b) Deutsche Form.

Wichtiger ist die Weiterentwickelung des Stoffes in Deutschland. Hier tritt uns die Sage in ausführlichem Berichte erst im 12. Jahrhundert, also ziemlich spät, entgegen. Wie sie sich bis dahin entwickelt hat, das läßt sich zwar natürlich an den verschiedenen Veränderungen, die eingetreten sind, wohl erkennen, aber die zeitliche und örtliche Bestimmung der Neuerungen ist nicht leicht. Einigermaßen unterstützt werden wir durch einen Bericht, der Ereignisse des Jahres 1131 zum Gegenstande hat. Damals wollte der dänische Königssohn Magnus seinen Vetter Knut Laward, den König der Wenden und Herzog von Schleswig, auf verräterische Weise ermorden. Er sandte einen sächsischen Spielmann, namens Siward, also einen fahrenden Sänger, der nach der Überlieferung für einen in seiner Kunst wohlerfahrenen Mann galt, zu Knut Laward und ließ ihn freundlich zu sich einladen. Knut leistete ohne jeden Argwohn Folge. Dem Sänger war bekannt, was Knut bevorstand, aber er war durch einen heiligen Eid gebunden, den Plan nicht zu verraten. Da Knut ihn dauerte, so versuchte er, ihn auf Umwegen auf das drohende Unheil aufmerksam zu machen: er trug ihm das Lied von der allgemein bekannten Treulosigkeit der Grimilda gegen ihre Brüder dreimal vor, also eine Geschichte, die dem im Augenblicke des Vortrags sich entwickelnden Schicksal ganz parallel verläuft. Auf diesem Wege versuchte also Siward den König Knut zu retten, aber ohne Erfolg: der Mord gelang am 7. Januar 1131. Für uns ist interessant, daß hier die Geschichte von Grimildas Treulosigkeit gegen ihre Brüder erwähnt und als allgemein bekannt hingestellt wird. Das paßt nicht mehr zur alten Form der Sage, sondern nur zu der neuen, wie sie uns demnächst in süddeutscher Darstellung entgegentritt. Wir lernen hier die Existenz dieser jüngern Sagenform in Norddeutschland kennen, denn es ist ein sächsischer Spielmann, der den dänischen Fürsten zu retten versucht.

Daraus folgt, daß die Umbildung der Sage, die darin besteht, daß nicht mehr Attila, sondern Grimhild die Treulosigkeit gegen die burgundischen Brüder begeht, um ihren ersten Gatten Siegfried an ihnen zu rächen, noch vor der Übertragung der Sage nach Süddeutschland, also wohl noch am Niederrhein vor sich gegangen sein muß. Sie ist natürlich hauptsächlich durch innere Gründe verursacht: man wollte die beiden Teile, die ursprünglich so lose nur zusammenhingen, innerlich aneinanderschließen. Die Neuerung dürfte nach oberflächlicher Schätzung um das Jahr 900 oder bald nachher durchgeführt worden sein, weil die Überführung des Stoffes nach Bayern wohl noch ins 10. Jahrhundert fällt. Die neue Fassung trägt zugleich modernerer Gesittung Rechnung: bisher stand die Erzählung auf dem altgermanischen, etwas urzeitlich anmutenden Standpunkte, daß Blutrache die erste Pflicht sei, daß also die Pflicht der Schwester, ihre Brüder zu rächen, größer sei, als die Pflicht ihrer Treue gegen den Gatten; nunmehr, in modernerer Zeit, stellte man die Gattenpflicht an die erste Stelle und ließ die Blutrache in alter Form fallen.

Mit dieser Änderung ist nun eine Tatsache, die in der Geschichte feststeht und als Ausgangspunkt für die Sage anzusehen ist, aus dieser selbst verschwunden. Von dem Augenblicke an nämlich, wo Grimhild ihren ersten Gatten an ihren Brüdern rächt, fallen ja ihre Interessen mit denen ihres zweiten Gatten Attila zusammen; Grimhild und Attila sind jetzt einig und führen gemeinsam den Untergang der Burgunden herbei. Dann liegt aber für Grimhild keine Veranlassung mehr vor, den Attila zu töten. Die Folge davon ist, daß dieser übrig bleibt.

An dieser Entwickelung erkennt man recht, wie die Sage arbeitet: sie geht teilweise vom Tode Attilas aus, hat sich aber nach mehreren hundert Jahren so verschoben, daß sie von diesem ihrem Ausgangspunkte nichts mehr zu erzählen weiß. Hier, an einem Beispiel, das wir doch leidlich genau verfolgen können, ist ganz deutlich zu sehen, wie der Ausgangspunkt der Sage infolge ihrer Entwickelung schließlich wieder aus ihr hinausgebracht wird. Wenn das möglich ist, so wird noch vieles andere möglich sein, so wird es vor allen Dingen auch möglich sein, den ersten Teil unserer Nibelungensage aus der fränkischen Königsgeschichte abzuleiten, von der man nur Einzelheiten, besonders Namen und Motive, zur Vergleichung heranziehen kann, nicht aber den ganzen innern Zusammenhang.

Die Folge davon, daß Attilas Tod nun auf einmal nicht mehr erzählt wird, ist eine Neudichtung, die in Süddeutschland unbekannt geblieben ist, also wahrscheinlich in Norddeutschland erst entstanden ist, nachdem die Nibelungensage bereits nach Süddeutschland gewandert war: ich meine die allein in der Thidrikssaga berichtete Geschichte von Hagens nachgeborenem Sohne Aldrian, der durch Attilas Ermordung der Gesamterzählung wieder einen vollen Schluß verschafft. Ihre Entstehung war natürlich erst möglich, nachdem Attilas Tod aus der Erzählung durch die moderne Entwickelung derselben ausgeschaltet worden war.

Nach Süddeutschland ist unsere Sage wahrscheinlich im 10. Jahrhundert gewandert. Darauf weist die merkwürdige Einmischung einer historischen Person jener Zeit hin, die an der Oberfläche klebt: Bischof Pilgrim von Passau (er war im Amte 971–991) gilt im Nibelungenliede für einen Zeitgenossen der Nibelunge und Mutterbruder der burgundischen Könige; nach der „Klage“, dem mehrerwähnten Anhang zum Liede, hat er den ganzen Verlauf der großen Begebenheiten durch seinen Schreiber Konrad in lateinischer Sprache aufzeichnen lassen. Diese letztere Nachricht wird wahrscheinlich richtig sein; sie ist an sich historisch ganz einwandfrei; ist sie richtig, so versteht man, wie Pilgrim in die Sage gelangte: der Klagedichter, dem Konrads Werk bekannt war, machte den Bischof und seinen Schreiber zu Zeitgenossen der Ereignisse, um die Glaubwürdigkeit des Berichtes zu erhöhen. Wenn aber ein Passauer Bischof um das Jahr 980 die Nibelungensage aufzeichnen lassen kann, so bedeutet dies, daß sie damals in Bayern zwar bereits bekannt, aber noch nicht geläufig war; sonst hätte man nicht Wert darauf gelegt, daß sie aufgeschrieben würde. Man bedenke, wie die eigentlich süddeutsche Sage, die von Dietrich und seinen Helden, jederzeit einfach als dem Publikum bekannt vorausgesetzt wird; dann wird man zu dem Wahrscheinlichkeitsschlusse kommen, daß zu Pilgrims Zeiten die niederdeutsche Nibelungensage eben erst in Bayern bekannt geworden und eben deshalb als der Aufzeichnung durch Pilgrims Schreiber Konrad wert befunden worden war.

Eine Folge dieser Verpflanzung der Sage auf einen ihr ursprünglich fremden Boden ist die in dem Namen der einen Hauptheldin eingetretene Veränderung: sie hieß ursprünglich zweifellos Grîmhild, in welcher Form der Name etymologisch durchsichtig ist; grîma bedeutet Larve, Maske, Helm. Den Süddeutschen waren Wort und Name nicht geläufig; sie verstümmelten letztern infolgedessen, wie man so häufig ein nur mit dem Ohre aufgenommenes Fremdwort verstümmelt, zu Krîmhilt oder Kriemhilt. Der unrichtige Anlaut und das Schwanken des Vokals im ersten Teile der Zusammensetzung geben somit ebenfalls davon Zeugnis, daß die Sage in Süddeutschland ursprünglich fremd und erst verhältnismäßig spät eingeführt ist.

Noch ein zweiter Name ist vermutlich bei dieser Überführung in gewissem Sinne verstümmelt worden: Gernot; hochdeutsch könnte er schwerlich etwas anderes als ein Frauenname sein, weil „nôt“ ein Feminin ist; versteht man ihn aber niederdeutsch, so gibt er den Sinn „Schwertgenoß“ und müßte hochdeutsch Gernoz heißen; er dürfte also bei der Überführung der Sage nach Süddeutschland seine niederdeutsche Form beibehalten haben.

In Oberdeutschland hat sich die Sage nun begreiflicherweise selbständig weiter entwickelt. Augenscheinlich ist sie gar nicht vollständig dahin gelangt, wenigstens fehlt jede Kunde von Siegfrieds Vorfahren, sowie von seinem ursprünglichen Verhältnis zu Brünhilt, während die von seiner Jugendzeit äußerst dürftig ist. Die Erzählung beginnt damit, daß Siegfried um Kriemhilt freit und dann Brünhilt für seinen Schwager gewinnt. So reich ausgestattet ursprünglich und noch in nordischer Fassung der erste Teil des Stoffes war, so gering ist sein Kern in der deutschen; ritterliche Füllung hat ihn im Liede freilich wieder verbreitert. Dafür hat sich der zweite Teil reich entfaltet und zwar hauptsächlich dadurch, daß er als Episode in die Dietrichsage eingetreten ist; da die Burgunden infolge verräterischer Einladung am hunnischen Hofe zugrunde gehen, muß Dietrich, der nach süddeutscher Auffassung damals dort als Verbannter lebt, mit den Ereignissen zu tun haben; ihm wird die Entscheidung in dem großen Kampfe gegen die Burgunden zugewiesen.

Wenn es auch zu weit führen würde, Ursprung und Entwicklung der Dietrichsage an dieser Stelle in allen Einzelheiten zu besprechen, so erscheint doch eine Darstellung in großen Zügen geboten.

Im vierten Jahrhundert saßen die Goten in Dacien (etwa Rumänien und Siebenbürgen) und längs der Nordküste des Schwarzen Meeres bis zum Don. In diesen Gegenden begründete der Amaler Ermanarich (deutsch Ermenrich) ein großes gotisches Reich, das seine Macht weit über das heutige innere Rußland erstreckte. Um das Jahr 370 erlag diese Macht dem plötzlichen Ansturm der Hunnen, eines Volkes türkischen Stammes aus dem innern Asien; König Ermanarich, schon hochbejahrt, kam dabei zu Tode. Der gotische Geschichtschreiber Jordanes weiß um 550 von seinem Tode Einzelheiten zu erzählen, die zwar schlecht beglaubigt, aber an sich nicht unwahrscheinlich sind und sich inhaltlich mit dem vorhin [S. 27 f.] dargestellten dritten Teile der Nibelungensage nordischer Form nahezu decken: das treulose Volk der (sonst unbekannten) Rosomonen versucht den Einbruch der Hunnen zur eigenen Befreiung zu benutzen; Ermanarich läßt Suanihilda, eine Frau aus diesem Volke, für den heimtückischen Abfall ihres Mannes[45] von wilden Pferden zerreißen, wird aber dafür von ihren Brüdern Sarus und Ammius (Sorli und Hamdir in der Lieder-Edda) tödlich verwundet. Die Erzählung dürfte auf Tatsachen beruhen; sie ist geraume Zeit vor der Entstehung der übrigen gotischen Sagen, also etwa um 500, nach dem Norden gelangt[46] und hier schon im 9. Jahrhundert (vgl. [S. 90]) dadurch an die Nibelungensage angeschlossen worden, daß man Suanihilda und ihre Brüder zu Kindern der Gudrun gemacht hat. Vermutlich spielte die Mutter der untergegangenen Geschwister schon vor dieser Vereinigung in der Erzählung eine Rolle, die es nahelegte, sie mit Gudrun gleichzusetzen; darauf weist wenigstens die Art hin, wie der dänische Geschichtschreiber Saxo Grammaticus um 1200 die Ermanarich-Sage (ohne ihre Verbindung mit der Nibelungensage zu berücksichtigen) in seine dänische Geschichte aufgenommen hat.

Der Einbruch der Hunnen trennte die Goten in westliche, die auf römisches Gebiet übertraten und uns hier nichts mehr angehen, und östliche, die unter hunnischer Hoheit zurückblieben und nach wie vor Könige aus dem Amalerhause hatten. Diese Ostgoten bildeten mit andern Germanenvölkern zusammen den eigentlichen Kern der hunnischen Macht; ihre Führer waren die ersten Helden des Großkönigs. Als solcher herrschte 444–453 Attila, nachdem er seinen Bruder und Mitherrscher Bleda beseitigt hatte. Dieser Attila hat bei den westlichen Germanen das Andenken eines wilden Eroberers hinterlassen; ganz anders bei den östlichen: sie erinnern sich seiner als eines mächtigen, aber gnädigen Herrschers. Unter seinen vielen Frauen ragt in der Geschichte die Kerka oder Rheka (richtig vermutlich Cherka) hervor, die in der Sage als Herche oder Helche lebendig geblieben ist. — An der Spitze der Ostgoten standen zu Attilas Zeit drei amalische Brüder, deren einer Theodemer (deutsch Dietmar) hieß.

Nach Attilas plötzlichem Tode (vgl. [S. 69]) zerfiel sein Reich; die Ostgoten traten auf das rechte Donauufer in oströmischen Bereich über. Theodemer war schließlich ihr alleiniger König und vererbte diese Stellung 481 auf seinen Sohn Theodorich (deutsch Dietrich), der sich den Beinamen des Großen verdiente.

Inzwischen hatte sich 476 in Italien ein germanischer Fürst namens Odoaker (deutsch Otacker) der Herrschaft bemächtigt. Ihn zu beseitigen und zugleich die Sorge vor den Ostgoten, die fortgesetzt die Sicherheit Konstantinopels bedrohten, loszuwerden, übertrug Kaiser Zeno 489 dem Theodorich und seinem Volke die Aufgabe, Italien dem Reiche zurückzuerobern, um es dann als römische Bundesgenossen zu bewohnen und zu beherrschen. Theodorich schlug Odoaker in mehreren Schlachten und belagerte ihn schließlich drei Jahre lang in dem festen Ravenna, wo damals (seit Honorius) der Regierungssitz Italiens sich befand; 493 gelangte die Stadt in Theodorichs Gewalt, Odoaker wurde getötet. Als Beherrscher Italiens hat nun Theodorich lange Zeit die führende Rolle unter den westeuropäischen Germanenkönigen gespielt, ja, dieselben durch Heiraten zu einer großen Familie zu vereinigen gesucht, deren Haupt er selbst sein wollte. Dabei war sein Bestreben, Kriege zu vermeiden und Streitigkeiten auf friedlichem Wege zu schlichten — ein Charakterzug, der dem Dietrich der Sage insofern noch anhaftet, als auch dieser nur, wenn es ganz unvermeidlich ist, zum Schwerte zu greifen pflegt.

526 ist Theodorich gestorben; damit brach sein System zusammen. Auch der Ostgotenstaat war nicht von Dauer: bereits 540 geriet Ravenna wieder in römische Gewalt, und 553 vernichtete Narses den letzten Gotenschwarm, der noch zusammenhielt, am Vesuv. Nur nördlich der Alpen blieben gotische Reste übrig und gingen in den Bayern auf (vgl. [S. 56]), die nun die Erinnerung an die ruhmreiche Geschichte der Amaler bewahrt und gepflegt haben.

Die deutsche Sage kennt, wie begreiflich, die Goten (die sie ausschließlich Amelunge nennt) nur in Italien und Bayern; auch Ermenrich ist aus Südrußland dahin versetzt. Sie betrachtet ferner die Amelunge als legitime, eingeborne Herrscher ihres Reiches; Dietrichs Sieg bedeutet ihr also nicht eine einfache Eroberung, sondern eine Wiedereroberung nach vorausgegangener Vertreibung. Zu dieser Anschauung mußte die Sage dadurch geführt werden, daß Theodorich in der Tat durch den Auftrag des Kaisers Zeno das formale Recht auf seiner Seite hatte, während Odoaker nur infolge Usurpation in Italien herrschte. Den oströmischen Kaiser ferner hat die Sage, wie sie es fast immer getan hat, durch den Hunnenkönig ersetzt; indem sie Dietrich während seiner Abwesenheit aus Italien an dessen Hofe lebend dachte, übertrug sie auf ihn das, was von den Verhältnissen seines Vaters Dietmar bekannt geblieben war. Endlich brachte sie die beiden Amelunge Ermenrich und Dietrich dadurch aufs nächste zusammen, daß sie sie als Oheim und Neffe betrachtete. So hat denn die Dietrichsage im wesentlichen folgende Gestalt erlangt:

Die Brüder Ermenrich und Dietmar aus dem Hause der Amelunge teilen sich derart in das Reich, daß Ermenrich als der älteste den Hauptteil mit Ravenna, Dietmar den Norden erhält; als Sitz des letztern und seines Sohnes wird Verona (Bern) betrachtet, nachdem Theodorichs historische Residenz Ravenna zunächst Ermenrichs Eigentum geworden ist. Nach Dietmars Tode wird sein Sohn Dietrich von Ermenrich vertrieben; dies behauptet die Sage im Anschluß an die historische Eroberertätigkeit, die Ermanarich entfaltet hat. Der vertriebene Dietrich begibt sich an den Hof des Hunnenkönigs Etzel, um von ihm Hilfe gegen Ermenrich zu erbitten; als Vermittler zwischen Dietrich und Etzel spielt dabei der Markgraf Rüdeger von Bechelaren, des erstern Freund, des letztern vornehmster Vasall, eine hervorragende Rolle. Über Ursprung und Bedeutung der Figur Rüdegers hat man mannigfache Vermutungen aufgestellt, ja, man hat sogar diesen reinmenschlichen Helden zu einem mythischen Wesen machen wollen; und doch ist, wie mir scheint, Rüdegers Bedeutung so leicht zu fassen: da die naiven Pfleger der Sage dieser jederzeit zeitgenössische Färbung geben, so müssen sie sich Dietrich als Bayern, Etzel als Ungarn denken; daraus ergibt sich, daß Rüdeger der Repräsentant des vermittelnden Zwischengebietes, der bayerischen Ostmark (Österreichs) ist. Im Nibelungenliede gilt als Rüdegers Bereich das Land zwischen Enns und Wienerwald; das ist genau das Gebiet der bayerischen Ostmark von Otto dem Großen bis auf Heinrich III., dessen Eroberung das Land bis zur Leita hinzufügte. Daraus ergibt sich, daß die Dichtung die Figur Rüdegers um das Jahr 1000 geschaffen hat[47]. — Die Sage kennt nun zunächst einen ersten, mißlungenen Versuch Dietrichs, mit hunnischer Hilfe zurückzukehren; er führt zu Kämpfen bei Ravenna und gibt den Stoff zu dem Gedicht von der „Ravennaschlacht“ ab; selbstverständlich beruht er auf dem Walten der Dichtung: die deutschen Spielleute des zwölften Jahrhunderts lieben es ja auch, denselben Stoff in zwei Variationen nacheinander vorzutragen. Der Inhalt der Ravennaschlacht ist eine Variation von Dietrichs Rückkehr. — Nunmehr findet Ermenrich sein Ende ungefähr so, wie es schon Jordanes erzählt; als einer der Mörder gilt um das Jahr 1000 Otacker, der Ermenrichs Nachfolger wird und also schließlich bei der endgültigen Eroberung Italiens Dietrichs Gegner ist, wie es die Geschichte dargeboten hat. In Süddeutschland ist allerdings im 12. Jahrhundert Ermenrichs Ermordung und die Person Otackers augenscheinlich ganz vergessen; den Thron der Amelunge nimmt bei Dietrichs Rückkehr Ermenrichs treuloser Ratgeber Sibich ein. Jedenfalls aber gelangt Dietrich schließlich durch Etzels Hilfe wieder in den Besitz seines angestammten Reiches[48].

In Gesellschaft Dietrichs und der zu ihm in Beziehung tretenden Leute befinden sich nun natürlich zahlreiche Personen minderer Bedeutung, die teils selbständige Sagenexistenz gehabt haben, aber durch die gewaltige Anziehungskraft der Hauptsage an sie herangezogen und ihr angegliedert worden sind (so z. B. Wielands Sohn Witig, ursprünglich ein Mann Ermenrichs), teils aber als mehr oder minder nötige Ausfüllung erdichtet worden sind; zu letzteren gehören vor allen Hiltebrand, der als Dietrichs Erzieher und erfahrener erster Ratgeber eine fast selbstverständliche typische Figur ist, und sein Neffe Wolfhart, in allem Hiltebrands Gegenbild (besonders in der Art seines Auftretens) und gewiß des Kontrastes wegen als solches geschaffen.

Von Personen aus der Umgebung des historischen Attila hat die Sage noch bewahrt seine Gattin Cherka als Helche (im Rosengarten Herche, in der Thidrikssaga Erka genannt) und seinen Bruder Bleda als Blödel; dieser Name ist offenbar volksetymologisch an „blöde“ angelehnt. An Bledas wirkliche Schicksale besteht keine Erinnerung, er wird in ziemlich willkürlicher Weise verwertet.

In diese in Süddeutschland ganz lebendige Dietrichsage ist nun die Nibelungensage nach ihrer Überführung dahin derart eingefügt, daß Kriemhilt als zweite Gattin Etzels gilt, die er nach dem Tode der Helche geehelicht hat, und daß der große Todeskampf der Nibelunge eintritt, während Dietrich noch an Etzels Hofe lebt; der Versuch der Rückkehr, der zur Ravennaschlacht führt, muß natürlich, da bei ihm die Königin Helche noch eine wichtige Rolle spielt, schon vorüber sein.

Mit Dietrich sind natürlich die meisten seiner Sage angehörigen Figuren in die Nibelungengeschichte übergetreten, vor allen auch Rüdeger, der nach dem, was vorhin ausgeführt wurde, außerhalb der Dietrichsage undenkbar ist. Da nun aber die Nibelungensage zunächst ohne Dietrich und Rüdeger existiert hat, so muß es möglich sein, nach Ausscheidung oder Abtrennung der diese Helden betreffenden Abschnitte ein Bild von dem Zustande zu bekommen, den sie zur Zeit der Überführung nach Süddeutschland aufwies. Dabei ergibt sich nun das merkwürdige Resultat, daß alle nach dem Saalbrande sich noch abspielenden Szenen wesentlich durch die Dietrichsage bedingt sind, mit andern Worten: es wird höchst wahrscheinlich, daß der Saalbrand in der ältern Sagenfassung den Schluß bildete, und die Nibelunge in ihm umgekommen sind.

Bedenken gegen diese Annahme werden allerdings dadurch erweckt, daß der Schluß des Nibelungenliedes mit den eddischen Atli-Liedern insofern übereinstimmt, als Günther und Hagen schließlich lebendig gefangen und erst nach ihrer Weigerung, den Hort auszuliefern, getötet werden; daß im Nibelungenliede erst Günther und dann Hagen getötet wird, während die Lieder-Edda beider Rollen vertauscht, macht keinen wesentlichen Unterschied. Nun sind aber die Atli-Lieder augenscheinlich keine reinen Repräsentanten der nordischen Sagenform, sondern weisen mehrfach erneute deutsche Beeinflussung auf; sonach wäre möglich, daß auch die nahe Übereinstimmung in der Schlußerzählung erst unter dem Einflusse deutscher Neudichtung zustande gekommen ist.

Wenn wir Rüdeger aus einer Grundform unserer Sage zu streichen haben, so fällt natürlich auch der Abschnitt vom Aufenthalte der Nibelunge zu Bechelaren weg; dann steht die kleine Szene von der Begegnung mit dem Grenzwächter Eckewart unmittelbar vor dem Eintreffen bei Kriemhilt, und es verschwindet die Sonderbarkeit, an der wir vorhin ([S. 48]) Anstoß nehmen mußten.

Wir haben im wesentlichen den Zustand der Sage erreicht, der in unserm Liede die Grundlage der Erzählung bildet. Manches freilich hat der Dichter des Liedes, manches haben wohl noch andere Hände geändert, ehe die Textgestalt erreicht wurde, die uns heute noch vorliegt. Ehe wir diese letzten, dem Liede eigenen Neuerungen betrachten und untersuchen, müssen wir uns erst den Fragen zuwenden, die uns die Überlieferung und Geschichte seines Textes stellen.

VI.
Überlieferung und Textgeschichte des Liedes der Nibelunge.

Das Nibelungenlied ist uns erhalten in zehn vollständigen[49] Handschriften, außerdem in Bruchstücken von siebzehn verschiedenen Handschriften. Die Pergamenthandschriften des 13. und 14. Jahrhunderts haben wir uns gewöhnt (seit Lachmann) mit großen, die Papierhandschriften des 14./15. Jahrhunderts und die einzige jüngere Pergamenthandschrift (d aus dem 16. Jahrhundert) mit kleinen lateinischen Buchstaben zu bezeichnen und zu benennen. Die vollständigen Handschriften sind A B C D I a b d h k, die Fragmente E F H K L M N O Q R S U Y Z g i l. In allen vollständigen Handschriften mit Ausnahme von k, die überhaupt eine Sonderstellung einnimmt, schließt sich die „Klage“ dem Liede unmittelbar an; von den Fragmenten bietet nur N auch ein Bruchstück der Klage; dafür sind uns Stücke dieses Gedichtes in Resten von drei andern Handschriften (G, W und X) noch erhalten, in denen natürlich auch das Nibelungenlied vorhanden gewesen sein muß[50].

Die Handschrift k (im Besitze des Piaristen-Kollegiums zu Wien) ist eine völlige Neubearbeitung des alten Textes in Stil und Sprache des 15. Jahrhunderts, steht also im Grunde auf keiner andern Linie als z. B. Simrocks Übertragung ins Neuhochdeutsche; jedoch der Umstand, daß sie Vorlagen benutzt hat, die uns nicht mehr zugänglich sind, verleiht ihr auch für die Kritik des alten Textes einigen Wert.

Die übrigen 26 Handschriften ordnen sich nach dem Titel, den das Epos am Schlusse sich selbst gibt, leicht in zwei große Gruppen: der Nibelunge nôt heißt es in A B D H I K L M N O Q S Z b d g h i l (dazu W), der Nibelunge liet in C E F R U Y a (dazu G X). Noch eingehendere Gruppierung läßt sich durch genauere Betrachtung der vollständigen Handschriften gewinnen. Diese sind:

A aus dem 13./14. Jahrhundert, ursprünglich auf Schloß Hohenems, jetzt in München;

B aus dem 13. Jahrhundert, in St. Gallen;

C aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, ursprünglich auf Schloß Hohenems, dann im Besitze des Freiherrn v. Laßberg, jetzt auf der fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen;

D aus dem 13./14. Jahrhundert, in München;

I aus dem 14. Jahrhundert, stammt aus Tirol, jetzt in Berlin;

a, früher in Wallerstein, jetzt in Maihingen (bayr. Regierungsbezirk Schwaben);

b, Hundeshagens Handschrift, jetzt in Berlin;

d, die im Auftrage Kaisers Maximilians I. 1502–17 hergestellte große Sammelhandschrift, früher auf Schloß Ambras, jetzt in Wien;

h, Meusebachs Handschrift, jetzt in Berlin; sie ist eine Abschrift von I und kommt deshalb für die Textkritik nicht in Betracht.

Während die Handschriften der Liet-Gruppe nur in unwesentlichen Dingen voneinander abweichen (so daß die junge a nur zur Ausfüllung der Lücken in der guten alten C herangezogen zu werden braucht), gehen die der Not-Gruppe vielfach stark auseinander: Db gehören zusammen und folgen in den ersten 270 Strophen des Liedes, ebenso im Anfange der Klage seltsamerweise dem Liet-Texte; Id sind einerseits im Eingange des Liedes nicht unwesentlich kürzer als alle übrigen Texte, haben aber andererseits im Verlaufe des Gedichtes im ganzen zwanzig Strophen, die sonst nur dem Liet-Texte eigen sind, in den zugrunde liegenden Not-Text aufgenommen; B gibt, von Kleinigkeiten abgesehen, den Not-Text am reinsten wieder; A hat ihn um volle 61 Strophen, die im Laufe des Gedichtes, hauptsächlich innerhalb der Strophen 340–720 (der Zählung von Bartsch) gestrichen sind, verkürzt.

Da A infolge dieser Streichungen den kürzesten Text bietet, hielt man sie lange Zeit für den Vertreter des ältesten vorhandenen Textes; seit es aber W. Braune (Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes, 1900) gelungen ist, nachzuweisen, daß A mit dem Hauptteile von Db, der dem Not-Texte folgt, manche jüngere Änderungen und Fehler gemein hat, kann davon keine Rede mehr sein, vielmehr ist A der Not-Vorlage von Db auf das nächste verwandt und innerhalb der 270 Strophen, in denen Db einer Liet-Vorlage folgen, der alleinige Vertreter dieser Handschriftengruppe.

Die größte Schwierigkeit macht noch heute die richtige Einordnung der Gruppe Id; im Anfange ist sie kürzer, als alle übrigen Texte und in dieser Beziehung, wie ebenfalls Braune nachgewiesen hat, altertümlicher als alle diese. Wie aber soll man die zwanzig zum Liet-Texte stimmenden Strophen beurteilen? Sie sind im allgemeinen ganz lose in den Not-Text eingefügt; von den vierzehn Stellen, auf die sie sich verteilen, stimmen elf genau zur Strophenfolge des Liet-Textes; an den drei andern Stellen ist eine kleine Verschiebung eingetreten, die dem Zusammenhange nicht günstig ist: die Strophen stehen (nach der Zählung von Bartsch)

hinter  969 statt hinter  964 ( um 5 Strophen zu spät ),
 998 1001 ( 3 früh ) und
1571 1573 ( 2 ).

Eine Mittelstellung zwischen den beiden Hauptgruppen nimmt also Id auf jeden Fall ein, es fragt sich nur, ob eine durch Entwicklung der Texte bedingte oder eine äußerliche. Braune entscheidet sich für das erstere und erblickt in Id eine Vorstufe zu dem Liet-Texte; ich neige mich der andern Auffassung zu, hauptsächlich weil die Ordnung der Strophen an den drei erwähnten Stellen um ein weniges ohne ersichtlichen Grund abweicht; das scheint sich am besten aus äußerlicher Entlehnung zu erklären: der Besitzer der Grundhandschrift der Gruppe Id kannte den Liet-Text und vermißte in ihr einige diesem allein eigene Strophen; er trug sie auf den Blatträndern nach; beim Abschreiben wurden sie in den Text eingerückt, und dabei kamen nun jene kleinen Irrtümer vor, die sich jedenfalls innerhalb des Raumes einer Blattseite halten.

Einfacher ist die eigentümliche Textmischung der Gruppe Db zu erklären: in ihrer Grundhandschrift war der Anfang des Liedes (ebenso der Anfang der Klage) verloren gegangen und durch Abschrift aus einer andern Handschrift, die dem Liet-Texte angehörte, ersetzt worden. Das war möglich, da die beiden Haupttexte doch nicht so stark voneinander abweichen, daß man die Verschiedenheit auf den ersten Blick erkennen müßte; auch in neuerer Zeit ist solche Textmischung vorgekommen, vgl. [S. 124]. Das aus dem Liet-Texte entnommene Anfangsstück des Liedes umfaßt ungefähr doppelt soviel Raum wie das eben daher entnommene Anfangsstück der Klage; der den Not-Text bietende Hauptteil des Liedes ist annähernd achtmal so lang wie der Eingang; daraus darf man vermuten, daß von der Grundhandschrift die 1., 2. und 19. Lage verloren gegangen und ungenau ersetzt waren.

Die sechs Haupthandschriften des Not-Textes ordnen sich sonach in zwei Gruppen: auf der einen Seite Id mit altertümlich kurzem Eingang, aber zwanzig zugesetzten Strophen; auf der andern Seite ABDb mit längerm Eingang (wie ihn auch der Liet-Text bietet); Db, deren alter Eingang ja verloren ist, werden durch die nahe Verwandtschaft mit A bei dieser Gruppe festgehalten.

Wie verhalten sich nun aber die beiden Hauptgruppen „Liet“ und „Not“ zueinander? Geht die eine auf die andere zurück, oder weisen beide auf ein verlorenes Original? Von den drei möglichen Antworten, die alle drei ihre Vertreter gefunden haben, können wir eine von vornherein ablehnen: die „Not“ geht keinesfalls auf das „Liet“ zurück, denn sie ist altertümlicher als dies; vor allem aber steht im Not-Texte die „Klage“ noch ziemlich selbständig hinter dem Liede, während das „Liet“ die beiden Gedichte möglichst untereinander auszugleichen strebt; so gehen denn zahlreiche Mehrstrophen von Ca auf Anregungen der „Klage“ zurück. So bleiben zwei Möglichkeiten: entweder das „Liet“ beruhte auf der „Not“, oder beide nebeneinander auf einem verlorenen Original; der ersteren neigt sich Braune zu, während ich der zweiten den Vorzug gebe auf Grund folgender Überlegung: der Liet-Text muß spätestens zu Anfang des 13. Jahrhunderts abgeschlossen sein, denn er hat die alte einfache Angabe der Klage, daß Ute, die Mutter der burgundischen Könige, ihre alten Tage im Kloster Lorsch verbrachte, breit ausgesponnen und stellt die Behauptung auf, sie habe es ausgestattet (Holtzmann 1158)

mit starken rîchen urborn, als ez noch hiute hât,

daz klôster dâ ze Lôrse, des dinc vil hôhe an êren stât;

nun ist aber dies altberühmte Kloster durch seinen letzten Abt Konrad, der 1216 zuerst genannt wird, derartig heruntergebracht worden, daß er 1229 abgesetzt, und das Stift an Mainz übergeben wurde; ein so lautes Rühmen, wie wir es in C finden, war also in und nach dieser Zeit nicht wohl möglich[51]. Dagegen kann die Grundhandschrift des Not-Textes nicht älter als höchstens 1240 sein, denn sie hat 1331 und 1336 den richtigen Ortsnamen Treisenmûre durch den falschen Zeizenmûre ersetzt. Die Stellen fallen in die Partie, die Kriemhilts Reise zu Etzel schildert und dabei innerhalb Österreichs die Tag für Tag berührten Stationen in genauer Folge nennt: Everdingen, Ense, Bechelâren, Medelîche, Mûtâren, Treisenmûre, Tulne, Wiene, Heimburc, Miesenburc. Setzt man Zeizenmûre für Treisenmûre ein, so erhält man eine widersinnige Folge, denn Zeizenmûre liegt bereits östlich von Wien. Derjenige, der es eingeführt hat, kann von Österreichs Geographie keine persönliche Anschauung gehabt haben; nun ist aber Zeizenmûre ein unbedeutendes Dorf, das einem Nicht-Österreicher schwerlich bekannt ist, wenn es nicht einen besondern Ruf hat; einen solchen hat es dadurch erlangt, daß Nithart von Riuwental einen großen Teil seiner österreichischen Dorfgedichte dort spielen läßt; Nithart, dessen Dichten schätzungsweise in die Zeit von 1210–1240 fällt, lebte ursprünglich in Bayern und vertauschte es erst etwa 1230 mit Österreich; vor diesem Zeitpunkte können Nitharts österreichische Dorfgedichte nicht entstanden sein. Vorher dürfte also jener fälschlich in den Not-Text eingeführte Ort außerhalb Österreichs schwerlich bekannt gewesen sein[52].

Ist somit die Grundhandschrift des Not-Textes rund ein Menschenalter jünger als die Existenz des Liet-Textes, so kann dieser nicht auf jenen zurückgehen, und bleibt nunmehr nur die dritte Möglichkeit übrig: beide weisen nebeneinander auf ein verlorenes Original zurück. Dies Original kann nach Ausweis der nahen Übereinstimmung beider Texte vom Not-Texte nicht allzu verschieden gewesen sein; um 1200 erfuhr es zunächst eine Überarbeitung, die im Liet-Texte noch vorliegt. Sie hat den ohnehin schon stark vorherrschenden rittermäßigen Geist noch verstärkt, außerdem aber den Anhang, die Klage, mit dem Liede in größere Übereinstimmung versetzt; den nur auf den letzten Teil passenden Titel „der Nibelunge Nôt“ hat sie durch den richtigern „der Nibelunge Liet“ ersetzt. — Nicht vor 1240, zu einer Zeit, da der ritterliche Geschmack schon im Sinken war, hat ein Jüngerer eine Neubearbeitung des Gedichtes für angezeigt gehalten und dabei über den im allgemeinen Umlauf befindlichen Liet-Text weg auf das Original zurückgegriffen[53]; sein Werk liegt uns im Not-Texte vor. Er folgt dem Original im ganzen recht treu; nur einzelne in spielmannsmäßigem Geschmack gehaltene kleine Szenen dürften vielleicht auf ihn zurückzuführen sein (Dankwart als Verschwender bei der geizigen Brünhilt; Hagens grobes Verhalten gegenüber der jungvermählten Kriemhilt u. dgl.).

Charakteristisch für den spätern Ursprung des Not-Textes ist der Umstand, daß er in keiner seiner zahlreichen Handschriften rein erhalten, sondern überall mehr oder weniger durch den Liet-Text beeinflußt ist: die Gruppe Id bewahrt den alten Anfang, setzt aber die besprochenen zwanzig Strophen zu; die Gruppe ABDb hat umgekehrt (wenn auch nicht in allen Handschriften in gleichem Maße) den erweiterten Anfang von Ca aufgenommen; die Grundhandschrift von Db ist aus dem Liet-Texte ergänzt: die Handschrift B hat einmal zwei Strophen (102. 103 Bartsch) sowie am Schlusse der Klage den Abschnitt über Etzels Verbleib aus dem Liet-Texte aufgenommen u. s. f. Letzterer lag eben allen Schreibern und Hörern fortgesetzt im Ohre; es ist begreiflich, daß Berufsschreiber, die den Liet-Text bereits ein- oder mehrere Male abgeschrieben hatten, bei der Arbeit an einer Not-Handschrift unwillkürlich Lesarten jenes Textes anbrachten: so dürften sich auch die zahlreichen Kreuzungen in den Varianten erklären, die aus keinem organisch entwickelten Handschriftenstammbaum verständlich sind.

Unter Berücksichtigung aller zugehörigen Bruchstücke dürfte sich die spätere Geschichte des Not-Textes etwa in folgender Weise abgespielt haben: zunächst trennte sich vom Hauptzweige der Entwicklung die Stammhandschrift der Gruppe Id; in ältester reinster Form liegt uns diese Textgestalt annähernd vollständig nur in der späten Handschrift d vor; ihr zur Seite stehen das alte Fragment H und das dürftige Fragment O, das der direkten Vorlage von d angehört. Die Handschrift I und die nahe stehenden Fragmente K und Q ändern den alten Text der Gruppe Id in vielen Punkten selbständig; ihnen ist vielleicht noch das Fragment l beizuzählen, das ebenfalls zahlreiche Textänderungen aufweist. — Von der andern Hauptgruppe des Not-Textes stellt B eine vollständige, sehr alte Form dar; ihr zunächst verwandt ist die Grundhandschrift aller übrigen Nothandschriften, auf die zunächst die lückenhafte A und die Fragmente L (daraus abgeschrieben g) und M, sowie die Grundlage der Db-Gruppe zurückgehen; diese wird gebildet durch die recht nahe verwandten Handschriften D und b und Fragmente S, N und Z (wohl auch W der Klage). — Das unbedeutende Fragment i ist nicht sicher einzuordnen.

Die vorgetragene Meinung vom Verhältnis der beiden Nibelungentexte und ihrer Handschriften erhält eine wesentliche Stütze durch das relative Alter der zugehörigen Pergamentcodices. Dies läßt sich bestimmen durch die Art der Einrichtung derselben: die älteste Weise ist, den Text (des Liedes und der Klage) ohne Absetzen von Vers oder Strophe einspaltig über die ganze Seite zu schreiben; so sind C und E (vom Liet-Text) sowie H (von der Id-Gruppe) verfahren. Etwas mehr Übersicht bei größter Ausnutzung des Pergamentes gestattet zweispaltige Einrichtung, bei welcher im Liede die Strophen abgesetzt werden, aber nicht die Verse; sie liegt vor in FRY, B, DNSZ, sowie in auffallend kleinem Format in Q; innerhalb der Klage verfahren diese Codices, entsprechend der andern Versart, verschieden: zweispaltig ohne Absetzen schreibt B (ältere Weise), zweispaltig mit abgesetzten Versen G, DNW (jüngere Weise). Schließlich setzt man auch im Liede die Verse ab; zweispaltig verfahren so AMI, einspaltig LU (kleines Format); innerhalb der Klage schreibt A zweispaltig mit abgesetzten Doppelversen, I dreispaltig mit abgesetzten Versen, beides sichtlich aus räumlichen Gründen; das in kleinem Format gehaltene X schreibt einspaltig mit abgesetzten Versen. Ganz großes Format, dreispaltig eingerichtet, haben O und K; jenes setzt gar nicht ab und bringt hundert, dies setzt nur Strophen ab und bringt sechzig Strophen auf einem Blatte unter; K bringt also das ganze Nibelungenlied auf fünf Quaternionen, O gar nur auf drei Quaternionen unter; das weist darauf hin, daß sie beide (wie das aus O abgeschriebene d) Sammelhandschriften waren; ihre Einrichtung hat mit derjenigen der übrigen Handschriften nichts gemein, und sie sind gewiß nicht so alt, wie ihr Einrichtungsprinzip anzudeuten scheint.

Der in der Handschrift k vorliegende, im 15. Jahrhundert modernisierte Text beruht in der Hauptsache auf einem Exemplare des Liet-Textes, das im Anfange zwei größere Lücken aufwies; diese sind ersetzt aus einer Handschrift des Not-Textes, die in nächster Verwandtschaft zu A stand, wie der gleiche Strophenbestand des Einganges zeigt.

Das den beiden um 1200 und 1240 entstandenen Bearbeitungen zu Grunde liegende Original hat, wie wir gesehen haben, die angehängte Klagedichtung bereits besessen; auch war es in bezug auf die Technik der Metrik und des Reimes schon ziemlich hoch entwickelt, denn die überwältigende Mehrzahl aller Verse der beiden Bearbeitungen hat ihm bereits angehört. Es kann also seine Gestalt nicht allzulange vor der ersten Bearbeitung und keinesfalls vor dem Jahre 1170 gewonnen haben; die um 1200 vorgenommene Bearbeitung ist nicht durch formale, sondern durch inhaltliche Bedenken, in erster Linie durch das Streben, Lied und Klage miteinander auszugleichen, veranlaßt worden.

Derjenige, der das durch Vergleichung der beiden Bearbeitungen uns noch im wesentlichen erreichbare Original geschaffen hat, ist nun noch nicht derjenige, den wir als den eigentlichen Nibelungendichter zu betrachten haben, sondern es ist vermutlich derselbe, der die Klage angehängt hat; dieser „Klagedichter“ hat gewiß auch seine Tätigkeit auf das Lied selbst ausgedehnt; sicher hat er ihm die vierzehn[54] Strophen eingefügt, die den Bischof Pilgrim erwähnen (1295–99. 1312. 1330. 1427. 1428. 1495. 1627–30 Bartsch); sie lassen sich ohne jede Schwierigkeit herausheben.

Ein Nibelungenlied mit Anhang (Klage) setzt notwendig ein Nibelungenlied ohne einen solchen voraus; wir kommen also ohne Schwierigkeit noch um eine Stufe weiter zurück und erreichen damit endlich die Tätigkeit des Mannes, den wir als den eigentlichen Nibelungendichter ansprechen dürfen. Von ihm dürfen wir behaupten, daß er ein Mann ritterlichen Standes und ein Österreicher war, da auf ihn doch wohl die genaue und sachkundige Beschreibung der Reise Kriemhilts zurückgeht; auch die oft durchblickende Abneigung gegen die Bayern macht das wahrscheinlich. Wien ist ihm eine wichtige und bedeutende Stadt, in ihr läßt er Kriemhilts zweite Hochzeit gefeiert werden; es ist aber, wenn auch alt, doch erst durch den ersten Herzog Österreichs, Heinrich († 1177), wieder aus jahrhundertelangem Verfall erhoben worden; Heinrichs Sohn und Nachfolger war der bekannte Leopold I. († 1194), der Gönner Reinmars des Alten, des Lyrikers; unter ihm erlangte der Wiener Hof jene Bedeutung als Pflegstätte edler Kunst, als welche er in der deutschen Literaturgeschichte bekannt ist. So werden wir schwerlich weit neben das Ziel treffen, wenn wir annehmen, daß der eigentliche Nibelungendichter unter Leopold I. und dem Einflusse seines Hofes gewirkt hat, also etwa 1180–1190. An seinem Werke ist manches auffällig, was schon bei der Besprechung des Inhalts erörtert worden ist; sein Anteil an der Stoffmasse ist bedeutend: der ganze erste Teil des Liedes und der Anfang des zweiten bis gegen Str. 1526 (vgl. nachher) ist formal ganz von ihm gestaltet und auch inhaltlich von ihm mit Ausnahme der Grundzüge im wesentlichen erst geschaffen; auf ihn gehen u. a. das Prinzentum Siegfrieds und die durch dasselbe bedingten Szenen, auf ihn die Umschaffung des Spielmanns Volker in einen ritterlichen Sänger zurück. In der Schlußpartie des Epos benutzte er offenbar eine im wesentlichen bereits fertig vorliegende Darstellung (die älteste „Nibelunge Not“), die auch dem Verfasser der Thidrikssaga bekannt gewesen ist; er hat sie stark überarbeitet und durch Einfügung neuer Szenen und Personen (besonders des Dankwart) beträchtlich erweitert. Sein Anteil läßt sich mit Hilfe der Thidrikssaga ziemlich genau bestimmen: den Fährmann hat er aus einem einfachen, um Lohn arbeitenden Manne in einen Grenzwächter der Bayernfürsten umgeschaffen; die Verfolgung durch die Bayern und der daraus sich ergebende Kampf ist sein Werk, ebenso die Angabe, daß die Burgunden mit einem Heere von zehntausend Mann nach dem Hunnenlande gezogen seien; endlich gehört ihm im wesentlichen die Reihe von Szenen, die im einzelnen so prächtig ausgeführt sind, jedoch mit dem Geiste der ganzen Geschichte vielfach im Widerspruch stehen: sie setzen ein unmittelbar nach dem feindseligen Empfang durch Kriemhilt mit der Erzählung, daß Hagen und Volker sich dem Palaste der Königin gegenüber herausfordernd hingesetzt hätten, und schließen mit der unbegreiflichen Entlassung der Hauptgegner aus dem Saale; innerhalb dieser Partie blickt nur selten die alte Grundlage durch, deren Gang etwa der folgende gewesen sein muß: die Nibelunge richten sich, nachdem man sie nächtlicherweile zu überfallen versucht hat, in dem ihnen angewiesenen Hause zur Verteidigung ein; um Etzel zum Angriff fortzureißen, opfert Kriemhilt ihr Söhnchen, indem sie Hagen zu seiner Tötung reizt, und nun folgt unter Hohnreden der Nibelunge der Angriff der hunnischen Scharen. Der Rest der Dichtung, im wesentlichen aus den vier Abschnitten: Irings Kampf, Saalbrand, Rüdegers Kampf, Dietrichs Kampf bestehend, muß im großen und ganzen der Vorlage entnommen sein.

Dieser eigentliche Nibelungendichter ist nun natürlich eben derjenige, der die auffällige lyrische Form für das Epos gewählt hat, eine Form, die nicht sein Eigen ist, sondern in den nicht lange vorher entstandenen Liedchen des sogenannten Kürnbergers bereits vorliegt. Pfeiffer hat aus dieser Übereinstimmung der Formen geschlossen, eben dieser Kürnberger sei der Dichter unseres Liedes; wäre dies richtig, so wäre uns damit nicht weiter geholfen, denn wir wissen vom Kürnberger nur, daß er ein Österreicher war, und kennen nicht einmal seinen Personennamen. Der Schluß ist aber nicht zwingend, denn seine Voraussetzung, daß eine bestimmte Strophenform Eigentum ihres Schöpfers sei, hat nie in dem angenommenen Umfang gegolten, vor allem nicht in so alter Zeit; endlich aber erklärt er ja die Sonderbarkeit, daß ein Epos lyrische Form aufweist, überhaupt nicht. Die einzige plausible Erklärung ist vielmehr die, daß der Nibelungendichter die benutzte Form in seinen Quellen, denen er mehr oder weniger wörtlich folgt, bereits vorgefunden hat, und daß die Quellen volkstümliche Balladen gewesen sind.

Daß das Nibelungenlied auf derartige Volksgesänge zurückgehe, hat bereits der erste Gelehrte, der sich ernsthaft mit dieser Frage beschäftigte, Karl Lachmann, 1816 in seiner Schrift „Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth“ behauptet. In der Durchführung des Gedankens ist er dann freilich weit über das Erreichbare und sogar über das Wahrscheinliche hinausgegangen: das Gedicht sollte entstanden sein aus einer Sammlung von zwanzig ursprünglich selbständigen Liedern, alle von ein und derselben Form, die inhaltlich aufeinander folgten[55] und durch Verbindungsstücke zu einem Ganzen zusammengeschlossen worden seien. Die Verteidiger und Ausgestalter dieser Liedertheorie (Müllenhoff, Rieger, Busch, Henning) haben die großen Unwahrscheinlichkeiten, die darin liegen, daß die Lieder alle die gleiche Form haben, alle im wesentlichen unverändert im Epos stecken sollen, und zum Teil Erzählungsabschnitte ohne selbständigen Wert behandeln, nicht zu beheben vermocht; in der Form, wie Lachmann seine Theorie durchzuführen versucht hat, muß sie heute als überwunden gelten. Anerkannt aber darf heute noch werden, mit welch sicherem Gefühl Lachmann die einzelnen Unebenheiten des großen Gedichtes erkannt und benutzt hat.

Eine Quelle, und zwar die wichtigste, die der Nibelungendichter benutzt hat, ist mit unsern Mitteln noch leidlich zu erkennen; ihr Anfang wird markiert durch das plötzliche Auftreten des Namens „Nibelunge“ im Sinne von Burgunden Str. 1526 (Bartsch); sie umfaßt den ganzen letzten Teil vom Auszuge der Burgunden auf ihre letzte Fahrt bis zu ihrem Untergange; auf sie allein paßt der alte, in der letzten Strophe gegebene Titel „der Nibelunge nôt“.

Diese älteste „Nibelunge nôt“ muß als ein Werk volkstümlichen Ursprunges von geringem Umfange aus der Zeit von 1150–1180 gelten; ihr muß die Strophenform bereits eigen gewesen sein. Sie scheint dasselbe Werk zu sein, dem der Verfasser des Grundstocks der Thidrikssaga seine Kenntnis unserer Sage verdankt; denn wie der erste alte Bestandteil des Liedes Siegfrieds Erscheinen in Worms ist, so schließt in der Saga sich an die Isungsgeschichte Siegfrieds Bekanntwerden mit den Nibelungen an, und von diesem Augenblicke an geben beide Quellen trotz aller beiderseitigen Überarbeitungen und Zusätze bis zum großen Schlußkampfe durchaus parallel laufende Darstellungen. Bis zum Auszuge der Nibelunge nach dem Hunnenlande kann diese alte „Nibelunge nôt“ allerdings kaum mehr als eine notdürftig orientierende Einleitung gegeben haben. Der Nibelungendichter hat sie, überarbeitet und erweitert, seinem Epos zugrunde gelegt; neben ihr hat er vielleicht auch noch andere Quellen gehabt, deren Form und Umfang aber unbestimmt bleibt. Jedenfalls hat er den bei weitem größten Teil des übrigen Gedichtes selbst geschaffen, wie die zahlreichen rein höfischen Szenen ohne echten Sagengehalt beweisen.

Noch eine Frage wäre zu beantworten: wie verhält sich die alte Ballade zu der lateinischen Aufzeichnung unseres Stoffes im 10. Jahrhundert, von der wir durch die „Klage“ Kunde haben? G. Roethe hat die Annahme aufgestellt, daß das Werk des Schreibers Konrad ein Gedicht gewesen sei wie Eckehards Waltharius (eine „Nibelungias“), und daß das Nibelungenlied in seiner Grundlage eine deutsche Nachdichtung jenes Werkes sei; die Möglichkeit ist zuzugeben, aber groß ist sie nicht, denn 1. spricht der Klagedichter nur von einer lateinischen Niederschrift und seitdem entstandenen deutschen Gedichten, was darauf führt, Konrads Arbeit für Prosa zu halten, und 2. ist die Klage ja ein verhältnismäßig junges Anhängsel zum Liede und dürfte eine Verbindung zwischen diesem und Konrads Niederschrift überhaupt erst herstellen (Einfügung des Bischofs Pilgrim).

Die Schicksale unseres großen Epos lassen sich nun im Schema folgendermaßen darstellen:

älteste Nibelunge nôt,
volkstümliche, balladenartige Dichtungen aus dem dritten Viertel des 12. Jahrhunderts.

Ritterliches Epos gleichen Titels, in Österreich entstanden etwa 1180–1190.

Dasselbe um die „Klage“ erweitert und vielleicht etwas überarbeitet, ungefähr 1190–1200.

Vollkommenste Überarbeitung in rein höfischem Sinne, etwa 1200–1210 (der Nibelunge liet), uns durch die Handschriftengruppe Ca erhalten.

Jüngere, treuere und volkstümlichere Überarbeitung, etwa 1240–1250 entstanden, löst das „liet“ in seiner Geltung ab (daher Vulgata), bleibt aber fortgesetzt von ihm beeinflußt.

Handschriftengruppe Id.

Unveränderter Zweig derselben, hauptsächlich durch d repräsentiert.

Handschrift B.

Zweig mit selbständigen Änderungen, hauptsächlich durch I repräsentiert.

Die Mehrzahl der Vulgata-Handschriften (vollständig, aber verkürzt, nur A.

Handschriftengruppe Db.

Kurze Erwähnung verdient noch eine formale Eigentümlichkeit, die für die Beurteilung des Verhältnisses der beiden Hauptzweige nicht ohne Bedeutung ist: nicht selten sind die Cäsuren eines Verspaares durch Reim miteinander verbunden (Cäsurreim); solange innerhalb einer zwei Verspaare umfassenden Strophe nur eins Cäsurreim aufweist, kann er zufällig sein; sobald aber beide Verspaare ein und derselben Strophe gereimte Cäsuren haben, muß das auf Absicht des Verfassers beruhen. Nun sind im Nibelungenliede vereinzelte Cäsurreime zwar nicht gerade häufig, kommen aber doch ab und an vor, und zwar auch so, daß sie für die Vorlage beider Bearbeitungen gesichert sind. Durchgereimte Strophen aber finden sich, vergleichsweise häufig, nur in den Zusatzstrophen des Liet-Textes. Nun sind solche Strophen eigentlich keine Vierzeiler mehr, sondern Achtzeiler mit überschlagenden Reimen, also eine andre Kunstform; mischt sie der Liet-Bearbeiter dem alten Texte unbedenklich ein, so zeigt er damit, daß ihm das Verständnis für ihre Besonderheit noch nicht aufgegangen ist. Dies Verständnis fand sich erst gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts ein; der Not-Bearbeiter bedient sich daher nie der durchgereimten Strophen, und der Interpolator der Gruppe Id hat es vermieden, solche aus dem Liet-Texte herüberzunehmen; dagegen hat derjenige, der den erweiterten Anfang des Liet-Textes in den Not-Text übertrug, nicht dieselbe Zurückhaltung bewahrt: von den beiden durchgereimten Strophen dieses Stückes findet sich 17 in B und A, 1 nur in A.

VII.
Wirkung des Liedes in der alten Literatur. Allmähliches Erlöschen des Interesses.

Das Erscheinen des Nibelungenliedes ist ein großes literarisches Ereignis gewesen; man erkennt dies nicht nur aus der Tatsache der wiederholten Überarbeitungen und der großen Zahl der Handschriften, sondern vor allem auch daraus, daß vom 13. Jahrhundert an zahlreiche Epen in der Nibelungenstrophe oder einer nahe verwandten Form auftauchen. Das älteste derartige Gedicht, von dem wir allerdings nur dürftige Bruchstücke besitzen, ist die mittelhochdeutsche Bearbeitung der (vorhin besprochenen) Walthersage. Hier ist die Nibelungenstrophe dadurch variiert, daß die vorletzte Halbzeile um zwei Hebungen verlängert ist, z. B.

er pflác des lándes nâch der krône réhté,

wand im riet diu júncfrówe dáz.

Inhaltlich ist die alte Walthersage dadurch verändert, daß Hagen zur Zeit von Walthers Flucht noch an Etzels Hofe lebt, daß es die Hunnen sind, die Walther verfolgen und angreifen, und daß Hagen in hunnischen Diensten die Rolle des Hauptgegners spielt. Das Nibelungenlied, das mehrmals auf die Walthersage anspielt, kennt sie nur in der alten Gestalt; auch aus diesem Grunde ist die fragmentarisch erhaltene Waltherdichtung jünger, doch kann sie nicht allzu spät entstanden sein, denn sie mischt noch zahlreiche Cäsurreime ohne bestimmtes Prinzip ein; sie dürfte dem Liet-Texte zeitlich an die Seite zu stellen sein.

Formell, nicht inhaltlich, ist ein Schößling des Nibelungenliedes auch das Gedicht von Kudrun; es behandelt einen aus dem Auslande (ursprünglich vermutlich aus England) eingeführten Stoff, den sein Dichter nicht in jeder Beziehung begriffen hat, und setzt in seinem Kolorit die Zeit des Kreuzzuges Friedrichs II. voraus, ist also wohl zwischen 1230–50 entstanden[56]. Die Nibelungenstrophe ist hier dadurch variiert, daß sie in der zweiten Hälfte klingenden Ausgang erhalten hat; auch erscheint die Schlußzeile (aber nicht durchgängig) um eine Hebung verlängert. Sehr erschwert wird uns die Beurteilung der Geschichte dieses Gedichtes dadurch, daß es nur in einer ganz jungen Sammelhandschrift (derselben, die im Handschriftenschema der Nibelungen d heißt) erhalten ist; ihre Vorlage O (vgl. [S. 107] u. [120]) gehört, da sie doch wohl wesentlich dieselben Stücke wie d enthalten hat, erst der Anfangszeit des 14. Jahrhunderts an, steht also vom Ursprungstermin der Kudrun noch erheblich ab. Viele Hände dürfen wir uns an diesem Gedichte nicht tätig gewesen denken, da seine Bezeugung und Bekanntschaft in der gleichzeitigen Literatur sehr gering ist; doch ist wahrscheinlich, daß einmal ein Bearbeiter versucht hat, es durchweg mit Cäsurreimen zu schmücken; er ist indes mit seiner Arbeit nicht zum Ziele gelangt.

Etwa gleichaltrig der Kudrun ist ein Gedicht, das Ausgangspunkt für eine ganze Sippe von Epen geworden ist: die Geschichte von König Ortnid. In ihm wird die Nibelungenstrophe unverändert verwendet, doch ist meist die letzte Zeile um eine Hebung verkürzt, also den drei übrigen gleich gemacht; diese Erscheinung hat ihren Grund wohl darin, daß spätere Aussprache auch im Nibelungenliede manche vierhebige Schlußzeile bereits nur dreihebig wiederzugeben verstand, z. B.

diu wás ze Sántén genánt

als diu wás ze Sánten gnánt, oder

béidiu líut únde lánt

als béidiu líut und lánt.

Der Stoff des Ortnid ist der Sage von Ortnid und Wolfdietrich entnommen und ohne Wolfdietrichs Geschichte unvollständig; auch der Ortnid-Dichter hat die Absicht gehabt, einen Wolfdietrich folgen zu lassen, wie er im letzten Verse andeutet, aber er hat seine Absicht nicht ausgeführt, vermutlich weil er vorher starb. Zwei andre Männer haben, unabhängig voneinander, dem Ortnid einen Wolfdietrich angehängt; den einen bezeichnen wir als A, den andern als C. Außerdem existiert noch eine dritte, leider nur in schlechten Handschriften erhaltene Bearbeitung der Ortnid-Wolfdietrich-Sage: hier ist die Ortnid-Geschichte im Zusammenhange des Wolfdietrich erledigt und statt ihrer eine selbständige Vorgeschichte, die Erzählung von Wolfdietrichs Vater Hugdietrich, vorgeschoben; wir bezeichnen diese Textgestalt als B. Alle diese Dichtungen entstanden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Zu Anfang des 14. hat ein Kompilator, der sich für Wolfram von Eschenbach ausgibt, die Texte B und C dergestalt zu einem großen Epos vereinigt, daß er mit Ortnids Brautfahrt beginnt, Hugdietrich folgen läßt und mit dem zu einem ungeheuerlichen Stoffsammler angewachsenen Wolfdietrich schließt; das ist der große Wolfdietrich (D), der bis zum Ende des 16. Jahrhunderts, mehrfach modernisiert, sein Publikum gefunden und ergötzt hat. Für die Geschichte des Cäsurreims ist der Wolfdietrich D besonders lehrreich: der ursprüngliche Text verwendet sie planmäßig in schildernden Abschnitten, besonders wenn Kämpfe dargestellt werden; zwei neue Bearbeitungen aus dem 15. Jahrhundert aber verfahren anders: die eine, in derselben Handschrift bewahrt, die im Schema der Nibelungen k heißt, tilgt die Cäsurreime durchaus, die andre, im gedruckten Heldenbuch (vgl. nachher [S. 118]) vorliegende führt sie im Gegenteil durch das ganze Gedicht durch.

Eine nicht nur formell, sondern auch inhaltlich dem Nibelungenliede sehr nahestehende Dichtung ist die (in der gleichen modernisierten Strophenform abgefaßte) vom Rosengarten zu Worms, deren Stoff wir schon früher berührt haben. Sie ist in der Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden und in fünf verschiedenen Fassungen auf uns gekommen: die inhaltlich altertümlichste, aber nicht mit dem Original identische bezeichnen wir mit A; die vier andern sind Erscheinungsformen ein und derselben Entwicklungsreihe, aus der nacheinander die Texte F, P und C sich abzweigen, und die in dem Anfang des 14. Jahrhunderts in der Straßburger Gegend abgeschlossenen Texte D gipfelt. Außerdem existieren mehrere jüngere Bearbeitungen.

Das (in kurzen Reimpaaren abgefaßte) Gedicht von König Laurin und seinem Rosengarten hat mit der Nibelungensage und ihrem Literaturkreise ursprünglich nichts zu tun; da es aber in seinen Motiven Verwandtschaft mit dem „Rosengarten zu Worms“ zeigt, ist es frühzeitig äußerlich mit diesem vereinigt worden: schon die Handschrift des Rosengartens P enthält auch den Laurin; in den Stufen C und D sind die beiden Gedichte im Titel zu einander in Beziehung gesetzt als der „große“ und der „kleine“ Rosengarten (letzterer ist der Laurin). Der Bearbeiter D schreibt das Werk dem nur aus dem sogenannten Wartburgkriege bekannten Heinrich von Ofterdingen zu[57].

Im 15. Jahrhundert entstand aus der Vereinigung des Großen Wolfdietrich mit den beiden Rosengärten (in der Fassung D) das sogenannte „Heldenbuch“; ihm wurde eine prosaische Vorrede beigegeben, die sich als der erste deutsche Versuch einer Übersicht der gesamten Heldensage darstellt, allerdings in äußerst ungeschickter Form. Der Verfasser dieser Vorrede läßt, vermutlich infolge Mißverständnisses, Siegfried im Rosengarten von Dietrich erschlagen werden und stellt den zweiten Teil der Nibelungensage als Folge dieses Geschehnisses hin: Kriemhilts Haß ist gegen Dietrich gewendet; trotzdem tötet sie schließlich eigenhändig ihre Brüder; es ist dem Sagensammler also nicht gelungen, seine Erzählung innerlich auszugleichen. Für uns aber ist besonders interessant, daß Kriemhilt in dieser Vorrede den Kampf ganz in derselben Weise, wie es in der Thidrikssaga geschieht, durch bewußte Opferung ihres Sohnes in Gang bringt. — Das Heldenbuch wurde von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an bis 1590 immer wieder gedruckt; als in mehreren Exemplaren gedruckt vorliegendes Werk hat es nicht wenig dazu beigetragen, daß im 18. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Gelehrten wieder auf unsere alten Sagenstoffe gelenkt wurde.

Der Strophenform des Nibelungenliedes bedient sich ferner noch das Epos von Alpharts Tod, uns nur in einer einzigen späten und lückenhaften Handschrift erhalten; es entstammt etwa der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und behandelt einen Abschnitt der Dietrichsage.

Formal abhängig vom Nibelungenliede dürfte auch das Gedicht von der Ravennaschlacht sein; es ist in einer eigentümlichen Strophe verfaßt, deren erste Hälfte annähernd eine halbe, auf den Cäsuren gereimte Nibelungenstrophe darstellt, während die zweite aus zwei mittellangen, cäsurlosen, klingend gereimten Versen besteht; ganz klar ist die ursprüngliche Form wegen starker Überarbeitung nicht erkennbar. Wie uns nämlich die Ravennaschlacht überliefert ist, entstammt sie erst dem Anfang des 14. Jahrhunderts und bildet den zweiten Teil zu dem in kurzen Reimpaaren verfaßten Gedichte von Dietrichs Ahnen und Flucht. Der Verfasser des ganzen Werkes nennt sich Heinrich der Vogler und ist ein Spielmann. Schon der Umstand, daß er im Verlaufe seiner Dichtung von der einfachen epischen Weise zu einer Strophenform übergeht, zeigt, daß er hier eine alte Grundlage überarbeitet. Für diese Grundlage besitzen wir noch zwei selbständige Zeugnisse: die betreffende Partie der Thidrikssaga, die sie inhaltlich wiedergibt, und einen deutlichen Hinweis in dem Gedichte „Meier Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtner, das etwa um die Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Die Grundlage der Ravennaschlacht wird damit in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts festgehalten.

Das von uns früher ([S. 65]) besprochene Gedicht vom „Hürnen Seifried“, das uns nur in Drucken des 16. Jahrhunderts erhalten ist, gehört natürlich nach Inhalt und Form ebenfalls zu den durch das Nibelungenlied befruchteten Werken. Es geht auf eine verlorene ältere Dichtung zurück, aus der es augenscheinlich nur ausgezogen ist. Wir besitzen nämlich in dem Bruchstück m einer Nibelungenhandschrift einen Beweis für des „Hürnen Seifrid“ früheres und umfangreicheres Dasein: das Bruchstück ist nur ein Teil eines Verzeichnisses von Überschriften der Gesänge nebst Blattweiser, es genügt aber, um zu erkennen, daß der verlorene Text den „Hürnen Seifrid“ in das Lied hineingearbeitet hatte, und zwar sowohl die Jugendgeschichte wie den Drachenkampf; Kriemhilt wird in dem Augenblicke, da man sich zur Fahrt nach Island rüstet, vom Drachen entführt und demnächst von Siegfried befreit. Das Bruchstück ist um 1400 geschrieben und hält damit den ältern „Hürnen Seifrid“ im 14. Jahrhundert fest.

In den beiden nächsten Jahrhunderten ist die Verwendung der Nibelungenstrophe in jüngerer Form so häufig, daß ihr Auftreten nur noch einen ganz äußerlichen Zusammenhang mit dem Nibelungenliede bedeutet; es genügt für uns, die Entwicklung der Strophenform selbst kurz darzulegen: durchweg ist die vierte Zeile den drei ersten gleichgemacht; nach meistersingerischer Weise wird feste Silbenzahl beabsichtigt (vor der Cäsur sieben Silben klingend ausgehend, nach derselben sechs stumpf ausgehend); die Cäsuren sind konsequent entweder reimlos oder durchgereimt: in ersterem Falle heißt die Form „Hiltebrandston“ (ihn verwenden das modernisierte Nibelungenlied der Handschrift k und der Hürnen Seifrid), in letzterem Falle „Heunenweise“. Das Bewußtsein von der Besonderheit der Form, die durch gereimte Cäsuren bedingt wird, ist also völlig durchgedrungen.

Bis in das 15. Jahrhundert hinein bleibt das Interesse am Nibelungenliede lebhaft und wach; der Stoff wird sogar gelegentlich dem Zeitgeschmack angepaßt. So wird um 1400 in der Handschrift b an der Stelle, wo Dietrich die ankommenden Burgunden vor Kriemhilt warnt, eine Interpolation eingelegt, die erzählt, Kriemhilt habe Röhren, gefüllt mit Schwefel und Kohle (also Pulverminen), legen lassen, um die Burgunden im Nachtlager in die Luft zu sprengen. Im 15. Jahrhundert ist dann die ganze Dichtung neu überarbeitet und nach den Regeln der Meistersinger sprachlich behandelt worden; es ist dies der Text, der uns in der Handschrift k erhalten ist. Das Gedicht wird hier in seinen beiden Abschnitten betitelt „die erste Hochzeit Kriemhilts mit Siegfried“ und „die zweite Hochzeit Kriemhilts mit Etzel“.

Dann aber fängt das Interesse an zu erlöschen. Der letzte namhafte Mann, der zu unserm Liede in Beziehung steht, ist Kaiser Maximilian I., der letzte Ritter. Er hat das sog. Heldenbuch an der Etsch (offenbar eine ältere Sammelhandschrift, von der vermutlich O ein Rest ist) abschreiben lassen und dadurch in den Jahren 1502–1517 die noch erhaltene große Ambraser Sammelhandschrift geschaffen, die auch unser Lied enthält (d). Es ist die letzte Handschrift unseres Gedichtes. Gedruckt worden ist das Lied in alter Zeit nicht. Mit dem Augenblicke, da der Buchdruck durchgedrungen war, ist das Interesse an ihm erlahmt; warum, ist schwer zu ersehen; wahrscheinlich, weil der Geschmack des Liedes für die damalige Zeit auf der einen Seite zu ritterlich-vornehm, auf der andern aber wieder zu volkstümlich-einfach war; die einfachern Kreise mochten es seiner Vornehmheit wegen nicht, und die vornehmern hatten ihre Neigung bereits den neu auftretenden humanistischen Stoffen zugewendet. Wir finden nun an Stelle des Liedes im 16. Jahrhundert nur das gedruckte, wenig wertvolle Gedicht vom „Hürnen Seifrid“, das bis 1611 immer wieder aufgelegt wurde, das sich aber nur an ein untergeordnetes Publikum wendet. Bezeichnend ist die ebengenannte Jahreszahl 1611: sieben Jahre vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges! Von da an sind die älteren Dichtungen nicht mehr beachtet, also auch nicht mehr aufgelegt worden, sondern in Vergessenheit geraten. Ja, sogar die Erinnerung an die alte Sage, die doch in Oberdeutschland, wenigstens was die Dietrichsage angeht, ganz lebendig im Volke haftete, ist im Dreißigjährigen Kriege völlig erloschen. Nur in einer ganz verzerrten Form hat die Nibelungensage diese Zeit überdauert: im sog. Volksbuch vom gehörnten Siegfried. Der erste erhaltene Druck dieses Buches stammt aus dem Jahre 1726; der Text selbst ist vielleicht noch etwas älter. Er ist in ganz rohem Geschmack hergestellt: auf der einen Seite ist er äußerlich in die Höhe geschraubt durch Einführung fremdklingender Namen, lateinischer Endungen u. dgl. (so heißt Gibich jetzt Gibaldus, Kriemhilt Florigunda); auf der andern Seite wieder sind komische Szenen eingelegt, Narrenstreiche und ähnliche höchst unbedeutende kleine Episoden. Im großen und ganzen ist das Volksbuch weiter nichts als eine Umarbeitung des „Hürnen Seifrid“. Es ist dann immer wieder aufgelegt worden bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts hinein, ohne daß die bessern Kreise sich um dasselbe irgendwie gekümmert hätten. Auf dem Titel steht zu lesen: „Gedruckt in diesem Jahr“; so wird dem ungebildeten Leser weisgemacht, daß er das Neueste vom Jahre in der Hand habe. Die Behörden haben nicht nur den Gehörnten Siegfried, sondern auch alle andern Volksbücher öfter verboten. Man begreift ihr Vorgehen, wenn man auf den ungeläuterten Geschmack achtet, der in diesen Büchern waltet: sie stehen ungefähr auf der Stufe der modernen Hintertreppenromane. Aber die „albernen Dinge“ (wie die einschreitenden Behörden die Volksbücher nannten) waren manchen Leuten noch nicht albern genug; so konnte es geschehen, daß das Volksbuch vom gehörnten Siegfried zweimal noch weiter heruntergezogen wurde: 1783 verbreiterte es ein Dr. Kindleben zu einem zweibändigen Volksroman von mehr als 550 Seiten, und noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts erschien eine Neubearbeitung unter folgendem bezeichnenden Titel: „Siegfried und Florigunde. Oder: durch Gefahren wird die Tugend gestärkt, und die Ausdauer in derselben belohnt. Eine mährchenhafte Historie von den Abenteuern, welche Siegfried der Ungehörnte wegen der schönen Florigunde bestanden hat. Erster Teil. Ganz umgearbeitet, neu aufgelegt und in ein heilsames Lesebuch verwandelt.“ Sapienti sat. Vor dem angekündigten zweiten Teile scheint das Publikum bewahrt geblieben zu sein. Das Buch blieb der letzte direkte Ausläufer des alten Stoffes; mit dem inzwischen bereits eingeleiteten Wiedererwecken desselben hat es keinen Zusammenhang.

VIII.
Erneuerung der Kenntnis des alten Stoffes seit dem 18. Jahrhundert.

Der erste, der dafür tätig gewesen ist, daß wir wieder Geschmack und Interesse für unsere ältere Literatur bekommen haben, und der deshalb nicht vergessen werden darf, obgleich ihn seine jüngern Zeitgenossen (im allgemeinen unverdienter Weise) viel geschmäht und dadurch fast der Vergessenheit überliefert haben, ist Gottsched. Er hat 1752 dem Heldenbuch und dem Hürnen Seifrid gelehrte Beachtung geschenkt; vom Nibelungenliede weiß er noch nichts. Das lag damals noch für Gelehrte und Ungelehrte im Staube der alten Bibliotheken vergraben. Erst drei Jahre nach dieser ersten Betätigung Gottscheds auf dem Gebiete unserer alten Literatur entdeckte ein junger Mediziner, Namens Obereit, bei einem Besuche des Schlosses Hohenems in Vorarlberg 1755 am 29. Juni die von uns jetzt mit C bezeichnete Handschrift des Nibelungenliedes, und von diesem Augenblicke an ist das Gedicht neu belebt, denn durch Obereit ward Bodmer, der Führer der Schweizer im Streite wider Gottsched, bekannt mit der Handschrift und gab einen Teil von ihr heraus: 1757 ließ er den zweiten Teil des Liedes samt der Klage von einem zufälligen Punkte an, nämlich vom Wiedereinsetzen des Textes nach der letzten Lücke von C (Str. 1682 Holtzmann) an, abdrucken. Den fehlenden Eingang hat er durch eine eigene mittelhochdeutsche Reimerei ersetzt, die ihm natürlich mißglückt ist. Die Ausgabe trägt den Titel: „Chriemhilden Rache, und die Klage; zwey Heldengedichte aus dem schwäbischen Zeitpuncte“. Viel Erfolg hat sie freilich nicht gehabt, obgleich Bodmer selbst noch für die erste neuhochdeutsche Bearbeitung gesorgt hat: im Jahre 1767, also zehn Jahre später, veröffentlichte er unter dem Titel „Die Rache der Schwester“ eine Übertragung des mittelhochdeutschen Textes seiner Ausgabe in deutsche, wenig glücklich gebaute Hexameter. Wenn auch damit nicht allzuviel für das Lied geschehen war, so war doch ein Schritt getan, auf dem weiter gebaut werden konnte; das Interesse war geweckt. Nach kaum einem Menschenalter ist ein jüngerer Gelehrter, ein Schüler Bodmers, Myller, in der Lage, nicht bloß das Nibelungenlied, und zwar vollständig, sondern eine größere Anzahl von Gedichten aus dem deutschen Mittelalter in einer Sammlung herausgeben zu können, auf die bereits hervorragende Personen subskribieren, und die sich sogar an die höchsten Stellen wendet: Myller erbat und erhielt noch 1780 von König Friedrich II. von Preußen die Erlaubnis, ihm das Sammelwerk zueignen zu dürfen. Im Jahre 1782 erschien daher als erstes Stück der Myllerschen Sammlung die erste vollständige Ausgabe: „Der Nibelungen Liet, ein Rittergedicht aus dem XIII. oder XIV. Jahrhundert. Zum ersten Male aus der Handschrift ganz abgedruckt“. Myller legte Bodmers Ausgabe zugrunde und fügte den ersten Teil aus einer Bodmer gehörigen Abschrift hinzu; als Bodmer sich seinerzeit diese Ergänzung zu seinem Texte aus Hohenems verschaffte, war aber ein Irrtum untergelaufen: in Hohenems lagen ja zwei Handschriften, nämlich außer C, auf der Bodmers Ausgabe beruht, noch A; letztere wurde zufälligerweise zur Ergänzung benutzt, und so stellt sich die erste vollständige Nibelungen-Ausgabe in ähnlicher Art als Mischtext dar, wie es um 1300 mit der Gruppe Db und um 1450 mit der Bearbeitung k der Fall war. Daß die Handschriften C und A im Texte ziemlich weit voneinander abstehen, konnte man um 1780 noch nicht beurteilen. Das Werk war, wie gesagt, keinem Geringern gewidmet als Friedrich dem Großen, und ihm natürlich auch ein Exemplar übersandt worden. Dafür hat sich der König in einem höchst charakteristischen und eigentümlichen Briefe bedankt, aus dem hervorgeht, daß damals die Zeit des Verständnisses für unsere ältere Literatur noch nicht gekommen war, am allerwenigsten Friedrich dem Großen, der ja nicht einmal an der eben neuerblühten deutschen Literatur irgendwelchen Anteil nahm. Der Brief lautet:

Hochgelahrter, lieber getreuer.

Ihr urtheilt, viel zu vortheilhafft, von denen Gedichten, aus dem 12., 13. und 14. Seculo, deren Druck Ihr befördert habet, und zur Bereicherung der Teutschen Sprache so brauchbar haltet. Meiner Einsicht nach, sind solche, nicht einen Schuß Pulver, werth; und verdienten nicht aus dem Staube der Vergessenheit, gezogen zu werden. In meiner Bücher-Sammlung wenigstens, würde Ich, dergleichen elendes Zeug, nicht dulten; sondern herausschmeißen. Das Mir davon eingesandte Exemplar mag dahero sein Schicksal, in der dortigen großen Bibliothec, abwarten. Viele Nachfrage verspricht aber solchem nicht, Euer sonst gnädiger König

Potsdam, d. 22. Februar 1784. Frch.

Der Brief wird auf der Züricher Bibliothek unter Glas und Rahmen aufbewahrt. Er ist geschrieben nach Vollendung des ersten Bandes der Sammlung, der außer den Nibelungen noch die Eneit, den Parzival und den Armen Heinrich enthält, bezieht sich also nicht ausschließlich auf unser großes Epos (der König spricht ja auch von „denen Gedichten“); man hat deshalb neuerdings geglaubt, die Nibelungen von des Königs hartem Urteil entlasten zu dürfen. Allein das ist vergebliches Bemühen: sie gehören eben gleich als erstes mit zu „denen Gedichten“, und es wäre sehr merkwürdig, wenn Friedrich bei seiner, wenn auch einseitigen, doch offenbar ehrlichen Kenntnisnahme gerade am ersten Stücke vorübergegangen wäre. Vom Standpunkte des Königs Friedrich ist diese Mißachtung unsers Gedichts wohl zu verstehen, denn wir müssen erst von seinen Anschauungen hinweg über Goethe bis in die Romantik hinein, ehe wir wirklich Interesse und Geschmack für unsere alte Vergangenheit erwarten dürfen.

Wichtig für die weitere Entwicklung unserer Kenntnis des alten Liedes sind die Vorlesungen, die August Wilhelm Schlegel in den Jahren 1802 und 1803 in Berlin gehalten hat. Diese Vorlesungen sind zwar nicht gedruckt worden, allein es wohnte ihnen ein Mann bei, der dann sein ganzes Leben der Germanistik und in erster Linie dem Nibelungenliede gewidmet hat, Friedrich Heinrich von der Hagen. Er hat zuerst im Jahre 1807 den Versuch gemacht, eine Erneuung des Liedes zu schaffen, d. h. die alte Sprachform der neuhochdeutschen im äußern Gewande, der Orthographie, vielleicht auch in der Wortwahl, so weit anzunähern, daß man den alten Text zur Not mit Verständnis lesen konnte. Diese Erneuung ist nun freilich noch keine Übersetzung; ohne Wörterbuch kommt Hagen noch nicht aus; sie bedeutet aber einen gewaltigen Schritt vorwärts, auch insofern, als hier zum ersten Male die strophische Form der alten Dichtung erkannt war. 1810 ließ Hagen seine erste Ausgabe des alten Textes erscheinen; freilich bot sie (und ebenso die bald darauf geschaffene, eingangs erwähnte Zeunesche) noch die Myllersche Handschriftenmischung. Doch bald darauf erkannte Hagen den bisher obwaltenden Irrtum, und in der zweiten, 1816 erschienen Auflage seiner Ausgabe hat er die St. Galler Handschrift (B) zugrunde gelegt und so zum ersten Male einen authentischen Text dargeboten. In seinem langen, bis 1856 währenden Leben hat er am Liede immer weiter gearbeitet.

Die erste kritische Ausgabe unseres Gedichtes lieferte 1826 Karl Lachmann; er legte den von der Hohenems-Münchner Handschrift A gebotenen Text zugrunde, weil er ihn, als den kürzesten, auch für den ältesten hielt; alle übrigen Handschriften enthielten nach seiner Meinung nur Überarbeitungen, also B sollte auf Grund von A, C auf Grund von B entstanden sein usw. Mit seiner Anschauung vom Werte der überlieferten Texte verband Lachmann seine Theorie vom Ursprunge des Gedichtes, die er bereits 1816 in seiner Schrift „Über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noth“ dargelegt hatte und 1836 unter dem Titel „Zu den Nibelungen und zur Klage: Anmerkungen“ im einzelnen ausführte. Er nahm an, daß der Text nichts weiter sei, als die Überarbeitung einer Sammlung von zwanzig an sich selbständigen Liedern, die im allgemeinen inhaltlich eins auf das andere folgten und, wenn nötig, durch eingelegte Zwischenstücke verbunden worden wären; auch glaubte er, diese Lieder noch in allen Einzelheiten wiederherstellen zu können. Er stützte sich bei seiner Arbeit auf das häufige Wechseln des Tones, das er allerdings, wie man zugestehen muß, mit großer Sicherheit herausempfunden hat, sowie auf das Vorhandensein mehrerer Widersprüche. Von letzteren sind zwei (der bei der Verwechslung von Treisenmûre und Zeizenmûre obwaltende und derjenige, der Dankwarts Lebensalter betrifft) bereits vorhin ([S. 105] und [85]) erörtert worden; ein dritter besteht darin, daß Günther in Str. 911 (Bartsch) die Jagd, auf der Siegfried ermordet werden soll, im Wasgenwalde ansetzt, während sie doch dann, von Worms aus gerechnet, jenseits des Rheines stattfindet; er erledigt sich nach unserer vorhin vorgetragenen Anschauung als einfacher Schreibfehler der Grundhandschrift der Not-Gruppe. — Ferner war Lachmann, als er sich dem Nibelungenliede zuwandte, beeinflußt von der Homerkritik Friedrich August Wolfs; er glaubte dessen für das griechische Altertum gültige Anschauungen auf das deutsche Mittelalter übertragen zu dürfen; daß dies nicht angängig ist, bedarf heute wohl kaum einer Widerlegung. Immerhin gewährt die Liedertheorie stellenweise die einzige Möglichkeit, Fragen, die der überlieferte Text dem gelehrten Kritiker stellt, zu lösen, und wir haben sie selbst, wenn auch in bescheidenem Umfange, bei der Untersuchung des Stoffes angewendet; es ist nur keineswegs angängig, eine Lösung auf dem Wege anzustreben, daß man nebeneinander liegende Stücke einfach wie mit einem Scherenschnitte voneinander trennt; übereinander liegen die Schichten, die die lange Entwicklung des Stoffes abgesetzt hat, nicht nebeneinander.

Bei der Abgrenzung der echten und unechten Teile im einzelnen hat sich Lachmann von der Vorstellung leiten lassen, daß jedes „echte“ Lied aus einer Anzahl von Strophen bestehe, die durch sieben teilbar sein müsse. Er hat sich darüber nicht geäußert; erst kurz nach seinem 1851 erfolgten Tode erkannte Jakob Grimm dies merkwürdige Verhältnis. Lachmanns unbedingte Anhänger versuchten auch die Geltung der Siebenzahl zu erhärten, doch ohne irgendwelche schlagenden Gründe.

Nachdem die Meinung, daß der echte Nibelungentext allein in der Handschrift A vorliege, ein Menschenalter hindurch unbedingt geherrscht hatte, traten im Jahre 1854 kurz nacheinander zwei Gelehrte mit der Ansicht hervor, daß der echte Text vielmehr durch die Hohenems-Laßbergische Handschrift C, als die vollständigste und inhaltlich am besten abgerundete von allen, repräsentiert werde, B aber und gar erst A verkürzende Bearbeitungen des in C vorliegenden Originales seien; es waren Adolf Holtzmann („Untersuchungen über das Nibelungenlied“) und Friedrich Zarncke („Zur Nibelungenfrage“); sie verwarfen natürlich auch die Liedertheorie und behaupteten einheitliche Konzeption des Gedichtes. Ihr Auftreten war das Zeichen zum Ausbruche eines heftigen, mit großer Hitze geführten Gelehrtenstreites; er ist begreiflich, denn während Lachmann von dem kürzesten und schlechtesten Texte ausgegangen war, verfielen Holtzmann und Zarncke in das entgegengesetzte Extrem, indem sie den längsten, zweifellos interpolierten Text zugrunde legten (auch in ihren, zuerst 1857, bez. 1856 erschienenen Ausgaben).

Einen vermittelnden Standpunkt nahm zuerst Karl Bartsch ein; nachdem er ihn bereits 1862 auf einer Philologenversammlung geltend gemacht hatte, legte er ihn im einzelnen dar in seinen 1865 erschienenen „Untersuchungen über das Nibelungenlied“. Nach seiner Meinung ist der Originaltext verloren; wir besitzen nur zwei zu Ende des 12. Jahrhunderts entstandene und im wesentlichen durch die Handschriften B und C repräsentierte Überarbeitungen desselben; diese Überarbeitungen sollen durch den Umstand veranlaßt sein, daß das Original in seiner Reimtechnik noch ziemlich unvollkommen gewesen sei; die fortgeschrittenere Kunst des ausgehenden 12. Jahrhunderts habe reinere Reime verlangt und dadurch zwei Männer, die voneinander nichts wußten, bewogen, das Original im wesentlichen reimbessernd zu überarbeiten.

Bartschs Theorie hat sich viel Anhänger erworben, besonders in der Anschauung, daß die Handschrift B zwar nicht das Original, wohl aber einen diesem sehr nahestehenden Text biete; dagegen hat die Meinung, daß Reimungenauigkeit die Ursache der doppelten Überarbeitung sei, fortgesetzt an Boden verloren, weil 1) die große Mehrzahl aller Reime beiden Bearbeitungen eigen ist, also aus dem Original stammt, aber auch ohne Tadel ist, und 2) Bartsch so verfährt, als ob jede Abweichung der beiden Texte voneinander lediglich durch ungenauen Reim des Originals veranlaßt sein könnte. In dieser Beziehung ist Bartschs Theorie durch Hermann Paul („Zur Nibelungenfrage“, 1876) wesentlich modifiziert worden; er gibt zwar zu, daß B und C Paralleltexte sind, die auf ein verlorenes Original zurückweisen, lehnt aber die Begründung der Abweichungen auf Reimungenauigkeiten des Originals ab.

Wesentlich gefördert, besonders in bezug auf die Bestimmung aller einzelnen Handschriften, ist neuerdings unsere Kenntnis worden durch die schon erwähnte Schrift von Wilhelm Braune „Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes“ (1900); auch ihm sind B und C im wesentlichen Paralleltexte, doch steht nach seiner Meinung B dem Original so nahe, daß es für dasselbe gelten kann; C dagegen ist für Braune eine allmählich entstehende planmäßige Überarbeitung: ihr Autor soll längere Zeit an ihr tätig gewesen sein, die erste Stufe seiner Arbeit in d und ihren nächsten Verwandten, die zweite desgleichen in I und die vollendete erst in C uns vorliegen; es ist die vorhin eingehend erörterte, schwierig zu beurteilende Handschriftengruppe Id, die Braune zu dieser immerhin seltsamen Anschauung veranlaßt hat. Wie diese Gruppe auch einzuordnen sein mag, jedenfalls steht heutzutage fest, daß B dem Originale des Gedichtes am nächsten steht, daß C stark überarbeitet ist, und daß A auf irgendwelchen selbständigen Wert keinerlei Anspruch machen kann; alles übrige mag immer noch nach subjektivem Empfinden beurteilt werden.

Es konnte an dieser Stelle nicht meine Aufgabe sein, alle Arbeiten zu erwähnen, die unsere Kenntnis von Nibelungenlied und Nibelungensage gefördert haben; nur die Marksteine der Entwicklung unserer Kenntnis sollten hervorgehoben werden, und das ist geschehen, soweit die wissenschaftliche Seite in Frage kommt; nicht geringer aber ist das Verdienst derjenigen, die in erster Linie dahin gewirkt haben, die alte Dichtung unserm Volke wieder näher zu bringen, der Übersetzer und der modernen Bearbeiter. Von jenen erwähne ich nur Karl Simrock, der seine Übersetzung bereits 1827 erscheinen ließ; heute (1906) liegt sie in 58. Auflage vor; sie ist diejenige, die sich am treuesten von allen dem Original anschmiegt, und deshalb besonders geeignet zur ersten Einführung in das Verständnis des alten Gedichtes. Daher habe ich sie 1909 für Meyers Klassiker-Ausgaben neu herausgegeben, sowie mit einer Einleitung und den Text Schritt für Schritt begleitenden Anmerkungen versehen.

IX.
Die wichtigsten modernen Bearbeitungen der Sage.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat eine ganze Reihe von Dichtern ihre Stoffe aus dem alten Liede und aus den verwandten Gebieten entnommen; in moderner, freier Weise sind sie unter Bewahrung ihrer dichterischen Selbständigkeit auf Grund der alten Sage dichterisch wirksam gewesen; sie alle hier aufzuzählen und durchzusprechen, wäre ganz unmöglich; nur die drei bedeutendsten, Richard Wagner, Friedrich Hebbel und Wilhelm Jordan, sollen erwähnt und gewürdigt werden. In der Reihenfolge wie sie eben genannt sind, haben sie ihre Texte verfaßt, aber ihre Wirkung hat sich in ganz anderer Folge geltend gemacht. Wagner war unter ihnen der erste, der sich als moderner Dichter des alten Stoffes bemächtigte. Er hat sein dramatisches Gedicht „der Ring des Nibelungen“ im Jahre 1853 vollendet, in der Zeit seines Aufenthaltes in Zürich, als er infolge seiner Beteiligung an der Dresdener Revolution in der Verbannung lebte. In Zürich stand er in Beziehung zu den Gelehrten der Universität, besonders dem Germanisten Ludwig Ettmüller; man erkennt aus der Art, wie Wagner den Stoff angreift, sehr deutlich den damaligen Stand der Wissenschaft, insbesondere der Sagenforschung. Wagner ist durchaus von ihm abhängig, ein Umstand, aus dem man Wagner natürlich keinen Vorwurf machen kann. Eher kann man ihm vorwerfen, daß er (obgleich er als Dichter das Recht dazu hat) gar so willkürlich mit dem Stoffe umspringt. Er hat die Erzählung auf der einen Seite nur bis Siegfrieds Tod durchgeführt, so daß der ganze grandiose zweite Teil vollständig wegfällt; auf der andern Seite hat er die Geschichte der Siegfriedsage, verführt durch die damalige Anschauung der Mythenforscher, in die Göttersage hinaufgehoben.

Sein Werk besteht aus vier Teilen: Dem Vorspiel „Rheingold“ und den drei Teilen der Trilogie „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. — Im „Rheingold“ schildert Wagner im Anschluß an die Darstellung der Edda, aber unter ganz freier Umgestaltung dieser Geschichte, die Herkunft des Ringes. Dieser Ring ist das wesentlichste Stück des Hortes, denn er kann den Hort immer neu gebären; solange der Ring existiert, wird der Hort nicht kleiner. „Der Ring des Nibelungen“ heißt Wagners Gedicht. Der Nibelunge, den der Titel meint, ist der ursprüngliche Besitzer des Rings. Im „Rheingold“ also wird erzählt, wie diesem ursprünglichen Besitzer, der ein Abbild des Zwerges Andvari der Edda ist, der Hort entrissen wird.

In der „Walküre“ wird entwickelt, wie die Walküre Brynhild dazu kommt, sich Wodans Willen zu widersetzen, so daß sie vom Gotte bestraft und in Schlaf versenkt wird; diese von uns als jüngste Fassung charakterisierte Form der Brynhild-Geschichte hat Wagner als Grundlage gewählt, weil der Gott hier tätig eingreift; Wagner geht von der Voraussetzung aus, daß die Beziehungen der Nibelungensage zu den Göttern alt seien; ja, er hat die Entwicklung der Nibelungengeschichte direkt als einen Teil der Entwicklung der Göttergeschichte hingestellt.

Im zweiten Hauptteile „Siegfried“ wird dann geschildert, wie der junge Siegfried aufwächst, den Drachen tötet und die Walküre befreit.

Im dritten Teile sehen wir ihn zunächst die Walküre verlassen und dann plötzlich in die Gewalt der Gegner verfallen, die dargestellt werden als echte Nibelungen, als Angehörige des ursprünglichen Besitzers des Ringes. „Götterdämmerung“ heißt dieser letzte Teil, weil mit dem Untergange Siegfrieds der Untergang der alten Götterwelt nach Wagners Auffassung besiegelt ist; unter „Götterdämmerung“ versteht man infolge eines seltsamen Irrtums die Eschatologie der Nordgermanen. Ursprünglich lautet das Wort, das man sich mit „Götterdämmerung“ wiederzugeben gewöhnt hat, ragna rok, d. i. Götterschicksal, also ein ganz passender Ausdruck für das, was man sich in der spätnordischen Zeit kurz vor Einführung des Christentums als Entwicklung der Götterwelt dachte; später mißverstand man ihn, weil man nicht mehr ragna rok las, sondern ragna rökkr, d. i. Götterverfinsterung; diesen an sich kaum verständlichen Ausdruck hat man im Deutschen mit „Götterdämmerung“ wiedergegeben; so hat dies Wort den Sinn von „Weltuntergang“ erlangt.

Was das Formale bei Wagner angeht, so hat er seine Dichtung in stabreimenden Versen abgefaßt, und zwar wechselt er nach Belieben, aber geleitet von einem bestimmten rhythmischen Gefühl zwischen zwei- und dreihebigen stabreimenden Versen ab. Daß er in der Behandlung der einmal gewählten Form glücklich gewesen ist, kann man nicht behaupten. Gewiß würde Wagners Dichtung schwerlich irgendwelchen Einfluß erlangt haben, wenn Wagner nur Dichter, nicht auch der große Komponist gewesen wäre. Aber die Komposition des Ringes ist erst mehr als 20 Jahre später bekannt geworden: zum ersten Male wurde sie in Baireuth im August 1876 vorgeführt. Mit dieser seiner so wirkungsvollen Komposition hat Wagner allerdings für die Wiederbelebung des Interesses an der alten Sage das Höchste beigetragen, durch sein großes Tonwerk hat er für sie wohl am allertiefsten und mächtigsten gewirkt. Um so mehr darf man bedauern, daß er, unbeschadet wundervoller Einzeldarstellung (besonders im Siegfried), dem Geiste der alten Sage so wenig gerecht geworden ist.

Der nächste, der sich an den alten Stoff gewagt hat, ist Hebbel. Er ließ im Jahre 1862 die große Dichtung „Die Nibelungen“ erscheinen, abermals ein Drama; es umfaßt ein Vorspiel „Der gehörnte Siegfried“ und zwei fünfaktige Trauerspiele „Siegfrieds Tod“ und „Kriemhilds Rache“. „Siegfrieds Tod“ entspricht im wesentlichen dem ersten, „Kriemhilds Rache“ im wesentlichen dem zweiten Teile unseres Nibelungenliedes. Im Vorspiel „Der gehörnte Siegfried“ wird nur geschildert, durchaus im Anschluß an unser Lied, wie Siegfried in Worms erscheint und aufgenommen wird. Der Titel „Der gehörnte Siegfried“ ist von Hebbel natürlich unter dem Einfluß des Volksbuches gewählt. Hebbels Form ist die seit den Zeiten unserer Klassiker im Drama übliche, der fünfhebige Blankvers. Inhaltlich schließt sich Hebbel so genau wie nur irgend möglich an unser Nibelungenlied an, und man kann nicht genug die Kunst bewundern, mit der er es versteht, diesen doch manchmal recht spröden Stoff aus dem Epischen ins Dramatische umzusetzen und damit notwendigerweise die vielen Anstöße, die sich bei der Betrachtung des Liedes aufdrängen, zu umgehen oder zu beseitigen. Mit virtuoser Kunst hat Hebbel das durchgeführt, und seine Arbeit dürfte unter den hier zu besprechenden bei weitem am besten gelungen sein. Vor allen Dingen ist er möglichst treu, nimmt den Stoff, wie er gegeben ist, und tut nicht allzuviel Eigenes hinzu. Das Hinzufügen neuer Gedanken soll damit natürlich nicht allgemein verurteilt werden, allein es bringt bei der Behandlung alter Stoffe doch die Gefahr mit sich, daß es von der Grundlage fühlbar absteht und den Eindruck von grellen Mißtönen hervorruft. Mit feiner Empfindung ist Hebbel daher im Hineinbringen neuer, eigener Gedanken sehr sparsam verfahren; eigentlich hat er nur zwei selbständige Zutaten gebracht: die eine besteht in der Art, wie er Brünhilt zur Zeit, da sie als Mädchen in Island lebt, auffaßt; ihr wird eine alte Magd, namens Fricka, an die Seite gestellt, die sie erzogen hat und gewissermaßen die alte Zeit, das alte Heidentum, repräsentiert; Brünhilts Person wird hauptsächlich durch das Hinzufügen dieser Fricka in eine übernatürliche, göttliche Sphäre hinaufgehoben. Die andre Zutat liegt in der am Schlusse der ganzen Dichtung erst deutlicher hervortretenden Auffassung Dietrichs von Bern. Auf welche Weise Dietrich an den Hof des Hunnenkönigs gekommen ist, läßt Hebbel einigermaßen im unklaren; er behauptet, Dietrich sei freiwillig, ohne durch irgendwelche äußern Umstände genötigt zu sein, an den Hof Etzels gekommen unter dem Einfluß gewisser übernatürlicher, mythischer Gewalten. Dietrich selbst erzählt einmal, wie er in einem Brunnen die Stimmen der Unterirdischen belauscht habe; damit wird sein Entschluß begründet, freiwillig in die Dienste eines andern Königs zu treten, obgleich er selbst ein König und dem erwählten Herrn mindestens ebenbürtig ist. Dietrich vertritt bei Hebbel die neue Zeit. Er verwaltet in der großen Tragödie ein göttliches Richteramt und spricht das Schlußwort:

Im Namen dessen, der am Kreuz erblich.

Dietrich ist also bei Hebbel der Vertreter des Christentums, wie andrerseits Brünhilt die Vertreterin des germanischen Heidentums ist. Diese beiden Pole stellt der Dichter einander gegenüber, und als Übergang und Verbindung beider denkt er sich die Ereignisse unseres Liedes.

Das ist im wesentlichen alles, was Hebbel aus Eigenem zu dem sonst treu bewahrten Inhalt des Liedes hinzugetan hat; man empfindet leicht, daß dies Wenige schon über das eigentliche innere Wesen der alten Sage hinausgeht; auch Hebbel ist in seinen Zutaten nicht glücklich gewesen, wenn er auch nicht so weit, wie vor ihm Wagner und nach ihm Jordan, von der alten Sage abgewichen ist. Hebbels Werk wird erst neuerdings anerkannt, doch noch lange nicht genug gewürdigt; sicher ist er derjenige, der einerseits den alten Stoff sich am innigsten zu eigen gemacht und andrerseits mit der größten dramatischen Kunst zur Darstellung gebracht hat. In der Zeit, da die „Nibelungen“ erschienen, stießen sie auf Unverstand und Übelwollen; es erschien eine (übrigens gar nicht so üble) Parodie des Hebbelschen Werkes unter dem Titel „Die Niegelungnen“, wenn ich nicht irre, aus der Feder des Humoristen Glasbrenner, der sich Brennglas nannte.[58] Immerhin — auch in der Verspottung liegt ein Maß von Anerkennung; Wertloses lohnt die Mühe des Parodierens nicht; und in diesem Sinne der (vielleicht unbeabsichtigten) Anerkennung können wir Glasbrenners Scherze wohl gelten lassen.

Der dritte namhafte moderne Bearbeiter unserer alten Sage ist Wilhelm Jordan. Er hat im Anschluß an Homer und unter dem bewußten Bestreben, ein deutscher Homer zu werden, die alte Sage behandelt; schon in der äußern Form seiner Dichtung „Die Nibelunge“ erkennt man dies Streben. Während Wagner und Hebbel Dramatiker sind, ist Jordan Epiker. Er gliedert seinen Stoff in zwei umfangreiche Epen, „Sigfridsage“ und „Hildebrands Heimkehr“ betitelt. Jedes dieser Epen umfaßt 24 Gesänge, genau nach dem Vorbilde der Einteilung Homers. Die gewählte Form ist ein freifließender Vers, stichisch wie der Hexameter des griechischen Vorbildes; mit großem Geschick hat Jordan nicht den für das deutsche Epos doch so fremdartig anmutenden, wenig geeigneten Hexameter gewählt, sondern den altgermanischen stabreimenden Vers nachzubilden gesucht.

Die Anlehnung an Homer ist, wie gesagt, bei Jordan bewußt; ist er doch sogar als Rhapsode, als wandernder Sänger in Deutschland und Amerika herumgezogen und hat seine eigenen Dichtungen vorgetragen. Und gerade sprachlich sind sie von wunderbarer Schönheit; wenig eignet sich so zum Vorlesen, wie Jordans „Nibelunge“ wegen der reinen Musik ihrer Sprache.

Was den Inhalt angeht, so hat sich Jordan in der Sigfridsage im wesentlichen an den alten Stoff gehalten, und zwar in ziemlich menschlicher Auffassung der alten Erzählung. Insofern ist er also der alten Sage wohl gerecht geworden. Selbstverständlich behandelt er in dem Gedichte „Sigfridsage“ nur ihren ersten Teil. Den zweiten hat er als Episode in sein zweites Epos, „Hildebrands Heimkehr“, verwiesen; in diesem hat er sich freilich hinreißen lassen, sehr viel aus Eigenem hinzuzutun; der ganze Rahmen von „Hildebrands Heimkehr“ ist Jordansches Eigentum, die alte Sage ist ganz frei behandelt, sogar mit Ausblicken auf modernste Geschichte, und so geht denn „Hildebrands Heimkehr“ weit über den Inhalt unserer Nibelungensage hinaus. — Die Dichtungen Jordans sind erschienen: „Sigfridsage“ 1867 und 68, „Hildebrands Heimkehr“ 1874.

In der Art, wie Jordan den altgermanischen Vers auf die heutige Sprachform anwendet, beweist er großes formales Geschick: jeder Vers hat bei ihm vier Hebungen, die durch ein- bis zweisilbige Senkungen getrennt sind, und ist in der Mitte durch einen Einschnitt gegliedert. Der Stabreim verbindet (in der Regel) mindestens je eine Hebung vor und nach dem Einschnitt miteinander; doch weicht Jordan vom Gesetz des altgermanischen Verses insofern ab, als er nicht mehr die dritte Hebung (d. i. die erste der zweiten Vershälfte) unter allen Umständen mit Stabreim versieht, für den Schmuck des Verses also nicht mehr maßgebend sein läßt; zu dieser Abweichung berechtigt Jordan die Entwicklung unserer Sprache: altgermanische Syntax stellt bei Verbindung zweier Nomina das höher betonte unbedingt voran; eben dies aber mußte und muß den Stabreim tragen, soll er hörbar sein; wir ordnen heute die Wortfolge in der Regel umgekehrt, stellen also z. B. auch ein wenig wichtiges Adjektiv vor das zugehörige Substantiv; davon ist die notwendige Folge, daß bei ungezwungenem Bau stabreimender Verse viel eher die vierte Hebung wichtig wird als die dritte. Um einen Begriff von Jordans Weise zu geben, setze ich den Eingang des ersten Gesanges der „Sigfridsage“ hierher:

Zu süßem Gesang, unsterbliche Sage,

Laß mich nun dein Mund sein voll uralter Mären

Und leg’ auf die Lippen das Lied von Sigfrid,

Dem herrlichen Helden mit furchtlosem Herzen,

Der den Hüter des Hortes den Lintwurm erlegte,

Durch die flammende Flur auf flüchtigem Rosse

Den Brautritt vollbrachte und Brunhild erweckte,

Die der zürnende Gott im Zaubergarten

Zu schlafen verdammt und mit Dornen umschlossen.

Von diesen neun Versen sind drei (3., 6., 7.) dreistäbig mit nach alter Weise herrschender dritter Hebung, drei (1., 2., 4.) dreistäbig mit herrschender vierter Hebung. Zwei (8., 9.) haben doppelten Stabreim, insofern als in ihnen die erste Hebung mit der dritten (bzw. vierten), die zweite mit der vierten (bzw. dritten) gebunden ist; solch doppelter Stabreim kommt auch in der alten Zeit vor, doch immer so, daß gleichhochbetonte Silben gleichen Anlaut aufweisen; der Stabreim der minder betonten erscheint als etwas Nebensächliches und Zufälliges; nach diesem Gesichtspunkte müßte Jordan zunächst in Vers 8 die zweite Hebung mit der dritten, in Vers 9 die erste Hebung mit der dritten gebunden haben; die Verse sind also falsch gebaut, ihr Reim würde bei richtigem Vortrage ohne jede Wirkung sein. Falsch gebaut ist zweifellos auch Vers 5, dessen beide Hälften nur in sich reimen, also auseinander klaffen.

Wagner, Hebbel und Jordan sind die bedeutendsten modernen Bearbeiter der Nibelungensage; von ihnen steht, was die glücklichste Auffassung der alten Sage, das tiefste Eindringen in ihren Geist angeht, zweifellos Hebbel an erster, Wagner an letzter Stelle. Allein gerade Wagner ist es natürlich, der am meisten dazu beigetragen hat, das Interesse am heimischen Altertum in weitesten Kreisen zu erwecken: durch die wunderbare musikalische Komposition seines „Ringes“, die er zum ersten Male im August 1876 dem deutschen Volke und der ganzen Kulturwelt darbot, hat er so gewaltig für die Kenntnis der alten Sage gewirkt, daß jeder Freund derselben ihm größten Dank schuldig ist.

Anhang.
Literatur.

Außer den im Verlaufe der Darstellung herangezogenen Werken sollen hier noch diejenigen Schriften Erwähnung finden, welche am besten geeignet sind, als Hilfsmittel zum Selbststudium zu dienen.

Die umfassendste Ausgabe des Nibelungenliedes ist die von Karl Bartsch: Der Nibelunge Not mit den Abweichungen von der Nibelunge Liet, den Lesarten sämtlicher Handschriften und einem Wörterbuche. I. Teil: Text, 1870. II. Teil, erste Hälfte: Lesarten, 1876. II. Teil, zweite Hälfte: Wörterbuch, 1880. Wegen ihrer reichen Einleitung besonders empfehlenswert ist die Ausgabe von Friedrich Zarncke: Das Nibelungenlied, 6. Auflage 1887; sie gibt freilich nur den Text C, kann aber zusammen mit Karl Lachmanns Ausgabe (Der Nibelunge Noth und die Klage nach der ältesten Überlieferung mit Bezeichnung des Unechten und mit den Abweichungen der gemeinen Lesart, fünfte Ausgabe 1878) fürs erste die Ausgabe von Bartsch vertreten. Bloße Textabdrücke nach Lachmann oder Zarncke sind wertlos. — Bartsch hat auch die beste Ausgabe der Klage geliefert (1875, mit den Lesarten sämtlicher Handschriften).

Für die sog. Edda ist zu empfehlen Karl Hildebrands Ausgabe: Die Lieder der älteren Edda, 2. Auflage 1904, besorgt von Hugo Gering, und des ebengenannten mustergültige Übersetzung (in Meyers Klassiker-Ausgaben).

Die nordischen Sagatexte sind am leichtesten zugänglich durch die „Altdeutschen und altnordischen Helden-Sagen“, übersetzt von Friedrich Heinrich v. d. Hagen, 1. und 2. Band: Wilkina- und Niflungasaga[59] (3. Ausgabe 1872), 3. Band: Wolsunga- und Ragnarssaga (2. Auflage, besorgt von Anton Edzardi, 1880). Sie alle sind in deutscher Wiedergabe auch enthalten in dem umfassenden Werke von August Raßmann, „Die deutsche Heldensage“ (2. Ausgabe 1863); seiner Reichhaltigkeit wegen ist dies Buch sehr zu empfehlen, doch kann man es nur mit größter Vorsicht benutzen, da Raßmann den Stoff nach vorgefaßten haltlosen Meinungen willkürlich geordnet hat.

Von Schriften über Lied und Sage seien außer den gelegentlich zitierten erwähnt: Karl Müllenhoff, Zur Geschichte der Nibelungensage (Zeitschrift für deutsches Altertum, Band X, 1855); Wilhelm Wilmanns, Beiträge zur Erklärung und Geschichte des Nibelungenliedes, 1877; Emil Kettner, Die österreichische Nibelungendichtung, 1897, und besonders Wilmanns’ eingehende, an feinen Bemerkungen reiche Besprechung des Lichtenbergerschen Buches Le poème et la légende des Nibelungen (im Anzeiger für deutsches Altertum, Band XVIII, 1892); endlich Boer, Untersuchungen über den Ursprung und die Entwicklung der Nibelungensage, 3 Bände, 1906–9. Eine gute Übersicht über die Bibliographie gibt jetzt Theodor Abeling, Das Nibelungenlied und seine Literatur, 1907, dazu ein Supplement 1909; eine glänzende Einführung in die Geschichte des Auferstehens des alten Epos bietet Josef Körner, Nibelungenforschungen der deutschen Romantik, 1911.

Namenregister.

Die Zahlen bedeuten die Seiten.

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Wissenschaft und Bildung

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Sie will den Leser schnell und mühelos, ohne Fachkenntnisse vorauszusetzen, in das Verständnis aktueller wissenschaftlicher Fragen einführen, ihn in ständiger Fühlung mit den Fortschritten der Wissenschaft halten und ihm so ermöglichen, seinen Bildungskreis zu erweitern, vorhandene Kenntnisse zu vertiefen, sowie neue Anregungen für die berufliche Tätigkeit zu gewinnen. Die Sammlung „Wissenschaft und Bildung“ will nicht nur dem Laien eine belehrende und unterhaltende Lektüre, dem Fachmann eine bequeme Zusammenfassung, sondern auch dem Gelehrten ein geeignetes Orientierungsmittel sein, der gern zu einer gemeinverständlichen Darstellung greift, um sich in Kürze über ein seiner Forschung ferner liegendes Gebiet zu unterrichten. Der weitere Ausbau der Sammlung wird planmäßig durchgeführt. Abbildungen werden den in sich abgeschlossenen und einzeln käuflichen Bändchen nach Bedarf in sorgfältiger Auswahl beigegeben.

Über die bisher erschienenen Bändchen vergleiche den Anhang

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Reich illustrierte Bändchen im Umfange von 140 bis 200 Seiten.

In die Liste der von den Vereinigten Jugendschriften-Ausschüssen empfohlenen Bücher aufgenommen.

Aus Deutschlands Urgeschichte. Von G. Schwantes.

„Eine klare und gemeinverständliche Arbeit, erfreulich durch die weise Beschränkung auf die gesicherten Ergebnisse der Wissenschaft; erfreulich auch durch den lebenswarmen Ton.“

Frankfurter Zeitung.

Der deutsche Wald. Von Prof. Dr. M. Buesgen.

„Unter den zahlreichen, für ein größeres Publikum berechneten botanischen Werken, die in jüngster Zeit erschienen sind, beansprucht das vorliegende ganz besondere Beachtung. Es ist ebenso interessant wie belehrend.“

Naturwissenschaftliche Rundschau.

Die Heide. Von W. Wagner.

„Alles in allem — ein liebenswürdiges Büchlein, daß wir in die Schülerbibliotheken eingestellt wünschen möchten; denn es gehört zu jenen, welche darnach angetan sind, unserer Jugend in anregendster Weise Belehrung zu schaffen.“

Land- u. Forstwirtschaftl. Unterrichtszeitung.

Im Hochgebirge. Von Prof. C. Keller.

„Auf 141 Seiten entrollt der Verfasser ein so intimes, anschauliches Bild des Tierlebens in den Hochalpen, daß man schier mehr Belehrung als aus dicken Wälzern geschöpft zu haben glaubt. Ein treffliches Buch, das keiner ungelesen lassen sollte.“

Deutsche Tageszeitung.

Die Tiere des Waldes. Von Forstmeister K. Sellheim.

„Die Sehnsucht nach dem Walde ist dem Deutschen eingeboren... Aber wie wenig wird er dabei das Tierleben gewahr, das ihn da umgibt. Da wird dieses Buch ein willkommener Führer und Anleiter sein.“

Deutsche Lehrerzeitung.

Unsere Singvögel. Von Prof. Dr. A. Voigt.

„Mit nicht geringen Erwartungen gingen wir an Professor Voigts neuestes Buch. Aber als wir nur wenige Abschnitte gelesen, da konnten wir mit Freude feststellen, daß diesmal der Meister sich selbst übertroffen. ...“

Nationalzeitung.

Fortsetzung auf [Seite 3 des Umschlags].

Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig

Altgermanische
Religionsgeschichte

Von Dr. Richard M. Meyer

a. o. Professor an der Universität Berlin

665 S. Brosch. M. 16.— In Originalleinenband M. 17.—

Das Werk gibt zunächst eine vollständige Darstellung der altgermanischen Religion oder besser gesagt, der altgermanischen Religionen und versucht auf dieser Grundlage eine Entwickelungsgeschichte der germanischen Mythologie von den frühesten Spuren bis zum Uebergang in das Christentum. Durchweg ist dabei der Standpunkt der vergleichenden Mythologie (im neueren Sinne des Wortes) eingehalten, der in zwei einleitenden Kapiteln über typische Entwicklung der Mythologie und über mythologische Formenlehre eingehend begründet wird. Daneben wird der Einwirkung der Heldensage auf die Mythologie besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Durch die Vereinigung dieser verschiedenen Gesichtspunkte ergeben sich eine Fülle neuer Probleme und neuer Erkenntnis, wodurch das Werk einen höchst wertvollen Beitrag zur Wissenschaft vom deutschen Geist und seiner Geschichte bildet, um so mehr, als Verfasser allen auftauchenden, historischen, kulturgeschichtlichen, allgemein-religionsgeschichtlichen und literarhistorischen Fragen besondere Beachtung geschenkt hat.

In der Darstellung ist größte Gemeinverständlichkeit angestrebt. Alle speziellen wissenschaftlichen Erörterungen sind in Anmerkungen verwiesen. Ein ausführliches Inhaltsverzeichnis, eine chronologische Tabelle und mehrere Register erhöhen die Benutzbarkeit des Buches.

Prospekte unentgeltlich und postfrei

Naturwissenschaftliche Bibliothek

Das Süßwasser-Aquarium. Von C. Heller.

„Dieses Buch ist nicht nur ein unentbehrlicher Ratgeber für jeden Aquarienfreund, sondern es macht vor allen Dingen seinen Leser mit den interessanten Vorgängen aus dem Leben im Wasser bekannt ...“

Bayersche Lehrerzeitung.

Reptilien- und Amphibienpflege. Von Dr. P. Krefft.

„Die einheimischen, für den Anfänger zunächst in Betracht kommenden Arten sind vorzüglich geschildert in bezug auf Lebensgewohnheiten und Pflegebedürfnisse, — die fremdländischen Terrarientiere nehmen einen sehr breiten Raum ein.“

O. Kr. Pädagogische Reform.

Die Ameisen. Von H. Viehmeyer.

„Viehmeyer ist allen Ameisenfreunden als bester Kenner bekannt. Von seinen Bildern kann man sagen, daß sie vom ersten bis zum letzten Wort der Natur geradezu abgeschrieben sind.“

Thüringer Schulblatt.

Die Schmarotzer der Menschen und Tiere. Von Dr. v. Linstow.

„Es ist eine unappetitliche Gesellschaft, die hier in Wort und Bild vor dem Leser aufmarschiert. Aber gerade jene Parasiten, die unserer Existenz abträglich sind, gerade sie verdienen, von ihm nach Form und Wesen gekannt zu sein, weil damit der erste wirksame Schritt zu ihrer Bekämpfung eingeleitet ist.“

K. Süddeutsche Apotheker-Zeitung.

Unsere Wasserinsekten. Von Georg Ulmer.

Für Freunde des Wassers, für Liebhaber von Aquarien ist dies Buch geschrieben. Es bietet eine Fülle von Anregungen und wird den Leser veranlassen, selbst hinauszuziehen in die Natur, sie mit eigenen Augen zu betrachten.

Die mikroskopische Kleinwelt unserer Gewässer. Eine Einführung in die Naturgeschichte der einfachsten Lebensformen nebst kurzer Anleitung zu deren Studium. Von E. Reukauf.

„Nur wenige haben eine Ahnung von dem ungeheuren Formenreichtum und eine auch nur annähernd richtige Vorstellung von dem Wesen jener Mikroorganismen, die unsere Gewässer bevölkern. Als ein Schlüssel hierzu wird das vorliegende Bändchen vorzüglich geeignet sein....“

Deutsche Zeitung.

Aus der Vorgeschichte der Pflanzenwelt. Von Dr. W. Gothan.

An einer solchen allgemeinverständlichen Einführung in die Geschichte der Pflanzenwelt fehlte es bisher. Der Verfasser bespricht zunächst die geologischen Grundbegriffe, geht dann auf die Art der Erhaltung der fossilen Pflanzenreihe ein und schildert die Vorgeschichte der großen wichtigsten Gruppen des Pflanzenreiches der Jetzt- und Vorzeit.

Niedere Pflanzen. Von Prof. Dr. R. Timm.

„In dieser Weise führt das kleine Büchlein den Leser in die gesamte Welt der so mannigfachen Kryptogamen ein und lehrt ihn, sie verständnisvoll zu beobachten.“

Naturwissenschaftliche Rundschau.

Häusliche Blumenpflege. Von Paul F. F. Schulz.

„Der Stoff ist mit großer Übersichtlichkeit gruppiert, und der Text ist so faßlich und klar gehalten, außerdem durch eine Fülle von Illustrationen unterstützt, daß auch der Laie sich mühelos zurechtfinden kann. ... Dem Verfasser gebührt für seine reiche, anmutige Gabe Dank.“

Pädagogische Studien.

Chemisches Experimentierbuch. Von O. Hahn.

Das Buch will jedem, der Lust zum chemischen Experimentieren hat, mit einfachen Apparaten und geringen Mitteln eine Anleitung sein, für sich selbst im Hause die richtigsten Experimente auszuführen.

Die Photographie. Von W. Zimmermann.

„Das Buch behandelt die theoretischen und praktischen Grundlagen der Photographie und bildet ein Lehrbuch bester Art. Durch die populäre Fassung eignet es sich ganz besonders für den Anfänger.“

„Apollo“, Zentralorgan f. Amateur- u. Fachphotogr.

Beleuchtung und Heizung. Von J. F. Herding.

„Ich möchte gerade diesem Buche, seiner praktischen, ökonomischen Bedeutung wegen, eine weite Verbreitung wünschen. Hier liegt, vor allem im Kleinbetrieb, noch vieles sehr im argen.“

Frankfurter Zeitung.

Kraftmaschinen. Von Ingenieur Charles Schütze.

„Schützes Kraftmaschinen sollten deshalb in keiner Schülerbibliothek, weder an höheren noch an Volksschulen, fehlen. Das Büchlein gibt aber auch dem Lehrer Gelegenheit, seine technischen Kenntnisse schnell und leicht zu erweitern.“

Monatsschrift für höhere Schulen.

Signale in Krieg und Frieden. Von Dr. Fritz Ulmer.

„Ein interessantes Büchlein, welches vor uns liegt. Es behandelt das Signalwesen von den ersten Anfängen im Altertume und den Naturvölkern bis zur jetzigen Vollkommenheit im Land- und Seeverkehr.“

Deutsche Lehrerzeitung.

Seelotsen-, Leucht- und Rettungswesen. Ein Beitrag zur Charakteristik der Nordsee u. Niederelbe. Von Dr. F. Dannmeyer.

„Mit über 100 guten Bildern interessantester Art, mit Zeichnungen und zwei Karten versehen, führt das Buch uns das Schiffahrtsleben in anschaulicher, fesselnder Form vor Augen, wie es sich täglich an unseren Flußmündungen abspielt.“

Allgemeine Schiffahrts-Zeitung.

Ausführliche Prospekte unentgeltlich und postfrei

Schönste Festgeschenke

aus dem Verlage von Quelle & Meyer, Leipzig

Der Sinn und Wert des Lebens

für den Menschen der Gegenwart. Von Geheimrat R. Eucken. 3. völlig umgearbeitete Auflage. 13. und 14. Tausend. 192 Seiten.

In Originalleinenband M. 3.60

Die bildende Kunst der Gegenwart

Von Hofrat Dr. J. Strzygowski. 235 S. mit zahlreichen Abbildungen.

In Originalleinenband M. 4.80

Geschichte der Römischen Kaiser

Von Geheimrat Professor Dr. A. v. Domaszewski. 2 Bände zu je 332 S. mit 12 Porträts auf Tafeln in künstlerischer Ausführung u. 8 Karten.

In Originalleinenband je M. 9.—, in Halbfranzband je M. 11.—

Unsere religiösen Erzieher

Eine Geschichte des Christentums in Lebensbildern, herausgegeben von Professor Lic. B. Beß. 2 Bände zu je 280 S.

In Origbd. je M. 4.40

Preußens Geschichte

von Rudolf Herzog. 384 S. mit 22 farb. und schwarzen Bildern von Professor Kampf. Buchschmuck und Einbandzeichnung von Professor G. Belwe.

In Origb. M. 3.40. Vorzugsausgabe auf Bütten M. 10.—

Männer und Zeiten

Essays zur neueren Geschichte. Von Geheimrat Prof. Dr. E. Marcks. 2 Bände 640 S. 5. und 6. Tausend.

In Originalleinenband M. 12.—, in Halbfranzband M. 16.—

Große Denker

Eine Geschichte der Philosophie in Einzeldarstellungen. Herausgegeben von Privatdozent Dr. E. v. Aster. 2 Bände zu je 320 S. mit 8 Porträts.

In Originallbd. M. 16.—, in Halbfrzbd. M. 20.—

Ausführliche Prospekte unentgeltlich und postfrei.

Fußnoten:

[1] Nordische Form des deutschen Namens Nibelunge.

[2] Volsungar ist der im Norden gebräuchliche Geschlechtsname des Sigurd und seiner Angehörigen.

[3] Ragnar wird verheiratet gedacht mit Aslaug, einer hinterlassenen Tochter des Sigurd und der Brynhild.

[4] Da sein Verfasser im Grunde nur den gedruckt vorliegenden „Hürnen Seifrid“ umschreibt, widerspricht das Auftauchen des Volksbuches im 18. Jahrhundert nicht der [S. 1] aufgestellten Behauptung, daß die direkte volkstümliche Überlieferung im Dreißigjährigen Kriege erloschen ist.

[5] Die Beispiele sind entnommen aus „Die Edda“, übersetzt und erläutert von Hugo Gering.

[6] Odin ist die nordische Form des Namens für denselben Gott, der in Deutschland Wodan hieß.

[7] Wagner hat diesen Zug der Sage in der „Walküre“ benutzt, ihn aber verschoben; bei ihm ist Siegfrieds Mutter an die Stelle der Signy getreten.

[8] Wagner überträgt den Namen auf die Person seiner Dichtung, die eigentlich die Figur des Siggeir fortsetzt.

[9] Man dachte sich die Gnitaheide auf dem halben Wege von Paderborn nach Mainz gelegen, wo sie im 12. Jahrhundert ein wandernder Norweger, Abt Nikolaus, wiedergefunden zu haben glaubte.

[10] Daß Sigurds Schwert dasselbe ist, das sein Vater geführt hat, behauptet erst die Volsungasaga; die Lieder-Edda weiß noch nichts davon.

[11] Nach späterer nordischer Sage ist allerdings die Aslaug, die Gattin des Ragnar Lodbrok, eine Frucht dieser frühern Bekanntschaft Sigurds mit Brynhild. Übrigens nennt der Liedersammler die Brynhild bei ihrer ersten Begegnung mit Sigurd „Sigrdrifa“, indem er einen Beinamen (Spenderin des Sieges) als Namen auffaßt; vielleicht hat er dadurch für die beiden Verlobungsgeschichten (vgl. [S. 22]) zwei verschiedene Heldinnen schaffen wollen.

[12] Die ursprüngliche Fassung der Sage, daß Sigurd in untergeordneten Verhältnissen aufgewachsen ist, blickt deutlich hindurch.

[13] Im Norden wird sein Volk nicht das hunnische genannt, wenigstens nicht in den älteren Quellen; nach vereinzelten Andeutungen herrscht er in Walland (Italien).

[14] Ihr Alter dürfen wir freilich nicht nachrechnen. Svanhild ist beim Eintritt in die Erzählung ein junges Mädchen. Inzwischen sind aber ihre Brüder aus der dritten Ehe ihrer Mutter bereits zu waffenfähigen Männern herangewachsen. Gudruns zweite Ehe mit Atli, sowie die Zeit ihrer Witwenschaft sind inzwischen vergangen, auch die Zeit der Ehe mit Sigurd, die doch immerhin einige Jahre gewährt hat, ist vorüber. Wir kommen also für Svanhild, wenn wir nachrechnen, auf ein ziemlich hohes Alter, das zur Erzählung nicht stimmt. Wir dürfen in dieser Beziehung nicht zu streng sein. Denn gerade diese Dinge, wie überhaupt jede Chronologie, sind die schwächsten Punkte aller sagenmäßigen Tradition. Alles dies verschwimmt in der Erinnerung der Menschen zu allererst; sie werfen alles auf eine Fläche, sie sehen in der Erinnerung alles nebeneinander, kein Vor- und kein Hintereinander mehr; Personen, die in Wirklichkeit durch hundert Jahre getrennt waren, können leicht als Zeitgenossen erscheinen. Es war für die einfachen Leute, welche die Überlieferung gepflegt haben, eben nicht möglich, solche Dinge zu kontrollieren.

[15] Er gehört übrigens ursprünglich nur dem Texte C an, vergleiche später [S. 107].

[16] Den Namen des Vaters (Gibich, der in andern deutschen Dichtungen wohlbekannt ist) hat das Nibelungenlied vergessen; erst der Text C nennt ihn im Anschluß an die „Klage“ mit einem offenbar willkürlich herausgegriffenen Namen Dankrat.

[17] Woher sie mit ihr bekannt ist (die Geschichte spielt ja in der Mädchenzeit der beiden), wird nicht erklärt.

[18] Etwa dem alten Herzogtum Nieder-Lothringen entsprechend. Eine Residenz Santen (heute Xanten) hat erst der Text C aus der einmaligen Erwähnung dieses Städtchens Str. 715 (Holtzmann) herausgesponnen, vgl. Braune, Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes, S. 178.

[19] Die Burgunden sitzen nach der Sage in einer Gegend, die zur Zeit der vollendeten Dichtung den Franken gehört; sie fallen infolgedessen in der Auffassung des Dichters und seiner Zuhörer mit diesen zusammen.

[20] Solche Feste werden in unserm Liede stets mit besonderer Liebe behandelt. Unserm heutigen Geschmack sagen die Schilderungen von Festen und dem dabei entwickelten Prunke, besonders was Kleidung anbetrifft, wenig zu, und man hat deshalb die betreffenden Abschnitte gar für unecht erklären wollen; sie sind jedoch nur leer an Sagengehalt. Wir müssen uns in die damalige Zeit hineinversetzen, um diese Schneiderszenen, wie man sie genannt hat, zu würdigen. Man erwartete im Mittelalter von der erzählenden Dichtung nicht nur Anregungen innerlichen, sondern auch solche äußerlichen Charakters, als da sind Berichte über neue oder absonderliche Moden oder Gebräuche.

[21] Die Schilderung dieser Jagd im 16. Gesange unseres Liedes ist in gewisser dichterischer Beziehung vielleicht sein Höhepunkt. Der Verfasser weiß auf das genaueste Bescheid von allem, was bei einer Jagd jener Zeit vorkommt, und versetzt sich und seine Zuhörer so lebhaft in die richtige Wald- und Jagdstimmung, daß man diesen Gesang nur mit großem Genusse lesen kann.

[22] Seltsamerweise wird vorausgesetzt, daß Siegfried für den Scheinfeldzug vor einigen Tagen und für die Jagd ein und denselben Rock trägt.

[23] Unter diesem Namen verstehen die Deutschen späterhin immer Ofen (Budapest); ob das Nibelungenlied schon diese Stadt meint, bleibt zweifelhaft: Ungarns alte Hauptstadt ist Gran (noch heute Sitz des Primas); erst nach seiner Zerstörung durch die Mongolen 1241 trat Ofen an seine Stelle.

[24] Diese einfachen Boten sind sicher eine aus einer ältern Erzählungsschicht stehengebliebene Altertümlichkeit; der ritterliche Dichter würde vornehmere Herren zu diesem Zwecke bemüht haben.

[25] Dieser Held, der keiner andern Quelle unserer Sage bekannt ist, spielt von jetzt an eine Schritt für Schritt wachsende Rolle, und zwar tritt er immer an Stellen hervor, die eine Neuerung in der Sage bedeuten.

[26] Die Dichter des Mittelalters vermögen ihren Werken kein andres Kolorit als das ihrer eigenen Zeit zu geben.

[27] Die „Vorrede“ des Heldenbuches, vgl. später [S. 118].

[28] Der Kampf im Saale beginnt also auch hier mit Ortliebs Tode, doch ist der Umstand, daß Kriemhilt diesen mit Absicht herbeiführt, um Etzel zur Rache zu entflammen, als zu grauenerregend abgeschwächt.

[29] Irnfrid von Thüringen ist der historische letzte König der Thüringe Ermanfrid, der um 530 von den Franken besiegt und vertrieben (später auch getötet) wurde; die letzten seiner Familie flohen zum oströmischen Kaiser, den unsere deutsche Sage in älterer Zeit immer durch den ihr geläufigen Hunnenkönig Attila ersetzt.

[30] Amelunge (Amaler) ist ursprünglich der Name des Königshauses der Ostgoten; er wird (was auch anderwärts nicht selten vorkommt, z. B. Kärlinge = Franken) so häufig für „Goten“, den Namen des beherrschten Volkes, gebraucht, daß die hochdeutsche Überlieferung diesen ganz vergessen hat.

[31] Im dritten Gudrunliede, das einen Einzelzug behandelt, der nicht einmal sagenecht ist, wird er erwähnt.

[32] Das Volk der Bayern begegnet uns zuerst um die Mitte des 6. Jahrhunderts unter einheimischen, von den fränkischen Königen abhängigen Fürsten; das ihnen gehörige Land war kurz vorher noch ein Teil des Gotenreiches. Als die Oströmer dies eroberten, drangen sie nicht bis über die Alpen vor; es scheint daher, daß sich die zwischen Donau und Alpen übrig gebliebenen Goten mit Resten anderer Germanenstämme zu einem neuen Volke unter dem Namen „Bayern“ (Baiuuarii) zusammengeschlossen haben. Wenigstens betrachten die Bayern noch später sich als identisch mit den Amelungen (Goten) und also den Dietrich als ihres Stammes.

[33] Auch hier ist Etzel sagenhafter Vertreter des oströmischen Kaisers (Zeno, der den Theodorich 489 gegen Odoaker schickte).

[34] Eine Namenverschiebung: da derjenige, der in der Lieder-Edda Regin heißt, hier bereits (auf Grund deutscher Sage) Mimir benannt ist, überträgt der Sagaschreiber jenen Namen auf den Drachen (der in nordischer Sage Fafnir heißt und Regins Bruder ist).

[35] Schwert und Roß führen hier die aus der Lieder-Edda bekannten Namen Gram und Grani; jenes entspricht dem deutschen Balmung, dies wird in Deutschland nicht mit Namen genannt.

[36] Dieser gilt in der Saga als Bruder der Burgundenkönige; ein Zugeständnis an die nordische Sagenform der Lieder-Edda.

[37] Der also hier als vierter die Stelle Dankwarts im Nibelungenliede einnimmt; Dietrichs Mitgehen ist halbwegs begründet, das Dankwarts aber nicht; liegt hier vielleicht eine dunkle Beziehung zwischen den beiden Überlieferungen vor?

[38] Davon war bisher nichts erzählt; die Saga ist hier mit sich selbst nicht einig. Ihre einzelnen Teile stammen aus verschiedenen Quellen und sind nicht durchweg ineinander gearbeitet und miteinander ausgeglichen.

[39] Als persönliches Opfer ihrer Rache fällt hier Giselher; einer muß durch ihre Hand umkommen, damit begründet ist, daß Dietrich (statt Hiltebrands im Liede) sie tötet.

[40] Ich will nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß der Personenname „Nibulung“ im Geschlechte der Arnulfinge einen ganz besonderen Sinn gehabt haben kann: die Stifterin des Klosters Nivelles (belgische Stadt südlich von Brüssel) ist die Heilige Gertrud († 659), Tochter Pipins des Ältern; dies Nivelles ist also ein jenem Geschlechte ganz besonders wertes Heiligtum; ist es danach nicht denkbar, daß Söhne dieser Familie gelegentlich „Mann von Nivelles“, in altfränkischer Sprachform „Nibulung“, benannt worden sind? Ist diese Annahme richtig, so müssen natürlich die Nibelunge der Sage unbedingt von diesen historischen Nibelungen hergeleitet werden. Ich wage nun freilich für die Richtigkeit nicht einzustehen, muß aber behaupten, daß diese Herleitung plausibler ist als die alte, die in den Nibelungen „Nebelsöhne“, „Mächte der Finsternis“ erkennen wollte; sie ist ja schon dadurch widerlegt, daß es mythische Nibelunge in der Sage ursprünglich gar nicht gegeben hat.

[41] Daß dieser als Schwestersohn dem Oheim den Grund für sein Verhalten gibt, ist ein höchst altertümlicher Zug, der die ältesten germanischen (mutterrechtlichen) Verhältnisse widerspiegelt, vgl. Tac. Germ. c. 20: sororum filiis idem apud avunculum qui apud patrem honor. quidam sanctiorem artioremque hunc nexum sanguinis arbitrantur (Schwestersöhne stehen beim Oheim in derselben Geltung wie beim Vater; einige halten dies Blutsband sogar für heiliger und enger).

[42] Deshalb vermag ich, wenn ein elsässisches Kirchheim urkundlich gelegentlich auch Tronia genannt wird, darin nichts altes zu sehen, sondern höchstens den Versuch einer Lokalisierung des sagenhaften Tronje.

[43] Wilhelm Jordan hat in seiner „Sigfridsage“ als Grund für Siegfrieds Verhalten gegenüber Brünhilt angenommen, sie habe an Siegfried das im Text angeführte Verlangen gestellt; damit hat Jordan gewiß das sagenechte getroffen; eine Nachdichtung der durch die Ungunst der Überlieferung zerpflückten alten Dichtung (und um eine solche handelt es sich doch, unbeschadet aller Grundlagen) führt am sichersten zu den alten Zusammenhängen.

[44] Wenigstens setzt der Skalde Bragi der Alte, der um das Jahr 900 gestorben ist, in seiner Ragnarsdrapa diese Verbindung bereits voraus.

[45] Pro mariti fraudulento discessu; das hat man auch übersetzen wollen: dafür, daß sie ihren Mann (nämlich Ermanarich) trügerisch verlassen hatte; dann wäre die Übereinstimmung mit den Eddaliedern nahezu vollkommen; allein der Zusammenhang bei Jordanes unterstützt diese Übersetzung nicht.

[46] Man hat mit Recht daran erinnert, daß die an der mittlern Donau sitzenden Heruler (nach Procopius von Caesarea) noch im Anfang des 6. Jahrhunderts mit ihren Stammesgenossen im südlichen Schweden in lebhaftem Verkehr stehen.

[47] Pöchlarn (Bechelaren) wird in dieser Zeit tatsächlich der Sitz des bayrischen Ostmarkgrafen gewesen sein.

[48] Da das Nibelungenlied gelegentlich den Tod Nudungs erwähnt, der von Witig in der Ravennaschlacht getötet wurde, so muß es letztere als vergangen annehmen; da nun ursprünglich gewiß diese Schlacht zur Rückführung Dietrichs geführt hat, war nicht recht begreiflich, warum er nach ihr noch an Etzels Hof lebt; das hat zur Annahme zweier Feldzüge gegen Ermenrich (und seinen Nachfolger) geführt, deren erster dann unglücklich verlaufen sein muß. Die „Klage“ läßt übrigens am Schlusse Dietrich mit seiner Gattin und Hiltebrand in friedlicher Reise nach Bern zurückkehren, nimmt also an, daß er seit der Ravennaschlacht im Besitze seines Reiches ist. Daß der Verräter Sibich nach Ermenrich in Italien geherrscht habe, behauptet nur die Thidrikssaga.

[49] D. h. als Buch erhaltenen; lückenhaft infolge Verlustes einzelner Blätter kann eine solche vollständige Handschrift immerhin sein.

[50] Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches hat sich das handschriftliche Material, außer um Blätter bereits bekannter Handschriften, noch um Reste von drei bisher unbekannten vermehrt: X, ein Blatt aus der Klage, gefunden in Sterzing; Y, ein Wiener Blatt; Z, ein in Dülmen gefundenes Blatt. Ich will nicht unerwähnt lassen, daß mir scheint, als gehöre W zur Nibelungenhandschrift S, X zur Nibelungenhandschrift U. — Die in der alphabetischen Folge fehlenden Buchstaben sind verwendet wie folgt: P bezeichnete früher ein Fragment, das sich als der gleichen Handschrift wie N entstammend erwiesen hat; T ist die Signatur der fragmentarisch erhaltenen niederländischen Übersetzung aus dem 14. Jahrhundert; V ist (wegen Ähnlichkeit mit U) nicht verwendet; c gilt für die Zitate, die Lazius, ein Gelehrter des 16. Jahrhunderts, in seiner Schrift De gentium aliquot migrationibus aus einer alten Handschrift angebracht hat; e und f hatte man anfangs irrtümlich die jetzt mit L bezeichneten Fragmente benannt; m ist Inhaltsverzeichnis einer verlorenen Handschrift.

[51] Vielleicht hat Wolfram von Eschenbach, der Parzival 420 f. sich auf das Nibelungenlied bezieht, schon den Liet-Text gekannt; doch ist sein Zitat auch verständlich, wenn er nur die beiden Texten gemeinsame Strophe 1496 (Holtzmann) vor sich gehabt hat; die folgende, dem Liet-Texte eigentümliche Strophe, in der, wie bei Wolfram, „Schnitten“ als eine gute Speise erwähnt werden, dürfte eher in Anlehnung an die etwas spöttisch gehaltene Ausführung im Parzival verfaßt sein.

[52] In einer Besprechung der 1. Auflage dieses Buches (Literarische Rundschau vom 1. Juni 1909) hat Fr. Panzer die hier entwickelte Gedankenreihe beanstandet und darauf hingewiesen, daß Zeizenmure in der ungarischen Sage als Ort einer Schlacht eine große Rolle spielt und infolgedessen in die Grundhandschrift des Not-Textes gelangt sei. Das könnte möglich sein, hilft uns aber nicht weiter, denn 1) ist die Darstellung der ungarischen Sage, wie sie bei Simon Kézai vorliegt, trotz Bleyers Ausführungen (im 31. Bande der Beiträge) eine halbgelehrte Kompilation aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, 2) ist nicht abzusehen, wie ein Nicht-Österreicher (denn ein Österreicher konnte den Fehler nicht begehen) zur Kenntnis ungarischer Sage gelangt sein sollte, und 3) bleibt die Sache beim alten, weil die Grundhandschrift des Not-Textes den Fehler, mag seine Ursache sein, welche sie will, eben begangen hat und daher notwendigerweise nur eine nebengeordnete, nicht eine übergeordnete Stelle neben den Liet-Handschriften einnehmen kann. Auf Zarncke’s feinen Gedanken, Nithart zur Erklärung heranzuziehen, könnte man schließlich verzichten; den in der „Not“ vorliegenden Text aber weit über 1230 hinaufzuschieben, ist trotzdem unmöglich wegen gewisser unbestreitbarer Zusätze, wegen Spuren beginnenden Verfalles in der Verstechnik und besonders wegen des Zustandes aller hierher gehörigen Handschriften (s. [S. 107]).

[53] Das ist nicht ohne Beispiel; so wurde das um 1170 entstandene Gedicht vom Herzog Ernst bereits um 1200 (hauptsächlich reimtechnisch) überarbeitet; als aber in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein neuer Bearbeiter den Text vornahm, griff er auf das Original zurück und ignorierte die um 1200 entstandene Überarbeitung.

[54] Nach Lachmann nur dreizehn; er behielt 1627 bei und änderte sie durch Konjektur; wir haben dazu heute keine Veranlassung mehr.

[55] Mit einer Ausnahme: Lachmanns 17. Lied schließt an das 15. an; das 16. ist eine Parallelerzählung.

[56] Vgl. Schönbach, Das Christentum in der altdeutschen Heldendichtung, S. 203.

[57] Heinrich von Ofterdingen, den manche beim Wiedererwachen unserer Kenntnis der mittelalterlichen Literatur als Dichter des Nibelungenliedes in Anspruch genommen haben, ist keine historische Person, sondern vom Dichter des Wartburgkrieges erfunden; dieser Mann brauchte eine Figur, die als Gegenstück und Widerpart der historisch bekannten Sänger am Hofe zu Eisenach hingestellt werden konnte.

[58] Es ist mir leider nicht gelungen, das Werkchen, das ich vor mehr als dreißig Jahren selbst gelesen habe, irgendwo wieder aufzutreiben.

[59] Wilkina- (richtiger Wilcina-) und Niflungasaga sind Teile und Untertitel der Thidrikssaga.