VIII.

Schatoff war ausgegangen. Nach zwei Stunden ging ich wieder zu ihm – und wieder war er nicht zu Hause. Um acht Uhr abends ging ich zum dritten Male hin, um ihm, wenn ich ihn wieder nicht antreffen sollte, einen Zettel zu hinterlassen. Und richtig, er war wieder nicht zu Haus, sein Zimmer war verschlossen: er lebte ganz allein und ohne einen Dienstboten. Einen Augenblick fragte ich mich, ob ich nicht zu Lebädkins gehen und dort nach ihm fragen sollte: aber auch dort war die Tür verschlossen, es war weder ein Licht zu sehen, noch ein Laut zu hören – die Wohnung schien vollständig leer zu sein. Ich entschloß mich also, morgen früh wiederzukommen, denn auf das Zettelchen konnte ich mich nicht verlassen. Schatoff war mitunter so eigensinnig und dazu schüchtern, da war es leicht möglich, daß er einfach nicht hinging. Gerade als ich aus der Tür trat, stieß ich auf Herrn Kirilloff. Er erkannte mich sofort, und da er mich ansprach und fragte, wen ich suchte, erzählte ich ihm die ganze Geschichte und erwähnte auch meinen Zettel.

„Kommen Sie,“ sagte er, „ich werde es machen.“

Kirilloff wohnte seit diesem Morgen, wie uns schon Liputin erzählt hatte, im Flügel auf dem Hof. In dieser Hälfte des Hauses, die für ihn allein zu groß gewesen wäre, wohnte außer ihm noch ein altes, taubes Weib, das ihn auch bediente. Der Hausbesitzer selbst, Herr Filippoff, war nebenan in sein neues Heim gezogen, wo er eine Trinkstube hielt, und die Alte, die mit ihm verwandt war, beaufsichtigte nun das alte Haus. Die Zimmer in diesem Flügel waren sauber, aber die Tapeten schmutzig. Im ersten Zimmer, in das wir eintraten, standen die verschiedensten alten Möbel: zwei l’Hombretische, eine Kommode aus Ellernholz, ein großer Tisch aus rohen Brettern, wohl aus einer Bauernstube oder Küche; ferner ein paar Stühle und ein Diwan mit geflochtenen Lehnen und harten Lederkissen. In einer Ecke hing ein altes Heiligenbild, vor dem die Alte das Lämpchen schon angezündet hatte, und an den Wänden hingen zwei alte Öldruckbilder, von denen das eine den Kaiser Nicolai I. und das andere irgendeinen Bischof darstellte.

Kirilloff zündete ein Licht an und holte aus seinem Koffer, der in einer Ecke noch unausgepackt stand, ein Kuvert, Siegellack und ein Kristallpetschaft.

„Versiegeln Sie Ihren Brief und schreiben Sie die Adresse darauf.“

Ich sagte, daß das unnötig sei, aber er bestand auf seinem Wunsch. Nachdem ich die Adresse geschrieben hatte, nahm ich meinen Hut und wollte gehen.

„Ich dachte, Sie würden Tee trinken,“ sagte er. „Ich habe Tee gekauft. Wollen Sie nicht?“

Ich lehnte nicht ab. Die Alte brachte bald darauf eine riesige Teekanne mit heißem Wasser und eine kleinere mit gezogenem Tee, zwei große einfache Tassen, Weißbrot und einen ganzen Teller mit Stückzucker.

„Ich liebe Tee,“ sagte Kirilloff, „besonders in der Nacht. Ich gehe auf und ab und trinke, bis zum Morgen. Im Auslande ist Teetrinken nachts unbequem.“

„Sie legen sich erst gegen Morgen schlafen?“

„Immer, schon lange. Ich esse wenig. Trinke immer Tee ...“ Und ganz unvermittelt sagte er plötzlich: „Liputin ist schlau, aber ungeduldig.“

Es wunderte mich, daß er heute offenbar zu sprechen wünschte, und ich entschloß mich, die Gelegenheit zu benutzen.

„Das war ein unangenehmes Mißverständnis, heute vormittag, bei Stepan Trophimowitsch,“ bemerkte ich.

Er machte ein geärgertes Gesicht.

„Das war Dummheit; das sind furchtbare Nichtigkeiten; alles, was da war, denn Lebädkin spricht betrunken. Ich habe Liputin nichts gesagt, nur die Richtigkeit erklärt; denn jener hatte gefaselt. Liputin hat viel Phantasie; statt die Nichtigkeit einzusehen, hat er gleich Berge daraus gebaut. Gestern vertraute ich ihm.“

„Und heute mir?“ fragte ich lachend.

„Aber Sie wußten doch vorher schon von allem. Liputin ist schwach, oder ungeduldig, oder schädlich, oder ... neidisch.“

Das letzte Wort überraschte mich.

„Hm. Übrigens haben Sie so viele Kategorien aufgestellt, daß es schließlich kein Wunder ist, wenn er in eine von ihnen hineinpaßt.“

„Oder in alle zusammen.“

„Ja, auch das ist richtig. Liputin ist ein Chaos! Er log zwar vorhin, aber sagen Sie, ist es nicht trotzdem wahr, daß Sie ein Buch schreiben wollen?“

„Warum soll das gelogen sein?“ entgegnete er finster und sah zu Boden.

Ich entschuldigte mich und versicherte, daß ich ihn nicht ausfragen wolle. Er errötete.

„Liputin hat da die Wahrheit gesagt. Ich schreibe. Nur ist das ganz gleich.“

Wir schwiegen wohl eine Minute lang; plötzlich lächelte er wieder sein Kinderlächeln.

„Das von den Köpfen hat er sich selbst ausgedacht, nach einem Buch, und er selbst erzählte es mir zuerst, nur versteht er es schlecht; ich aber suche nur den Grund, warum die Menschen sich nicht selbst zu töten wagen; das ist alles. Aber auch das ist ganz gleich.“

„Wieso, nicht wagen? Als ob es wenig Selbstmorde gäbe?“

„Sehr wenig.“

„Finden Sie wirklich?“

Er antwortete nicht, stand auf und ging, in Gedanken versunken, auf und ab.

„Was hält denn, Ihrer Meinung nach, die Leute davon ab, sich selbst zu töten?“ fragte ich.

Er sah mich zerstreut an, als müßte er sich erst erinnern, wovon wir sprachen.

„Ich ... ich weiß noch wenig ... Zwei Vorurteile halten davon ab, zwei Gründe. Nur zwei: der eine ist sehr klein und der andere ist sehr groß. Aber auch der kleine ist sehr groß.“

„Welches ist denn der kleine?“

„Der Schmerz.“

„Der Schmerz? Ja, glauben Sie denn, daß das so wichtig ist ... in solchem Fall?“

„Das Allererste. Es gibt zwei Arten: Die, welche sich aus großem Leid umbringen, oder aus Haß, oder aus Wahnsinn, oder sonst da irgendwie ... die tun es plötzlich. Die denken wenig an den Schmerz, und tun’s plötzlich ... Aber die, die sich aus Überlegung töten – die denken viel.“

„Ja, gibt es denn überhaupt solche, die sich aus Überlegung töten?“

„Sehr viele. Wenn es kein Vorurteil gäbe, würden es noch mehr sein; sehr viele; alle!“

„Was, sogar schon alle?“

Er schwieg.

„Aber gibt es denn keine Möglichkeit, schmerzlos zu sterben?“

Er blieb vor mir stehen: „Denken Sie sich einen Stein von der Größe eines großen Hauses; er hängt über Ihnen und Sie sind unter ihm; wenn er auf Sie fällt, auf den Kopf – wird es schmerzen?“

„Ein Stein von der Größe eines Hauses? Natürlich, furchtbar!“

„Ich spreche nicht von der Angst; wird es schmerzen?“

„Ach so! Ein Stein, so groß wie ein Berg, eine Million Pud schwer? – Selbstverständlich nicht ein bißchen!“

„Aber wenn Sie so liegen, während er hängt, werden Sie furchtbare Angst davor haben, daß es schmerzen wird. Jeder große Gelehrte, jeder Arzt, alle, alle werden Angst haben. Jeder wird wissen, daß es nicht schmerzt, doch jeder wird sehr fürchten, daß es schmerzen wird.“

„Nun, und der große, der zweite Grund?“

„Das Jenseits.“

„Sie meinen die Strafe?“

„Einerlei. Das Jenseits, nichts als das Jenseits.“

„Gibt es denn nicht auch solche Atheisten, die an ein Jenseits gar nicht glauben und es vollständig leugnen?“

Er schwieg wieder.

„Sie urteilen vielleicht nur nach sich selbst?“

„Niemand kann anders urteilen, als nach sich selbst,“ sagte er und errötete wieder. „Die vollständige Freiheit wird erst dann sein, wenn es ganz einerlei sein wird, ob man lebt oder nicht. Das ist das ganze Ziel.“

„Das Ziel? Ja, aber dann wird vielleicht niemand mehr leben wollen?“

„Niemand,“ sagte er bestimmt.

„Der Mensch fürchtet den Tod, weil er das Leben lieb hat, so verstehe ich es wenigstens,“ bemerkte ich, „und so will es die Natur.“

„Das ist die Gemeinheit und hier steckt der ganze Betrug!“ Seine Augen blitzten auf. „Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Angst, und der Mensch ist unglücklich. Jetzt liebt der Mensch das Leben, weil er Schmerz und Angst liebt. Und so hat man’s gemacht. Das Leben wird einem jetzt für Angst und Schmerz gegeben. Hierin liegt der ganze Betrug. Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Aber es wird einen neuen Menschen geben, einen glücklichen und stolzen. Wem es ganz einerlei sein wird, ob leben oder nicht leben, der wird der neue Mensch sein. Wer Schmerz und Angst besiegen wird, der wird selbst Gott sein. Aber den Gott wird es dann nicht mehr geben.“

„Also gibt es Ihrer Meinung nach doch noch den Gott?“

„Es gibt Ihn nicht, aber Er ist da. Im Stein ist kein Schmerz, aber in der Angst durch den Stein ist Schmerz. Gott ist der Schmerz der Angst vor dem Tode. Wer Schmerz und Angst besiegt, der wird selbst Gott werden. Dann wird ein neues Leben sein, ein neuer Mensch, alles neu ... Dann wird man die Weltgeschichte in zwei Teile teilen: vom Gorilla bis zur Vernichtung Gottes, und von der Vernichtung Gottes bis ...“

„Bis zum Gorilla –?“

„... bis zur physischen Veränderung der Erde und des Menschen. Der Mensch wird Gott sein und wird sich physisch verändern. Und das ganze Weltall wird sich verändern, und alle Dinge werden sich verändern, und alle Gedanken und alle Gefühle. Was glauben Sie, wird sich dann nicht auch der Mensch physisch verändern?“

„Wenn es uns ganz gleich sein wird, ob wir leben oder nicht leben, so werden sich alle selbst totschlagen, und darin wird dann vielleicht eine Veränderung bestehen.“

„Das ist einerlei. Den Betrug wird man totschlagen. Ein jeder, der die große Freiheit will, muß sich selbst zu töten wagen. Wer sich selbst zu töten wagt, der hat das Geheimnis des Betruges erkannt. Weiter gibt es keine Freiheit. Hier ist alles und weiter ist nichts. Wer sich selbst zu töten wagt, der ist Gott. Jetzt kann es jeder machen, daß Gott aufhört, zu sein, und daß nichts mehr ist. Aber noch hat es niemand einmal getan!“

„Selbstmörder hat es zu Millionen gegeben.“

„Aber alle nicht deswegen. Alle haben sie sich mit Angst und nicht deswegen getötet. Nur wer sich tötet, um die Angst totzuschlagen, der wird sofort Gott sein.“

„Dazu wird er vielleicht keine Zeit mehr haben,“ bemerkte ich.

„Das ist einerlei,“ sagte er leise, mit ruhigem Stolz und fast ein wenig mit Verachtung. „Es tut mir leid, daß Sie sich darüber wohl lustig machen,“ fügte er nach einer halben Minute hinzu.

„Und mich wundert, wie Sie vorhin so gereizt sein konnten und jetzt so ruhig sind, obgleich Sie doch – glühend sprechen.“

„Vorhin? Vorhin war es komisch,“ antwortete er mit einem Lächeln. „Ich liebe nicht, zu schimpfen, und lache nie,“ fügte er traurig hinzu.

„Ja, Ihre Nächte beim Tee verbringen Sie nicht gerade lustig.“

Ich stand auf und nahm meine Mütze.

„Finden Sie?“ Er lächelte mit einem gewissen Erstaunen. „Warum? Nein, ich ... ich weiß nicht,“ verwirrte er sich plötzlich – „ich weiß nicht, wie es bei den andern ist. Ich fühle, daß ich nicht so wie jedermann kann. Jeder denkt, und dann denkt er gleich an was anderes. Ich kann nicht an anderes, ich denke mein ganzes Leben lang nur an Eines. Mich hat Gott mein Leben lang gequält,“ schloß er plötzlich mit erstaunlicher Mitteilsamkeit.

„Aber sagen Sie doch, warum sprechen Sie manchmal so sonderbar ... so sonderbar falsch? Sollten Sie wirklich in den fünf Jahren im Auslande das Sprechen verlernt haben?“

„Spreche ich denn falsch? Ich weiß nicht. Nein, nicht weil ich im Auslande war. Ich habe immer so gesprochen ... mir ist es einerlei.“

„Und eine noch indiskretere Frage: ich glaube Ihnen vollkommen, daß Sie nicht gern mit Menschen zusammen sind und wenig mit ihnen sprechen – warum haben Sie aber jetzt mit mir so aufrichtig gesprochen?“

„Mit Ihnen? Sie saßen vorhin so gut da ... und Sie ... aber, einerlei ... Sie haben viel Ähnlichkeit mit meinem Bruder, viel, außerordentlich,“ sagte er errötend. „Er starb, vor sieben Jahren; der ältere; sehr, sehr viel Ähnlichkeit ...“

„Er hatte wohl einen großen Einfluß auf Ihre Anschauungen?“

„N–ein, er sprach wenig. Er sprach gar nicht. – Ich werde Ihren Zettel abgeben.“

Er begleitete mich mit der Laterne bis zur Pforte, um sie hinter mir zuzuschließen.

„Selbstverständlich verrückt,“ entschied ich bei mir.

Doch da kam es zu einer neuen Begegnung.

IX.

Kaum hatte ich den Fuß auf die hohe Schwelle des Pförtchens gesetzt, als mich plötzlich eine starke Hand an der Brust packte.

„Wer da?“ brüllte eine Stimme. „Freund oder Feind? Bekenne!“

„Das ist einer von den Unsrigen, den Unsrigen!“ kreischte neben ihm Liputin aus der Fistel. „Das ist Herr G–ff, ein junger Mann von klassischer Bildung, und mit Beziehungen zur allerhöchsten Gesellschaft!“

„Gefällt mir, falls zur Gesellschaft ... kla–a–ssischer ... das bedeutet also ge–bild–det–ster ... Ich bin der Hauptmann a. D. Ignatius Lebädkin, zu Diensten der Welt und der Freunde ... wenn sie treu sind, wenn sie nur treu sind, die Schufte!“

Hauptmann Lebädkin, groß, dick, fleischig, krausköpfig, rot und wie gewöhnlich betrunken, hielt sich vor mir kaum auf den Füßen und konnte nur mit großer Mühe die Worte hervorbringen. Ich hatte ihn schon früher von weitem gesehen.

„A–ah, der ist auch da!“ schrie er von neuem auf, als er Kirilloff bemerkte, der noch immer mit seiner Laterne an der Pforte stand. Er erhob schon seine Faust zum Schlage, ließ sie aber wieder sinken.

„Verzeihe dir, wegen der Gelehrtheit! Ignatius Lebädkin – der gebil–det–ste ...

Die Granate der flammenden Liebe

Platzte in Ignats Brust.

Da setzte sich der Invalide

weil er – weil er ...

Um Sebastopol weinen mußt’.

Wenn ich auch nie in Sebastopol gewesen bin und ... mich noch des Gebrauches aller meiner Glieder erfreue – aber ... wie finden Sie den Reim?“ Er kam wieder mit seinem betrunkenen Gesicht auf mich zu.

„Er hat keine Zeit, er muß nach Hause gehen,“ beredete ihn Liputin. „Morgen wird er Lisaweta Nicolajewna erzählen – –“

„Lisaweta?“ brüllte Lebädkin wieder. „Steh! bleib! Noch eine Variante:

Von Amazonen begleitet,

Sprengt sie dahin wie der Wind.

O, welch eine Freud mir bereitet

Das a–ris–to–kra–tische Kind!

Der Amazonenkönigin gewidmet.

Begreifst du auch? Das ist ein Hymnus! Das ist ein Hymnus, wenn du kein Esel bist! Diese Trödler, die können es nicht verstehen! Steh!“ er packte mich am Mantel und hielt mich fest, wie ich mich auch losreißen wollte. „Sage ihr, daß ich ein Ritter der Ehre bin, und Daschka ... Daschka werde ich mit zwei Fingern ... Leibeigene Skla–avin! – und darf sich nicht unterstehn –“

Mit diesen Worten fiel er hin: ich hatte mich ihm mit Gewalt entwunden und ihm dabei einen starken Stoß versetzt. Dann lief ich auf die andere Seite der Straße. Liputin kam mir nach.

„Alexei Nilytsch wird ihn schon aufheben. Wissen Sie, was ich eben von ihm erfahren habe? – das Verschen haben Sie doch gehört? Nun, er hat dieselben Verse an die ‚Amazonenkönigin‘ aufgeschrieben und wird sie morgen Lisaweta Nicolajewna mit seiner vollen Unterschrift zusenden. Was sagen Sie dazu?“

„Ich könnte wetten, daß Sie ihn dazu beredet haben.“

„Dann würden Sie verlieren!“ Liputin lachte. „Verliebt, verliebt, wie ein Kater. Aber wissen Sie auch, daß die Liebe mit Haß begonnen hat? Er haßte Lisaweta Nicolajewna, weil sie reitet, und zwar dermaßen, daß er sie laut auf der Straße zu beschimpfen anfing. Das hat er wahrhaftig getan! Noch vorgestern hat er auf sie geschimpft, als sie vorüberritt. Zum Glück hat sie nichts gehört. Und jetzt plötzlich Gedichte! Wissen Sie auch, daß er einen Antrag riskieren will? Im Ernst, im Ernst!“

„Wie kommt es, Liputin, daß überall, wo sich Schmutz ansammelt, Sie dabei sind und womöglich noch eine führende Rolle spielen?“ fragte ich ruhig, aber innerlich rasend vor Wut.

„Nun, Herr G–ff, Sie gehen etwas weit. Das Herzchen hat wohl geschlagen, als es vom Nebenbuhler hörte, wie?“

„Wa–as?“ schrie ich und blieb stehen.

„Ja, aber jetzt werde ich Ihnen zur Strafe nichts mehr sagen! Und wie gern würden Sie doch noch mehr wissen! Schon allein, daß dieser Narr jetzt nicht mehr ein gewöhnlicher Hauptmann ist, sondern Gutsbesitzer unseres Gouvernements und noch dazu ein Großgrundbesitzer, da ihm Nicolai Stawrogin sein ganzes Gut, früher zweihundert Seelen stark, vor ein paar Tagen verkauft hat. Bei Gott, ich lüge nicht! Eben hab ich’s erfahren, aber dafür aus der sichersten Quelle. So, und nun krabbeln Sie mal mit Ihrem Verstande allein weiter, mehr sage ich nicht. Auf Wiedersehen!“

X.

Stepan Trophimowitsch erwartete mich mit hysterischer Ungeduld. Er war vor einer Stunde zurückgekehrt und noch wie betrunken, als ich eintrat. Wenigstens die ersten fünf Minuten hielt ich ihn nicht für ganz nüchtern, so sehr hatte ihn der Besuch bei Drosdoffs aus dem Gleichgewicht gebracht.

„Mon ami, ich habe meinen Faden nun vollständig verloren. Lise ... ich liebe und verehre diesen Engel wie früher, namentlich wie früher; aber mir scheint, sie haben mich nur erwartet, um etwas von mir zu erfahren, um etwas aus mir herauszuquetschen und dann – geh mit Gott! ... Das ist so!“

„Schämen Sie sich!“ rief ich empört, ich hielt es wirklich nicht mehr aus.

„Mein Freund, ich bin jetzt ganz allein. Enfin c’est ridicule.[59] Denken Sie nur, auch dort ist alles mit Geheimnissen vollgepfropft. Sie warfen sich geradezu auf mich mit diesen ‚Nasen‘ und ‚Ohren‘ – und wer weiß was noch für welchen Petersburger Geschichten. Sie haben ja erst jetzt erfahren, was vor vier Jahren mit Nicolai Wszewolodowitsch hier passiert ist: ‚Sie waren hier, Sie haben es gesehen, ist es wahr, daß er wahnsinnig ist?‘ Und woher diese Idee aufgetaucht ist – ich weiß es nicht! Warum will diese Praskowja unbedingt, daß Nicolas verrückt sei? Sie will es, sie will es! Ce Maurice,[60] oder wie er da heißt, dieser Mawrikij Nicolajewitsch, brave homme tout de même[61] ... Sollte sie wirklich in seinem Interesse, und nachdem, wie sie selbst aus Paris geschrieben hat, à cette pauvre amie ... Enfin,[62] ‚diese Praskowja‘, wie ma chère amie sie immer nennt, die ist ja eine Type! – ist des unsterblichen Gogols leibhaftige ‚Frau Kästchen‘[29], nur eine böse ‚Madame Kästchen‘, ein eingebildetes Kästchen, und in endlos vergrößertem Maßstabe!“

„Dann wird ja ein Kasten draus und noch dazu einer in endlos vergrößertem Maßstabe!“

„Ach, nun dann in verkleinertem, wie Sie wollen, das bleibt sich gleich, – nur unterbrechen Sie mich nicht, – mir dreht sich schon sowieso alles im Kopf. Dort fuhren sie auch schon aus der Haut; außer Lise natürlich, die sprach noch immer von ‚Tante, Tante!‘[63] Aber Lise ist schlau und es steckte noch etwas dahinter! Geheimnisse natürlich. Und mit der Mutter hat sie sich gezankt. Cette pauvre tante![64] Es ist ja wahr, despotisch ist sie. Aber da ist jetzt eine ‚Gouverneurin‘, die Nichtachtung der Gesellschaft, die Nichtachtung Karmasinoffs, plötzlich der Gedanke vom Wahnsinn – ce Lipoutine, ce que je ne comprends pas[65] ... u–und ... Sie sagten dort, sie lege sich Essigkompressen um den Kopf, und da kommen wir ihr noch mit unseren Klagen und Briefen ... O, wie ich sie in dieser Zeit gequält habe! Je suis un ingrat![66] Denken Sie sich, wie ich zurückkomme, finde ich von ihr einen Brief vor; lesen Sie! lesen Sie! O, wie unedel das alles von mir war!“

Er reichte mir den soeben erhaltenen Brief Warwara Petrownas. Ich glaube, ihr hatte der letzte Brief mit dem „bleiben Sie zu Haus“ leid getan, denn dieses Briefchen war höflich, wenn auch kurz und bestimmt. Sie bat ihn, übermorgen, also Sonntag, um zwölf Uhr zu ihr zu kommen, und riet ihm, einen seiner Freunde mitzubringen – in Klammern stand mein Name –, und ihrerseits verpflichtete sie sich, Schatoff, als Darja Pawlownas Bruder, einzuladen: „Dann können Sie von ihr die endgültige Antwort erhalten. Genügt das jetzt? Ist es diese Formalität, nach der Sie so trachteten?“

„Beachten Sie doch diese gereizte Frage zum Schluß über die Formalität. O, die Arme, der Freund meines Lebens! Aber ich muß gestehen, diese plötzliche Entscheidung des Schicksals hat mich fast erdrückt. Ich sage ganz aufrichtig, ich habe immer noch gehofft, aber jetzt – tout est dit, ich weiß schon, daß alles aus ist. C’est terrible![67] O, wenn’s doch keinen Sonntag gäbe! Alles würde beim Alten bleiben. Sie würden mich hier wie immer besuchen, und ich würde hier ...“

„Liputins Gemeinheiten und Klatschgeschichten haben Sie ja ganz aus der Fassung gebracht, wie es scheint.“

„Mein Freund, da haben Sie wieder eine andere schmerzhafte Stelle ‚freundschaftlich‘ mit Ihrem Finger berührt. Aber diese ‚freundschaftlichen‘ Finger pflegen im allgemeinen unbarmherzig und zuweilen einfältig zu sein. Pardon, aber glauben Sie oder glauben Sie mir nicht: ich hatte die Gemeinheiten schon beinahe vergessen, das heißt, ich hatte sie keineswegs vergessen, aber die ganze Zeit, die ich bei Lise war, habe ich mich bemüht, glücklich zu sein, meinetwegen aus Dummheit bemüht. Aber jetzt, jetzt muß ich an diese großmütige, humane Frau denken, die so duldsam mit meinen niedrigen Fehlern ... das heißt, wenn auch nicht gerade duldsam ... aber wie bin ich denn selbst, ich mit meinem leeren, scheußlichen Charakter! Bin ich nicht ein törichtes Kind, mit dem ganzen Egoismus eines solchen, aber nur ohne seine Unschuld? Zwanzig Jahre hat sie mich gehütet, wie eine Kinderfrau, cette pauvre tante, wie Lise sie so graziös nennt ... Und plötzlich, nach zwanzig Jahren, will das Kindchen heiraten, verheirate es und verheirate es! ... ein Brief auf den anderen ... sie aber macht sich Essigkompressen ... u–und ... nun hat das Kind auch glücklich erreicht, was es wollte ... Sonntag ein verheirateter Mensch ... Spaß! ... Warum habe ich denn selbst darauf bestanden, warum habe ich denn die Briefe geschrieben? Übrigens, hab’s vergessen, zu sagen: Lise vergöttert Darja ... wenigstens sagt sie: ‚C’est un ange,[68] nur ein verschlossener.‘ Beide rieten sie mir zu – sogar Praskowja ... nein, übrigens die Praskowja riet mir nicht zu. O, wieviel Gift in diesem ‚Kästchen‘ steckt! Ja, und auch Lise hat mir eigentlich nicht dazu geraten: ‚Wozu brauchen Sie zu heiraten, Sie haben doch genug an gelehrten Genüssen!‘ und dabei lachte sie. Ich verzieh ihr das Lachen, denn ihr blutet ja auch das Herz. Aber sie sagten mir doch, ich könne ohne Frau nicht mehr auskommen. Es kommen Ihre schwachen Jahre und sie wird Sie dann pflegen, zudecken, oder wie sie es da sagten ... Ma foi,[69] ich habe ja auch schon die ganze Zeit so bei mir gedacht, daß die Vorsehung selbst sie mir am Abend meiner wilden Tage schickt, und daß sie mich zudecken ... enfin,[70] im Haushalt nützlich sein wird. Sehen Sie, wieviel Staub hier ist, sehen Sie, all das liegt hier so herum. Ich sagte noch vor kurzem, man solle aufräumen und da ... ein Buch auf der Diele ... La pauvre amie[71] ärgert sich immer, daß es bei mir so verkramt aussieht ... Jetzt werde ich nicht mehr ihre Stimme vernehmen! Vingt ans![72] U–und da gibt es nun noch anonyme Briefe, und denken Sie nur, es heißt, Nicolas hätte an Lebädkin ein Gut verkauft! C’est un monstre. Enfin,[73] was ist Lebädkin? Lise hört und hört, Gott, wie sie zuhört! Ich vergab ihr das Lachen, als ich sah, mit welchem Gesicht sie zuhörte, und ce Maurice ... ich würde jetzt nicht gern in seiner Haut stecken, brave homme tout de même,[74] aber ein wenig schüchtern ... Übrigens, Gott hab’ ihn selig! ...“

Er verstummte: er schien erschöpft zu sein und saß wie gebrochen da, mit müdem Blick auf den Boden starrend. Ich benutzte die Pause und erzählte von meinem Besuch im Filippoffschen Hause; auch unterließ ich es nicht, über diese Geschichten meine Meinung zu sagen, und erklärte ihm kurz und trocken, daß es meiner Meinung nach durchaus möglich wäre, daß Lebädkins Schwester – die ich nie gesehen – in der Tat einmal Nicolai Stawrogins Opfer gewesen, vielleicht in seiner ‚rätselhaften Petersburger Zeit‘, wie Liputin sich ausdrückte ... und daß es wahrscheinlich ist, daß Lebädkin, aus irgendeinem Grunde, von Stawrogin Geld erhält. Was aber die Klatschgeschichten über Darja Pawlowna anbeträfe, so seien die einzig Liputins Erfindung. Das meine auch Kirilloff.

Stepan Trophimowitsch hörte zerstreut meinen Versicherungen zu, ganz als gingen sie ihn nichts an. Ich erwähnte auch mein Gespräch mit Kirilloff und fügte hinzu, daß ich ihn im übrigen für wahnsinnig hielte.

„Er ist nicht wahnsinnig, aber er gehört zu den Menschen mit kurzen Gedanken,“ murmelte Stepan Trophimowitsch seltsam gelangweilt. „Ces gens-là supposent la nature et la société humaine autres que Dieu ne les a faites et qu’elles ne sont réellement.[75] Man läßt sich mit ihnen ein, aber Stepan Werchowenski wenigstens hat das nicht getan. Ich habe sie damals in Petersburg gesehen, avec cette chère amie[76] (oh, wie ich cette chère amie damals beleidigt habe!), doch weder ihr Geschimpfe noch ihre Lobsprüche haben mir Furcht einflößen können. Fürchte diese Leute auch jetzt nicht, mais parlons d’autre chose[77] ... Ich glaube, ich habe Schreckliches angerichtet; stellen Sie sich vor, ich habe Darja Pawlowna gestern einen Brief geschrieben und ... wie verwünsche ich ihn nun ... und mich dazu!“

„Was haben Sie ihr denn geschrieben?“

„Oh, mein Freund, glauben Sie mir, das war alles so edel gedacht! Ich teilte ihr mit, daß ich vor etwa fünf Tagen an Nicolas geschrieben habe, und gleichfalls großmütig.“

„Jetzt begreife ich!“ rief ich aufgebracht. „Und welch ein Recht hatten Sie, die beiden so einander gegenüberzustellen?“

„Aber, mon cher, erdrücken Sie mich doch nicht ganz, schreien Sie nicht so, ich bin ja schon sowieso zerknirscht ... und zerdrückt wie eine Schabe, ... und schließlich, ich glaube doch, es war alles edel. Nehmen Sie an, daß da wirklich etwas passiert ist ... en Suisse[78] ... oder angefangen hat. Ich muß doch ihre Herzen vorher fragen, um ... enfin[70] – um nicht die Herzen zu stören und wie ein Pfosten auf ihrem Weg ... Ich ... i–ich habe es einzig und allein aus Edelmut getan.“

„O Gott, wie dumm Sie das gemacht haben!“ sagte ich unwillkürlich.

„Dumm, dumm,“ griff er das Wort sogleich und fast gierig auf. „Noch nie haben Sie etwas Klügeres gesagt, c’était bête mais que faire? Tout est dit.[79] Werde ja sowieso heiraten, auch wenn’s ‚fremde Sünden‘ sind, also wozu brauchte ich da noch zu schreiben! Nicht wahr?“

„Ach, so meine ich es ja nicht!“

„Oh, jetzt erschrecken Sie mich aber nicht mehr mit Ihrem Geschrei; jetzt steht vor Ihnen nicht mehr jener Stepan Werchowenski, der ist begraben, enfin – tout est dit.[80] Ja und warum schreien Sie eigentlich? Einfach, weil nicht Sie heiraten und nicht Sie einen gewissen Kopfschmuck zu tragen brauchen! Wieder schneiden Sie ein Gesicht! Aber, mein armer Freund, Sie kennen die Frau nicht, ich aber habe in meinem ganzen Leben nichts anderes getan, als sie studiert. ‚Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst‘, das einzige, was einem anderen solchen Romantiker, wie Sie einer sind, Schatoff, dem Bruder meiner zukünftigen Gattin, als Ausspruch gelungen ist. Ich eigne mir gern seinen Ausspruch an. Nun, auch ich bin bereit, mich selbst zu besiegen, und heirate, aber was erobere ich anstatt der ganzen Welt? Ach, mein Freund, die Ehe! Die ist der moralische Tod jeder stolzen Seele, jeder Unabhängigkeit. Das Eheleben verdirbt mich, nimmt mir die Energie, nimmt mir den Mut, der nun einmal zum Dienst an einer Sache nötig ist. Dann kommen noch die Kinder, die am Ende gar nicht meine sind – das heißt, selbstverständlich nicht meine! –, der Weise fürchtet sich nicht, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken ... Liputin schlug mir heute vor, mich mit Barrikaden vor Nicolas zu schützen. Er ist dumm, dieser Liputin. Das Weib betrügt selbst das allwissende Auge Gottes. Le bon Dieu[81] wußte natürlich, als er das Weib schuf, was er unternahm. Aber ich bin überzeugt, daß sie Ihn selbst – dabei gestört und Ihn verleitet hat, sie gerade so und ... mit solchen Attributen zu schaffen; denn wer würde sich umsonst solche Scherereien auf den Hals laden? Ich weiß, Nastassja würde sich über diese Freidenkerei ärgern, aber ... enfin tout est dit.“[80]

Er wäre nicht er gewesen, wenn er ohne ein billiges Wortspielchen ausgekommen wäre, wenigstens tröstete er sich jetzt damit, – aber leider nicht auf lange.

„Oh, wenn es doch kein Übermorgen gäbe, wenn doch dieser Sonntag nicht wäre!“ rief er plötzlich in heller Verzweiflung aus. „Warum kann diese Woche nicht ohne Sonntag sein – si le miracle existe?[82] Was würde es denn die Vorsehung kosten, einen einzigen Sonntag aus dem Kalender zu streichen, meinetwegen, um den Atheisten ihre Macht zu zeigen et que tout soit dit![83] Oh, wie ich sie geliebt habe! Vingt ans[72] ... und all die zwanzig Jahre hat sie mich nicht verstanden!“

„Von wem sprechen Sie denn jetzt? Ich kann Sie wirklich nicht verstehen,“ fragte ich verwundert.

„Vingt ans! und nicht ein einziges Mal hat sie mich verstanden, oh, das ist grausam! Und sollte sie wirklich glauben, daß ich aus Angst heirate? Oh, welche Schmach! Tante, tante, ich bin dein! Mag sie es erfahren, diese tante, daß sie das einzige Weib ist, das ich zwanzig Jahre lang vergöttert habe! Sie muß es erfahren, anders geht das nicht, sonst muß man mich mit Gewalt schleppen zu dem da ... ce qu’on appelle le[84] Altar!“

Ich hörte zum ersten Mal dieses Bekenntnis und ich will nicht verheimlichen, daß mich eine wahnsinnige Lust zu lachen anwandelte. Oder tat ich ihm Unrecht?

„Er allein ist mir jetzt geblieben, meine einzige Hoffnung!“ rief er plötzlich, wie von einer neuen Idee erleuchtet. „Jetzt ist nur er es allein, mein armer Junge, der mich retten kann und – warum kommt er denn noch nicht? Mein Sohn, mein Petruscha ... und wenn ich’s auch nicht verdient habe – Vater zu heißen, eher ein Tiger bin ... so ... laissez-moi mon ami[85] ... ich werde ein wenig schlafen, um meine Gedanken zu sammeln. Ich bin so müde, so müde, ja, und auch Sie müssen, glaube ich, zu Bett, voyez-vous[86] ... es ist schon zwölf.“

Viertes Kapitel.
Die Hinkende