II.

Der Druck war tatsächlich ausländisch – drei broschierte Druckbogen von gewöhnlichem Postpapier kleineren Formats. Wahrscheinlich hatte er sie in einer der geheimen russischen Druckereien im Auslande setzen lassen. Auf den ersten Blick glichen sie sehr einer Proklamation. Als Überschrift stand: „Von Stawrogin“.

Ich nehme dieses Dokument unverändert in meine Chronik auf. Wahrscheinlich kennen es jetzt schon viele. Ich habe mir nur erlaubt, die orthographischen Fehler zu korrigieren, die ziemlich zahlreich waren und die mich sogar gewissermaßen wundernahmen, da doch der Autor immerhin ein gebildeter und belesener Mensch war (natürlich relativ gesprochen). Im Stil dagegen habe ich nichts verändert, trotz der Unrichtigkeiten und sogar Unklarheiten. Jedenfalls ersieht man aus ihnen, daß der Verfasser kein Schriftsteller war.

Nur eine Bemerkung will ich mir doch noch erlauben, obgleich ich damit vorgreife. Meiner Meinung nach ist dieses Dokument – ein krankhaftes Erzeugnis, ein Werk des Teufels, der sich dieses Menschen bemächtigt hatte. Es ist, wie wenn ein Kranker, den ein großer, scharfer Schmerz peinigt, sich in seinem Bette wälzt, einzig in dem Verlangen, eine Stellung einzunehmen, die ihm wenigstens auf einen Augenblick Erleichterung schafft, oder nicht einmal Erleichterung, sondern bloß den alten Schmerz durch einen anderen Schmerz verdrängt, wenn auch nur auf einen Augenblick. Und dann kommt es ihm natürlich nicht mehr auf die Schönheit oder Vernünftigkeit der Stellung an. Der Ausgangspunkt dieses Dokuments war – das furchtbare, ungeheuchelte Bedürfnis einer Strafe, einer öffentlichen Hinrichtung. Und dabei war dieses Bedürfnis, das Kreuz auf sich zu nehmen, in einem Menschen, der an das Kreuz nicht glaubte, – „doch auch das macht schon eine Idee aus“, – wie einmal Stepan Trophimowitsch gesagt hat, wenn auch in einem ganz anderen Zusammenhange.

Und doch wirkt dabei das ganze Dokument wie etwas Wildes und Verwegenes, obgleich es anscheinend mit einer ganz anderen Absicht geschrieben worden ist. Der Autor erklärt darin, daß er das „unmöglich nicht schreiben konnte“, daß er dazu „gezwungen“ war – und das ist ziemlich wahrscheinlich: er hätte gern den Kelch umgangen, wenn er es gekonnt hätte, aber er konnte es, wie es scheint, tatsächlich nicht und griff nur nach der Möglichkeit einer neuen Gewalttat. Ja, fürwahr: ein Kranker wälzt sich auf dem Lager und will den einen Schmerz durch den anderen betäuben – und siehe, da schien ihm der Kampf mit der Gesellschaft die leichteste Lage, und so wirft er denn der Gesellschaft die Herausforderung zu. Ja, schon aus der Tatsache, daß ein solches Dokument entstehen konnte, fühlt man eine neue, unerwartete und ehrfurchtslose Herausforderung der Gesellschaft. Da heißt es: nur schnell irgendeinen Feind finden ...

Doch wer weiß, vielleicht ist das Ganze, d. h., sind diese Blätter mit der ihnen zugedachten Veröffentlichung – wiederum nichts anderes, als ein gebissenes Gouverneursohr, nur in einer anderen Gestalt? Warum mir das sogar jetzt noch in den Sinn kommt, jetzt, nachdem sich schon so vieles erklärt hat, – das weiß ich selbst nicht. Ich führe weiter keine Beweise an gegen eine etwaige Vermutung, die Tat, von der in dem Dokument die Rede ist, sei falsch, d. h., vollkommen erdichtet. Am wahrscheinlichsten ist, daß man die Wahrheit irgendwo in der Mitte suchen muß ... Doch ich greife zu weit vor; es ist besser, ich wende mich zu dem Dokument selbst zurück.


Und Tichon las folgendes:

Anmerkung

[S. 160]. Die Antwort Kirilloffs auf die Frage nach Gott ist ein absoluter Widerspruch, wie nein und ja: „Jewó njet, no on jestj“. Man könnte ebensogut sagen: „Er ist nicht, aber es gibt ihn.“

[S. 896] sagt Schatoff zu Kirilloff: „Gib mir, Bruder, ich gebe es dir morgen wieder.“ Die Anrede mit dem Wort „Bruder“ ist unter Russen so üblich, wie im Deutschen die Anrede mit „Freund“ oder „Lieber“.

Die russische Frau wird von russischen Männern häufig „Freund“ genannt, obschon es die Form „Freundin“ auch gibt. Es ist das psychologisch nicht unwichtig.

E. K. R.