I

Der Festgottesdienst am Nachmittage war aus und die Kirchenbesucher gingen auseinander. Innerhalb der steinernen, weißgetünchten Umfriedung standen noch einige Leute unter den alten Linden und Ahornbäumen und plauderten. Sie hatten Sonntagskleider an und blickten froh aus den Augen. Es hatte den Anschein, als wäre das Leben in dieser Stadt ein friedliches und freundliches, — ja sogar ein fröhliches. Aber das schien alles nur so.

Bei seinen Freunden stand der Gymnasiallehrer Peredonoff. Seine kleinen, verquollenen Augen schielten verdrießlich durch die goldene Brille, und er sagte:

„Sie selbst, die Fürstin Woltschanskaja, hat es der Warja versprochen; das stimmt jedenfalls. Heiraten Sie ihn nur, hat sie gesagt, dann werde ich ihm eine Inspektorstelle verschaffen.“

„Wie kannst du denn Warwara Dmitriewna heiraten?“ fragte Falastoff; er hatte ein rotes Gesicht, „sie ist doch verwandt mit dir! Gibt es so ein neues Gesetz, daß Verwandte[1] heiraten dürfen?“

Alle lachten. Das frische, für gewöhnlich gleichmäßig schläfrige Gesicht Peredonoffs wurde böse.

„Kusine im dritten Grade,“ fuhr er auf und stierte wütend an seinen Freunden vorbei.

„Hat es die Fürstin dir persönlich versprochen?“ fragte Rutiloff. Er war groß, blaß und stutzerhaft gekleidet.

„Mir nicht, aber Warja,“ antwortete Peredonoff.

„Sieh mal an, und das glaubst du?“ sagte Rutiloff lebhaft. „Sagen kann man alles. Und warum bist du nicht bei der Fürstin gewesen?“

„Begreife doch, ich ging zusammen mit Warja hin, sie war aber nicht zu Hause, nur um fünf Minuten kamen wir zu spät,“ erzählte Peredonoff, „aufs Land war sie gefahren und kommt erst nach drei Wochen zurück; ich konnte ganz unmöglich so lange warten, mußte hierher zurück wegen der Prüfungen.“

„Verdächtig ist es doch,“ sagte Rutiloff und lachte; dabei sah man seine angefaulten Zähne.

Peredonoff wurde nachdenklich. Die übrigen verabschiedeten sich, nur Rutiloff blieb bei ihm stehn.

„Das ist selbstverständlich,“ sagte Peredonoff, „jede könnte ich heiraten, wenn ich nur wollte. Warwara ist nicht die einzige.“

„Natürlich, Ardalljon Borisowitsch, jede würde Sie nehmen,“ bestätigte Rutiloff.

Sie traten aus der Umfriedung heraus und gingen langsam über den staubigen, ungepflasterten Platz.

Peredonoff sagte:

„Was nur die Fürstin sagen wird; sie wird sich ärgern, wenn ich Warwara den Laufpaß gebe.“

„Ach was, die Fürstin,“ sagte Rutiloff, „was hast du mit der zu schaffen! Vor allem soll sie dir die Stelle besorgen, nachher kannst du dich immer noch herauslügen. Wie stellst du dir das eigentlich vor, so einfach ins Blaue herein, ohne jede Sicherheit!“

„Das ist richtig,“ gab Peredonoff nachdenklich zu.

„So sag es auch der Warja,“ beredete Rutiloff, „in erster Linie die Stelle; weiß Gott, großes Vertrauen habe ich nicht zu der Sache. Hast du aber die Stelle, dann heirate doch wen du willst. Nimm doch eine von meinen Schwestern; drei sind da, wähle ganz nach Belieben. Es sind gebildete, kluge Mädchen; ohne zu prahlen, aber so wie Warwara sind sie nicht. Die reicht ihnen nicht das Wasser!“

„So,“ brummte Peredonoff.

„Freilich. Was ist an deiner Warwara? Hier, riech mal.“

Rutiloff bückte sich, pflückte ein behaartes Bilsenkraut, zerquetschte die Blätter und die schmutzigweißen Blüten in seiner Hand, zerrieb alles und hielt diesen Brei Peredonoff vor die Nase. Der schnitt eine Grimasse, so unangenehm schwer war der Geruch. Rutiloff sagte:

„Zum Zerquetschen und zum Fortwerfen, das ist die ganze Warwara. Sie — und meine Schwestern! Lieber Freund, das ist ein gewaltiger Unterschied. Fesche Mädels durch und durch, — gleichviel welche von den dreien, schlafen wird dich keine lassen. Dabei jung, sogar die älteste ist dreimal jünger als deine Warwara.“

Das alles sagte Rutiloff, seiner Art nach, schnell und fröhlich, lächelnd; — er machte einen schwindsüchtigen Eindruck: so hochaufgeschossen, schmalbrüstig, zerbrechlich, wie er war und unter seinem neumodischen Hute starrte fast traurig dünnes, kurzgeschorenes Blondhaar hervor.

„Ach geh doch, dreimal jünger ...“ sagte Peredonoff teilnahmlos. Er nahm seine goldene Brille ab und wischte an den Gläsern.

„Freilich ist es so,“ sagte Rutiloff lebhaft. „Sieh nur zu und schlaf nicht, solange ich noch lebe, sonst — du weißt, sie haben auch ihre Ehre, — dann wirst du später wollen, nur zu spät. Allerdings weiß ich, daß jede von ihnen dich mit größtem Vergnügen heiraten würde.“

„Ja, hier verlieben sich alle in mich,“ prahlte Peredonoff.

„Nun sieh mal, ergreife den Augenblick,“ überredete Rutiloff.

„Mir kommt es vor allem auf eines an: sie darf nicht mager sein,“ sagte Peredonoff mit einem leisen Ton von Schwermut, „ich möchte eine dickere.“

„Da kannst du ruhig sein,“ sagte Rutiloff eifrig. „Sie sind schon jetzt ziemlich rundlich. Haben sie noch nicht den nötigen Umfang, so ist das gewiß nur zeitweilig. Wenn sie heiraten, gehen sie alle in die Breite. Zum Beispiel die älteste: Larissa, du weißt ja, sie ist dick wie ein gemästeter Karpfen.“

„Ich würde ja heiraten,“ sagte Peredonoff, „ich bin nur bange vor dem großen Skandal, den Warja inszenieren könnte.“

„Du fürchtest einen Skandal? Dann mach es so,“ und Rutiloff lächelte listig, „heirate gleich, heute noch, oder morgen: dann kommst du nach Hause mit deiner jungen Frau, — es ist so einfach. Nein — wirklich, — willst du, ich werde alles Nötige besorgen, zu morgen Abend, meinetwegen? Welche willst du haben?“

Peredonoff lachte auf einmal aus vollem Halse, abgerissen und laut.

„Na, paßt es dir, — bist du einverstanden — ja?“ fragte Rutiloff.

Ebenso plötzlich hörte Peredonoff zu lachen auf und sagte finster, leise, fast flüsternd:

„Die Kanaille wird mich angeben.“

„Sie wird dich nicht angeben, da ist ja nichts zum Angeben,“ beteuerte Rutiloff.

„Oder vergiften,“ flüsterte voller Angst Peredonoff.

„Ich sag dir doch, verlaß dich auf mich,“ beredete Rutiloff, „ich werde dir alles tadellos einrichten.“

„Ohne Mitgift werde ich doch nicht heiraten,“ schrie Peredonoff böse.

Rutiloff war nicht erstaunt über den neuen Gedankensprung seines finstren Parten.

Immer gleich eifrig antwortete er:

„Merkwürdiger Mensch; glaubst du denn, daß sie ohne Mitgift sind! Also — ist es abgemacht — ja? Hör — ich werde laufen und alles einrichten. Nur eins, merke wohl: keinem ein Sterbenswörtchen von der Sache! — hörst du — keinem einzigen!“

Er schüttelte Peredonoff die Hand und eilte davon. Peredonoff blickte ihm schweigend nach. Er dachte an die Rutiloffschen Mädchen: so lustig waren sie, so komisch. Ein unkeuscher Gedanke wurde zu einem gemeinen Lächeln auf seinen Lippen, — aber nur für einen Augenblick, dann verschwand es wieder. Eine dunkle Unruhe erfaßte ihn.

Was nur die Fürstin sagen wird, dachte er. Die da haben die Groschen, aber keine Protektion, — heirate ich Warwara, so erhalte ich den Inspektorposten, später wird man mich zum Direktor ernennen. —

Er blickte dem eifrig davoneilenden Rutiloff nach und dachte schadenfroh: Mag er nur laufen! Und dieser Gedanke gab ihm ein welkes und schattenhaftes Vergnügen. Es wurde ihm langweilig, allein zu sein, er drückte den Hut in die Stirn, runzelte die blonden Augenbrauen und ging schnell nach Hause durch öde, ungepflasterte Straßen, auf denen weißblumiges, kriechendes Mastkraut, Kresse und in Schmutz getretenes Gras wucherten.

Jemand rief ihn schnell und leise.

„Ardalljon Borisowitsch, kommen Sie zu uns.“

Peredonoff blickte aus düstern Augen auf und sah böse über das Gitter. Hinter einem Zaun im Garten stand Natalja Afanasjewna Werschina, eine kleine, dürre, dunkelfarbige Person, ganz in Schwarz gekleidet und schwarz waren auch ihre Augen und ihre Brauen. Sie rauchte eine Zigarette aus einem kleinen dunkelfarbigen Weichselrohr und lächelte so leichthin, als wüßte sie um Angelegenheiten, von denen man nicht spricht, über die man aber lächelt. Weniger mit Worten, als mit leichten, schnellen Bewegungen rief sie Peredonoff in ihren Garten; sie öffnete das Pförtchen, trat zur Seite, lächelte bittend, fast vertrauensvoll und bedeutete mit den Händen: Tritt doch ein, was stehst du da.

Und Peredonoff trat ein: er fügte sich ihren magischen, lautlosen Bewegungen. Dann blieb er sofort auf dem Kieswege stehen, auf dem trocknes Reisig umherlag, — und sah nach der Uhr.

„Es ist Frühstückszeit,“ brummte er. Die Uhr gehörte ihm schon lange, aber wie immer in Gegenwart anderer, blickte er voll Wohlgefallen auf den großen, goldenen Doppeldeckel. Es war zwanzig Minuten vor zwölf. Peredonoff entschloß sich, kurze Zeit zu bleiben. Verdrießlich ging er auf den Gartenwegen hinter der Werschina her, vorüber an kahlen Johannisbeersträuchern, an Himbeerbüschen und Stachelbeerstauden. Reifes Obst und späte Blumen ließen den Garten ganz bunt erscheinen. Da waren verschiedene Fruchtbäume, Sträucher und Laub: niedrige weitverzweigte Apfelstämme, rundblättrige Birnbäume, Linden, Kirschen mit ihren glatten, glänzenden Blättern, Pflaumen und Je-länger-je-lieber. In den Hollunderbüschen leuchteten rote Beeren. Am Zaune wucherte dichtgesätes, sibirisches Geranium: ganz kleine blaßrosa Blüten mit purpurfarbenem Geäder. Silberdisteln reckten aus den Büschen ihre dunkelroten, stachligen Köpfchen. Ganz hinten stand ein kleines, graues Holzhaus, ein Einfamilienhaus, mit einem breit in den Garten vorgebauten Flur. Es sah lieb und wohnlich aus. Hinter dem Hause konnte man ein Stückchen vom Gemüsegarten sehen. Da schaukelten vertrocknete Mohnkapseln im Winde, und große, gelblichweiße Maßliebchen; halbwelke Kronen gelber Sonnenblumen nickten leise. Mitten unter Küchenkräutern streckten sich weiße Schierlingsdolden und bleicher, purpurfarbener Storchschnabel. Da blühte blaßgelber Hahnenfuß und niedriger Löwenzahn.

„Waren Sie im Vespergottesdienst,“ fragte die Werschina.

„Ja,“ antwortete Peredonoff ärgerlich.

„Eben kam auch Martha zurück,“ erzählte die Werschina, „sie geht oft in unsere Kirche. Das kommt mir so komisch vor: um wessentwillen gehen Sie eigentlich in unsere Kirche, Martha? fragte ich. Sie wurde rot und schwieg. Kommen Sie, wollen wir uns in die Laube setzen,“ sagte sie schnell und ohne jeden Uebergang.

Im Schatten eines breitastigen Ahornbaumes stand eine ganz alte, graue Laube, — drei Stufen führten hinauf, — es war nur eine bemooste Diele, ein niedriges Geländer und sechs plumpe, geschnitzte Säulen, die das sechsseitig abfallende Dach stützten.

In der Laube saß Martha, noch im Sonntagskleide. Es war hell, mit Bändern verziert und stand ihr nicht. Kurze Aermel ließen ihre eckigen, roten Ellenbogen und die großen, starken Hände frei. Martha war übrigens nicht häßlich. Ihre Sommersprossen verunzierten sie nicht. Sie galt sogar für recht hübsch, besonders unter den Polen, ihren Landsleuten, und Polen gab es nicht wenige in der Stadt.

Martha drehte Zigaretten für die Werschina. Ungeduldig wartete sie darauf, daß Peredonoff sie ansehen würde, und wie er dann entzückt sein würde. Dieser Wunsch war in einer Miene unruhiger Liebenswürdigkeit auf ihrem gutmütigen Gesichte zu lesen. Das hatte seinen einfachen Grund darin, daß Martha in Peredonoff verliebt war. Die Werschina wollte sie an den Mann bringen, denn Marthas Familie war groß. Schon vor einigen Monaten, bald nach dem Begräbnis des altersschwachen Mannes der Werschina, war Martha zu ihr gezogen. Sie wollte sich der Werschina dankbar erweisen für alle erwiesene Freundlichkeit, auch für all das, was für ihren Bruder getan wurde. Er war Gymnasiast und lebte ebenfalls als Gast bei der Werschina.

Die Werschina und Peredonoff kamen in die Laube. Peredonoff grüßte verdrießlich und setzte sich; er suchte sich einen Platz aus, der durch eine der Säulen Schutz vor dem Winde bot, er wollte seine Ohren vor dem Zugwinde schützen. Er blickte auf Marthas gelbe Schuhe, die mit rosa Ponpons verziert waren und dachte dabei, daß man ihn zum Heiraten einfangen wolle. Das dachte er aber immer, wenn er junge Damen sah, die zu ihm liebenswürdig waren. An Martha sah er nur Nachteiliges, — viele Sommersprossen, große Hände, dazu noch die grobe Haut. Er wußte, daß ihr Vater, ein kleiner polnischer Edelmann, sechs Werst vor der Stadt ein Gesinde in Pacht hatte; kleine Einkünfte und viele Kinder; Martha hatte das Progymnasium absolviert, der Sohn besuchte noch das Gymnasium und die übrigen Kinder waren noch jünger.

„Kann ich Ihnen Bier anbieten?“ fragte die Werschina.

Auf dem Tische standen Gläser, zwei Flaschen Bier, Grieszucker in einer Blechdose und daneben lag ein vom Bier benetztes Löffelchen aus Melchiormetall.

„Werde trinken,“ sagte kurz angebunden Peredonoff. Die Werschina blickte auf Martha. Martha füllte ein Glas, rückte es zu Peredonoff und dabei spielte auf ihrem Gesicht ein merkwürdiges Lächeln, halb erschrocken, halb freudig. Die Werschina sagte rasch — so, als hätte sie die Worte ausgestreut:

„Tun Sie Zucker ins Bier?“

Martha reichte Peredonoff die Blechdose mit dem Zucker. Aber Peredonoff sagte ärgerlich:

„Nein, das ist eine Schweinerei, Bier mit Zucker.“

„Nicht doch, es schmeckt sehr gut,“ sprach eintönig und rasch die Werschina.

„Sehr gut schmeckt es,“ sagte Martha.

„Es ist eine Schweinerei“, wiederholte Peredonoff und blickte böse auf den Zucker.

„Wie Sie wollen,“ sagte die Werschina und im selben Tonfall, ohne eine Pause zu machen, ohne jeden Uebergang redete sie von anderen Dingen: „Tscherepin wird langweilig,“ sagte sie und lachte.

Auch Martha lachte, Peredonoff blickte gleichgültig drein: er nahm keinen Anteil an fremden Angelegenheiten, er liebte die Menschen nicht und dachte nie anders an sie, als in Verbindung mit seinem eignen Nutzen. Die Werschina lächelte selbstzufrieden und sagte:

„Er glaubt, ich würde ihn nehmen.“

„Er ist ungeheuer frech,“ sagte Martha, nicht darum, weil sie das dachte, sondern weil sie der Werschina etwas Schmeichelhaftes und Angenehmes sagen wollte.

„Gestern lauerte er am Fenster,“ erzählte die Werschina. „Er hatte sich in den Garten geschlichen, als wir zu Abend speisten. Unter dem Fenster stand eine Wassertonne; wir hatten sie in den Regen gestellt, und sie war voll bis an den Rand. Obendrauf lagen Bretter, so daß man das Wasser nicht sehen konnte. Er kriecht hinauf und guckt durchs Fenster. Bei uns brennt die Lampe, so daß er uns sah, wir ihn aber nicht. Auf einmal hören wir ein Getöse. Ganz erschreckt laufen wir hinaus. Und das war er; direkt ins Wasser gefallen. Aber noch bevor wir hingekommen waren, hatte er, naß wie er war, das Weite gesucht, — und nur auf dem Wege eine feuchte Spur hinterlassen. Und außerdem erkannten wir ihn noch an seinem Rücken.“

Martha lachte fein und fröhlich, so wie ein gut gesittetes Kind lachen muß. Die Werschina hatte alles schnell und eintönig erzählt, als streute sie die Worte, — so pflegte sie immer zu sprechen, — plötzlich schwieg sie still, saß ganz ruhig da und lächelte mit dem einen Mundwinkel, dabei legte sich ihr dürres, dunkles Gesicht in lauter Falten und ihre vom Zigarettenrauchen geschwärzten Zahnreihen waren leicht geöffnet. Peredonoff dachte nach und auf einmal lachte er. Das war immer so. Er verstand einen Witz nie gleich, er war schwerfällig und stumpf für neue Eindrücke.

Die Werschina rauchte eine Zigarette nach der andern. Ohne Zigaretten konnte sie nicht leben.

„Wir werden bald Nachbarn sein,“ erklärte Peredonoff.

Die Werschina warf einen schnellen Blick auf Martha. Diese wurde ein wenig rot, blickte in banger Erwartung auf Peredonoff und sah dann sofort wieder in den Garten.

„Sie ziehen um?“ fragte die Werschina, „warum denn?“

„Ich lebe zu weit vom Gymnasium,“ erklärte Peredonoff.

Die Werschina lächelte ungläubig. Sie dachte nämlich, daß Peredonoff in die Nähe von Martha ziehen wolle.

„Aber Sie leben doch schon seit einigen Jahren in der Wohnung,“ sagte sie.

„Außerdem ist meine Wirtin ein Aas,“ sagte Peredonoff wütend.

„Wirklich?“ fragte die Werschina ungläubig und lächelte schief.

Peredonoff wurde lebendiger.

„Neue Tapeten hat sie angekleistert, ganz gemeine Tapeten,“ berichtete er, „kein Stück paßt zum andern. So ist im Speisezimmer über der Tür ein ganz anderes Muster; — überall im Zimmer sind gewundene Linien und Blumen, über der Tür aber glatte Streifen mit Nelken darauf. Außerdem eine ganz andere Farbe. Wir hatten es zuerst gar nicht bemerkt, da kam eines Tages Falastoff und lacht. Jetzt lachen alle darüber.“

„Das glaub ich, so eine Gemeinheit,“ stimmte die Werschina bei.

„Wir sagen ihr nichts davon, daß wir ausziehen,“ sagte Peredonoff, und ließ dabei seine Stimme sinken. „Sobald wir eine Wohnung finden, ziehen wir um, aber sie darf es nicht wissen.“

„Das ist selbstverständlich,“ sagte die Werschina.

„Sonst macht sie uns einen Skandal,“ sagte Peredonoff, und seine Augen blickten furchtsam. „Da soll man ihr noch für einen Monat den Zins zahlen; für so ein Loch.“

Peredonoff lachte aus vollem Halse vor lauter Freude, daß er ausziehen würde ohne den Zins bezahlt zu haben.

„Sie wird ihn eintreiben lassen,“ bemerkte die Werschina.

„Mag sie, sie bekommt nichts,“ sagte Peredonoff trotzig. „Wir waren nach Petersburg gefahren und während der Zeit stand die Wohnung leer.“

„Ja, aber die Wohnung gehörte doch Ihnen,“ sagte die Werschina.

„Was ist denn dabei. Sie mußte renoviert werden; sind wir denn verpflichtet, für eine Zeit zu zahlen, in der wir die Wohnung gar nicht benutzen konnten? Und dann vor allem, — sie ist unglaublich frech.“

„Na, frech ist Ihre Wirtin darum, weil Ihr ... Schwesterchen ein etwas zu heftiges Temperament hat,“ sagte die Werschina mit einer leichten Betonung auf dem Worte „Schwesterchen“.

Peredonoff runzelte die Stirn und blickte mit halbverschlafenen Augen stumpf vor sich hin. Die Werschina fing von andern Dingen zu reden an. Peredonoff zog aus seiner Tasche ein Bonbon, wickelte es aus der Papierhülle und kaute es. Zufällig blickte er auf Martha und dachte dabei, daß sie ihn beneide, und daß auch sie gern ein Bonbon essen würde.

Soll ich ihr geben oder nicht, dachte Peredonoff, — nein, wozu. Oder soll ich ihr doch geben, sonst denken sie am Ende ich wäre geizig. Sie werden denken: er hat so viele, seine Taschen sind ganz voll.

Und er zog eine Handvoll Bonbons aus der Tasche.

„Da haben Sie,“ sagte er und reichte die Bonbons erst der Werschina, dann Martha, „es sind gute Bonbons, sie sind teuer; dreißig Kopeken habe ich für das Pfund gezahlt.“

Sie nahmen je ein Stück. Er sagte:

„Nehmen Sie doch mehr. Ich habe viele, und die Bonbons sind gut, — etwas Schlechtes werde ich nicht essen.“

„Danke, ich will nicht mehr,“ sagte die Werschina rasch und ohne Ausdruck.

Und dasselbe wiederholte dann Martha, nur ein wenig unsicher. Peredonoff blickte sie mißtrauisch an und sagte:

„Wie? — Sie wollen nicht? Da — nehmen Sie!“

Und von dem ganzen Haufen behielt er ein Bonbon für sich, und legte alle andern vor Martha hin. Martha lächelte schweigend und neigte ihren Kopf.

Unhöfliche Person, dachte Peredonoff, sie versteht nicht einmal zu danken.

Er wußte nicht, was er mit Martha sprechen sollte. Er hatte kein Interesse für sie, ebensowenig wie für einen beliebigen Gegenstand, zu dem er weder ein angenehmes noch ein unangenehmes persönliches Verhältnis hatte.

Der Rest des Bieres wurde in Peredonoffs Glas gegossen. Die Werschina blickte auf Martha.

„Ich werde Bier holen,“ sagte Martha. Sie erriet immer, was die Werschina wollte.

„Schicken Sie doch Wladja, er ist im Garten,“ sagte die Werschina.

„Wladislaus!“ rief Martha.

„Hier,“ antwortete der Knabe, sofort aus nächster Nähe, als hätte er gehorcht.

„Bring zwei Flaschen Bier,“ sagte Martha, „es steht im Flur auf der Truhe.“

Bald kam Wladislaus fast lautlos zur Laube gelaufen, reichte Martha die zwei Flaschen durchs Fenster und machte eine Verbeugung vor Peredonoff.

„Guten Tag,“ sagte Peredonoff rauh, „wieviel Flaschen Bier haben Sie heute ausgepfiffen?“

Wladislaus lachte gezwungen und sagte:

„Ich trinke kein Bier.“

Er war ein Junge von vierzehn Jahren, hatte so wie Martha, Sommersprossen im Gesicht und sah ihr auch sonst ähnlich; er hatte ungewandte, eckige Bewegungen und trug eine Joppe aus grober Leinewand.

Martha flüsterte mit ihrem Bruder. Beide lachten. Peredonoff blickte argwöhnisch nach ihnen. Wenn man in seiner Gegenwart lachte, ohne daß er wußte worüber, so nahm er immer an, daß man sich über ihn lustig mache. Die Werschina wurde unruhig. Schon wollte sie Martha berufen, als Peredonoff gereizt fragte:

„Worüber lachen Sie?“

Martha zuckte zusammen, und wußte nicht, was sie sagen sollte. Wladislaus lächelte, blickte auf Peredonoff und errötete.

„Es ist unhöflich, zu lachen, wenn Gäste dabei sind,“ betonte Peredonoff. „Lachen Sie über mich?“ fragte er.

Martha wurde rot und Wladislaus erschrak.

„Verzeihen Sie,“ sagte Martha, „wir haben gar nicht über Sie gelacht; das waren so unsere Geschichten.“

„Wohl ein Geheimnis?“ sagte Peredonoff aufgebracht. „In Gegenwart von Gästen ist es unhöflich, Geheimnisse zu besprechen.“

„Nicht gerade ein Geheimnis,“ sagte Martha, „wir lachten nur, weil Wladja barfuß ist, und nicht hereinkommen will; er geniert sich.“

Peredonoff beruhigte sich, scherzte mit Wladja und schenkte ihm ein Bonbon.

„Martha, bringen Sie mein schwarzes Tuch,“ sagte die Werschina, „und werfen Sie einen Blick in die Küche, wie es um die Pasteten steht.“

Gehorsam ging Martha hinaus. Sie begriff, daß die Werschina mit Peredonoff reden wollte und war froh, daß sie sich nicht zu beeilen brauchte. Sie war etwas träge.

„Und du gehst etwas weiter,“ sagte die Werschina zu Wladja, „was hast du dich hier herumzutreiben?“

Wladja lief fort, und man hörte, wie der Sand unter seinen Füßen knirschte. Die Werschina blickte vorsichtig und rasch auf Peredonoff. Er saß schweigend da, blickte trübe vor sich hin und kaute an einem Bonbon. Es war ihm angenehm, daß die beiden fortgegangen waren, — sonst hätten sie vielleicht wieder gelacht. Obgleich er bestimmt wußte, daß nicht über ihn gelacht worden war, empfand er doch ein stilles Unbehagen, so wie man noch lange nachher einen unangenehm stechenden Schmerz verspürt, wenn man sich an Nesseln verbrannt hat.

„Warum heiraten Sie nicht?“ fragte die Werschina plötzlich. „Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch? Verzeihen Sie, wenn ich’s grade heraussage, Warwara paßt nicht zu Ihnen.“

Peredonoff strich mit der Hand über sein etwas in Unordnung geratenes, braunes Haar und sagte unnahbar und selbstbewußt:

„Hier wird sich keine für mich finden.“

„Sagen Sie nicht,“ antwortete die Werschina und lachte schief. „Hier gibt es viele, die bei weitem besser sind, als diese Person. Und jede wird Sie heiraten wollen.“

Mit einer energischen Bewegung strich sie die Asche von ihrer Zigarette, als hätte sie irgendwo ein Ausrufungszeichen zu setzen.

„Jede ist mir aber noch lange nicht recht,“ antwortete Peredonoff.

„Es ist ja auch nicht von jeder x-beliebigen die Rede,“ entgegnete schnell die Werschina. „Sie brauchen doch auf keine Mitgift zu rechnen, und da wüßte ich ein feines Mädchen grade für Sie. Sie haben ja, Gott sei Dank, ein gutes Auskommen.“

„Nein,“ antwortete Peredonoff, „für mich ist es vorteilhafter, Warwara zu heiraten. Die Fürstin hat ihr ihre Protektion versprochen. Sie wird mir eine gute Stelle verschaffen.“ Er sagte es mit trotziger Sicherheit.

Die Werschina lächelte leichthin. Ihr ganzes faltiges, dunkelfarbiges, vom Zigarettendampf gleichsam durchräuchertes Gesichtchen drückte herablassendes Mißtrauen aus:

„Hat sie Ihnen das gesagt, ich meine die Fürstin selber?“ fragte sie, mit Betonung auf dem Worte „Ihnen“.

„Nicht mir, aber Warwara,“ gestand Peredonoff, „das ist doch ganz dasselbe.“

„Sie verlassen sich zu sehr auf die Worte Ihres „Schwesterleins“,“ sagte die Werschina spöttisch. „Sagen Sie mal, ist sie viel älter als Sie? So etwa um fünfzehn Jahre? Am Ende noch mehr? Sie muß doch an die fünfzig sein.“

„Ach, gehen Sie doch,“ sagte Peredonoff ärgerlich, „sie ist noch nicht dreißig.“

Die Werschina lachte.

„Ach, wirklich,“ redete sie weiter mit offenkundigem Spott in der Stimme. „So, dem Aussehen nach ist sie viel älter als Sie. Allerdings, es ist ja nicht meine Sache, immerhin: es täte mir leid, wenn so ein charmanter junger Mann, wie Sie, nicht so leben kann, wie er es verdient hätte, nicht allein seiner Schönheit wegen, sondern vor allem wegen seiner reichen seelischen Veranlagung.“

Peredonoff blickte selbstgefällig an seiner Figur herunter. Aber sein frisches Gesicht zeigte kein Lächeln, und es schien, als fühlte er sich gekränkt, daß nicht alle Menschen ihm das gleiche Verständnis entgegenbrächten, wie die Werschina. Die Werschina aber fuhr fort:

„Sie werden es auch ohne Protektion weit bringen. Wie sollen Ihre Vorgesetzten Sie nicht richtig einschätzen! Was hängen Sie an der Warwara? Ebenso die Rutiloffschen Damen, — nehmen Sie keine von denen; es sind leichtsinnige Mädchen, Sie brauchen aber eine gleichmäßige Frau. Würden Sie doch beispielsweise Martha heiraten.“

Peredonoff sah nach der Uhr.

„Ich muß nach Hause,“ sagte er und stand auf, um sich zu verabschieden.

Die Werschina glaubte, daß Peredonoff nur darum fortginge, weil sie an einen wunden Punkt gerührt hätte, und daß er bloß aus Unentschlossenheit im gegebenen Augenblick nicht von Martha sprechen wolle.