NÄHE DES TODES

O der Abend, der in die finsteren Dörfer der Kindheit geht.

Der Weiher unter den Weiden

Füllt sich mit den verpesteten Seufzern der Schwermut.

O der Wald, der leise die braunen Augen senkt,

Da aus des Einsamen knöchernen Händen

Der Purpur seiner verzückten Tage hinsinkt.

O die Nähe des Todes. Laß uns beten.

In dieser Nacht lösen auf lauen Kissen

Vergilbt von Weihrauch sich der Liebenden schmächtige Glieder.

AMEN

Verwestes gleitend durch die morsche Stube;

Schatten an gelben Tapeten; in dunklen Spiegeln wölbt

Sich unserer Hände elfenbeinerne Traurigkeit.

Braune Perlen rinnen durch die erstorbenen Finger.

In der Stille

Tun sich eines Engels blaue Mohnaugen auf.

Blau ist auch der Abend;

Die Stunde unseres Absterbens, Azraels Schatten,

Der ein braunes Gärtchen verdunkelt.

VERFALL

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,

Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,

Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,

Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten

Träum ich nach ihren helleren Geschicken

Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.

So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.

Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.

Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen

Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,

Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

IN DER HEIMAT

Resedenduft durchs kranke Fenster irrt;

Ein alter Platz, Kastanien schwarz und wüst.

Das Dach durchbricht ein goldener Strahl und fließt

Auf die Geschwister traumhaft und verwirrt.

Im Spülicht treibt Verfallnes, leise girrt

Der Föhn im braunen Gärtchen; sehr still genießt

Ihr Gold die Sonnenblume und zerfließt.

Durch blaue Luft der Ruf der Wache klirrt.

Resedenduft. Die Mauern dämmern kahl.

Der Schwester Schlaf ist schwer. Der Nachtwind wühlt

In ihrem Haar, das mondner Glanz umspült.

Der Katze Schatten gleitet blau und schmal

Vom morschen Dach, das nahes Unheil säumt,

Die Kerzenflamme, die sich purpurn bäumt.

EIN HERBSTABEND

An Karl Röck

Das braune Dorf. Ein Dunkles zeigt im Schreiten

Sich oft an Mauern, die im Herbste stehn,

Gestalten: Mann wie Weib, Verstorbene gehn

In kühlen Stuben jener Bett bereiten.

Hier spielen Knaben. Schwere Schatten breiten

Sich über braune Jauche. Mägde gehn

Durch feuchte Bläue und bisweilen sehn

Aus Augen sie, erfüllt von Nachtgeläuten.

Für Einsames ist eine Schenke da;

Das säumt geduldig unter dunklen Bogen,

Von goldenem Tabaksgewölk umzogen.

Doch immer ist das Eigne schwarz und nah.

Der Trunkne sinnt im Schatten alter Bogen

Den wilden Vögeln nach, die ferngezogen.

MENSCHLICHES ELEND

Die Uhr, die vor der Sonne fünfe schlägt —

Einsame Menschen packt ein dunkles Grausen,

Im Abendgarten kahle Bäume sausen.

Des Toten Antlitz sich am Fenster regt.

Vielleicht, daß diese Stunde stille steht.

Vor trüben Augen blaue Bilder gaukeln

Im Takt der Schiffe, die am Flusse schaukeln.

Am Kai ein Schwesternzug vorüberweht.

Im Hasel spielen Mädchen blaß und blind,

Wie Liebende, die sich im Schlaf umschlingen.

Vielleicht, daß um ein Aas dort Fliegen singen,

Vielleicht auch weint im Mutterschoß ein Kind.

Aus Händen sinken Astern blau und rot,

Des Jünglings Mund entgleitet fremd und weise;

Und Lider flattern angstverwirrt und leise;

Durch Fieberschwärze weht ein Duft von Brot.

Es scheint, man hört auch gräßliches Geschrei;

Gebeine durch verfallne Mauern schimmern.

Ein böses Herz lacht laut in schönen Zimmern;

An einem Träumer läuft ein Hund vorbei.

Ein leerer Sarg im Dunkel sich verliert.

Dem Mörder will ein Raum sich bleich erhellen,

Indes Laternen nachts im Sturm zerschellen.

Des Edlen weiße Schläfe Lorbeer ziert.

IM DORF