IV.
Pjotr Stepanowitsch war gewiß kein dummer Mensch, doch Fedjka, der Zuchthäusler, hatte ihn richtig charakterisiert mit dem Ausspruch: „Der stellt sich einen Menschen so vor, wie er ihn haben will, und so lebt er dann mit ihm.“
Pjotr Stepanowitsch verließ Herrn von Lembke in der festen Überzeugung, daß er ihn auf wenigstens sechs Tage beruhigt habe, diese Frist aber brauchte er unbedingt. Doch seine Berechnung war falsch, und zwar weil er sich Herrn von Lembke von allem Anfange an und gleich für immer als vollkommen beschränkten Menschen vorgestellt hatte.
Herr von Lembke war, wie jeder qualvoll mißtrauische Mensch, im ersten Augenblick des Aus-sich-selbst-hinausgehens stets von größter und freudiger Vertrauensseligkeit. Die neue Wendung der Dinge erschien ihm nun zunächst in recht angenehmer Form, trotz der etlichen neueingetretenen Verwicklungen, die Achtsamkeit erheischten. Doch wenigstens zerfielen seine alten Zweifel jetzt in Staub und Asche. Aber die letzten Tage hatten ihn so müde gemacht, und er fühlte sich so gequält und so hilflos, daß seine Seele sich unwillkürlich nach Ruhe sehnte. Leider kam gerade jetzt diese Unruhe wieder über ihn. Das lange Leben in Petersburg hatte in seiner Seele unverwischbare Spuren hinterlassen. Die offizielle und sogar die geheime Geschichte der „neuen Generation“ war ihm ziemlich bekannt – war er doch ein wißbegieriger Mensch, der selbst Proklamationen sammelte –, nur hatte er noch nie auch nur ein Wort von dieser ganzen Geschichte begriffen. Jetzt aber stand er da wie in einem Walde: mit allen Instinkten ahnte er, daß in Pjotr Stepanowitschs Worten etwas schier Unmögliches enthalten war, irgend etwas außerhalb aller Formen und Vereinbarungen – „wenn auch übrigens der Teufel wissen mag, was da in dieser ‚neuen Generation‘ alles möglich ist und überhaupt ... wie sie das da alles machen!“ dachte er bei sich und verlor sich in Erwägungen.
Da steckte zum Unglück wieder Blümer seinen Kopf durch die Tür. Die ganze Zeit während der Anwesenheit Pjotr Stepanowitschs hatte er in der Nähe gewartet. Dieser Blümer war mit Herrn von Lembke sogar verwandt, wenn auch allerdings nur weitläufig, doch diese Verwandtschaft wurde sorgfältig und ängstlich geheimgehalten. Ich bitte den Leser um Entschuldigung, daß ich hier über diesen unbedeutenden Menschen ein paar Bemerkungen einfüge. Blümer gehörte als Mensch zu der sonderbaren Abart der „unglücklichen“ Deutschen – jedoch nicht infolge seiner tatsächlich großen Talentlosigkeit, sondern einfach Gott weiß weshalb. Diese „unglücklichen“ Deutschen sind keine Mythe, sondern sind wirklich vorhanden, sogar in Rußland, und haben ihren besonderen Typ. Herr von Lembke hatte für diesen Blümer von jeher ein geradezu rührendes Mitgefühl und verschaffte ihm, wo er nur konnte, und natürlich im Verhältnis zu seinen eigenen Fortschritten, immer bessere Stellen in seinem Ressort; doch Blümer hatte nirgends Glück. Bald wurde der Posten aufgehoben, bald bekam er einen neuen Vorgesetzten, und einmal hätte man ihn beinahe mit anderen zusammen vors Gericht gebracht. Er war gewissenhaft, doch leider irgendwie so, daß es schon zuviel war – zwecklos gewissenhaft, und außerdem ewig mürrisch, was ihm überall schadete, – dabei rothaarig, groß, ein wenig krumm, wehmütig, sogar gefühlvoll, und bei all seiner Unterwürfigkeit doch eigensinnig und halsstarrig wie ein Stier, freilich immer am unrechten Ort und zur unrechten Zeit. An Lembke hing er nebst seiner Frau und seinen zahllosen Kindern mit einer langjährigen und ehrfürchtigen, treuen und ergebenen Anhänglichkeit. Außer Lembke gab es keinen Menschen, der ihn je auch nur gemocht hatte. Julija Michailowna hatte ihn sofort und mit aller Entschiedenheit abgelehnt, doch verabschieden konnte sie ihn nicht, weil der Widerstand ihres Mannes in diesem Punkte nicht zu brechen war. Ja, dieser Blümer war die Ursache ihres ersten ehelichen Streites gewesen, und zwar gleich in den ersten süßen Tagen nach der Hochzeit, als sie plötzlich das kränkende Geheimnis dieser neuen Verwandtschaft erfahren hatte. Es half auch nichts, daß ihr Gatte flehend, mit gefalteten Händen, auf sie einredete und ihr gefühlvoll Blümers ganze Lebensgeschichte erzählte, sowie die Geschichte ihrer Freundschaft von Kindheit an: Julija Michailowna hielt sich für unwiderruflich blamiert und versuchte sogar mit Ohnmachtsanfällen ihren Willen durchzusetzen. Doch von Lembke wich trotzdem nicht einen Schritt von seinem Standpunkt und erklärte nur, daß er seinen Blümer um keinen Preis von sich entfernen werde, so daß sie sich schließlich ehrlich über ihn wunderte und gezwungen war, ihm diesen Blümer zu „gestatten“. Es wurde nur beschlossen, die Verwandtschaft mit ihm noch sorgfältiger als bisher geheimzuhalten, wenn das überhaupt möglich war, und sogar seinen Ruf- und Vatersnamen durch andere zu ersetzen, denn auch Blümer hieß sonderbarerweise genau wie von Lembke Andrei Antonowitsch. Hier bei uns verkehrte Blümer mit keinem Menschen, außer mit einem deutschen Apotheker, hatte auch bei niemandem Besuch gemacht und, seiner Gewohnheit getreu, zurückgezogen und sparsam gelebt. Ihm waren auch die literarischen Sünden von Lembkes bekannt, denn er war es, der den Zuhörer abgeben mußte, wenn von Lembke seinen Roman vorlesen wollte, was er natürlich nur mit aller Vorsicht und bei verschlossenen Türen tat: dann saß Blümer an die sechs Stunden wie ein Pfosten da, schwitzte und strengte sich krampfhaft an, nicht einzuschlafen, sondern wach zu bleiben und zu lächeln. Kam er dann nach Hause, so seufzte er zusammen mit seiner hageren, großfüßigen Frau über die unselige Vorliebe ihres Wohltäters für die russische Literatur.
Andrei Antonowitsch litt geradezu, als er den eintretenden Blümer erblickte.
„Ich bitte dich, Blümer, mich jetzt in Ruh zu lassen,“ begann er erregt und schnell, sichtlich bemüht, eine Fortsetzung des Gespräches, das Pjotr Stepanowitsch unterbrochen hatte, zu vermeiden.
„Man kann das ja auf die schonendste Weise machen. Sie haben doch die Vollmacht,“ bestand Blümer ehrerbietig aber hartnäckig auf dem Seinen, und näherte sich mit kleinen Schritten und krummem Rücken immer mehr dem Schreibtisch.
„Blümer, du bist mir wirklich in einem Grade zugetan und in deinem Amt diensteifrig, daß mir schon angst und bange vor dir wird, wenn ich dich nur erblicke!“
„Sie machen immer scharfsinnige Bemerkungen, aber dann lassen Sie sich von dem Vergnügen an dem Gesagten ruhig einschläfern. Damit schaden Sie sich selbst.“
„Blümer, ich habe mich soeben überzeugt, daß etwas ganz anderes dahintersteckt, etwas ganz anderes!“
„Doch nicht aus den Worten dieses falschen, lasterhaften Menschen, den Sie selbst verdächtigen? Hat er Sie glücklich mit falschem Lob Ihres literarischen Talentes so weit geblendet?“
„Blümer, du ahnst ja nichts! Dein Projekt ist eine Absurdität, sage ich dir. Wir werden nichts finden, es wird sich nur unnützes Geschrei erheben und dann Gelächter und dann Julija Michailowna ...“
„Wir werden bestimmt alles finden, was wir suchen,“ Blümer schritt fest auf ihn zu, die rechte Hand ans Herz gepreßt. „Wir können die Durchsuchung seiner Wohnung ganz früh am Morgen vornehmen, und ganz plötzlich, ohne alle Vorbereitungen, mit aller Schonung seiner Person, und dabei streng nach der Vorschrift des Gesetzes. Die jungen Leute, Lämschin und Telätnikoff, versichern felsenfest, daß wir bei ihm alles Gewünschte finden werden. Sie haben ihn früher oft besucht. Für Herrn Werchowenski ist hier niemand sehr zu haben, und die Generalin Stawrogin hat ihm formell ihre Wohltaten für weiterhin gekündigt, und jeder ehrliche Mensch, wenn es solch einen in dieser rohen Stadt überhaupt gibt, ist überzeugt, daß dort immer die Quelle des Unglaubens und der sozialen Lehren gewesen ist. Er besitzt alle verbotenen Bücher, sämtliche Werke Herzens, Rylejeffs ‚Dumy‘[44] ... Ich habe mir schon auf alle Fälle ein Verzeichnis seiner Bücher ...“
„Gott, diese Bücher hat heute doch schon ein jeder! Wie naiv du bist, mein armer Blümer!“
„Und eine Menge Proklamationen,“ fuhr Blümer fort und tat, als habe er die Bemerkung nicht gehört. „Wir werden auf diese Weise bestimmt auf die Spur der neuen Proklamationen kommen. Dieser junge Werchowenski kommt mir ungemein, ungemein verdächtig vor.“
„Aber du verwechselst ja den Vater mit dem Sohn! Sie vertragen sich durchaus nicht. Der Sohn verspottet ihn ja ganz ungeniert.“
„Das ist doch nur Verstellung, Maske!“
„Blümer, du hast wohl geschworen, mich zu Tode zu quälen! Denk doch ein bißchen nach! Er ist doch hier in der Stadt immerhin eine geachtete Persönlichkeit. Er war Professor, er ist überall bekannt, und wenn er zu schreien anfängt, wird es gleich alle Welt wissen, und dann beginnt das Witzeln über uns, und dann gelingt uns nichts mehr ... und bedenke doch nur, was wird Julija Michailowna sagen ...“
Blümer kam immer näher und hörte auf keinen Einwand.
„Er war nur Dozent und weiter nichts, nur Dozent, und ist dem Titel nach nur Kollegienassessor außer Dienst.“ Blümer preßte heftig seine rechte Hand auf die Brust. „Keinen einzigen Orden hat er und zum Staatsdienst ist er überhaupt nicht herangekommen, weil man seine Absichten gegen die Regierung kannte. Er stand im geheimen unter polizeilicher Aufsicht und steht wohl zweifellos auch jetzt noch darunter. In Anbetracht der beginnenden Unordnungen sind Sie geradezu verpflichtet, zu tun, was ich Ihnen riet. Sie aber lassen eine solche Möglichkeit, sich auszuzeichnen, wieder vorübergehen! Sehen dem Hauptschuldigen einfach durch die Finger! ...“
„Julija Michailowna! Sch–scher dich zum ...“ rief plötzlich von Lembke, der die Stimme seiner Frau im Nebenzimmer gehört hatte.
Blümer zuckte zusammen, doch ergab er sich noch nicht.
„So erlauben Sie doch, erlauben Sie doch,“ er trat immer näher und preßte jetzt schon beide Hände an die Brust.
„Sch–scher dich, pack dich!“ knirschte Andrei Antonowitsch. „Mach, was du willst ... später ... O Gott!“
Die Portiere wurde zur Seite geschlagen, und Julija Michailowna erschien. Als sie Blümer erblickte, blieb sie stehen und musterte ihn hochmütig und beleidigend vom Kopf bis zu den Füßen, als wäre schon seine bloße Anwesenheit kränkend für sie. Blümer machte stumm eine tiefe, ehrerbietige Verbeugung vor ihr und ging dann, noch krumm vor Ehrerbietung, auf den Fußspitzen zur Tür.
War es nun, daß er die letzten Worte von Lembkes für die Erlaubnis nahm, so zu handeln, wie er wollte, oder ob er es von sich aus unrechterweise, jedoch in der festen Überzeugung tat, seinem Wohltäter zu einem Orden zu verhelfen, – das mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls erwuchs, wie wir weiterhin sehen werden, aus diesem Gespräch des Vorgesetzten mit seinem Untergebenen etwas ganz Unvorhergesehenes, das viele zum Lachen reizte, als es bekannt ward, aber Julija Michailownas hellen Zorn erregte. Von Lembke dagegen wurde dadurch in der entscheidendsten Zeit in die bedauernswerteste Unentschlossenheit versetzt.
V.
Für Pjotr Stepanowitsch war es ein geschäftiger Tag. Nachdem er von Lembke verlassen hatte, begab er sich schnell zur Bogojawlenskstraße, doch als er unterwegs in der Bykoffstraße an dem Hause vorüberkam, in dem Karmasinoff wohnte, blieb er plötzlich stehen, lächelte und trat ins Haus. Man öffnete ihm mit einem: „Der Herr erwarten bereits –,“ was Pjotr Stepanowitsch sehr bemerkenswert erschien, denn er hatte durchaus nicht gesagt, daß er kommen werde.
Der „große Schriftsteller“ erwartete ihn in der Tat, und zwar schon seit drei Tagen, denn vor vier Tagen hatte er das Manuskript seines „Merci“ (seinen Abschiedsgruß ans Publikum, den er auf der literarischen Matinee zum Besten armer Gouvernanten vorzulesen gedachte) Werchowenski eingehändigt. Er hatte es aus Liebenswürdigkeit getan, in der Überzeugung, dem jungen Manne außerordentlich zu schmeicheln, wenn er ihm das große Werk schon vorher zeigte. Pjotr Stepanowitsch hatte schon längst begriffen, daß dieser ruhmsüchtige, eitle und für Nichterwählte so beleidigend unnahbare Herr, dieser „erhabene Verstand“, sich einfach an ihn herandrängen wollte. Er erriet, daß Karmasinoff ihn, wenn auch vielleicht nicht für den erklärten Führer alles dessen hielt, was in ganz Rußland heimlich revolutionär war, so doch wenigstens für einen, der in alle Geheimnisse der russischen Revolution eingeweiht war und zweifellos großen Einfluß auf die Jugend hatte. Die Gedanken dieses „klügsten Menschen in ganz Rußland“ interessierten Pjotr Stepanowitsch, doch bisher hatte er aus gewissen Gründen eine Aussprache vermieden.
Der „große Schriftsteller“ wohnte im Hause seiner Schwester, der Frau eines Kammerherrn und Gutsbesitzers, die nebst ihrem Mann den „berühmten Verwandten“ geradezu vergötterte. Augenblicklich mußten sie leider beide, zu ihrem größten Schmerz, in Moskau leben, so daß denn eine alte Dame, eine arme Verwandte des Kammerherrn, die schon lange im Hause die Wirtschaft führte, die Ehre hatte, Karmasinoff zu empfangen und aufzunehmen. Seit seiner Ankunft ging das ganze Haus auf den Fußspitzen, und niemand wagte mehr, laut zu sprechen. Die alte Dame berichtete fast täglich nach Moskau, wie Karmasinoff geschlafen und was er gegessen hatte, und einmal, als er nach einem Diner beim Stadthaupt einen Löffel voll einer gewissen Medizin hatte einnehmen müssen, schickte sie sogar ein Telegramm ab, in ihrer Furcht, er könne vielleicht krank werden. Karmasinoff selbst sprach, wenn auch höflich, so doch nur ganz trocken mit ihr, und nur wenn es unbedingt nötig war. Als Pjotr Stepanowitsch bei ihm eintrat, aß er gerade ein Kotelett. Vor ihm stand ein Glas Portwein. Pjotr Stepanowitsch war auch früher schon bei ihm gewesen, und jedesmal hatte er ihn bei diesem Morgenfrühstück angetroffen, das er dann ruhig weiter zu essen pflegte, ohne seinem Gast auch nur einmal etwas anzubieten. Nach dem Kotelett trank er dann ein Täßchen Kaffee. Der Diener war in blauem Frack, weichen, unhörbaren Stiefeln und weißen Handschuhen.
„A–ah!“ rief Karmasinoff aus und erhob sich vom Sofa, während er sich den Mund mit der Serviette abwischte; darauf trat er auf Pjotr Stepanowitsch zu, um ihn auf die Wange zu küssen – die charakteristische Angewohnheit aller Russen, wenn sie schon gar zu berühmt sind.
Pjotr Stepanowitsch wußte aber schon von früher, daß Karmasinoff bei diesem bei ihm üblichen Kuß nur die Wange hinzuhalten pflegte – da machte er es diesmal ebenso: und so legten sich denn beide Wangen flach aneinander. Karmasinoff tat, als hätte er nichts bemerkt, setzte sich wieder auf sein Sofa und lud seinen Gast ein, ihm gegenüber auf einem Lehnstuhl Platz zu nehmen, was dieser auch sofort mit seiner ganzen Nonchalance tat.
„Sie wollen doch nicht ... Wollen Sie nicht frühstücken?“ fragte Karmasinoff ganz gegen seine Gewohnheit, doch selbstverständlich in der Annahme, eine höflich ablehnende Antwort zu erhalten.
Aber ungeachtet dessen oder vielleicht gerade deshalb wünschte Pjotr Stepanowitsch sofort zu frühstücken. Ein Schatten beleidigten Erstaunens glitt über das Gesicht des Hausherrn, doch nur auf einen Augenblick: nervös klingelte er darauf nach dem Diener und erhob, trotz seiner guten Erziehung, launisch die Stimme, als er ein zweites Frühstück bestellte.
„Wollen Sie denn ein Kotelett oder Kaffee?“ erkundigte er sich bei seinem Gast.
„Beides, und bestellen Sie noch Portwein dazu, ich bin hungrig,“ sagte Pjotr Stepanowitsch seelenruhig und betrachtete Karmasinoffs Kostüm. Es bestand aus einer Art von Hausjackett, oder Jäckchen, jedenfalls war es wattiert, mit Perlmutterknöpfen versehen und sehr kurz, was sich zu seinem runden Bäuchlein und dem runden, festen Körperteil der Rückseite wenig gut ausnahm. Über seine Knie hatte er ein kariertes wollenes Plaid gebreitet, obgleich es im Zimmer warm war.
„Krank etwa?“ fragte Pjotr Stepanowitsch.
„Nein, nicht krank, aber ich fürchte, krank zu werden – in diesem schrecklichen Klima,“ antwortete Karmasinoff mit seinem kreischenden Stimmchen, wenn auch freundlich. „Ich erwartete Sie schon gestern.“
„Warum das? Ich hatte Ihnen doch nicht versprochen, zu Ihnen zu kommen.“
„Ja, aber Sie haben doch mein Manuskript! Sie ... haben Sie es gelesen?“
„Manuskript? Was für eines?“
Karmasinoff wunderte sich maßlos.
„Aber Sie haben es doch wenigstens mitgebracht?“ rief er plötzlich so aufgeregt, daß er sogar im Essen innehielt und mit aufgerissenen Augen sein Gegenüber anstarrte.
„Ach so, Sie sprechen von Ihrem ‚Bonjour‘, oder wie es da hieß ...“
„‚Merci‘.“
„Na, bleibt sich gleich. Habe es ganz vergessen und noch kein Wort gelesen. Keine Zeit. Wirklich, ich weiß nicht, in den Taschen ist das Ding nicht mehr. Na, wird sich schon finden ...“
„Nein, verzeihen Sie, ich sende lieber sofort zu Ihnen! Es könnte verloren gehen, man könnte es stehlen!“
„Ach wo! wer braucht denn so was! Warum regen Sie sich denn überhaupt so auf? Sie haben doch, wie mir Julija Michailowna sagte, immer mehrere Abschriften, eine im Auslande beim Notar, eine in Petersburg, eine in Moskau ... und eine schicken Sie dann womöglich noch in die Bank –?“
„Aber Moskau kann doch abbrennen, mitsamt meinem Manuskript! Nein, ich sende doch lieber sofort zu Ihnen ...“
„Warten Sie, hier ist es ja!“ Pjotr Stepanowitsch zog aus der hinteren Rocktasche das Manuskript hervor. „Ein wenig verknittert. Denken Sie sich nur, so wie ich es damals nahm, so hat es ruhig mit meinem Schnupftuch in der Tasche gelegen. Hatte es völlig vergessen.“
Karmasinoff warf sich gierig auf sein Manuskript, besah es von allen Seiten, zählte die Blätter nach und legte es dann fast andächtig neben sich auf ein kleines Tischchen, doch so, daß er es jeden Augenblick wieder ergreifen konnte.
„Sie lesen wohl nicht viel?“ konnte er sich schließlich nicht enthalten zu fragen.
„Nein, nicht sehr viel.“
„Und von russischer Belletristik – wohl überhaupt nichts?“
„Von russischer Belletristik? Warten Sie mal, ich glaube, ich habe einmal so etwas gelesen ... ‚Unterwegs‘ ... oder ‚Auf dem Weg‘ ... oder ‚Am Kreuzweg‘, oder wie es da hieß, hab’s vergessen. Es ist lange her. Las es vor etwa fünf Jahren. Hab keine Zeit.“
Ein kurzes Schweigen trat ein.
„Als ich herkam, versicherte ich allen, daß Sie ein ungewöhnlich kluger Mensch sind – und jetzt scheinen ja auch alle von Ihnen entzückt zu sein.“
„Danke,“ sagte Pjotr Stepanowitsch ruhig.
Der Diener brachte das Frühstück, und Pjotr Stepanowitsch machte sich mit gutem Appetit an das Kotelett, aß es im Nu auf, stürzte den Wein hinunter und trank den Kaffee.
„Dieser Grobian,“ dachte Karmasinoff, indem er noch das letzte kleine Stückchen von seinem eigenen Teller aß und das letzte Schlückchen trank, „dieser Grobian hat gewiß sofort die Stichelei in meinen Worten begriffen ... und das Manuskript wird er bestimmt mit Spannung gelesen haben, also lügt er jetzt, um sich den Anschein zu geben, als ob ... Oder sollte er doch nicht lügen, sondern einfach aufrichtig dumm sein? Einen genialen Menschen liebe ich eigentlich so, wenn er ein wenig dumm ist. Ist er nicht gar für die da wirklich so was wie ein Genie? Doch übrigens hol’ ihn der Teufel.“
Er erhob sich vom Sofa und begann, aus einer Ecke des Zimmers in die andere zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er nach dem Frühstück stets zu tun pflegte.
„Reisen Sie bald zurück?“ fragte Pjotr Stepanowitsch aus dem Lehnstuhl und rauchte eine Zigarette an.
„Ich bin eigentlich hergekommen, um mein Gut zu verkaufen, und hänge nun von meinem Verwalter ab.“
„Na, aber eigentlich sind Sie doch hierher gekommen, weil Sie dort Epidemien nach dem Kriege erwarteten?“
„N–nein, nicht eigentlich deshalb,“ sagte Karmasinoff, großmütig die Worte skandierend, und fuhr fort, durch das Zimmer zu spazieren, wobei er bei jedem Kehrt in der Ecke munter mit dem rechten Beinchen ausschritt. „Ich beabsichtige in der Tat, so lange wie nur möglich zu leben,“ lächelte er nicht ganz ohne Ironie. „Im russischen Herrenstand ist etwas, das den Menschen schnell verbraucht, in jeder Beziehung. Ich aber möchte mich so spät wie möglich verbrauchen und werde deshalb auch in Bälde endgültig ins Ausland übersiedeln. Dort ist auch das Klima besser, und das ganze Gebäude ist aus Stein, und alles steht fester. Für meine Lebenszeit wird Europa noch vorhalten, denke ich. Was meinen Sie?“
„Wie soll ich’s wissen!“
„Hm ... Wenn dort wirklich einmal Babylon kracht, und sein Fall wird groß sein – darin stimme ich vollkommen mit Ihnen überein, obgleich ich denke, daß es für meine Lebenszeit noch vorhalten wird – so ist doch bei uns in Rußland überhaupt nichts vorhanden, das da zusammenstürzen könnte ... im Verhältnis betrachtet. Bei uns werden keine Steine fallen, sondern alles wird sich in Schmutz auflösen. Das heilige Rußland kann am wenigsten von allem in der Welt irgendeinen Widerstand leisten. Das einfache Volk hält sich noch irgendwie mit dem russischen Gott; aber selbst der russische Gott hat sich ja nach den letzten Erfahrungen als äußerst unzuverlässig erwiesen. Sogar gegen die Bauernreform hat er kaum standzuhalten vermocht – jedenfalls hat er arg gewankt. Und dazu kommen jetzt noch die Eisenbahnen, und dann ... Nein, an den russischen Gott glaube ich schon gar nicht.“
„Aber an den europäischen?“
„Ich glaube an keinen einzigen. Man hat mich bei der russischen Jugend verleumdet. Ich habe stets jede ihrer Handlungen nachfühlen können. Man hat mir hier auch diese Proklamationen gezeigt. Man steht diesen Flugblättern allgemein verständnislos gegenüber, denn die Form schreckt ab; doch von ihrer Macht sind alle überzeugt, wenn sie sich auch selbst noch nicht dessen bewußt sind. Alles fällt hier schon längst, und alle wissen auch schon längst, daß nichts da ist, wonach man greifen oder woran man sich festhalten könnte. Ich bin schon deswegen von dem Erfolg dieser geheimnisvollen Propaganda überzeugt, weil Rußland jetzt auf der ganzen Welt im wahrsten Sinne des Wortes derjenige Ort ist, wo alles geschehen kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe nur zu gut, warum alle wohlhabenden Russen jetzt ins Ausland strömen und von Jahr zu Jahr immer mehr Leute auswandern. Hier ist es einfach ein Instinkt. Wenn das Schiff untergeht, wandern die Ratten aus. Das heilige Rußland ist ein hölzernes Land, ein bettelarmes und ... gefährliches Land, ein Land eitler Bettler in seinen höheren Schichten, während die riesige Mehrzahl in Hütten auf Hühnerbeinen hockt. Es wird über jeden Ausweg froh sein, wenn man ihm einen solchen zeigt und erklärt. Nur die Regierung will sich noch wehren, doch fuchtelt sie mit ihrem Knüttel im Dunkeln umher und trifft womöglich die eigenen Leute. Hier ist schon alles vorausbestimmt und verurteilt. Rußland hat, so, wie es jetzt ist, keine Zukunft. Ich bin Deutscher geworden und rechne mir das als Ehre an.“
„Sie begannen da, sich über die Proklamationen zu äußern: sagen Sie, was halten Sie von denen?“
„Alle fürchten die Proklamationen, folglich sind sie mächtig. Sie decken öffentlich den Betrug auf und beweisen, daß hier nichts mehr ist, an dem man sich festhalten, auf das man sich stützen könnte. Sie sprechen laut, während alle schweigen. Und womit sie am meisten besiegen, das ist – abgesehen von der Form – dieser bis jetzt unerhörte Mut, der Wahrheit offen ins Angesicht zu schauen. Diese Fähigkeit, der Wahrheit gerade ins Angesicht schauen zu können, hat einzig und allein die russische Generation. Nein, in Europa ist man noch nicht so mutig: dort ist’s eine steinerne Herrschaft, – dort gibt es noch etwas, auf das man sich tatsächlich stützen kann. So viel ich sehe und so viel ich zu beurteilen vermag, ist der Kern der russischen revolutionären Idee die Verneinung der Ehre. Es gefällt mir, daß das so mutig und furchtlos ausgedrückt wird. Nein, in Europa begreift man das noch nicht, bei uns aber wird man sich gerade darauf stürzen. Dem russischen Menschen ist die Ehre nur eine überflüssige Last. Ja, und sie ist ihm immer eine Last gewesen, in seiner ganzen Geschichte. Mit dem öffentlichen ‚Recht auf Unehre‘ kann man ihn am ehesten verlocken. Ich gehöre ja noch zur alten Generation und, ich muß gestehen, bin noch für die Ehre, aber doch nur aus Gewohnheit. Mir gefallen bloß die alten Formen, wenn auch vielleicht aus Kleinmut – aber man muß doch irgendwie sein Jahrhundert zu Ende leben.“
Er brach plötzlich ab.
„Da rede ich und rede,“ dachte er bei sich, „er aber schweigt und beobachtet mich. Er ist ja nur gekommen, damit ich ganz offen die Frage an ihn stelle. Gut, kann er haben.“
„Julija Michailowna hat mich gebeten, einmal irgendwie auf schlaue Weise von Ihnen herauszubekommen, was das für eine Überraschung ist, die Sie zu übermorgen, zum Ball, vorbereiten?“ fragte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
„Ja, das wird wirklich eine Überraschung sein; ich werde in der Tat in Erstaunen setzen,“ sagte Karmasinoff wichtig, „aber ich verrate Ihnen das Geheimnis nicht.“
Pjotr Stepanowitsch bestand weiter nicht darauf.
„Hier soll ein gewisser Schatoff leben,“ erkundigte sich plötzlich der „große Schriftsteller“, „und denken Sie nur, ich habe ihn noch nie gesehen.“
„Ein sehr guter Mensch. Warum fragen Sie?“
„Nur so, er soll über gewisse Dinge besonderer Ansicht sein. Das ist doch derselbe, der Stawrogin ins Gesicht geschlagen hat?“
„Ja.“
„Und Stawrogin – wie denken Sie über den?“
„Ich weiß nicht; irgendein Wüstling.“
Karmasinoff haßte Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn überhaupt nicht zu beachten.
„Diesen Wüstling wird man wohl – wenn sich jemals das verwirklicht, was die Proklamationen da verkünden, – wahrscheinlich als ersten an einen Ast knüpfen,“ meinte Karmasinoff kichernd.
„Vielleicht auch schon früher,“ bemerkte plötzlich Pjotr Stepanowitsch.
„So wär’s auch recht,“ stimmte Karmasinoff bei.
„Das haben Sie schon einmal gesagt, und wissen Sie, ich habe es ihm wiedererzählt.“
„Wie, haben Sie das wirklich?“ lachte Karmasinoff wieder auf.
„Ja. Er sagte darauf, daß, wenn man ihn an einen Ast knüpfen solle, es für Sie genügen würde, wenn man Ihnen einmal ordentlich Ruten gäbe, aber nicht etwa um der Ehre willen, sondern schmerzhaft, wie man so einem Burschen Ruten zu geben pflegt.“
Pjotr Stepanowitsch nahm seinen Hut und erhob sich. Karmasinoff streckte ihm zum Abschied beide Hände entgegen.
„Aber wie,“ fragte er plötzlich mit kreischendem, doch honigsüßem Stimmchen in einem ganz besonderen Tonfall, während er ihn immer noch an beiden Händen hielt, „– wie, wenn es nun einmal alledem bestimmt ist, sich zu verwirklichen ... alledem, was man da beabsichtigt, so ... wann könnte denn das wohl geschehen?“
„Wie soll ich denn das wissen?“ fragte Pjotr Stepanowitsch grob.
Sie sahen sich beide aufmerksam in die Augen.
„Nun, zum Beispiel? Ungefähr?“ flötete Karmasinoff noch süßer.
„Ihr Gut zu verkaufen werden Sie noch Zeit haben, und sich selbst zu retten werden Sie auch noch Zeit haben,“ murmelte Pjotr Stepanowitsch mit noch größerer Grobheit.
Sie sahen sich unverwandt, sahen sich noch aufmerksamer an.
Eine Minute lang herrschte Schweigen.
Plötzlich sagte Pjotr Stepanowitsch:
„Im nächsten Mai wird es beginnen, und zum Oktober wird es beendet sein.“
„Ich danke Ihnen aufrichtig!“ sagte mit von Dank durchdrungener Stimme Karmasinoff und drückte ihm beide Hände.
„Wirst noch Zeit haben, Ratte, vom Schiff auszuwandern!“ dachte Pjotr Stepanowitsch, als er auf die Straße trat. „Aber wenn sogar dieser ‚geradezu staatsmännische Kopf‘ sich so überzeugt schon nach Tag und Stunde erkundigt und so ehrerbietig für die erhaltene Mitteilung dankt, dann dürfen wir doch wahrlich nicht mehr an uns zweifeln.“ (Er lächelte seltsam). „Hm ... Aber er ist doch unter ihnen wirklich nicht dumm und ... aber alles in allem doch nur eine auswandernde Ratte; eine solche zeigt nicht an.“
Er eilte in die Bogojawlenskstraße zum Filippoffschen Hause.