II.

Werchowenski warf sich auffallend nachlässig auf einen Stuhl am oberen Tischende, fast ohne jemanden zu grüßen. Er sah mißgestimmt und sogar hochmütig aus. Stawrogin dagegen grüßte höflich die Anwesenden. Obgleich man nur auf diese beiden gewartet hatte, taten doch alle wie auf ein Kommando, als ob sie sie überhaupt nicht bemerkten. Kaum hatte Stawrogin sich gesetzt, als Frau Wirginskaja sich in strengem Ton an ihn wandte:

„Stawrogin, wollen Sie Tee?“

„Sehr gern,“ antwortete dieser.

„Reiche Herrn Stawrogin ein Glas Tee,“ befahl sie der Schwester, „– und Sie?“ fragte sie Werchowenski.

„Selbstverständlich, nur her damit, wer fragt denn die Gäste noch danach? Und geben Sie auch Sahne diesmal, sonst wird ja hier immer solch eine Abscheulichkeit anstatt Tee gereicht – und dabei gibt’s heute noch ein ‚Geburtstagskind‘ im Hause!“

„Wie, auch Sie erkennen das ‚Geburtstagefeiern‘ an?“ fragte die Studentin auflachend. „Wir haben soeben darüber gesprochen.“

„Abgedroschen!“ bemerkte sogleich am anderen Tischende der Gymnasiast mit überlegener Miene.

„Was ist abgedroschen? Vorurteile vergessen ist durchaus nicht abgedroschen, und wenn es auch die unschuldigsten von der Welt sind, sondern ist, im Gegenteil, zur allgemeinen Schande noch heute neu,“ gab die Studentin sofort empfindlich zurück. „Und zudem gibt es überhaupt keine unschuldigen Vorurteile,“ fügte sie geradezu erbittert hinzu.

„Ich wollte nur bemerken,“ regte sich der Gymnasiast furchtbar auf, „daß Vorurteile, wenn sie auch eine alte Sache sind, und man sie ausrotten muß ... was aber Namenstag- und Geburtstagfeiern anbetrifft ... so wissen schon alle längst, daß das Dummheiten sind und das Gerede darüber viel zu alt und abgedroschen ist, um darauf noch die kostbare Zeit zu vergeuden, die ohnehin schon von aller Welt vergeudet worden ist, so daß man seine Worte lieber einem bedürftigeren ...“

„Was ist das für ein Satz! Ich kann nichts verstehen!“ unterbrach ihn die Studentin.

„Ich glaube, daß ein jeder gleich anderen das Recht des Wortes hat, und wenn ich meine Meinung sagen will, wie jeder andere, so ...“

„Ihnen nimmt niemand das Recht des Wortes,“ unterbrach ihn die Hausfrau, „Sie sind nur gebeten worden, nicht so undeutlich zu sprechen, denn so kann Sie ja kein Mensch verstehen.“

„Aber, erlauben Sie mir, zu bemerken, daß Sie mich gar nicht achten: wenn ich vorhin meinen Gedanken nicht zu Ende sprechen konnte, so kam das nicht daher, daß ich keinen Gedanken hatte, sondern eher vom Überfluß von Gedanken ...“ stotterte der Gymnasiast fast verzweifelt und verwickelte sich endgültig.

„Wenn Sie nicht zu sprechen verstehen, so schweigen Sie lieber,“ platzte die Studentin heraus.

Der Gymnasiast sprang jetzt sogar vom Stuhl auf.

„Ich wollte nur sagen,“ rief er laut und brennend rot vor Schande, doch fürchtete er sich, jemanden anzusehen, „daß Sie sich nur deswegen mit Ihrem Verstande breitmachen wollen, weil Herr Stawrogin gekommen ist – da haben Sie’s!“

„Ihr Gedanke ist schmutzig und unsittlich und beweist nur die ganze Nichtigkeit Ihrer geistigen Entwickelung. Ich bitte Sie, sich weiter nicht an mich zu wenden!“ knatterte sofort die Antwort der Studentin.

„Stawrogin,“ begann die Hausfrau, „bevor Sie kamen, regten sie sich hier über Familienrechte auf – besonders der Herr Major,“ sie wies auf ihren Verwandten. „Aber ich werde Sie mit diesen alten Streitfragen, die doch schon längst erledigt sind, nicht weiter belästigen. Ich frage mich nur, woher sind nun diese Rechte und Pflichten der Familie gekommen, ich meine, im Sinne dieses Vorurteils, wie es jetzt besteht? Das ist die Frage. Was meinen Sie?“

„Wieso – woher gekommen?“ fragte Stawrogin zurück.

„Das heißt, wir wissen zum Beispiel, daß das Vorurteil, daß es einen Gott geben müsse, durch den Donner und Blitz hervorgerufen worden ist,“ ereiferte sich sofort wieder die Studentin, die mit den Augen förmlich auf Stawrogin lossprang. „Man weiß jetzt ganz genau, daß die Urmenschen, die sich vor Donner und Blitz fürchteten, den unsichtbaren Feind zum Gott erhoben, da sie ihre eigene Machtlosigkeit vor ihm fühlten. Aber wie ist nun das Vorurteil der Familie entstanden? Und wie ist überhaupt die Familie entstanden?“

„Das ist doch wohl nicht dasselbe ...“ versuchte die Hausfrau einzuwenden.

„Ich denke, die Antwort auf diese Frage dürfte nicht ganz – sagen wir, sittsam sein,“ antwortete Stawrogin.

„Wie das?“ rückte die Studentin wieder vor.

Aber schon hörte man aus der Lehrergruppe leises Lachen, das sofort am anderen Ende des Tisches, bei Lämschin und dem Gymnasiasten, ein Echo fand, worauf der Major plötzlich hell und laut loslachte.

„Sie sollten Vaudevilles schreiben,“ sagte die Hausfrau zu Stawrogin.

„Das macht Ihnen wirklich keine Ehre, – ich weiß nicht, wie Sie heißen,“ sagte die Studentin mit entschiedenem Unwillen zu Stawrogin.

„Du aber solltest nicht so vorwitzig sein!“ tadelte der Major. „Bist ein Fräulein, mußt dich sittsam halten, du aber bist ja ganz, als hättest du dich auf eine Nadel gesetzt.“

„Könnten Sie nicht lieber schweigen? Zum mindesten möchte ich Sie bitten, sich im Gespräch mit mir nicht so familiär auszudrücken. Und diese widerlichen Vergleiche verbitte ich mir einfach. Ich sehe Sie heute zum erstenmal und will nichts von Ihrer Verwandtschaft wissen.“

„Aber ich bin doch dein Onkel! Ich habe dich doch als Säugling auf meinen Armen geschleppt!“

„Was geht das mich an, was Sie da alles geschleppt haben! Ich habe Sie damals nicht darum gebeten, mein unhöflicher Herr Major, also muß es Ihnen wohl selbst Spaß gemacht haben, mich zu tragen. Und gestatten Sie mir noch zu bemerken, daß Sie sich nicht unterstehen dürfen, mich zu duzen, es sei denn als Bürgerin, sonst aber untersage ich es Ihnen ein für allemal.“

„So sind sie nun alle!“ Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch und wandte sich an Stawrogin, der ihm gegenüber saß. „Nein, erlauben Sie, ich liebe Liberalismus und alles Zeitgemäße. Ich liebe auch klugen Gesprächen zuzuhören, aber – wohlgemerkt: von Männern! Doch von Frauen, von diesen da, von diesen Flattervögeln – nein, Verzeihung, aber das ist schon mein wunder Punkt! Du, dreh dich nicht so viel!“ fuhr er die Studentin an, die vor Ungeduld schon wieder fast vom Stuhl sprang. „Ich will auch einmal zu Wort kommen! Jetzt bin ich der Gekränkte!“

„Sie stören nur die anderen und selbst verstehen Sie doch nichts zu sagen,“ bemerkte die Hausfrau unwirsch.

„Nein, ich werde schon zu sagen verstehen, was ich sagen will,“ ereiferte sich der Major, und wandte sich an Stawrogin. „Ich rechne auf Sie, Herr Stawrogin, da Sie ein Neueingetretener sind, obgleich ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen. Ich hoffe, daß Sie mir beipflichten werden. Ohne Männer wären die Frauen einfach verloren, wie die Fliegen, – das ist meine Meinung. Die ganze Frauenfrage ist nichts weiter als Mangel an Originalität. Ich sage Ihnen; diese Frauenfrage haben ihnen nur die Männer ausgedacht, einfach aus purer Dummheit sich selbst auf den Hals geladen, – ich danke bloß Gott, daß ich nicht verheiratet bin! Nicht die geringste Verschiedenheit ist in den Frauen, nicht einmal ein einfaches Stickmuster können sie sich ausdenken, auch das müssen die Männer für sie tun! Sehen Sie, da habe ich sie als Kind auf den Händen getragen, habe mit ihr, als sie zehn Jahre alt war, Mazurka getanzt, – heute kommt sie an und wie ich ihr entgegenfliege, um sie abzuküssen, da erklärt sie mir schon nach dem zweiten Wort, daß es einen Gott überhaupt nicht gibt. Wenn sie es doch wenigstens nach dem dritten getan hätte, aber nein, sie muß es schon nach dem zweiten tun – so eilig hat sie’s! Nun schön, angenommen, kluge Leute glauben nicht an Gott, das soll ja bloß vom Verstande abhängen, aber du, sage ich ihr, was verstehst du denn unter Gott? Dich hat das doch wieder nur der Student gelehrt, hätte er dich aber die Lämpchen vor den Heiligenbildern anzünden gelehrt, so würdest du eben Lämpchen anzünden!“

„Das ist alles nicht wahr, was Sie da sagen. Sie sind ein sehr boshafter Mensch. Ich aber habe Ihnen vorhin bloß Ihre Dummheit beweisen wollen,“ sagte die Studentin nachlässig, als verachtete sie es im Grunde, sich mit solch einem Menschen noch weiter zu streiten. „Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß man uns nach dem Katechismus lehrt: ‚Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden‘. Das steht in den zehn Geboten. Wenn nun Gott es für nötig hielt, für Liebe eine Belohnung zu versprechen, so ist meines Erachtens dieser euer Gott einfach unmoralisch. Das war es, was ich Ihnen vorhin auseinandersetzte, und durchaus nicht nach dem zweiten Wort, sondern einfach, weil Sie auf Ihre Verwandtenrechte pochten. Was kann ich dafür, daß Sie stumpfsinnig sind und mich bis jetzt noch nicht begriffen haben? Das kränkt Sie und Sie ärgern sich: das ist die ganze Lösung des Rätsels von Ihnen und Ihresgleichen.“

„Närrin!“ nannte sie der Major.

„Sie sind selbst ein Narr.“

„Schimpf nur!“

„Aber erlauben Sie, Kapiton Maximowitsch, Sie haben mir doch selbst gesagt, daß Sie an Gott nicht glauben,“ rief Liputin mit seiner unangenehmen Stimme vom anderen Tischende.

„Was hat das damit zu tun, was ich gesagt habe, ich – ich bin eine ganz andere Sache! Ich – nun, vielleicht glaube ich doch, nur glaube ich nicht so ganz. Wenn ich aber auch nicht ganz glaube, so sage ich doch noch nicht, daß man Gott gleich totschießen soll. Ich habe schon, als ich noch Husar war, über Gott nachgedacht. Es heißt sonst wohl in allen Gedichten, daß ein Husar bloß trinkt und durchgeht, schön, ich habe vielleicht auch getrunken, aber, glauben Sie mir, wenn es manchmal in der Nacht so dunkel ist, da springt man wohl plötzlich auf und kniet vor dem Heiligenbild nieder und schlägt ein Kreuz über das andere, damit Gott einem Glauben schicke, denn selbst damals konnte ich mich über diese Frage nicht beruhigen: gibt es einen Gott, oder gibt es keinen? Dermaßen bitter ist mir das geworden! Morgens, natürlich, da zerstreut man sich und wieder geht der Glaube gleichsam flöten, ja und überhaupt ist mir eigentlich aufgefallen, daß man am Tage den Glauben viel weniger nötig hat.“

„Haben Sie vielleicht Karten?“ fragte Werchowenski, sich zur Hausfrau wendend, und gähnte ungeniert.

„Ich kann Ihnen diese Frage nur zu sehr, nur zu sehr nachfühlen!“ beteuerte die Studentin eifrig.

„Man verliert bloß die goldene Zeit, wenn man so leerem Geschwätz zuhört,“ sagte die Hausfrau und blickte ihren Mann bedeutsam an.

Die Studentin raffte sich auf.

„Ich wollte der Versammlung von den Leiden und dem Protest der Studenten Mitteilung machen, und da die Zeit über unmoralischen Gesprächen vergeudet wird ...“

„Es gibt überhaupt weder Moralisches noch Unmoralisches!“ fiel ihr der Gymnasiast sogleich ins Wort, kaum daß er sah, daß die Studentin mit einer Rede beginnen wollte.

„Das habe ich, mein Herr Gymnasiast, schon viel früher gewußt, als Sie das aufgeschnappt haben!“

„Und ich behaupte,“ raste der Gymnasiast geradezu, „Sie sind – ein aus Petersburg angekommenes Kind, das uns bilden will! Daß das vierte Gebot, das Sie nicht einmal richtig aufzusagen verstanden, unmoralisch ist, das weiß schon seit Belinski ganz Rußland!“

„Wird das jemals ein Ende nehmen?“ fragte Frau Wirginskaja gereizt ihren Mann.

Als Hausfrau errötete sie wegen der nichtigen Gespräche, besonders nachdem sie einige fragende Blicke der Gäste untereinander bemerkt hatte.

„Meine Herren!“ Wirginski erhob plötzlich die Stimme, „falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, ohne Zeitverlust damit beginnen zu wollen.“

„Gestatten Sie mir eine Frage,“ sagte plötzlich der lahme Lehrer, der bis dahin nur geschwiegen und sehr zurückhaltend dagesessen hatte, „ich würde doch gern wissen, ob wir hier eine Sitzung halten sollen, oder ob wir uns wie gewöhnliche Sterbliche zu einer Geburtstagsfeier versammelt haben? Ich frage es mehr der Ordnung wegen.“

Die Frage machte nicht geringen Eindruck: man sah sich an, als ob ein jeder vom anderen die Antwort erwartete, und plötzlich wandten sich aller Augen, wie auf ein Kommando, auf Stawrogin und Werchowenski.

„Ich schlage vor, über die Antwort einfach abzustimmen. Die Frage ist: ‚Halten wir eine Sitzung oder nicht?‘“ sagte Frau Wirginskaja.

„Ich stimme ganz Ihrem Vorschlage bei,“ rief Liputin, „wenn er auch ein wenig unbestimmt ist.“

„Ich gleichfalls!“ „Ich auch!“ riefen noch andere Stimmen.

„Ich denke gleichfalls, daß das mehr Ordnung schaffen wird,“ meinte Wirginski.

„Also bitte die Stimmen abzugeben!“ rief die Hausfrau. „Lämschin, seien Sie so freundlich und setzen Sie sich so lange ans Klavier. Sie werden auch von dort aus Ihre Stimme abgeben können, wenn wir so weit sind.“

„Schon wieder!“ rief Lämschin. „Ich dächte, ich hätte Ihnen nachgerade genug vorgetrommelt!“

„Ich bitte Sie ausdrücklich darum: Wollen Sie denn der Sache nicht nützlich sein?“

„Aber ich versichere Sie, Arina Prochorowna, daß draußen niemand horcht. Das ist nur Ihre Phantasie. Die Fenster sind außerdem viel zu hoch; und wer würde denn hier überhaupt etwas verstehen, selbst wenn er alles hörte?“

„Wir verstehen uns ja selbst nicht,“ murmelte eine Stimme.

„Und ich behaupte, daß Vorsicht immer angebracht ist. Für den Fall, daß es Spione gibt,“ wandte sie sich darauf zu Werchowenski, „– mögen sie dann auf der Straße hören, daß es bei uns Musik und lustige Gäste gibt.“

„Zum Teufel!“ schimpfte Lämschin, setzte sich aber doch ans Klavier und begann irgendwie, fast mit den Fäusten, einen Walzer zu spielen.

„Ich schlage vor, daß alle, die eine Sitzung wünschen, die rechte Hand erheben,“ beantragte Frau Wirginskaja.

Einige erhoben die rechte Hand, einige wiederum nicht; andere erhoben sie und senkten sie wieder oder senkten sie und erhoben sie von neuem.

„Pfui, Teufel! Hab nichts kapiert!“ rief ein Offizier geärgert.

„Und ich verstehe auch nichts!“ rief ein anderer.

„Nein, ich verstehe wohl!“ rief ein dritter. „Wenn ‚ja‘, so hebt man die Hand auf.“

„Aber was bedeutet denn das ‚ja‘?“

„‚Ja‘ bedeutet: Sitzung!“

„Nein, umgekehrt!“

„Ich habe für die Sitzung gestimmt!“ rief der Gymnasiast Frau Wirginskaja zu.

„Warum haben Sie dann die Hand nicht erhoben?“

„Ich habe die ganze Zeit auf Sie gesehen: Sie hoben sie nicht, und so hob ich sie auch nicht.“

„Wie dumm das ist! Ich habe sie doch nur deswegen nicht erhoben, weil ich das Abstimmen vorgeschlagen hatte. Meine Herren, ich schlage nochmals vor: wer eine Sitzung will, der soll ruhig sitzen bleiben und keine Hand erheben, wer aber keine Sitzung will, der soll die rechte Hand aufheben.“

„Wer nicht will?“ fragte der Gymnasiast.

„Ach, Sie stellen sich wohl mit Absicht so stupid?“ rief Frau Wirginskaja zornig.

„Nein, erlauben Sie mal, wer nicht will, oder wer da will, das muß schon genauer festgestellt werden,“ ertönten zwei, drei Stimmen.

„Wer nicht will, nicht will!“

„Nun schön, aber was soll man denn jetzt tun, aufheben oder nicht aufheben, wenn man nicht will?“ rief ein Offizier.

„Ach ja, an eine Konstitution ist bei uns noch nicht zu denken!“ bemerkte der Major.

„Herr Lämschin, haben Sie die Güte, Sie hämmern ja dermaßen, daß niemand etwas verstehen kann,“ bemerkte der lahme Lehrer.

„Ja, bei Gott, Arina Prochorowna, es horcht doch wirklich kein Spion an den Türen!“ rief Lämschin aufspringend. „Und ich will auch nicht mehr spielen! Ich bin zu Ihnen zu Besuch gekommen, aber nicht, um hier das Klavier zu bearbeiten!“

„Meine Herren,“ begann Wirginski, „antworten Sie alle laut: halten wir Sitzung oder nicht?“

„Sitzung, Sitzung!“ ertönte es von allen Seiten.

„Gut, dann brauchen wir nicht mehr abzustimmen. Sind Sie einverstanden, meine Herren, oder sollen wir doch noch abstimmen?“

„Nicht nötig, genug, haben schon verstanden!“

„Vielleicht will aber irgend jemand doch nicht?“

„Nein, nein, alle wollen!“

„Ja, aber was ist denn das für eine Sitzung?“ erhob sich eine Stimme, die jedoch keine Antwort erhielt.

„Man muß einen Präsidenten wählen!“ riefen mehrere zugleich.

„Den Hausherrn, selbstverständlich, den Hausherrn!“

„Meine Herren, wenn es so ist,“ begann der erwählte Wirginski, „– dann mache ich nochmals meinen Vorschlag: falls jemand von Ihnen etwas, was mehr zur Sache paßt, zu sagen hat, so bitte ich, damit zu beginnen.“

Allgemeines Schweigen. Wieder wandten sich alle Blicke Stawrogin und Werchowenski zu.

„Werchowenski, hätten Sie nichts zu sagen?“ fragte ihn die Hausfrau.

„Nicht, daß ich wüßte,“ sagte der gähnend und lehnte sich nachlässig auf seinem Stuhl zurück. „Übrigens, ich würde gern einen Kognak trinken.“

„Stawrogin, wollen Sie nicht?“

„Nein, danke, ich trinke nicht.“

„Ich meinte, ob Sie nicht reden wollen, und nicht, ob Sie einen Kognak wünschen!“

„Reden, worüber? Nein, ich will nicht.“

„Sie werden sofort Ihren Kognak bekommen,“ sagte sie zu Werchowenski.

Die Studentin erhob sich wieder, was sie mittlerweile schon mehrmals halbwegs getan hatte.

„Ich bin gekommen, um von den Leiden der unglücklichen Studenten zu berichten und sie allerorten zum Protest aufzufordern ...“

Sie kam nicht weiter: am anderen Tischende erhob sich ein neuer Konkurrent und alle Blicke flogen ihm sofort zu. Schigaleff, der Mann mit den langen Ohren, erhob sich mit finsterem, geärgertem Gesicht bedächtig vom Stuhl und legte mit melancholischer Miene ein dickes, unendlich klein und eng beschriebenes Heft vor sich auf den Tisch. Die meisten sahen bestürzt auf das dicke Heft, doch Liputin, Wirginski und der lahme Lehrer waren augenscheinlich mit irgend etwas sehr zufrieden.

„Ich bitte ums Wort,“ sagte Schigaleff endlich finster, doch bestimmt.

„Herr Schigaleff hat das Wort,“ verkündete Wirginski.

Der Redner setzte sich, schwieg wieder und begann darauf feierlichst:

„Meine Herrschaften! ...“

„Hier haben Sie den Kognak!“ sagte die Verwandte, die den Tee eingegossen hatte und die inzwischen nach dem Kognak gegangen war, mit sichtlicher Verachtung. Sie stellte die Flasche und das Glas, die sie in der Hand ohne Untersetzer brachte, ärgerlich auf den Tisch vor Werchowenski hin.

Der unterbrochene Redner verstummte würdevoll.

„Fahren Sie nur fort, ich höre nicht zu!“ rief Werchowenski, der sich den Kognak eingoß.

„Meine Herren, indem ich Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehme,“ begann Schigaleff von neuem, „und wie Sie später sehen werden, Ihre Hilfe in einem Punkte von erstklassiger Wichtigkeit erbitte, muß ich vorher einige Worte zur Einleitung sagen.“

„Arina Prochorowna, haben Sie vielleicht eine Schere?“ fragte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.

„Wozu brauchen Sie eine Schere?“ Sie sah ihn verwundert mit großen Augen an.

„Hab mir die Nägel zu schneiden vergessen, obgleich ich’s mir schon drei Tage immer wieder vorgenommen habe,“ sagte er, gelassen seine langen und ungeputzten Nägel betrachtend.

Arina Prochorowna wurde rot vor Ärger, doch die Studentin schien daran Gefallen zu finden.

„Ich glaube, ich habe vorhin hier auf einem Fenster eine Schere gesehen,“ sagte sie, erhob sich, suchte die Schere und kam sofort wieder zurück.

Pjotr Stepanowitsch sah sie nicht einmal an, als er die Schere nahm. Arina Prochorowna sagte sich, daß das wohl unter freien Menschen so sein müsse, und schämte sich ihrer Empfindlichkeit. Die Gäste sahen sich stumm untereinander an. Der lahme Lehrer lächelte boshaft und beobachtete Werchowenski mit gehässigem Ausdruck.

Schigaleff fuhr fort:

„Nachdem ich meine Energie dem Studium des Problems der sozialen Verfassung der zukünftigen Gesellschaft, mit dem sich alle Gegenwartsmenschen beschäftigen, gewidmet, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß alle Gründer sozialer Systeme, seit den ältesten Zeiten bis zu unserem 187...sten Jahre, bloß Grübler, Märchenerzähler, Dummköpfe gewesen sind, die sich selbst widersprochen und so gut wie nichts von der Naturwissenschaft und diesem sonderbaren Tiere, das wir Mensch nennen, gewußt haben. Plato, Rousseau, Fourier sind Säulen aus Aluminium, alles das taugt vielleicht für Spatzen, aber nicht für die menschliche Gesellschaft. Da aber die zukünftige Gesellschaftsform gerade jetzt festzusetzen unumgänglich nötig ist, gerade in diesem Augenblick, da wir uns endlich zu handeln anschicken, um dann nicht mehr nachdenken zu müssen, so schlage ich denn mein eigenes System der Welteinrichtung vor. Hier ist es!“ und er schlug mit der Hand auf sein dickes Heft. „Zuerst wollte ich der Versammlung mein Buch in gekürzter Form vorlegen, aber ich sah ein, daß ein derartiges Verfahren noch viele mündliche Erklärungen nötig machen würde. Daher habe ich mich denn entschlossen, es Ihnen an mindestens zehn Abenden – da es in zehn Kapitel eingeteilt ist – vorzutragen. (Leises Gelächter.) Ich muß Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam machen, daß mein System noch nicht beendet, das heißt, noch nicht ganz ausgearbeitet ist. (Lauteres Gelächter.) Ich habe mich nämlich in meinen eigenen Argumenten verwickelt: meine schließliche Folgerung steht in geradem Widerspruch zu der anfänglichen Idee. Nachdem ich von unbeschränkter Freiheit ausgegangen bin, komme ich zum Schluß zu unbeschränktem Despotismus. Jedenfalls aber füge ich hinzu, daß es außer meiner Lösung der Gesellschaftsformel eine andere Lösung überhaupt nicht geben kann.“

Das Gelächter war lauter und immer lauter geworden, doch waren es eigentlich nur die jüngeren, die gewissermaßen nicht ganz eingeweihten Gäste, die da lachten. Auf dem Gesicht der Hausfrau, Liputins und des lahmen Lehrers drückte sich einiger Unwille aus.

„Wenn Sie selbst es nicht einmal verstanden haben, Ihr eigenes System zu vollenden, und darüber in Verzweiflung geraten sind, so sagen Sie doch bitte, was wir noch machen sollen?“ bemerkte vorsichtig einer der Offiziere.

„Sie haben recht, mein Herr aktiver Offizier,“ wandte sich Schigaleff schroff an ihn, „und vor allen Dingen darin, daß Sie das Wort ‚Verzweiflung‘ gebrauchten. Ja, ich geriet in Verzweiflung; doch nichtsdestoweniger ist alles, was in meinem Buche steht, unersetzlich, und einen anderen Ausweg gibt es nicht; einen solchen wird keiner finden. Und darum beeile ich mich, ohne Zeit zu verlieren, die ganze Gesellschaft aufzufordern, später, also nachdem ich mein System an zehn Abenden vorgetragen habe, ihre Meinung über dasselbe zu äußern. Wollen aber die Mitglieder mir nicht zuhören, so ist es besser, wir gehen sofort alle auseinander, – die Männer, um sich mit Verwaltungsarbeiten abzugeben, und die Frauen – in ihre Küchen, aus dem Grunde, weil sie, wenn sie mein System ablehnen, einen anderen Ausweg doch nicht mehr finden können. Kei–nen einzigen! Lassen sie aber die Zeit sich entgehen, so schaden sie sich damit nur, da sie dann doch unfehlbar zum ewig Alten zurückkehren werden.“

Man wurde ein wenig unruhig: „Was soll das ...? Wie ...? Etwa übergeschnappt ...?“ hörte man flüstern.

„Das heißt also, daß die Hauptsache jetzt bloß in Schigaleffs Verzweiflung besteht,“ folgerte Lämschin, „und die Tagesfrage nur lauten kann: hat er nun das Recht, verzweifelt zu sein, oder hat er es nicht?“

„Schigaleffs Verzweiflung ist eine vollkommen persönliche Frage,“ verkündete der Gymnasiast.

„Ich schlage vor, abzustimmen, inwieweit die Verzweiflung Schigaleffs die allgemeine Sache angeht, und ferner, ob es sich überhaupt lohnt, sein System anzuhören oder nicht?“ schlug heiter einer von den Offizieren vor.

„Hier handelt es sich nicht darum,“ mischte sich endlich der lahme Lehrer ins Gespräch. Er sprach gewöhnlich mit einem gewissen gleichsam spöttischen Lächeln, so daß es eigentlich schwer war, festzustellen, ob er im Ernst sprach oder nur scherzte. „Hier, meine Herrschaften, handelt es sich um etwas ganz anderes. Herr Schigaleff hat sich seiner Aufgabe gar zu gewissenhaft gewidmet und ist dabei allzu bescheiden. Ich kenne sein Buch. Er schlägt darin vor, und zwar als endgültige Lösung des Problems, die Teilung der Menschheit in zwei ungleiche Teile. Der kleinere Teil, ungefähr nur ein Zehntel der Menschheit, erhält allein persönliche Freiheit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel. Diese neun Zehntel der Menschheit aber sollen ihre Persönlichkeit vollkommen einbüßen und zu einer Art Herde werden, um bei grenzenlosem Gehorsam mittels einer Reihe von Wiedergeburten die uranfängliche Unschuld wiederzugewinnen, etwa in der Form des alten Paradieses, wenn sie auch, nebenbei bemerkt, arbeiten müssen. Die Maßregeln, die der Autor vorschlägt, um den neun Zehnteln der Menschheit den persönlichen Willen zu nehmen, sowie um sie mittels einer neuen Erziehung ganzer Generationen in eine Herde umzubilden, – diese Maßregeln sind ungemein bemerkenswert, stützen sich zudem auf naturwissenschaftliche Tatsachen und sind sehr logisch. Man kann sich vielleicht mit einigen seiner Folgerungen nicht einverstanden erklären und ihm widersprechen, doch deshalb kann man noch nicht den Verstand und das Wissen des Autors anzweifeln. Das wäre auch unsinnig. Schade, daß seine Absicht, den Inhalt seines Buches an zehn Abenden vorzutragen mit den Umständen so unvereinbar ist, sonst bekämen wir viel Interessantes zu hören.“

„Meinen Sie das wirklich im Ernst?“ fragte Frau Wirginskaja fast beunruhigt den lahmen Lehrer. „Weil dieser Mensch nicht weiß, wohin er mit den Menschen soll, verlangt er, daß man neun Zehntel zu Sklaven macht? Ich habe ihn schon längst im Verdacht gehabt ... –“

„Sprechen Sie von Ihrem Bruder?“ fragte der Lahme.

„Wie, Sie erkennen Verwandtschaft an? Oder wollen Sie sich über mich lustig machen?“

„Und dazu noch für die Aristokraten arbeiten und ihnen wie Göttern gehorchen – das ist eine Gemeinheit!“ rief die Studentin empört.

„Ich schlage keine Gemeinheit vor, sondern ein Paradies, das irdische Paradies, und ein anderes kann es hier auf Erden überhaupt nicht geben,“ schloß Schigaleff mit Nachdruck.

„Ich aber würde anstatt des Paradieses,“ schrie Lämschin, „diese ganzen neun Zehntel der Menschheit nehmen und sie, da man mit ihnen doch nichts anzufangen weiß, einfach in die Luft sprengen, und würde nur ein Häufchen gebildeter Leute übriglassen, die dann nach der Wissenschaft herrlich und in Freuden leben könnten.“

„So etwas kann nur ein Narr sagen!“ fuhr die Studentin auf.

„Er ist ein Narr, aber er ist nützlich,“ flüsterte ihr Frau Wirginskaja zu.

„Und vielleicht wäre das die beste Lösung der Aufgabe!“ wandte sich Schigaleff lebhaft zu Lämschin. „Sie wissen natürlich nicht mal, welch einen tiefen Gedanken Sie da ausgesprochen haben, mein lustiger Herr. Da aber Ihr Vorschlag kaum erfüllbar ist, so muß man sich eben mit dem sogenannten Erdenparadies begnügen.“

„Einstweilen ist das schon genügender Unsinn!“ bemerkte plötzlich Werchowenski, anscheinend ganz unwillkürlich als Betrachtung, die einem mal so entschlüpft. Übrigens fuhr er dabei gelassen und ohne aufzublicken fort, seine Nägel zu beschneiden.

„Wieso, warum soll denn das ein Unsinn sein?“ griff sofort der lahme Lehrer die Bemerkung auf, als hätte er nur auf das erste Wort von Werchowenski gewartet, um ihn angreifen zu können. „Warum denn gerade ein Unsinn? Herr Schigaleff ist zum Teil ein Fanatiker der Menschenliebe; und erinnern Sie sich nur, daß selbst Fourier, Cabet ganz besonders, und sogar Proudhon eine Menge der allerdespotischsten und allerfanatischsten theoretischen Lösungen der Frage gegeben haben. Herr Schigaleff hat vielleicht noch am nüchternsten von ihnen allen die Sache angefaßt. Ich versichere Sie, daß es nach der Lektüre seines Buches fast unmöglich ist, mit einigen seiner Behauptungen nicht übereinzustimmen. Er hat sich vielleicht am allerwenigsten von der Realität entfernt, und sein Erdenparadies ist beinahe das wirkliche Paradies, dasselbe, über dessen Verlust die ganze Menschheit seufzt – vorausgesetzt natürlich, daß es wirklich einmal existiert hat.“

„Ich konnte mir ja denken, daß ich mir da was auf den Hals lade,“ murmelte Werchowenski wieder nachlässig.

„Erlauben Sie,“ regte sich der Lahme mehr und mehr auf, „Gespräche und Betrachtungen über die zukünftige soziale Einrichtung sind fast die dringendste Pflicht aller denkenden Menschen der Gegenwart. Alexander Herzen hat sich sein Leben lang einzig und allein darum gesorgt, und Belinski hat, wie ich aus der sichersten Quelle weiß, ganze Abende mit seinen Freunden verbracht, indem er mit ihnen im voraus über die kleinsten Einzelheiten der zukünftigen sozialen Welteinrichtung debattierte, ja, sozusagen über deren Küchenfragen stritt.“[46]

„Und einige werden darüber gar vollends verrückt,“ bemerkte der Major.

„Immerhin kann man sich so doch zu irgendeinem Ergebnis durchsprechen, und das ist, denke ich, jedenfalls besser, als wie die Diktatoren dazusitzen und zu schweigen,“ rief Liputin gehässig, der es jetzt endlich zu wagen schien, Werchowenski anzugreifen.

„Ich habe nicht zu Schigaleffs Ideen ‚Unsinn‘ gesagt,“ murmelte Werchowenski nachlässig, fast kaum verständlich seine Worte. „Sehen Sie, meine Herrschaften,“ er blickte kurz auf – „meiner Meinung nach sind alle diese Bücher Fouriers, Cabets, alle diese ‚Arbeitsrechte‘, der Schigalewismus – alles das erinnert an Romane, die man ja zu Hunderttausenden schreiben kann. Ästhetischer Zeitvertreib. Ich begreife ja, daß Sie es hier im Städtchen langweilig haben und sich eben darum aufs Schreibpapier stürzen.“

„Erlauben Sie,“ der Lahme rückte ungeduldig auf dem Stuhl, „wenn wir auch Provinzler sind und natürlich schon deswegen allein Mitleid verdienen, so wissen wir doch, daß inzwischen in der Welt nichts so Besonderes oder Neues geschehen ist, als daß wir Grund hätten, darüber zu klagen, daß wir es nicht mit unseren Augen gesehen haben. Da fordert man uns nun auf, durch verschiedene Schandblätter ausländischen Fabrikats, die hier verbreitet werden, uns zusammenzutun und Geheimbünde zu gründen, einzig zu dem Zweck der allgemeinen Zerstörung – unter dem Vorwande: wie man an der Welt auch herumdoktern wollte, ganz gesund könne man sie doch nicht machen; schneidet man aber radikal hundert Millionen Köpfe ab, so könne man nach dieser Erleichterung besser über den Graben springen. Ein herrlicher Gedanke, zweifellos, aber – mit der Wirklichkeit mindestens ebenso unvereinbar wie der Schigalewismus, über den Sie sich noch im Augenblick so verächtlich äußerten.“

„Na, ja, ich bin aber nicht zu dem Zweck hergekommen, um hier Betrachtungen anzustellen,“ versprach sich Werchowenski gleichsam mit einem bedeutsamen Wort, tat aber dabei, als hätte er das selbst gar nicht bemerkt, und zog ruhig ein Licht zu sich heran, damit er es heller habe.

„Schade, wirklich sehr schade, daß Sie nicht zu dem Zweck hergekommen sind, und desgleichen, daß Sie jetzt mit Ihrer Toilette beschäftigt sind!“

„Was hat das mit meiner Toilette zu tun?“

„Die Idee, die Menschheit um hundert Millionen Köpfe zu verringern, ist ebenso schwer zu verwirklichen, wie die Welt mittels Propaganda umzuändern. Vielleicht sogar noch schwerer, besonders in Rußland,“ wagte sich Liputin wieder vor.

„Man scheint jetzt allgemein auf Rußland zu hoffen,“ bemerkte einer von den Offizieren.

„Ja, auch wir haben davon gehört, daß man auf Rußland hofft,“ griff der lahme Lehrer die Bemerkung auf. „Wir wissen, daß auf unser herrliches Vaterland ein geheimnisvoller Inder weist, wie auf ein Land, das am meisten zur Ausführung der großen Aufgabe befähigt ist. Nur eines muß man dabei nicht außer acht lassen: im Falle einer allmählichen Lösung der Aufgabe durch Propaganda kann ich persönlich doch immerhin etwas dabei gewinnen, nun, wenn auch meinetwegen nur dies, daß ich angenehm habe plaudern können, oder ich erhalte von den Vorgesetzten gar einen Orden für meine Dienste für die soziale Sache. Aber im zweiten Falle, bei der schnellen Entscheidung durch das Abhauen von hundert Millionen Köpfen – was hätte ich da für eine Belohnung zu erwarten? Fange ich an dafür Propaganda zu machen, so schneidet man mir womöglich noch die Zunge ab.“

„Ihnen wird sie bestimmt abgeschnitten,“ sagte Werchowenski.

„Sehen Sie wohl. Da man aber selbst unter den günstigsten Umständen eine solche Metzelei vor fünfzig Jahren, oder meinetwegen auch nur dreißig, nicht beenden kann, – denn das sind doch keine Lämmer, die sich protestlos den Hals abschneiden lassen –, so meine ich: sollte es da nicht ratsamer sein, Hab und Gut aufzupacken und irgend wohin auf eine stille Insel im Stillen Ozean zu gehen und dort in Frieden seine Augen zu schließen? Glauben Sie mir,“ rief er lauter und klopfte dabei mit dem Finger an den Tischrand, „mit solch einer Propaganda rufen Sie nur allgemeine Auswanderung hervor und sonst nichts weiter!“

Er schloß sichtlich triumphierend. Er war bei uns bekannt als kluger Kopf. Liputin lächelte schadenfroh, Wirginski hörte ein wenig wehmütig zu, die anderen aber folgten ungewöhnlich aufmerksam dem ganzen Streit, besonders die Offiziere und die Damen. Alle begriffen, daß der Agent der hundert Millionen abgeschnittener Köpfe an die Wand gedrückt war und warteten nun, was aus all dem werden würde.

„Das haben Sie übrigens ganz gut gesagt,“ bemerkte womöglich noch gleichgültiger als vorher, ja, beinahe schon gelangweilt, Werchowenski. „Auswandern ist ein guter Gedanke. Aber da sich trotz all der augenscheinlichen Nachteile, die Sie ja vorausfühlen, doch von Tag zu Tag immer mehr Anhänger oder Soldaten für die neue Sache melden, so wird man auch ohne Sie auskommen. Hier ist, mein Bester, eben die neue Religion dabei, die die alte ersetzt, darum finden sich auch so viele Jünger ein. Also Sie wandern aus! Hm, wissen Sie, da würde ich Ihnen aber raten, doch lieber nach Dresden zu gehen, und nicht auf eine stille Insel. Erstens ist das eine Stadt, die noch nie eine Epidemie gesehen hat, und da Sie ja ein vernünftiger Mensch sind, so fürchten Sie doch bestimmt den Tod. Zweitens ist Dresden nicht sehr weit von der russischen Grenze, so daß man denn sehr schnell die Renten aus dem liebenswürdigen Vaterlande erhalten kann. Drittens hat es in seinen Mauern sogenannte Kunstschätze, Sie aber sind ein ästhetischer Mensch, gewesener Lehrer der Literatur, wenn ich mich nicht täusche. Na, und endlich hat es noch seine eigene kleine Schweiz, eine in der Taschenausgabe – so etwas aber ist doch für die poetische Inspiration unumgänglich nötig, zumal Sie doch gewiß Gedichte schreiben. Mit einem Wort, ein Schatz in einer Tabaksdose!“

Die Gäste wurden unruhig; besonders die Offiziere. Noch ein Augenblick, so schien es, und alle hätten plötzlich gesprochen. Der lahme Lehrer jedoch biß sofort nach dem Köder:

„Erlauben Sie, ich habe durchaus noch nicht gesagt, daß ich die allgemeine Sache im Stich lassen will! Das sollte man auseinanderhalten ...“

„Wieso, würden Sie denn in eine ‚Fünf‘ eintreten, wenn ich Ihnen das vorschlüge?“ warf plötzlich Werchowenski die Frage hin und legte die Schere auf den Tisch.

Die ganze Versammlung zuckte gleichsam zusammen. Der rätselhafte Mensch hatte sich etwas zu plötzlich aufgedeckt. Sogar das Wort „die Fünf“ hatte er ausgesprochen.

„Jeder, der sich für einen ehrlichen Menschen hält, zieht sich nicht von der allgemeinen Sache zurück,“ versuchte der Lehrer die offene Antwort zu umgehen, „aber ...“

„Nein, bitte, hier kann man mir nicht mit einem ‚aber‘ kommen,“ unterbrach ihn Werchowenski schroff und gebieterisch. „Ich erkläre hiermit, meine Herrschaften, daß ich eine offene, gerade Antwort verlange. Ich weiß nur zu gut, daß ich, der ich nicht grundlos hierher gekommen bin und Sie alle selbst versammelt habe, Ihnen Erklärungen schuldig bin.“ (Wieder ein unerwarteter Aufschluß.) „Wie aber soll ich Erklärungen geben, wenn ich nicht weiß, welcher Art Ihre Gedanken sind? Gespräche vermeide ich, – denn wozu soll man wieder dreißig Jahre lang schwatzen, wie man bisher schon dreißig Jahre geschwatzt hat – und frage Sie deshalb einfach, was Sie lieber wollen: den langsamen Weg, der im Schreiben sozialer Romane besteht und der kanzleimäßigen Vorausbestimmung der menschlichen Schicksale auf tausend Jahre, jedoch nur auf dem Schreibpapier, während der Despotismus in dieser Zeit die gebratenen Stücke schluckt, die eigentlich Ihnen in den Mund fliegen sollten und das bloß nicht können, weil Sie den Mund geschlossen halten? Oder sind Sie für die schnelle Entscheidung, worin diese auch bestehen sollte, die aber auf jeden Fall endlich die Hände befreit und der Menschheit erlaubt, sich frei ihr eigenes Schicksal zu schaffen, und zwar in der Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier? Da schreit man nun: ‚Aber hundert Millionen Köpfe!‘ Das ist vielleicht nur eine Metapher, aber wozu denn davor zurückschrecken, wenn der Despotismus bei der langsamen Papierlösung schon in irgend welchen hundert Jahren nicht nur hundert Millionen, sondern fünfhundert Millionen Köpfe verschlingen wird? Und vergessen Sie nicht, daß ein unheilbarer Kranker so wie so nicht gesund werden kann, was für Rezepte Sie ihm auch verschreiben mögen, – daß seine Krankheit sich, im Gegenteil, nur verschlimmert, je länger man sie hinzieht, bis er schließlich bei lebendigem Leibe verfault, derart, daß er auch uns ansteckt und alle frischen Kräfte, auf die wir jetzt rechnen, verdirbt – so daß wir dann womöglich überhaupt nichts mehr zustande bringen können. Ich gebe ja gern zu, daß ‚liberal‘ und schön zu reden, sehr angenehm ist, handeln aber – etwas ‚angreift‘ ... Nun ja, übrigens verstehe ich nicht zu reden. Ich bin mit Nachrichten hierher gekommen, und darum bitte ich jetzt die ganze verehrte Gesellschaft, nicht etwa abzustimmen, nein, sondern einfach und ohne Umschweife zu sagen, was Sie lustiger fänden: einen Schildkrötengang im Sumpf, oder mit Volldampf durch den Sumpf hindurch?“

„Ich erkläre mich positiv für den Volldampf!“ rief der Gymnasiast begeistert.

„Ich auch!“ rief Lämschin.

„Bei solcher Wahl bleibt natürlich kein Zweifel ...“ meinte einer der Offiziere. Nach ihm stimmte noch jemand bei und dann noch jemand.

Am meisten frappierte es alle, daß Werchowenski mit „Nachrichten“ hergekommen war und offenbar sofort reden würde.

„Meine Herrschaften, ich sehe, daß fast alle im Sinne der Proklamationen entscheiden,“ sagte er, während sein Blick alle Anwesenden überflog.

„Alle, alle!“ riefen die meisten.

„Ich muß gestehen, daß ich eigentlich mehr für eine humane Lösung bin,“ sagte der Major, „da aber schon alle dafür stimmen, so halte auch ich mit.“

„Es scheint also, daß auch Sie nicht widersprechen?“ wandte sich Werchowenski an den lahmen Lehrer.

„Ich kann nicht sagen, daß ich gerade ...“ erwiderte dieser zögernd und wurde ein wenig rot, „aber wenn ich mich jetzt den anderen anschließe, so tue ich es nur, um nicht zu stören ...“

„Na ja, so seid ihr ja alle! Seid bereit, ein halbes Jahr lang um der liberalen Redekunst willen zu streiten, und endet dann damit, daß ihr euch bloß ‚den anderen anschließt‘! Meine Herren, denken Sie erst einmal nach, ob Sie wirklich bereit sind?“

(Wozu bereit? – eine unbestimmte, doch furchtbar verlockende Frage.)

„Gewiß doch! natürlich, alle ...“ ertönten Stimmen.

Übrigens sahen sich dabei alle etwas scheu gegenseitig an.

„Aber vielleicht werdet ihr euch dann dadurch gekränkt fühlen, daß ihr so schnell einverstanden wart? Das ist doch gewöhnlich mit euch so.“

Man geriet in Erregung; aus verschiedenen Gründen; man geriet schon in Aufregung. Der Lahme stieß von neuem auf Werchowenski vor.

„Erlauben Sie einstweilen zu bemerken, daß die Antworten auf solche Fragen gewissermaßen bedingt sind. Wenn wir auch den Entschluß gefaßt haben, so bitte ich, doch nicht vergessen zu wollen, daß eine Frage, die in so sonderbarer Weise gestellt ...“

„Inwiefern in sonderbarer Weise?“

„Solche Fragen werden nicht so gestellt.“

„Dann sagen Sie mir gefälligst, wie. Im übrigen war ich von vornherein überzeugt, daß gerade Sie sich als erster gekränkt fühlen würden.“

„Sie haben unser Einverständnis zu sofortigem Handeln uns gewissermaßen entrissen. Aber was für ein Recht hatten Sie dazu? Was für Bevollmächtigungen besitzen Sie, um solche Fragen stellen zu können?“

„Das zu fragen, hätte Ihnen früher einfallen sollen! Warum haben Sie denn geantwortet? Sie haben sich einverstanden erklärt, und damit basta! Nun ist es zu spät, auf so etwas zurückzukommen.“

„Mir scheint, daß die leichtsinnige Aufrichtigkeit Ihrer Hauptfrage einen auf die Idee bringen kann, daß Sie weder Vollmacht, noch sonst ein Recht haben, diese Frage zu stellen, sondern einfach nur von sich aus – neugierig waren.“

„Wovon reden Sie? Was wollen Sie damit sagen?“ rief da plötzlich Werchowenski gleichsam erschrocken und tat, als werde er plötzlich unmutig.

„Ich meine, daß eine Aufnahme, was für eine es auch sei, wenigstens unter vier Augen gemacht wird, und nicht in unbekannter Gesellschaft von zwanzig Menschen!“ platzte der Lahme mit dem verhängnisvollen Wort heraus.

Werchowenski wandte sich sofort mit vorzüglich gespielter Aufregung an die Anwesenden.

„Meine Herren, ich halte es für meine Pflicht, allen mitzuteilen, daß das nur Dummheiten waren und unser Gespräch etwas zu weit gegangen ist. Ich habe noch so gut wie keinen aufgenommen, und niemand hat das Recht, von mir zu sagen, daß ich es hier getan hätte: wir haben einfach über verschiedene Meinungen gesprochen. Nicht wahr? Aber wie dem auch sei, jedenfalls regen Sie mich nicht wenig auf,“ wandte er sich wieder zu dem Lahmen, „ich hätte nie gedacht, daß man hier über solche fast unschuldigen Dinge nur unter vier Augen sprechen darf. Oder fürchten Sie, daß jemand uns anzeigen könnte? Kann denn wirklich jetzt ein Verräter unter uns sein?“

Die allgemeine Aufregung war ungeheuer. Alle begannen zu sprechen.

„Meine Herren, wenn das der Fall wäre,“ fuhr Werchowenski fort, „so bin ich es doch, den ich am meisten kompromittiert habe, und darum schlage ich vor, noch auf eine Frage zu antworten, versteht sich, nur wenn Sie wollen. Sie haben den freien Willen ...“

„Was für eine Frage? Welch eine Frage?“ riefen alle durcheinander.

„Eine Frage, nach deren Beantwortung wir entscheiden können, ob wir alle zusammen bleiben sollen, oder ob wir besser tun, wenn wir schweigend unsere Hüte nehmen und jeder seinen eigenen Weg geht.“

„Stellen Sie die Frage, stellen Sie die Frage!“

„Wenn einer von Ihnen von einem beabsichtigten politischen Morde erführe – würde er dann, wenn er alle Folgen voraussieht, hingehen und Anzeige erstatten, oder würde er zu Hause bleiben und den Dingen ruhig ihren Lauf lassen. Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Die Antwort auf meine Frage wird uns sagen, ob wir auseinandergehen oder zusammenbleiben sollen, und wenn das letztere, dann nicht nur für heute abend. Gestatten Sie, daß ich mich mit dieser Frage an Sie als ersten wende,“ wandte er sich an den Lahmen.

„Warum denn gerade an mich als ersten?“

„Weil doch nur von Ihnen diese ganze Auseinandersetzung heraufbeschworen worden ist. Haben Sie die Güte, die Antwort nicht umgehen zu wollen. Ausflüchte sind hier nicht am Platz. Doch übrigens, wie Sie wollen. Ihr freier Wille, wie gesagt.“

„Erlauben Sie, eine solche Frage ist einfach beleidigend.“

„Ich muß schon bitten, etwas deutlicher zu sein.“

„Ich bin noch nie Agent der Geheimpolizei gewesen.“

„Haben Sie die Güte, mich nicht aufzuhalten. Etwas bestimmter, wenn ich bitten darf.“

Der Lahme ärgerte sich dermaßen, daß er überhaupt aufhörte, zu antworten. Schweigend, mit bösem Blick, sah er, ohne seine Augen abzuwenden, hinter der Brille hervor auf seinen Peiniger.

„Ja oder nein? Würden Sie anzeigen, oder würden Sie nicht anzeigen?“ schrie plötzlich Werchowenski.

„Selbstverständlich zeige ich nicht an!“ schrie noch zweimal lauter der Lahme.

„Und keiner wird anzeigen, kein einziger! ... Ist doch wirklich lächerlich! ... so etwas! ...“ ertönten mehrere Stimmen.

„Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie wende, Herr Major: würden Sie anzeigen, ja oder nein?“ fuhr Werchowenski fort. „Bitte zu beachten, daß ich mich absichtlich an Sie wende.“

„Ich zeige nicht an.“

„Nun, aber wenn Sie wüßten, daß irgend jemand einen anderen erschlagen und berauben will, einen gewöhnlichen Sterblichen, so würden Sie es doch melden, nicht wahr?“

„Natürlich, aber das wäre doch ein ziviler Fall, hier aber handelt es sich um eine politische Anzeige. Bin kein Agent der Geheimpolizei.“

„Ja aber, das ist hier doch keiner!“ hörte man wieder ein paar Stimmen. „Unnütze Frage. Alle haben dieselbe Antwort. Hier gibt es doch keine Verräter!“

„Warum steht dieser Herr dort auf?“ rief plötzlich die Studentin.

„Das ist Schatoff! Warum sind Sie aufgestanden, Schatoff?“ rief die Hausfrau erregt.

Schatoff hatte sich tatsächlich erhoben, stand, die Mütze in der Hand, und sah auf Werchowenski. Es war, als wolle er ihm etwas sagen, doch schien er noch unentschlossen zu sein. Sein Gesicht war blaß und zornig, aber er bezwang sich, sagte kein Wort und verließ stumm das Zimmer.

„Schatoff, das ist doch für Sie selbst unvorteilhaft!“ rief ihm Werchowenski rätselhaft nach.

„Dafür ist es aber für dich vorteilhaft, für dich Spion und Schurken!“ rief Schatoff von der Tür zurück und trat hinaus.

Wieder Ausrufe, Lärm.

„Da haben wir ja jetzt die Probe!“ rief eine Stimme.

„Hat genützt!“ rief eine andere.

„Hat sie nicht vielleicht zu spät genützt?“ fragte eine dritte.

„Wer hat ihn eingeladen? – Wer hat ihn empfangen? – Wer ist es? – Was ist dieser Schatoff? – Wird er denunzieren? ... wird er nicht? ...“ schwirrten die Fragen durcheinander.

„Wenn er denunzieren wollte, so würde er sich verstellt haben, so aber hat er gleichsam auf die ganze Sache einfach gespuckt und ist fortgegangen,“ bemerkte jemand.

„Da steht auch schon Stawrogin auf! Stawrogin hat auch nicht auf die Frage geantwortet!“ rief wieder die Studentin.

Stawrogin war tatsächlich aufgestanden und sogleich hatte sich auch Kirilloff am anderen Tischende von seinem Platz erhoben.

„Verzeihen Sie, Herr Stawrogin,“ wandte sich die Hausfrau nervös an ihn, „wir haben hier alle auf die Frage geantwortet, während Sie nun allein schweigend fortgehen wollen?“

„Ich fühle mich nicht verpflichtet, auf eine Frage zu antworten, die Sie interessiert,“ sagte Stawrogin.

„Aber wir haben uns kompromittiert und Sie nicht!“ riefen die Stimmen wieder.

„Was geht das mich an, daß Sie sich kompromittiert haben,“ lachte Stawrogin auf, doch seine Augen funkelten.

„Wieso – geht das Sie nichts an? Wieso – geht das Sie nichts an?“ fragte man sofort.

Einige sprangen von ihren Plätzen auf.

„Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie!“ rief der Lahme. „Herr Werchowenski hat ja auch noch nicht auf die Frage geantwortet, sondern sie bloß gestellt!“

Diese Bemerkung machte einen geradezu lähmenden Eindruck. Alle sahen sich erstaunt an. Stawrogin lachte laut dem Lahmen ins Gesicht und ging aus dem Zimmer. Kirilloff folgte ihm. Werchowenski lief beiden sofort ins Vorzimmer nach.

„Was machen Sie aus mir!“ flüsterte er erregt, Stawrogins Hand fassend, die er mit aller Kraft in der seinigen preßte.

Der entriß sie ihm schweigend.

„Seien Sie sofort bei Kirilloff, ich werde kommen ... Ich muß, ich muß Sie unbedingt sprechen!“

„Für mich gibt es kein Muß!“ schnitt ihm Stawrogin das Wort ab.

„Stawrogin wird bei mir sein,“ beendete Kirilloff das Gespräch. „Stawrogin, es gibt für Sie doch ein Muß. Ich werde es Ihnen dort zeigen.“

Sie gingen hinaus.

Dreizehntes Kapitel.
Zarewitsch Iwan

Sie traten hinaus. Pjotr Stepanowitsch kehrte zuerst in das Gastzimmer zurück, um das Chaos zu besänftigen, doch er sah bald ein, daß hier jede Mühe vergeblich war, und so lief er denn schon nach zwei Minuten den Fortgegangenen nach. Unterwegs fiel ihm eine Querstraße ein, durch die er ein gutes Stück Weges abschneiden konnte. Er bog in sie ein – es war eine Winkelgasse, in der er im Schlamm fast bis über die Knöchel versank – und erreichte auf diese Weise das Filippoffsche Haus fast in demselben Augenblick, als Stawrogin und Kirilloff durch die Hofpforte traten.

„Schon hier? – Das ist gut.“ sagte Kirilloff. „Kommen Sie.“

„Wie, Sie sagten doch, daß Sie ganz allein leben?“ fragte Stawrogin, als er im Flur den schon aufgesetzten Samowar bemerkte, der schon zu summen begann.

„Werden gleich sehen, mit wem ich lebe,“ murmelte Kirilloff. „Treten Sie ein.“

Kaum hatten sie sich gesetzt, als Werchowenski den anonymen Brief, den er sich von Herrn von Lembke ausgebeten hatte, aus der Tasche zog und ihn vor Stawrogin auf den Tisch legte. Stawrogin las ihn schweigend durch.

„Nun?“ fragte er.

„Dieser Schuft wird bestimmt das tun, wozu er sich erboten hat,“ erklärte Werchowenski. „Da er in Ihrer Hand ist, so sagen Sie bitte, wie man mit ihm umgehen soll. Ich versichere Ihnen, daß er vielleicht schon morgen zu Lembke geht.“

„Nun, mag er doch gehen.“

„Wieso, mag er doch? Wenn man das verhindern kann!“

„Sie irren sich, er hängt durchaus nicht von mir ab. Und übrigens ist es mir wirklich gleichgültig. Mir droht er doch mit nichts, bloß Ihnen.“

„Auch Ihnen.“

„Ich glaube nicht.“

„Aber andere könnten Sie vielleicht nicht schonen. Sollten Sie das wirklich nicht begreifen? Hören Sie, Stawrogin, das ist doch nur ein Spiel mit Worten. Tut Ihnen wirklich das Geld leid?“

„Ist dazu überhaupt Geld nötig?“

„Unbedingt. Zweitausend oder minimum tausend fünfhundert Rubel. Geben Sie mir die Summe morgen oder meinetwegen heute noch, und morgen abend schaffe ich ihn nach Petersburg. Das will er ja selbst! Wenn Sie wollen, mitsamt Marja Timofejewna – beachten Sie das!“

Es war etwas vollkommen Irres in Werchowenski, er sprach unvorsichtig, hastig, die Worte entfuhren ihm unbedacht.

Stawrogin betrachtete ihn mit Verwunderung.

„Ich habe gar keinen Grund, Marja Timofejewna fortzuschicken,“ sagte er.

„Vielleicht wollen Sie es nicht einmal?“ fragte Pjotr Stepanowitsch mit ironischem Lächeln.

„Vielleicht will ich es nicht einmal.“

„Kurzum: wird das Geld zur Stelle sein, oder wird es nicht zur Stelle sein?“ fuhr er plötzlich, in geärgerter Ungeduld und fast herrisch, Stawrogin an.

Dieser besah ihn sich mit ernstem Gesicht.

„Es wird nicht zur Stelle sein.“

„Ei, Stawrogin! Sie wissen offenbar irgend etwas, oder haben schon irgend etwas getan! Sie führen ein wildes Leben!“

Sein Gesicht verzog sich dabei. Seine Mundwinkel zuckten, und plötzlich lachte er ein ganz grundloses, unvermitteltes Lachen, das gar nicht hierher paßte.

„Sie haben erst kürzlich von Ihrem Vater Geld für das Gut erhalten,“ bemerkte Stawrogin ruhig. „Meine Mutter hat Ihnen die sechs- oder achttausend Rubel, die Sie von Stepan Trophimowitsch verlangten, für das Gut ausgezahlt. Davon können Sie doch, wenn das für Sie so nötig ist, sehr wohl tausendfünfhundert aus Ihrer Tasche bezahlen. Ich habe es satt, immer für andere zu zahlen, und habe schon so viel ausgegeben, daß es für mich beinahe kränkend ist ...“ Er mußte selbst über seine letzten Worte lächeln.

„Ah, Sie beginnen zu scherzen ...“

Stawrogin erhob sich, sofort sprang auch Werchowenski auf und stellte sich mechanisch vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren. Stawrogin machte schon eine Bewegung, um ihn fortzustoßen und hinauszugehen – doch plötzlich blieb er stehen.

„Ich trete Ihnen Schatoff nicht ab,“ sagte er.

Pjotr Stepanowitsch zuckte zusammen; sie sahen sich an.

„Ich habe Ihnen heute unterwegs gesagt, wozu Sie Schatoffs Blut brauchen,“ sagte Stawrogin mit funkelnden Augen. „Mit diesem Blut wollen Sie Ihre Fünfer-Gruppen zusammenleimen. Vorhin haben Sie ja Schatoff auf eine ganz vorzügliche Weise hinausgejagt: Sie wußten nur zu gut, daß er niemals sagen würde, ‚ich denunziere nicht‘ – vor Ihnen aber zu lügen für unter seiner Würde hält. Doch wozu brauchen Sie mich, mich jetzt eigentlich? Was soll ich bei all dem? Nachdem ich aus dem Auslande zurückgekehrt bin, drängen Sie sich mir immer wieder auf. Das, womit Sie mir Ihr Benehmen bis jetzt erklärt haben, ist nur Fieberphantasie. Dabei wollen Sie, daß ich, indem ich Lebädkin tausendfünfhundert Rubel einhändige, damit Ihrem Fedjka das Zeichen gebe, ihn zu erstechen. Ich weiß, Sie denken, daß ich zu gleicher Zeit auch meine Frau ermorden lassen will. Und wenn Sie mich dann mit einem Verbrechen an sich gebunden haben, so hoffen Sie, Macht über mich zu bekommen – ist es nicht so? Wozu aber wollen Sie diese Macht? Für welch eine Teufelei in aller Welt brauchen Sie mich? Ich sage Ihnen ein für allemal: machen Sie doch endlich einmal Ihre Augen auf und sehen Sie näher zu, ob ich überhaupt ein Mensch für Sie bin, und lassen Sie mich dann endlich in Ruh!“

„Fedjka ist selbst zu Ihnen gekommen?“ fragte Werchowenski beklommen.

„Ja, er ist selbst zu mir gekommen. Sein Preis ist gleichfalls genau tausend fünfhundert ... Da – er kann es ja selbst bestätigen, da ist er ja ...“ rief Stawrogin und streckte seine Hand gegen die Tür hin aus.

Pjotr Stepanowitsch drehte sich schnell um. Auf der Schwelle stand, aus der Dunkelheit hervortretend, eine Menschengestalt – Fedjka, im kurzen Pelz, doch ohne Mütze, ganz wie einer, der im Hause wohnt. Er stand da und lächelte, daß man seine gleichmäßigen weißen Zähne schimmern sah. Die schwarzen Augen mit dem gelben Zigeunerglanz huschten vorsichtig durch das Zimmer und gingen von einem zum anderen der Herren. Er schien irgend etwas nicht zu verstehen: wahrscheinlich hatte ihn Kirilloff herangewinkt, denn zu dem wandte sich immer wieder sein fragender Blick. Er blieb auf der Schwelle stehen und schien nicht eintreten zu wollen.

„Er ist hier wohl in Bereitschaft gehalten worden, um unseren ganzen Schacher mit anzuhören, vielleicht gar um das Geld gleich in Empfang zu nehmen – ist’s nicht so?“ fragte Stawrogin, und ohne die Antwort abzuwarten, verließ er das Haus.

Werchowenski lief ihm sofort nach, und holte ihn noch bei der Hofpforte ein.

„Bleib! Keinen Schritt!“ rief er und packte ihn am Ellenbogen.

Stawrogin riß seinen Arm zurück, konnte ihn jedoch nicht befreien. Da packte ihn die Wut und mit der linken Hand ergriff er Werchowenski bei den Haaren, schleuderte ihn mit aller Kraft zu Boden und trat dann hinaus auf die Straße. Aber noch war er nicht dreißig Schritt gegangen, als der andere ihn schon wieder einholte.

„Versöhnen wir uns, versöhnen wir uns,“ kam es in bebendem Flüsterton, fast bettelnd, von seinen Lippen.

Stawrogin zuckte mit der Schulter und ging weiter.

„Hören Sie, ich bringe morgen Lisaweta Nicolajewna zu Ihnen, wollen Sie? Nicht? Warum antworten Sie denn nicht? Sagen Sie nur, was Sie wollen, und ich tue es. Hören Sie: ich lasse Ihnen auch Schatoff, wollen Sie?“

„Dann ist es also wahr, daß Sie ihn wirklich ermorden wollten?“

„Nun, wozu brauchen Sie Schatoff? Was haben Sie von ihm?“ fuhr atemlos schnell Werchowenski fort, indem er ihm bald in den Weg lief, bald wieder ihn am Ellenbogen ergriff, augenscheinlich, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu werden. „Hören Sie: ich gebe Ihnen Schatoff, versöhnen wir uns nur, versöhnen wir uns! Ihre Rechnung ist groß, aber ... versöhnen wir uns!“

Stawrogin sah ihn schließlich an und war betroffen. Das war nicht mehr derselbe Blick, nicht mehr dieselbe Stimme, wie sonst und wie noch dort im Zimmer. Das war fast ein ganz anderes Gesicht, das er da vor sich sah. Und auch die Stimme war eine ganz andere: Werchowenski flehte, winselte geradezu. Das war ja ein Mensch, dem man das Teuerste auf Erden nimmt, oder schon fortgenommen hat, und der noch nicht zur Besinnung gekommen ist.

„Was ist mit Ihnen geschehen?“ rief Stawrogin unwillkürlich.

Werchowenski antwortete nicht und lief immer noch neben ihm her und sah mit demselben flehenden und doch gleichzeitig unnachgiebigen Blick zu ihm auf.

„Versöhnen wir uns!“ flüsterte er noch einmal. „Hören Sie, ich halte wie Fedjka ein Messer im Stiefel bereit, aber – ich will mich mit Ihnen versöhnen!“

„Zum Teufel, wozu brauchen Sie mich denn! Was wollen Sie von mir?“ rief Stawrogin in hellem Zorn, trotz seiner ganzen Verwunderung. „Soll das etwa ewig ein Geheimnis bleiben? Bin ich denn ein Talisman für Sie?“

„Hören Sie, wir machen einen Aufruhr,“ redete der andere schnell und wirr, fast wie im Fieber. „Sie glauben nicht, daß wir einen Aufruhr machen? Wir werden einen solchen Aufruhr machen, daß alles in den Grundfesten erbebt. Karmasinoff hat recht: es gibt nichts, woran man sich noch halten könnte. Karmasinoff ist sehr klug. Nur noch zehn solcher Gruppen in ganz Rußland, und ich bin nicht zu fangen.“

„Und überall dieselben Dummköpfe!“ entfuhr es Stawrogin wider Willen.

„Oh, seien Sie selbst etwas dümmer, Stawrogin, seien Sie selbst etwas dümmer! Wissen Sie, Sie sind ja auch gar nicht so klug, daß Sie dies noch wünschen sollten. Sie fürchten sich, Sie glauben nicht daran, der Umfang schreckt Sie. Und warum sollen sie Dummköpfe sein? Dabei sind sie gar nicht mal solche Dummköpfe! Heutzutage hat niemand seinen eigenen Verstand. Heutzutage gibt es überhaupt furchtbar wenig eigenen Verstand. Wirginski ist der reinste Mensch, viel reiner als solche wie wir, zehnmal reiner. Doch lassen wir ihn beiseite, was geht er uns an. Liputin ist ein Spitzbube, aber ich kenne seine Achillesferse. Es gibt keinen Spitzbuben, der nicht eine Achillesferse hätte. Nur Lämschin allein hat keine, dafür ist er ganz in meiner Hand. Und noch ein paar solcher Gruppen, und ich habe überall Pässe und Geld – beachten wir schon das allein! Wenn auch nur das allein! – was? Dazu sichere Verstecke. Mögen sie dann suchen! Eine Gruppe reißt man heraus, und auf die andere setzt man sich ahnungslos. Wir wiegeln auf ... Hören Sie, wir machen einen Aufruhr ... Glauben Sie denn wirklich nicht, daß wir zwei vollkommen genügen?“

„Nehmen Sie Schigaleff, mich aber lassen Sie in Ruh ...“

„Schigaleff ist ein genialer Mensch! Wissen Sie, das ist ein Genie à la Fourier, nur mutiger als Fourier, nur stärker als Fourier. Ich werde mich mit ihm beschäftigen. Er hat die ‚Gleichheit‘ erdacht!“

– „Er hat offenbar Fieber und phantasiert. Es muß etwas ganz Besonderes mit ihm geschehen sein,“ dachte Stawrogin und sah ihn noch einmal von der Seite an. Sie gingen beide, ohne stehen zu bleiben.

„In seiner Schrift ist das eine gut,“ fuhr Werchowenski fort, „er hat die Idee der Spionage. Bei ihm beobachtet innerhalb des Verbandes ein jeder den anderen, und ist verpflichtet, ihn nötigenfalls anzuzeigen. Jeder einzelne gehört allen und alle jedem einzelnen. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In äußersten Fällen Verleumdung und Mord, – aber die Hauptsache: Gleichheit! Als erstes senkt sich dann das Niveau der Bildung, der Wissenschaft und der natürlichen, angeborenen Begabung. Ein hohes geistiges Niveau ist nur höheren Begabungen zugänglich – wir aber brauchen keine höheren Begabungen! Höhere Begabungen haben stets die Macht an sich gerissen und waren Despoten. Höheren Begabungen ist es unmöglich, nicht Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder man richtet sie hin. Cicero wird die Zunge abgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen und Shakespeare wird gesteinigt – das ist der Schigalewismus! Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in der Herde aber muß Gleichheit sein, und da haben Sie den Schigalewismus! Ha–ha–ha, Ihnen kommt das sonderbar vor? Ich bin für den Schigalewismus!“

Stawrogin schritt schneller aus, um endlich nach Hause zu kommen. – „Wenn dieser Mensch betrunken sein sollte, wo hat er denn inzwischen trinken können?“ fuhr es ihm durch den Kopf. „Sollte wirklich der eine Kognak –?“

„Hören Sie, Stawrogin: Berge zur Ebene machen – ist ein guter Gedanke, nicht ein lächerlicher. Ich bin für Schigaleff! Bildung ist nicht nötig, von Wissenschaft haben wir genug! Auch ohne Wissenschaft reicht das Material für tausend Jahre, aber zuerst muß sich der Gehorsam durchsetzen. Nur eines ist noch nicht genug vorhanden in der Welt – und das ist Gehorsam. Jeder Bildungsdurst ist schon ein aristokratischer Trieb. Familie, Liebe – das ist gleich schon Wunsch nach Eigentum. Wir bringen ihn um, den Wunsch: wir verbreiten Trunksucht, Klatsch, Angeberei; wir verbreiten unerhörte Demoralisation; wir ermorden jedes Genie schon als Kind. Alles wird auf einen Nenner gebracht, vollständige Gleichheit durchgesetzt. ‚Wir haben ein Handwerk erlernt und wir sind ehrliche Leute, weiter brauchen wir nichts‘ – diese Antwort haben kürzlich englische Arbeiter gegeben. Unentbehrlich ist nur das Unentbehrliche, – das sei die Devise des Erdballs von nun an. Aber auch Krämpfe sind nötig; dafür werden wir sorgen, die Regenten. Sklaven müssen Regenten haben. Vollkommener Gehorsam, vollkommene Unpersönlichkeit, aber einmal in jeden dreißig Jahren gönnt Schigaleff doch einen Krampf, und dann frißt sich alles plötzlich gegenseitig auf, bis zu einer gewissen Grenze natürlich nur, einzig damit das Leben nicht zu langweilig wird. Langeweile ist eine aristokratische Empfindung; im Schigalewismus wird es keine Wünsche geben. Wünsche und Leiden für uns, für die Sklaven aber Schigalewismus.“

„Sich selbst schließen Sie aus?“

„Und Sie. Wissen Sie, zuerst wollte ich die Welt dem Papst geben. Mag er sich barfuß dem Pöbel zeigen: ‚Seht, wozu man mich gebracht hat!‘ und alles wird ihm nachlaufen, sogar das Heer. Der Papst oben, wir um ihn herum und unter uns Schigalewismus. Nur müßte sich die Internationale mit dem Papst einverstanden erklären; was sie auch tun wird. Der Alte selbst wird natürlich sofort einverstanden sein. Es wird ihm ja auch gar kein anderer Ausweg übrigbleiben, behalten Sie mein Wort, ha–ha–ha, dumm? Sagen Sie, ist’s dumm oder nicht?“

„Genug,“ murmelte Stawrogin geärgert.

„Genug! Hören Sie, ich habe den Papst Papst sein lassen! Zum Teufel mit dem Papst! Zum Teufel mit dem Schigalewismus! Wir brauchen die brennende Tagesfrage, aber nicht den Schigalewismus, denn der ist eine Juwelierarbeit. Schigalewismus ist ein Ideal, kommt erst für die Zukunft in Frage. Schigaleff ist ein Juwelier und dumm wie jeder Philantrop. Doch zunächst tut grobe Arbeit not, Schigaleff aber verachtet die grobe Arbeit. Hören Sie, der Papst wird im Westen sein, bei uns aber, bei uns – sind Sie!“

„Lassen Sie mich in Ruh, Sie Betrunkener!“ murmelte Stawrogin und ging noch schneller weiter.

„Stawrogin, Sie sind schön!“ rief Pjotr Stepanowitsch fast wie in einem Rausch. „Wissen Sie es auch selbst, daß Sie schön sind? Das Teuerste an Ihnen ist, daß Sie es zuweilen selbst gar nicht zu wissen scheinen, wie schön Sie sind. Oh, ich kenne Sie jetzt auswendig! Ich sehe Sie mir oft heimlich, von der Seite an, aus einem Winkel! In Ihnen ist sogar Treuherzigkeit und echte Einfalt – wissen Sie das auch? Ja, noch, noch sind die in Ihnen! Sie leiden offenbar, und leiden aufrichtig, dank dieser Treuherzigkeit. Ich liebe die Schönheit! Ich bin ein Nihilist, aber ich liebe Schönheit! Lieben denn Nihilisten die Schönheit nicht? Die lieben doch bloß Götzen nicht, nun, ich aber liebe einen Götzen! Und Sie, Sie sind mein Götze! Sie kränken niemanden, und doch werden Sie von allen gehaßt. Sie sehen auf alle gleich und doch werden Sie von allen gefürchtet, und das ist gut. An Sie wird niemand herantreten, um Sie auf die Schulter zu klopfen. Sie sind ein furchtbarer, ein geborener Aristokrat. Wenn ein Aristokrat unter die Demokraten geht, ist er bezaubernd! Ihnen macht es nichts aus, das Leben zu opfern, Ihr eigenes ebenso wenig, wie das anderer Menschen. Sie sind genau so, wie er sein muß. Und ich, ich brauche gerade solch einen, wie Sie. Außer Ihnen wüßte ich keinen. Sie sind der Anführer, Sie sind Sonne, ich aber bin Ihr Wurm ...“

Und plötzlich küßte er ihm die Hand. Kalt lief es Stawrogin über den Rücken und entsetzt riß er seine Hand zurück.

Sie blieben stehen.

„Wahnsinniger!“ murmelte Stawrogin.

„Vielleicht bin ich wahnsinnig, vielleicht phantasiere ich im Fieber!“ hastete Werchowenski weiter in seiner Rede, „aber ich habe den ersten Schritt ausgedacht. Niemals kann Schigaleff den ersten Schritt ausdenken. Es gibt viele Schigaleffs! Aber nur ein einziger, ein einziger in ganz Rußland hat den ersten Schritt ausgedacht und weiß, wie man ihn machen muß. Dieser Mensch bin ich. Warum sehen Sie mich so an? Ich brauche aber Sie, Sie, ohne Sie bin ich eine Null. Ohne Sie bin ich eine Fliege, eine Idee im Fläschchen; ein Kolumbus ohne Amerika!“

Stawrogin stand und sah aufmerksam in Werchowenskis sinnlose Augen.

„Hören Sie, wir machen zuerst einen Aufruhr,“ eilte jener wie gehetzt weiter in seiner Rede, während er immer wieder Stawrogins linken Ärmel anfaßte. „Ich habe Ihnen schon gesagt: wir dringen unmittelbar ins Volk. Wissen Sie auch, daß wir auch jetzt schon furchtbar stark sind? Unser sind nicht nur die, die da brennen und morden, oder klassische Schüsse abfeuern oder in Schultern beißen. Solche stören nur. Ich verstehe nichts ohne Disziplin. Ich bin doch ein Betrüger, aber kein Sozialist, ha–ha! Hören Sie, ich habe sie bereits alle zusammengezählt: der Lehrer, der mit den Kindern über ihren Gott und über ihre Wiege lacht, ist schon unser. Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, daß der Mörder entwickelter gewesen ist, als seine Opfer und somit, um Geld zu bekommen, unmöglich nicht töten konnte, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern töten, um zu sehen, was man dabei empfindet, sind unser. Die Geschworenen, die Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser. Unser sind Administratoren, Literaten, oh, unser sind viele, ihrer sind Legion, und sie wissen es selbst nicht einmal, daß sie unser sind! Andererseits hat der Gehorsam der Schuljungen und Dummköpfe den höchsten Grad erreicht. Bei denen aber, die sie leiten und lehren sollten, ist nichts als Galle. Überall grenzenlose Ruhmsucht, unerhörte, tierische Genußsucht ... Wissen Sie überhaupt, wie viele wir allein schon mit fertigen Ideechen einfangen? Als ich Rußland verließ, wütete die These Littrés, nach der Verbrechen Wahnsinn ist. Ich komme wieder – und schon ist das Verbrechen nicht mehr Wahnsinn, sondern gerade der wahre, der einzige Sinn, ist beinahe Pflicht oder zum mindesten ein edler Protest. – ‚Wie soll denn ein geistig entwickelter Mensch nicht morden, wenn er Geld braucht?‘ – Doch das sind erst kleine Pröbchen. Der russische Gott hat vor dem Schnaps schon die Flucht ergriffen. Das Volk ist betrunken, die Mütter sind betrunken, die Kinder sind betrunken, die Kirchen sind leer und an den Gerichtshöfen heißt es: ‚zweihundert Rutenstreiche oder schlepp den Eimer‘. Oh, gebt nur dieser Generation Zeit, aufzuwachsen! Der Jammer ist ja nur, daß wir keine Zeit zum Warten haben, sonst könnten wir sie noch betrunkener werden lassen! Ein Jammer, daß wir keine Proletarier haben! Aber wir werden sie schon bekommen, wir werden schon, denn dazu führt es ...“

„Ein Jammer gleichfalls, daß wir dümmer geworden sind,“ brummte Stawrogin und setzte seinen früheren Weg fort.

„Hören Sie, ich habe ein sechsjähriges Kind gesehen, das seine betrunkene Mutter nach Hause führte, und die schimpfte es noch mit gemeinen Worten. Sie glauben, daß ich mich darüber freue? Bekommen wir es in die Hände, so werden wir es vielleicht auch gesund machen ... wenn es nötig ist, treiben wir es auf vierzig Jahre in die Wüste hinaus ... Aber eine oder zwei Generationen mit unerhörter Sittenverderbnis sind jetzt unbedingt nötig: vertierte Sitten, gemeine, schändliche Sitten, so daß der Mensch sich in einen einzigen widrigen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Ekel verwandelt – das ist es, was nötig ist! Und dann ein bißchen ‚frisches Blut‘, damit er sich daran gewöhnt. Warum lachen Sie? Ich widerspreche mir nicht. Ich widerspreche nur den Philantropen und dem Schigalewismus, aber nicht mir! Ich bin ein Betrüger, aber kein Sozialist. Ha–ha–ha! Schade nur, daß wir so wenig Zeit haben. Ich habe Karmasinoff versprochen, im Mai zu beginnen und zum Oktober zu beenden. Schnell – wie? Ha–ha! Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Stawrogin: im russischen Volk hat es bis jetzt noch keinen Zynismus gegeben, wenn es sich auch mit gemeinen Worten zu schimpfen pflegte. Wissen Sie auch, daß dieser leibeigene Sklave sich mehr achtete, als Karmasinoff sich achtet? Er wurde gedroschen, aber er stand für seinen Gott ein, Karmasinoff aber steht nicht für seinen Gott ein.“

„Nun, Werchowenski, ich höre Sie zum ersten Male, und höre Sie mit Verwunderung,“ sagte Stawrogin, „Sie sind also wirklich kein Sozialist, sondern ein politischer ... Streber?“

„Ein Betrüger, ein Betrüger. Macht Ihnen das Sorge, was ich eigentlich bin? Ich werde Ihnen sogleich sagen, wer ich bin, darauf komme ich jetzt. Habe Ihnen doch nicht umsonst die Hand geküßt. Aber es ist nötig, daß auch das Volk es glaubt, daß wir wissen, was wir wollen, und daß jene nur mit der ‚Keule fuchteln und die Eigenen schlagen‘. Ach, nur Zeit! Der einzige Jammer ist bloß der, daß wir keine Zeit haben! Wir verkünden die Zerstörung ... warum nur, warum ist diese Idee so bezaubernd? Aber man muß, man muß die Knochen gelenkig machen. Wir legen Feuer an ... Wir verbreiten Legenden ... Hierbei wird uns jede kleine räudige ‚Gruppe‘, jedes Häufchen zu statten kommen. Ich kann Ihnen aus diesen Gruppen solche Jäger heraussuchen, die zu jedem Schuß bereit sind und für die Ehre noch ewig dankbar bleiben. Und dann beginnt der Aufruhr! Ein Schaukeln hebt an und gerät in Schwung, wie’s die Welt bisher noch nie gesehen hat! ... Verfinstern wird sich Rußland und weinen wird die Erde nach den alten Göttern ... Und dann, dann bringen wir ... Wen?“

„Wen?“

„Den Zarewitsch Iwan!“

„We–en?“

„Den Zarewitsch Iwan; Sie, Sie!“

Stawrogin dachte einen Augenblick nach.

„Einen Usurpator?“ fragte er plötzlich und sah mit tiefer Verwunderung den Verzückten an. „Ah, also das ist Ihr Plan!“

„Wir sagen zuerst, daß er sich ‚verbirgt‘,“ flüsterte leise wie ein Liebesgeständnis Werchowenski, der in der Tat wie betrunken war. „Wissen Sie auch, was dieses Wörtchen bedeutet: ‚er verbirgt sich‘? ‚Aber er wird kommen, er wird kommen!‘ sagen wir. Die Legende, die wir verbreiten, wird besser sein, als die der Skopzen.[47] Er ist da – aber noch hat ihn niemand gesehen. Oh, was für eine Legende wir zuraunen können! Doch die Hauptsache – eine neue Kraft kommt! Gerade die aber tut ja not, gerade nach einer solchen sehnt man sich ja weinend! Was ist denn der Sozialismus: er hat ja nur alte Kräfte zerstört, neue aber nicht gebracht. Hier dagegen ist’s eine Kraft, und noch was für eine! Eine noch nie dagewesene! Wir brauchen ja nur für einmal den Hebel, um die Erde aufzuheben. Alles wird sich erheben!“

„So haben Sie im Ernst auf mich gerechnet?“ fragte Stawrogin ironisch.

„Warum lachen Sie und warum lachen Sie so boshaft? Erschrecken Sie mich nicht. Ich bin jetzt wie ein Kind, man kann mich zu Tode erschrecken, schon allein mit solch einem Lächeln. Hören Sie, ich werde Sie niemandem zeigen, niemandem: so muß es sein. Er ist da, aber keiner hat ihn gesehen. Er verbirgt sich. Oder wissen Sie, einem kann man Sie auch zeigen, von je Hunderttausend nur einem. Und über die ganze Erde hin wird es heißen: ‚Wir haben ihn gesehen, gesehen!‘ Haben doch die Leute den Iwan Filippowitsch,[48] ihren Zebaoth, den Herrn der Heerscharen, ‚gesehen‘, wie er im Wagen gen Himmel fuhr vor allen Menschen, haben es ‚mit eigenen Augen gesehen‘. Sie aber sind nicht nur ein Iwan Filippowitsch: Sie sind schön, sind stolz wie ein Gott, mit der Aureole des Opfers, wollen nichts für sich selbst, und ‚verbergen‘ sich. Die Hauptsache ist die Legende! Sie werden alle besiegen, Sie sehen sie nur einmal an und siegen. Er bringt die neue Wahrheit und – ‚verbirgt‘ sich. Und mittlerweile verbreiten wir ein paar Salomonische Aussprüche. Haben ja die Gruppen, die ‚Fünfer‘ – brauchen keine Zeitungen! Wenn von zehntausend Bitten nur eine einzige erfüllt wird, so kommen alle mit Bitten. In jedem Kreise wird jeder Bauer wissen, daß da in einem gewissen Baumstamm eine Höhlung ist, in die man Bittschriften hineinlegen kann. Und die ganze Erde jauchzt auf: ‚Das neue gerechte Gesetz kommt zu uns!‘ und das Meer gerät ins Wogen und die Schaubude stürzt, – dann aber werden wir daran denken, wie wir ein steinernes Gebäude errichten! Zum erstenmal! Denn bauen werden wir, nur wir, wir allein!“

„Raserei!“ murmelte Stawrogin.

„Warum, warum wollen Sie nicht? Fürchten Sie sich etwa? Ich habe doch gerade deshalb Sie erwählt, weil Sie nichts fürchten. Unvernünftig, wie? Aber ich bin doch vorläufig noch Kolumbus ohne Amerika – ist denn Kolumbus ohne Amerika vernünftig?“

Stawrogin schwieg. Sie waren bei dem Hause angelangt und blieben an der Vorfahrt stehen.

„Hören Sie,“ Werchowenski beugte sich zu seinem Ohr, „ich mache es Ihnen ohne Geld, morgen beende ich es mit Marja Timofejewna ... ohne Geld, und morgen noch bringe ich Ihnen Lisa. Wollen Sie Lisa, morgen noch?“

„Sollte er wirklich verrückt geworden sein?“ fragte sich Stawrogin und lächelte. Die Tür öffnete sich.

„Stawrogin, ist Amerika unser?“ Werchowenski ergriff zum letztenmal seine Hand.

„Wozu?“ fragte Stawrogin ernst und streng.

„Keine Lust also! – das konnte ich mir ja denken!“ stieß Pjotr Stepanowitsch in einem wahren Wutanfall hervor. „Aber das lügen Sie ja, Sie erbärmlicher, ausschweifender, brüchiger Herrensohn, ich weiß es besser: Sie haben sogar einen Wolfshunger danach! ... Begreifen Sie doch, daß Ihre Rechnung jetzt schon viel zu groß ist! Und ich kann doch nicht auf Sie verzichten! Es gibt keinen anderen auf der Welt als nur Sie! Ich habe Sie mir schon im Auslande ausgedacht; hab’s getan, indem ich Sie sah. Hätte ich Sie nicht mit Augen gesehn, aus meiner Ecke, mir wäre auch nichts in den Sinn gekommen! ...“

Stawrogin stieg, ohne zu antworten, die Stufen hinan.

„Stawrogin!“ rief ihm Werchowenski nach, „– ich gebe Ihnen noch einen Tag Bedenkzeit ... nun, zwei ... nun, meinethalben drei! ... Mehr als drei kann ich nicht, dann aber – Ihre Antwort!“

Vierzehntes Kapitel.
Wie Stepan Trophimowitsch beschlagnahmt wurde

Inzwischen geschah bei uns etwas, das mich zunächst nur in Erstaunen versetzte, Stepan Trophimowitsch aber erschütterte.

Eines Morgens, noch vor acht Uhr, kam Nastassja, Stepan Trophimowitschs Mädchen, atemlos zu mir gelaufen, mit der Nachricht, ihr Herr sei „beschlagnahmt“ worden. Anfangs konnte ich aus ihren Reden überhaupt nicht klug werden, doch schließlich erfuhr ich immerhin, daß Beamte in der Frühe zu ihm gekommen waren und Papiere beschlagnahmt hatten; diese hatte dann ein Soldat „zu einem Bündel zusammengebunden und auf einer Schiebkarre weggeschleppt.“

Ich eilte sogleich zu meinem Freunde.

Der befand sich in einer sonderbaren Verfassung: er war erschrocken und erregt, und schien doch zu gleicher Zeit zu triumphieren. Auf dem Tisch kochte der Samowar und daneben stand ein Glas Tee, das schon des längeren eingegossen, doch noch nicht angerührt war. Stepan Trophimowitsch ging hin und her, ging rund um den Tisch herum, ging in alle Winkel des Zimmers, doch augenscheinlich ohne sich über seine Bewegungen Rechenschaft zu geben. Als ich kam, war er, wie vormittags gewöhnlich, in seinem roten Morgenrock, doch diesmal ging er, kaum daß er mich erblickt hatte, schnell ins andere Zimmer und zog sich Weste und Rock an – was er sonst nie getan hatte, wenn ihn einer seiner nahen Freunde in diesem Morgenrock antraf. Er ergriff sofort erregt meine Hand.

„Enfin un ami!“[126] (Er atmete tief auf.) „Cher, ich habe nur zu Ihnen allein geschickt und sonst weiß noch niemand etwas davon. Man muß Nastassja sagen, daß sie die Türen schließt und keinen Menschen hereinläßt, außer natürlich jene, falls sie ... Vous comprenez?“[111]

Er sah mich dabei unruhig an, als ob er eine Antwort erwartete. Selbstverständlich begann ich ihn sofort nach dem Vorgefallenen auszufragen, und so erfuhr ich denn schließlich, nach zahllosen Unterbrechungen und unnützen Zwischensätzen, daß um sieben Uhr morgens „plötzlich“ ein Gouvernementsbeamter zu ihm gekommen war ...

„Pardon, j’ai oublié son nom. Il n’est pas du pays, aber ich glaube, Lembke hat ihn mitgebracht, quelque chose de bête et d’allemand dans la physionomie. Il s’appelle Rosenthal.“[127]

„Rosenthal? Hieß er nicht Blümer?“

„Blümer? Ja, richtig, Blümer hieß er. Vous le connaissez? Quelque chose d’hébété et de très content dans la figure, pourtant très sévère, roide et sérieux.[128] Ein Polizeimensch, aber einer von den Ergebenen, je m’y connais.[129] Ich schlief noch, und denken Sie sich, er bat mich, auf meine ‚Bücher und Manuskripte‘ einen Blick werfen zu dürfen, oui, je m’en souviens, il a employé ce mot.[130] Er hat mich nicht arretiert, sondern nur die Bücher ... Il se tenait à distance,[131] und als er seinen Besuch zu erklären begann, da sah er aus, als ob ich ... enfin il avait l’air de croire que je tomberai sur lui immédiatement et que je commencerai à le battre comme plâtre. Tous ces gens du bas étage sont comme ça,[132] wenn sie es mit einem anständigen Menschen zu tun haben. Natürlich begriff ich sofort alles. Voilà vingt ans que je m’y prépare![133] Ich öffnete vor ihm alle Schubfächer und übergab ihm alle Schlüssel. Ich übergab sie selbst, ich habe ihm alles selbst übergeben. J’étais digne et calme.[134] Von den Büchern nahm er die ausländische Ausgabe Herzens, ein gebundenes Exemplar der ‚Glocke‘, vier Abschriften meiner Dichtung et enfin tout ça.[135] Dann noch Papiere und Briefe et quelques unes de mes ébauches historiques, critiques et politiques.[136] Das alles haben sie dann mitgenommen. Nastassja sagt, der Soldat habe es auf einer Schiebkarre fortgeschleppt und mit einer Schürze bedeckt. Oui, c’est cela,[137] mit einer Schürze.“

Das war ja Wahnsinn. Wer hätte hier etwas begreifen können? Ich suchte Wesentlicheres aus ihm herauszubekommen. War Blümer ganz allein erschienen, oder waren, außer dem Soldaten, noch andere mit ihm gekommen? In wessen Namen? Mit welchem Recht? Wie hatte man so etwas wagen können? Womit hatte er es erklärt?

„Il était seul, bien seul, übrigens war noch jemand dans l’antichambre, oui, je m’en souviens, et puis[138] ... Übrigens, ich glaube, es war außerdem noch jemand da, und im Vorzimmer stand eine Wache. Man muß Nastassja fragen. Die hat das alles besser gesehen. J’étais surexcité, voyez-vous. Il parlait, il parlait ... un tas de choses[139] ..., übrigens, nein, er sprach sehr wenig, ich war es eigentlich, der immer sprach ... Ich habe ihm mein ganzes Leben erzählt, natürlich nur unter diesem Gesichtswinkel ... J’étais surexcité, mais digne, je vous l’assure.[140] Ich fürchte übrigens, daß ich, ich glaube wenigstens, geweint habe. Die Schiebkarre haben sie vom Krämer nebenan genommen ...“

„Aber wie hat sich das alles nur zutragen können! So sprechen Sie doch um Gottes willen etwas genauer, Stepan Trophimowitsch. Das ist doch ein Traum, den Sie da erzählen!“

„Cher, ich bin auch selbst noch wie im Traum ... Savez-vous! Il a prononcé le nom de Teliatnikoff,[141] und ich glaube, gerade dieser war es, der sich im Vorzimmer versteckte. Ja, da fällt mir ein, er schlug einen Zeugen vor, und ich glaube, eben diesen Dmitri Mitritsch ... qui me doit encore quinze roubles de Whist, soit dit en passant. Enfin, je n’ai pas trop compris.[142] Aber ich war noch schlauer als sie, und was geht mich Dmitri Mitritsch an! Ich habe, glaube ich, sehr gebeten, daß niemand etwas davon erfahre, sehr gebeten, sehr, fürchte sogar, daß ich mich erniedrigt habe, comment croyez-vous? Enfin il a consenti[143] ... Nein, warten Sie, da fällt mir ein, das war er selbst, der darum bat, denn er sei nur gekommen, um zu ‚besehen‘, sagte er, et rien de plus,[144] und weiter nichts ... und daß, falls man nichts findet, auch nichts weiter geschehen wird. So haben wir denn auch alles beendet en amis, et je suis tout-à-fait content.“[145]

„Aber ich bitte Sie, er hat Ihnen doch einfach die in solchen Fällen üblichen Garantien angeboten, und Sie – Sie haben ihn noch selbst davon abgebracht!“ rief ich in freundschaftlichem Unwillen.

„Nein, es ist schon besser so, ohne Garantien. Und wozu ein Skandal? Lieber so lange es noch geht en amis ... Sie wissen doch, wenn man in der Stadt erfährt ... mes ennemis ... et puis à quoi bon ce procureur, ce cochon de notre procureur, qui deux fois m’a manqué de politesse et qu’on a rossé à plaisir l’autre année chez cette charmante et belle Natalia Pawlowna, quand il se cacha dans son boudoir. Et puis, mon ami,[146] widersprechen Sie mir nicht und entmutigen Sie mich nicht, ich bitte Sie, denn es gibt nichts Unerträglicheres, als wenn ein Mensch schon unglücklich ist und ihm dann hundert Freunde sofort noch erklären, wie dumm er gehandelt hat. Setzen Sie sich und trinken Sie Tee. Ich muß gestehen, ich bin sehr müde geworden ... sollte ich mich nicht hinlegen und eine Essigkompresse machen? Was meinen Sie?“

„Aber selbstverständlich,“ sagte ich, „und besser noch eine mit Eis. Sie sind sehr aufgeregt. Sie sind ja ganz bleich und Ihre Hände zittern. Legen Sie sich hin, erholen Sie sich und sprechen Sie vorläufig nicht. Ich werde mich zu Ihnen setzen und warten. Und nachher können Sie mir dann alles erzählen.“

Doch er konnte sich noch nicht entschließen, sich hinzulegen, ich aber bestand darauf. Nastassja brachte Essig in einer Tasse, ich feuchtete ein Handtuch damit an, das ich ihm dann auf den Kopf legte. Darauf kletterte Nastassja auf einen Stuhl und schickte sich zu meiner nicht geringen Verwunderung an, in der Ecke vor dem Heiligenbilde das Lämpchen anzuzünden. Noch nie hatte ich früher ein Lämpchen bei ihm gesehen und nun war es plötzlich da und wurde sogar angezündet.

„Das habe ich vorhin angeordnet, gleich nachdem sie fortgegangen waren,“ sagte Stepan Trophimowitsch leise zu mir und sah mich dabei schlau an, „quand on a de ces choses-là dans sa chambre et qu’on vient vous arrêter,[147] so macht das unbedingt einen guten Eindruck und die müssen dann doch aussagen, daß sie gesehen haben ...“

Als Nastassja mit dem Lämpchen fertig war, ging sie zur Tür, blieb aber dort stehen, legte mitleidig die rechte Hand an die Wange und begann, ihn mit bekümmertem Blick anzusehen.

„Eloignez-la unter irgendeinem Vorwand,“ winkte er mir vom Diwan zu. „Kann dieses russische Mitleid nicht ausstehen, et puis ça m’embête.“[148]

Doch sie ging schon von selbst hinaus. Es fiel mir auf, daß er immer wieder zur Tür blickte und zum Vorzimmer hinhorchte.

„Il faut être prêt, voyez-vous,“ (er sah mich dabei bedeutungsvoll an) „chaque moment[149] können sie kommen, einen festnehmen und huitt – weg ist ein Mensch!“

„Herrgott! Wer kann kommen? Wer kann Sie festnehmen?“

„Voyez-vous, mon cher,[150] ich habe ihn ganz einfach gefragt, als er schon fortgehen wollte: was wird man jetzt mit mir machen?“

„Hätten Sie doch lieber gleich gefragt, wohin man Sie verschicken will!“ rief ich unwillig.

„Das meinte ich ja auch damit, aber er ging fort und sagte nichts. Voyez-vous: was die Wäsche anbetrifft, die Kleider, die warmen Kleider besonders, ich glaube, das kann man schon mitnehmen, denke ich, doch vielleicht schicken sie einen auch im Soldatenmantel fort. Aber ich habe fünfunddreißig Rubel“ (er senkte plötzlich die Stimme und blickte ängstlich nach der Tür, durch die Nastassja hinausgegangen war) „heimlich durch die Westentasche, die ich ein bißchen aufgeschnitten habe, in die Weste hineingesteckt, sehen Sie hier, fühlen Sie ... Ich glaube, die Weste werden sie mir doch nicht ausziehen, u–und zum Schein habe ich in mein Portemonnaie sieben Rubel gelegt ‚alles, sozusagen, was ich habe‘. Und hier im Tisch ist noch Kleingeld und Kupfergeld, so daß sie gar nicht auf den Gedanken kommen werden, daß ich noch Geld versteckt habe. Sie werden glauben, das sei wirklich alles. Denn Gott mag wissen, wo ich heute noch nächtigen werde.“

Mir sank der Kopf auf die Brust ob solchem Wahnsinn. So, wie er es wiedergab, konnte man doch weder einen Menschen verhaften, noch Haussuchungen vornehmen. Daß er sich irgendwie täuschte, auch über das, was geschehen war, daran zweifelte ich jetzt nicht mehr. Allerdings hatte man ihm (nach seinen eigenen Worten) ein gesetzmäßigeres Vorgehen zugedacht, er aber war „noch schlauer“ gewesen und hatte das selbst verhindert ... Freilich geschah das damals noch vor den neuen diesbezüglichen Gesetzen ... und freilich durfte damals, also noch vor kurzem, der Gouverneur in äußersten Fällen ... Aber was konnte denn hier für ein äußerster Fall vorliegen?

„Es ist bestimmt ein Telegramm aus Petersburg gekommen,“ sagte plötzlich Stepan Trophimowitsch.

„Ein Telegramm! Ihretwegen? Weil Sie Herzens Bücher besitzen? Oder gar wegen Ihres Poems? Sie scheinen ja wirklich krank zu sein – was für einen Grund kann man denn deshalb haben, Sie zu arretieren?“

„Wer kann das wissen, in unserer Zeit, warum man arretiert wird?“ flüsterte er rätselhaft.

Ein unglaublicher, unmöglicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf.

„Stepan Trophimowitsch, sagen Sie mir jetzt einmal wie einem Freunde,“ rief ich, „wie einem aufrichtigen, treuen Freunde, ich werde Sie nicht verraten: gehören Sie nicht irgendeinem geheimen Verbande an?“

Und da antwortete er mir zu meiner Verwunderung keineswegs sicher und bestimmt, ob er zu solch einem geheimen Verbande gehörte oder nicht gehörte. Ich wurde nicht klug daraus.

„Ja, voyez-vous, es kommt darauf an, wie man’s nimmt. Voyez-vous ...“

„Wie man was ‚nimmt‘?“

„Wenn man immer mit dem ganzen Herzen für den Fortschritt gewesen ist, und ... wer kann denn sicher sein? Du glaubst, daß du nicht gehörst, und siehe da, du gehörst schließlich doch zu irgend etwas.“

„Wie ist das möglich, hier handelt es sich doch nur um ja oder nein?“

„Cela date de Pétersbourg,[151] als wir beide dort das Blatt gründen wollten. Da steckt die Wurzel. Wir drückten uns damals und man vergaß uns: jetzt aber haben sie sich wieder unserer erinnert. Cher, cher, kennen Sie mich denn nicht!“ rief er plötzlich krankhaft erregt. „Man wird uns festnehmen, in einen Bauernschlitten setzen und dann: marsch nach Sibirien fürs ganze Leben! Oder man vergißt uns in einer Kasematte!“

Und plötzlich begann er heiße, heiße Tränen zu weinen. Er bedeckte die Augen mit seinem seidenen Taschentuch und weinte und schluchzte ungefähr fünf Minuten lang. Ich konnte es nicht mit ansehen. Dieser alternde Mann, der jetzt zwanzig Jahre lang unser Freund und Lehrer, unser Patriarch gewesen war, der sich so hoch über uns allen zu halten verstanden hatte: der weinte plötzlich wie ein kleiner, ungezogener Junge, der den Stock, nach dem der Lehrer gegangen ist, fürchtet. Grenzenlos tat er mir leid. An den „Bauernschlitten“ glaubte er sicherlich eben so fest, wie daran, daß ich neben ihm saß – und erwartete ihn womöglich sofort, in der nächsten Minute schon. Und alles das für den Besitz der Werke Herzens oder irgendein eigenes Poem! Solch eine vollkommene Unkenntnis der alltäglichen Wirklichkeit war rührend und gleichzeitig doch auch widerlich.

Endlich hörte er auf zu weinen, erhob sich vom Diwan und ging wieder im Zimmer auf und ab. Sein Gespräch setzte er ebenso unzusammenhängend fort, wie zuvor; dabei blickte er jeden Augenblick zum Fenster hinaus oder horchte, ob nicht jemand ins Vorzimmer trat. Alle meine Beteuerungen und Beruhigungen sprangen von ihm ab wie Erbsen von der Wand. Er hörte mir kaum zu, und hatte es dabei doch ersichtlich furchtbar nötig, daß ich ihn beruhigte. Er sprach denn auch beinahe nur in dieser Absicht. Ich sah bald ein, daß er jetzt ohne mich nicht auskommen konnte, mich jedenfalls um keinen Preis jetzt von sich gelassen hätte. So blieb ich denn bei ihm und wir verbrachten ungefähr zwei Stunden miteinander.

Im Laufe des Gesprächs bemerkte er, daß Blümer unter anderem auch zwei Proklamationen, die er bei ihm irgendwo gefunden hatte, mitgenommen habe.

„Proklamationen!?“ Ich erschrak dummerweise. „Sind Sie denn ...“

„Ach, man hat mir einmal zehn Stück ins Haus geworfen,“ antwortete er geärgert. (Er sprach bald ungehalten und hochmütig mit mir, bald klagend und erniedrigt.) „Aber acht hatte ich schon beseitigt und Blümer hat nur noch zwei gefunden.“

Und plötzlich errötete er vor Unwillen.

„Vous me mettez avec ces gens-là![152] Sie halten es also für möglich, daß ich zu diesen Schuften, diesen heimlichen Zusteckern gehören könnte, zu solchen, wie mein Söhnchen Pjotr Stepanowitsch einer ist, avec ces esprits-forts de la lâcheté![153] O Gott!“

„Ja, aber sollte man Sie nicht vielleicht irgendwie verwechselt haben ... Übrigens, Unsinn, nein, das kann nicht sein!“

„Savez-vous,“ entriß es sich ihm plötzlich, „ich fühle zuweilen, que je ferai là-bas quelque esclandre.[154] Oh, gehen Sie nicht fort, lassen Sie mich um Gottes willen nicht allein! Ma carrière est finie aujourd’hui, je le sens.[155] Ich ... wissen Sie, ich werde mich vielleicht auch auf jemanden stürzen und beißen, wie jener Leutnant ...“

Er sah mich ganz sonderbar an, mit einem erschrockenen Blick, der aber zu gleicher Zeit auch selbst erschrecken zu wollen schien. Tatsächlich ärgerte er sich über irgendwen oder irgendetwas immer mehr, und zwar um so mehr, je länger der „Bauernschlitten“ auf sich warten ließ.

Plötzlich warf Nastassja, die aus der Küche ins Vorzimmer gegangen war, dort einen Kleiderhalter um. Stepan Trophimowitsch fuhr erschrocken auf und zitterte: als sich dann aber die Sache aufklärte, da schrie er sie an vor Wut, und jagte sie, mit den Füßen trampelnd, wieder zurück in die Küche.

Nach einiger Zeit sagte er, indem er mich verzweifelt anblickte:

„Ich bin verloren! Cher“ – er setzte sich plötzlich neben mich und sah mir traurig, unsäglich traurig, doch mit unverwandtem Blick, in die Augen. „Cher, ich fürchte ja nicht Sibirien, ich schwöre es Ihnen, oh, je vous jure,[156] ich fürchte etwas anderes ...“ und sogar Tränen traten ihm in die Augen.

Ich erriet sofort, schon an seinem Mienenspiel, daß er mir endlich etwas Besonderes mitteilen wollte, sich aber bis jetzt noch bezwungen hatte.

„Ich fürchte die Schande,“ flüsterte er schließlich geheimnisvoll.

„Welche Schande? ... Im Gegenteil! Glauben Sie mir doch, Stepan Trophimowitsch, alles wird sich noch heute aufklären, und zwar zu Ihrem Vorteil ...“

„Sind Sie so überzeugt, daß man mir verzeihen wird?“

„Was reden Sie von verzeihen! Was für Worte Sie da wieder gebrauchen! Was haben Sie denn begangen? Ich versichere Ihnen doch, Sie haben nichts getan!“

„Qu’en savez-vous[157] ... mein ganzes Leben war ... Cher ... Es wird ihnen alles von mir einfallen ... Und wenn sie nichts finden, um so schlimmer!“ fügte er plötzlich überraschend hinzu.

„Um so schlimmer?“

„Um so schlimmer.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Mein Freund, mein Freund, nun, meinetwegen Sibirien, nach Archangelsk, Verlust aller Rechte, – kommt man um, dann kommt man um! Aber ... ich fürchte das andere ...“ (wieder Geflüster, angstvolle Augen und Geheimtuerei).

„Aber was denn, was?“

„Sie werden mich durchprügeln!“ flüsterte er und sah mich wie verloren an.

„Wer wird Sie durchprügeln? Wo? Warum?“ rief ich erschrocken, denn ich glaubte schon, er habe den Verstand verloren.

„Wo? Nun da ... wo das gemacht wird.“

„Ja, wo wird denn das gemacht?“

„Ach, cher,“ flüsterte er mir beinahe schon ins Ohr, „plötzlich verschwindet unter einem ein Stück Diele und man fällt bis zur Hüfte in eine Öffnung ... Das weiß doch ein jeder ...“

„Fabeln!“ rief ich erratend, „das sind doch alte Fabeln. Ja, aber haben Sie denn wirklich bis jetzt an so etwas geglaubt?“ Ich begann zu lachen.

„Fabeln? So ganz grundlos entstehen solche Fabeln doch nicht. Ich hab es mir schon zehntausendmal in der Phantasie vorgestellt!“

„Aber warum denn Sie, gerade Sie? Sie haben doch nichts getan?“

„Um so schlimmer, sie werden einsehen, daß ich nichts getan habe, und prügeln dann erst recht!“

„Und Sie sind überzeugt, daß man Sie zu dem Zweck nach Petersburg bringen wird?“

„Mein Freund, ich habe schon gesagt, mir tut nichts mehr leid, ma carrière est finie.[158] Seit jener Stunde in Skworeschniki, als sie sich von mir verabschiedete, tut es mir um mein Leben nicht mehr leid ... aber die Schande, die Schande, que dira-t-elle,[159] wenn sie es erfährt?“

Verzweifelt sah er mich an und – der Arme! – errötete über und über. Ich senkte gleichfalls die Augen.

„Sie wird nichts erfahren, denn man wird Ihnen nichts tun. Es ist mir, als ob ich zum erstenmal mit Ihnen spräche, Stepan Trophimowitsch, dermaßen haben Sie mich heute in Erstaunen gesetzt.“

„Mein Freund, das ist doch keine Furcht. Nun, mögen sie mir da meinetwegen auch verzeihen, mich sogar wieder herbringen und mir auch sonst nichts antun – aber gerade hier bin ich ja dann verloren! Elle me soupçonnera toute sa vie[160] ... mich, mich, den Dichter, den Denker, den Menschen, den sie zweiundzwanzig Jahre lang angebetet hat!“

„Wird ihr gar nicht einfallen.“

„Es wird, wird!“ flüsterte er in tiefer Überzeugung. „Wir haben beide mehreremal darüber gesprochen, in Petersburg, bevor wir fortfuhren, als wir beide fürchteten. Elle me soupçonnera toute sa vie ... und wie sie überzeugen? Es wird alles so unwahrscheinlich klingen. Ja, und wer wird mir denn hier in der Stadt glauben? C’est invraisemblable ... Et puis les femmes[161] ... Sie wird sich freuen. Sie wird sehr betrübt sein, sogar aufrichtig betrübt, wie ein treuer Freund, aber, im geheimen – wird sie sich freuen ... Ich gebe ihr eine Waffe gegen mich fürs ganze Leben. Oh, vernichtet ist es jetzt, mein ganzes Leben! Zwanzig Jahre ein so großes Glück mit ihr ... und nun dies!“

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

„Stepan Trophimowitsch, sollten Sie nicht Warwara Petrowna sofort von dem Vorgefallenen benachrichtigen?“ schlug ich vor.

„Gott soll mich davor bewahren!“ – er fuhr zusammen und sprang sogar auf. „Auf keinen Fall, niemals, nach dem, was in Skworeschniki gesagt worden ist, nie–mals!“

Seine Augen blitzten plötzlich.

Wir saßen, glaube ich, noch eine gute Stunde und warteten immer noch auf irgendetwas – es war das schon zu einer fixen Idee geworden. Er legte sich wieder hin, schloß sogar die Augen und lag ungefähr zwanzig Minuten ganz still, ohne ein Wort zu sprechen, so daß ich bereits glaubte, er sei eingeschlafen. Plötzlich aber erhob er sich jäh, riß das Handtuch vom Kopf, sprang vom Diwan auf und stürzte zum Spiegel, um sich sofort eine neue weiße Krawatte umzubinden, rief mit Donnerstimme Nastassja und befahl, ihm seinen Mantel, Hut und Stock zu geben.

„Ich kann’s nicht mehr aushalten,“ sagte er, „ich kann nicht, ich kann nicht! ... Ich gehe selbst.“

„Wohin?“ Auch ich sprang auf.

„Zu Lembke. Cher, ich muß, es ist meine Pflicht. Ja, meine Pflicht. Ich bin ein Bürger und ein Mensch, aber kein Strohhalm, ich habe Rechte, ich will mein Recht ... Ich habe zwanzig Jahre lang meine Rechte nicht mehr gefordert, ich habe sie mein ganzes Leben lang unverzeihlich vergessen ... aber jetzt werde ich sie verlangen. Er muß mir alles sagen, alles. Er hat gewiß ein Telegramm erhalten. Er darf mich nicht quälen. Wenn schon, denn schon – dann soll er mich lieber sofort verhaften, verhaften, verhaften!“

Er schrie die letzten Worte mit einer Stimme, die sich überschlug, und stampfte mit den Füßen.

„Ich gebe Ihnen vollkommen recht,“ sagte ich absichtlich so ruhig wie nur möglich, obgleich ich nicht wenig für ihn fürchtete. „Das ist wirklich besser, als mit einer solchen Sorge stillzusitzen. Nur Ihre ganze Stimmung kann ich nicht loben. Sehen Sie doch im Spiegel, wie Sie aussehen. Wie können Sie denn so zu Lembke gehen? Il faut être digne et calme avec Lembke.[162] Man könnte Ihnen jetzt wirklich zutrauen, daß Sie sich auf jemanden werfen und ihn beißen!“

„Ich liefere mich selbst aus! Ich gehe freiwillig in den Rachen des Löwen ...“

„Ich gehe natürlich mit Ihnen.“

„Anderes habe ich von Ihnen auch nicht erwartet, ich nehme Ihr Opfer an, als Opfer eines treuen Freundes, aber nur bis zum Hause, nur bis zum Hause: denn Sie dürfen nicht, Sie haben nicht das Recht, sich noch weiter mit mir zu kompromittieren. O, croyez-moi, je serai calme! In diesem Augenblick fühle ich mich à la hauteur de tout ce qu’il y a de plus sacré[163] ...“

„Ich werde mit Ihnen vielleicht auch ins Haus gehen,“ unterbrach ich ihn. „Gestern hat mich nämlich dieses dumme Komitee durch Wyssotzki benachrichtigt, daß man morgen zum Fest auf mich rechnet: als Anordner, oder wie sie da ... ich soll einer von den sechs jungen Herren sein, die nach den Teebrettern sehen, den Damen den Hof machen, den Gästen die Plätze aufsuchen und dabei eine weißrote Schleife an der linken Schulter tragen müssen. Ich wollte zuerst abschlagen – aber warum soll ich jetzt nicht zum Gouverneur gehen, unter dem Vorwande, die Angelegenheit mit Julija Michailowna selbst besprechen zu wollen? So gehen wir denn beide zusammen.“

Er hörte zu und nickte nur mit dem Kopf, doch wahrscheinlich hatte er nichts verstanden.

Wir standen schon an der Tür.

„Cher,“ rief er plötzlich und streckte die Hand zu der Ecke aus, in der das Lämpchen brannte, „cher, ich habe nie an das da geglaubt, aber ... lassen Sie mich, lassen Sie!“ und er bekreuzigte sich. „Allons!“[164]

„– Ist recht so,“ dachte ich bei mir, als ich nach ihm aus dem Hause trat, „unterwegs wird noch die frische Luft gut tun, wir werden uns beruhigen, wieder nach Hause kommen und uns schlafen legen ...“

Ich hatte aber die Rechnung ohne Stepan Trophimowitsch gemacht. Gerade unterwegs geschah etwas, das ihn noch mehr erschüttern sollte und ihn endgültig vorwärts trieb ... so daß ich, ich muß gestehen, eine solche Kühnheit, wie er sie an diesem Morgen zeigte, von unserm Freunde gar nicht erwartet hätte. Mein armer Freund! Mein guter, lieber Freund!

Fünfzehntes Kapitel.
Die Flibustier. Der verhängnisvolle Morgen