Inhaltsverzeichnis.

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I. Einleitung, Übersicht der Quellen [1]
II. Form, Inhalt und Kritik der nordischen Überlieferung [13]
III. Form, Inhalt und Kritik der deutschen Überlieferung [31–65]
a) Der Nibelunge Lied [31]
b) Zweikampfsage und Thidrikssaga [56]
c) Hürnen Seifrid [65]
IV. Die Grundlagen der Sage [66–85]
a) Burgunden und Hunnen [66]
b) Sage und Mythus [71]
c) Die Merowinge [74]
d) Einzelheiten [78]
V. Die Entwicklung der Sage [86–100]
a) Älteste und nordische Form [86]
b) Deutsche Form [90]
VI. Überlieferung und Textgeschichte des Liedes der Nibelunge [101]
VII. Wirkung des Liedes in der alten Literatur. Allmähliches Erlöschen des Interesses [115]
VIII. Erneuerung der Kenntnis des alten Stoffes seit dem 18. Jahrhundert [123]
IX. Die wichtigsten modernen Bearbeitungen der Sage [130]
Anhang. Literatur [137]
Register [139]

I.
Einleitung. Übersicht der Quellen.

Das in wirtschaftlicher wie in geistiger Beziehung so reiche Leben des alten Deutschlands erstarb in den Greueln des Dreißigjährigen Krieges. Was unserm Volke bis zu jener Zeit an alten Sagenschätzen lieb und wert gewesen war, geriet damit in Vergessenheit, und ein volles Jahrhundert verging, bis Gelehrte in alten Büchereien die ersten Spuren des alten Reichtums neu entdeckten. Die großen Männer des 18. Jahrhunderts, deren Geschmack anfangs in französischem und später in klassischem Sinne gebildet und geläutert war, blieben allerdings zunächst kalt gegenüber den Denkmälern einer Vergangenheit, deren Empfinden von dem ihren durchaus verschieden war. Erst der völlige Zusammenbruch, den die deutsche Politik und damalige Geisteskultur vor nunmehr (1906) genau hundert Jahren erlebte, bewirkte im Zusammenhange mit dem Erwachen unsers nationalen Fühlens auch eine höhere Wertschätzung der Denkmäler aus alter großer Zeit. Es ist bezeichnend, daß die erste volkstümliche Ausgabe des Nibelungenliedes 1815 in dem Augenblicke erschien, da man sich rüstete, den von Elba zurückgekommenen Napoleon abzuwehren. Der Herausgeber, August Zeune, nannte sie eine „Feld- und Zeltausgabe“ und erwähnte ausdrücklich, daß er sie besorgt habe, „da viele Jünglinge dies Lied als ein Palladium in den bevorstehenden Feldzug mitzunehmen wünschten“. Von jener Zeit an ist nun das Interesse an unserer alten Geschichte und Dichtung ständig gewachsen. Die germanistische Wissenschaft erblühte, gestützt auf die romantische Geschmacksrichtung, die die klassische in der Poesie abgelöst hatte, und erschloß immer neue Quellen für die Kunde der Vorzeit; die moderne Dichtung bemächtigte sich der alten Stoffe und goß sie in neue, der Gegenwart angemessene Formen. Vor allen andern hat Richard Wagner das Verdienst, durch sein gewaltiges Tonwerk, den „Ring des Nibelungen“, die alten Sagen volkstümlich gemacht zu haben, ein Verdienst, das dadurch nicht verringert wird, daß er mit seinem Stoffe recht willkürlich umgesprungen ist. Denn ohne ihn würde das Interesse für die Nibelungensage heute wohl nicht so weit verbreitet sein, wie es tatsächlich der Fall ist.

Welches sind nun die Quellen, aus denen man geschöpft und die alten Stoffe zu neuem Leben erweckt hat? Was bringen sie, und vor allem: worauf beruhen sie?

Im allgemeinen darf behauptet werden, daß alle erzählende Dichtung ihren letzten Ausgangspunkt in wirklich geschichtlichen Ereignissen hat, auch dann, wenn die beglaubigte Geschichte nicht in der Lage ist, solche namhaft zu machen; die ursprüngliche Tatsache ist dann von der Dichtung mit dichtem Beiwerk umsponnen worden, das wie Schlingpflanzen den alten Kern überwuchert und vielleicht erstickt.

Was in der Nibelungensage sicher als geschichtlich erwiesen ist, beruht auf Ereignissen des fünften nachchristlichen Jahrhunderts, also Ereignissen aus der Zeit der Völkerwanderung, die für die germanische Welt des Mittelalters in ganz gleicher Weise das Heldenzeitalter gewesen ist, wie es der trojanische Krieg für die Griechen des Altertums war. Diese Ereignisse sind in ununterbrochener Überlieferung im Gedächtnis bewahrt worden, bis ihr eben der Dreißigjährige Krieg das Grab gegraben hat. Die Überlieferung aber ist in folgender Weise zustande gekommen.

In einer Zeit ganz unentwickelter Verkehrsmittel und so gut wie völlig mangelnder Schrift (die höchstens Besitztum einiger weniger auserlesener Personen war) bildete sich ein Stand fahrender, d. h. herumziehender Leute, die ein Gewerbe daraus machten, das jederzeit lebhaft entwickelte Neuigkeitsbedürfnis ihrer Mitmenschen zu befriedigen. Sie zogen von Ort zu Ort, sammelten und verbreiteten Neuigkeiten jeder Art und fanden auf diese Weise ihren Unterhalt. Solange die Schriftkunde beschränkt war, blieben sie ersehnt und hochangesehen. Mit der fortschreitenden Volksbildung und den gebesserten Verkehrsverhältnissen sank natürlich ihre Bedeutung und damit auch die Achtung.

Naturgemäß sind es in erster Linie die großen politischen, also historischen Ereignisse, die sie wiedererzählen und betrachten. Um diese möglichst treu im Gedächtnis behalten zu können, gießen sie dieselben in eine feste Form, indem sie sie in Verse bringen. Die poetische Form ist also zunächst etwas Äußerliches; sie macht aber durch ihre Geschlossenheit sogleich ihren Einfluß auf den innern Stoff geltend, indem sie den Erzähler zwingt, zu ergänzen, was er nicht weiß, also die Beweggründe der handelnden Personen zu erraten. Damit ist aber der Erfindung Tür und Tor geöffnet. Je weiter man sich nun von dem Zeitpunkt der Geschehnisse entfernt, um so schwerer wird natürlich eine richtige Ergänzung, aber auch um so unwichtiger, da schließlich niemand mehr existiert, der den Erzähler Lügen strafen kann. So ist zweierlei möglich geworden: 1. daß der Bericht von den historischen Ereignissen bis zur Unkenntlichkeit entstellt, also zur reinen Sage wird, und 2. daß die Überlieferung jahrhundertelang von der eigentlichen Literatur so gut wie unbemerkt sich hat fortpflanzen können, um dann plötzlich als Stoff größerer Werke in ihr aufzutauchen.

Es sind nun die am Niederrhein wohnenden Franken, die die vorhin angedeuteten Ereignisse des 5. Jahrhunderts fürs erste bewahrt haben. Von ihnen aus, die geographisch etwa den Mittelpunkt der damaligen germanischen Welt darstellen, hat sich dann die Kunde über diese ausgebreitet, am wenigsten nach England, dessen älteste Literatur nur spärliche Zeugnisse für die Nibelungensage aufweist, desto ausgiebiger nach Skandinavien und nach Süddeutschland. Der Gang der Ausbreitung war etwa folgender:

Im 9. Jahrhundert zogen von Skandinavien, insbesondere von Norwegen aus, zahlreiche Scharen von Seeräubern, die sog. Wikinger, gen Süden und plünderten die Küsten Englands und des fränkischen Reiches. An den Küsten der heutigen Niederlande, in der Gegend der Rheinmündungen, wohnten die Franken, die die Überlieferung von den Ereignissen des 5. Jahrhunderts bewahrten. Dort haben sich die nordischen Räuber zeitweise sogar fest angesiedelt und ungefähr zwei Menschenalter hindurch die Küstenländer beherrscht, bis sie im Jahre 891 in der Schlacht an der Dyle von König Arnulf vertrieben wurden. In dieser Zeit müssen die Nordgermanen die Kunde von der deutschen Überlieferung sich angeeignet und nach dem Norden verpflanzt haben. Sie zeigen dabei einen ganz eigenartigen Charakterzug: sie vereinigen nämlich in sich zwei scheinbar entgegengesetzte Züge des germanischen Charakters, auf der einen Seite kriegerisches Wesen in höchster Potenz, blutdürstige Wildheit und Grausamkeit, auf der andern Seite ein Streben nach Gelehrsamkeit, wie es bei diesen wilden Seeräuberhorden kaum verständlich scheint. Es ist das aber vollauf begründet in den Eigentümlichkeiten der alten verkehrslosen Zeit. Die Leute sitzen den Winter über in abgelegenen Tälern und hören und sehen von der Welt nichts. Bei ihrem regen Geistesleben haben sie nun ein ganz besonders starkes Bedürfnis nach Neuigkeiten. Die norwegischen Wikinger haben keine Gelegenheit vorübergehen lassen, südländische Kunde nach dem Norden zu bringen. So haben sie auch die fränkische Nibelungensage nach dem Norden gebracht, wahrscheinlich in der Form einer einheitlichen Dichtung, denn das, was im Norden uns von der Nibelungensage erzählt wird, weicht in vielen Punkten von der deutschen Sage ab, und zwar so, daß die Abweichungen nicht die ursprüngliche Gestalt, sondern eine Änderung darstellen, die auf einen Akt der Willkür zurückgeht. Es weist das darauf hin, daß irgendein nordischer Dichter den am Niederrhein erkundeten Stoff in feste Form gegossen und so nach dem Norden gebracht hat, wo er dann in dieser Gestalt aufgenommen worden ist.

Im Norden ist er nun in zahlreichen Liedern von zahlreichen uns gänzlich unbekannten Dichtern behandelt worden. Zunächst geht die Tradition dieser Lieder in der vorhin geschilderten Weise vor sich, d. h. sie werden mündlich übertragen und nicht aufgezeichnet. Erst in einer wesentlich spätern Zeit, im 13. Jahrhundert, entschloß man sich im Norden auf einem eigenartigen Umwege zur Aufzeichnung dieser Lieder.

Bis zum 13. Jahrhundert hatte sich die nordische poetische und prosaische Literatur hoch entwickelt, so hoch, daß man das Bedürfnis empfand, ein Lehrbuch gewisser Eigentümlichkeiten des nordischen Stils anzufertigen. Dies Lehrbuch schrieb um das Jahr 1220 der isländische Skalde Snorri Sturluson; es führt den Titel „Edda“. Dies Wort wird heute gedeutet als Bezeichnung der Herkunft des Buches: aus Oddi, einem Gehöfte im südwestlichen Island, wo Snorri erzogen worden war; andere fassen es als Ausdruck für „Poetik“. Eine Poetik war allerdings nötig, um dem angehenden Skalden eine besondere Eigentümlichkeit der nordischen Dichtweise zu erklären. Man bezeichnete einen einfachen konkreten Alltagsgegenstand nicht gern mit seinem schlichten Namen, sondern bediente sich statt dessen eines Bildes, das aus der Sage entnommen und nicht verständlich war, wenn man nicht die zugehörige Sage kannte. So heißt z. B. das Gold „Otterbuße“, und zwar in Zusammenhängen, in denen weder von „Buße“ noch von „Otter“ irgendwelche Rede ist. Um Ausdrücke dieser Art (die sog. „Kenningar“) zu erklären, ist ein Hauptteil der Edda geschrieben; die Erklärung besteht in der Erzählung der zugehörigen Geschichte.

So erzählt denn Snorri in der Edda eine große Anzahl der verschiedensten Sagen, von denen die überwältigende Mehrzahl uns ohne ihn gar nicht bekannt wäre, u. a. auch die Nibelungensage in nordischer Form. Vielfach werden dabei Dichtungen zitiert, Verse aus Liedern, bruchstückweise natürlich nur, und zwar als Belege. Das hat dazu geführt, daß man diese Lieder im Anschluß an die Snorrische Poetik gesammelt hat. Wer das getan hat, bleibt unbekannt. Die Sammlung ist jedenfalls entstanden um die Mitte des 13. Jahrhunderts und uns im wesentlichen erhalten in einer einzigen, aus Island stammenden, jetzt in Kopenhagen befindlichen Handschrift, die nach dem Aufbewahrungsort in der Königlichen Bibliothek der Codex regius genannt wird. Diese Handschrift stellt sich dar als eine Sammlung von Einzelgedichten in lyrisch-epischer Form, gewissermaßen Balladen, aus der Götter- und der Heldensage. Der größere, zweite Teil der ganzen Sammlung umfaßt nur Lieder aus unserer Nibelungensage. Leider ist uns der Kodex nicht vollständig erhalten, sondern es fehlt gerade aus dem wichtigsten Teile der Nibelungensage eine vollständige Lage, d. h. ein Heft von acht Blättern, das frühzeitig verloren gegangen und nicht ersetzbar ist. Diesen Codex regius bezeichnet man vielfach, aber fälschlich mit dem Namen Edda; ja wenn kurzweg von „Edda“ geredet wird, meint man gewöhnlich diese Liedersammlung. Derjenige, der sie im 17. Jahrhundert entdeckte, der isländische Bischof Brynjolf Sveinsson, nahm an, daß er die Quelle von Snorris Edda vor sich habe, und da er den Namen „Edda“ für Snorris Werk nicht verstand, übertrug er ihn auch auf die Quelle und bezeichnete die Liedersammlung als die ältere Edda. Er wußte auch gleich einen Sammler oder Verfasser anzugeben, den weisen Sämund, von dem uns allerdings nicht viel mehr bekannt ist, als daß er etwa hundert Jahre vor Snorri gelebt und in der Tat mit der Liedersammlung nicht die Spur zu tun hat. Immerhin hat sich der Titel „Edda“ für die Liedersammlung festgesetzt; man unterscheidet sie am besten als „poetische“ von Snorris „prosaischer“ Edda, muß sich aber stets gegenwärtig halten, daß der Name „Edda“ für die Liedersammlung nicht authentisch ist.

In der Sammlung stehen nun zunächst Götterlieder, dann Lieder aus verschiedenen Heldensagen, zuletzt, wie gesagt, eine Sammlung von Liedern aus der Nibelungensage, die so angeordnet sind, daß sie wenigstens äußerlich eine geschlossene Darstellung der Sage geben. An der Spitze der Sammlung, soweit sie die Nibelungensage angeht, steht ein Gedicht, das sich betitelt: Die Weissagung des Gripir. Sigurd (derselbe Held, der in Deutschland den Namen Siegfried führt) kommt hier als junger Mann zu einem Oheim, namens Gripir, der eigens zu diesem Zwecke von dem Sammler erfunden scheint, und erkundigt sich nach seinem künftigen Schicksal; Gripir ist ein Seher und vermag ihn ohne weiteres über alles, was ihm bevorsteht bis über seinen Tod hinaus, zu orientieren. Es ist das eine Entgleisung der nordischen Dichtweise, wie sie ziemlich häufig vorkommt, daß lebenden Leuten ihr künftiges Schicksal bis in alle Einzelheiten prophezeit wird, ohne daß sie dann auch nur den geringsten Versuch machen, dem Schicksal, das ihnen droht, die Stirn zu bieten; in Wirklichkeit ist denn die Weissagung Gripirs weiter nichts als eine Übersicht über das, was nun in der Sammlung kommt.

Es folgt zunächst eine ganze Reihe von Fragmenten, zu der der Sammler eine Rahmenerzählung geliefert hat; die Strophen sind lose in die Erzählung eingestreut. Man teilt in unsern Eddaausgaben diese Fragmentsammlung in drei Abschnitte ein: die Sprüche von Regin (Reginsmál), die Sprüche von Fafnir (Fáfnismál) und die Sprüche von Sigrdrifa (Sigrdrifumál). Mitten in diesem letzten Teile bricht die Sammlung für uns vorläufig ab, weil die Lücke einsetzt. Nach der Lücke stoßen wir auf den Schlußteil eines einst vollständigen Liedes, also nicht eines von dem Sammler als Bruchstück aufgenommenen Stückes, das nur durch die Ungunst der Verhältnisse für uns ein Bruchstück geworden ist. Hier wird nun, während in dem vorausgehenden Stücke die Erzählung bis dahin geführt war, wo Sigurd die Brynhild kennen lernt, gleich erzählt von den Umständen, die sich um Sigurds Ermordung gruppieren; es fehlt uns also der ganze eigentliche Kern der Sage. Es folgt ein sehr langes Gedicht, das augenscheinlich vollständig erhalten ist, und das den Titel führt: das kurze Sigurdslied. Er erklärt sich daraus, daß jedenfalls das Lied, von dem wir nach der Lücke noch den Ausgang haben, noch länger gewesen ist. Das kurze Sigurdslied erzählt zusammenhängend, aber nicht immer sagenecht, was Sigurd im Reiche der Niflunge[1] erlebt hat, von dem Augenblicke an, wo er es betreten, bis an seinen Tod, und über ihn hinaus, wie Brynhild ihm im Tode folgt.

Den Fortgang der Erzählung bringt ein umfangreiches und ziemlich altes Gedicht, gewöhnlich das zweite Lied von Gudrun genannt (Gudrun ist im Norden der Name derselben Figur, die in Deutschland Kriemhilt heißt, also Sigurds Witwe). Gudrun erzählt selbst ihre Schicksale: wie sie Sigurds Weib und Witwe geworden, wie sie den Atli (den deutschen Etzel) geheiratet, und wie dieser ihre Brüder gemordet hat; für diese Tat plant sie die Rache; die Begründung dieser Rachegefühle gibt uns hier ein zweifellos hochbegabter Dichter. Die Darstellung der Ermordung der Niflunge fehlt in diesem Liede leider; wahrscheinlich hat sie der Sammler gestrichen, weil er in den beiden Atliliedern (vgl. nachher) noch zweimal dieselbe Sache vorgetragen fand.

Mehrere Einzellieder, wirkliche Balladen, die lediglich einen einzelnen Moment, ein Stimmungsbild aus der Sage herausgreifen und poetisch behandeln, sind ebenfalls in der Sammlung erhalten: das erste Lied von Gudrun (es schildert die Haltung von Sigurds Witwe an dessen Bahre), dann das Lied von Brynhilds Fahrt zur Unterwelt, ferner ein drittes Gudrunlied und das „Oddruns Klage“ betitelte Einzelgedicht; sie behandeln sämtlich Nebendinge.

Das Hauptereignis, der Untergang der Niflunge durch Atli samt Gudruns Rache, wird erzählt in den beiden Liedern von Atli, die parallel nebeneinander herlaufen, einem ältern (Atlakvida) und einem jüngern (Atlamál); sie geben beide dieselbe Darstellung, denselben Inhalt, dieselbe Szenerie wieder.

Damit ist die Sage, soweit sie der deutschen Überlieferung im Norden parallel geht, zu Ende. Seltsamerweise ist im Norden die Erzählung noch um eine Stufe weiter geführt: Gudrun verheiratet sich (was uns sehr seltsam anmutet) zum drittenmal, und um ihre Schicksale in dieser dritten Ehe drehen sich die beiden letzten Gedichte der Sammlung: Gudruns Aufreizung (Gudrunarhvot) und die Sprüche von Hamdir (Hamdismál); Hamdir ist einer ihrer Söhne aus dritter Ehe.

Es fehlt nun noch eine Brücke über die Lücke; diese bietet uns eine Prosaerzählung, die auch noch im 13. Jahrhundert entstanden ist, und die unsere Liedersammlung (nicht in der uns erhaltenen Handschrift) in vollständiger Gestalt benutzt hat. Die Erzählung führt den Titel: Volsungasaga, die Erzählung von den Wolsungen[2]. Sie ist kein selbständiges Buch, sondern nur der erste Teil und die Einleitung zu einem weiter folgenden Hauptteil, der Ragnars Saga Lodbrokar (Erzählung von Ragnar Lodbrok, einem Wikingerkönig des 9. Jahrhunderts). Die Absicht des ganzen Werkes ist, den im 13. Jahrhundert regierenden norwegischen Königen, die sich als Nachkommen des Ragnar Lodbrok ansahen, dadurch, daß dieser zu einem Schwiegersohne Sigurds gemacht[3], Sigurd seinerseits aber bis auf die alten Heidengötter zurückgeführt wird, göttlichen Ursprung beizulegen. So setzt die Volsungasaga damit ein, daß sie erzählt, wie ein Sohn des Gottes Odin, namens Sigi, eine Herrschaft auf Erden gewinnt. Von ihm springt die Erzählung auf seinen Sohn Rerir und von Rerir auf dessen Sohn Volsung, denjenigen, der den Geschlechtsnamen zuerst führt und damit bekundet, daß mit ihm die alte Sage überhaupt erst anhebt. Was vorausgeht, ist erst, um die Verbindung mit dem Gotte herzustellen, hinzugedichtet. Von Volsung und seinen Söhnen, deren bedeutendster Sigmund heißt, erzählt nun die Volsungasaga eine höchst altertümliche und grausige Geschichte, die, obgleich sie mit der von Sigurd nur äußerlich in Beziehung steht, von Wagner für seine Darstellung der Nibelungensage stark ausgenutzt ist. An sie schließt sich die Erzählung von Sigurd, dem Sohne Sigmunds, und es folgt die gesamte Sage im Anschluß an die vorhin besprochene Liedersammlung, so zwar, daß die Lücke, die in jener vorliegt, hier vollständig für uns ausgefüllt ist. Der Sagaschreiber verfährt so naiv, daß er die Lieder einfach in Prosa umschreibt. Er denkt nicht daran, die notwendigerweise existierenden Widersprüche zwischen den einzelnen Liedern auszugleichen. Wenn zwei Lieder hintereinander stehen, die dieselbe Geschichte behandeln, die einander also in der Prosaerzählung eigentlich ausschließen, erzählt er dieselbe Sache ruhig zweimal. — Das ist die eigentliche nordische Überlieferung, die im wesentlichen schriftlich niedergelegt worden ist im 13. Jahrhundert, obgleich sie natürlich auf wesentlich ältern Quellen beruht. Außerdem ist in die nordische Olafs Saga Tryggvasonar (die Erzählung von Olaf, Sohn des Tryggvi, einem norwegischen Könige, der im Jahre 1000 fiel) auch ein Stück unserer Liedersammlung aufgenommen und kann uns infolgedessen als Kontrolle dienen.

In Deutschland haben eigentümlicherweise diejenigen, die sicherlich die Kunde von den Ereignissen der Nachwelt übermittelt haben, die Franken, nichts Direktes für die poetische oder schriftliche Darstellung der Sage getan. Wir finden im 10. Jahrhundert, also etwa hundert Jahre nach der Wikingerzeit, eine Spur, daß die Sage vom Niederrhein nach Bayern gelangt ist, nicht auf dem Wege der volkstümlichen Erzählung, sondern, wie es scheint, einheitlich, indem ein fahrender Mann, der die Kenntnis der Geschichte besaß, sie dahin gebracht und dem Bischof Pilgrim von Passau, der damals in Bayern eine große Rolle spielte (er war Bischof von Passau 971–991), vorgetragen hat; der Bischof soll sie dann in lateinischer Sprache durch seinen Schreiber Konrad haben aufzeichnen lassen. Diese Nachricht ist uns überliefert durch eine spätere hochdeutsche Dichtung, die Klage, die zwar nicht ohne weiteres glaubwürdig ist, von der man aber nicht einsieht, wie sie zur Erfindung der Notiz hätte kommen können. So ist denn die Nibelungensage spätestens im 10. Jahrhundert vom Niederrhein nach Oberdeutschland verpflanzt worden und hier in ein Gebiet geraten, in dem eine andere Sage bereits die Alleinherrschaft hat und den Volksgeist und die Volksphantasie vollständig beherrscht und erfüllt; es ist dies die gotische Dietrichsage, die in Bayern zu Hause ist, und die auch durch die Nibelungensage dort nicht hat verdunkelt werden können. Zwischen der gotischen Dietrichsage und der Nibelungensage, wie sie von den Franken herüberkommt, besteht nun ein eigenartiges äußeres Band. In beiden spielt von Haus aus auf Grund der Geschichte der Hunnenkönig Attila eine wesentliche Rolle. Damit ist natürlich für die Menschen des 10.-12. Jahrhunderts erwiesen, daß die beiden Erzählungen gleichzeitig sind und in einem gewissen Zusammenhange stehen; so tritt denn in Oberdeutschland die Nibelungensage als Episode in die Dietrichsage ein. Das hat nicht verhindert, daß gerade die Nibelungensage im 12. Jahrhundert als Stoff eines großen Gedichtes, des einzigen, das wenigstens den Versuch macht, die ganze Erzählung abschließend zu behandeln, verwendet worden ist; das ist unser Nibelungenlied oder, wie sein ursprünglicher Titel heißt, „der Nibelunge Not“. Sein Verfasser ist ein ritterlicher Sänger, ein Angehöriger der obern Stände; nachdem im 12. Jahrhundert die Kulturverhältnisse sich soweit gehoben haben, daß der Ritterstand selbst literarisch tätig ist, arbeiten im Westen und besonders im Nordwesten Deutschlands die ritterlichen Dichter auf Grund modischer, fremder, gewöhnlich französischer Vorlagen; den Angehörigen des Südostens waren solche weniger zugänglich; so griff der Dichter der Nibelunge Not in die Tiefe der Volksüberlieferung und nahm aus ihr einen einheimischen Stoff heraus und herauf. Das ist die Stellung des Nibelungenliedes in der Geschichte der deutschen Literatur.

So wie das Lied uns überliefert ist, ist es nicht ohne weiteres als Werk jenes Mannes zu betrachten. Die Beurteilung dieser Überlieferung ist ganz besonders schwierig; das Originalgedicht besitzen wir ganz bestimmt nicht mehr. Doch war das Lied, wie es uns noch vorliegt, zu Anfang des 13. Jahrhunderts vorhanden, denn Wolfram von Eschenbach zitiert es in seinem Parzival.

„Der Nibelunge Not“ ist ein literarischer Erfolg allerersten Ranges gewesen. Denn von dem Augenblick an, wo das Gedicht existiert, schießen Gedichte der gleichen Stoffklasse in gleicher Form wie Pilze aus dem Boden; bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts beherrschte die deutsche Heldensage (wie man dieses Stoffgebiet als Ganzes nennt) einen großen Teil des literarischen Interesses Süddeutschlands. Im Laufe dieser Zeit tritt allerdings dieser Stoff allmählich mehr und mehr in die zweite Linie zurück, eine natürliche Folge der ständigen Schwankungen und Wellen des literarischen Geschmacks. Andere, weniger urwüchsige Stoffe wurden jetzt bevorzugt; das Lied war für die vornehmen Stände nicht vornehm genug, für die untern Stände wiederum aber noch zu fein. So geriet es allmählich in Vergessenheit und wurde ungefähr ums Jahr 1500 abgelöst durch eine eigenartige, wenig künstlerische Dichtung, das „Lied vom Hürnen Seifrid“. Es geht nicht einfach auf das Nibelungenlied zurück, sondern hat manche Besonderheiten, und darin besteht seine Bedeutung für die Sagenforschung. Aber sein dichterischer Wert ist gleich Null. Daß Seifrid hier „hürnen“ heißt, will besagen: er hat eine durch Drachenblut wie Horn gehärtete Haut. Der Hürnen Seifrid ist uns nun schon gar nicht mehr handschriftlich erhalten. Er tritt erst in die Literaturgeschichte ein, nachdem der Buchdruck schon vorhanden ist: um 1500 tritt er auf, etwa ein Jahrhundert lang (bis 1611) wird er wiederholt aufgelegt; schließlich liefert das Gedicht den Stoff zu dem in eigenartiger Weise modernisierten und eigentlich verballhornten Volksbuche vom „gehörnten Siegfried“, das mit modischen, halb lateinischen, halb französischen Floskeln verbrämt ist[4]. Aus dem „Hürnen Seifried“ ist ein „gehörnter“ Siegfried geworden. Es ist in der Tat gemeint, daß er Hörner auf dem Kopfe trägt; ein vollständiges Mißverstehen des alten Beinamens. Das Volksbuch ist im wesentlichen während des 18. Jahrhunderts lebendig, doch nur in den untersten Kreisen des Volkes. Es ist in bezug auf seinen Sagengehalt nichts weiter als eine Ausgestaltung des Hürnen Seifried, also für eine Untersuchung der älteren Sagenform ohne Belang.

Der deutsche Zweig der Entwicklung unserer Sage ist im 13. Jahrhundert auf literarischem Wege in Skandinavien eingeführt worden, und zwar durch einen Norweger, der zum nördlichen Deutschland innige Beziehungen hatte. Er nennt als seine Gewährsmänner Leute aus Bremen, Münster und Soest, also aus Städten, in denen damals der Handel besonders mit Skandinavien blühte. Sein Werk umfaßt das ganze Gebiet der deutschen Heldensage, in erster Linie also die Dietrichsage, von den Ahnen Dietrichs beginnend bis auf seine Entführung durch ein schwarzes Höllenroß. Innerhalb dieses Rahmens ist auch die Nibelungensage erzählt, und zwar in deutscher Form, in einer Form, die zu unserm Nibelungenliede in nächster Beziehung steht, so zwar, daß wir nicht etwa nur anzunehmen brauchen, sie beruhe auf denselben Erzählungen, sondern es muß, wenigstens stellenweise, ein und dieselbe Dichtung beiden zugrunde liegen. Ob etwa das Nibelungenlied selbst vom Verfasser dieses Buches benutzt worden ist, mag vorläufig dahingestellt bleiben. Der Titel des Werkes ist „Thidrikssaga Konungs af Bern“, die Erzählung von König Dietrich von Bern. Dieser, der ja der Hauptheld der süddeutschen Sage ist, ist hier der Mittelpunkt des deutschen Heldenzeitalters. Um ihn gruppiert sich alles, an ihn schließt sich auch die Nibelungensage an; denn er ist in dem großen Nibelungenkampfe derjenige, der den Ausschlag gibt, der allein in der Lage ist, die Nibelunge zu überwinden. Wie uns die Thidrikssaga erhalten ist, ist sie nicht einheitlich, sondern es haben mehrere Hände ihre jetzige Gestalt bewirkt. Immerhin ist sie eine wundervolle Quelle, die vollständigste Quelle unserer deutschen Heldensage überhaupt. Sie hat begreiflicherweise manche Nachdichtung auf nordischem Boden hervorgerufen; solche sind für die Erkenntnis der ältern Sagenform ebenso belanglos wie das deutsche Volksbuch.

II.
Form, Inhalt und Kritik der nordischen Überlieferung.

Die nordische Gestalt der Nibelungensage hat viel Altertümliches bewahrt; in vielen Dingen ist sie sicher wesentlich altertümlicher als die deutsche. Eine einheitliche Darstellung im strengen Sinne ist im Norden nicht zustande gekommen. Wir besitzen nur Lieder und Bruchstücke, notdürftige Zusammenstoppelungen der letztern und die scheinbare Gesamterzählung der Volsungasaga, die sich aber Schritt für Schritt an die Liedersammlung anklammert.

Die Dichtungen selbst sind, soweit sie uns erhalten sind, noch in der Weise altgermanischer Poesie abgefaßt, d. h. sie weisen den stabreimenden Vers auf. Dieser tritt in den nordischen Liedern in der Hauptsache in drei Formen auf. Die gewöhnlichste Art ist die „fornyrdislag“ (Gesetz der alten Rede) genannte. Sie besteht darin, daß die gewöhnlichen alten, vier Haupthebungen aufweisenden Langverse zu in der Regel vierversigen Strophen verbunden werden; oft sind die Strophen verschieden lang, so daß die Verse durch die betreffende Dichtung im Grunde genommen glatt durchlaufen. Der Vers selbst besteht immer aus zwei Teilen, die durch einen Einschnitt getrennt sind. Innerhalb jedes Teiles stehen zwei haupttonige Silben (Hebungen). Die erste Hebung des zweiten Teiles ist die wichtigste; sie gibt den Stabreim an. Mit ihr muß eine oder dürfen beide des ersten Teiles durch Stabreim gebunden sein, z. B. Kurzes Sigurdslied, Strophe 1:

Einstmals kam Sigurd zum Sale Gjukis,

der Wolsungensproß nach wildem Kampfe;

er schloß den Bund mit der Brüder zweien,

die Helden schwuren sich heilige Eide[5].

Die zweite verhältnismäßig selten vorkommende Form ist der sogenannte Málaháttr (Spruchweise); ihre Besonderheit besteht darin, daß die einzelnen Halbverse etwas länger sind als beim Fornyrdislag, im allgemeinen um eine Silbe. In der deutschen Übersetzung hat Gering dies dadurch wiedergegeben, daß er die Halbzeilen dreihebig macht, z. B. Atlakvida, Strophe 28:

Der reißende Rhein nun hüte, was Recken zum Streit entflammte,

das einst die Asen besessen, das alte Niflungenerbe!

Im rinnenden Wasser besser sind die Ringe des Unheils verborgen,

als wenn an hunnischen Händen das helle Gold erglänzte.

Das dritte Metrum, Ljódaháttr (Liedweise) genannt, ist ein lyrisches, offenbar zum Gesang bestimmtes. Es besteht darin, daß auf einen Langvers, der dem im Fornyrdislag üblichen im wesentlichen gleich ist, ein einschnittloser Vers von drei Hebungen folgt und mit ihm ein Ganzes bildet; in der Regel sind zwei solcher Verspaare zu einer Strophe vereinigt, z. B. Reginsmál, Strophe 1:

Was ist’s für ein Fisch, der im Flusse schwimmt

und sich unklug vor Schaden nicht schützt?

Aus Hels Händen dein Haupt nun löse,

schaffe mir Feuer der Flut.

Der Stabreim besteht darin, daß der Anlaut der höchstbetonten Silben gleich ist; es ist nur nötig, daß der erste Laut alliteriert, mit folgenden Ausnahmen: 1. alle vokalisch anlautenden Silben können miteinander reimen, weil der Germane keinen Vokal anders als mit einem festen Ansatz ausspricht, den wir auch in der heutigen deutschen Sprache noch hören können: also Worte wie „alt“ und „ewig“ klingen reimend an für den Stabreim; 2. die mit folgenden p, t und ch eng verbundenen s können nur mit ebenso verbundenen gereimt werden, z. B. „sprechen“ mit „Sper“, aber nicht mit „schießen“, dies mit „schreien“, aber nicht mit „sitzen“ usw. Im übrigen ist jeder einzelne Laut allein ausreichend.

Soviel über die poetische Form; die Mehrzahl der nordischen Denkmäler ist allerdings in Prosa abgefaßt, Verse bilden immerhin die Ausnahme.

Den Inhalt der nordischen Sagenform kennen wir am vollständigsten aus der Volsungasaga. Sie hat die Erzählung bis auf den alten Hauptgott der Germanen selbst zurückgeführt; Odin steht an der Spitze des Geschlechtes der Wolsunge[6]. Im Norden ist, da das Heidentum sehr viel länger lebendig blieb als in Deutschland, die Götterlehre sehr viel weiter ausgebildet, und sind die Götter sehr viel persönlicher geworden; in Deutschland wissen wir von ihnen so gut wie nichts; sie sind hier wesenlose Schemen. Odin ist der Vater des Sigi, der als ein König auf Erden herrscht, von seinem Vater eingesetzt. Sein Enkel Wolsung ist der eigentliche Ahnherr des Geschlechtes der Wolsunge; daß er selbst den Geschlechtsnamen führt, ist im Grunde ein Versehen der nordischen Überlieferung, das uns ein altenglisches Zeugnis beseitigen hilft: im Gedichte Beowulf, dem ältesten Epos in germanischer Sprache, heißt derselbe Mann nicht Wolsung, sondern bloß Wæls. Diese Form ist zweifellos die richtige; sie gibt den eigentlichen Personennamen. Wolsung, mit der Endung -ung abgeleitet, ist der Geschlechtsname, zu vergleichen mit Amelungen, Merowingern, Karolingern, Nibelungen usw.; ein Wolsung ist ein Nachkomme des Wals; diese Bildungsweise der Geschlechtsnamen ist gut germanisch.

Wolsung hat zehn Söhne und eine Tochter, namens Signy. Um diese wirbt ein König Siggeir (er herrscht über die Gauten, die in Südschweden sitzen) und erhält sie auch zur Frau. Auf der Hochzeit der beiden erscheint ein Mann in blauem Mantel, den Hut ins Gesicht hereingezogen, so daß man nur ein Auge sieht, stößt in den Baumstamm, der mitten in der Königshalle steht, ein Schwert und bestimmt es demjenigen, der imstande ist, es wieder herauszuziehen. Der Mann ist seiner Schilderung nach natürlich Odin, der höchste Gott, der in dieser Gestalt auf der Erde wandernd gedacht wurde. Die Hochzeitsgäste, vor allen Siggeir, der junge Gemahl, versuchen das Schwert herauszuziehen. Keinem gelingt es; erst als Sigmund, der älteste Sohn Wolsungs, zugreift, liegt das Schwert vor ihm, als ob es gar nicht festgesteckt hätte. Siggeir bietet ihm Gold für das Schwert, er aber behält es für sich.

Siggeir scheidet in Ärger von der Familie seiner Frau und denkt auf Rache. Nach einiger Zeit ladet er den Schwiegervater und seine Söhne zu sich ein. Sie kommen trotz der Warnung der Signy und werden unmittelbar, nachdem sie im Gautenlande angekommen sind, überfallen, der alte König Wolsung getötet, seine Söhne gefangen; in der Gefangenschaft kommen sie nach und nach alle um, mit Ausnahme Sigmunds, der durch eine List der Signy am Leben erhalten wird und entflieht. Er lebt in der Wildnis und sinnt auf Rache, vermag sie aber noch nicht durchzuführen.

Signy ist in einer eigenartigen Lage: sie ist die Schwester des Rächers und die Gattin desjenigen, gegen den die Rache geplant ist, gerät also in einen Konflikt der Pflichten. Als die Signy-Sigmund-Geschichte gedichtet wurde, galt durchaus noch die alte Anschauung, daß Blutsverwandtschaft dem Gattenverhältnis unbedingt vorgeht, daß also Signy ebenso zur Rache für Wolsung und ihre Brüder verpflichtet ist, wie Sigmund. Signy versucht sogar ihre eigenen, dem Siggeir gebotenen Söhne, die doch auch Wolsungs Enkel sind, zur Rache zu verwenden und schickt sie zu Sigmund in den Wald hinaus, damit dieser sie auf ihre Heldenhaftigkeit prüfe. Sie erweisen sich aber als Memmen, weil sie zur Hälfte vom Stamme Siggeirs sind und keine vollbürtigen Wolsunge. Sigmund tötet sie im Einverständnis mit Signy ohne weiteres, diese aber entschließt sich zu einem ganz eigenartigen Schritt: sie tauscht mit einem andern Weibe die Gestalt (ein in der nordischen Dichtung gar nicht selten auftretender Zug) und lebt dann eine Zeitlang unerkannt bei ihrem Bruder, um nach eingetretener Empfängnis wieder zurückzukehren[7]. Der Sohn, den sie gebiert, der den Namen Sinfjotli trägt, ist infolgedessen ein Wolsung von Vater- und von Mutterseite und vollwertig zur Rache. Auch er wird hinaus zu Sigmund geschickt, von ihm geprüft und sofort als Held erfunden. Darauf schleichen sich Sigmund und Sinfjotli in die Halle Siggeirs ein, werden jedoch entdeckt und festgesetzt. In der Gefangenschaft aber reicht ihnen Signy das Wunderschwert zu, um das der Streit entbrannt war. Mit dem Schwerte sägen sich Sigmund und Sinfjotli aus den Mauern ihres Kerkers, töten den Siggeir und brennen die Halle nieder. Die Rache ist vollendet. Signy verbrennt sich in den Flammen des brennenden Hauses zur Sühne für ihre Teilnahme an derselben.

Sigmund aber kehrt in seine Heimat zurück, vermählt sich mit einer dänischen Fürstin, namens Borghild, und wird dadurch dänischer König. Diese Borghild hat in der Sage recht wenig Bedeutung; sie bedeutet für die Komposition unserer Erzählung nur, daß Sinfjotli, der in ihren späteren Teilen keine Stelle mehr hat, herausgebracht wird. Sie haßt den Stiefsohn und vergiftet ihn schließlich. Sinfjotli ist damit aus der Erzählung ausgeschieden, und Borghild entbehrlich: Sigmund verstößt sie.

An die Sigmund-Borghild-Episode anknüpfend hat ein nordischer Dichter eine in Deutschland ganz unbekannte Sage dänischen Ursprungs angeschlossen: die Geschichte von Helgi dem Hundingstöter. Dieser gilt für einen Sohn des Sigmund und der Borghild. Seine Taten und Schicksale stehen nur in ganz loser Beziehung zu unserer Sage. Der von Helgi getötete Hunding[8] gilt als Vater des Königs Lyngvi, gegen den Sigmund gefallen ist — eine chronologisch fast unmögliche Auffassung.

Sigmund geht an eine zweite Ehe. Obgleich nunmehr schon bejahrt, wirbt er doch um eine junge Fürstin, die den Namen Hjordis führt (ein Name, der in Deutschland nicht vorkommt; er bedeutet etwa „Schwertmädchen“). Gleichzeitig wirbt um diese Hjordis ein König Lyngvi. Obgleich er jünger ist wie Sigmund, wählt sie doch den Alten, weil er der berühmtere ist, und folgt ihm als Gattin. Lyngvi zieht zur Rache gegen ihn zu Felde. Es kommt zu einer Schlacht, in der Sigmund wie immer das unüberwindliche Gottesschwert schwingt; im entscheidenden Moment aber tritt ihm Odin selbst entgegen und hält seinen Speer gegen das Schwert: es zerspringt, und Lyngvi kann Sigmund tödlich verwunden. Er kommt aber nicht zu seinem Ziele, denn er findet die versteckte Hjordis nicht und zieht ohne sie ab. Hjordis sucht ihrerseits auf dem Schlachtfelde den todwunden Gatten auf und erhält von ihm, bevor er stirbt, die Bruchstücke des Schwertes, um sie dem zu erwartenden Sohne aufzubewahren.

Irgendwie motiviert ist in der Erzählung das Auftreten des Gottes Odin nicht: er schenkt das Schwert, ebenso wie er es später zum Springen bringt, ohne Grund. Irgendwelche tiefern religiösen Ideen darf man nicht darin suchen, auch nicht das, was man gemeinhin einen Mythus nennt. Es ist nichts weiter darin zu finden als ein Bild: Odin ist der Gott des Sieges; Sigmund ist im wichtigsten Teile seines Lebens als unüberwindlicher, siegreicher Held gedacht, er genießt also die Gunst des Sieggottes, er hat ein von diesem ihm geschenktes Schwert. Schließlich fällt er doch in der Schlacht; also muß ihm der Gott selbst den Sieg entzogen haben; warum er dies getan hat, danach hat man bei einem Gotte nicht zu fragen.

Hjordis wurde mit ihrer Begleitung kurz nach dem Tode ihres Gatten von Seeräubern entführt. An ihrer Spitze stand Alf, der Sohn des Königs Hjalprik von Dänemark. Alf fand Gefallen an der Witwe und vermählte sich mit ihr, nachdem sie den Sigurd, den Sohn Sigmunds, geboren hatte; so wurde Sigurd (unser deutscher Siegfried) erzogen am Hofe des Königs von Dänemark — nach der Auffassung einer spätern nordischen Dichtung. Damit aber hören die Beziehungen Sigurds zum dänischen Königshofe so gut wie ganz auf. Außer seinem Stiefvater hat Sigurd noch einen Pflegevater, den Regin, einen Mann verhältnismäßig niederer Herkunft. Die Doppelheit des Stiefvaters und Pflegevaters zu gleicher Zeit und scheinbar auch am gleichen Orte wäre zur Not zu verstehen. Nicht zu verstehen aber ist, daß der Stiefvater in Dänemark lebt, der Pflegevater dagegen, wie sich gleich aus dem folgenden ergibt, in Deutschland am Rheine lebend gedacht wird. Wir sehen hier, daß die Darstellung Sprünge hat, daß ältere und jüngere Schichten übereinander liegen; der ältern gehört hier der Pflegevater Regin am Rheine an. Der Umstand, daß Sigurd, der später ein großer Held wird, unter ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen sein soll, hat die spätern, verfeinerten Geschlechter gestört; man hat ihm deshalb einen Stiefvater aus königlichem Blute gegeben, so daß eine dementsprechende königliche Erziehung möglich war.

Regin ist, wie gesagt, ein Mann vergleichsweise niederer Herkunft. Er versucht den Sigurd, nachdem er herangewachsen ist, in seinem eigenen Interesse auszunutzen; zu diesem Zwecke erzählt er ihm seine Schicksale und damit verbunden die Herkunft des großen Schatzes, den er beansprucht, den aber ein Drache hütet.

Nach dieser Erzählung war der Vater des Regin und noch zweier Brüder, die die Namen Fafnir und Otr führen, ein Bauer namens Hreidmar. Die Söhne hatten die Fähigkeit, beliebig Tiergestalt anzunehmen. Es ist das eine Erscheinung ähnlich dem Gestaltentausch der Signy.

Eines Tages ziehen nun drei Götter, Odin, Hönir und Loki (eine Dreiheit, die oft zusammen genannt wird) auf Erden umher in menschlicher Gestalt. An einem Wasserfall sehen sie einen Fischotter einen Fisch schmausen. Loki tötet durch einen Steinwurf den Fischotter und zieht ihm den Balg ab. Mit dieser Beute kehren sie dann bei dem Bauern Hreidmar ein; dieser erkennt an dem Otterfell, daß sein Sohn Otr hat das Leben lassen müssen. Er setzt infolgedessen die drei Götter gefangen und legt ihnen die Mordbuße für den Sohn auf: der Otterbalg soll mit Gold ausgefüllt werden, bis er auf seinen vier Beinen wieder stehen kann, und dann auch mit Gold überzogen werden, bis das letzte Härchen verschwunden ist. Darauf wird einer der Götter, Loki, beurlaubt, um das nötige Lösegeld herbeizuschaffen. Er kommt wieder an den Wasserfall, wo, wie er weiß, ein Zwerg, namens Andvari, lebt, der große Schätze hat und sich oft in Hechtgestalt im Wasser aufhält. Loki fängt diesen Hecht, und nun muß sich Andvari durch Herausgabe seines Reichtums lösen. Er gibt verhältnismäßig rasch alles heraus bis auf einen Ring, der in der Folge unter dem Namen Andvaranaut (Andvari’s Kleinod) eine wichtige Rolle spielt; da Loki auch diesen nimmt, das letzte, was Andvari hat, belegt der Zwerg den Ring mit einem furchtbaren Fluche, der darauf hinzielt, daß alle die, die ihn später besitzen werden, vom Fluche betroffen zugrunde gehen. Mit der gewonnenen Beute wandert Loki zu Hreidmar und übergibt das Gold Odin. Dieser füllt den Balg aus und überkleidet seine Außenseite, behält aber den Ring vorläufig zurück. Hreidmar sieht sich die Mordbuße an und erklärt schließlich, daß noch ein Schnurrbarthaar des Otters durchscheine; das müsse noch bedeckt werden, dann sei die Sache in Ordnung. Darauf erst gibt Odin den unheilbringenden Ring noch hinzu, und die Götter sind gelöst. Sofort aber beginnt der Fluch zu wirken: die beiden andern Söhne Hreidmars fordern Anteil an der Buße; da er das verweigert, erschlagen ihn seine Söhne und geraten nun untereinander in Zwist. Fafnir verjagt Regin, behält den ganzen Schatz für sich und hütet ihn nun in einer Höhle auf der Gnitaheide[9]. Hier liegt er von nun an in Drachengestalt auf dem Schatze.

Regins Bestreben ist nun, Fafnir zu töten und damit den Schatz zu gewinnen; zu diesem Zwecke will er sich Sigurds bedienen. Sigurd verlangt dazu zunächst ein Schwert. Die Schwerter, die Regin selbst schmiedet, sind ihm alle nicht gut genug; sie versagen bei der Probe. Daraufhin begibt sich Sigurd zu seiner Mutter und erhält von ihr die Stücke des Gottesschwertes, das der Vater geführt hat. Regin schweißt sie wieder zusammen[10]. Dies Schwert besteht jede Probe. Es wird im Rhein erprobt, indem im langsam fließenden Wasser gegen die Schärfe des Schwertes eine Wollflocke entgegentreibt; sie wird glatt durchschnitten. Das Schwert wird für gut erklärt, und nun verlangt Regin die Tötung des Drachens. Sigurd aber denkt zunächst an etwas anderes, was in der nordischen Sagengestalt unvermeidlich ist, aber zweifellos nicht ursprünglich zu unserer Darstellung gehört: er denkt an Vaterrache. Er muß seinen gefallenen Vater Sigmund an Lyngvi rächen. So zieht er denn zunächst mit Heeresmacht, die er natürlich von seinem Stiefvater Alf erhalten hat, gegen Lyngvi und fängt und tötet ihn. Dann erst, nachdem die Vaterrache gelungen ist, macht sich Sigurd an die Tötung Fafnirs. Er kundschaftet seine Höhle aus, gräbt eine Grube, setzt sich hinein und ersticht ihn von unten, während jener über ihn hinwegschreitet. Die nordische Dichtung bringt nunmehr ein langes Zwiegespräch zwischen dem sterbenden Drachen und Sigurd; gerade in solche Momente lange, meist auf die Zukunft hinausdeutende Erzählungen einzulegen, ist im Norden nicht unbeliebt, erscheint uns freilich ungeschickt und unbegreiflich.

Dann stirbt der Drache, Regin begrüßt den Sigurd, bittet ihn, ihm das Herz des Drachens zu braten und legt sich einstweilen zur Ruhe. Sigurd geht an diese kleine Arbeit und versucht nach einiger Zeit, ob das Herz wohl gar ist, indem er es mit den Fingern anfaßt; dabei verbrennt er sich und steckt die Finger rasch in den Mund. Darüber kommt etwas Drachenblut an seine Zunge, und er versteht plötzlich, was die Vögel in den Bäumen über ihm reden. So erfährt er denn von ihnen, daß Regin darauf denkt, wie er Sigurd beseitigen kann, teils um seine Rachegelüste zu befriedigen, — denn er hat gewissermaßen die Verpflichtung, seinen Bruder Fafnir zu rächen, — teils um den Hort für sich zu gewinnen. Daraufhin tötet Sigurd den Regin. Durch die Vögel erfährt er weiter von dem Dasein des Schatzes und wird hingewiesen auf eine Jungfrau, zu der ihn zunächst sein Weg führen soll. Mit dem Schatze beladen zieht er ab und kommt nach einiger Zeit an eine Höhe, die den Namen Hindarfjall (der Hindenberg) führt. Die Erzählung (hier die Prosa des Sammlers der Lieder-Edda) fährt wörtlich fort (Gering S. 210): „Sigurd ritt hinauf nach Hindarfjall, und seine Absicht war es, gen Süden nach dem Frankenlande zu ziehen. Auf dem Berge sah er ein helles Licht, als ob Feuer darauf brannte, und der Schein leuchtete zum Himmel empor. Als er aber näher kam, stand dort eine Schildburg, und über ihr wehte ein Banner. Sigurd ging in die Schildburg und erblickte darin einen Mann, der in voller Rüstung da lag und schlief.“ Es brennt also kein Feuer, sondern die glänzenden Schilde, die zu einer Art von Zaun zusammengestellt sind — das ist die Schildburg —, leuchten in der Sonne, so daß es von weitem aussieht, als brännte ein Feuer. Ein wirkliches Feuer aber ist hier in der Überlieferung nicht gemeint. Es ist das wesentlich für die Auffassung eines bestimmten Zugs unserer Sage. Der schlafende Mann wird von Sigurd erweckt; er schneidet ihm den Panzer auf und erkennt nun, daß er ein Weib vor sich hat. Das Weib erwacht und erzählt ihm ihre Schicksale. Sie heißt Brynhild und war früher eine Walküre des Gottes Odin (also ursprünglich ein dämonisches, kein menschliches Wesen). Als einmal ein Kampf zwischen zwei Königen ausbrach, Hjalmgunnar und Agnar, da stand Odin auf Seite des erstern, des ältern und berühmtern. Niemand aber wollte dem Agnar helfen. Das unternahm nun gegen den Willen des Gottes die Walküre Brynhild. Dafür ist sie von Odin aus der Schar der Walküren ausgestoßen, in Schlaf versenkt und zur Vermählung bestimmt worden. Sie aber hat vorher noch das Gelübde getan, nur dem sich zu vermählen, der das Fürchten nicht kenne. Erweckt, gibt sie zunächst dem Sigurd weise Lehren. Alsdann verloben sie sich miteinander. Sigurd aber nimmt Abschied, ohne daß die Ehe sofort vollzogen wird[11]. Diese Unterlassung wird nicht begründet, wie überhaupt die ganze Erzählung viel Seltsames hat und uns noch seltsamer anmutet, wenn wir unmittelbar hinterher von einer zweiten Begegnung Sigurds mit Brynhild erfahren, die so erzählt wird, als ob die erste gar nicht stattgefunden hätte. Wir stehen allerdings jetzt in der Lücke des Codex regius und können nur die Volsungasaga benutzen, die für uns die Lücke ausfüllt. Nach ihr kommt Sigurd, nachdem er vom Hindenberge weggeritten ist, zu einem Helden, namens Heimir, der in Hlymdalir wohnt. Dieser Heimir hat einen Sohn Alsvinn, mit dem sich Sigurd befreundet. Sie jagen zusammen. Auf einer Jagd gelangt Sigurd im Walde auf einen einsamen Turm. Hier findet er Brynhild, wird mit ihr bekannt, wirbt um sie und wird nicht abgewiesen, obgleich sie Bedenken gegen die Werbung hat, denn sie sagt, sie wäre eine Schildmaid und trüge im Dienste von Königen die Waffen. Sie ist hier also kein übermenschliches, sondern ein rein menschliches Mädchen. Schildmädchen, d. h. Frauen, die sich dem Kriegerberufe gewidmet haben, sind in der nordischen Tradition gar nichts seltenes, sind sogar auch in der altgermanischen Welt überhaupt nichts seltenes gewesen. Man erinnere sich ferner daran, daß schon die Griechen im Norden Europas die Amazonenvölker, also kriegerische Frauen, kennen. — Sigurd und Brynhild schwören einander Eide, und zwar, wie die Volsungasaga ganz naiv sagt, von neuem; die Verlobung wird also zweimal geschlossen. Selbstverständlich haben wir hier zwei parallele Dichtungen, die nebeneinander stehen, die aber der Sagaschreiber einfach hintereinander erzählt. Die eine schließt die andere aus. Welches die altertümlichere ist, kann meines Erachtens nicht zweifelhaft sein: die zweite ist die ältere.

Das menschliche Schildmädchen ist aus den altgermanischen Verhältnissen heraus ohne weiteres verständlich; die zur Strafe unter die Menschen versetzte, ursprünglich rein dämonische Walküre setzt die ganze Entwicklung der speziell nordischen Form des germanischen Götterglaubens notwendig voraus; die Walküren als Botinnen Odins und Gefährtinnen der seligen Helden können nicht ohne diese (die Einherjar) gedacht werden, letztere wieder nicht ohne die nordische Eschatologie, die ihrerseits bestimmt erst unter südeuropäischen (römisch-klassischen und römisch-christlichen) Einflüssen zustande gekommen ist.

Nachdem Sigurd die Brynhild zum zweiten Male und ebenfalls ohne Angabe eines rechten Grundes verlassen hat, zieht er weiter und kommt an den Hof des Königs Gjuki. Gjuki ist die nordische Namensform des deutschen Gibich (mhd. Gibeche, ursprünglich Gibica). König Gjukis Volk wird im Norden entweder nicht oder als „Goten“ benannt, eine Auffassung, die wohl damit zusammenhängt, daß man sich im Norden die eng mit den Goten verbundenen Hunnen in Norddeutschland wohnend dachte und Sigurd zu den Hunnen rechnete. Im allgemeinen wird Gjukis Geschlecht und dann auch sein Volk mit dem Namen der Nibelunge bezeichnet (die nordische Form ist Niflungar). Der Name Nibelunge ist im Norden ziemlich selten. Wo er vorkommt, bezeichnet er stets den König Gjuki und seine Angehörigen. König Gjuki hat eine Gattin Grimhild und mehrere Kinder, vor allen die Söhne Gunnar (deutsch Günther) und Hogni (deutsch Hagen, der also im Norden ein Bruder Günthers ist) und die Tochter Gudrun. Außerdem erscheinen noch gelegentlich andere Kinder Gjukis, darunter ein Sohn Gudorm, der in der nordischen Sage zu besondern Zwecken verwandt wird und nicht auf gleicher Stufe mit seinen Geschwistern steht.

Am Hofe des Königs Gjuki erregt Sigurd großes Aufsehen, so daß man beschließt, ihn an sich zu fesseln. Als treibend tritt hierbei Grimhild, die Gattin Gjukis, auf (nicht zu verwechseln mit unserer deutschen Kriemhilt die vielmehr der nordischen Gudrun entspricht). Sie gibt dem Sigurd einen Vergessenheitstrank, worauf er nicht mehr an Brynhild denkt, und rät dann ihrem Manne, dem Sigurd die Tochter Gudrun zum Weibe anzubieten. Gjuki antwortet darauf, es sei nicht üblich, daß man seine Tochter jemandem zum Weibe anbiete, aber doch noch ruhmvoller, sie Sigurd anzubieten, als wenn ein anderer käme, um sie zu werben. Also die Wertschätzung Sigurds ist sehr groß. Sigurd vermählt sich darauf mit Gudrun und wird in die Familie aufgenommen durch die Formel des Blutsbundes. Gunnar, Hogni und Sigurd fügen sich eine leichte Wunde zu, lassen das Blut in ihre gemeinsame Fußspur rinnen, vermischen es auf diese Weise und gelten nunmehr als Blutsverwandte, als wirkliche Brüder. Ein solcher Blutsbund ist heilig und hat alle rechtlichen Folgen echter Verwandtschaft.

Nach einiger Zeit beschließt Gunnar, Gjukis Sohn und Sigurds Schwager, sich um Brynhild zu bewerben. Zu dieser Werbung ziehen aus Gunnar, Hogni und Sigurd. Sie holen sich zunächst an den zuständigen Stellen die Einwilligung, erst bei König Atli, dem Bruder der Brynhild, dann bei ihrem Pflegevater Heimir, bei dem Sigurd sie kennen gelernt hatte, und begeben sich dann zu ihr. Sie sitzt jetzt in einem Schlosse, das von wogendem Feuer umgeben ist. Gunnar versucht hindurchzureiten; sein Roß scheut zurück. Er bittet daraufhin zunächst Sigurd um sein Pferd Grani und erhält es; aber unter Gunnar geht auch Grani nicht durchs Feuer. So tauscht denn schließlich Sigurd mit Gunnar die Gestalt (wieder ein solcher Gestaltentausch, der ohne Schwierigkeit gelingt) und reitet auf Grani in Gunnars Gestalt durch die Flammen. Drinnen sitzt Brynhild und ist gewärtig (was eigentlich nicht erklärt wird), daß nur Sigurd es wagen werde, durch die Flammen zu reiten. Sie sieht aber, daß ein anderer kommt, der sich Gunnar nennt, und da er durch die Flammen geritten ist, also die erforderliche Bedingung erfüllt hat, so ergibt sie sich ruhig in ihr Schicksal. Sigurd in Gunnars Gestalt bleibt drei Nächte lang bei ihr, ohne sie jedoch zu berühren; vielmehr trennt ein blankes Schwert ihrer beider Lager. Dann folgt Brynhild dem Gunnar als Ehefrau, und eine Zeitlang leben die beiden jungen Paare neben Hogni und den übrigen Familienmitgliedern zusammen in allem Frieden an demselben Hofe.

Da erhebt sich ein Streit zwischen den beiden Königinnen Brynhild und Gudrun, und zwar um den Rang. Es sind außerordentlich einfache Verhältnisse, die hier geschildert werden: obgleich königliche Frauen, gehen sie doch in ganz volkstümlicher Weise zusammen im Flusse baden. Während des Badens ändert plötzlich Brynhild ihren Platz, indem sie ihre bisherige Stellung unterhalb der Gudrun mit einer oberhalb derselben vertauscht. Gudrun fällt das auf; sie fragt, warum sie das täte, worauf Brynhild erwidert, sie möge nicht mit dem Wasser baden, das von der Gudrun abgelaufen ist, weil sie (Brynhild) die vornehmere sei. Gudrun sei die Gattin eines Knechtes[12], während Gunnar den Ritt durch die Flammen vollbracht habe. Gudrun, über diese Vorwürfe sehr erzürnt, enthüllt das Geheimnis: nicht Gunnar, sondern Sigurd ist durch die Flammen geritten; der Mann, der dabei den Ring Andvaranaut gegeben hat (oder genommen — das ist nach den Darstellungen verschieden), kann nur Sigurd gewesen sein. Brynhild ist über diese Enthüllung sehr unglücklich, geht nach Hause und brütet Rache.

Die Rolle, die der Ring als Beweisstück in dem Zanke der Königinnen spielt, ist je nach der Einzelquelle verschieden gefaßt, doch bleibt es sich tatsächlich gleich, ob im Augenblicke des Zankes Brynhild den Ring trägt, und Gudrun ihr sagt, „dieser Ring stammt doch aus Fafnirs Schatze, den kann dir nur Sigurd gegeben haben“, oder ob Gudrun den Ring trägt und sagt „den Ring, den ich hier habe, den hat Sigurd dir damals abgenommen“. Die Wirkung bleibt die gleiche.

Die Tatsache des dreitägigen, wenn auch keuschen Beilagers von Sigurd und Brynhild wird natürlich in dem Königinnenstreite verdreht und dazu benutzt, die Katastrophe herbeizuführen: Gudrun wirft der Brynhild vor, daß nicht Gunnar, sondern Sigurd ihr erster Mann gewesen sei. Über die Wirkung dieser Behauptung im einzelnen sind die nordischen Quellen nicht recht einig, vermutlich, weil wieder mehrere Parallelerzählungen, die sich gelegentlich widersprechen, nicht voll miteinander ausgeglichen sind. Das Ursprüngliche scheint zu sein, daß Brynhild die falsche Behauptung aufnimmt und bewußt verlogen zugibt, daß Sigurd dem Gunnar in jenen kritischen Nächten die Treue nicht gewahrt habe. Dadurch gewinnt sie letztern für die Rache, die Ermordung Sigurds. Freilich sind Gunnar sowohl wie Hogni vermöge des Blutbundes nicht in der Lage, die Rache persönlich auszuführen. Zu diesem Zwecke taucht nun jener dritte Sohn Gjukis, Gudorm, auf. Er wird als geeignetes Werkzeug zur Rache verwendet. Die Art, wie Sigurd von Gudorm getötet wird, wird wieder in der verschiedensten Weise erzählt. Die nordischen Texte kennen drei Darstellungen von Sigurds Tode: nach der einen (sie scheint im Norden die altertümlichste zu sein) wird er ermordet während des Rittes zur Volksversammlung; nach der zweiten, ausdrücklich als deutsch bezeichneten Darstellung wird er im Walde auf der Jagd ermordet, und nach der dritten Darstellung, die im kurzen Sigurdsliede vorliegt und von der Volsungasaga aufgenommen ist, wird er nachts im Bette schlafend ermordet, an der Seite seiner Gattin. Diese Darstellungen gehen zum Teil auf verschiedene Grundlagen zurück, zum Teil sind sie willkürliche Änderungen derselben.

Nach Sigurds Ermordung gibt Brynhild zu, daß er stets die Treue gehalten hat und unschuldig ermordet worden ist; sie läßt sich mit ihm auf demselben Scheiterhaufen verbrennen. Gudrun aber nimmt nach einiger Zeit von ihren Angehörigen die Mordbuße für den erschlagenen Gatten an, und es führt im Grunde von diesem Teile der Erzählung zu dem folgenden keine innere Brücke. Dieser ist mit dem bisher betrachteten lediglich dadurch verbunden, daß dieselben Personen auftreten, nicht aber dadurch, daß die Handlung des zweiten Teiles mit der des ersten innerlich in Zusammenhang steht. Einen schwachen Versuch hat der Norden gemacht, einen Zusammenhang herzustellen, indem er Brynhild zu einer Schwester des Königs Atli, des demnächst auftretenden zweiten Gatten Gudruns, gemacht und diesem damit die Pflicht auferlegt hat, diese Schwester zu rächen.

Nachdem Gudrun eine Zeitlang bei ihren Verwandten gelebt hat, kommt der neue Werber, König Atli[13], und Gudrun reicht ihm ihre Hand. Nachdem sie eine Zeitlang verheiratet sind, beschließt Atli, ohne daß Gudrun dazu irgend etwas tut, die Niflunge zu vernichten, um einerseits — das ist die nordische Zugabe — seine Schwester Brynhild zu rächen und andererseits — das ist die eigentliche Hauptsache — den großen Hort zu gewinnen, der nach Sigurds Ermordung natürlich in den Besitz der Niflunge übergegangen ist. Er ladet die Niflunge freundlich, aber verräterisch zu sich ein. Gudrun versucht sie zu warnen, aber ohne Erfolg. Gunnar und Hogni kommen mit mäßigem Gefolge an den Hof des Atli. Den Hort haben sie, wie sich aus der folgenden Darstellung ergibt, vorher versteckt: sie haben ihn in den Rhein versenkt. Auch hier tritt der deutsche Strom, der Rhein, auf und zeigt, wo die Sage zunächst heimisch war.

In Atlis Lande angekommen, werden Gunnar und Hogni von den Feinden überwältigt und gefangen. Atli richtet an Gunnar die Frage, ob er sein Leben durch Auslieferung des Hortes lösen wolle. Er erklärt, erst müsse er Hognis Herz als Beweis von dessen Tode sehen. Daraufhin wird Hogni getötet und sein Herz dem Gunnar gebracht; nun ruft dieser aus, daß der reißende Rhein viel besser geeignet sei, den Schatz zu hüten, als Atli und seine Leute. Gunnar wird in die Schlangengrube geworfen, erwehrt sich aber der Schlangen noch eine Zeitlang durch ein seltsames Mittel: da ihm die Hände gefesselt sind, schlägt er mit den Füßen eine Harfe, die ihm seine Schwester Gudrun noch zugereicht hat, und schläfert dadurch alle Schlangen ein bis auf eine, die ihn schließlich ins Herz sticht.

Damit sind die Niflunge vom Schauplatz abgetreten, und der Gudrun, ihrer Schwester, als der letzten des Geschlechtes, fällt die Pflicht der Rache zu; sie rächt ihre Brüder an ihrem Gatten. Immer geht in der nordischen Anschauung die Blutsverwandtschaft der Ehegemeinschaft vor, ein besonders altertümlicher Zug, der dieser Gestalt anhaftet. Die Rache setzt Gudrun ins Werk, indem sie ihre beiden, dem Atli geborenen Söhne schlachtet und ihm beim Festmahle vorsetzt; nachdem er vom Fleische seiner Söhne gegessen und ihre Hirnschalen als Becher benutzt hat, enthüllt sie ihm, was sie getan, und tötet ihn selbst.

Der zweite Teil der Sage hat damit sein Ende erreicht; von den handelnden Personen ist Gudrun allein übrig. Ein innerer Zusammenhang zwischen diesem zweiten Teile und dem ersten besteht, wie gesagt, nicht, denn der zweite Teil kann an sich allein vollkommen verstanden werden. Er ist keine innere Folge des ersten. In der nordischen Überlieferung kommt aber noch ein dritter Teil hinzu, dessen Anknüpfung uns höchst seltsam anmuten muß: Gudrun versucht, sich das Leben zu nehmen, indem sie sich ins Meer stürzt; allein die Wogen tragen sie und bringen sie an einen fremden Strand, wo sie aufgenommen wird und sich zum dritten Male vermählt. Der König des Landes, Jonakr (ein Name, der uns sonst nicht weiter bekannt ist), nimmt sie zur Gattin, und sie hat bei ihm noch zwei oder drei Söhne (darin ist die Überlieferung nicht ganz klar). Diese heißen Hamdir, Sorli und Erp; nach der einen Tradition sind sie alle drei die Söhne Gudruns, nach der andern ist Erp ein Sohn Jonakrs von einer andern Mutter. Außerdem wird am Hofe Jonakrs die nachgelassene Tochter des Sigurd und der Gudrun erzogen. Wie sie dahin gekommen ist, wird gar nicht erklärt. Sie führt den Namen Svanhild[14].

Um sie wirbt ein schon bejahrter, aber mächtiger und gewaltiger König, Jormunrek, wie er im Norden heißt. Er ist der historische Gotenkönig des 4. Jahrhunderts Ermanarich. Er sendet seinen Ratgeber Bikki und den bereits erwachsenen Sohn erster Ehe Randver die junge Braut einholen. Svanhild wird ihnen übergeben. Unterwegs fängt Bikki an, seine Ränke zu spinnen; er raunt dem jungen Paare, der Stiefmutter und dem Stiefsohne, zu, daß sie zueinander viel besser paßten, als der alte König zu der jungen Svanhild, und versucht auf diese Weise ein Verhältnis zwischen den beiden herbeizuführen, aber ohne Erfolg. Als die Braut am Hofe Jormunreks eingetroffen ist, berichtet Bikki dem Könige das Verhältnis als Tatsache, und dieser rächt sich, indem er seinen Sohn erhängen und Svanhild von wilden Pferden zertreten läßt.

So erwächst der Gudrun wiederum die Pflicht der Rache für ihre nächste Verwandtschaft. Sie reizt ihre Söhne dritter Ehe auf, die Rache zu vollziehen; diese lassen sich auch dazu bereit finden und machen sich auf den Weg. Unterwegs geraten sie miteinander in Streit, und Erp wird von den beiden andern erschlagen. Als sie dann am Hofe Jormunreks erscheinen, greifen sie den König an und verwunden ihn, indem der eine ihm die Hände, der andere die Füße abschlägt. Dem Erp aber war nach der etwas merkwürdigen Auffassung dieser Dichtung zugedacht, das Haupt des Königs abzuschlagen; da Erp nun fehlt, wird Jormunrek also nur verwundet, aber nicht getötet. Er hat noch die nötigen Kräfte, sich zu rächen, indem er seine Mannen aufruft: „Tötet die Fremden mit Steinwürfen.“ So fallen Hamdir und Sorli durch die Goten; damit hat die nordische Form der Nibelungensage ihr letztes Ende erreicht.

Gudrun, die Hauptfigur, die durch alle drei Teile der eigentlichen Nibelungensage, ungerechnet die Vorgeschichte, hindurchgeht, ist noch am Leben. Wo sie hingekommen, was aus ihr geworden, wird nicht erzählt; nur das Gedicht von „Gudruns Aufreizung“ deutet an, daß sie schließlich (wie Signy) freiwillig den Flammentod suchen wird.

Die nordische Form der Nibelungensage hat noch eine Erweiterung erfahren durch die Geschichte der Aslaug, der bei Heimir aufwachsenden Tochter Sigurds und der Brynhild; die Annahme, daß dies Paar eine Tochter gezeugt habe, ist zwar dem Geiste der alten Sage zweifellos zuwider, doch nicht so sehr, wie es uns auf den ersten Blick scheint: Aslaug ist eine Frucht der frühern Bekanntschaft ihrer Eltern, hat also nichts zu tun mit der Pflicht der Treue, die Sigurd dem Gunnar bei Gewinnung der Brynhild schuldig ist. Heimir befürchtet für Aslaug nach dem Tode ihrer Eltern Nachstellungen und entflieht mit dem Kinde in Verkleidung; unterwegs wird er von einem Bauernehepaare, bei dem er eingekehrt ist, ermordet, und Aslaug wächst nun in niedriger Umgebung auf. Als Jungfrau erregt sie die Liebe des Königs Ragnar Lodbrok, der auf einer seiner Wikingsfahrten in die Gegend, wo sie lebt, gelangt ist, wird seine Gemahlin und gebiert ihm eine stattliche Reihe Söhne, unter ihnen den Sigurd ormr í auga (Schlange im Auge), der zum Beweise seiner Herkunft vom Drachentöter das Bild des Fafnir auf der Hornhaut seines Auges trägt; seine Tochter heißt wiederum Aslaug und ist die Urgroßmutter des Harald Harfagri, ersten Alleinherrschers in Norwegen (gestorben um 930). Die ganze Erzählung zielt, wie vorhin schon bemerkt wurde, darauf ab, die norwegischen Könige als Nachkommen der Volsunge zu erweisen; der Name Aslaug ist offenbar von der gleichnamigen jüngern (die historisch zu sein scheint) auf Brynhilds Tochter übertragen.

Schon aus der einfachen Erzählung der nordischen Sagenform dürfte sich ergeben haben, wie wenig klar die ganze Darstellung ist. Wir dürfen diese Unklarheit aber nicht etwa einem einzelnen Manne, einem Dichter der ganzen Sage, in die Schuhe schieben, sondern wir müssen uns gegenwärtig halten, daß wir hier keine geschlossene Überlieferung vor uns haben, sondern uns lediglich eine Reihe von Einzelgedichten überliefert ist, von denen jedes für sich seine besondere Selbständigkeit hat und seine eigene Würdigung erfordert. Die einzelnen Dichter in sich sind in der Regel geschickt und geschlossen; aber der eine hat die Erzählung so, der andere so aufgefaßt und durchgeführt.

Eine älteste Gestalt der Sage aus diesen ziemlich stark auseinanderklaffenden Stücken herauszufinden, würde wohl kaum möglich sein, wenn wir nicht neben der nordischen Überlieferung noch die ganz selbständige deutsche Überlieferung hätten, die sich von der nordischen getrennt hat im 9. Jahrhundert, als die Wikinger den deutschen Stoff vom untern Rheine nach dem Norden verpflanzten.

III.
Form, Inhalt und Kritik der deutschen Überlieferung.