Die nichtslawischen Balkanvölker.
Man versteht unter den nichtslawischen Balkanvölkern die Türken oder Osmanli einerseits und die Griechen, Rumänen und Albanier anderseits. Die ersteren gehören der finnisch-ugrischen Menschenrasse an, sind daher Verwandte der Ungarn und Finnen und stammen, wie man annimmt, aus Nordasien her, die letzteren, wohl ursprünglich Vertreter des nordischen Typus, wanderten bereits in der Vorzeit aus Nordeuropa in die von ihnen heutzutage eingenommenen Gebiete ein und vermischten sich zuerst mit den hier ansässigen Stämmen, wahrscheinlich Angehörigen der mittelländischen Rasse, später mit hinzugewanderten slawischen und türkischen Elementen. Von einem einheitlichen anthropologischen Typus kann daher weder bei diesen, noch bei jenen die Rede sein, denn auch die Türken haben auf ihren langen Wanderungen durch Mittelasien und Südrußland, wo überdies zu der Zeit ihrer Durchquerung Mischvölker schon ziemlich stark vertreten waren, viel fremdes Blut in sich aufgenommen, wozu nicht wenig die Erlaubnis der Lehre Mohammeds beigetragen hat, daß ihre Anhänger sich außer den erlaubten vier rechtmäßigen Gattinnen noch eine beliebige Zahl Sklavinnen halten dürfen, die man den unterjochten Völkern denn auch in reichlicher Menge entnahm. Die Türken haben annähernd vier Jahrhunderte den ganzen Balkan beherrscht und daher großen Einfluß auf die Rassenmischung dieser Völker sowie deren Kulturverhältnisse ausgeübt, anderseits aber auch selbst sehr viel von den Sitten und Gebräuchen dieser angenommen.
Die Kleidung der Türken ([Abb. 428]) ist eine ziemlich einförmige; sie besteht aus einem langen, kaftanähnlichen Rock, Pluderhosen und einem Fes, der bei festlichen Gelegenheiten mit einem weißen Turban vertauscht wird; dieser ist bei Mekkapilgern mit Gold durchwirkt und bei den Geistlichen, den Hodscha, mit einer purpurroten Verbrämung versehen. Die Türkinnen sind gekennzeichnet durch weite Pluderhosen, seidenes Hemd, gestickte Jacke, gelbe Schuhe und Verschleierung des Gesichts ([Abb. 429]). Die letztere dürfte kaum auf religiöse Vorschriften zurückzuführen sein — im Koran findet sich keine Stelle, die man in diesem Sinne auslegen könnte, und außerdem trugen die Frauen der Türken bereits lange vor Mohammed ihr Gesicht verschleiert —, sondern wahrscheinlich mit der Sitte der Türko-Tataren zusammenhängen, sich der Frauen durch Raub zu bemächtigen. Da man wohl nur solche Frauen raubte, die einem gefielen, dabei aber Gefahr lief, daß sie auch den Beifall anderer finden möchten, die stärker waren und sie wieder wegnehmen konnten, verfiel man auf den Gedanken, das Gesicht der geraubten Frauen zu verhüllen, um dadurch ein Urteil über ihr Aussehen unmöglich zu machen und ihrer Entführung vorzubeugen. Die Gewohnheit hat sich im Laufe der Zeiten fortgeerbt, scheint aber dank der modernen Reformbewegung auf dem Wege zu sein, mehr und mehr abzukommen.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 428. Türken vor einem Kaffeehaus beim Rauchen des Nargileh,
einer Tabakpfeife, bei der der Rauch, bevor er in den Mund genommen wird, durch ein Gefäß mit Wasser zieht.
Die Nationaltracht der Griechen ([Abb. 431]) ist den Albaniern ([Abb. 430]) entlehnt. Sie besteht aus einem Hemd mit weiten, fliegenden Ärmeln, kurzen Beinkleidern, reichbestickter, blauer oder roter, ärmelloser Jacke und dem typischen weißen, in Falten gelegten Röckchen von ähnlicher Form, wie es unsere Ballettmädchen tragen, der sogenannten Fustanella, deren Bund ein Ledergurt umschließt; an ihm werden Patronentasche und Waffen getragen. Dazu kommen noch lange rote Gamaschen, rote Schnabelschuhe mit einem Knauf an der Spitze und ein hoher roter Fes mit lang herabhängender Quaste. Die Frauen ([Abbildung 434]) tragen ein langes Hemd mit tiefsitzendem Gürtel und darüber einen kurzen, weißen, wollenen Rock; die unteren Enden der Ärmel sind reich bestickt. Das mit Ketten aus aneinandergereihten Münzen geschmückte Haar wird vielfach noch mit einem Fes bedeckt, den ebenfalls eine lange, golddurchwirkte Troddel ziert.
Phot. Bonfils.
Abb. 429. Verschleierte Türkin.
Für die Volkstracht der Rumänen ist die unter den Armen weit ausgeschnittene Pelzweste bezeichnend, die aus dem mit den Haaren nach innen gekehrten Schaffell hergestellt ist und von Männern und Frauen im Winter sowohl wie auch im Sommer getragen wird. Aus demselben Stoff sind auch die schwarze Pelzjacke und der lange Pelzmantel angefertigt. Auf dem bloßen Leibe tragen beide Geschlechter ein Hemd, das bei den Männern meistens kurz ist, selten bis an die Knie hinabreicht, hierüber die in Querfalten gelegte enge Hose, die um die Hüften von einem wollenen oder ledernen, zur Aufbewahrung von Messer, Geldbeutel, Pfeife und Tabak dienenden Gürtel umschlossen wird. Auf dem Kopfe sitzt die hohe, schwere Lammfellmütze oder ein breitkrempiger Filzhut ([Abb. 432].) Das weite Hemd der Frauen, das im Gegensatz zu dem der Männer bis an die Knöchel reicht, pflegt an den Ärmeln und am Halse stets reich bestickt zu sein, ebenso der Rock und die übrigen Kleidungstücke ([Abb. 438]). Eine Eigentümlichkeit der Rumäninnen ist ihre große Vorliebe für kräftige, leuchtende Farben. Sie kommt besonders in der Foça zum Ausdruck, einem schürzenartigen Hüfttuch, das oft genug auch kostbare Stickereien trägt. Dieses breite Tuch wird ganz eng um den Unterkörper geschlungen, so daß es ihn rockartig umhüllt. Neben der Foça tragen die Rumäninnen noch wirkliche Schürzen, die Fransenschürze und die Catrinta; dies sind schmale Stücke Tuch, die, jedes mit einer besonderen Art von Muster bedeckt, vom Gürtel vorn und hinten herabhängen, so daß die Beine frei bleiben ([Abb. 403]). — Die Tracht der Albanierin weicht von der rumänischen völlig ab ([Abb. 435]).
Mit Erlaubnis von R. Bong, Berlin.
Bojarenhochzeit.
Nach dem Gemälde von C. B. Lebedeff.
Der Religion nach sind die Türken Anhänger des Islams, und zwar befolgen sie die religiösen Vorschriften äußerst pünktlich ([Abb. 427]); die übrigen uns hier beschäftigenden Balkanvölker bekennen sich dagegen zum Christentum, vorwiegend griechisch-orthodoxer Richtung. Im großen und ganzen feiern diese die christlichen Feste in ähnlicher Weise, wie dies die Slawen tun.
Bei den Griechen gibt es wie in Rußland eine Wasserweihe am 6. Januar. Schon am Tage vorher gehen die Priester in die Häuser, um Weihwasser und Basilikumzweige zu segnen. Diese balsamische Pflanze gilt allgemein als heilig, da sie der Sage nach aus dem Grabe Christi entsprossen sein soll, woraus sich die Kreuzform ihrer Blätter erklären soll. Es gibt wohl kein Gärtchen im Lande, und sei es noch so ärmlich, in dem man die Pflanze nicht zieht, keinen Strauß, in dem sie nicht vertreten ist. Ein Bündel Basilikumreiser wird in der Stube aufgehängt und als unfehlbares Mittel gegen den bösen Blick hochgeschätzt. Am Vorabend des Erscheinungsfestes (des Tages der Wasserweihe) durchziehen die Kinder mit brennenden Laternen in festlichem Zuge die Straßen des Ortes und singen fromme Lieder. Am nächsten Morgen findet frühzeitig Gottesdienst in den Kirchen statt; am Schlusse desselben sprechen die amtierenden Priester ein Gebet über eine große silberne Urne aus, die Wasser enthält, und segnen ihren Inhalt. Darauf stürzt sich das Volk mit Gläsern auf dieses Gefäß, um etwas von dem geweihten Wasser zu erhaschen und mit nach Hause zu nehmen. Später begibt sich ein Festzug unter Vorantritt der geistlichen Würdenträger in ihren reichverzierten Kirchengewändern zum Hafen, falls es sich um einen Ort an der See oder einem schiffbaren Fluß handelt. Hier hat man einen Raum im Wasser abgegrenzt, in dem sich bereits eine Unmasse von Menschen tummelt. Der oberste Priester wirft das heilige Kreuz in das Wasser, worauf sich ein heftiger Kampf unter den Schwimmern entspinnt, um es aufzufischen und zu bergen. Wem das Glück günstig ist, es zu erhaschen, der darf es durch die ganze Stadt tragen und dabei Gaben sammeln. — Solange die Gewässer nicht eingesegnet sind, verläßt kein Schiffer den Hafen, da man von der Wasserweihe unter anderem auch günstiges Wetter für die Schiffahrt erhofft.
Die verschiedenen Johannestage werden gleichfalls festlich begangen, und zwar ist am volkstümlichsten der Namenstag Johannis des Täufers. Da man in Griechenland nicht seinen wirklichen Geburtstag, sondern den Tag seines Schutzheiligen feiert und viele Leute nach Johannes dem Täufer Yannis genannt werden, so pflegen diese ihren Namenstag gemeinsam zu feiern.
Abb. 430. Albanier
in seiner eigenartigen Tracht, deren Rock an den der Ballettmädchen erinnert.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 431. Griechischer Bauer
mit kurzem, gefaltetem Rock, roten ledernen Schuhen, roter Jacke und fesähnlicher Kopfbedeckung.
Auf der Insel Korfu wird das Fasten, das im übrigen in Griechenland strenger als sonst in der christlichen Kirche innegehalten wird, am Palmsonntag unterbrochen. An diesem Tage strömt alles vom Lande und den kleinen Orten in die Hauptstadt der Insel, um an der großartigen Prozession ihres Schutzpatrons, des heiligen Spiridion, teilzunehmen, natürlich aufs festlichste geputzt und voller Freude darüber, daß man nach dem langen, schweren Fasten sich zum ersten Male wieder dem Genuß von Speise und Trank hingeben darf. Die Teilnehmer an dem Zuge versammeln sich in der Kirche des Heiligen und ziehen von dort unter dem Donner der Kanonen und dem Schmettern der Trompeten in großartiger Prozession stundenlang durch die Straßen, unterwegs in verschiedenen Kirchen Einkehr haltend. Den Zug eröffnen Fahnenträger und eine lange Reihe Geistlicher in golddurchwirkten Gewändern, zahlreiche Schüler, alle in Uniform, und Soldaten; sämtliche Teilnehmer tragen geweihte Kerzen in den Händen. Ihnen schließt sich wiederum eine große Zahl von Priestern an, in ihrer Mitte der ehrwürdige Patriarch mit einer goldenen Krone auf dem weißen Haupte; in den Pausen, die die Musik macht, murmeln alle Gebete. Unmittelbar hinter dem Patriarchen folgt die Hauptsache des Zuges, der heilige Spiridion in eigener Person, das heißt seine wohlerhaltene Mumie. Sie ruht in einem innen mit Purpur ausgeschlagenen Glaskasten mit durchbrochenem Goldrahmen und wird von vier Priestern wie eine Sänfte getragen. Mit dieser Reliquie hat es eine eigene Bewandtnis. Sie gehört nämlich merkwürdigerweise nicht der Kirche, sondern ist Eigentum der korfiotischen Familie Bulgaris, die sie ihrerseits dadurch erworben hat, daß vorzeiten ein Bulgaris mit einem jungen Mädchen sich verheiratete, das die Gebeine des heiligen Spiridion als Mitgift erhielt. Für die Familie Bulgaris nun ist der Besitz der Reliquie zu einer dauernden, nicht zu verachtenden Einnahmequelle geworden. Sie hat damit zugleich allerdings die dauernde Verpflichtung übernommen, stets ein Mitglied Priester werden zu lassen, um durch diesen gegen Gebühren die Wohltaten zu vermitteln, die der Heilige bei allen möglichen Unglücks- und Krankheitsfällen spenden soll. Hinter der Mumie und ihren Trägern folgen wiederum zahlreiche Priester und endlich die Volksmenge, die ebenfalls festlich gekleidet ist und Palmzweige in den Händen trägt. Unterwegs drängt sich immer mehr Volk heran, besonders in die nächste Nähe des Heiligen, um durch ihn Erfüllung seiner Wünsche zu erhalten. Mütter lassen ihre kranken Kinder mit den Händchen den Sarg berühren oder legen sie wohl gar auf die Erde an der Stelle, über die der Zug kommen wird, so daß die Träger über sie hinwegschreiten müssen, andere sammeln den Staub an der Stelle, die jene betreten haben, ein oder fangen das Wachs auf, das von den Kerzen neben dem Sarge herabträufelt. — Damit ist übrigens nur eine Auswahl aus der großen Zahl derartiger Gebräuche gegeben.
Phot. H. H. Johnston.
Abb. 432. Rumänen in Volkstracht.
Die Beinkleider sind aus Wolle oder Hanf, das über sie hinweghängende, durch einen Gürtel zusammengehaltene Hemd aus Leinen angefertigt. Die Jacke ist aus Schafpelz hergestellt, mit der Wolle auf der Innenseite, und außen mit bunten Wollfäden schön bestickt. Eine Lammfellmütze vollendet den Anzug.
Die Feier des griechischen Karfreitags beginnt schon am Abend vorher. Alles strömt dann bereits in die Kirchen, wo neben anderen Feierlichkeiten seidene Gewänder, in die eine Darstellung des im Grabe ruhenden Christus eingestickt ist, auf einer Art Katafalk inmitten des Schiffes ausgestellt und mit zahlreichen Blumenspenden geschmückt werden. — Der Ostersonntag wird auf dieselbe Weise, die schon bei der Darstellung der russischen Gebräuche geschildert wurde, eingeleitet und gefeiert. Die Straßen sind festlich geschmückt, und überall herrscht große Freude, die in allerlei Vergnügungen, namentlich in den Nationaltänzen ([Abb. 433], [436] und [442]) zum Ausdruck kommt. Auf dem Lande schlachtet jeder Hausvorstand an diesem Tage ein Lamm und bestreicht mit dessen Blut einen der Seitenpfosten an seiner Haustür sowie die obere Schwelle. — Bei den Rumänen besteht die schöne Sitte, daß am Ostermorgen die Frauen der wohlhabenderen Stände die Gefängnisse aufsuchen, um an die Gefangenen kleine runde Kuchen, denen das Kreuz aufgedrückt ist, zu verteilen. Ostern gilt ja auch bei der orthodoxen Kirche allgemein als das Versöhnungsfest. Die ländliche Jugend aber zieht am Osternachmittag in die Eichenwälder, um hier auf dem frischsprossenden Rasen der Waldwiesen das Auferstehungsfest durch ein lustiges Spiel zu feiern. Jedes Mädchen bringt in einem Weidenkörbchen eine Anzahl buntgefärbter Hühnereier mit. Im Walde stellen sich dann Burschen und Mädchen, je in einer Reihe, einander gegenüber auf und beginnen ein Spiel, das Tanz und Ballspiel in sich vereinigt, wozu Fiedel und Dudelsack ihre Weisen ertönen lassen. Die Mädchen werfen tänzelnd den Burschen die bunten, zerbrechlichen Bälle in hohem Bogen zu, wobei sie sowohl im Tanz wie auch beim Werfen eine bewunderungswürdige Geschicklichkeit und Anmut entwickeln. Aber auch die Burschen geben ihnen nichts nach und zeigen ihrerseits eine große Sicherheit im Auffangen, so daß nur selten ein Ei vorbeifliegt. Sind die Körbchen geleert, so beginnt das Spiel von neuem, nur mit dem Unterschied, daß jetzt die Rollen vertauscht werden, die Burschen also den Mädchen die Eier zuwerfen und diese sie auffangen. Auf solche Weise vergnügt man sich bis zum Anbruch des Abends, worauf der nationale Horatanz zu seinem Rechte kommt.
Phot. Th. Jürgensen, Kiel.
Abb. 433. Tanz der Ewzonen.
Um Weihnachten herum ziehen die Kinder in Griechenland von Haus zu Haus, singen Weihnachtslieder und heimsen dafür allerlei Leckerbissen, wie getrocknete Früchte, Nüsse, Oliven und Eier, ein. In Rumänien gehen sie dabei in ähnlicher Vermummung, wie bei uns an dem Feste der heiligen Drei Könige ([Abb. 439]). Da während der Adventszeit streng gefastet wird, so tut man sich am Heiligen Abend überall besonders gütlich. — Die Zeit der Zwölften wird in Griechenland besonders gefürchtet, denn in diesen Tagen oder, richtiger gesagt, Nächten steigen nach dem Volksglauben die längst verschwundenen heidnischen Götter wieder aus ihrer Versenkung empor, aber nicht in ihrer einstigen schönen Gestalt, sondern in der abergläubischen Einbildungskraft des Volkes zu tückischen Unholden verzerrt, meistens bocksfüßigen Ungeheuern — Anklänge an den alten Vater Silen —, die in Felshöhlen und Waldschluchten hausen, nachts ihr Unwesen treiben und besonders den Frauen nachstellen. Ganz gefährlich sind sie jungen Müttern; ein Kind, das in der Zeit der Zwölf Nächte geboren wird, ist ihnen rettungslos verfallen, es muß sein ganzes Leben lang nachtwandeln und nach dem Tode „umgehen“. Das Aussprechen eines Heiligennamens oder das Hersagen eines frommen Spruches, auch das Hinhalten eines Kreuzes zur rechten Zeit schlägt die bösen Mächte in die Flucht. Daher erblickt man auch an allen griechischen Haustüren große weiße Kreuze, und am Weihnachtsmorgen segnet der Priester feierlich jede Türschwelle, beräuchert sie und besprengt sie mit Weihwasser. Mit dem Morgen des 6. Januar aber ist die Macht der Unholde für ein Jahr wieder einmal endgültig gebrochen; der dritte Hahnenschrei scheucht alle Dämonen in die ewige Finsternis zurück.
Abb. 434. Griechin (Athen)
in der Landestracht.
Am Sankt-Basilius-Abend, der unserem Silvesterabend entspricht, ziehen ganze Scharen festlich gekleideter Kinder und Burschen unter fröhlichen Gesängen durch die Straßen und tragen dabei auf Stangen zierliche, mit bunten Bändern geschmückte Reisigbündel, in deren Mitte ein Glöckchen hängt. Vor jedem Hause lassen sie dieses erklingen, singen Lieder zu Ehren des Heiligen und erwarten von der Hausfrau ein kleines Geschenk in Gestalt von Äpfeln, Nüssen, Feigen oder Eiern, wofür sie ihr ein farbiges Seidenbändchen von dem „Strauße“ einhändigen, das ihr Glück bringen soll. In dieser Nacht vergißt wohl keiner, eine Granatfrucht in den Mondschein zu legen und sie am anderen Morgen in der Kirche einsegnen zu lassen. Nach der Rückkehr aus dem Gotteshause schleudert er die Frucht kräftig zu Boden, so daß sie zerspringt, ruft dabei aus: „Möge das Haus so reich an Segen sein wie dieser Granatapfel an Samen!“ und fügt, gleichsam die Hausgeister beschwörend, hinzu: „Ihr aber, Flöhe, Wanzen, Ungeziefer und Unglück aller Art, fliehet und lasset Gesundheit, Glück und Freude herein!“ — Alles, was am ersten Tage des Jahres geschieht, wird als Vorbedeutung für dasselbe ausgelegt. In den Neujahrskuchen, von dem jedes Familienmitglied, selbst der Säugling, ein Stück erhält, bäckt man eine Münze hinein; wem sie mit seinem Stück zuteil wird, der kann auf Glück rechnen. Ein Stück des Kuchens wird für den Hausaltar, das heißt die Heiligenbilder in der Stubenecke, zurückgelegt. Ein Teil von ihm wird den Armen gegeben, die mit großen Körben bettelnd von Haus zu Haus gehen und reichlich beschenkt werden. Jeder sucht einem anderen irgendein Geschenk zu machen, und wäre es auch nur eine wertlose Haselnuß; selbst die Bettler versäumen nicht, von ihrem Almosen an andere abzugeben. Diese Gebefreudigkeit ist sicherlich als ein Rest der strenae der alten Römer zu deuten.
Wie unter allen auf niederer Kulturstufe stehengebliebenen Völkern Europas, so spielt ganz besonders auch bei den Balkanvölkern der Aberglaube noch eine große Rolle. Vor allem der Furcht vor übelgesinnten Mächten und dem bösen Blick begegnet man allenthalben. Für ganz besonders bedroht hält man, wie dies auch bei der Betrachtung anderer südeuropäischer Völker berichtet wurde, schwangere Frauen und neugeborene Kinder.
Phot. Dr. Träger.
Abb. 435. Albanierin im Brautschmuck.
In Griechenland sind es die Nereiden, die darauf ausgehen, den Frauen, die guter Hoffnung sind, und ihrer Leibesfrucht Schaden zuzufügen, unter anderem auch die Entbindung zu erschweren. Man sucht sich ihrer durch Amulette, bei denen der Jaspis eine große Rolle spielt, zu erwehren. Der Aufenthalt dieser bösen Mächte sind die Platanen oder Pappeln, auch die Quellen, weswegen eine Schwangere solche Stellen meiden muß, sich unter einem solchen Baume nicht aufhalten, neben einer Quelle sich nicht niederlegen darf. Schreitet jemand über eine Schwangere oder über ein neugeborenes Kind hinweg, so ermöglicht er den Nereiden ihre bösen Absichten, bringt jener Unglück und hindert dieses am Wachstum. Man kann dem Schaden dadurch vorbeugen, daß man sogleich wieder zurückschreitet. Der griechische Volksglaube kennt ferner noch andere bösartige Mächte in Gestalt geflügelter, häßlicher alter Weiber, die nachts durch die Lüfte ziehen, in die Häuser kommen, schlafenden Kindern das Blut aussaugen und ihnen sogar schon durch ihren Hauch schaden können. Um die Kinder gegen diese Unwesen zu schützen, legt man ihnen Jaspis in die Wiege, salbt ihnen die Stirn mit geweihtem Öl oder reibt sie mit dem Bodensatz eines Wassergefäßes ein. Gegen den nicht minder gefürchteten bösen Blick muß man das Kind und seine Umgebung ausräuchern, über dasselbe ausspucken oder die Hand mit ausgespreizten Fingern darüber halten, Knoblauch an seiner Wiege befestigen, dem Kinde ein dreieckiges, mit Salz, Kohlen und Knoblauch — diese Pflanze wird als Abwehrmittel gegen allerlei Zauber sehr geschätzt — gefülltes Amulett um den Hals hängen unter gleichzeitigem Hersagen von Verwünschungsformeln, und so fort. Natürlich darf die Wöchnerin in den ersten Wochen ihr Kind nicht aus den Augen lassen, erst recht nicht aus dem Hause gehen; ist sie zu einem Ausgang gezwungen, dann muß sie wenigstens vorher den Hausschlüssel oder einen anderen eisernen Gegenstand berühren. Man behauptet sogar, daß sie in der Zeit, wo sie durch die bösen Mächte gefährdet ist, auch anderen Leuten Unglück bringen könne; daher vermeiden Personen, die einen wirksamen Talisman zu besitzen glauben, damit in die Nähe einer Wöchnerin zu kommen, aus Furcht, derselbe könnte an seiner Kraft Einbuße erleiden. In Albanien machen in den ersten sieben Tagen nach einer Geburt die Nachbarn nachts einen gewaltigen Lärm, einmal, um die bösen Geister zu verscheuchen, und zum anderen, um Mutter und Kind am Einschlafen zu verhindern, da sie im Schlaf jenen leicht zum Opfer fallen könnten. — Außer den bösen Mächten kennt das griechische Volk auch noch wohlgesinnte Göttinnen, die Schicksalsfrauen, drei an der Zahl; sie erscheinen in der dritten Nacht nach einer Geburt, um das Schicksal des Neugeborenen zu bestimmen oder, wie der Ausdruck lautet, „das Glück des Kindes niederzuschreiben“. Man sucht sie natürlich auf alle mögliche Weise gut zu stimmen. Die Rumänen stellen zu diesem Zweck auf den Tisch unter das Heiligenbild allerlei Eßwaren für sie hin. Niemand darf dann in das Zimmer gehen, um nicht zu stören; vielmehr geht jeder in dieser Nacht, wo sie erwartet werden, möglichst frühzeitig zu Bett. Neben die Wiege des Kindes wird eine brennende Kerze gestellt. Selbst die Hofhunde werden für diese Nacht bei den Nachbarsleuten untergebracht, damit sie die Schicksalsgöttinnen durch ihr Gebell nicht verscheuchen. In Mazedonien muß sich unter den dargebrachten Eßwaren ein Honigkuchen befinden, den ein Mädchen gebacken hat, das noch beide Eltern am Leben hat. Dieser Kuchen wird am anderen Morgen an Ort und Stelle an die Hebamme und an Verwandte verteilt. Doch muß man dabei ja darauf achtgeben, daß keine Krume auf die Erde falle; sie könnte möglicherweise in die Hände von übelgesinnten Leuten geraten und Schaden bringen. Die Göttinnen schreiben das Schicksal des Kindes auf seine Stirn; irgendein auffälliges Merkmal oder eine Hautabschürfung an derselben wird als Beweis für diese Niederschrift angesehen.
Nach H. C. Seppings-Wright.
Abb. 436. Griechischer Volkstanz,
der noch heute an den Tanz der Phäaken bei Homer erinnert.
Die Taufe findet für gewöhnlich am achten oder zehnten Tage nach der Geburt, und zwar meistens an einem Sonntage statt. Dieselbe Person, die bereits bei der Eltern Hochzeit Gevatter stand, pflegt bei der Taufe ihres Kindes das gleiche Amt auszuüben. Das Verhältnis zwischen dem Kinde und seinem Paten ist ein so inniges, daß die Mitglieder der beiderseitigen Familien nicht einmal untereinander heiraten dürfen. Ebensowenig ist es gestattet, daß ein Jüngling und ein Mädchen, die denselben Paten haben, die Ehe miteinander eingehen. — Bei den Rumänen schätzt man den Tag nach der Taufe, an dem das Salböl abgewaschen wird, ebenso hoch wie den Tauftag selbst. In das Bad zur Reinigung von dem Öle pflegt man eine Münze und ein Stück Brot zu werfen, was dem Kinde Glück und Reichtum bringen soll, desgleichen Basilikumkraut, um es begehrenswert zu machen.
Die Werbe- und Hochzeitsgebräuche sind bei allen Balkanvölkern ziemlich dieselben, was nicht wundernehmen wird, da sie alle jahrhundertelang unter der gemeinsamen Herrschaft der Türken gestanden haben. Vor Eingehung der Ehe wird im allgemeinen die materielle Frage erörtert, was indessen nicht ausschließt, daß gelegentlich auch Neigungsheiraten vorkommen. Für gewöhnlich bedient man sich eines Vermittlers, der die wichtige Frage der Mitgift zu regeln hat. Sind die Eltern nicht imstande, alle Kosten zu tragen, so nehmen wohl auch die Brüder des Mädchens einen Teil derselben auf sich. Im allgemeinen bleiben die Söhne so lange ledig, bis alle Schwestern unter die Haube gekommen sind, zumal wenn keine großen Altersunterschiede zwischen Söhnen und Töchtern bestehen. Außerdem ist es Sitte, daß die Töchter der Reihe nach verheiratet werden, so daß eine jüngere keine Ehe eingehen darf, bevor nicht die älteren versorgt sind. Bei der Verlobung werden Ringe zwischen den beiden jungen Leuten gewechselt, während die anwesenden Bekannten sie mit wohlriechenden Blüten des Mandelbaumes überschütten und ihnen eine recht baldige „Krönung“ (das heißt Trauung) wünschen. Erfrischungen werden herumgereicht, in manchen Gegenden wird auch ein festliches Mahl eingenommen. Auf Korfu besteht die Sitte, daß ein junges Mädchen, das verlobt ist, fortan eine Menge falscher Haare anlegt, die zu beiden Seiten des Gesichts aufgetufft und mit Streifen von rotem Stoff durchflochten werden. Diese unechten Haare werden später das ganze Leben lang getragen und vererben sich von einem Geschlecht auf das andere. — In Griechenland findet sich vielfach noch die Sitte des Kinderverlöbnisses (siehe die [Kunstbeilage]).
Verlag Benziger & Co. A.-G., Einsiedeln.
Aus: Netzhammer, Rumänien.
Abb. 437. Rumänische Beerdigung.
Mit Genehmigung der Photogr. Gesellschaft, Steglitz-Berlin.
Kinderverlöbnis in Griechenland.
Nach dem Gemälde von N. Gysis.
Abb. 438. Siebenbürger Rumänin aus dem Komitat Gorgény in der Landestracht.
Zu Berlad in Rumänien findet im Frühling immer noch ein richtiger Heiratsmarkt statt, zu dem Mädchen armer Herkunft von ihren Eltern gebracht werden, um einen Freier zu finden. Die Männer, die sich dort einfinden, gehören auch den ärmeren Klassen an, sie müssen aber, falls sie eine Wahl treffen, den künftigen Schwiegereltern den Nachweis erbringen, daß sie eine Frau unterhalten können; auch erfordert es die gute Sitte, daß die Schwiegermutter zur Bekräftigung der getroffenen Abmachung ein kleines Geldgeschenk von ihnen erhält.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 439. Der Weihnachtstern (Rumänien).
Zwischen Weihnachten und Erscheinungsfest pflegen Knaben mit ihrem „Stern“ am Abend von Haus zu Haus zu gehen und Weihnachtslieder zu singen. Dieser Stern ist aus Holz angefertigt, mit buntem Papier sowie Goldflitter beklebt und mit Papierkrausen und Glöckchen behängt. Das Mittelstück bildet eine Darstellung der Jungfrau Maria mit dem Kinde auf durchscheinendem Papier, das durch ein dahinter angebrachtes Licht beleuchtet wird.
Die Hochzeit findet bei dem griechischen Volke für gewöhnlich an einem Sonntag statt, doch beginnen die Hochzeitsfeierlichkeiten bereits drei, bei den Bewohnern des südlichen Mazedoniens sogar schon acht Tage vorher. Hier wird nämlich am vorausgehenden Sonntag dem Bräutigam feierlich eine Abschrift des Ehevertrags übersandt, der seiner Verlobten dafür einige bescheidene Geschenke überbringen läßt, wie Süßigkeiten, Henna, Schminke und dergleichen, sowie für die Schwiegereltern einen Krug Wein. Während der folgenden vier Tage beschäftigt man sich mit dem Backen des Hochzeitskuchens. Am Freitag werden die Geschenke, die meistens in nützlichen Haushaltsgegenständen bestehen, im Zuge durch die Straßen getragen. Am Samstag fertigt man bei den Rumänen den Brautkranz an; auch pflegt man in Griechenland dann bereits die Braut für den folgenden Tag anzuputzen ([Abb. 440]). An manchen Orten trägt die Braut auch schon an diesem Vortage den Kranz, wenn der Bräutigam sie besucht. Bei der Ankunft tritt der Brautführer vor und sagt einen artigen Vers auf die Braut. Diese, die ein Gefäß mit Wasser und den Hochzeitskuchen neben sich stehen hat, besprengt zum Scherz die jungen Leute und verteilt an sie von dem Kuchen. Darauf begibt sich der Bräutigam noch einmal nach Hause und übersendet der Braut seine Geschenke, unter denen nie die Gewänder für den nächsten Tag fehlen einschließlich des Schleiers, der Goldschnüre und Blumen. An manchen Orten werden die Hochzeitsgeschenke erst am Samstag in feierlichem Zuge nach dem Hause des Bräutigams geschafft; beim Verlassen des Hauses und bei der Ankunft im neuen Heim werden Flintenschüsse abgegeben. Der nächste Tag ist der eigentliche Hochzeitstag. Die Braut wird von den Brautjungfern angezogen und geschmückt, die ihr auch das Haar kämmen und Orangenblüten hineinflechten sowie lange, bis an die Knie reichende Goldschnüre, für gewöhnlich auch heimlich eine silberne Münze, damit sie sich nie in Geldnot befinde; den Schluß bildet die Anlegung des Schleiers. Bei den Mazedoniern nimmt die Braut hierauf in einem Winkel des Zimmers, der besonders schön ausgeputzt ist, Platz, um ihren Bräutigam zu erwarten. Beim Verlassen des Hauses wird von der Mutter vor diesem und seinen Freunden ein Gefäß mit Wasser ausgegossen, auch ein Gürtel über den Weg gelegt, über den er hinwegschreiten muß. Auf dem Weg nach dem Brauthause wird von den Begleitern gesungen. — Einen wichtigen Bestandteil der Trauung bildet die sogenannte Kranzzeremonie oder die Krönung. Zwei kronenartige Kränze ([Abb. 441]) von Blumen oder Metall werden Braut und Bräutigam mit Hilfe der Trauzeugen aufs Haupt gesetzt und auf ein gegebenes Zeichen gewechselt. Darauf vereinigt der Priester die Hände des jungen Paares und ihrer Zeugen, und alle gehen dreimal um den Altar herum. Dabei stimmt der Geistliche einen besonderen Gesang, „Jesaias tanzt“, an, während dessen alle Anwesenden die jungen Eheleute mit Süßigkeiten, Weintrauben und Haselnüssen überschütten.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 440. Griechische Braut vom Lande (Gegend von Mandra).
Der Putz ist sehr wertvoll durch die zu ihm verwendeten Münzen und die reiche Goldstickerei am Leibchen.
Nach der Trauung begibt sich alles in das neue Heim ([Abb. 443]). Hier wird die junge Frau bei den Rumänen von der neuen Schwiegermutter mit Salz und Brot, manchmal auch mit Honig und Butter bewillkommt. Bei den Griechen Mazedoniens empfangen die Mutter des Bräutigams und der Vater der Braut, die der Trauung nicht beigewohnt haben, das junge Paar und bewerfen es mit Zuckerpflaumen, Reis, Baumwollsamen, Gerste und auch Geld, das sich die Kinder, die dann nie fehlen, aufsammeln. Wenn die junge Frau ihr neues Heim betritt, muß sie erst über eine Pflugschar, die auf der Schwelle liegt, schreiten. Bei den Griechen ist es Sitte, daß sie bei ihrer Ankunft viermal über den Rücken des Maultieres, auf dem sie geritten ist, gehoben und dann rückwärts vor die verschlossene Haustür geführt wird. Auf deren Mitte muß sie eine Stelle mit Honig bestreichen, darauf wieder ein paar Schritte zurückgehen und einen Granatapfel gegen die Tür werfen, bis er bricht. Es gilt für eine gute Vorbedeutung, wenn aller Same am Honig hängen bleibt. Jetzt öffnet der junge Ehemann endlich die Tür und bietet seiner angetrauten Gattin ein Stück Brot mit etwas Salz an; diese tupft das Brot in das Salz und ißt davon. Bevor sie aber das Haus endgültig betritt, muß sie erst noch Wasser und Öl berühren. Nach diesem allen hebt der Gatte sie über die Türschwelle und setzt sie in eine Ecke mit dem Rücken gegen die Wand, worauf ihre ganze Aussteuer und alle anderen Geschenke vor ihr aufgebaut werden. Dort muß sie ruhig sitzen bleiben, ohne zu sprechen oder sich zu bewegen, während der Gatte und seine Freunde schmausen. Am nächsten oder an einem der folgenden Tage muß sie sich mit ihren Freundinnen zu der nächsten Wasserquelle begeben und ein Gefäß mit Wasser füllen, um die Najaden der Quelle zu versöhnen, auch eine Münze in diese fallen lassen. Bei ihrer Rückkehr gießt sie ihrem Gatten etwas Wasser über die Hände und erhält von ihm gewöhnlich ein kleines Geschenk.
Phot. C. Chusseau-Flaviens.
Abb. 441. Rumänisches Brautpaar in der Landestracht.
Vor den Brautleuten liegen die Kronen, die man ihnen bei der Trauung aufs Haupt setzt. Die bei der Feier verwendeten, mit Blumen verzierten Kerzen werden von dem jungen Paare das ganze Leben lang aufbewahrt.
Die Hochzeitszeremonien der Türken ähneln im allgemeinen denen der Moslems, über die an anderer Stelle dieses Werkes bereits berichtet wurde. Die Heirat wird meistens durch alte Frauen vermittelt, die von Harem zu Harem ziehen, um mit Gebrauchsgegenständen für das weibliche Geschlecht Handel zu treiben, dabei aber auch nach geeigneten Personen, die sie verkuppeln könnten, Umschau halten. Ist ein Paar, das zusammenzupassen scheint, von einer solchen Frau ausfindig gemacht worden, dann werden Geschenke zwischen den beiden Parteien ausgetauscht. Die Mutter des jungen Mannes sucht daraufhin das Haus ihrer zukünftigen Schwiegertochter auf und bringt rote Seide sowie einige Zuckerpflaumen mit. Nachdem die Seide auf der Erde ausgebreitet worden ist, tritt das junge Mädchen darauf und küßt seiner demnächstigen Schwiegermutter die Hand, die ihm darauf den Segen erteilt und einige Süßigkeiten überreicht. Ein Stück von diesen beißt das Mädchen entzwei und behält die eine Hälfte für sich, während sie die andere der Mutter ihres zukünftigen Gatten für diesen mitgibt. — Die bürgerliche Trauung findet acht Tage nach diesem Verlöbnis statt. Nachdem der Ehevertrag vollzogen und unterschrieben worden ist, erklärt der junge Mann vor dem Imam, dem türkischen Priester, dreimal seinen Willen, mit dem jungen Mädchen die Ehe einzugehen; die Verlobte gibt eine entsprechende Erklärung ab, wobei sie aber hinter der Tür des Frauengemaches steht. Vor dem Schluß der Hochzeitsfeierlichkeiten, die sich oft genug über einige Wochen und selbst Monate erstrecken, dürfen sich die beiden jungen Eheleute nicht sehen.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 442. Teilnehmer an einem Tanz
am Pamagiriatage, einem kirchlichen Fest (Gegend von Mandra).
Phot. C. Chusseau-Flaviens.
Abb. 443. Gäste von einer rumänischen Hochzeit
im Ochsengefährt auf dem Wege von der Kirche.
Die eigentliche Hochzeit beginnt in der Regel an einem Montag; an diesem Tage nämlich senden die Brauteltern die Ausstattung in das künftige Heim ihrer Tochter. Am folgenden Tage wird die Braut durch ihre Freundinnen ins Bad geleitet. Am Mittwoch empfängt ihre Mutter die weiblichen Verwandten des Schwiegersohnes und stellt ihnen ihre Tochter vor. Diese küßt ihrer Schwiegermutter die Hände und nimmt neben ihr Platz. Eine ältere Frau steckt letzterer ein Stück Zucker in den Mund und reicht es darauf der Schwiegertochter als Sinnbild der angenehmen Beziehungen zwischen beiden. Darauf verabschieden sich die Verwandten und gehen nach Hause, kehren aber gegen Abend noch einmal zurück, um der Zeremonie des Hennafärbens beizuwohnen, die unter großer Feierlichkeit mit Musikbegleitung vorgenommen wird. Am Donnerstag begibt sich die junge Frau in die Wohnung ihres Gatten; beim Verlassen des Elternhauses legt ihr der Vater einen Gürtel um, während er wie auch die Mutter über das Scheiden der Tochter Tränen vergießen. Bei ihrer Ankunft begrüßt der junge Ehemann seine Braut, zieht sich dann aber in die Männergemächer zurück, währenddessen die Frauen die Brautgeschenke besichtigen; darauf begibt er sich in die Moschee. Erst nach dem fünften Gebet darf er den Harem betreten und seine Frau zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht sehen, nachdem zuvor eine alte Frau ihr den Schleier abgenommen hat. Ehe diese sich zurückzieht und das junge Paar allein läßt, hat sie noch eine eigentümliche Zeremonie vorzunehmen, nämlich den beiden Eheleuten einen Spiegel vorzuhalten und gleichzeitig deren Köpfe gegeneinander zu halten, so daß ihre Bilder im Spiegel dicht nebeneinander erscheinen. Mit dem Tage der Hochzeit hört für die junge Frau fast jeglicher Verkehr mit der Außenwelt auf; der Mann kann ihr verbieten, die eheliche Wohnung ohne seine Erlaubnis zu verlassen, ebenso ihr den Empfang von fremden Frauen in ihrem eigenen Hause untersagen. Auch die Erziehung der Kinder steht dem Vater zu, doch hat die Mutter das Recht, Knaben bis zum siebenten und Mädchen bis zum neunten Jahre zu beaufsichtigen und zu pflegen. Die Frau ist verpflichtet, ihrem Mann überallhin zu folgen, sofern der neue Wohnsitz nicht weiter als drei Tagereisen entfernt ist. Wenn ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet ist — der Koran erlaubt deren bis vier, indessen wird nur in den seltensten Fällen von dieser Vergünstigung Gebrauch gemacht; gegen neunzig Prozent der Türken leben in Einehe —, so muß er alle gleich behandeln, gleichviel wie lange die Ehe mit den einzelnen Frauen besteht oder ob diese Mohammedanerinnen, Christinnen oder Jüdinnen sind. Der Gatte setzt selbständig die Zeit fest, die er bei jeder seiner Frauen zubringt; er darf aber keine von ihnen besonders bevorzugen und bei keiner über die festgesetzte Zeit hinaus verweilen. Geht er auf Reisen, so darf er sich nach Belieben von einer seiner Frauen begleiten lassen, ohne daß die zurückbleibenden berechtigt wären, dies als Zurücksetzung aufzufassen.
Phot. The Illustrations Bureau.
Abb. 444. Vom Begräbnis eines Patriarchen.
Der Tote wird in vollem Ornat durch die Straßen getragen. Andere Verstorbene bringt man im offenen Sarge, das Gesicht unverhüllt, zum Friedhof.
Die Begräbnisgebräuche der Griechen sind im großen und ganzen dieselben wie sie bei den slawischen Völkern geschildert wurden. Die Beerdigung findet meist schon ein bis zwei Tage nach dem Tode statt. In dem Augenblick, wo die Leiche das Haus verläßt, wird ein Krug mit Wasser ausgegossen. In Mazedonien tut man dies auch, wenn ein Leichenzug bei einem Hause vorüberkommt; dabei ruft man aus: „Möge Gott ihm seine Sünden vergeben, damit sie uns nicht erreichen.“ Offenbar handelt es sich bei diesem Brauch um eine Abwehrmaßnahme. Bei den Rumänen ([Abb. 437]) erfordert es die Sitte, daß, wenn jemand im Sterben liegt, man ihm eine Wachskerze in die Hand gibt; ist er selbst nicht mehr imstande, sie zu halten, dann muß ein Verwandter oder Freund ihm diesen Liebesdienst erweisen. Die Leiche wird mit heißem Wasser gewaschen. Das Leichenwasser darf aber nicht achtlos fortgeschüttet werden; man muß es vielmehr sorgfältig an einem Baum ausgießen und die Stelle mit dem Gefäß bedecken, in dem es gekocht wurde. Es gilt für Sünde, über eine solche Stelle hinwegzuschreiten. — In Griechenland trägt man die Leiche offen ohne Sargdeckel zum Friedhof; der Deckel wird dem Sarge aufrecht vorangetragen ([Abb. 444]). Bei den Griechen und Albaniern werden die Knochen einige Zeit nach dem Tode, im allgemeinen aber nach drei Jahren, ausgegraben und in kleineren Särgen von neuem beigesetzt. Stirbt ein Albanier im Ausland, so werden seine Gebeine in die Heimat übergeführt, wenigstens aber, wenn das Zurückbringen der ganzen Leiche Schwierigkeiten macht, einige wenige Knochen. Auch Seelensabbate sind den Griechen bekannt, an denen die Kirche feierliche Gedenkgottesdienste veranstaltet; sie finden am Pfingstsamstag statt. An diesem Tage begibt sich die ganze Bevölkerung in großen Scharen zu den Friedhöfen, um zu beten. Das türkische Begräbnis erfolgt nach mohammedanischer Sitte. Die nur mit einem Tuch bedeckte Leiche wird auf einem Brett zur Grabstätte getragen.
Phot. F. Hedges Butler.
Abb. 445. Lappenniederlassung.
Jedes Dorf enthält auch ein Dampfbad, wo die ganze Familie badet; nach dem heißen Bade wälzt man sich zur Abhärtung im Schnee.
Die übrigen in Europa vertretenen Stämme:
Lappen, Finnen, Basken, Zigeuner.
Die Lappen. Das Gebiet, das wir als Lappland bezeichnen, liegt über den nördlichen Polarkreis hinaus, teils in Rußland, teils in Norwegen und Schweden. Seine Bewohner sind wahrscheinlich mongolischer Herkunft; sie zeichnen sich durch eine äußerst kleine Gestalt — beim Manne geht sie kaum über hundertfünfzig Zentimeter hinaus —, im Verhältnis zum übrigen Körper kurze, meist krumme Beine und lange Arme, breite Backenknochen, breite, platte Nase, schiefstehende Augen, schwarze Haare und schmutziggelbe Gesichtsfarbe aus. Im allgemeinen kann man sie als äußerst häßlich bezeichnen. Doch begegnet man unter ihnen hin und wieder auch Personen, besonders Mädchen, mit hellblauen Augen, blonden Haaren, schöner Gesichtsfarbe und edleren, europäisch anmutenden Zügen. Es handelt sich da um eine Folge der zahlreichen Mischungen zwischen Lappen und Norwegerinnen. Nicht selten nämlich gehen norwegische Mädchen armer Herkunft Ehen mit reichen Lappen ein. Es gibt unter diesen manche wohlhabende; einige Familien nennen gegen fünftausend Renntiere ihr Eigentum. Der umgekehrte Fall, daß ein norwegischer Bursche eine Lappin heiratet, dürfte äußerst selten eintreten, da die lappischen Mädchen gewiß nichts Verlockendes an sich haben.
Männer und Frauen sind fast gleich gekleidet ([Abb. 448]). Sie tragen Beinkleider aus Fell, die in hohen Pelzstiefeln stecken, ein Wams und eine mit einer Troddel geschmückte Spitzmütze. Die Küstenlappen pflegen während des Sommers an Stelle der sonst üblichen Gewänder aus Renntierfellen solche aus blauem Tuch von demselben Schnitt zu tragen, die meist mit reicher roter Stickerei versehen sind.
Ebenso einfach wie ihre Kleidung ist die Behausung der Lappen. Sie leben in Zelten ([Abb. 445] und [447]), die im Innern des Landes im Winter mit dicken Renntierfellen behängt werden, im Sommer dagegen nur aus einem leichten Stangengerüst aufgebaut und mit Birkenrinde oder Rasenstücken bedeckt sind. Oben an der Spitze des Zeltes befindet sich ein Abzugsloch für den Rauch, unten in der Mitte die Feuerstätte. Um sie herum lagert sich auf Renntierfellen als Bettstatt die ganze Familie; Eltern, Kinder und Verwandte schlafen sämtlich gemeinsam in diesem einzigen Raum.
Die Nahrung der Lappen besteht in der Hauptsache aus der Milch der Renntiere, der sie eine Art Brot aus Sauerampfer beimengen. Der Sauerampfer wird im Sommer gesammelt, breiartig eingekocht, in flachen, fladenartigen Broten getrocknet und für den Winterbedarf aufbewahrt. Renntierfleisch wird nur sehr selten genossen, meistens nur, wenn ein verunglücktes Tier geschlachtet werden muß. Die Renntiere machen den ganzen Reichtum der Lappen aus und bilden ihren wertvollen Handelsartikel, den sie bei ihrem Aufenthalt an der Küste gegen mancherlei Bedarfsgegenstände austauschen. — Männer und Frauen sind eifrig dem Genusse des Tabakrauchens ergeben.
Phot. Borg Mesch.
Abb. 446. Lappe auf der Reise.
Die Lappen führen alle ein äußerst bescheidenes Leben. Zum größten Teile sind sie Jäger und Fischer. Die umherziehenden Lappenstämme wohnen im Winter am Saume der großen Wälder und sorgen hier für ihre Herden. Kommt der Sommer, dann verlassen sie ihre kegelförmigen Fellzelte und ziehen in die Berge, den Renntieren nach, die frei umherlaufen. Bei der Rückkehr in die Zelte fangen sie ein Tier aus der Herde ein und hängen ihm eine Glocke um den Hals; durch diese werden die übrigen Tiere herbeigelockt und dann durch Hunde zusammengetrieben und zusammengehalten. Die Hunde spielen im Leben der Lappen eine wichtige Rolle als Haustiere; sie sind die ständigen Begleiter ihrer Herren, gehen sogar in die Kirche mit ihnen und halten sich während des Gottesdienstes bei ihnen auf; teils liegen sie dann still, teils balgen sie sich auch miteinander herum. Sie dienen zur Bewachung der Renntierherden. Auf ihren Reisen ziehen die Lappen in Schlitten ([Abb. 455]) oder auf Skiern ([Abb. 446]) umher und führen spatenähnliche Stöcke mit sich, um mit ihnen das Moos unter dem Schnee für die Renntiere auszugraben, die es sich übrigens auch selbst mit den Vorderhufen hervorholen. — Die Küstenlappen leben ausschließlich vom Fischfang, bei dem sie eine überraschende Geschicklichkeit bekunden.
Phot. Borg Mesch.
Abb. 447. Sommerlager der Lappen.
Da die Moskitos die Lappen zur Sommerszeit in den Wäldern stark belästigen, so ziehen sie in die Berge oder an die Küste, wo sie in Fellzelten wohnen.
Phot. Oscar Olson.
Abb. 448. Lappe in seiner eigenartigen Pelztracht.
Phot. Borg Mesch.
Abb. 449. Lappenhochzeit.
Das Festessen besteht aus Renntierfleisch, Renntierzunge, Knochenmark, Kaffee, Renntiersahne. Braut und Bräutigam sitzen in der Mitte; zu ihrem malerischen Anzug gehören unter anderem weiße Schuhe und rote Handschuhe.
Die Religion der Lappen ist das Christentum, für die skandinavischen das der lutherischen, für die russischen das der griechischen Kirche. Die kirchlichen Hauptfeste werden ebenso wie bei uns zu Ostern und im Dezember gefeiert; zu Ostern finden auch die meisten Einsegnungen und die meisten Hochzeiten statt. Oft werden drei bis vier Paare zu gleicher Zeit getraut. Als die Lappen noch Heiden waren, durfte in keinem ihrer Stämme ein Zauberpriester fehlen, ein sogenannter Noide, der sich mit Hilfe einer besonderen Trommel mit den unsichtbaren Mächten, den Göttern und den Geistern der Verstorbenen, in Verbindung setzen konnte. Nicht ein jeder vermochte Noide zu werden; man mußte dazu auserlesen sein, bereits mit einem Zahn im Munde zur Welt gekommen sein und sich durch Hunger, Einnehmen von Kräutersäften und dergleichen Maßnahmen, die das Nervensystem stark aufregten und reizten, vorbereitet haben, schließlich durch einen erfahrenen alten Noiden zuvor in die Geheimnisse eingeführt werden. Die Zaubertrommel, die eine große Rolle spielte, war von verschiedener Größe, aber stets von länglichrunder Form. Sie war aus einem Baumstamm durch Aushöhlen hergestellt und mit einem Renntierkalbfell überspannt; auf dieses waren mit rotem Saft aus Ebereschenrinde Zeichen und Bilder gemalt. Außerdem gehörte zu einer solchen Zaubertrommel noch ein Zeiger oder Weiser und ein Hammer, der in Form eines T aus Renntierknochen angefertigt war. Die Trommel diente in erster Linie zum Wahrsagen. Der Zeiger wurde unter Verbeugungen und dem Hersagen von Sprüchen auf das Bild der Sonne in der Mitte des Trommelfells gelegt und dadurch in Bewegung gesetzt, daß in seiner Nähe anfangs leise, dann stärker mit dem Hammer aufgeschlagen wurde. Machte der Zeiger bei einer Figur halt, dann war die Zeremonie, die von dem Zauberer und den Umhersitzenden mit dem eintönigen Absingen von Liedern zu Ehren der Gottheit, an die man ein Anliegen hatte, begleitet wurde, beendet und die Kundgebung geschehen. Das betreffende Bild zeigte dann an, was für ein Tier geopfert werden sollte, ferner welcher Gottheit und an welcher Stelle, ob ein Krankheitsfall tödlich verlaufen werde oder nicht und so fort. Die Trommel wurde auch, obwohl seltener, geschlagen, wenn der Zauberpriester einen Zustand von Verzückung herbeiführen wollte, um sich in ferne Gegenden zu versetzen. Er verfiel dabei infolge seiner hochgradigen nervösen Reizbarkeit in eine Art Dämmerzustand und berichtete nach seinem Erwachen, welche Orte er auf seiner Wanderung in die Ferne aufgesucht und was er dort gesehen habe. Es bedarf wohl keines weiteren Nachweises, daß der Zauberpriester der Lappen mit seiner Trommel an den Schamanen der nordsibirischen Völker erinnert, und es ist wohl anzunehmen, daß die Lappen diese Gebräuche von dorther mitgebracht haben.
Die kleinen Kinder der Lappen werden in eine Art Lederfutteral ([Abb. 450]) eingewickelt, aus dem sie nur gerade mit dem Gesicht herauslugen; sie sehen dann eingewickelten Mumien nicht unähnlich. Diese Futterale werden gleichzeitig als Wiegen benutzt, die man zwischen zwei Birkenstämmen aufhängt und schaukelt.
Bevor der Lappe eine Ehe eingeht, erkundigt er sich ganz genau nach der Höhe der Mitgift seiner Zukünftigen, da er in diesen Dingen sehr nüchtern denkt. Bei der Hochzeit sind Braut und Bräutigam in der Regel mit roten Gewändern, roten seidenen Schärpen, weißen Schuhen, Pelzgamaschen sowie roten Handschuhen angetan. Die Hauptsache bei der Hochzeit ([Abbildung 449]) ist das Essen, das in gekochtem Fleisch besteht. Aus einer gemeinsamen Schüssel nimmt sich jeder der Gäste ein großes Stück heraus, zerschneidet es mit seinem Messer, das er ständig im Gürtel bei sich trägt, in kleinere Stücke und schlingt diese hinunter.
Die Beerdigungen finden für gewöhnlich um Ostern statt, wenn die Erde aufgetaut ist. Den Winter über werden die in Särge gelegten Leichen in einem kleinen Turm in der Nähe der Kirche aufbewahrt ([Abb. 452]). Das Wehklagen und Geheul, das Männer und Frauen über den Verlust des Toten anstimmen, hat große Ähnlichkeit mit Hundegeheul.
Phot. Borg Mesch.
Abb. 450. Junge Lappenfrau mit ihren Kindern,
deren jüngstes sie samt seiner Wiege auf dem Arm hält.
Die Finnen. Dieser Stamm hatte seinen ursprünglichen Sitz in Sibirien, von wo er bereits in weit zurückliegenden Zeiten nach Osteuropa auswanderte. Die nächsten Verwandten der Finnen in unserem Erdteil sind die Ungarn und Türken; sie bilden mit diesen beiden Völkern die finnisch-ugrische Völkergruppe. Zu den Finnen zählen die Esten, Liven und Suomi oder Finnen im engeren Sinne mit verschiedenen Unterstämmen, zum Beispiel den Kareliern; diese alle faßt man als Westfinnen (am Baltischen Meere) zusammen. Ferner gehören zu den Finnen die Tschuwaschen, Mordwinen, Wotjäken, Permier und Wogulen in der Gegend des Urals (Ostfinnen). Infolge der anhaltenden Kreuzung mit mongolischen und vor allem nordeuropäischen Rassenbestandteilen, die in Rußland teils schon vorhanden waren, als die Finnen einwanderten, teils deren Weg kreuzten, hat ihr Äußeres mancherlei Züge von diesen Völkern angenommen, so daß von einem eigentlichen finnischen Typus nicht die Rede sein kann ([Abb. 451]). Bemerkenswert ist unter den Finnen die große Zahl von blonden Leuten — unter den Permiern zum Beispiel gibt es sechsundfünfzig Prozent Blonde und ebenso auffallend viel Blauäugige —, die sicherlich auf Mischung mit Nordländern (Germanen) beruht.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 451. Finnenmädchen beim Urahspiel,
einer Art Würfelspiel, das als harmloser Zeitvertreib namentlich bei der weiblichen Jugend sehr beliebt ist.
Schon im Mittelalter wurden die Finnen zum Christentum bekehrt. Doch hat diese Lehre trotz der langen seitdem verflossenen Zeit nicht vermocht, den alten heidnischen Glauben vollständig zu verdrängen ([Abb. 458] und [473]), denn neben dem christlichen Gott beten verschiedene finnische Stämme immer noch zu den Göttern der Vorfahren, vor allem dem Sonnengott und den Seelen der Ahnen. Auch die abergläubische Scheu vor meist bösen Geistern, die die Luft und die Erdoberfläche bevölkern und den Menschen übel gesinnt sind, spukt im Volke noch viel herum. In jedem Hause gibt es auch einen Schutzgeist, der mit dem Ehrentitel „Nachbar“ oder „Brüderchen“ belegt wird. Sobald bei den Permiern ein neues Wohnhaus errichtet worden ist, nimmt der Hausherr aus dem Heiligenschrein ein Heiligenbild, stellt sich damit vor den Verschlag neben den Ofen und ruft dem Schutzgeist zu: „Nachbar, Brüderchen, komm mit uns ins neue Heim; wir wollen im neuen Hause so gut leben, wie wir im alten gelebt haben; liebe meine Familie und mein Vieh!“ Darauf begibt sich alles ins neuerbaute Haus; der Hausherr läßt zuvor einen Hahn hinein und wartet ab, bis dieser gekräht hat. Das Heiligenbild wandert nun wieder in den Schrank zurück und der „Nachbar“ wird aufgefordert, im Verschlag neben dem Ofen seinen neuen Wohnsitz einzunehmen. — Auch Zauberpriester kennen die Permier noch, die zwischen den Geistern und den Menschen vermitteln sollen.
Phot. F. Hedges Butler.
Abb. 452. Kirche und Totenhaus in Jukasjarvi.
Bei den Lappen finden die Beerdigungen zu Ostern statt, da die fest gefrorene Erde vorher das Ausgraben nicht gestattet. Bis dahin werden die Särge in einem eigens hierfür bestimmten Hause neben der Kirche aufbewahrt.
Die Hochzeitsgebräuche bei den finnischen Stämmen sind ziemlich verwickelt. Teilweise kommt noch Raubehe bei ihnen vor, wobei es nicht selten zwischen den Anhängern des Bräutigams und seinen Gegnern zu einem ernsten Handgemenge kommt. Gewöhnlich werden die Ehen durch einen Vermittler oder Brautwerber eingefädelt. Nachdem auf solche Weise der Boden vorbereitet worden ist, erscheint bei den Mordwinen der Vater des Bräutigams im Hause der Braut, wird hier auf den Ehrenplatz unter den Heiligenbildern geführt und beginnt die Verhandlungen über den Brautpreis, die Aussteuer, die Ausrichtung der Hochzeit und ähnliche Fragen. Sind beide Parteien einig geworden, dann wird ein brennendes Licht auf den Tisch gestellt und alles betet zu Gott um Schutz und Beistand; daneben ruft man aber auch die Hilfe der heidnischen Gottheiten und der verstorbenen Ahnen an und spendet ihnen Salz und Brot, indem man diese Gaben an der Schwelle, wo man sich ihren Aufenthalt denkt, niederlegt. Diese Zeremonie nennt man „das Gebet der Hochzeitskneiperei“. Darauf folgt das sogenannte „Vertrinken“. Vater und Mutter des Bräutigams begeben sich in das Haus der Brauteltern und fragen noch einmal feierlich an, ob diese geneigt seien, ihrem Sohne die Tochter zur Frau zu geben. Erklären sie ihr Einverständnis, dann stellen die Angehörigen des Bräutigams den mitgebrachten Branntwein und die Speisen, unter denen gesalzene Brassen als Zeichen der Fruchtbarkeit und Kuchen als Sinnbild des Sonnengottes nicht fehlen dürfen, vor den Brautvater auf den Tisch und nehmen an diesem Platz; darauf beginnt ein meist wüstes Trinkgelage. Bei dieser Gelegenheit wird die Braut zum ersten Male ihrem Zukünftigen gezeigt, auch noch um ihre Einwilligung gefragt und gleichfalls mit Branntwein bewirtet. Von diesem Tage an hat der Bräutigam das Recht, jede Nacht bei ihr zuzubringen. Verlust der Jungfernschaft gilt bei den Mordwinen keineswegs als Schande, im Gegenteil ein vor der Ehe erzeugtes Kind wird begrüßt als Anzeichen dafür, daß die zukünftige Gattin fruchtbar sein wird. Vor der Hochzeit findet eine Art Polterabend statt. Dabei schreit, heult und jammert die Braut ohne Unterlaß und bittet ihre Freundinnen, sie lieber in die dunkle Erde einzubetten, als unter die fremden Leute zu bringen. Diese singen inzwischen lustige Lieder, in denen sie die Braut verherrlichen, den Bräutigam aber auf alle erdenkliche Art verspotten; auch uralte nationale Heldengesänge, darunter die Kalewala, werden bei dieser und bei anderen festlichen Gelegenheiten vielfach noch gesungen ([Abb. 454]). Am Abend erscheint der Schwiegervater mit einer bedeutenden Menge Honigbier und bewirtet die Braut samt ihren Eltern. Am Hochzeitstage versammeln sich die Freunde des Bräutigams vor seinem Hause. Sein Vater zündet Lichter vor den Heiligenbildern an und setzt ein besonders großes an der Schwelle nieder. Darauf betet er zu den Heiligen und legt neben die Schwelle an die Seite des großen Lichtes ein Stück Brot, wobei er auch den Sonnengott um Beistand anfleht. Der Sohn begibt sich nun in das Haus seiner Braut. Wenn man ihn kommen sieht, schließt man eilig die Haustür zu, worauf sich zwischen den beiden Parteien ein Gespräch über die Person, die Einlaß begehrt, und den Zweck ihres Besuches entspinnt. Da dem Bräutigam und seinen Freunden das gewaltsame Öffnen der Tür nicht gelingt, so erkaufen sie sich den Eintritt endlich mit einigen Münzen. Nach einer kurzen Unterhaltung erscheint die Braut, fällt ihren Eltern zu Füßen und erbittet deren Segen. Der Vater entspricht der Bitte unter Anrufung heidnischer Gottheiten, denen er von einem Laibe Brot opfert, demselben, den schon vorher der Vater des Bräutigams gebraucht hatte, um den Sohn zu segnen. Hierauf hebt ein männlicher Verwandter der Braut diese auf die Arme und trägt sie in den Wagen. Das Mädchen stellt sich dabei sehr störrisch, kneift, kratzt, schreit und sucht sich beim Verlassen des Hauses sogar noch an der Tür festzuhalten. Noch auf dem Wege zur Kirche versucht die Braut zu entwischen: sie steigt vom Wagen, wirft sich vor die Füße der Pferde und bittet diese, sie nicht zu fremden Menschen zu fahren, putzt die Tiere auch mit Bändern aus und verspricht ihnen, dies immer zu tun, wenn sie ihr den Gefallen tun wollten, sie wieder nach Hause zu fahren. Da dies nichts hilft, sucht sie fortzulaufen, wird aber von den Freunden ihres Verlobten eingefangen.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 453. Finnischer Verlobungsbrauch.
Der Vater zündet vor dem Heiligenbild ein Licht an und fordert seine Tochter auf, es entweder auszulöschen oder brennen zu lassen und auf diese Weise ihre Entscheidung kundzugeben.
Die Trauung geht in der Kirche nach griechischem Ritus vor sich. Auch hier spielt die Braut von neuem die Widerspenstige; der Aufforderung des Priesters, ihren Gatten zu küssen, widersetzt sie sich, schlägt und knufft diesen vielmehr. Nach Beendigung der Zeremonie müssen die jungen Burschen wieder Gewalt anwenden, um die junge Frau in den Wagen zurückzubringen. Ist dies gelungen, geht es im Galopp nach Hause in das neue Heim. Bei ihrer Ankunft wird die junge Frau von der Schwiegermutter empfangen ([Abb. 456]) und von einem anderen Verwandten mit Hopfen überschüttet. Sie setzt sich dann neben den Herd und muß von neuem die Schimpfreden der jungen Mädchen über ihren Mann mitanhören. Ihre Brüder oder in Ermanglung solcher andere junge Burschen erhalten von den Verwandten des jungen Ehemanns kleine Geschenke und bewirten die Freundinnen mit Branntwein; hienach fallen sie über diese her und treiben sie mit Fußtritten aus dem Hause. Die junge Frau wird sodann ebenfalls ergriffen und trotz ihres Sträubens zu ihrem Manne in die Scheune gebracht, wo man das Beilager zubereitet hat; die Tür wird hierauf hinter dem Paar verschlossen.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 454. Finnen singen die Kalewala,
das uralte nationale Epos. Sie sitzen dabei einander gegenüber, halten sich bei den Händen und beugen den Oberkörper bald vor-, bald rückwärts.
Noch umständlicher sind die Hochzeitsfeierlichkeiten bei den Kareliern. Hat ein junger Mann ein ihm gefallendes Mädchen gefunden, dann bespricht er sich mit seinen Angehörigen und macht sich in Begleitung von zwei oder drei Freunden und einem weiblichen Wesen, gewöhnlich gegen Abend, auf den Weg zu seiner Zukünftigen. Flintenschüsse verkünden stets bei solcher Gelegenheit dem Dorfe, daß wieder einmal ein junger Mann ausgegangen ist, um sich ein „wollenes Halstuch“, das ist eine Frau, zu suchen. Auf dieselbe Weise begrüßt man seine Ankunft im Heim der Auserwählten. Der Freier und seine Begleitung werden sogleich zu den Ehrenplätzen geleitet und unterbreiten den Eltern des Mädchens ihr Anliegen, worauf alle Verwandten zusammengerufen werden — unter ihnen darf ja nicht der Pate des Mädchens fehlen —, um die Angelegenheit hinter verschlossenen Türen zu beraten. Ist Einverständnis unter ihnen erzielt worden, dann zündet der Vater eine Kerze vor dem Heiligenbilde an und fordert seine Tochter auf, sie entweder wieder auszulöschen oder brennen zu lassen, wodurch sie ihre eigene Entscheidung bekunden soll ([Abb. 453]). Löscht die Tochter die Kerze nicht aus, dann erklärt sie sich dadurch mit dem Antrag einverstanden, und damit ist die Verbindung ein für allemal eine beschlossene Sache. Die nächsten männlichen Verwandten beider Parteien bestätigen dies mit Händedruck und durch Klingenlassen von Geld vor dem Heiligenbilde. Das Mädchen gilt fortan als verlobt. — Die neue Braut setzt sich nun in die Frauenecke und an ihre Seiten je eine Freundin als Klageweib. Von der anderen Seite des Hauses kommt die Mutter mit weiteren weinenden Frauen herzu ([Abbildung 461]). Beide Gruppen gehen einander entgegen und begeben sich dann gemeinsam in die Frauenecke, um hier den Verlobungsgesang zu „weinen“.
Die Einladungen zur Hochzeit und das Übergeben von Hochzeitsgeschenken sind gleichfalls von Weinen begleitet; ja ein oder mehrere Berufsweiner helfen dabei noch tüchtig mit. Für jeden Einzuladenden müssen zwei Lieder unter Weinen vorgetragen werden, ein Bittgesang und ein Dankgesang; dabei strengen die Einladenden nicht nur ihre Kehle, sondern auch ihren Rücken an, denn sie müssen beim Dankweinen den Kopf von Zeit zu Zeit bis auf die Erde vor dem Spender neigen.
Phot. F. Hedges Butler.
Abb. 455. Eine Pulka,
das ist ein Schlitten, in dem man in Lappland zu reisen pflegt.
Die Hochzeitsfeierlichkeiten beginnen meist am Samstag abend. Die Mädchen erwärmen das Badehaus, fordern die Braut unter Weinen auf, es zu betreten, und stimmen in dem Raum, während sie badet, ein Klagelied in althergebrachter blumenreicher Sprache an ([Abb. 457]). Nach dem Bade werden der Braut die ersten Geschenke dargebracht, und zwar bietet sie ihr der Bräutigam selber auf einer Platte an. Nach langen Einwendungen berührt sie diese endlich mit der Hand, worauf der Vater oder ein anderer naher Verwandter sie in Empfang nimmt. Die Gegengeschenke von seiten der Braut, die für die Angehörigen und Verwandten des Bräutigams bestimmt sind, werden sodann auf dieselbe Platte gelegt; über ihre Verteilung beschließt eine eigens dazu bestimmte Person, der Saajannainen, das heißt Begleiter, Helfer. Bei dieser Gelegenheit fließen wiederum reichlich Tränen.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 456. Finnischer Hochzeitsbrauch.
Bei der Ankunft vor dem Hause der Schwiegereltern wird die junge Frau von der Mutter des Gatten mit Brot bewillkommt und hineingeführt, worauf sie vor dieser auf die Knie fällt.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 457. Ein finnischer Hochzeitsbrauch.
Die Braut wird von ihren Freundinnen in das Badehaus geleitet, wo sie ein Lied „weinen“.
Am Vormittag des darauf folgenden Hochzeitstages versammeln sich allerhand Leute, alte wie junge, vor dem Hochzeitshause und vertreiben sich die Zeit mit Spielen ([Abb. 468]). Die Braut ([Abb. 466]) geht mit den Weinenden unter ihnen umher und bittet sich Geschenke aus. Hat sie es auf eine bestimmte Person abgesehen, bei der es sich verlohnt, ein Geschenk zu erbitten, dann legt das Mädchen die Arme um deren Hals und weint so lange, bis sie eine Gabe herausgerückt hat, worauf die Braut dann wieder noch den Dank zu „weinen“ hat. Nach einiger Zeit wird durch Flintenschüsse die Ankunft des Gefolges des Bräutigams angekündet, das bei dem Katshotus, das ist dem ersten feierlichen Erscheinen der Braut vor den Angehörigen ihres Zukünftigen zugegen sein will. Zunächst läßt man sich an dem langen Familientisch, der in den finnischen Häusern unter dem mittleren Fenster, der Eingangstür gegenüber, zu stehen pflegt und als Ehrenplatz gilt, und an weiteren, kleineren Tischen nieder. Der Patvaska oder Zeremonienmeister streut Salz unter das Tischzeug, nimmt ein Brot, das vom Hause des Bräutigams mitgebracht wurde, und ein zweites aus dem Hause der Braut, schneidet aus der Mitte beider je ein rundes Stück heraus, tut Salz in die so entstandenen Löcher, paßt die herausgeschnittenen Stücke wieder hinein und legt die Brote auf die Familientafel. Die Klagemädchen weinen so lange, bis der Pate oder Bruder hinausgeht, um die Braut fertig zu machen. Über die gewöhnlichen Alltagskleider wird ihr das beste Zeug angezogen, das sich die Mädchen unter Klagen und Weinen ausbitten. Der Pate oder Bruder reicht das Hemd und hält es der Braut über den Kopf, wie wenn er es ihr anziehen wollte. Zweimal stößt diese es von sich, beim dritten Male aber zieht sie es an. Während des ganzen Vorgangs wird ununterbrochen geweint. Beim Anlegen des Unterrockes und des Rockes wiederholen sich dieselben Umständlichkeiten. Bevor man sich in die Kirche begibt, nimmt der Zeremonienmeister in der Frauenecke noch gewisse Maßnahmen vor, um das Paar vor Zauberei zu schützen ([Abb. 462]). Sodann wird die Braut in die Frauenecke geleitet; fünf Frauen lösen ihr auf dem Wege dorthin den Haarknoten auf ([Abb. 471]). Sind sie zur Ecke gekommen, dann zieht die Hebamme einen Vorhang vor, zieht ihn aber wieder zurück, nachdem ihr der Zeremonienmeister einige Kopeken gegeben hat; nun erblickt der Bräutigam seine Braut. Nachdem das Paar herumgegangen ist, zündet der Zeremonienmeister drei Stückchen Feuerschwamm an, von denen Braut und Bräutigam je ein Stück hinunterschlucken müssen; das dritte wird unter eine Bratpfanne gelegt, die sich auf der Erde befindet. Während sich nun die Gäste in die Kirche begeben, bleibt der Zeremonienmeister als Vertreter der alten heidnischen Gebräuche der christlichen Feier fern. Ehe die Braut das elterliche Haus verläßt, wird über sie ein Heiligenbild mit einem Tuche gehalten ([Abb. 467]). — Vor der Kirche überreicht der Bräutigam seiner Braut das Kopftuch, an dem er sie hineinführt. Auf dem Rückwege fordert er seine nunmehrige junge Frau sowie die Gäste auf, in sein Haus oder, falls er von auswärts sein sollte, in ein ihm zu diesem Zweck von Verwandten zur Verfügung gestelltes zu kommen und weiter zu feiern.
Die Feier besteht in der Hauptsache in Branntweintrinken. Dabei schüttet das junge Paar zu drei Malen Branntwein kreuzweise unter den Tisch, um den Schutzgeist des neuen Hauses gut zu stimmen. Mann und Frau müssen die dazu benutzten Becher möglichst nahe aneinander auf den Tisch stellen, damit kein Streit oder Unfriede einkehre. Nachdem man reichlich dem Branntwein zugesprochen hat, beginnt das Verteilen der Geschenke.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 458. Finnischer Wahrsager.
Auf ein Sieb werden kleine Stückchen Brot und Kohle geworfen. Wenn sich das darüber in Schwingung gebrachte Pendel zwischen den Brotstückchen bewegt, geht der Wunsch des das Orakel Befragenden in Erfüllung, dagegen nicht, wenn das Pendel über der Kohle schwingt.
Wenn die Abschiedstunde für die junge Frau naht, wird ihr das Stirnband, das Zeichen der Mädchenschaft, abgenommen und hierauf ein Kasten, der voll Sachen sein muß, in die Frauenecke gebracht. Die junge Frau setzt sich auf ihn, nachdem ein Verwandter sie dreimal um den Kasten geführt hat. Jetzt bemächtigen sich ihrer zwei alte Frauen, kämmen ihr das zuletzt lose herabhängende Haar und flechten es in zwei Zöpfe anstatt des bisherigen einen, den die Mädchen tragen. Der Zeremonienmeister übergibt ihr ein großes Tuch, mit dem sie vollständig verhüllt wird, so daß sie selbst nichts sieht und auch von niemand erblickt werden kann. Nur ein schöner kleiner Knabe zu ihren Füßen darf unter das Tuch sehen; man will sie dadurch an ihren zukünftigen Beruf als Mutter erinnern. Beim Zurechtmachen der jungen Frau singen zwei oder drei alte Frauen das Lied vom Anlegen des Kopfschmuckes. Das Gefolge des Mannes muß die Frauenecke verlassen, darf aber nur gegen Erlegung von Geld hinaus, das eine Freundin der Jungvermählten einsammelt. Nachdem dies geschehen ist, stellen sich die jungen Leute in einer Reihe auf dem Hofe auf und warten auf die junge Frau, die bald darauf von ihrem Paten hinausgeleitet wird. Sie ist noch immer mit dem Schleiertuch bekleidet und wird so vor ihren Gatten geführt, vor dem sie sich dreimal tief verbeugt. Dann übergibt der Pate sie dem Gatten mit einer kurzen Ansprache, in der er beiden Ratschläge erteilt. Unter anderem sagt er zu dem jungen Ehemann: „Gehorcht sie dir nicht, dann nimm einen Strohhalm und schlag sie damit; wenn sie dir dann noch nicht gehorcht, so nimm ein Birkenreis und tu das gleiche; gehorcht sie dir aber auch dann noch nicht, so nimm eine härtere Waffe, auch wohl eine Zuberstange, und schlag sie. Hüte dich aber davor, ihr dabei das Leben auszublasen, denn wir besitzen eine ausgedehnte Bekanntschaft, die bereit ist, die Pflicht der Blutrache zu übernehmen.“ Darauf geht der Mann dreimal um seine junge Frau herum und sieht unter die Verhüllung, um sich zu überzeugen, ob sie es auch in Wirklichkeit ist.
Die ganze erste Nacht wird durchgefeiert; der Zeremonienmeister muß sorgfältig achtgeben, daß nichts Ungesetzliches vorkommt. Deshalb folgt er selbst dem jungen Paar in sein Schlafgemach. Die junge Frau schläft diese Nacht vollständig angekleidet. — Die Mutter drückt, wenn die junge Frau das elterliche Haus verläßt, ihren Schmerz darüber durch Weinen aus ([Abb. 472]).
Diese umständlichen Hochzeitsgebräuche, zu denen noch verschiedene hier übergangene weitere Einzelheiten gehören, werden von den Kareliern streng beobachtet. Es kommt vor, daß, wenngleich der Priester das Paar kirchlich getraut hat, dieses sich nicht eher als verheiratet betrachtet, als bis es alle überlieferten Vorschriften erfüllt hat. Nicht jeder kann sich aber wegen der Kostspieligkeit der Zeremonien ihnen allen unterziehen. Daher gibt es auch ein abgekürztes Verfahren, das anscheinend noch ein Ausläufer der früheren Raubehe ist. Der Freier tritt vor das Mädchen, das ihm als Gattin zusagt, verbeugt sich und bietet ihr den Zipfel eines Kopftuches an. Lehnt sie es dreimal ab, dann will sie dem Manne damit kundgeben, daß er ihr nicht gefalle; nimmt sie es aber an, dann erklärt sie ihr Einverständnis. Darauf bedarf es keiner weiteren Förmlichkeiten, als daß irgendeine Frau das Haar des Mädchens in zwei Zöpfe flicht und ihm einen Hut auf den Kopf setzt; damit ist es zur jungen Frau gemacht.
Abb. 459. Pelotespieler
mit der Chistera, einem eigenartigen Wurfwerkzeug, in der Rechten.
Zum Schluß noch einige Einzelheiten über die Hochzeit der Esten. Während der Hochzeitszug sich in die Kirche begibt, müssen der Bräutigam und die Brautführer dicht neben dem Wagen der Braut reiten und mindestens einer von ihnen ein Schwert tragen, mit dem er unterwegs des öfteren Lufthiebe austeilt, um die bösen Geister zu vertreiben. Wenn das junge Paar am Abend der Hochzeit sein Lager aufsucht, nimmt der Vater der jungen Frau ihr mit dem Schwerte den Schleier ab und steckt das Schwert sodann in die Decke des Zimmers, gleichfalls zum Schutze gegen böse Geister. Bei einzelnen Stämmen wird die Braut, sobald die Gäste erscheinen, in eine Kammer versteckt, wo man sie mit zwei anderen Mädchen unter einer Decke verhüllt warten läßt, bis die Gäste sie gefunden haben; der Brautführer muß dann aus den drei verborgen gehaltenen Mädchen die Braut herausfinden und in die Stube führen. In einzelnen Gegenden versteckt man auch an Stelle der Braut drei ihrer Brüder oder drei junge Burschen in Weiberkleidung. Die von dem Brautführer aus ihnen herausgesuchte vermeintliche Braut wird unter Jubel in die Feststube geführt, wenn man aber den Irrtum eingesehen hat, sogleich wieder hinausgejagt. Hierbei scheint es sich ebenfalls um eine Abwehrmaßnahme zu handeln: die falsche Braut soll das Unglück auf sich nehmen, indem man hofft, die Geister durch sie über die Person der wahren Braut zu täuschen.
An die Schwangerschaft und an das neugeborene Kind knüpfen sich ebenfalls mancherlei abergläubische Vorstellungen, die die Abwehr böser Geister bezwecken. So muß die Schwangere, um ein paar Beispiele anzuführen, bei langsam fortschreitender Geburt dreimal Salz hinter sich werfen; wenn sie das Neugeborene in die Wiege legt, muß sie einen Kreuzschlüssel, ein Messer und etwas rotes Garn mit hineintun, und so weiter.
Abb. 460. Pelotespieler vor dem Fronton von Sare.
Über die Totengebräuche nur wenige Worte. Wenn bei den Permiern der Tod eingetreten ist, dann werden die Verwandten oder auch Fremde eingeladen, um die Leiche zu waschen und den Sarg anzufertigen. Bevor man mit dem Waschen beginnt, sagt der damit Beauftragte zu dem Toten: „Ärgere dich nicht; ich will dich waschen.“ In ähnlicher Weise entschuldigt man sich bei ihm, wenn der Sarg hereingebracht wird. Im allgemeinen schafft man die Leiche möglichst bald aus dem Hause nach dem Friedhof, und zwar geschieht dies im Trab auf einem Schlitten. Auf den Sarg wird ein Laib Brot gelegt, den man dem ersten besten, der dem Zuge begegnet, zuwirft, anscheinend der letzte Rest eines Totenopfers. Beim Hinablassen des Sarges wird der Deckel hochgehoben, damit der Verstorbene zum letzten Mal die Welt betrachten könne. Vielfach bleibt der Schlitten, der den Toten hinausbrachte, über dessen Grabhügel liegen, in welchem Falle ein Friedhof durch die vielen Schlittenüberreste einen ganz merkwürdigen Anblick bietet; auch die Werkzeuge, die beim Auswerfen des Grabes benutzt wurden, werden zurückgelassen.
Bei dem sich anschließenden Totenmahl werden brennende Lichter auf die Fensterbretter und zu beiden Seiten neben die Tür gestellt, eine Zeitlang auch diese offen gelassen; außerdem wird der Schatten des Verstorbenen aufgefordert, sich am gemeinsamen Mahle zu beteiligen. Er erhält auch einen Platz an der vorderen Ecke der Tafel angewiesen, was äußerlich dadurch gekennzeichnet wird, daß eine Mütze oder ein Kopftuch (je nach dem Geschlecht) dorthin gelegt und Gefäße für Kuchen, Sauermilch, Branntwein und Haferbrot darum gestellt werden. Jeder Gast hält es für seine Pflicht, einen Teil seiner Speisen in diese Schüssel zu tun mit der Aufforderung: „Iß, Brüderchen“ oder „Iß, Gevatter“. Nach der Mahlzeit stellt man die Schüssel in einem abseits gelegenen Winkel des Feldes ins Gras und sieht nach einiger Zeit nach, ob etwas von den Speisen darin geblieben ist. Sind sie nicht vollständig verschwunden, das heißt von den Krähen und Raben nicht ganz aufgefressen worden, dann erblickt man darin ein Zeichen dafür, daß der Verstorbene die ihm vorgesetzten Speisen aus Zorn verschmäht hat. Am neunten und am vierzigsten Tage nach dem Tode sowie am Jahrestage desselben finden nochmalige feierliche Bewirtungen des Toten statt.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 461. Finnischer Verlobungsbrauch.
Während die Braut in der Frauenecke sitzt, erscheint ihre Mutter mit den weinenden Weibern aus einer anderen Ecke, worauf alle unter Weinen den Verlobungsgesang anstimmen.
Die Basken. Die Basken oder Euskaldunak, wie sie selbst sich nennen, wohnen zu beiden Seiten der Pyrenäen am Biskayischen Meerbusen. Sie sind hinsichtlich ihrer Herkunft bislang immer noch ein rätselhaftes Volk geblieben. Die abenteuerlichsten Vermutungen sind hierüber geäußert worden, ohne daß man zu einem einwandfreien Ergebnis gekommen wäre. Nach dem augenblicklichen Stande der Forschung wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß sie aus Nordafrika stammen, schon in der Vorzeit nach Spanien einwanderten, wo sie ursprünglich eine viel größere Verbreitung als heute hatten — die alten Iberer dürften als ihre Vorfahren anzusehen sein —, und infolge ihrer Isolierung auf einer früheren Kulturstufe stehen geblieben sind. Denn sie zeigen noch mancherlei Gebräuche und Gewohnheiten, die an ähnliche primitive Zustände der Vorzeit oder an solche bei wenig vorgeschrittenen Naturvölkern erinnern. Das Merkwürdigste und am wenigsten Aufgeklärte bei diesem Volke ist seine Sprache, die, wie zum Beispiel das Chinesische und einige amerikanische Sprachen, Agglutination aufweist. Die baskische Sprache steht daher unter den übrigen westeuropäischen Sprachen ganz vereinzelt da; v. der Gablentz und andere Forscher wollen Ähnlichkeit zwischen ihr und den Berbersprachen Nordafrikas herausgefunden haben.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 462. Beschwörung bei einer finnischen Hochzeit.
Der Zeremonienmeister nimmt ein Messer zwischen die Zähne, eine brennende Fackel in die linke und ein Beil in die rechte Hand; so geht er um die Angehörigen des Bräutigams herum und schlägt mit dem Beil in den Erdboden — ein Überrest heidnischen Aberglaubens.
Auch die äußere Beschaffenheit der Basken läßt deutliche Verwandtschaft mit der nordafrikanischen Bevölkerung erkennen. Wenngleich kein einheitlicher Menschenschlag, so ist der Baske doch durch eine Anzahl besonderer Eigentümlichkeiten gekennzeichnet, wie mittlere Körpergröße, schlanke, aufgeschossene Gestalt, kurzen oder auch länglichen, an den Schläfen merkwürdig stark gewölbten Schädel, langes, schmales, von den Jochbeinen an auffallend scharf nach unten sich zuspitzendes Gesicht mit außerordentlich spitzem, leicht fliehendem Kinn, dünne gebogene Nase, die sich in die gerade aufsteigende, etwas schmale Stirn unmittelbar fortsetzt, dunkle Augen, dunkles Haar und brünette Hautfarbe. Die Untersuchung hat ergeben, daß diesem Typus der der sogenannten mittelländischen Rasse zugrunde liegt, also derjenige, dem die Bewohner von Südeuropa und Nordafrika angehören. Offenbar haben sich zu diesem noch kurzköpfige Elemente (alpiner Typus) hinzugesellt, und durch große Abgeschlossenheit unter lange Zeit sich gleichbleibenden äußeren Bedingungen hat sich in Verbindung mit Inzucht der heutige Typus der Basken entwickelt.
Die nationale Tracht ([Abb. 465]) der Basken bestand bei den Männern aus breiten schlaffen Kniehosen, schwarzen Strümpfen, weißem Hemd mit hohem, bis auf die Wangen reichendem weichen Kragen, schwarzer Jacke und runder, flacher, aus Wolle gewirkter Mütze, der Chapelak; die Frauen trugen blauen Rock mit bunter Schärpe silbergesticktes, schwarzes Mieder, das vorn über dem sichtbar bleibenden Hemd verschnürt wurde, bunte Umhängetücher und ein kleines Tuch für den Haarknoten. Bis auf die typische Mütze und die Kopftücher ist diese Tracht jetzt so ziemlich im Aussterben begriffen.
Die Basken sind vorwiegend Ackerbauer, treiben aber auch Viehzucht und etwas Schiffahrt. Ihre Sprache nimmt die Bezeichnungen für die verschiedenen Abschnitte des Jahres von der Landwirtschaft her. So heißt der November der Saatmonat (Azilla), der Juni der Gerstenmonat (Garagarilla), der Juli der Weizenmonat (Garilla edo Uzteilla), der Oktober der Einsammlungsmonat (Bildilla), der Februar der Stiermonat (Zezeilla) und so weiter. Vom Sommer leitet man die Namen für den Frühling (Udaberri = neuer Sommer) und für den Herbst (Udazkena = letzter Sommer) ab. Bei der Ausübung des Ackerbaus haben die Basken noch einige ursprüngliche Arbeitsweisen bewahrt. So benutzen sie Karren ([Abb. 476]) mit mächtigen massiven Holzscheiben als Rädern, die sich zugleich mit der fest mit ihnen zusammenhängenden runden Achse drehen; den Aufbau dieser Karren bildet ein Kasten aus Brettern oder ein Rutengeflecht, die Deichsel läuft bis nach hinten durch. Beim Kochen von Flüssigkeiten, besonders von Milch, wenden die Basken das althergebrachte Verfahren der Steinkocherei an, das heißt des Hineinwerfens von glühend gemachten Steinen in einen mit der zu kochenden Flüssigkeit gefüllten Holztrog.
Abb. 463. Siebenbürgische Zigeuner vor ihren Wagenzelten.
Die Basken sind große Freunde von Tanz, Musik und Spiel. Der Nationaltanz, eine Art Haschtanz, hat allerdings schon vielfach den neuzeitigen europäischen Tänzen weichen müssen, dagegen haben sich die alten Musikwerkzeuge, mit denen er begleitet wurde, noch immer erhalten. Das Nationalspiel der Basken ist die Pelote, ein Ballspiel, das sich bei alt und jung großer Beliebtheit erfreut, so daß, wie man sagt, bei ihm der Baske Essen und Trinken vergessen kann. Es wird vor dem Fronton gespielt, einer breiten und hohen, oben mit einem Fangnetz gekrönten Mauer; von dieser läuft ein viereckiger Spielplatz aus, der links und rechts eingezäunt, an der Zugangseite aber offen ist ([Abb. 460]). Zwei Parteien, blau und rot, spielen gegeneinander. Ein Spieler wirft mit der Chistera ([Abb. 459]), einem aus starken Weidenruten hergestellten Wurfwerkzeug in Kahnform, an dessen hinterem Ende in einem dort angebrachten Ledersack die Hand fest eingeschnürt ist, einen Ball kräftig gegen den Fronton, während ein Spieler der Gegenpartei die Aufgabe hat, ihn im Rückflug oder nach dem ersten Aufprall vom Boden aufzufangen und seinerseits gegen die Mauer zu schleudern. Das Spiel erfordert ungemeine Geschicklichkeit.
Bei den Basken besteht noch die Auffassung, daß die Frau die Untergebene des Mannes sei, was auf mancherlei Art zum Ausdruck kommt. Bei der Trauung sagt der Priester zu den Brautleuten: „Mann und Frau sind wie die beiden Hände des Menschen, jener entspricht der rechten, kräftigeren, diese der linken, schwächeren Hand.“ Nach der Trauung bekleidet der Küster die Jungvermählten mit der Stola; während er sie aber dem Manne um die Schultern hängt, legt er sie der Frau auf den Kopf zum Zeichen ihrer Unterwerfung unter die Herrschaft des Gatten. Das männliche Wochenbett kommt heutigestags unter den Basken wohl nicht mehr vor; nach der, allerdings fraglichen, Annahme verschiedener Gewährsmänner soll es aber in vergangener Zeit unter den Basken bestanden haben. Dagegen ist erwiesen das Vorrecht der ältesten Tochter vor allen Söhnen in der Erbschaft, sofern sie älter als die Söhne ist und im elterlichen Hause verbleibt. Dies ist offenbar ein Überrest des Mutterrechts früherer Zeiten.
Abb. 464. Siebenbürgisches Zigeunermädchen.
An den kirchlichen Festen finden fast immer Kinderumzüge statt, bei denen gesungen und um Almosen gebettelt wird. In der Karwoche, wo die Kirchenglocken nicht läuten dürfen, machen die Kinder Lärm mit Knarren. Am Tage vor Ostern bringen sie Wasser und Feuer in die Kirchen, lassen den priesterlichen Segen darüber aussprechen und schaffen beides dann in die elterlichen Wohnungen, damit die Häuser vor Blitzschlag und Ungewitter verschont bleiben. Mit demselben geweihten Wasser besprengt man auch das Korn auf den Feldern, um es vor allerlei Schädlichkeiten zu schützen und sein Gedeihen zu fördern. Für noch wirksamer gilt das Wasser, das man in der Johannisnacht schöpft. In der dem San-Juan-Tage (24. Juni) vorausgehenden Nacht strömen die Leute aus dem gesamten Baskenlande nach Cambos und eilen mit dem Glockenschlage zwölf auf die Brunnen zu, um sich in gierigen Zügen so viel einzupumpen, als sie nur fassen können; denn je mehr sie sich davon einverleiben, um so besser leben sie im neuen Jahre. Auch schleppen sie in Kesseln und Krügen schwere Lasten des heilkräftigen Wassers mit sich, um ihre Lieben zu Hause desselben ebenfalls teilhaftig werden zu lassen. Am Johannistage selbst segnet der Priester Blumen, meist Lilien und Weißdorn, die später an den Haustüren angebracht werden, ebenfalls zu dem Zwecke, Unheil abzuwehren.
Von besonderen Begräbnisgebräuchen ist folgendes zu erwähnen. Kinder, die noch nicht der ersten Kommunion teilhaftig geworden waren, werden in offenem, weißem Sarge zum Friedhof gebracht, während Erwachsene in einem schwarzen, alte Jungfern in einem ebenfalls schwarzen, aber mit weißen Schleifen geschmückten Sarge beigesetzt werden. Alten Leuten wird ein geweihtes Hemd angezogen, das man im nächsten Kloster kauft. Wer gestorben ist, ohne gebeichtet zu haben, findet im Grabe keine Ruhe, sondern muß umgehen. Doch kann auch ein solcher noch den Eingang ins Himmelreich finden, wenn der unmittelbar vor ihm im Dorfe Verstorbene ein kleines Mädchen gewesen ist.
Aus: Buschan, Illustrierte Völkerkunde.
Abb. 465. Baske aus Guipuzcoa.
Die Zigeuner. Das „fahrende Volk“ der Zigeuner ist von einer gewissen Romantik umwoben. Bis vor etwa fünfzig Jahren wußte man nicht einmal, von wo sie herstammten. Bei ihrem ersten Erscheinen in Deutschland verbreiteten sie selbst die Fabel, daß ihre Vorfahren in Ägypten gesessen und die Eltern Christi auf ihrer Flucht dorthin nicht aufgenommen hätten, weswegen Gott sie verflucht und zu beständiger Wanderung, wie den Ewigen Juden, verdammt habe. Daraufhin galt als Heimat der Zigeuner bis etwa in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein allgemein das Pharaonenland; die englische (Gipsy), spanische (Gitano), ungarische (Pharaonenvolk) und ähnliche Bezeichnungen für sie gaben dieser vermeintlichen ägyptischen Herkunft auch Ausdruck. Die neueren Forschungen indessen, im besonderen solche sprachlicher Natur, haben zweifellos festgestellt, daß als Urheimat der Zigeuner Vorderindien anzusehen ist, wo in den Sümpfen des Indus und des Pendschab ihre Verwandten noch heute unter dem Namen Dschab hausen. Als deren und ihre gemeinsame Vorfahren bezeichnet die Wissenschaft die Zott. Die Körperbeschaffenheit der Zigeuner, die dem europäischen Typus, vor allem demjenigen der südländischen Bevölkerung sehr ähnelt, spricht dafür, daß die Zott den Indern, das heißt den Nachkommen europäischer Einwanderer (vermischt mit einheimischen Elementen) verwandt gewesen sein müssen. Der Zeitpunkt, wann die indischen Zott sich von ihren Stammesgenossen trennten und auf die Wanderschaft begaben, ist nicht mehr genau festzustellen. Nur das eine ist geschichtlich belegt, daß im fünften Jahrhundert nach Christus eine größere Anzahl Zott, etwa zwölftausend, auf Veranlassung des persischen Herrschers Bahram Gur aus Indien nach Persien kamen, damit sie die Einwohner dieses Landes im Lautenspiel unterrichteten. Demnach scheinen die Zigeuner bereits damals eine große Vorliebe für Musik gehabt zu haben, wie dies noch jetzt für sie zutrifft. Der persische Dichter Firdusi (um 1000 nach Christus) nennt diese Einwanderer Luri, und noch heute bezeichnet man die Zigeuner in Persien so.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 466. Eine finnische Braut
wird am Hochzeitsmorgen von ihren Freundinnen unter beiderseitigem Weinen begrüßt.
Von Persien aus überschwemmten die Zott zunächst die Ebene des Euphrat und Tigris, Armenien, wie überhaupt Kleinasien; hier blieben sie anscheinend längere Zeit ansässig. Darauf teilten sie sich. Die eine Gruppe setzte um die Mitte des neunten Jahrhunderts nach Europa über, wo sie zunächst auf der Balkanhalbinsel festen Fuß faßte, der Zug der anderen Gruppe richtete sich über Syrien nach Ägypten und Nubien bis nach dem Sudan und dem übrigen Nordafrika. Auf dem Balkan erfolgte wiederum eine Zweiteilung: ein Zug ging längs der Donau nach Ungarn, Böhmen, Polen, Finnland. Skandinavien, Deutschland und Spanien, ein anderer von Serbien aus über Slawonien nach Italien und Frankreich. Nicht einmal an den Grenzen Europas machten die Zigeuner halt, denn sie sind auch über das große Wasser nach Amerika gezogen. — In Deutschland tauchten sie im fünfzehnten Jahrhundert zum erstenmal auf.
Der Zigeunertypus ähnelt im allgemeinen dem des Südeuropäers. Mittelgroßer, schlanker Wuchs, meist länglicher Schädel, gerade Nase, breites bis ovales Gesicht, gelbbraune Hautfarbe, schlichtes, schwarzes Haar, reichlicher Bartwuchs von derselben Farbe und braune Augen ([Abb. 469] und [474]) kennzeichnen ihn. Unter den Frauen finden sich häufig wirkliche Schönheiten ([Abb. 464] und [477]).
In ihrer Tracht ([Abb. 469] und [475]), Ernährung und Religion schließen sich die Zigeuner im allgemeinen dem Volke an, unter dem sie als Schmarotzer leben. Teils sind sie ansässig, manchmal auch zwangsweise angesiedelt worden (wie auf dem Balkan und in Ungarn); sie wohnen dann in halb unterirdischen Lehmhütten dicht bei den Städten und Dörfern, seltener in eigenen Ortschaften. Teils führen sie ein Nomadenleben, sind auf beständiger Wanderschaft begriffen und hausen dann in Leinwandzelten oder auf ihren Wagen ([Abb. 463]). Ihre Gesellschaftsordnung ist eine patriarchalische. Die nomadisierenden Zigeuner beschäftigen sich zumeist mit solchen Gewerben, die sich im Umherziehen betreiben lassen; sie sind Kupferschmiede, Kesselflicker, Korbmacher, auch Schirmmacher und Schirmflicker, Bärenführer, Artisten, Gaukler, Seiltänzer und Pferdehändler. Die bereits ansässig Gewordenen bevorzugen den Pferdehandel und die Musik ([Abb. 470]). Besonders die ungarischen Zigeuner erfreuen sich als Musikanten einer großen internationalen Beliebtheit. Dabei kennen sie meistens keine Noten — die Zigeunermusik weist daher auch keine Musikliteratur auf —, spielen vielmehr alles aus dem Gedächtnis oder auch aus dem Stegreif. Die musikalischen Gedanken und Weisen pflanzen sich auf dem Wege der Überlieferung von einem Geschlecht zum anderen fort und werden unaufgeschrieben mit ängstlicher Treue bewahrt. — Die Darbietungen der Zigeuner sind durchweg solche instrumentaler Art, besonders im Geigenspiel sind sie wahre Meister. Der Gesang tritt bei ihnen stark in den Hintergrund. — Die Zigeunerweiber gehen, wo die Stämme ansässig sind, auf die Felder zur Bestellung und schleppen Holz herbei; ihre Hauptbeschäftigung besteht aber in Wahrsagen, Kartenschlagen und Traumdeuten. Mit bewunderungswürdiger Schlauheit verstehen sie es, ihren Opfern dabei Geld abzuschwindeln. Alle diese Beschäftigungen der Zigeuner sind indessen fast nur scheinbare; in Wirklichkeit gehen sie dem Diebstahl in den verschiedensten Formen nach und fristen auf diese Weise ihr Leben.
Im ganzen zählt man noch etwa eine halbe Million Zigeuner auf der Erde, von denen gut drei Viertel auf Südosteuropa kommen.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 467. Finnischer Hochzeitsbrauch.
Ehe die Braut das elterliche Haus verläßt, wird ein an einem Tuche befestigtes Heiligenbild über sie gehalten.
Obwohl dem Namen nach Christen beziehungsweise Mohammedaner, verharren die Zigeuner durchweg noch in krassem Aberglauben. Eine große Rolle spielen dabei die Urmen oder Schicksalsfrauen, denen ein Haupteinfluß auf das menschliche Leben zugeschrieben wird. Die Urmen sind „ausgereifte Baumseelen“ und leben unter der Oberhoheit einer Königin in unzugänglichen Schluchten hoher Gebirge, und zwar in Palästen, die aus Gold und Silber erbaut sind. Man stellt sie sich als weibliche Wesen von ungewöhnlicher Schönheit vor, solange sie jungfräulich bleiben, ausgestattet mit zwei Flügeln, vermöge deren sie durch die Lüfte ziehen können. Solange sie sich mit keinem Manne eingelassen haben, bleiben sie, wie gesagt, jung und schön; nach etwaigem Verkehr mit einem männlichen Wesen aber gebären sie sogleich drei Urmen auf einmal, verwandeln sich in alte Weiber, werden als ehrlos von der Königin verstoßen und ziehen sich in einsame Hütten zurück. Von den drei Urmengeschwistern ist die eine ein böses, schlechtes Wesen, die beiden anderen dagegen gute. Jene sucht das Schicksal des Menschen zum Schlechten zu wenden; die beiden guten Urmen dagegen sind die Beschützerinnen der Menschen und Tiere und haben jede unter den Menschen sieben Lieblinge, denen sie Hilfe und Schutz angedeihen lassen, und ebensoviele Tiere. Eine andere Art von Schicksalsfeen sind die Keshalyi oder Waldgeister, die im Hochgebirge auf Felsvorsprüngen sitzen und ihr oft meilenlanges Haar in die Täler wallen lassen, wodurch sich die Entstehung des Nebels erklären soll. Ihr Verhältnis zu den Menschen ist ein ähnliches wie das der Urmen. Außer den genannten Naturgeistern verehren die Zigeuner noch eine ganze Reihe anderer Dämonen, wie die Niwaschi oder Wassergeister, die Pçuvusche oder Erdmenschen, Riesen und Zwerge, Jiuklanusche oder Hundemenschen und verschiedene Krankheitsdämonen.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 468. Das Kyykkaspiel der Finnen.
Es ähnelt etwas unserem Kegelspiel, insofern es darauf ankommt, mit dicken Knüppeln die in einer Reihe aufgestellten walzenförmigen Holzstücke der Gegenpartei vom Platze zu bringen.
Phot. Topic, Sarajevo.
Abb. 469. Bosnischer Zigeuner (Pferdehändler).
Dem Einfluß der bösen Geister sucht man auf alle nur mögliche Weise zu begegnen, durch Opfer, Amulette, Beschwörungen und manches andere. Bevor man die Zelte zur neuen Wanderung abbricht, umreitet man dreimal das Lager, um die bösen Geister zu bannen. Aus demselben Grunde speit man dreimal in das Wasser, wenn man auf der Wanderung eine Brücke überschreitet. Erwachsene tragen häufig Stechapfelsamen als wirksames Abwehrmittel in den Schuhen bei sich, um bei wichtigen Unternehmungen Glück zu haben, hängen sich kleine aus Lindenholz, gleichfalls einem kräftigen Zaubermittel, geschnittene Täfelchen auf den bloßen Leib, um vor ansteckenden Krankheiten bewahrt zu bleiben, schlingen sich eine aus Eselshaaren geflochtene Schnur um den linken Oberschenkel, um bei Frauen Glück zu haben, und wenden noch eine ganze Reihe ähnlich gearteter Maßnahmen an. Helferinnen erstehen den Menschen in den Zauberfrauen. In erster Linie sind diese ihnen sowie den Tieren nützlich als Heilkünstler, denn sie gelten als mit besonderen Kenntnissen und Kräften ausgestattet, um das Schlechte, die Krankheitsdämonen, aus dem Körper zu vertreiben. Hiervon abgesehen, verstehen sie sich aber auch darauf, das Gelingen eines Unternehmens zu fördern, Liebe und Haß zu entfachen, die Seele des Menschen zu „binden und zu lösen“, das Wetter zu regeln, das Bild der Zukünftigen herbeizuzaubern, die Toten zu bannen und dergleichen. Ihre übernatürlichen Kräfte werden meistens vererbt und von den älteren Zauberfrauen bei den dafür Begabten weiterentwickelt. Aber auch durch geschlechtlichen Verkehr mit den Wassergeistern (Niwaschi) oder Erdmenschen (Pçuvusche) kann man zur Zauberin werden.
Totenwache, ein Brauch bei den spanischen Zigeunern.
Nach dem Gemälde von J. M. Lopez-Mezquita.
Die Zauberfrauen sind auch bei der Geburt zugegen, um diese durch Gebete und andere Mittel zu fördern. Kinder sind ein unbedingtes Erfordernis der Ehe. Ein kinderloses Weib wird verachtet; man behauptet von ihm, daß es vor der Ehe ein Liebesverhältnis mit einem Vampir gehabt habe. Mancherlei Aberglaube beeinflußt das Leben einer Schwangeren. Frauen, die sich in anderen Umständen befinden, tragen Bärenklauen am Gürtel; sie müssen ihn, wenn sie einen Regenbogen erblicken, diesem zuschwenken, damit das Kind schön werde.
Phot. Berl. Illustrat.-Ges. m. b. H.
Abb. 470. In einem serbischen Zigeunerdorf.
Die Musik kommt.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 471. Finnischer Hochzeitsbrauch.
Der Braut wird das Haar gelöst.
Naht die Geburtsstunde, so löst man an den Kleidern der Kreißenden und an denen ihrer Umgebung alle Knoten. Ferner wird vor dem Zelt ein Feuer angefacht, um die bösen Geister abzuschrecken; die Weiber, denen diese Pflicht obliegt, speien dreimal in die Flamme, rufen dabei: „Komm, gute Urme, und hilf!“ und murmeln dann noch weitere Sprüche; bei den siebenbürgischen Zigeunern läßt man dieses Feuer bis zur Taufe brennen. Um die feindlich gesinnten Dämonen zu verscheuchen, ziehen die Zeltzigeuner um Mutter und Kind einen kreisförmigen Ring, innerhalb dessen Stechapfelsamen ausgestreut wird. Die Balkanzigeuner stellen zu Häupten der Mutter einen Napf mit in Honig gekochter Hirse oder Weizen auf und stecken drei Löffel in den Brei, damit sich die Urmen daran laben können; zuweilen stellen sie auch drei Stückchen Speck und drei Gläschen Schnaps bereit. Darauf müssen sich alle Leute aus dem Zelte oder der Hütte und ihrer allernächsten Nähe entfernen. Nur die Zauberfrau bleibt vor dem Zelte, in dem Mutter und Kind liegen; hier sitzt sie und murmelt Gebete bis zur Morgendämmerung. Außer ihr ist es nur äußerst selten den Menschen vergönnt, die Urmen zu sehen; so zum Beispiel ist dazu nur die siebente Tochter in einer durch keinen Knaben unterbrochenen Mädchenreihe imstande, und umgekehrt sogar nur der neunte Sohn in einer durch kein Mädchen unterbrochenen Knabenreihe. — Gegen Mitternacht nach der Geburt des Kindes erscheinen dann die drei Urmen und bestimmen das zukünftige Geschick des neuen Weltbürgers. Die erste bestimmt die Zahl der Lebensjahre des Kindes und seine dereinstige Todesart, die zweite, ob es reich oder arm, in der Ehe glücklich oder unglücklich werden soll, und die dritte endlich sucht die Wünsche ihrer Schwestern zu entkräften.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 472. Bei den Finnen bleibt nach der Hochzeit die Mutter der Braut weinend im Hause zurück,
obwohl die Hochzeitsgesellschaft sie auffordert, sich ihr anzuschließen.
Verläßt die Wöchnerin ihr Lager, so muß sie, falls sie einen Sohn geboren hat, zwischen einem entzweigeschnittenen Hahn, wenn eine Tochter, zwischen einer entzweigeschnittenen Henne hindurchgehen, worauf das betreffende Tier von den Frauen verzehrt wird. Bei ihrem ersten Ausgang muß sie ihr Kind auf die Erde legen und dreimal darüber hinweg- und wieder zurückschreiten, damit es nicht geistersichtig werde; hierauf hebt der Vater es von der Erde auf, wobei er ihm einen roten Faden um den Hals hängt, um es dadurch öffentlich als sein eigenes anzuerkennen.
Schon frühzeitig regt sich bei den jungen Leuten die Liebe. Die Liebespoesie nimmt einen breiten Raum im Leben der Zigeuner ein. Zahlreich sind auch die Geheim- und Zaubermittel, durch die ein Verliebter die Gunst des Gegenstandes seiner Liebe zu erreichen sucht. Will ein junges Mädchen einen Mann an sich fesseln, dann sucht es zum Beispiel eine Weidenrute mit Knoten, da man diese als von Feen geschlungen ansieht, schneidet diese Knoten ab und steckt sie in den Mund, worauf es die Worte spricht: „Dein Glück esse ich, dein Glück trinke ich; dafür gebe ich dir mein Glück, du bist nun mein.“ Schließlich muß es die Knoten noch unbemerkt in das Lager der geliebten Person stecken.
Phot. J. K. Inha.
Abb. 473. Ein Widderopfer der Karelier (Vinchjavoi).
Am 27. August opfern die Karelier zu Ehren des heiligen Nikolaus einen Widder. Vor dem Gebetshause wird dem Tiere die Kehle durchschnitten und sein Blut in einer Röhre aufgefangen, die man später versiegelt.
Hat ein junger Zigeuner die Absicht, zu heiraten, so kauft er sich ein Tuch und hängt es an das Zelt seiner Auserwählten. Wenn diese es an sich nimmt, so gibt sie damit ihr Einverständnis zu verstehen. Natürlich muß auch die Zustimmung der Eltern des Mädchens eingeholt werden, was durch Darbringung von zahlreichen Geschenken erreicht wird. Die Zigeunerheirat ist nämlich ein richtiger Kauf, insofern der Bräutigam den Eltern seiner Auserwählten eine bestimmte Summe zu zahlen hat, deren Höhe sich vielfach nach der Schönheit des Mädchens richtet.
Um zu erfahren, ob die Ehe fruchtbar sein wird, begibt sich das Brautpaar eine Woche vor dem Hochzeitstage nachts an das Ufer des nächstgelegenen Flusses und stellt hier zwei brennende Kerzen auf. Löscht der Wind eine derselben aus, dann gilt dies als böses Vorzeichen; die Brautleute beeilen sich in diesem Fall, Äpfel und Eier ins Wasser zu werfen, um die bösen Wassergeister zu besänftigen.
Die Einladung zur Hochzeit pflegt der Zigeunerbursche persönlich zu überbringen; in Begleitung von mehreren Musikanten begibt er sich von Zelt zu Zelt und trägt seine Einladung unter Musikbegleitung singend und tanzend vor. Dabei ist er unter anderem durch einen mit Bändern verzierten Haselstock gekennzeichnet, der das junge Paar vor dem Einfluß der bösen Wassergeister (Niwaschi) bewahren soll. Während der Bräutigam die Pflicht der Einladung erfüllt, verbrennt die Braut nächtlicherweile an einem Kreuzweg ihre sogenannten Glücksträußchen, damit sie keinem anderen Mädchen in die Hände fallen, wodurch das Herz des Verlobten abwendig gemacht werden könnte. Die Glücksträußchen sind Gnaphaliumblüten, die die jungen Mädchen alljährlich in der Johannisnacht sammeln und, zu kleinen Sträußchen gebunden, unter ihren Habseligkeiten aufbewahren, damit sie ihre Besitzerin vor Krankheit und Schande schützen.
Drei Tage vor der Hochzeit findet eine Vorfeier statt, zu der die Stammesgenossen zusammenkommen; die Brautleute tauschen dabei bunte Tücher oder Ringe aus. Bei einigen Stämmen holen die Weiber am letzten Tage vor der Hochzeit junge Bäume aus dem Walde, die sogenannten Glückstangen, und stellen sie vor der Wohnung des Bräutigams auf, damit seine Liebe zu seiner Auserwählten in Zukunft „holzfest und immergrün“ erhalten bleibe, er muß sie für diese Aufmerksamkeit mit Branntwein belohnen. Schon am frühen Morgen des Hochzeitstages finden sich die Gäste vor dem Zelte ein und bringen dem Brautpaar allerlei Geschenke dar, meist in Gestalt von Eßwaren und Getränken, aber auch von hauswirtschaftlichen Gegenständen und Geld. Darauf begeben sich alle Teilnehmer unter Vorantritt von Musikanten, aber zunächst ohne Sang und Klang, in festlichem Zuge in die Kirche. Zuerst der Bräutigam, umgeben von den Burschen und Männern, darauf in bestimmter Entfernung die Braut in Begleitung der Frauen und Mädchen sowie eines einzigen, und zwar des ältesten Burschen, der aufzupassen hat, daß die Braut nicht entführt werde. Ist er dabei nachlässig, so muß er einen Teil der Hochzeitskosten tragen. Nach der Trauung begibt sich der Zug unter Gejohle und Musizieren wieder zum Zeltlager zurück. Hier angekommen, wird das junge Paar mit Nüssen beworfen, früher auch mit Hirse, mit Wasser begossen und dann mit einem Beutel aus Wieselfell, der Stechapfelsamen enthält, abgerieben, was gegen Unglück und bösen Blick schützen soll; beim Betreten des Zeltes werden ihm Schuhe und Stiefel nachgeworfen, was die Fruchtbarkeit steigern soll, und so fort.
Phot. Topic, Sarajevo.
Abb. 474. Bosnischer Zigeunerjunge.
Krankheit wird von den Zigeunern bestimmten Dämonen zugeschoben, gegen die man eine Zauberfrau zu Rate zieht. Diese sucht sich mit dem Kranken sofort in magische Beziehung zu setzen, indem sie dessen verschiedene Körperstellen mit einem Säckchen voll Stechapfelsamen reibt und den Dämon herbeiruft, daß er ihr das Heilmittel verrate. Hat das Eingreifen der Zauberfrau keinen Erfolg, so bereitet man sich und den Toten auf dessen letztes Ende vor. Man bringt ihn samt seinem Hab und Gut vor das Zelt, damit, wenn sein letztes Stündchen wirklich schlagen sollte, die Seele den Körper ruhig verlassen könne und nicht an irgendeinem Gegenstand des Toten haften bleibe, denn dafür würde sie später schwere Rache an den Hinterbliebenen nehmen. Bei verschiedenen Stämmen ist es auch Sitte, die Fußsohlen des Sterbenden durch einen weißen Hund belecken zu lassen.
Abb. 475. Türkische Zigeuner.
Nach einem Gemälde von H. Larwin.
Nach dem Eintritt des Todes wird die Leiche mit Salzwasser gewaschen. Mit diesem Abwaschwasser tränkt man später das Vieh, damit es gut gedeihe. Nach dem Waschen wird die Leiche ins Freie geschafft, falls dies nicht schon vorher geschehen sein sollte. Der Weg wird dabei aber nicht durch die übliche Eingangstür genommen, sondern an einer anderen Stelle nach Aufheben der Zeltwand oder durch die Fensteröffnung. Im Freien erfolgt dann die Aufbahrung der Leiche. Gleichzeitig stimmen die Weiber Klagelieder an, die je nach dem Geschlecht des Verstorbenen verschieden ausfallen und eines poetischen Schwunges nicht entbehren. Neben die aufgebahrte Leiche setzen die Stammesgenossen Speisen und Getränke, die später von ihnen verzehrt werden. Bei dieser Totenfeier kommt es vielfach zu wüsten Orgien (siehe die [Kunstbeilage]).
Phot. Hauser y Menet, Madrid.
Abb. 476. Baskischer Ochsenkarren (San Sebastian).
Nach dreitägiger Aufbahrung wird der Tote außerhalb der Ansiedlung beerdigt. Sobald das Grab zugeworfen ist, häufen die Frauen alle von dem Verschiedenen benutzten Sachen um den Grabhügel auf und verbrennen dieselben; anderenfalls würde die Seele des Toten wiederkehren, um dessen Verwandte zu quälen und sein Eigentum von ihnen zurückzufordern. Außerdem soll das Feuer die Seele bei ihrer Wanderung durch kalte Gegenden ins Totenreich erwärmen. Ehe nicht das Fleisch von den Knochen abgefault ist, kann die irrende Seele dieses nicht finden. Auf dem Wege dorthin, der recht beschwerlich und gefährlich ist, muß sie unter anderem an sieben Bergen vorbeiziehen, die miteinander streiten, gegen eine den Weg verteidigende Schlange ankämpfen und gegen einen eisigen, schneidenden Wind marschieren. Um die Lebenden gegen den etwa zurückkehrenden Geist zu schützen, umgab man früher das Grab noch mit Dornen.
Phot. Dr. Buschan.
Abb. 477. Bosnisches Zigeunermädchen.
Den Namen eines Verstorbenen nennt man nur noch einmal, und zwar am siebenten Tage nach der Beerdigung. An diesem entfernen sich nämlich die nächsten Anverwandten des Verstorbenen mit Einbruch der Nacht von den Zelten, rufen den Toten mit Namen und machen ihm klar, daß er für ewige Zeiten aus der Welt geschieden und kein Mensch mehr sei; er möge daher mit seinem Schicksal zufrieden sein und nicht mehr daran denken, zu seinen Angehörigen zurückzukehren oder als Geist sein Unwesen zu treiben.
Von da an wagt man den Namen eines Verstorbenen nicht mehr auszusprechen.