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Am nächsten Tag, ich war schon früh am Strand

Und kam grad heim, um nun zu ihr zu eilen –

Empfing ein Brieflein mich von ihrer Hand.

In raschen, heissen, lieberfüllten Zeilen

Bat sie, ich möchte sie nicht falsch verstehn,

Wenn sie den Tag mit mir nicht wolle teilen.

Doch könne sie mich leider heut nicht sehn,

Vormittag wenigstens: liebt' ich sie noch,

Sollt' ich allein recht weit spazieren gehn.

Wie ungern ich ihr folgte, tat ich's doch

Und ging hinaus. Doch war mir bang zumute

Und mein Gehorsam schien mir schweres Joch.

Auch trug ich's lange nicht. Mit heissem Blute

Stürmt' ich zurück und hielt nicht eher ein,

Als bis mein Fuss auf ihrer Schwelle ruhte.

Im Hause war's ganz stille. Sonnenschein

Fiel durch die Tür, die leise angelehnt;

Es schien dahinter alles leer zu sein.

Doch klopft' ich sacht: ganz leise und gedehnt

Klang's da: herein. Ich öffnete mit Zagen.

Da stand sie selber, die ich heiss ersehnt.

Um sie herum im Zimmer aber lagen

Auf Tisch und Stühlen Kleider, Bücher, Schuhe

Und was sie sonst zusammen noch getragen.

Und mittendrin vor einer Koffertruhe,

Die halbgefüllt von ihrer Arbeit sprach,

Stand sie und sah mich an in starrer Ruhe.

›Was hast du vor? was willst du?‹ also brach

Das Schweigen ich; mein eigner Laut erschien

Mir matt und klanglos vor des Herzens Schlag.

Und sie darauf: »Du siehst – ich wollte fliehn.«

›Vor wem?‹ »Vor dir – und mir! Ach wär's gelungen,

Zum Besten wär uns allen es gediehn.«

›Und ohne Wort –!‹ »Ich habe schwer gerungen;

Ich hab gekämpft, wie einer kämpfen kann …«

›Und jetzt? Und nun?‹ »Nun ward ich doch bezwungen.«

›Du bleibst? gehst nicht?‹ – Sie aber sah mich an,

Als ob nun nichts ihr mehr zu sagen bliebe:

»Kann ich denn gehn, du böser lieber Mann,

Wenn du mich hältst, den namenlos ich liebe?«