VI.

Wenn der Leser mit mir im Geiste das kleine Haus No. 53 Boulevard Montmorency betreten will, so wandern wir zuerst durch ein mit rothem und weissem Marmor belegtes Véstibule, wo japanische Stickereien, die sogenannten Fukusas, von den Wänden in prachtvollen Farben strahlen; wir betrachten in den Zimmern die Meisterwerke des französischen achtzehnten Jahrhunderts und die Schätze aus Japan, jenem äussersten Orient, dessen Kunstgewerbe der Besitzer nicht mit Unrecht so hoch hält und das er, eigenthümlich genug, aber nach der Ansicht anderer Kenner irrthümlich, gleichfalls dem achtzehnten Jahrhundert zuschreibt.

Wir suchen ihn vielleicht vergeblich in der Wohnstube und den Bibliothekszimmern, aber in dem kleinen Garten des Hauses steht ein stattlicher, eben sechzigjähriger, weisshaariger Mann über seine Blumen gebeugt. Er liebt seinen Garten, und wie ein echter Franzose, ein echter Landsmann Candide's hat er damit geendigt, seinen Garten zu bauen. Der Garten war, als er ihn kaufte, voll gewöhnlicher, bürgerlicher Pflanzen. Er liebt aber das Gewöhnliche und Bürgerliche nicht. Er hat nur die grossen, mächtigen Bäume stehen lassen und jene alltäglichen Pflanzen durch seltene Gewächse ersetzt, denn, wie er naiv und bezeichnend sich ausdrückt: „Das Seltene ist fast immer das Schöne“. Er hat sich einen malerischen Garten gebildet, er hat sogar ein prachtvolles Gefäss von Meissener Porzellan geopfert, um in dem Grün, das eine Fontaine frisch erhält, sich einen schönen weissen Flecken zu sichern. Da lebt er das Jahr hindurch mit seinen Blumen und jeder Monat bringt dem Garten neue Schönheit.

Doch der Sammler und Gärtner ist der Welt nicht fremd geworden. Er folgt mit lebhaftem Interesse der litterarischen Entwickelung seines Landes. Und hört er, wie sein Name jetzt überall bekannt ist, erfährt er, wie man nicht nur in Frankreich ihm eine späte Genugthuung gibt, sondern wie Männer der jüngeren Generation auch ausserhalb Frankreichs, sogar in fernen Ländern, ihn als einen bahnbrechenden Geist, als einen Meister verehren, so mischt sich in die Freude an seinem Ruhm der Schmerz, dass der jüngere Bruder, der die Arbeit mit ihm theilte, den Lohn zu theilen nicht erlebte.

NACHSCHRIFT.
(Juli 1896.)

Ist es möglich, dass er gestorben ist, gestorben ohne vorhergehende Krankheit, er, der noch vor wenigen Tagen ein Bild der Gesundheit und der geraden, unerschütterten Kraft war? Und gestorben bei Daudet, für den, leidend wie er ist, der Tod des Freundes ein Schlag ist, dessen Wirkung er spät verschmerzen wird. Er war stattlicher als je; er schien keine von den körperlichen Schwächen des Alters zu haben; er war vielleicht ein wenig stiller als in früheren Jahren, doch nur wenn Viele zugegen waren.

An einem frühen Morgen bei Alphonse Daudet Mitte Juni wurde sein Name genannt. Das Gespräch wurde von dem Secretären Daudet's mit der Frage, ob der Meister etwas zu schreiben hätte, unterbrochen, als der Diener gleichzeitig einen Brief von Madame Adam überbrachte. In höflichen Wendungen sagte die Dame für den folgenden Mittag ab, weil es ihr zuwider und unmöglich sei, ihre Worte zu wägen, und weil sie, wenn Goncourt anwesend sei, riskire, Alles was sie sagen werde, in den Tagebüchern abgedruckt zu finden. Daudet bat den Secretären sie zu beruhigen, ihr mitzutheilen, die Tagebücher seien jetzt unwiderruflich abgeschlossen; zur Lebenszeit Goncourts werde nichts mehr von ihnen erscheinen; sie dürfe nicht ausbleiben.

Sie erschien denn auch am folgenden Tage, und Alles ging gut. Die Gesellschaft bestand aus der Familie, aus ihr, Goncourt, dem südfranzösischen Lyriker Mariéton und Franz Jourdain. Goncourt nach dem Verlauf mehrerer Jahre wiederzusehen war eine erfreuliche Ueberraschung. Er war mit den Jahren fast noch schöner geworden; sein Bart und seine üppigen Haare, die über dem Kopf wie ein Kranz lagen, waren jetzt silbern, und die schwarzen Augen hatten ihre stille Gluth bewahrt. Ins heitere Tischgespräch mischte er sich nicht viel; er sprach nur von der Unruhe, die man während der langen Typhuskrankheit Léon Daudet's ausgestanden hatte, und fügte eine und die andere Bemerkung zu den Aeusserungen Daudet's über die Treulosigkeit und blasirte Verlogenheit des verstorbenen Chefredacteurs des Figaro; später wurde er lebhafter und sprach einige kurze und scharfe Urtheile aus. Als die Rede auf eine für ihren Geist berühmte Schriftstellerin fiel, sagte er: Achten Sie doch nicht auf ihre Aeusserungen; sie ist vollständig imbécile.

Sobald wir in einer Ecke allein standen, sagte er: Haben Sie Dank für Ihr Telegramm. — Welches Telegramm? — Das zum Bankette für mich im März des vorigen Jahres. — Jetzt, wo Sie es sagen, glaube ich, ein Telegramm damals abgesandt zu haben; ich entsinne mich aber dessen nicht mehr. — Sie werden es in dem letzten Band meines Journals abgedruckt finden, und Sie werden ein kleines Zeugniss meiner Würdigung darin erblicken, dass Ihre Depesche die einzige der eingelaufenen ist, die ich abgedruckt habe. Kommen Sie Sonnabend zu mir zum Frühstück, dann werde ich Ihnen das Buch und einige anderen geben. —

Eine volle Stunde nahm es, den langen Weg zu seinem Hause in Auteuil zu fahren, und leider kam ich ein wenig zu spät. Ein kleines Dienstmädchen lag mit dem Kopf aus dem Fenster und spähte nach dem Erwarteten, damit er sich nicht an dem Hause irren solle, das, seit ich das letzte Mal da war, eine neue Nummer bekommen hatte, eine 67 anstatt der klassischen 53, die in La maison d'un artiste angeführt ist. In seinen zwei Bänden enthält dies Buch ja die umständliche Beschreibung von Allem, was bis 1881 an Kunstschätzen im kleinen Hause aufgehäuft war, dessen Werth seitdem recht stark vermehrt worden ist.

— Ich fürchtete, Sie hätten den Tag vergessen; wir können sogleich zu Tisch gehen, und wir werden viel Champagner trinken. — So früh am Tage? — Das ist eben gut. —

Ich fragte nach Pélagie, dem alten Dienstmädchen, das mich früher so liebenswürdig protegirt hatte. — Es ist ihre Tochter, die uns aufwartet. Sie ist hier im Hause, lässt aber die Tochter ihre Stelle vertreten. —

Die Tochter wusste, dass ihre Mutter sogar in fremden Ländern berühmt sei.

Wir waren allein in dem kleinen Esszimmer, dessen Wände mit schönen Tapeten in der Manier Watteau's bedeckt sind; die Rede fiel, wie es natürlich war, zuerst auf Alphonse Daudet, einer der Persönlichkeiten, über welche die vollste Uebereinstimmung zwischen dem Wirthe und seinem Gaste herrschte. Niemand, der Daudet kennt, kann anders, als seine Persönlichkeit noch höher als sein Talent schätzen. Seit mehr als einem Jahrzehnt ist er jetzt krank gewesen — seine Beine sind fast gelähmt — aber weit davon, ihn selbstsüchtig zu machen, hat das Leiden nur seine reiche und starke Menschlichkeit vertieft. Ich sagte: In jenem Hause, in jener Familie, haben Sie Herzen, worauf Sie sich verlassen können. Er antwortete: Es ist meine Familie, mein Heim. — Es überraschte mich, wie sehr er und Daudet in allen Urtheilen über Personen übereinstimmten. Man merkte, dass sie so oft und lange mit einander über alle möglichen Gegenstände gesprochen hatten, dass jeder Unterschied in der Auffassung sich ausgeebnet hatte. Während Zola die Bücher Daudet's mit den Augen des Rivalen ansieht und sie mündlich mit einer Strenge und Schärfe beurtheilt, die in seiner geschriebenen Kritik sich nirgends findet, hatte Goncourt das schärfste Auge für jeden Vorzug Daudet's, und die Bücher von ihm, die er am höchsten würdigte, waren auch wirklich die besten. Sappho war ihm vor all den anderen lieb. Daudet konnte nicht umhin, die Selbsterfülltheit zu bemerken, die mit den Jahren sich bei Goncourt geltend machte, er fand sie aber so unschuldig und so verzeihlich, dass es ihm unmöglich war, daran zu ermüden, viel weniger, dass er sie hätte übel aufnehmen können. Nur die allzu offenherzige Weise, auf welche Goncourt in den Tagebüchern bisweilen sich über ihn und die Seinigen ausgesprochen hat, war ihm, so liebevoll die Besprechung und so gut die Absicht war, durchaus nicht angenehm.

Es ist ja auch unzweifelhaft, dass diese so eigenartigen Journale ab und zu Indiscretionen, auch nicht selten Unbedeutendes bringen, und dass sie bisweilen ausgezeichnete Männer (wie Renan oder Taine), deren Philosophie dem Autor ein verschlossenes Buch war, in ein schiefes Licht stellen. Nichtsdestoweniger enthalten sie eine Fülle von Leben, bringen einen Reichthum an Porträts der Zeitgenossen, an Bildern jeglicher Art, an verdichteten Gesprächen u. s. w., im Fluge aufgegriffen und mit einer Fähigkeit, das Momentane wiederzugeben, dargestellt, die, so viel ich weiss, nirgends vorher so schlagend erschienen ist. Diese neun Bände, von denen die drei ersten beiden Brüdern entstammen, während Edmond de Goncourt allein die sechs übrigen verfasst hat, stehen im Ganzen würdig den zwei Romanen zur Seite, die Edmond in den achtziger Jahren schrieb: La Faustin und Chérie; der erstere jene feine und tiefe Analyse des Temperaments und des seelischen Lebens einer grossen französischen Schauspielerin, der letztere eine etwas peinlich sorgfältige, fast wissenschaftliche Studie eines frühreifen jungen Mädchens unter dem zweiten Kaiserthum, eine Studie, zu welcher der Verfasser recht viele Mittheilungen und Bekenntnisse von weiblichen Zeitgenossen und, wie er mir einmal gestand, nicht zum wenigsten die Journale Marie Baschkirtzew's verwendet hat. —

Goncourt führte mich umher in seinem kleinen Museum, zeigte mir französische Zeichnungen aus dem 18. Jahrhundert und Bronzen aus Japan, die ihm besonders lieb waren; dann entfaltete er mir den Bücherschatz, den er sich, seit ich das letzte Mal hier war, erworben hatte, die seltene Sammlung französischer Meisterwerke, mit einem Blatt aus dem Manuscript des Verfassers versehen und mit einem Portrait desselben in der kunstreichen Einbanddecke eingerahmt. Nur ein Stück der Sammlung fehlte, das Bildniss Daudet's von Carrière ausgeführt, der ihm eine gewisse Aehnlichkeit mit einem leidenden Christus verliehen hat; es war und ist zur Zeit in der Ausstellung L'art nouveau zu sehen.

Der Kaffee wurde in den Garten hinuntergebracht, in welchem sich an jeglichen Baum Erinnerungen anknüpfen, und wo ich den kleinen Delfin aus sächsischem Porzellan in dem feuchten Grün bei der Quelle wiedersah.

Doch es gab auf's Neue etwas im Hause, das Goncourt zeigen wollte. Er stieg die Treppe zum Arbeitszimmer hinauf, und wir sahen die vielen Portraits ersten Ranges durch, welche dieses enthält. Dann nahm ich Abschied, wie das vorige Mal mit Geschenken belastet. Aber indem ich mich der Ausgangsthür näherte, ergriff mich das Gefühl, dass ich jetzt zum letzten Mal diese Thür öffnen und nie den grossen alten Mann wiedersehen werde. Es war mir als ob meine Augen feucht wurden, ich kehrte mich unwillkürlich um, ergriff seine Hand und sagte noch einmal Lebewohl. Er brach in die Worte aus: Sehen wir uns denn nicht in Champrosay, Sie reisen ja doch da hin? — Das thu' ich, aber wir werden uns kaum dort treffen. — Ich komme am 4. Juli da hinaus, sagte er. — Zu der Zeit werde ich in London sein. Leben Sie wohl denn! — Auf Wiedersehen, sagte er, und ich fühlte zum letzten Mal den Druck seiner Hand.

Er kam nach Champrosay um den Tod dort zu finden unter den Wesen, die ihm die liebsten waren.

[Iwan Turgenjew.]
(1883.)