2.

Der ihn befeuchtet, rosig hängt ein Tropfen Tau

Im Rosmarin: hinfließt ein Hauch von Grabgerüchen,

Spitälern, wirr erfüllt von Fieberschrein und Flüchen.

Gebein steigt aus dem Erbbegräbnis morsch und grau.

In blauem Schleim und Schleiern tanzt des Greisen Frau,

Das schmutzstarrende Haar erfüllt von schwarzen Tränen,

Die Knaben träumen wirr in dürren Weidensträhnen

Und ihre Stirnen sind von Aussatz kahl und rauh.

Durchs Bogenfenster sinkt ein Abend lind und lau.

Ein Heiliger tritt aus seinen schwarzen Wundenmalen.

Die Purpurschnecken kriechen aus zerbrochenen Schalen

Und speien Blut in Dorngewinde starr und grau.

3.

Die Blinden streuen in eiternde Wunden Weiherauch.

Rotgoldene Gewänder; Fackeln; Psalmensingen;

Und Mädchen, die wie Gift den Leib des Herrn umschlingen.

Gestalten schreiten wächsernstarr durch Glut und Rauch.

Aussätziger mitternächtigen Tanz führt an ein Gauch

Dürrknöchern. Garten wunderlicher Abenteuer;

Verzerrtes; Blumenfratzen, Lachen; Ungeheuer

Und rollendes Gestirn im schwarzen Dornenstrauch.

O Armut, Bettelsuppe, Brot und süßer Lauch;

Des Lebens Träumerei in Hütten vor den Wäldern.

Grau härtet sich der Himmel über gelben Feldern

Und eine Abendglocke singt nach altem Brauch.

NACHTLIED

Des Unbewegten Odem. Ein Tiergesicht

Erstarrt vor Bläue, ihrer Heiligkeit.

Gewaltig ist das Schweigen im Stein;

Die Maske eines nächtlichen Vogels. Sanfter Dreiklang

Verklingt in einem. Elai! dein Antlitz

Beugt sich sprachlos über bläuliche Wasser.

O! ihr stillen Spiegel der Wahrheit.

An des Einsamen elfenbeinerner Schläfe

Erscheint der Abglanz gefallener Engel.

HELIAN

In den einsamen Stunden des Geistes

Ist es schön, in der Sonne zu gehn

An den gelben Mauern des Sommers hin.

Leise klingen die Schritte im Gras; doch immer schläft

Der Sohn des Pan im grauen Marmor.

Abends auf der Terrasse betranken wir uns mit braunem Wein.

Rötlich glüht der Pfirsich im Laub;

Sanfte Sonate, frohes Lachen.

Schön ist die Stille der Nacht.

Auf dunklem Plan

Begegnen wir uns mit Hirten und weißen Sternen.

Wenn es Herbst geworden ist

Zeigt sich nüchterne Klarheit im Hain.

Besänftigte wandeln wir an roten Mauern hin

Und die runden Augen folgen dem Flug der Vögel.

Am Abend sinkt das weiße Wasser in Graburnen.

In kahlen Gezweigen feiert der Himmel.

In reinen Händen trägt der Landmann Brot und Wein

Und friedlich reifen die Früchte in sonniger Kammer.

O wie ernst ist das Antlitz der teueren Toten.

Doch die Seele erfreut gerechtes Anschaun.

Gewaltig ist das Schweigen des verwüsteten Gartens

Da der junge Novize die Stirne mit braunem Laub bekränzt,

Sein Odem eisiges Gold trinkt.

Die Hände rühren das Alter bläulicher Wasser

Oder in kalter Nacht die weißen Wangen der Schwestern.

Leise und harmonisch ist ein Gang an freundlichen Zimmern hin,

Wo Einsamkeit ist und das Rauschen des Ahorns,

Wo vielleicht noch die Drossel singt.

Schön ist der Mensch und erscheinend im Dunkel,

Wenn er staunend Arme und Beine bewegt,

Und in purpurnen Höhlen stille die Augen rollen.

Zur Vesper verliert sich der Fremdling in schwarzer Novemberzerstörung,

Unter morschem Geäst, an Mauern voll Aussatz hin,

Wo vordem der heilige Bruder gegangen,

Versunken in das sanfte Saitenspiel seines Wahnsinns,

O wie einsam endet der Abendwind.

Ersterbend neigt sich das Haupt im Dunkel des Ölbaums.

Erschütternd ist der Untergang des Geschlechts.

In dieser Stunde füllen sich die Augen des Schauenden

Mit dem Gold seiner Sterne.

Am Abend versinkt ein Glockenspiel, das nicht mehr tönt

Verfallen die schwarzen Mauern am Platz,

Ruft der tote Soldat zum Gebet.

Ein bleicher Engel

Tritt der Sohn ins leere Haus seiner Väter.

Die Schwestern sind ferne zu weißen Greisen gegangen

Nachts fand sie der Schläfer unter den Säulen im Hausflur,

Zurückgekehrt von traurigen Pilgerschaften.

O wie starrt von Kot und Würmern ihr Haar,

Da er darein mit silbernen Füßen steht,

Und jene verstorben aus kahlen Zimmern treten.

O ihr Psalmen in feurigen Mitternachtsregen,

Da die Knechte mit Nesseln die sanften Augen schlugen,

Die kindlichen Früchte des Holunders

Sich staunend neigen über ein leeres Grab.

Leise rollen vergilbte Monde

Über die Fieberlinnen des Jünglings,

Eh dem Schweigen des Winters folgt.

Ein erhabenes Schicksal sinnt den Kidron hinab,

Wo die Zeder, ein weiches Geschöpf,

Sich unter den blauen Brauen des Vaters entfaltet,

Über die Weide nachts ein Schäfer seine Herde führt.

Oder es sind Schreie im Schlaf,

Wenn ein eherner Engel im Hain den Menschen antritt,

Das Fleisch des Heiligen auf glühendem Rost hinschmilzt.

Um die Lehmhütten rankt purpurner Wein,

Tönende Bündel vergilbten Korns,

Das Summen der Bienen, der Flug des Kranichs.

Am Abend begegnen sich Auferstandene auf Felsenpfaden.

In schwarzen Wassern spiegeln sich Aussätzige;

Oder sie öffnen die kotbefleckten Gewänder

Weinend dem balsamischen Wind, der vom rosigen Hügel weht.

Schlanke Mägde tasten durch die Gassen der Nacht,

Ob sie den liebenden Hirten fänden.

Sonnabends tönt in den Hütten sanfter Gesang.

Lasset das Lied auch des Knaben gedenken,

Seines Wahnsinns, und weißer Brauen und seines Hingangs

Des Verwesten, der bläulich die Augen aufschlägt.

O wie traurig ist dieses Wiedersehn.

Die Stufen des Wahnsinns in schwarzen Zimmern,

Die Schatten der Alten unter der offenen Tür,

Da Helians Seele sich im rosigen Spiegel beschaut

Und Schnee und Aussatz von seiner Stirne sinken.

An den Wänden sind die Sterne erloschen

Und die weißen Gestalten des Lichts.

Dem Teppich entsteigt Gebein der Gräber,

Das Schweigen verfallener Kreuze am Hügel,

Des Weihrauchs Süße im purpurnen Nachtwind.

O ihr zerbrochenen Augen in schwarzen Mündern,

Da der Enkel in sanfter Umnachtung

Einsam dem dunkleren Ende nachsinnt,

Der stille Gott die blauen Lider über ihn senkt.

Dies Buch wurde
gedruckt im Mai 1913 als siebenter und achter
Band der Bücherei „Der jüngste Tag“ bei
Poeschel & Trepte in Leipzig

IN DER BÜCHEREI

DER
JÜNGSTE TAG

NEUE DICHTUNGEN

erschienen bisher:

FRANZ WERFEL: Die Versuchung • Ein Gespräch

WALTER HASENCLEVER: Das unendliche Gespräch • Eine nächtliche Szene

FRANZ KAFKA: Der Heizer • Eine Erzählung

FERDINAND HARDEKOPF: Der Abend • Ein Dialog

EMMY HENNINGS: Die letzte Freude • Gedichte

CARL EHRENSTEIN: Klagen eines Knaben • Skizzen

Der Ausstattung wurde größte Sorgfalt gewidmet. — Die Bücher kosten geheftet je 80 Pfennige, gebunden je M 1.50 und sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen.

KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG


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Frankfurter Zeitung: Welch ein Anschauen, welche Leidenschaft bildlicher Gestaltung! Ewige Helligkeit, unbarmherziges Licht breitet er über jede Erscheinung der Wirklichkeit u. der Träume, über Leben u. Sterben, Schrecken und Beruhigung. Georg Heym war ein Dichter. Es gibt in der deutschen Lyrik keinen, dem er irgendwie geglichen hätte.

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Dr. Rudolf Fürst in der Vossischen Zeitung: Bei all dem ganz Besonderen, dem schier Unerhörten, das er in den feinsten Gefühl- und Vorstellungsnüancen ausdrücken will, zeigt der rasch Gereifte eine ungewöhnliche Beherrschtheit der Ausdrucksmittel. Wir haben viel in Georg Heym, dem Fünfundzwanzigjährigen, verloren. Artifex periit.

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Vorzugsausgabe 15 numerierte, vom Autor signierte Exemplare auf schwerem Japanbütten in Ganzlederbd. M 35.—

Frankfurter Zeitung: . . . ein ganz großer Dichter, mit allem Ernste sei das gesagt.

Neue Rundschau: . . . Whitmans kosmische Liebe und Goethes unersättliche Lust zu fühlen hat sich Werfel durch das Recht der Wiedergeburt zu eigen gemacht.

KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG