurze Ansprache an die Verhafteten, des Inhalts, daß wir durch unser Verhalten die Regierung gezwungen hätten, uns der Freiheit zu berauben; nach sorgfältiger Prüfung der Angelegenheit werde das Gericht das Urteil über uns fällen, doch die letzte Entscheidung hinge von der Gnade Seiner Kaiserlichen Majestät ab.
„Man gab uns Tee, ein Frühstück, Kaffee, ein Mittagessen, kurz, wir wurden glänzend versorgt.“ Das bestätigen auch die Aussagen der anderen, denen sogar Zigarren angeboten worden sein sollen. „Gegen 11 Uhr abends begann man, uns einzeln aufzurufen. Keiner, der hinausgegangen war, erschien wieder. Schließlich wurde auch ich hinausgerufen und in das Kabinett zu Dubbelt geführt. Der frug mich nach meinem Namen und befahl mir, dem Herrn Leutnant zu folgen, der sich mit einem Gendarmen und mir in die Kutsche setzte ... Sonderbarerweise kam es mir gar nicht in den Sinn, daß man mich nach der Festung bringen könnte.“ Erst als sie dort anlangten, wurde ihm klar, um was es sich handeln mochte. Das Zimmer, in das man ihn führte, war kaum-kaum erhellt: von einer kleinen Tranlampe, die auf einem hohen Vorsprung über dem Fenster stand. Dieses Zimmer erwies sich als sehr feucht, so daß der Festungskommandant am nächsten Morgen bei seinem Rundgange sagte: „Ja, hier ist es nicht schön, ganz und gar nicht schön, – man muß sich beeilen.“ Mit diesen letzten Worten hatte er wohl nur sagen wollen, daß man sich mit der Instandsetzung der neuen Kasematten beeilen müsse – was Andrei Michailowitsch sich damals freilich nicht so zu deuten verstand. Auf seine Frage: ‚Weshalb bin ich verhaftet worden?‘ antwortete ihm der Kommandant: „Das wird man Ihnen beim Verhör erklären.“
„Und von nun an,“ erzählt Andrei Michailowitsch weiter, „verlief mein Leben von einem Tag zum anderen in vollkommenem Nichtstun. Weder Bücher, noch Schreibpapier! Die einzige Zerstreuung bestand darin, daß die Tür meiner Kasematte sich fünfmal am Tage öffnete: um 7 Uhr morgens, wenn man das Waschwasser brachte und aufräumte; um 10 Uhr, wenn die Vorgesetzten ihren Rundgang machten – fast immer der Kommandant in eigener Person; um 12, wenn man das Essen brachte (Kohl- oder eine andere Suppe mit bereits kleingeschnittenem Rindfleisch[55] und einen Brei; Brot so viel man wollte); um 7 Uhr abends, wenn man das Abendbrot brachte (eine warme Speise); und schließlich, wenn es dunkel wurde, um das Tranlämpchen aufs Fenster zu stellen.“
So vergingen zehn Tage. Erst am 2. Mai kam der jüngere Dostojewski vor die Untersuchungskommission, und es stellte sich heraus, daß er von der ganzen Angelegenheit in der Tat nichts wußte. Ihm half besonders, daß er auf die Frage nach Butaschewitsch-Petraschewski, im Glauben, es handele sich um zwei Personen, ganz naiv antwortete: „Nein, Petraschewski kenne ich nicht, aber wie nannten Ew. Exzellenz den anderen?“
Daraufhin ließ ihn der Kommandant aus der feuchten Kasematte in einen neuen Raum führen und schließlich nahm er ihn bis zur Erledigung aller Formalitäten sogar in seine Privatwohnung. Der Irrtum hatte sich aufgeklärt, und in der Nacht vom 5. zum 6. Mai wurde Michail Michailowitsch verhaftet, worauf man dann erst, am 6. Mai, Andrei Michailowitsch entließ.
Über die Haltung seines älteren Bruders während der Haft schreibt Fjodor Michailowitsch im Jahre 1876 gelegentlich der Zurückweisung einzelner versteckter Vorwürfe in einer privaten Angelegenheit des Verstorbenen:
„Mein Bruder war weder an der organisierten Geheimgesellschaft Petraschewskis, noch an der Duroffs beteiligt. Aber er hatte die Abende bei Petraschewski besucht und aus der gemeinsamen geheimen Bibliothek, die sich im Hause Petraschewskis befand, Bücher entliehen. Er war damals Fourierist und studierte mit Leidenschaft dessen Lehre. Das war bekannt geworden. So konnte er sich während dieser zwei Monate seiner Haft durchaus nicht für ungefährdet halten oder damit rechnen, daß man ihn entlassen werde. Ja, er konnte sogar, wenn nicht Sibirien, so doch die Verbannung nach einer fernen Gegend Rußlands erwarten ... dabei hatte er eine Frau und drei kleine Kinder, die er zärtlich liebte und die gänzlich mittellos zurückgeblieben waren. Ich kann mir denken, was er in diesen zwei Monaten durchgemacht hat. Indessen hat er sich nicht zu den geringsten Angaben, die andere hätten bloßstellen können, verleiten lassen, um dadurch sein eigenes Los zu erleichtern, obgleich er manches hätte aussagen können; denn wenn er auch selbst nicht beteiligt war, so war er doch von manchem unterrichtet. Ich frage nun: hätten viele an seiner Stelle so gehandelt? Ich stelle kühnlich diese Frage, denn ich weiß, was ich sage. Ich weiß und habe gesehen, als was sich Menschen in solchen Unglücksfällen erweisen, und urteile darüber nicht etwa abstrakt.“
Außer Andrei und Michail Michailowitsch wurden von den im ganzen 34 Verhafteten noch andere entlassen. Es blieben 23: der Titularrat Michail Butaschewitsch-Petraschewski (27 Jahre alt); der Gutsbesitzer aus dem Gouvernement Kursk Nikolai Speschnjoff (28 Jahre alt); der Leutnant des Moskauer Leibgarderegiments N. Mombelli (27 Jahre alt); der Leutnant des Gardegrenadierregiments N. Grigorjeff (27 Jahre alt); der Stabskapitän des Gardejägerregiments F. Lwoff (28 Jahre alt); der Student der Petersburger Universität P. Filippoff (24 Jahre alt); der im Asiatischen Departement angestellte Kandidat d. Petersb. Universität D. Achscharumoff (26 Jahre alt); der Student A. Chanykoff (24 Jahre alt); die im Asiatischen Departement angestellten Brüder Konstantin Desbut (38 Jahre alt) und Ippolit Desbut (25 Jahre alt); der gleichfalls dortselbst angestellte N. Kaschkin (20 Jahre alt); der Kollegien-Assessor a. D. und Schriftsteller S. Duroff (33 Jahre alt); der Ingenieur-Leutnant a. D. und Schriftsteller F. M. Dostojewski (27 Jahre alt); der unbeamtete Adlige und Schriftsteller A. Pleschtschejeff (23 Jahre alt); der im Justizministerium beamtete Titularrat W. Golowinski (20 Jahre alt); der Lehrer an der Hauptingenieurschule F. Toll (26 Jahre alt); der Gehilfe des Inspektors an dem Technologischen Institut I. Jastrshemski (34 Jahre alt); der Leutnant des Garde-Jäger-Regiments A. Palm (27 Jahre alt); der im Ministerium des Inneren angestellte Titularrat K. Timkowski (35 Jahre alt); der Kollegiensekretär A. Jewropéus (22 Jahre alt); der Kleinbürger P. Schaposchnikoff (28 Jahre alt); der Sohn eines Ehrenbürgers W. Kateneff (19 Jahre alt); der Leutnant a. D. R. Tschernosswitoff (39 Jahre alt).
Ein so gemischter Bestand der Gesellschaft gab der Polizei den Anlaß zu folgenden Erwägungen: „Die gewöhnlichen Verschwörungen pflegen aus gleichartigen oder gleichgestellten Mitgliedern zu bestehen – z. B. waren an der Dezemberverschwörung 1825 ausschließlich Adlige, und zwar vornehmlich Offiziere beteiligt. Hier dagegen, bei dieser Verschwörung, gab es neben Gardeoffizieren und Beamten des Ministeriums des Auswärtigen, Seite an Seite mit ihnen, Studenten, die die Universität nicht beendet hatten, gab es kleine Künstler, Kaufleute, Kleinbürger, sogar Händler, die sonst Tabak verkauften. Augenscheinlich begann man hier an einem Netz zu spinnen, das die ganze Bevölkerung umfassen und demgemäß nicht nur an einer Stelle, sondern überall ausgelegt werden sollte.“
Die Petraschewzen selbst zogen die Parallele mit den Dezembermännern in einem anderen Sinne: „Deren Vergehen waren wichtiger,“ sagten sie sich während ihrer Einzelhaft in der Festung, „da sie ins Heer eindrangen und über Kanonen und Gewehre verfügten.“ So hat Dostojewski gedacht. Speschnjoff aber hatte sich gesagt: „Die Dekabristen kämpften auf der Straße und auf den Plätzen, wir aber haben nur in einem Zimmer miteinander gesprochen.“ Dennoch sagt Dostojewski später aus, daß eine ganze Verschwörung vorgelegen habe, mit allem, was auch zu den späteren Verschwörungen gehörte, außer den Attentaten.
Von den Vorsitzenden der Untersuchungskommission wird mancherlei berichtet. Sie bestand, unter dem Vorsitz des Festungskommandanten General Nabokoff, aus dem Fürsten Dolgorukoff, Generalleutnant Dubbelt, Fürsten Gagarin und General Rostowzeff. Dubbelt soll den politischen Verbrechern alle möglichen Erleichterungen verschafft haben. Fürst Gagarin soll sich bei den Verhören ganz ungezwungen und wohlwollend verhalten und gesagt haben, auch er habe sich mit den Lehren Fouriers beschäftigt, er müsse aber darauf bestehen, daß nach dem Jahre 1848 ein solcher Schriftsteller nicht mehr für unschädlich gehalten werden könne. Im übrigen habe er den Angeklagten geraten, zu bereuen und alles freimütig einzugestehen. Doch Desbut beispielsweise hat nicht das geringste eingestanden und nicht einmal die Tatsache zugegeben, daß Dostojewski jenen Brief Bjelinskis vorgelesen hatte.
Wie Dostojewski sich erinnert, hat General Rostowzeff ihn aufgefordert, den ganzen Sachverhalt zu erzählen. Dostojewski gab statt dessen auf alle Fragen der Kommission nur ausweichende Antworten. Da soll sich nun Rostowzeff mit folgenden Worten an ihn gewandt haben: „Ich kann es nicht glauben, daß derselbe Mensch, der das Buch ‚Arme Leute‘ geschrieben hat, mit diesen lasterhaften Menschen eines Sinnes gewesen ist. Das ist unmöglich. Sie sind in die Sache nicht allzu verwickelt, und ich bin ermächtigt, Sie im Namen des Kaisers der Begnadigung zu versichern, wenn Sie sich bereit finden, den ganzen Hergang zu erzählen.“
„Ich schwieg,“ erzählte Dostojewski.
Da wandte sich Generalleutnant Dubbelt mit einem Lächeln zu Rostowzeff:
„Ich habe es Ihnen ja gesagt.“
Und Rostowzeff sprang auf – „Ich kann Dostojewski nicht mehr sehen!“ – damit stürzte er aus dem Zimmer und schloß die Tür mit dem Schlüssel hinter sich zu. „Ist Dostojewski noch da?“ fragte er dann von dort aus eine Weile später. „Sagen Sie mir, wenn er hinausgegangen ist, – ich kann ihn nicht sehen.“ Dieses Gebaren machte auf Dostojewski den Eindruck des Unechten.
Speschnjoff hat von seiten des Vorsitzenden der Untersuchungskommission die Bemerkung hervorgerufen: „Ich höre hier nur Phrasen und Phrasen, aber ich sehe keine Tat.“ Derselbe Speschnjoff hat dem jungen Kaschkin zugeflüstert: „Sagen Sie, daß Sie mich nicht kennen,“ – offenbar, um diesen ohnehin nur wenig in die Sache verwickelten Angeklagten noch mehr von ihr abzusondern. Speschnjoff wußte, daß man in ihm selbst einen der Hauptbeteiligten sah. Dagegen hat er über zwei andere, die er für bereits stark bloßgestellt hielt, doch einiges ausgesagt, und dasselbe hat, wenn man den Akten trauen darf, auch Petraschewski getan. Ich nehme an, daß beide damit die Sache als gefährlicher hinstellen wollten, um die Vertreter der Regierung zu verblüffen. Speschnjoff schließt mit den Worten: „Jetzt habe ich meine Pflicht erfüllt. Das war meine ganze Beichte. Ich bin schuldig und man muß mich strafen.“ Jedenfalls klingt aus diesen Worten schon etwas wie eine Erkenntnis der eigenen Schuld. Dasselbe ist auch bei manchen anderen der Fall. Einer von ihnen nennt sich sogar einen „verabscheuenswerten Liberalen“. Ein anderer bittet den Kaiser um Gnade, er sei verirrt gewesen, ein dritter glaubt, die Verzeihung nicht verdient zu haben, und ein vierter bittet nur um die Möglichkeit, unserem gemeinsamen Vater auf Erden beweisen zu können, daß er in ihm noch einen treuen Sohn finden werde. Ob sie wirklich ehrlich bereuten oder nur, weil sie sahen, daß sie sich zwecklos ins Unglück gebracht hatten, mag dahingestellt bleiben.
Anders verhält es sich mit Dostojewski, wenn er in seiner Rechtfertigungsschrift[56] von sich sagt, er sei weder ein Freidenker, noch ein Gegner der Selbstherrschaft gewesen und bekenne sich zu keinem der sozialistischen Systeme, da er überzeugt sei, daß ihre Anwendung nicht nur in Rußland, sondern selbst in Frankreich die Menschen unfehlbar ins Verderben führen werde.
Auch wenn Jastrshemski sich einen „überzeugten Monarchisten“ und gleichzeitig einen „überzeugten Anhänger der Lehre Fouriers“ nennt, so ist das nicht so unvereinbar, wie es scheinen mag und zweifellos auch den Mitgliedern der Untersuchungskommission erschienen ist. Sie wußten natürlich nicht, daß Fourier sich mit einem Schreiben einmal tatsächlich an Kaiser Alexander I. gewandt hatte, in dem er auf die Selbstherrschaft als auf das zuverlässigste Mittel zur Durchführung einer radikalen sozialen Reform hinwies. Erinnern wir uns auch jenes absprechenden Urteils über Konstitution in dem von Petraschewski herausgegebenen Fremdwörterbuch.
Ich komme auf Dostojewski zurück und bemerke, daß in seiner Rechtfertigungsschrift in manchen Äußerungen doch schon der Ton einer erzwungenen Konzession der quälenden Lage gegenüber durchklingt; so z. B. wenn er sagt, er sei fest überzeugt gewesen, daß dieser von ihm vorgelesene Brief Bjelinskis niemanden überzeugen könnte, aber er sähe jetzt ein, daß er einen Fehler begangen habe, als er ihn vorlas, usw. Wir wissen auch, daß Dostojewski auf die mündlichen Fragen ausweichend geantwortet hat, da er nicht die verheißene Gnade benutzen wollte, so daß der über diese Verstocktheit aufgebrachte Rostowzeff sogar das Zimmer verließ. Also hat Dostojewski keinen seiner Mitangeklagten verraten. Später wurde von ihm wie auch von den anderen eine schriftliche Aussage verlangt. In dieser Aussage nun hat er – wie übrigens auch die anderen Angeklagten – ermüdet, bei zerquälten Nerven, (bei seiner besonderen Nervosität von jeher!) sich schließlich – doch wieder ohne jemanden hinein zu ziehen – in etwas übertriebenem Maße selbst beschuldigt: vielleicht einfach damit man sich endlich zufrieden gab und ihn in Ruhe ließ. Wenigstens sagt er in seinem Tagebuch von 1873 ganz offen, daß in dem Augenblick, als ihnen ihr Todesurteil vorgelesen wurde, in keinem von ihnen so etwas wie Reue gewesen sei. In demselben Bericht sagt er weiter, daß sein eigenes Urteil über diese ganze Angelegenheit sich erst später geändert habe.
Seine Untersuchungshaft in der Peter-Paulsfestung dauerte acht Monate. In den zwei ersten Monaten tat er nichts, dann aber erhielten die Angeklagten Bücher religiösen Inhalts und durften schreiben. Man ließ sie eine Viertelstunde lang auf dem kleinen Hof spazieren, jeden einzeln, und unter militärischer Bewachung. Mit seinem Zellennachbarn, dem Studenten Filippoff, konnte Dostojewski sich ein wenig durch Klopfen an die Wand verständigen. Nach der Aussage Jastrshemskis, der die Haft in demselben sogenannten Alexejewschen Außenwerke verbrachte, sind die Lebensbedingungen in hygienischer Hinsicht zufriedenstellend gewesen: „gute Luft, Sauberkeit, gesunde Kost“. Tatsächlich ist von den Petraschewzen niemand an der Cholera, die in jenem Sommer äußerst heftig in Petersburg auftrat, erkrankt; doch die gute Luft hinderte nicht, daß Jastrshemskis Filzhut in der Feuchtigkeit der Zelle verschimmelte. Am schwersten war wohl die Einsamkeit zu ertragen. Nach Desbut hat diese Einsamkeit das Mitleid ihres Korridorwächters (eines älteren Garnisonsoldaten) erweckt. Dann und wann öffnete er vom Korridor aus das kleine Fenster in der Kasemattentür und sagte zu dem einsamen Gefangenen: „Ihr habt wohl Langeweile? Haltet aus! Auch Christus hat gelitten. Wofür man euch nur eingekerkert haben mag? Alle seid ihr so still, und sonst ist hier doch lauter so stürmisches Volk.“
Aus dieser Zeit haben sich ein paar Briefe Fjodor Michailowitschs an seinen älteren Bruder, der inzwischen aus der Haft entlassen worden war, erhalten. Am 18. Juli schreibt er auf den Zuspruch hin, nicht zu verzagen: „... aber ich verzage ja gar nicht ... Manchmal hat man sogar das Empfinden, als habe man sich an ein solches Leben schon gewöhnt und als sei einem alles eins ... aber ... manch anderes Mal kommt das frühere Leben wieder mit all seinen Eindrücken und flutet nur so in die Seele hinein ... Ich habe drei Erzählungen und zwei Romane ausgedacht, an dem einen schreibe ich jetzt ...“ Es war das die Erzählung „Der kleine Held“. Damals nannte er sie eine Kindergeschichte; in späteren Jahren sagt er einmal zur Erklärung: „man konnte dort nur das Unschuldigste schreiben“. Am 27. August teilt er dem Bruder mit: „... man hat mir wieder erlaubt, im Garten zu spazieren, in dem es fast siebzehn Bäume gibt. Das ist für mich ein großes Glück. Außerdem bekomme ich jetzt abends eine Kerze: Dies ist mein zweites Glück. Das dritte Glück werde ich erleben, wenn du mir möglichst bald antwortest und das nächste Heft der ‚Vaterländischen Annalen‘ schickst ...“ Am 14. September dankt er dem Bruder für die zugesandten zehn Rubel und die Bücher: „Die geben mir doch wenigstens Zerstreuung. Jetzt sind es schon bald fünf Monate, daß ich nur von eigenen Mitteln lebe, d. h. nur von meinem Kopf ... Das ewige Denken und immer nur Denken ist schwer! Ich befinde mich gleichsam unter einer hermetisch abschließenden Glocke, aus der die Luft herausgepumpt wird ...“
Die mutige Ruhe, die Fjodor Michailowitsch in seiner Lage bewahrte, seine Geduld und Ausdauer sind um so bemerkenswerter, als er, nach seinen eigenen Worten, vor dieser Katastrophe „bis zur Krankhaftigkeit hypochondrisch“ war, alle möglichen Leiden in sich vermutete, vor lauter Argwohn tatsächlich kränkelte und sich mit Senfpflastern zu kurieren suchte. Aus Andrei Michailowitschs Aufzeichnungen wissen wir, daß Fjodor Michailowitsch oft vor dem Einschlafen einen Zettel hinlegte, auf dem etwa geschrieben stand: „Heute kann ich in lethargischen Schlaf verfallen, darum – mich nicht vor so und so viel Tagen beerdigen“. Und zu seiner Frau hat er später gesagt, daß er wohl wahnsinnig geworden wäre, wenn diese Katastrophe nicht in sein Leben eingegriffen hätte. Von den übrigen Verhafteten dagegen erging es dreien umgekehrt: Der Gardegrenadieroffizier Grigorjeff wurde bereits in der Festung halb irrsinnig; der neunzehnjährige Kateneff kam von dort aus in die Irrenanstalt und somit überhaupt nicht vor das Militärgericht; und bei dem älteren Desbut stellte sich vorübergehend eine gewisse geistige Umnachtung ein.
Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit Petraschewski auf Allerhöchsten Befehl an eine Gerichtskommission unter dem Vorsitz des Generals Perowski über. Diese Gerichtskommission beschloß, infolge ungenügender Beweise alle Verhafteten wieder in Freiheit zu setzen. Doch nun wurde die Sache am 16. November dem General-Auditoriat übergeben und kriegsrechtlich behandelt. Zu dieser Übergabe lag juridisch gar keine Veranlassung vor, da jene auf Allerhöchsten Befehl eingesetzte Gerichtskommission nach der hierarchischen Stufenleiter höher stand, und so ist es wohl verständlich, daß, wie I. Desbut mitteilt, selbst der Festungskommandant mit größtem Befremden davon Kenntnis nahm und den Verhafteten in sichtlich höchster Erregung davon Mitteilung machte.
Natürlich konnte auch das General-Auditoriat die Tatsache nicht übersehen, daß von den Angeklagten keineswegs alle in gleichem Maße beteiligt oder schuldig waren – zumal einzelne in ihren Aussagen die weniger Bloßgestellten noch besonders zu entlasten versucht hatten; da aber die in dem vorliegenden Falle anzuwendenden Gesetze betreffs Staatsverbrechen zwischen den Hauptschuldigen oder Anstiftern und den Mitbeteiligten keinen Unterschied machen, so wurden sämtliche Angeklagten mit Ausnahme eines einzigen (Tschernosswitoffs, den man nur nach Wjätka verbannte) „zum Tode durch Füsilieren verurteilt“. Indes wurden vom General-Auditoriat selbst die mildernden Umstände hervorgehoben (die aufrichtige Reue vieler, die freiwilligen Geständnisse weiterer Vergehen, die sonst unbekannt geblieben wären, ferner die große Jugend einzelner, sowie schließlich, daß ihre verbrecherischen Absichten, dank dem rechtzeitigen Eingreifen der Regierung, ohne schädliche Folgen geblieben waren), und auf Grund dieser mildernden Umstände nahm sich das General-Auditoriat „die Freiheit, die Anwendung der kaiserlichen Gnade hinsichtlich der Entscheidung über das Los der Angeklagten und die Umwandlung der Todesstrafe in Strafen nach Maßgabe ihrer Schuld alleruntertänigst zu befürworten.“ Die im Anschluß hieran vom General-Auditoriat unterbreiteten Urteilssprüche wurden vom Kaiser durch handschriftliche Bemerkungen an den Rand der Aktenblätter teils bestätigt, wie z. B. das Urteil über Petraschewski (er wurde zum Verlust aller Rechte und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken verurteilt), teils verschärft, wie u. a. die Jastrshemski zudiktierten vier Jahre Zwangsarbeit in sechs Jahre verwandelt wurden, größtenteils aber gemildert, so u. a. auch die Strafen für Duroff und F. M. Dostojewski, die beide zu achtjähriger Zwangsarbeit verurteilt waren, letzterer wegen „Teilnahme an verbrecherischen Absichten, Verbreitung eines vom Schriftsteller Bjelinski geschriebenen Briefes, der voll ist von frechen Ausdrücken gegen die rechtgläubige Kirche und die oberste Gewalt, sowie wegen des Planes, in Übereinstimmung mit Anderen, Schriften gegen die Regierung mittels einer geheimen Druckerei zu verbreiten“. Dieses Urteil wurde – ebenso wie das gleichlautende für Duroff: „zur Zwangsarbeit auf acht Jahre“ – vom Kaiser durch eigenhändige Randbemerkung geändert in Zwangsarbeit „auf vier Jahre und dann als Gemeiner“.
Dostojewski hat später diese Art seiner Verurteilung als einen Präzedenzfall bezeichnet, da bislang jeder in Rußland zur Zwangsarbeit Verurteilte (gleichviel auf wieviel Jahre) damit seine bürgerlichen Rechte für immer verlor. „Dostojewski aber sollte“ – so diktierte er von sich in der dritten Person, als er einmal um biographische Daten für ausländische Leser gebeten wurde – „nach Ablauf der Frist der Zwangsarbeit als Soldat eingereiht werden, d. h. es wurden ihm die Bürgerrechte wieder zuerkannt. Später sind ähnliche Vergünstigungen des öfteren vorgekommen, damals aber geschah es zum ersten Male nach dem Willen des verstorbenen Kaisers Nikolai I., ‚dem es um Dostojewskis Jugend und Talent leid tat.‘“ Wie wir wissen, geschah das aber nicht nur mit Dostojewski, sondern auch mit Duroff. An sich ist diese Tatsache umso beachtenswerter, als weder von Dostojewski noch von Duroff irgend welche „freiwilligen Geständnisse“ erfolgt sind, wie wir aus den Akten ersehen.
Eine noch größere Milderung des Urteils ließ der Kaiser dem Dichter Pleschtschejeff zuteil werden: Dieser sollte nur in das Orenburger Linienregiment als Gemeiner eingereiht werden. Zieht man nun in Erwägung, daß Pleschtschejeff, ganz wie Dostojewski und Duroff, besonders für die Befreiung der Bauern eintrat und diese Befreiung von der Regierung erwartete, so fragt es sich, ob nicht die Milderung ihrer Strafe zum Teil auf eine alte Absicht des Kaisers Nikolai I., die Bauern zu befreien, zurückzuführen war, eine Absicht, die sich infolge der Entgegenwirkung des Adels nicht verwirklichte? ...
Im übrigen sollte einzig der Leutnant des Leibgardejäger-Regiments Alexander Palm, „aus dessen Schriften,“ wie es in dem Bericht des General-Auditoriats heißt, „eine große Liebe zu Rußland spricht,“ ohne Degradation mit dem gleichen Rang als Leutnant aus der Garde in die Linie versetzt werden: und dieses Urteil ward vom Kaiser bestätigt.
Am 22. Dezember 1849 wurde im „Russischen Invaliden,“ dem Regierungsorgan, das Urteil über die Petraschewzen veröffentlicht und der ganze Fall wie folgt gekennzeichnet:
„Die verderblichen Lehren, die im ganzen westlichen Europa Unruhen und Aufstände erzeugt haben, und die mit dem Sturz und der Zertrümmerung jeglicher Ordnung und jedes Wohlstandes der Völker drohen, haben bedauerlicherweise auch in unserem Vaterlande einen gewissen Widerhall gefunden ... Eine Anzahl unbedeutender, meist junger und sittenloser Menschen träumte von der Möglichkeit, die heiligsten Rechte der Religion, der Gesetzlichkeit und des Eigentums niederzutreten ... Der Titularrat Butaschewitsch-Petraschewski versammelte an bestimmten Tagen in seiner Wohnung einen Kreis jüngerer Leute aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Gotteslästerungen, dreiste Worte gegen die geheiligte Person Seiner Majestät des Kaisers, Auslegung der Regierungsmaßnahmen in tendenziös entstellender Weise und Schmähung der Staatsvertreter – das waren die Waffen und Mittel, die Petraschewski zur Aufwiegelung seiner Versammlung benutzte ... Ende des Jahres 1848 schritt er zur Bildung einer geheimen Gesellschaft ... Darauf wurde der Plan zur Hervorrufung eines allgemeinen Aufstandes im Reich niedergeschrieben.“
Von den Angeklagten wußte indes niemand, wann das Urteil in ihrem Prozeß verkündet werden, geschweige denn, wie es lauten würde. Am frühen Morgen des 22. Dezember fiel ihnen nur ein ungewohnter Lärm, ein Kommen und Gehen im Korridor auf, und sie begannen zu vermuten, daß etwas Besonderes vorgehe. Das erzählte mir der verstorbene Speschnjoff; er sagte, es sei um 6 Uhr gewesen. Um 7 aber setzte man sie in die Wagen und führte sie fort. Nach Fjodor Michailowitschs Worten hatte man sie vorher veranlaßt, ihre eigenen Kleider anzuziehen ... Speschnjoff, der sich nicht zu erklären vermochte, wohin die Fahrt ging, nahm schließlich an, man wolle ihnen den Urteilsspruch verlesen, und da man kriegsrechtlich über sie abgeurteilt hatte, mußte das wohl im Ordonnanzhause geschehen. Aber die Fahrt dauerte lange. Da fragte Speschnjoff den Soldaten: „Wohin führt man uns?“ Dieser antwortete: „Es ist nicht befohlen, das zu sagen.“
Es war starker Frost und durch die beeisten Fenster konnte man nicht erkennen, durch welche Straßen die Fahrt ging. Speschnjoff glaubte, sie seien von der Festung aus über die Newa gefahren und befänden sich nun auf dem Liteinyj Prospekt. Um sich davon zu überzeugen, versuchte er, mit dem Finger das Eis an der Fensterscheibe zu entfernen, aber der Soldat sagte: „Tun Sie das nicht, sonst schlägt man mich.“ Da unterließ Speschnjoff den Versuch und verzichtete auf die Befriedigung seiner so begreiflichen Neugier. Der Gedanke an ein Todesurteil, an eine sofortige Hinrichtung kam ihnen, wie gesagt, überhaupt nicht in den Sinn. Und ebensowenig konnten sie darauf verfallen, daß das Urteil, das auf „Tod durch Füsilieren“ lautete, vom Kaiser aber schon geändert worden war, ihnen gleichwohl in seiner ganzen Schärfe verkündet werden würde, einzig zu dem Zweck, um Eindruck auf sie zu machen, um sie zu erschüttern, zu entsetzen.
Nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt hielten schließlich die Wagen: es war auf dem Ssemjonoffschen Platz. Man stellte sie in einer bestimmten Ordnung auf und führte sie dann auf das Schafott. Nach Speschnjoffs Aussage wollten sie sich nun begrüßen und miteinander unterhalten, aber das wurde ihnen nicht erlaubt, und so konnten nur die Nächststehenden einander ein paar Worte zuraunen. Hier nun muß es wohl geschehen sein, daß Dostojewski, der neben Mombelli stand, diesem den Inhalt einer Novelle, die er in der Festung geschrieben hatte, in aller Kürze erzählte. Diese Tatsache, die mir Mombelli selbst mitgeteilt hat, bestätigt die Möglichkeit jener gemischten, vielseitigen, ruhig-erregten Gemütsverfassung in solchen Minuten, die wir aus Schilderungen Dostojewskis in manchem seiner Werke kennen lernen. Es hat ihn also bei diesen Schilderungen außer tiefem, psychologischem Scharfsinn auch die eigene Erfahrung geleitet. (Er selbst hat allerdings niemals davon gesprochen, daß er damals Mombelli seine Novelle erzählt habe; er hat also den Vorfall wohl vergessen, aber in seinem Bewußtsein ist offenbar doch eine Spur des Eindrucks der Stimmung zurückgeblieben.)
Als sie auf dem Schafott zu beiden Seiten aufgestellt waren, auf der einen Seite 9, auf der anderen 11, trat der Auditor in die Mitte der Richtstätte und verlas das Todesurteil. Plötzlich brach Sonnenschein durch die Wolken, und Dostojewski, der neben Duroff stand, sagte zu diesem: „Das kann doch nicht sein, daß man uns hinrichtet.“ Als Antwort darauf wies Duroff auf einen Lastwagen, auf dem, wie ihm schien, Särge aufgeladen und mit einer Bastmatte bedeckt waren (wie es sich später herausstellte, befanden sich auf diesem Wagen ihre Sträflingskleider mit den Halbpelzen für die Reise). Nunmehr, so erzählte Dostojewski, war jeder Zweifel ausgeschlossen, und für sein ganzes Leben prägten sich ihm die Worte ein, die sich in diesem verhängnisvollen Schriftstück so oft wiederholten: „zum Tode durch Füsilieren verurteilt.“ Doch bei alledem prägte sich ihm ebenso deutlich auch etwas so Nebensächliches ein, wie z. B., daß der Auditor nach der Verlesung des Urteils das Schriftstück zusammenfaltete, in die Seitentasche seines Mantels schob und dann von dem erhöhten Schafott hinabstieg. Nach ihm kam der Geistliche auf das Schafott, das Kreuz in der Hand, und forderte zur Beichte auf. Doch nach Dostojewskis Aussage hat sich von ihnen keiner zur Beichte gemeldet, außer Schaposchnikoff (seines Standes Kleinbürger), aber das Kreuz haben sie alle geküßt. Also auch Petraschewski, von dem wir doch mit Bestimmtheit wissen, daß er überzeugter Atheist war? Wenn hier nicht ein Irrtum Dostojewskis vorliegt, so bleibt diese Tatsache gerade so unerklärt, wie die andere: weshalb nur Schaposchnikoff beichtete, während doch mehrere von ihnen zweifellos religiös waren (Duroff sogar „bis zur Lächerlichkeit“)? Im übrigen dürfte alles, was Dostojewski im „Idiot“ von dem zum Tode Verurteilten erzählt, und somit auch, wie der Verurteilte das Kreuz küßt, mit jenem eigenen Erlebnis in Verbindung stehen, ja zum Teil einfach autobiographisch sein.
Das Erscheinen des Geistlichen zur Beichte zwang die Verurteilten, bestimmt zu glauben, daß die Hinrichtung tatsächlich vollstreckt werden würde: Denn das Abendmahl, so sagten sie sich, würde man doch nicht zu einer dekorativen Zutat machen. N. Kaschkin war es, wie er mir erzählte, allerdings aufgefallen, daß der Geistliche die geweihten Gaben zum heiligen Abendmahl gar nicht bei sich hatte, und so wagte er denn, da er am Ende der Reihe und gerade in der Nähe des Ober-Polizeimeisters stand, diesen leise auf französisch zu fragen: „Wird man uns denn, wenn wir beichten, nicht das heilige Abendmahl empfangen lassen?“, worauf ihm General Galachoff gleichfalls auf Französisch zuflüsterte: „Sie werden alle begnadigt“. So erfuhr denn nur ein einziger von ihnen, daß die Hinrichtung garnicht stattfinden werde.
Inzwischen aber wurden bereits die ersten drei an die Pfähle gebunden. Es waren das Petraschewski, Mombelli und Grigorjeff. Vor jedem Pfahl stand ein Offizier mit einer Anzahl Soldaten und das Kommando zur Bereitschaft war schon gegeben. Dostojewski erinnerte sich später, daß ihn die Trennung von den ihm lieben Menschen, die er nun im Leben zurücklassen mußte, damals gar nicht schmerzte; es war ja auch viel zu wenig Zeit, darüber nachzudenken. Er empfand nur eine mystische Angst und stand ganz unter dem Einfluß des Gedankens, daß er in irgend welchen fünf Minuten in ein anderes, unbekanntes Leben übergehen werde (also war in ihm der Glaube an die Unsterblichkeit doch nicht im geringsten erschüttert). Aber wie erschüttert er sonst auch war, er verlor nicht die Fassung. Wie ein Augenzeuge berichtet, war Dostojewski nicht bleich; er ging ziemlich schnell aufs Schafott und erschien eher eilfertig als bedrückt. Ganz anders dagegen wirkte all das auf einige seiner Gefährten. Der Gardeoffizier Grigorjeff war, wie wir wissen, schon in der Festung geistig unzurechnungsfähig geworden. Nun gaben ihm das Angebundenwerden an den Pfahl und das Kommando an die Soldaten, die Gewehre bereit zu machen, den Rest. Es fehlte nur noch der Befehl „Feuer!“ und alles wäre zu Ende gewesen. Doch da wurde mit einem Tuch gewinkt – und die Hinrichtung ward aufgehalten. Als man aber Grigorjeff vom Pfahl losband, war er bleich wie der Tod. Sein Geist war endgiltig zerstört.
Nach der Aussage von I. Desbut erschien vielen von ihnen die Mitteilung der Begnadigung durchaus nicht als etwas Freudiges, sondern nahezu als etwas Beleidigendes: mit solcher Feindseligkeit hatte dieses ganze gegen sie angewandte Verfahren sie erfüllt.
In seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ vom Jahre 1873 kommt Dostojewski ausführlich auf seine und seiner Gefährten allgemeine Stimmung zu sprechen[57]. Doch was er selbst damals im Innersten empfunden hat, das finden wir – abgesehen von gelegentlichen kurzen Vergleichen oder Bemerkungen, so im „Raskolnikoff“ – hauptsächlich in den zum Teil buchstäblich autobiographischen Schilderungen des Fürsten Myschkin im Roman „Der Idiot“. Diese enthalten – in Personen vorgeführt – eine ganze empirische Psychologie in Verbindung mit der religiös-philosophischen Frage nach der Berechtigung der Todesstrafe überhaupt ...
Noch an demselben Tage schrieb Dostojewski einen Brief an den Bruder, in dem er diesem nur kurz die Tatsachen mitteilte[58]. „... Ich hatte noch Zeit,“ schreibt er, „Pleschtschejeff und Duroff, die neben mir standen, zu umarmen und Abschied von ihnen zu nehmen. Schließlich wurde Retraite[6] getrommelt. Die, welche bereits an die Pfähle gebunden waren, wurden zurückgeführt und man las uns vor, daß Seine Kaiserliche Majestät uns das Leben schenkte. Darauf wurden die endgiltigen Urteile verlesen. Palm allein ist begnadigt worden“ ...
Der Gedanke an die bevorstehende Zuchthausstrafe erschien ihm zunächst furchtbar. „Lieber fünfzehn Jahre in der Kasematte mit der Feder in der Hand,“ schreibt er in einem Brief, aus dem bald nach seinem Tode einzelne Stellen veröffentlicht wurden (das Original ist nachher leider verloren gegangen), und fügt hinzu: „Der Kopf, der schuf, der das höhere Leben der Kunst lebte, der sich mit den erhabenen Bedürfnissen des Geistes eingelebt hatte, der Kopf ist bereits von meinen Schultern geschlagen!“
In dem Bewußtsein Dostojewskis, des Psychologen, hat sich wohl hauptsächlich die innerliche Seite des Erlebnisses vom 22. Dezember erhalten, dagegen scheint er die Kälte von 21 Grad Réaumur, bei der sich das alles zutrug, spurlos vergessen zu haben. Nach Speschnjoffs Aussage hatten die Verurteilten ungeachtet dieser Temperatur ihre Oberkleider ablegen und während der ganzen Zeit der Verlesung des Urteils, des Anbindens an die Pfähle und dann des zweiten Verlesens der Urteilssprüche im Hemde stehen müssen. Das dauerte nach seiner Behauptung über eine halbe Stunde. (Dostojewski gibt im „Idiot“ als Zeitspanne 20 Minuten an.) „Reiben Sie die Wangen“; „reiben Sie das Kinn,“ sagten sie zu einander. Nach ihrer Rückkehr in die Festung gingen der Kommandant Nabokoff und Doktor Okel die Zellen der Reihe nach durch, um festzustellen, ob sich nicht jemand erkältet hatte. Doch erst in Tobolsk, (West-Sibirien) erkannte der Arzt der Dekabristen, Dr. Wolf, bei Speschnjoff das Anfangsstadium der Schwindsucht, von der er sich aber in der Luft der Nadel- und Laubwälder allmählich erholte.
Nach Sibirien wurden sie nicht alle zugleich verschickt, sondern täglich je zwei oder auch nur einer. Petraschewski war gleich auf dem Richtplatz in den Sträflingspelz gesteckt und nach Minussinsk verschickt worden. Bis Tobolsk hatten sie alle den gleichen Weg zurückzulegen, von dort aus aber wurden sie dann verteilt. Dostojewski hat gerade am heiligen Weihnachtsabend die Reise antreten müssen. Das war für ihn, der an der Familie und allen Kindheitserinnerungen hing, der nie aufhörte, Christ zu sein, ein Tag ganz anderer Empfindungen. Doch die Obrigkeit sah natürlich in allen Verurteilten nur geschworene Atheisten.
„Wenn ich mich nicht irre,“ schreibt A. P. Miljukoff in seinen Erinnerungen[59], „war es am dritten Tage nach der Exekution auf dem Ssemjonoffschen Platz, daß Michail Michailowitsch Dostojewski zu mir gefahren kam und mir mitteilte, sein Bruder werde noch am selben Abend verschickt und er fahre nun zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen“. Miljukoff schloß sich ihm natürlich an. In einem großen, nur von einer Lampe erhellten Zimmer im Erdgeschoß des Kommandanturgebäudes mußten sie ziemlich lange warten ... Zweimal verstrich eine Viertelstunde und erklang das holländische Glockenspiel mit seinen vielstimmig abgetönten Klängen vom Turme der Festungskirche. „Endlich ging die Tür auf, draußen klappten Handgriffe an Gewehren, und geleitet von einem Offizier traten Dostojewski und Duroff ins Zimmer ... beide schon in den Reisekleidern der Sträflinge, in Halbpelzen und hohen Filzstiefeln. Der Festungsoffizier setzte sich taktvoll auf einen Stuhl nicht weit vom Eingang und behinderte uns nicht im geringsten.“ Miljukoff unterhielt sich nun mit Duroff, der ihm noch sein letztes Gedicht einhändigte ... „Beim Anblick des Abschieds der Brüder von einander,“ erzählt Miljukoff, „hätte wohl ein jeder bemerkt, daß von ihnen derjenige mehr litt, der hier blieb. In den Augen des älteren Bruders standen Tränen, seine Lippen bebten, Fjodor Michailowitsch aber war ruhig und tröstete ihn noch: ... ‚Auch im Zuchthause sind nicht Tiere, sondern Menschen, vielleicht sogar bessere als ich, vielleicht würdigere als ich‘ ... Es ist möglich,“ bemerkt Miljukoff zum Schluß, „daß ihn gerade der ihm gleichsam angeborene und immer in ihm gegenwärtige Gedanke lockte, in den am tiefsten gesunkenen Verbrechern ... jenen tief unter der Asche sich versteckenden, aber doch nicht erloschenen Funken des göttlichen Feuers zu finden, jenen Funken, der, wie er immer glaubte, selbst im verstocktesten Übeltäter und dem letzten Verstoßenen lebt.“
Sie waren über eine halbe Stunde zusammen, doch die Zeit erschien ihnen kurz. Man sagte ihnen, daß sie sich nun trennen müßten. Zum letztenmal umarmten sie sich und drückten sie einander die Hände. Miljukoff und Michail Michailowitsch hörten aber, daß die Abfahrt in einer Stunde, nicht später, erfolgen werde, und so blieben sie vor dem Tor der Festung und warteten ... Die Nacht war nicht kalt und sternhell ... Wieder erklang das Glockenspiel vom Turme, es war neun Uhr, als zwei Schlitten herausfuhren, und auf jedem saß ein Sträfling mit einem Gendarmen. „Lebt wohl!“ riefen die Zurückbleibenden ihnen nach. „Auf Wiedersehen!“ wurde ihnen geantwortet.
Den einen sollte Miljukoff erst nach zehn Jahren, den anderen überhaupt nicht wiedersehen.
Das Folgende erzählt Iwan Jastrshemski:
„Man wird sich wohl kaum eine Vorstellung davon machen können, wie erfreut ich war, daß man mich mit Dostojewski und Duroff zusammen transportierte. Die Einzelhaft in diesen ganzen acht Monaten hatte mich so zermürbt und physisch vernichtet, daß Duroff, der auf dem Schafott neben mir stand, mich nicht erkannte. Nun war die Möglichkeit, in den kurzen Erholungspausen während der Reise mit ihnen wenigstens sprechen zu können, schon ein wahres Glück für mich.
„Wir kamen nach Tobolsk ... und wurden im Ostrogg (Zuchthaus) in einen großen Raum geführt, von wo aus die weitere Verteilung der Gruppen erfolgte. In diesem Raum waren an die dreihundert Männer, Frauen und Kinder von jedem Alter und von allen Rassen; die einen wurden in Ketten geschmiedet, andere an einer eisernen Stange aufgereiht, den dritten wurde das Haar vom Schädel bis zur Haut abrasiert. Dieses ganze Schaustück machte auf mich einen erschütternden Eindruck. Wir wurden dem Aufseher des Gefängnisses übergeben ... Wir waren die ganze Nacht und einen Teil des Tages bei 40° Kälte gefahren, da war es wohl erklärlich, daß ich mir unsere Ankunft in Tobolsk in Verbindung mit der Vorstellung von irgend einer warmen Unterkunft und heißem Tee gedacht hatte. Doch auf meine Frage, ob wir einen Ssamowar bekommen könnten, antwortete Iwan Gawrilowitsch (der Aufseher) mit der Gegenfrage: ‚Wie denken Sie denn die Etappenreise durch Sibirien fortzusetzen? Wir haben keinen Ssamowar.‘ Diese Worte eröffneten mir die Perspektive der Weiterreise zu Fuß vielleicht über Tausende von Werst. Und mir fiel das soeben gesehene Bild der Vorbereitung zum Weitermarsch der Gruppen ein.
„Wir kamen in die Gefängniskanzlei ... einen dunklen, schmutzigen Raum, wo mir als erstes die ‚Beamten‘ auffielen, die hier das schriftliche erledigten. Diese Individuen staken in kamelhaarenen Sträflingsröcken; die einen waren als Schwerverbrecher auf Stirn und Wangen mit den eingebrannten Buchstaben K. A. T. gestempelt, andere, denen man zur Kennzeichnung auch noch die Nüstern herausgeschnitten hatte, mit den Buchstaben W. O. R. Physiognomien à l’avenant[7] ...
„Iwan Gawrilowitsch kam auf uns zu. ‚In Ketten?‘, fragte er barsch. ‚Jawohl,‘ antworteten wir. ‚Durchsuchen,‘ kommandierte er. Und wir wurden einer Durchsuchung unterzogen, daß uns vor Scham und Empörung das Blut zu Kopfe stieg ... Hierauf wurden wir in eine Kammer geführt, in einen schmalen, dunklen, kalten, schmutzigen Raum ... In diesem Raum war eine Pritsche, auf der drei schmutzige, mit Heu gefüllte Säcke lagen und drei ebensolche Kopfkissen, sonst nichts. Vollkommene Finsternis. Hinter der Tür, im Flur, die schweren Schritte des Postens, der hin und her schritt – in einer Kälte von vierzig Grad.
„Wir setzten uns und kauerten uns zusammen – Duroff auf der Pritsche, ich neben Dostojewski auf dem Fußboden. Hinter der dünnen Wand, oder fast war es nur ein Bretterverschlag, wo, wie wir später erfuhren, Untersuchungsgefangene untergebracht waren, hörte man das Aufschlagen der kleinen Krüge und Gefäße, aus denen sie Schnaps tranken, dazu die Ausrufe der Karten- und Würfelspieler und ein solches Geschimpfe, solche Flüche ...
„Duroffs Finger und Zehen waren erfroren. Bei Dostojewski hatten sich schon in der Peter-Pauls-Festung skrophulöse Wunden im Gesicht und im Munde gebildet. Und mir war die Nasenspitze erfroren.
„Inmitten dieser ... Umgebung fiel mir mein früheres Leben ein, mein Leben in Petersburg, im Kreise junger, sympathischer, kluger Universitätskameraden ... Ich dachte, was wohl meine Schwester sagen würde, wenn sie mich hier sähe? Ich dachte, für mich gäbe es keine Rettung mehr, und beschloß, meinem Leben ein Ende zu machen, wozu ich schon in der Peter-Pauls-Festung Vorbereitungen getroffen hatte ... Ich erwähne dieses Schwere hier nur deshalb, weil es mir die Möglichkeit gab, die Persönlichkeit Dostojewskis näher kennen zu lernen. Seine angenehme und liebevolle Unterhaltung heilte mich, erlöste mich von der Verzweiflung und erweckte wieder Hoffnung in mir.
„Dank einem Zufall erhielten wir ganz unverhofft ein Talglicht, Streichhölzer und heißen Tee, der uns schöner dünkte als Nektar.“ (Auf Befehl eines Gendarmerieoffiziers, der, wie es sich herausstellte, mit Jastrshemski durch andere bekannt war.) „Dostojewski hatte noch vorzügliche Zigarren, die dem verehrten Iwan Gawrilowitsch bei der Durchsuchung zum Glück entgangen waren. In freundschaftlicher Unterhaltung verbrachten wir den größeren Teil der Nacht. Dostojewskis angenehme, liebe Stimme, die Zartheit und Weichheit seines Empfindens, ja sogar einzelne seiner – ganz weiblichen-kapriziösen Ausbrüche wirkten auf mich beruhigend. Ich sagte mich von jedem äußersten Entschluß los. Dort im Tobolskschen Ostrogg wurde ich von Dostojewski und Duroff getrennt. Wir umarmten uns unter Tränen und sahen uns nie wieder.
„Dostojewski gehörte zu jener Kategorie von Wesen,“ schließt Jastrshemski, „von denen Michelet sagt: que tout en étant le plus fort mâles, ils ont beaucoup de la nature féminine.[8][60] Durch diesen Umstand ist jener Zug in seinen Werken erklärt, in dem man die Grausamkeit des Talents und die Lust zu quälen sieht ...
„... Ich glaube nicht, etwas Paradoxes zu äußern, wenn ich sage, daß gerade diese unverdienten Leiden, die ein anscheinend blindes und taubes Schicksal ihm zudachte, seiner Begabung zum Nutzen gereichten, indem sie seine psychologische Analyse bis zur Vollendung entwickelten.“
So faßte auch Dostojewski sein Schicksal auf. Indem es sich als Stiefmutter gebärdete, erzog es ihn in Wirklichkeit wie eine strenge, doch fürsorgende Mutter.