§. 100.
Eben so wenig kan man daher, wenn unser Schertz getadelt wird, und keinen Eindruck bey andern verursacht, auf den Frost desselben einen unbetrüglichen Schluß machen. Ich habe schon bemerckt, daß ein frostiger und ungeschliffener Kopf, den schönsten Schertz ohne Rührung, anhören und ihn tadeln wird. Aus diesem Tadel darf man sich so wenig machen, daß man ihn vielmehr als ein Zeichen der Schönheit unsers Schertzes anzusehen hat. Es kan jemand aus Feindschaft, Verachtung unserer Person, Neid, und Tadelsucht unsere Einfälle tadeln, und sich mit Gewalt zwingen nicht zu lachen, sondern sein Vergnügen über den Schertz zu verheelen und zu ersticken. Ich weiß selbst nicht woher es kommt, daß der Neid fast eine Erbsünde vieler feurigen Köpfe zu seyn scheint. Ein witziger Kopf wird viel Mühe nöthig haben, einen sinnreichen Einfall an andern zu loben. Ich rede nur von solchen aufgeweckten Köpfen, die ausserdem nicht eben gar zu grosse Vollkommenheiten besitzen. Ja es kan auch ein geistreicher Kopf, der in keinem dieser angeführten Fehler steckt, manchmal viel zu ernsthafte und verdriesliche Gedancken haben, als daß er die Schönheit eines feurigen Schertzes zu mercken vermögend seyn solte. So wenig man beständig zu schertzen aufgelegt ist, so wenig ist man zu allen Zeiten im Stande, durch einen glücklichen Schertz gerührt zu werden. Ja endlich kan die Verschiedenheit des Geschmacks Ursach seyn, warum andere unsere Schertze nicht für schön halten.
Laudatur ab his culpatur ab illis.
Hor. Sat. L. I. Sat. II.
Mich dünckt, ich habe überflüßig dargethan, daß ein Schertz sehr feurig seyn könne ob er gleich von andern getadelt wird, und keinen mercklichen Eindruck bey andern macht. Wenn aber ein Mensch von grossem Witze, Scharfsinnigkeit, und Beurtheilungskraft, der gantz unpartheiisch ist, unsern Schertz ohne Rührung anhört und ihn verachtet, so ist der Schluß überaus wahrscheinlich, daß der Schertz mat, unglücklich und frostig sey. Noch viel behutsamer muß man seyn, wenn man von seinem eigenen Urtheile, über seine eigene Einfälle, einen Schluß auf ihre Häßlichkeit oder Schönheit machen will. Eitelkeit und Eigenliebe verblenden uns, daß wir unsere eigene Fehler nicht mercken, und unsere Vollkommenheiten durch ein Vergrösserungsglas betrachten. Niederträchtigkeit stelt uns häßlicher, in unsern eigenen Augen, dar, als wir in der That sind. Es sind demnach Uebereilungen, wenn man gerade zu schliessen wolte: Mein Spaß der mir gefält ist feurig, und der mir mißfält ist frostig. Wer aber seinen Geist über die Schwachheiten der Eitelkeit und Niederträchtigkeit erhoben hat, wer ein feuriger Kopf ist, und einen feinen Geschmack hat, der kan diese Schlüsse mit vieler Wahrscheinlichkeit machen. Nur muß er sich hüten, daß das auch keine Frucht einer schmeichelnden Eigenliebe sey, wenn er sich selbst für einen erhabenen, feurigen und feinen Geist hält.