I.
Außer Stepan Trophimowitsch gab es auf der Welt noch ein Wesen, an dem Warwara Petrowna nicht weniger hing als an ihm: das war ihr einziger Sohn Nicolai Wszewolodowitsch Stawrogin. Für ihn war seinerzeit Stepan Trophimowitsch als Erzieher angenommen worden. Der Knabe war damals acht Jahre alt und seine Eltern lebten bereits getrennt, so daß das Kind nur unter der Obhut der Mutter heranwuchs. Man muß es Stepan Trophimowitsch lassen: er verstand es, seinen Zögling an sich zu fesseln. Sein ganzes Geheimnis bestand darin, daß er selbst noch ein Kind war. Ich war damals noch nicht hier, er aber bedurfte ja beständig eines Freundes, und er trug kein Bedenken, ein so junges Wesen zu seinem Vertrauten zu machen. Ja, es machte sich ganz von selbst, daß zwischen ihnen nicht der geringste Abstand fühlbar ward. Oft weckte er seinen zehn- oder elfjährigen Freund in der Nacht auf, nur um ihm unter Tränen sein gekränktes Herz auszuschütten oder ihm ein Familiengeheimnis zu enthüllen, ohne gewahr zu werden, daß so etwas denn doch unzulässig war. Sie fielen einander um den Hals und weinten. Von seiner Mutter wußte der Knabe, daß sie ihn sehr liebte; doch er selbst liebte sie wohl kaum. Sie sprach wenig mit ihm, tat ihm selten einen Zwang an, aber ihr aufmerksam ihm folgender Blick wurde von ihm immer krankhaft intensiv gespürt. Den Unterricht und die moralische Erziehung überließ sie übrigens ganz Stepan Trophimowitsch. Damals glaubte sie an ihn noch ohne Einschränkung. Es ist anzunehmen, daß der Lehrer die Nerven seines Zöglings ein wenig angegriffen hat: als dieser mit sechzehn Jahren auf das Lyzeum gebracht wurde, war er schwächlich und blaß, seltsam still und nachdenklich. (Später zeichnete er sich durch außergewöhnliche Körperkraft aus.) Anzunehmen ist ferner, daß die Freunde nachts nicht immer nur über irgendwelche Familiengeschichten weinten. Stepan Trophimowitsch hatte es verstanden, im Herzen seines Freundes die tiefsten Saiten zu berühren, und in ihm das erste, noch unbestimmte Empfinden jener ewigen, heiligen Sehnsucht hervorzurufen, die manche auserwählte Seele, die sie einmal gekostet und erkannt hat, nachher schon nie mehr gegen eine billige Zufriedenheit eintauschen mag. (Es gibt auch solche Liebhaber dieser Sehnsucht, denen sie teurer ist als die vollkommenste Zufriedenheit, selbst wenn eine solche für sie wirklich erreichbar wäre.) Jedenfalls aber war es gut, daß der Zögling und der Erzieher, wenn auch spät, voneinander getrennt wurden.
Während der ersten zwei Jahre im Lyzeum kam der Jüngling in den Ferien nach Haus. Als dann Warwara Petrowna und Stepan Trophimowitsch sich in Petersburg aufhielten, fand auch er sich manchmal zu den literarischen Abenden im Salon seiner Mutter ein, hörte zu und beobachtete. Er sprach wenig und war wie immer still und schüchtern. Zu Stepan Trophimowitsch verhielt er sich mit der früheren zarten Aufmerksamkeit, war aber doch etwas zurückhaltender: von hohen Dingen und Erinnerungen an Vergangenes zu sprechen vermied er sichtlich. Als er das Lyzeum absolviert hatte, trat er auf den Wunsch der Mutter beim Militär ein und wurde bald in eines der angesehensten Garde-Kavallerieregimenter aufgenommen. Er kam aber nicht zur Mutter, um sich ihr in der Uniform zu zeigen, und schrieb aus Petersburg immer seltener. Geld schickte ihm Warwara Petrowna ohne zu sparen, obschon die Einnahmen von ihren Gütern nach der Aufhebung der Leibeigenschaft so zurückgegangen waren, daß sie in der ersten Zeit nicht einmal die Hälfte der früheren Summen erhielt. Für die Erfolge ihres Sohnes in der höchsten Petersburger Gesellschaft interessierte sie sich sehr. Was ihr nicht gelungen war, gelang dem jungen, reichen und hoffnungsvollen Offizier ohne weiteres. Er erneuerte Bekanntschaften, an die sie nicht mehr hatte denken können, und überall wurde er mit dem größten Vergnügen aufgenommen. Doch schon sehr bald begannen seltsame Gerüchte ihr zu Ohren zu kommen: es hieß, der junge Mann habe ganz plötzlich und geradezu sinnlos toll zu leben begonnen. Nicht, daß er spiele oder trinke; aber man sprach von einer wilden Zügellosigkeit, von Menschen, die er mit seinen Trabern überfahren hatte, von einer grausamen Rücksichtslosigkeit gegen eine Dame der guten Gesellschaft, mit der er in Beziehungen gestanden und die er dann öffentlich beleidigt habe. Ja, in dieser Sache sei sogar etwas schon gar zu unverhüllt Schmutziges hervorgetreten. Und überhaupt sei er, wie man hinzufügte, ein herausfordernder Streitsucher, bändele an und beleidige dann einfach aus Lust am Beleidigen. Warwara Petrowna regte sich auf und war bekümmert. Stepan Trophimowitsch versicherte ihr, das seien nur die ersten stürmischen Ausbrüche eines allzu reich Veranlagten, das Meer werde sich schon wieder beruhigen, und alles das erinnere nur an die Jugend des Prinzen Heinz, der mit Falstaff, Poins und Mrs. Quickly seine Streiche vollführte. Diesmal rief Warwara Petrowna nicht „Unsinn, alles Unsinn!“ wie sie es sich in der letzten Zeit Stepan Trophimowitschs Auseinandersetzungen gegenüber angewöhnt hatte; im Gegenteil, sie hörte sehr aufmerksam zu, ließ sich alles ausführlich erklären, nahm dann selbst den Shakespeare zur Hand und las überaus achtsam das unsterbliche Werk. Doch die Lektüre beruhigte sie nicht, auch fand sie die Ähnlichkeit nicht so groß. Fieberhaft erwartete sie die Antworten auf mehrere Briefe. Die blieben auch nicht aus; bald traf die unheilvolle Nachricht ein, Prinz Heinz habe fast zu gleicher Zeit zwei Duelle gehabt, sei bei beiden der einzig Schuldige gewesen, habe den einen Gegner auf der Stelle niedergestreckt und den anderen zum Krüppel geschossen und infolgedessen sei er vor Gericht gestellt. Es endete damit, daß er zum Gemeinen degradiert, seiner Rechte beraubt und strafweise in eines der Linien-Infanterieregimenter versetzt wurde, und das war noch als ein besonders gnädiges Urteil zu betrachten.
Im Jahre 1863 gelang es ihm, sich auszuzeichnen; er erhielt das Ehrenkreuz und wurde zum Unteroffizier befördert, dann aber merkwürdig schnell auch zum Offizier. Inzwischen hatte seine Mutter wohl an hundert Briefe mit Bitten und Beschwörungen nach Petersburg geschrieben und sich um seinetwillen sogar manches Demütigende erlaubt. Nach seiner Beförderung nahm der junge Mensch plötzlich seinen Abschied, kam aber wieder nicht nach Skworeschniki und hörte sogar ganz auf, an die Mutter zu schreiben. Man erfuhr schließlich auf Umwegen, daß er sich wieder in Petersburg aufhalte, doch in der früheren Gesellschaft habe man ihn gar nicht mehr gesehen; er habe sich irgendwo gleichsam versteckt. Nachforschungen ergaben, daß er in einer sonderbaren Gesellschaft lebte, sich dem Abschaum der Petersburger Bevölkerung angeschlossen hatte, irgendwelchen stiefellosen Beamten, verabschiedeten Militärs, die in angemessener Form um Almosen baten, Trunkenbolden, deren schmutzige Familien er besuchte, Tage und Nächte in dunklen Spelunken und in Gott weiß was für Winkelgassen zubrachte, heruntergekommen, verlumpt war, und daß ihm das offenbar gefalle. Um Geld bat er seine Mutter nicht; er besaß ja auch selbst ein kleines Gut (den früheren Dorfbesitz des Generals Stawrogin), das immerhin etwas einbrachte und das er, wie verlautete, an einen Deutschen aus Sachsen verpachtet hatte. Schließlich bat ihn die Mutter doch sehr, zu ihr zu kommen, und Prinz Heinz erschien in unserer Stadt. Damals sah ich ihn zum erstenmal.
Er war ein sehr schöner junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, und ich muß gestehen, seine Erscheinung überraschte mich. Ich hatte erwartet, einen schmutzigen, verkommenen, von Ausschweifungen ausgemergelten, nach Branntwein riechenden Menschen zu erblicken. Statt dessen erblickte ich den elegantesten Gentleman, der mir je zu Gesicht gekommen ist. Tadellos gekleidet und von einer Haltung, wie sie nur ein Herr, der an den feinsten Anstand gewöhnt ist, haben kann. Ich war nicht der einzige, der staunte: es staunte die ganze Stadt, der übrigens Herrn Stawrogins Lebensgeschichte sogar mit solchen Einzelheiten bekannt war, daß man sich kaum zu erklären vermochte, wie diese hier in die Öffentlichkeit hatten gelangen können. Alle unsere Damen verloren den Verstand vor Aufregung über den neuen Gast. Sie teilten sich in zwei schroff entgegengesetzte Parteien: von der einen wurde er vergöttert, von der anderen gehaßt bis zum Blutrachedurst; den Verstand freilich hatten beide Parteien verloren. Für die einen hatte es einen besonderen Reiz, daß sich in seiner Seele vielleicht ein schreckliches Geheimnis barg; anderen gefiel es entschieden, daß er ein Mörder war. Es stellte sich auch heraus, daß er eine überaus annehmbare Bildung und sogar einige wissenschaftliche Kenntnisse besaß. Von letzteren war allerdings nicht viel nötig, um uns in Erstaunen zu setzen; aber er konnte auch über aktuelle und sehr interessante Fragen sprechen und sogar mit auffallender Besonnenheit. Erwähnt sei noch als Seltsamkeit: alle fanden hier, daß er ein überaus vernünftiger Mensch sei. Er war nicht sehr gesprächig, formvollendet ohne Gesuchtheit, erstaunlich bescheiden und dabei kühn und selbstbewußt, wie bei uns sonst niemand. Unsere Stutzer sahen auf ihn mit Neid und kamen neben ihm überhaupt nicht in Betracht. Auch sein Gesicht überraschte mich: das Haar war fast schon gar zu schwarz, die hellen Augen fast schon zu ruhig und klar, die Gesichtsfarbe fast schon zu zart und weiß, die Wangenröte ebenfalls wie ein wenig zu grell und rein, die Zähne wie Perlen, die Lippen wie Korallen, – man sollte meinen, ein bildschöner Mann, und doch war diese Schönheit gleichsam auch abstoßend. Manche sagten, sein Gesicht erinnere an eine Maske; doch übrigens, was wurde nicht alles gesagt. Unter anderem sprach man auch viel von seiner außergewöhnlichen Körperkraft. Dabei war er von Gestalt beinahe hoch gewachsen. Warwara Petrowna blickte mit Stolz auf ihren Sohn, aber immer auch mit Unruhe. Er lebte bei uns etwa ein halbes Jahr – träge, still, ziemlich verdrossen; er verkehrte in der Gesellschaft, und erfüllte mit standhafter Aufmerksamkeit alle Vorschriften unserer Gouvernementsstadt-Etikette. Mit dem Gouverneur war er väterlicherseits verwandt und verkehrte in seinem Hause wie ein naher Verwandter. So vergingen ein paar Monate, und plötzlich zeigte das Tier seine Krallen.
Nebenbei: unser lieber Iwan Ossipowitsch hätte in der guten alten Zeit bei seiner Gastfreiheit einen vorzüglichen Adelsmarschall abgegeben, aber zum Gouverneur in einer so mühevollen Zeit wie die unsrige paßte er mit seiner Arbeitsscheu entschieden nicht. In der Stadt hieß es denn auch immer, nicht er, sondern Warwara Petrowna verwalte das Gouvernement. Das war freilich eine spitze Bemerkung, aber trotzdem eine Unwahrheit. Warwara Petrowna hatte in den letzten Jahren konsequent und bewußt jeden höheren Ehrgeiz aufgegeben und ihre Tätigkeit freiwillig auf ein von ihr selbst streng umgrenztes Gebiet beschränkt. Sie begann sich plötzlich mit der Bewirtschaftung ihres Gutes zu befassen, und in zwei, drei Jahren hatte sie den Ertrag desselben nahezu wieder auf die frühere Höhe gebracht. Statt sich literarischem Ehrgeiz hinzugeben, begann sie zu sparen. Selbst Stepan Trophimowitsch wurde von ihr etwas weiter entfernt, indem sie ihm jetzt endlich eine eigene Wohnung zu mieten erlaubte. Allmählich begann er sie eine prosaische Frau zu nennen, oder scherzhaft seinen „prosaischen Freund“. Selbstredend erlaubte er sich solche Scherze nur in der respektvollsten Form und nachdem er lange einen passenden Augenblick abgewartet hatte.
Wir alle, die wir ihr nahestanden, begriffen natürlich, daß der Sohn für sie gleichsam zu einer neuen Hoffnung, einem neuen Traum geworden war. Ihre leidenschaftliche Liebe zu ihm hatte schon in der Zeit seiner ersten Erfolge in der Petersburger Gesellschaft begonnen, und war dann besonders seit dem Augenblick gewachsen, als sie die Nachricht von seiner Degradation erhalten hatte. Und dabei fürchtete sie ihn doch offensichtlich und schien vor ihm förmlich seine Sklavin zu sein. Man merkte ihr an, daß sie etwas Unbestimmtes, Geheimnisvolles fürchtete, etwas, das auch sie selbst nicht zu nennen vermocht hätte, und oft betrachtete sie heimlich und unverwandt ihren Nicolas, als überlege sie und als suche sie etwas zu erraten ... und siehe da: plötzlich – streckte das Tier seine Krallen aus.
II.
Unvermutet erlaubte sich unser Prinz zwei, drei unmögliche Frechheiten gegen verschiedene Personen. Das Empörendste an ihnen war gerade ihre unerhörte Neuheit, ihre Unglaublichkeit; daß sie tatsächlich allen sonst üblichen Dreistigkeiten so unähnlich waren in ihrer törichten Bengelhaftigkeit, überdies weiß der Teufel wozu eigentlich begangen, so vollständig ohne jeden Anlaß. Eines der ehrenwertesten Häupter unseres Klubs, Pjotr Pawlowitsch Gaganoff, ein bejahrter und sogar verdienstvoller Mann, hatte die unschuldige Angewohnheit, zur Bekräftigung jeder Behauptung heftig hinzuzufügen: „Nein, mich wird man nicht an der Nase führen!“ Nun, das hatte ja weiter nichts auf sich. Aber als er eines Tages im Klub in der Hitze des Wortgefechts, inmitten einer Schar ihn umstehender Klubherren (lauter angesehner Persönlichkeiten) wieder einmal diesen Nachsatz anhing, trat Nicolai Wszewolodowitsch, der am Gespräch ganz unbeteiligt und allein abseits gestanden hatte, plötzlich auf Pjotr Pawlowitsch zu, faßte ihn unerwartet aber fest mit zwei Fingern an der Nase und zog ihn ein paar Schritte weit im Saal hinter sich her. Einen Groll konnte er gegen Herrn Gaganoff nicht haben. Man hätte das für einen echten Schuljungenstreich halten können, natürlich für einen ganz unverzeihlichen; indes war Nicolai Wszewolodowitsch, wie man später erzählte, im Augenblick der Tat geradezu nachdenklich, „ganz als wäre er nicht völlig bei Sinnen gewesen“, aber das vergegenwärtigte man sich und erwog man erst später. In der ersten Empörung dachten alle nur an den zweiten Augenblick, als er alles bereits zweifellos richtig begriff, jedoch statt verlegen zu werden, plötzlich boshaft und belustigt lächelte, „ohne die geringste Reue“, wie es hieß. Es erhob sich ein schrecklicher Lärm; er wurde umringt. Nicolai Wszewolodowitsch wandte sich um, sah ringsum alle an, ohne jemandem zu antworten, und betrachtete interessiert die Gesichter der erregt Durcheinanderschreienden. Schließlich war es, als werde er plötzlich wieder nachdenklich – wenigstens wurde später so erzählt –, er runzelte die Stirn, trat dann festen Schrittes auf den beleidigten Pjotr Pawlowitsch zu und sagte schnell, dabei sichtlich geärgert:
„Sie entschuldigen natürlich ... Ich weiß wirklich nicht, weshalb mich plötzlich die Lust anwandelte ... Es war eine Dummheit ...“
Die Nachlässigkeit dieser Entschuldigung kam einer neuen Beleidigung gleich. Es erhob sich ein noch größeres Geschrei. Nicolai Wszewolodowitsch zuckte mit den Achseln und ging hinaus. Nun kannte die Empörung keine Grenzen, und Herr Stawrogin wurde sofort einstimmig aus der Zahl der Mitglieder des Klubs ausgeschlossen. Darauf wurde im Namen des ganzen Klubs an den Gouverneur die Bitte gerichtet, mittels der ihm anvertrauten Administrativgewalt den „schädlichen Unruhstifter zu zügeln und damit die Ruhe der gesamten anständigen Gesellschaft unserer Stadt gegen schädliche Anschläge zu sichern“. Mit boshafter Unschuld wurde hinzugefügt, „vielleicht lasse sich auch gegen Herrn Stawrogin ein Gesetz finden“, um dem Gouverneur wegen Warwara Petrowna einen Stich zu versetzen. Der Gouverneur war gerade verreist, wurde aber bald zurückerwartet. Inzwischen bereitete man dem beleidigten Pjotr Pawlowitsch richtige Ovationen: man umarmte und küßte ihn, die ganze Stadt machte bei ihm Visite. Man plante sogar ihm zu Ehren ein Diner im Klub, auf Subskription, und gab es nur auf seine dringende Bitte hin auf, – vielleicht aber auch, weil man sich schließlich darauf besann, daß der Mann ja immerhin an der Nase geführt worden war und mithin eigentlich kein Grund zu Festlichkeiten vorlag.
Indes, wie hatte das alles nur geschehen können? Bemerkenswert war besonders der Umstand, daß kein Mensch diesen Streich auf zeitweiliges Irresein zurückführte. Also traute man offenbar auch einem gesunden und geistesklaren Nicolai Wszewolodowitsch Derartiges zu.
Bemerkenswert erschien mir auch jener Ausbruch eines allgemeinen Hasses, mit dem bei uns damals alle über den „Ruhestörer und großstädtischen bretteur“[11] herfielen. Man wollte in jener Tat unbedingt die „freche, wohlüberlegte Absicht“ sehen, mit einem Schlage „die ganze Gesellschaft zu beleidigen“. Jedenfalls hatte er niemanden für sich gewonnen, sondern alle gegen sich in Harnisch gebracht, und wodurch nur? Bis dahin hatte er noch niemanden gekränkt, höflich aber war er schon so gewesen, wie ein Herr aus einem Modeblatt, wenn der nur sprechen könnte. Ich nehme an, daß man ihn wegen seines Stolzes haßte. Selbst unsere Damen, die mit seiner Vergötterung begonnen hatten, entrüsteten sich jetzt über ihn noch ärger als die Männer.
Warwara Petrowna war furchtbar betroffen. Später gestand sie einmal Stepan Trophimowitsch, sie habe das schon lange, schon das ganze halbe Jahr kommen fühlen, und sogar „gerade etwas in dieser Art“, ein bedeutsames Bekenntnis von seiten einer leiblichen Mutter. „Es hat also angefangen!“ dachte sie erschauernd. Nach einer schlaflosen Nacht und nachdem sie am Morgen Stepan Trophimowitsch um Rat gefragt und bei ihm sogar geweint hatte, was ihr noch nie in Gegenwart anderer geschehen war, wollte sie vorsichtig, aber entschlossen eine Aussprache mit ihrem Sohn herbeiführen. Und doch zitterte sie davor. Nicolas, der stets so höflich und ehrerbietig gegen die Mutter war, hörte sie eine Weile, die Augenbrauen zusammengezogen, sehr ernst an; plötzlich stand er auf, ohne ein Wort zu antworten, küßte ihr die Hand und ging hinaus. Am Abend desselben Tages aber kam es dann gleich zu einem zweiten Skandal, der, wenn er auch längst nicht so schlimm war wie der erste, die Entrüstung in der Stadt doch noch sehr verstärkte.
Diesmal traf es unseren Freund Liputin. Der erschien bei Nicolai Wszewolodowitsch gerade als dieser seine Mutter verlassen hatte, und bat ihn inständig, ihm die Ehre seines Besuchs zu erweisen: der Geburtstag seiner Frau sollte durch eine kleine Abendgesellschaft gefeiert werden. Warwara Petrowna hatte schon lange mit Sorge diese Neigung ihres Sohnes wahrgenommen, Bekanntschaften selbst mit Leuten der dritten Gesellschaftsschicht anzuknüpfen. Bei Liputin hatte er bisher noch nicht im Hause verkehrt. Er erriet, daß dieser ihn jetzt wegen des Skandals im Klub einlud, als Liberaler über diesen Skandal entzückt war und aufrichtig meinte, gerade so müsse man mit allen Häuptern des Klubs verfahren. Nicolas begann zu lachen und versprach zu kommen.
Die Gäste, von denen sich eine Menge eingefunden hatte, waren nicht Honoratioren, aber gewitzte Leute. Der geizige Liputin pflegte nur zweimal im Jahr Gäste einzuladen, dann aber einmal nicht zu knausern. Der Ehrengast Stepan Trophimowitsch war diesmal krankheitshalber nicht erschienen. Es wurde Tee gereicht, und es gab reichlich kalten Imbiß und Schnäpse; gespielt wurde an drei Tischen, die Jugend aber begann, in Erwartung des Abendessens, nach Klaviermusik zu tanzen. Nicolai Wszewolodowitsch forderte Frau Liputin auf – eine überaus nette kleine Frau, der vor ihm schrecklich bange war –, tanzte mit ihr zwei Touren, setzte sich dann neben sie, unterhielt sich mit ihr, brachte sie zum Lachen. Als er da bemerkte, wie hübsch sie war, wenn sie lachte, faßte er sie plötzlich vor den Augen aller Gäste um die Taille und küßte sie mitten auf den Mund, wohl dreimal hintereinander, mit ganzer Herzenslust. Die arme Frau fiel vor Schreck in Ohnmacht. Nicolai Wszewolodowitsch trat zu dem Ehemann, der in der allgemeinen Verwirrung wie betäubt dastand, wurde bei dessen Anblick selbst verlegen, und nachdem er ihm hastig zugemurmelt: „Seien Sie nicht böse,“ ging er hinaus. Liputin aber lief ihm ins Vorzimmer nach, reichte ihm eigenhändig den Pelz und geleitete ihn unter Verbeugungen die Treppe hinunter. Doch schon am nächsten Tage gab es zu dieser verhältnismäßig harmlosen Geschichte ein ganz ulkiges Nachspiel, das Liputin sogar ein gewisses Ansehen verschaffte und das er sogleich zu seinem größten Vorteil auszunutzen verstand.
Gegen zehn Uhr morgens erschien im Hause der Madame Stawrogina Liputins Magd Agafja, ein munteres, gewandtes, rotbackiges Weiblein von etwa dreißig Jahren; sie war von Liputin mit einem Auftrage zu Nicolai Wszewolodowitsch geschickt und wollte unbedingt „den Herrn selber sehen“. Der hatte starke Kopfschmerzen, kam aber doch heraus. Warwara Petrowna glückte es, die Ausrichtung des Auftrags mit anzuhören.
„Sergei Wassiljitsch“ (d. h. Liputin), begann Agafja wortgewandt zu plappern, „hat mir anbefohlen, vorerst seine beste Empfehlung auszurichten; und dann läßt er sich nach Ihrer Gesundheit erkundigen, wie Sie nun eigentlich geruht haben, nach dem Gestrigen sozusagen, und wie Sie sich nun eigentlich fühlen, eben nach dem Gestrigen, meint er?“
Nicolai Wszewolodowitsch lächelte.
„Bestelle meine Empfehlung, und ich ließe bestens danken. Und sage von mir deinem Herrn, Agafja, er wäre der klügste Mensch in der ganzen Stadt.“
„Ja und auf diese Antwort sollte ich Ihnen dann antworten,“ versetzte Agafja noch wortgewandter, „daß er das auch ohne Sie schon selber weiß und Ihnen ganz dasselbe wünscht, sozusagen.“
„Was! ... aber wie konnte er denn wissen, was ich dir antworten würde?“
„Ja, das weiß ich schon nicht, aber als ich schon hinausgegangen und schon die ganze Gasse hinuntergegangen war, höre ich plötzlich, er läuft mir nach, ohne Mütze, und: ‚Du,‘ sagte er, ‚Agafjuschka‘, sagte er, ‚wenn er dir nun sagt, bestelle deinem Herrn, daß er der Klügste in der ganzen Stadt ist, dann sag’ du ihm sogleich und vergiß das nicht, daß wir das auch ohne ihn schon wissen und ihm bloß auch dasselbe wünschen‘, sozusagen ...“
III.
Schließlich fand auch die Auseinandersetzung mit dem Gouverneur statt. Nach der so heftigen Beschwerde des Klubs war es diesem ja sofort klar, daß etwas geschehen mußte, aber was? Unserem gastfreundlichen alten Herrn schien sein junger Verwandter ebenfalls nicht ganz geheuer zu sein. Gleichwohl entschloß er sich endlich, ihm gütlich zuzureden, den Klub und den Beleidigten um Entschuldigung zu bitten, falls nötig sogar schriftlich; dann aber wollte er ihm wohlwollend nahelegen, z. B. zu Bildungszwecken nach Italien zu reisen oder überhaupt ins Ausland, etwas weiter weg von uns. In dem Raum, wo er diesmal Nicolas empfing, war wie zufällig noch sein Günstling und Sekretär Aljoscha Telätnikoff anwesend und damit beschäftigt, an einem Tisch in der Ecke Postsachen zu öffnen. Im Nebenzimmer aber saß in der Nähe der Tür ein dicker und kräftiger Oberst, ein Freund und früherer Kamerad des Hausherrn, und las die Zeitung „Die Stimme“, anscheinend ohne die Vorgänge im anderen Raum zu beachten. Iwan Ossipowitsch begann vorsichtig, holte weit aus, sprach fast flüsternd, verlor aber immer wieder den Faden. Nicolas schaute sehr unfreundlich drein, gar nicht wie ein Verwandter, war bleich, saß mit gesenktem Blick da und hörte mit zusammengezogenen Brauen zu, wie wenn er einen heftigen Schmerz unterdrückte.
„Sie haben ein gutes Herz, Nicolas, ein edles Herz,“ sagte unter anderem der alte Herr, „Sie sind überaus gebildet, haben sich in den höchsten Kreisen bewegt, haben sich auch bei uns bisher musterhaft aufgeführt und dadurch das Herz Ihrer von uns allen verehrten Mutter beruhigt ... Und nun beginnt das alles von neuem, und wieder in einem so rätselhaften und für alle gefährlichen Kolorit! Ich rede zu Ihnen als Freund Ihres Hauses, als ein Sie liebender, bejahrter Verwandter ... So sagen Sie doch, was in aller Welt treibt Sie zu solchen Ausschreitungen, die mit allen hergebrachten Formen und Sitten so unvereinbar sind?“
Nicolas hatte geärgert und ungeduldig zugehört. Plötzlich blitzte in seinem Blick gleichsam ein verschlagener und spöttischer Ausdruck auf: „Ich kann es Ihnen ja meinethalben sagen, was mich dazu treibt,“ sagte er unwirsch, sah sich um und beugte sich zum Ohr Iwan Ossipowitschs. – Der wohlerzogene Aljoscha Telätnikoff trat noch drei Schritte weiter zum Fenster, der Oberst räusperte sich hinter seiner Zeitung. Der arme Iwan Ossipowitsch hielt eilig und vertrauensvoll sein Ohr hin; er war äußerst neugierig. Und da geschah denn abermals etwas ganz Unmögliches und doch andererseits in einer Hinsicht nur zu Deutliches. Der alte Herr fühlte auf einmal, daß Nicolas, statt ihm ein interessantes Geheimnis zuzuflüstern, plötzlich den oberen Teil seines Ohres mit den Zähnen faßte und ziemlich fest zubiß.
„Nicolas, was ... soll das!“ stöhnte er mechanisch mit einer ganz fremdklingenden Stimme. – Aljoscha und der Oberst begriffen nicht recht, was da vorging; es schien ihnen bis zum Schluß, daß dem Alten etwas zugeflüstert wurde, aber dessen verzweifeltes Gesicht beunruhigte sie doch. Sie glotzten sich mit aufgerissenen Augen an und wußten nicht, ob sie noch warten oder schon zu Hilfe eilen sollten, wie verabredet war. Nicolas erriet das wohl und biß noch ein wenig schmerzhafter zu.
„Nicolas, Nicolas!“ stöhnte das Opfer wieder, „nun ... genug ... mit dem Scherz ...“ – Noch ein Augenblick, und der Arme wäre gestorben; doch der Unmensch hatte Erbarmen und ließ das Ohr los. Diese ganze Todesangst hatte eine volle Minute gedauert und der Alte bekam eine Art Ohnmachtsanfall. Eine halbe Stunde später aber wurde Nicolas verhaftet und eingesperrt. Das war freilich eine schroffe Maßnahme, doch unser weichherziger Regent war dermaßen erzürnt, daß er die Verantwortung selbst Warwara Petrowna gegenüber zu übernehmen wagte. Und tatsächlich, als diese sofort eilig und erregt zum Gouverneur gefahren kam, wurde ihr erklärt, daß sie nicht empfangen werden könne, und ohne auszusteigen fuhr sie heim. Sie konnte diese Absage zunächst überhaupt nicht fassen.
Endlich aber fand alles seine Erklärung! Gegen zwei Uhr nachts begann der Arrestant, der bis dahin erstaunlich ruhig gewesen war und sogar geschlafen hatte, plötzlich zu toben, schlug mit den Fäusten gegen die Tür, riß mit übermenschlicher Kraft das eiserne Gitter von dem Fenster ab, zerschlug die Scheibe und zerschnitt sich dabei die Hände. Als der wachhabende Offizier mit der Mannschaft herbeigeeilt kam und die Zelle aufschließen ließ, stellte es sich heraus, daß der Gefangene sich im stärksten Fieberdelirium befand; er wurde nach Hause zur Mutter geschafft. Nun war ja alles klar. Unsere drei Ärzte äußerten sich dahin, daß der Kranke sehr wohl schon vor drei Tagen in diesem Fieberzustande wie benommen gewesen sein könne. Somit hatte Liputin als erster das Richtige erraten. Der zartfühlende Iwan Ossipowitsch war nun sehr betreten, auch im Klub schämte man sich und begriff nicht, wie man auf diese einzig mögliche Erklärung nicht verfallen war. Natürlich gab es auch Skeptiker, aber die konnten sich nicht behaupten.
Nicolas lag gute zwei Monate. Die ganze Stadt besuchte Warwara Petrowna. Und sie verzieh. Als Nicolas sich zum Frühling hin wieder erholte und mit dem Vorschlag der Mutter, nach Italien zu reisen, einverstanden war, da bat sie ihn, vorher doch überall seine Abschiedsvisite zu machen und sich bei der Gelegenheit zu entschuldigen, wo das nötig und soweit es möglich war. Nicolas versprach ihr auch das, und sogar mit großer Bereitwilligkeit. Und alsbald erfuhr man im Klub, er habe mit Pjotr Pawlowitsch eine überaus zartfühlende Aussprache gehabt, durch die dieser vollkommen zufriedengestellt worden sei. Während dieser Visiten soll Nicolas sehr ernst und sogar ein wenig düster gewesen sein. Alle empfingen ihn anscheinend mit aufrichtiger Teilnahme, doch im Grunde waren alle verlegen und nur froh, daß er nach Italien reiste. Iwan Ossipowitsch weinte sogar, konnte sich aber aus einem unbestimmten Grunde doch nicht entschließen, ihn zum Abschied zu umarmen. Allerdings blieben bei uns manche doch überzeugt, der Taugenichts habe alle nur zum Besten gehabt, die Krankheit aber sei eine Sache für sich gewesen. Auch zu Liputin fuhr er zur Abschiedsvisite.
„Sagen Sie mal,“ fragte er ihn, „wie konnten Sie damals im voraus wissen, was ich über Ihren Verstand sagen würde, und die Antwort darauf schon mitgeben?“
„Ganz einfach,“ sagte Liputin lachend, „weil auch ich Sie für klug halte, also war’s nicht schwer!“
„Immerhin ein seltsames Zusammentreffen. Aber erlauben Sie: dann hielten Sie mich damals für gescheit und nicht für wahnsinnig?“
„Für den gescheitesten und klügsten, und ich stellte mich nur so, als glaubte ich, Sie wären nicht bei voller Vernunft. Und Sie haben mir ja auch sofort den Beweis für die Ungetrübtheit Ihres Geistes zurückgesandt.“
„Übrigens irren Sie sich da doch ein wenig: ich war tatsächlich ... krank,“ sagte Nicolas verstimmt. „Wie! glauben Sie denn wirklich, ich wäre fähig, bei vollem Verstande Menschen zu überfallen? Wozu denn das?“
Liputin wand sich betreten und wußte nicht recht, was er antworten sollte. Nicolas erblaßte ein wenig, oder vielleicht schien es Liputin nur so.
„Jedenfalls haben Sie eine sehr amüsante Denkweise,“ fuhr Nicolas fort, „und ich begreife natürlich, daß Sie Ihre Agafja zu mir schickten, um mich zu verhöhnen.“
„Ich konnte Sie doch nicht zum Duell fordern?“
„Ach, ja, richtig! Ich habe ja auch so etwas gehört, daß Sie Duelle nicht lieben ...“
„Wozu denn Französisches ins Russische übersetzen!“
„Sie halten es mit dem Nationalismus?“
Liputin wand sich noch mehr, antwortete aber nichts.
„Was, was! Sehe ich recht!“ rief Nicolas plötzlich, als er mitten auf dem Tisch, wie ein Prunkstück an der sichtbarsten Stelle, einen Band von Considérant erblickte. „Sind Sie etwa gar Fourierist? Das fehlte noch! Aber ist denn das keine Übersetzung aus dem Französischen?“ und er klopfte lachend auf das Buch.
„Nein, nicht aus dem Französischen!“ Liputin sprang fast mit einem gewissen Grimm vom Stuhl auf. „Das ist eine Übersetzung aus der Sprache der ganzen Menschheit, und nicht bloß aus dem Französischen! Aus der Sprache der universalen sozialen Republik und Harmonie, jawohl! Und nicht aus dem Französischen allein!“
„Sapperment! Aber so eine Sprache gibt es ja überhaupt nicht!“ versetzte Nicolas immer noch lachend.
Von Herrn Stawrogin soll zwar erst später die Rede sein, doch möchte ich eines schon hier bemerken: daß von allen Eindrücken, die er damals bei uns empfing, am grellsten sich seinem Gedächtnis die unscheinbare und fast gemeine Gestalt Liputins eingeprägt hatte, dieses kleinen Provinzbeamten, eifersüchtigen Ehemannes, rohen Familiendespoten, Wucherers und Geizhalses, der selbst die Überbleibsel der Mahlzeiten und Lichtstümpfchen verschloß, und doch gleichzeitig ein glühender Anhänger Gott weiß was für einer zukünftigen „sozialen Harmonie“ war, sich nachts an den phantastischen Bildern der zukünftigen Phalanstere berauschte, an deren baldige Verwirklichung in Rußland er so glaubte wie an sein eigenes Vorhandensein. Und alles das dortselbst, wo er sich ein „Häuschen“ erspart, wo er zum zweitenmal geheiratet hatte, und wo es vielleicht im Umkreise von hundert Werst keinen Menschen gab, der auch nur annähernd ein Mitglied dieser „universalen sozialen Republik und Harmonie“ hätte sein können.
„Gott mag wissen, wie es in solchen Menschen aussieht!“ dachte Nicolas oft verwundert, wenn er sich dieses unvermuteten Fourieristen erinnerte.