III.
Ganz zuerst lief er zu Kirilloff. Es war schon gegen ein Uhr nachts. Kirilloff stand mitten im Zimmer.
„Kirilloff, meine Frau gebiert!“
„Das heißt, wie?“
„Sie gebiert, sie gebiert ein Kind!“
„Sie ... täuschen sich auch nicht?“
„O nein, nein, sie hat schon Krämpfe! ... Sie braucht ein Weib, irgendeine Alte, unbedingt, sofort ... Kann man sie bekommen? Sie hatten hier doch immer viele alte Weiber ...“
„Sehr schade, daß ich nicht zu gebären verstehe,“ sagte Kirilloff ernst und nachdenklich, „das heißt, nicht ich gebären, aber so zu machen, daß ich nicht zu gebären verstehe ... oder ... Nein, das verstehe ich schon nicht zu sagen.“
„Sie wollen wohl sagen, daß Sie bei der Geburt nicht zu helfen verstehen? Aber davon spreche ich ja nicht! Eine Alte, ein altes Weib, ich bitte Sie um ein altes Weib, eine Krankenwärterin, Pflegerin, Aufwärterin!“
„Die Alte wird da sein, nur vielleicht nicht gleich. Wenn Sie wollen, werde ich anstatt ...“
„Unmöglich! – ich laufe jetzt zur Wirginskaja, zur Hebamme ...“
„Gemeines Frauenzimmer.“
„Ja, Kirilloff, ja, aber sie ist die beste! O ja, das wird alles ohne Ehrfurcht, ohne Freude, mürrisch, mit Geschimpf und Gotteslästerungen geschehen – bei einem so großen, heiligen Geheimnis, wie es die Geburt eines neuen Menschen ist! ... Oh, und sie – sie verflucht das Kind schon jetzt! ...“
„Wenn Sie wollen, ich ...“
„Nein, nein, aber während ich laufe (oh, ich werde die Wirginskaja schon heranschleppen!) währenddem könnten Sie von Zeit zu Zeit zu meiner Treppe gehen und vorsichtig hinaufhorchen, doch unterstehen Sie sich nicht, hineinzugehen, Sie würden sie erschrecken, hören Sie, daß Sie nicht hineingehen, horchen Sie bloß so – auf alle Fälle! Nur wenn etwas Äußerstes geschehen sollte – gehen Sie hinein!“
„Verstehe. Geld noch einen Rubel. Hier. Ich wollte morgen ein Huhn, jetzt will ich nicht. Laufen Sie schnell, laufen Sie so schnell Sie können. Der Samowar ist die ganze Nacht.“
Kirilloff ahnte nichts von den Absichten gegen Schatoff. Auch früher war ihm die Gefahr unbekannt gewesen, die Schatoff drohte. Er hatte nur gehört, daß Schatoff alte Abrechnungen mit „diesen Leuten“ habe, doch wußte er nichts Näheres darüber, obschon er selbst durch gewisse Instruktionen aus dem Auslande (übrigens waren es nur ganz unverfängliche) mit dem „Fall Schatoff“ gewissermaßen verknüpft war. Doch in der letzten Zeit hatte er alles abgelehnt, hatte sich von allem zurückgezogen, besonders was die „allgemeine Sache“ irgendwie anging, und sich ganz seinem kontemplativen Leben hingegeben. Pjotr Werchowenski, der auf der Sitzung doch eigentlich nur deshalb Liputin aufgefordert hatte, mitzukommen, um ihn zu überzeugen, daß Kirilloff den „Fall Schatoff“ tatsächlich auf sich nehmen werde, hatte im Gespräch mit Kirilloff kein Wort über Schatoff verloren, ja, ihn nicht einmal erwähnt: offenbar mit Absicht, da er nicht sicher war, ob Kirilloff nicht alles ablehnen würde, wenn er erfuhr, daß Schatoff als Opfer mit hineingezogen werden sollte. So hatte er denn diesen Teil der ganzen Angelegenheit auf den folgenden Tag verschoben, wenn die Tat bereits geschehen und alles schon „einerlei“ war. Liputin war es allerdings aufgefallen, daß Pjotr Stepanowitsch gerade über Schatoff kein Wort sagte, doch war er andererseits selbst zu aufgeregt gewesen, um ihn darauf aufmerksam zu machen.
Schatoff lief so schnell er nur konnte zu Wirginskis, fluchend über die Entfernung, die ihm heute endlos erschien.
An dem Hause mußte er lange klopfen: alles schlief natürlich. Doch Schatoff schlug rücksichtslos und mit aller Kraft an die Fensterläden. Der Hofhund schlug an, riß an seiner Kette und heulte und bellte, daß sämtliche Hunde der Umgegend gleichfalls anschlugen.
„Wer klopft? Was wünschen Sie?“ ertönte endlich an einem Fenster die weiche Stimme Wirginskis, deren Sanftheit in so gar keinem Verhältnis zu der Störung stand.
Der Fensterladen wurde geöffnet und gleich darauf auch das Klappfenster.
„Wer ist da? Wer ist der Schuft?“ kreischte wütend die Stimme der alten Jungfer, Wirginskis Schwägerin, deren Ton schon mehr als im Verhältnis zu der „Beleidigung“ stand.
„Ich bin Schatoff, meine Frau ist zu mir zurückgekehrt und wird gleich gebären ...“
„So mag sie doch, scheren Sie sich zum Kuckuck!“
„Ich bin nach Arina Prochorowna gekommen, ohne Arina Prochorowna gehe ich nicht fort!“
„Sie kann doch nicht zu jedem gehen! In der Nacht ist eine andere Praxis ... Scheren Sie sich zur Makschejewa, und daß Sie sich nicht unterstehen, noch weiterzulärmen!“ rief zornknatternd die Weiberstimme.
Doch Schatoff hörte gleichzeitig, wie Wirginski sie zu beschwichtigen und zu unterbrechen suchte. Die alte Jungfer aber ließ ihn einfach nicht zu Wort kommen und verteidigte ihren Platz am Fenster.
„Ich gehe nicht fort!“ schrie Schatoff wieder.
„Warten Sie, warten Sie!“ rief Wirginski und es gelang ihm endlich, die alte Jungfer zu verdrängen. „Ich bitte Sie, Schatoff, warten Sie noch fünf Minuten, ich werde Arina Prochorowna wecken, nur bitte klopfen Sie nicht mehr und schreien Sie bitte nicht ... Oh, wie ist das schrecklich!“
Nach fünf endlosen Minuten erschien dann schließlich Arina Prochorowna.
„Ihre Frau ist zu Ihnen gekommen?“ ertönte ihre Stimme durch das Klappfenster, und zwar, zu Schatoffs nicht geringer Verwunderung, diesmal durchaus nicht geärgert, sondern höchstens befehlend wie gewöhnlich – aber anders verstand Arina Prochorowna überhaupt nicht zu sprechen.
„Ja, meine Frau – und sie bekommt ein Kind.“
„Marja Ignatjewna?“
„Ja, Marja Ignatjewna. Natürlich, Marja Ignatjewna!“
Ein Schweigen entstand. Schatoff wartete. Hinter dem Fenster hörte er flüstern.
„Ist sie schon vor langer Zeit angekommen?“ fragte Frau Wirginskaja wieder.
„Heute abend, um acht. Bitte schnell, wenn Sie können!“
Wieder wurde im Hause geflüstert, wieder schienen sie sich zu beraten.
„Hören Sie, irren Sie sich nicht? Hat sie selbst Sie zu mir geschickt?“
„Nein, sie hat mich nicht geschickt, sie will nur ein Weib haben, ein einfaches Weib, um mich nicht mit Ausgaben zu belasten, aber seien Sie unbesorgt, ich werde alles bezahlen.“
„Gut, ich komme, ob Sie zahlen oder nicht. Ich habe stets die selbständigen Anschauungen Marja Ignatjewnas zu schätzen gewußt, wenn sie sich auch meiner vielleicht nicht mehr erinnert. Haben Sie die notwendigsten Sachen?“
„Ich habe nichts, aber es wird alles, alles gleich zur Stelle sein! ... Also Sie kommen?“
Damit lief Schatoff auch schon fort: diesmal zu Lämschin.
„Es gibt doch in diesen Leuten noch Großmut!“ dachte er auf dem Wege. „Die Überzeugungen und der Mensch, – das sind, glaube ich, in vielem zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe ihnen vielleicht in manchem Unrecht getan! ... Alle Menschen sind schuldig, alle sind schuldig und ... wenn doch alle das einsehen würden! ...“
Bei Lämschin brauchte er nicht lange zu klopfen: es wurde überraschend schnell geöffnet. Lämschin war aber auch schon beim ersten Schlag aus dem Bett gesprungen und steckte – mit bloßen Füßen, nur im Hemd – im Nu den Kopf zum Luftfenster hinaus, ungeachtet dessen, daß er sich so einen Schnupfen zu holen riskierte; er aber war sonst sehr vorsichtig und stets um seine Gesundheit besorgt. Doch diese Scharfhörigkeit und Eile hatten einen besonderen Grund: Lämschin hatte nämlich nach der Sitzung bei Erkel überhaupt nicht einschlafen können und den ganzen Abend und die halbe Nacht nur so gezittert vor Aufregung. Ihm schwante die ganze Zeit, daß sogleich gewisse ungebetene und unerwünschte Gäste bei ihm erscheinen würden. Denn ihn, Lämschin, quälte am meisten die Nachricht von Schatoffs Denunziation. Und nun plötzlich, wie absichtlich, wurde so furchtbar laut und befehlend an sein Fenster geklopft! ...
Als er Schatoff erblickte, erschrak er so, daß er sofort das Fenster zuschlug und ins Bett zurücklief. Schatoff aber begann wütend zu rufen und zu klopfen.
„Wie dürfen Sie so schreien und klopfen mitten in der Nacht?“ rief das Jüdchen drohend und doch fast vergehend vor Angst, – und auch das erst nach ganzen zwei Minuten der Unentschlossenheit und erst nachdem er sich überzeugt hatte, daß Schatoff ganz allein gekommen war.
„Hier haben Sie Ihren Revolver, nehmen Sie ihn zurück und geben Sie mir fünfzehn Rubel.“
„Was soll das heißen, sind Sie besoffen? Das ist Raubmord! Und ich erkälte mich nur. Warten Sie, ich nehme ein Plaid um.“
„Geben Sie sofort fünfzehn Rubel. Wenn nicht, so werde ich bis zum Morgen klopfen und schreien. Ich schlage Ihnen das Fenster ein!“
„Aber ich werde die Polizei rufen und man nimmt Sie in Arrest!“
„Ah, und bin ich denn stumm? Als ob ich nicht auch die Polizei rufen kann? Wer hat die wohl mehr zu fürchten, Sie oder ich?“
„Und Sie können so häßliche Absichten haben ... Ich weiß, worauf Sie anspielen ... Warten Sie, warten Sie um Gottes willen, klopfen Sie nicht mehr! Erbarmen Sie sich, wer hat denn Geld in der Nacht? Wozu brauchen Sie überhaupt Geld, wenn Sie nicht betrunken sind?“
„Meine Frau ist zu mir gekommen. Ich habe Ihnen zehn Rubel abgelassen, habe kein Mal geschossen, – nehmen Sie den Revolver, nehmen Sie ihn sofort!“
Lämschin streckte mechanisch seine Hand aus dem Fenster und nahm den Revolver entgegen: einen Augenblick wartete er, dann aber steckte er plötzlich den Kopf hinaus und lispelte mit steifer Zunge, ohne selbst zu begreifen, was er tat, und mit einem Schauer im Rücken:
„Sie lügen, zu Ihnen ist gar keine Frau gekommen ... Das ... das ... Sie wollen einfach irgendwohin fliehen!“
„Sie Kalb, wohin soll ich denn fliehen? Euer Pjotr Werchowenski flieht, aber nicht ich. Ich war soeben bei der Wirginskaja und sie war sofort bereit, zu mir zu kommen. Entschließen Sie sich! Meine Frau quält sich, ich brauche Geld, geben Sie das Geld!“
Ein ganzes Feuerwerk von Gedanken sprühte sogleich im findigen Kopfe Lämschins auf. Alles nahm in seinen Augen plötzlich eine andere Wendung, aber die Angst ließ ihn immer noch nicht klar überlegen.
„Ja aber, wie ist denn das ... Sie leben doch nicht mit Ihrer Frau?“
„Für solche Fragen schlage ich Ihnen den Schädel ein!“
„Ach, mein Gott, verzeihen Sie, ich begreife, ich war nur so bestürzt ... Aber ich verstehe, verstehe. Aber ... aber wird denn Arina Prochorowna wirklich kommen? Sie sagten, daß sie schon gegangen sei? Wissen Sie, das ist doch gar nicht wahr. Sehen Sie, sehen Sie, sehen Sie, wie Sie die Unwahrheit sagen, auf jedem Schritt!“
„Sie ist jetzt bestimmt schon bei meiner Frau ... Halten Sie mich nicht auf, ich bin nicht schuld daran, daß Sie dumm sind.“
„Das ist nicht wahr, ich bin gar nicht dumm. Verzeihen Sie, aber ich kann auf keine Weise ...“
Und er wollte schon, ganz aus der Fassung gebracht, zum drittenmal das Luftfenster schließen. Doch Schatoff brüllte derart auf, daß der Kleine sofort wieder den Kopf zum Fenster hinaussteckte.
„Aber das ist doch schon einfach eine ... eine Beschlagnahme der Persönlichkeit! Was wollen Sie denn von mir, nun, was, was denn, formulieren Sie es doch! Und beachten Sie, beachten Sie, mitten in solch einer Nacht!“
„Fünfzehn Rubel verlange ich, Schafskopf!“
„Aber ich, ich will den Revolver vielleicht gar nicht zurücknehmen! Sie haben gar nicht das Recht, so was zu verlangen. Sie haben das Ding gekauft – damit ist alles fertig, und Sie haben nicht das Recht! ... Solch eine Summe habe ich überhaupt nicht in der Nacht! Wo soll ich solch eine Summe hernehmen in der Nacht?“
„Du hast immer Geld bei dir; ich habe dir zehn Rubel abgelassen, aber du bist ja ein bekannter Judenlümmel!“
„Kommen Sie übermorgen, – hören Sie, übermorgen früh, punkt zwölf Uhr, und ich gebe Ihnen alles, alles, ist’s recht?“
Schatoff schlug wieder unbändig an den Fensterrahmen.
„Zehn Rubel her, und morgen früh fünf!“
„Nein, übermorgen früh fünf, aber morgen kann ich bei Gott nicht. Kommen Sie lieber gar nich! Kommen Sie lieber gar nich!“
„Zehn Rubel, sag ich; o Schuft!“
„Aber warum schimpfen Sie denn so? Warten Sie, ich muß doch erst Licht machen! Sie haben den Kitt von den Scheiben losgeschlagen ... Wer schimpft denn so in der Nacht? Hier!“ und er reichte einen Schein aus dem Fenster.
Schatoff ergriff ihn, – es war ein Fünfrubelschein.
„Das sind ja nur fünf!“
„Bei Gott, ich kann nicht, und wenn Sie mich erstechen, ich kann nicht, übermorgen kann ich alles, aber jetzt kann ich gar nichts.“
„Ich gehe nicht früher fort!“ schrie Schatoff.
„Nu, nehmen Sie noch das, nu, hier ist noch, sehen Sie, hier ist noch, aber mehr gebe ich nich. Schreien Sie sich meinetwegen die Kehle kaputt, ich geb nich mehr, was Sie da auch nich machen – geb nich mehr, geb nich, geb nich!“
Er war außer sich, in Verzweiflung, in Schweiß. Die beiden Geldscheine, die er noch gab, waren nur Einrubelscheine. Im ganzen hatte Schatoff sieben Rubel bekommen.
„Daß dich der Teufel hole, ich komme morgen. Und ich haue dich, Lämschin, wenn du die acht Rubel nicht bereit hast!“
„Und morgen bin ich einfach nich zu Haus, Dummkopf!“ dachte Lämschin blitzschnell.
„Warten Sie, warten Sie, Herr Schatoff!“ rief er ihm plötzlich nach. „Warten Sie, kommen Sie zurück! – Sagen Sie, bitte, ist es wirklich wahr, was Sie gesagt haben, daß Ihre Frau zurückgekommen ist?“
„Esel!“ sagte Schatoff ausspuckend und lief so schnell er konnte nach Hause.
IV.
Arina Prochorowna wußte nichts von dem in der Sitzung gefaßten Beschluß. Wirginski, der ganz schwach nach Hause gekommen war, hatte ihr in seiner Aufregung zwar einiges mitgeteilt, alles jedoch noch nicht zu sagen gewagt. Im Grunde war es nur die Nachricht von Schatoffs bevorstehender Denunziation, die sie erfahren hatte. Wirginski fügte wohl noch hinzu, daß er an diese Nachricht selber nicht ganz glaube, doch Arina Prochorowna war nichtsdestoweniger heftig erschrocken. Aus diesem Grunde entschloß sie sich sofort, als Schatoff sie zu seiner Frau rief, trotz ihrer Müdigkeit (sie hatte in der Nacht vorher auch schon entbunden) zu ihm zu gehen. Sie hatte schon längst, wie sie sagte, diesen Schatoff für fähig gehalten, „eine bürgerliche Gemeinheit zu begehen“, und glaubte darum an eine Anzeige von seiner Seite weit eher als ihr Mann. Als sie aber hörte, daß Marja Ignatjewna zurückgekehrt war, da schöpfte sie sofort neue Hoffnung: Schatoffs Angst, der verzweifelte Ton seiner Bitte ließen sie eine gewisse „Umwandlung in den Gefühlen des Verräters“ ahnen. Ein Mensch, dachte sie, der sich entschlossen hat, sich selbst zu verderben, nur um andere auszuliefern, würde anders aussehen und anders sprechen. Jedenfalls entschloß sich Arina Prochorowna sofort, alles mit eigenen Augen zu untersuchen. Und auf Wirginski wirkte der Entschluß seiner Frau unendlich beruhigend – als ob man ihm „fünf Pud“ von der Seele genommen hätte! Auch in ihm stieg eine neue Hoffnung auf: das Aussehen Schatoffs schien ihm im höchsten Grade Werchowenskis Verdacht zunichte zu machen.
Schatoff hatte sich nicht getäuscht: als er zurückkam, fand er Arina Prochorowna schon in seinem Zimmer. Sie war erst vor ein paar Minuten eingetroffen, hatte den unten an der Treppe Wacht haltenden Kirilloff mit Verachtung weggejagt und sich schnell und so gut das möglich war, mit Marie verständigt. Angetroffen hatte sie ihre Patientin „in der gemeinsten Verfassung“, das heißt, böse, gereizt und „im allerdümmsten Kleinmut“ – aber schon nach wenigen Worten hatte sie Maries sämtliche Einwendungen besiegt.
„Was jammern Sie da, daß Sie keine teure Hebamme haben wollen?“ sagte sie gerade in dem Augenblick, als Schatoff eintrat, „der reinste Blödsinn, verdrehte Gedanken, die von Ihrem unnormalen Zustande kommen. Mit Hilfe irgendeines alten Bauernweibes hätten Sie fünfzig Chancen, schlecht zu enden, jawohl, und dann gibt es schon mehr Scherereien und Ausgaben, als wenn Sie eine teure nehmen. Und woher wissen Sie überhaupt, daß ich teuer bin? Sie können später bezahlen, von Ihnen werde ich nicht mehr verlangen als recht ist, und ich garantiere für eine gute Entbindung: bei mir werden Sie schon nicht sterben, das ist bei mir noch nie vorgekommen. Und das Kind – das kann ich Ihnen morgen noch in einer Anstalt unterbringen, und später geben wir es ins Dorf zur Erziehung, womit die Sache dann abgetan ist. Sie aber werden schnell gesund, machen sich an eine vernünftige Arbeit und ‚entschädigen‘ dann meinetwegen Schatoff für das Zimmer und die Ausgaben, die durchaus nicht so groß sein werden ...“
„Ach, nicht das ... Ich habe nicht das Recht, ihn zu belästigen ...“
„Sehr rationell und bürgerlich gedacht, aber, wie gesagt, Schatoff wird fast überhaupt keine Auslagen haben, glauben Sie mir, – wenn er sich nur aus einem phantastischen Herrn in einen Menschen mit vernünftigen Ideen verwandeln wollte! Vor allem sollte man ihn keine Dummheiten machen, nicht gleich lostrommeln und mit herausgestreckter Zunge durch die Stadt rennen lassen! Er hat jetzt hier zu bleiben! Wenn man ihn nicht mit Gewalt festhält, so schleppt er uns bis zum Morgen womöglich noch sämtliche Ärzte zusammen: er hat doch bei mir alle Hunde zum Kläffen gebracht! Ärzte brauchen wir nicht, ich habe schon gesagt, daß ich für alles garantiere. Ein altes Weib kann man meinetwegen noch zur Bedienung annehmen, das kostet auch weiter nicht viel. Übrigens kann er sich auch selbst nützlich machen, er braucht doch nicht nur zu Dummheiten fähig zu sein. Er hat doch Arme und Beine, kann also in die Apotheke laufen, ohne dabei irgendwie Ihre Gefühle mit ‚Wohltaten‘ zu verletzen. Was Teufel ‚Wohltaten‘! Hat er Sie denn nicht selbst in diese Lage gebracht? Er hat Sie doch damals zum Bruch mit dieser Familie getrieben, in der Sie Lehrerin waren, mit dem selbstsüchtigen Ziel, Sie dann heiraten zu können!? Wir haben doch davon gehört ... Übrigens kam er doch selbst angelaufen und hat bei uns geschrien und getobt wie ein Verrückter. Ich binde mich wahrhaftig niemandem auf und bin nur um Ihretwillen gekommen, aus Prinzip, weil wir unter uns zur Solidarität verpflichtet sind. Das habe ich ihm übrigens auch gesagt. Wenn ich aber nach Ihrer Meinung hier überflüssig bin, dann sagen Sie es nur und – leben Sie wohl! Daß bloß kein Unglück geschieht, was so leicht zu verhüten wäre.“ Und sie erhob sich sogar schon von ihrem Stuhl.
Marie war aber so hilflos, litt dermaßen und – um die Wahrheit zu sagen – fürchtete sich so maßlos vor dem, was ihr bevorstand, daß sie es jetzt selbst nicht mehr wagte, die Wirginskaja von sich zu lassen. Dafür aber war ihr diese Frau plötzlich geradezu verhaßt: die sprach da von ganz anderem, nur nicht von dem, was in Maries Seele vorging! Doch die Möglichkeit, in den Händen einer ungeschickten Hebamme zu sterben, besiegte den Widerwillen. Zu Schatoff jedoch wurde sie von nun an noch herrischer, noch unnachsichtiger: schließlich verbot sie ihm nicht nur, sie anzusehen, sondern er durfte nicht einmal mit dem Gesicht zu ihr gewandt stehen. Dabei wurden ihre Schmerzen immer stärker und ihre Flüche und selbst Schimpfworte immer sinnloser.
„Ach, was da! wir schicken ihn einfach hinaus,“ schnitt Arina Prochorowna kurz ab. „Mit seinem Gesicht erschreckt er Sie nur: bleich ist er wie ein Toter! Was haben denn Sie zu fürchten, Sie komischer Mensch? Das ist mir mal eine Komödie!“
Schatoff antwortete nicht: er hatte sich vorgenommen, um nicht unnütz zu reizen, einfach nichts zu erwidern.
„Ach, habe ich dumme Väter in solchen Fällen gesehen! Die verlieren nun mal immer den Verstand. Aber die haben dann doch wenigstens ...“
„Hören Sie auf, oder gehen Sie, damit ich endlich sterbe! Kein Wort mehr! Ich will nicht, will nicht!“ keuchte Marie in Qualen.
„Da kann man ja überhaupt nichts mehr sprechen! Ich sehe nur, daß Sie die Vernunft verloren haben. Doch zur Sache: sagen Sie, haben Sie schon etwas vorbereitet? Antworten Sie, Schatoff, denn sie hat jetzt keinen Sinn dafür.“
„Sagen Sie, bitte, was denn eigentlich nötig ist.“
„Also nichts vorbereitet.“
Sie zählte ihm das unbedingt Nötige auf, wirklich nur das Notwendigste.
Einiges fand sich auch bei Schatoff. Marie zog einen kleinen Schlüssel hervor und reichte ihn ihm, damit er in ihrer Reisetasche suche. Da aber seine Hände zitterten, so dauerte es etwas länger, bis er das ihm unbekannte Schloß aufgemacht hatte, worüber Marie wieder außer sich geriet, doch als nun Arina Prochorowna ihm helfen und schneller öffnen wollte, da erlaubte sie wieder unter keiner Bedingung, daß diese ihre Tasche anrühre, und bestand mit kindischem Geschrei und Weinen darauf, daß nur Schatoff allein sie öffne.
Nach anderen Sachen mußte er zu Kirilloff gehen. Kaum aber war er aus dem Zimmer, da rief ihn Marie auch schon wie rasend wieder zurück und beruhigte sich erst, nachdem Schatoff sofort wieder von der Treppe zurückgelaufen kam und ihr dann auseinandersetzte, daß er nur auf eine Minute und auch nur nach dem Notwendigsten fortgehen und sofort wieder da sein werde.
„Na, Sie zu befriedigen ist aber schwer,“ meinte Arina Prochorowna lachend, „bald muß man mit dem Gesicht zur Wand stehen und darf sich nicht mal umkehren, bald ist es wieder so nicht recht; und wenn man Ihretwegen auf einen Augenblick fortgehen muß, fangen Sie zu weinen an. Na, nun regen Sie sich aber nicht so auf, reiben Sie sich nicht die verweinten Augen, – ich lache doch nur.“
„Er darf sich nicht unterstehen, überhaupt etwas zu denken!“
„Tatata, wenn er nicht wie ein Bock in Sie verliebt wäre, würde er doch nicht die Hunde der ganzen Stadt zum Heulen bringen und wie verrückt durch die Straßen rennen! Bei mir hat er fast den Fensterrahmen herausgeschlagen.“