I.
ZUM zweitenmal verloren! Alles ist zu Ende, alles ist vorbei! Jetzt bin ich es, der sterben, ohne Hoffnung sterben muß! — Was ist denn der Tod? — Wenn er das Nichts wäre! — Wollte es Gott! Aber Gott selbst kann es nicht machen, daß der Tod das Nichts sei.
Warum ist es denn seit so langer Zeit das erstemal, daß ich an »ihn« denke? Das unglückliche System, das in meinem Geist entstanden war, ließ dieses einsame Königtum nicht zu . . . . oder vielmehr es verlor sich in die Fülle der Wesen; das war der Gott des Lucretius, machtlos und in seine Unendlichkeit verloren.
Sie indessen glaubte an Gott und ich habe eines Tages den Namen Jesus auf ihren Lippen gefunden. Er floß so sanft dahin, daß ich darüber geweint habe. O mein Gott, diese Träne, diese Träne . . . . sie ist schon lange getrocknet! Diese Träne, o mein Gott, gib sie mir wieder!
Wenn die Seele unsicher zwischen Traum und Leben schwebt, zwischen Geistesverwirrung und der Rückkehr zur kalten Überlegung, so muß man seine Hilfe im religiösen Gedanken suchen, — niemals habe ich Trost finden können in dieser Philosophie, die nur Lebensregeln des Egoismus oder bestenfalls der Gegenseitigkeit, eitle Erfahrung, bittere Zweifel bietet; — sie bekämpft die moralischen Schmerzen, indem sie die Empfindlichkeit vernichtet; wie die Chirurgie kann sie nur das schmerzende Organ wegschneiden. Aber für uns, die wir in den Tagen der Umwälzungen und der Gewitter geboren sind, wo alle Bekenntnisse zerbrochen sind; — die wir bestenfalls in diesem unbestimmten Glauben erzogen sind, der sich mit einigen äußerlichen Übungen begnügt und die gleichgültige Zugehörigkeit zudem vielleicht schuldiger ist als die Gottlosigkeit und die Ketzerei; für uns ist es sehr schwierig, sobald wie wir das Bedürfnis dazu fühlen das mystische Gebäude wieder aufzubauen, dessen wohl vorgezeichnete Form die Unschuldigen und die Einfältigen in ihren Herzen anerkennen.
»Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens.« Können wir indessen aus unserm Geist verbannen, was so viele intelligente Generationen Gutes oder Unheilvolles hineingegossen haben? Die Unwissenheit ist nicht erlernbar. Ich habe bessere Hoffnung auf Gottes Güte: vielleicht rühren wir schon an die prophezeite Epoche, wo die Wissenschaft, nachdem sie ihren ganzen Kreislauf von Synthese und Analyse, von Glaube und Verneinung erfüllt hat, sich
selbst läutern kann und aus der Unordnung und den Trümmern die wunderbare Stadt der Zukunft hervorsteigen wird . . . Man darf die menschliche Vernunft nicht so billig einschätzen um zu glauben, daß sie etwas gewinnt, indem sie sich ganz erniedrigte, denn das hieße ihren himmlischen Ursprung anklagen . . . Gott wird ohne Zweifel die Reinheit der Absicht würdigen; und wo ist der Vater, der Wohlgefallen daran fände zu sehen, wie sein Sohn vor ihm alle Urteilskraft und allen Stolz aufgibt? Der Apostel, der selbst fühlen wollte um zu glauben, ist um des willen nicht verdammt worden.
Was habe ich da geschrieben? Das sind Gotteslästerungen. Die christliche Demut kann so nicht sprechen. Solche Gedanken sind weit davon entfernt die Seele zu rühren. Sie tragen auf der Stirn die Hochmutsblitze der Krone Satans . . . Ein Vertrag mit Gott selbst? . . . O Wissenschaft! O Eitelkeit!
Ich hatte einige Bücher der Kabbala gesammelt. Ich vertiefte mich in dieses Studium und gelangte dahin mich zu überzeugen, daß alles wahr sei, was der menschliche Geist während Jahrhunderten darüber angehäuft hatte. Die Überzeugung, die ich mir vom Sein geformt hatte, stimmte zu gut mit meiner Lektüre überein, als daß ich fürder noch an den Offenbarungen der Vergangenheit hätte zweifeln können. Die Dogmen und die Riten der verschiedenen Religionen schienen mir sich darauf zu beziehen in der Weise, daß jede einen gewissen Teil jener Geheimnisse besaß, die ihre Mittel
zur Ausdehnung und zur Verteidigung ausmachten. Diese Kräfte konnten sich abschwächen, sich verringern und verschwinden, was die Eroberung gewisser Rassen über andere mit sich brachte, die alle nur durch den »Geist« siegreich sein oder erobert werden konnten.
»Immerhin«, sagte ich mir, »ist es sicher, daß diese Erkenntnisse mit menschlichen Irrtümern vermischt sind. Das magische Alphabet, der rätselhafte Hieroglyph überkommen uns nur unvollständig und gefälscht, sei es durch die Zeit, sei es durch diejenigen selbst, die ein Interesse haben an unserer Unwissenheit. Laßt uns den verlorenen Buchstaben, das ausgelöschte Zeichen wiederfinden und die mißklingende Tonleiter wieder abstimmen, dann werden wir Kraft in der Welt der Geister gewinnen.«
So glaubte ich in die Beziehungen der wirklichen Welt zur Welt der Geister zu dringen. Die Erde, ihre Bewohner und ihre Geschichte waren der Schauplatz, wo die physischen Handlungen sich vollziehen sollten, welche die Existenz und die Lage der Unsterblichen, die an ihr Geschick geknüpft sind, vorbereiteten. Ohne das undurchdringliche Mysterium von der Ewigkeit der Welten zu berühren, stieg mein Gedanke zu der Epoche hinauf, wo die Sonne auf die Erde die fruchtbaren Keime der Pflanzen und Tiere säte, ähnlich der Pflanze, die sie darstellt, die mit ihrem hängenden Kopf die Umdrehung ihres himmlischen Wandels verfolgt. Es war nichts anderes als das Feuer selbst, das, da es aus Seelen bestand, instinktiv die gemeinsame Wohnung formte. Der Geist des »Gott-Wesens«,
das sich auf der Erde wieder erzeugt und sozusagen zurückgeworfen wird, ward der gewöhnliche Typus der menschlichen Seelen, deren jede demzufolge gleichzeitig Mensch und Gott war. So waren die Elohim!
Wenn man sich unglücklich fühlt denkt man über das Unglück der andern nach. Ich war etwas nachlässig gewesen im besuchen eines meiner liebsten Freunde, von dem man mir gesagt hatte, daß er krank sei: Als ich mich zu dem Haus begab, wo er behandelt wurde, warf ich mir diesen Fehler lebhaft vor. Ich war noch trostloser, als mir mein Freund erzählte, daß es ihm am Vorabend recht schlecht gegangen sei. Ich trat in ein Hospitalzimmer mit kalkgetünchten Wänden. Die Sonne zeichnete lustige Winkel auf die Mauern und spielte auf einem Gefäß mit Blumen, das eine Nonne eben auf den Tisch des Kranken gestellt hatte. Es war fast wie die Zelle eines italienischen Anachoreten. Sein abgemagertes Gesicht, sein Teint, der vergilbtem Elfenbein glich, was durch seine schwarze Haar- und Bartfarbe noch mehr hervorgehoben wurde, seine Augen, die in einem Rest von Fieber glänzten; vielleicht auch das Arrangement eines Kapuzenmantels, den er über die Schultern geworfen hatte, machten für mich aus ihm ein Wesen, das halb verschieden war von dem, was ich gekannt hatte.
Das war nicht mehr der fröhliche Gefährte meiner Arbeiten und meines Vergnügens; es war ein Apostel in ihm. Er erzählte mir, wie er sich in den schlimmsten Leiden seiner Krankheit als Beute eines letzten Anfalles gesehen hatte,
der ihm der letzte Augenblick zu sein schien. Wie durch ein Wunder hatte der Schmerz in demselben Augenblick aufgehört. — Was er mir dann erzählte ist unmöglich wiederzugeben: Ein erhabener Traum in den weitesten Räumen der Unendlichkeit, ein Gespräch mit einem Wesen, das gleichzeitig von ihm verschieden war und einen Teil von ihm selbst bildete, das er, da er sich tot glaubte, frug, wo Gott sei. — »Aber Gott ist überall« antwortete ihm sein Geist; »er ist in dir selbst und in allen. Er richtet dich, er hört dich an, er rät dir; du und ich wir denken und träumen zusammen — und wir haben uns nie verlassen und sind ewig.«
Ich kann sonst nichts aus diesem Gespräch anführen, das ich vielleicht schlecht gehört oder schlecht verstanden habe. Ich weiß nur, daß sein Eindruck ein sehr lebhafter war. Ich wage nicht meinem Freund die Folgerung zuzuschreiben, die ich selbst vielleicht fälschlich aus seinen Worten gezogen habe. Ich weiß nicht einmal, ob das Gefühl, das daraus entsteht nicht mit der christlichen Idee übereinstimmend ist.
»Gott ist mit ihm,« rief ich aus, . . . . »aber er ist nicht mehr mit mir! O Unglück! Ich habe ihn von mir gejagt, ich habe ihn bedroht, ich habe ihm geflucht! Er war es gewiß, dieser mystische Bruder, der sich immer mehr und mehr von meiner Seele entfernte und der mich vergeblich benachrichtigte! Dieser bevorzugte Gemahl, dieser König des Ruhms, er richtet und verdammt mich und nimmt auf ewig die mit in seinen Himmel, die er mir gegeben hätte und deren ich hinfort unwürdig bin!«