IV.

MEIN Gefühl aus diesen Visionen und Grübeleien, das während meiner einsamen Stunden aus ihnen entsprang, war so traurig, daß ich mir wie verloren vorkam. Alle Handlungen meines Lebens erschienen mir von ihrer ungünstigsten Seite und in der Art von Gewissensprüfung, der ich mich hingab, führte mir das Gedächtnis die ältesten Tatsachen mit einer seltsamen Klarheit vor; ich weiß nicht was für eine falsche Scham mich verhinderte, den Beichtstuhl zu betreten; vielleicht die Angst mich in Dogmen und in die Gebräuche einer furchteinflößenden Religion einzulassen, da ich gegen gewisse Punkte darin philosophische Vorurteile bewahrt hatte. Meine ersten Jahre sind zu sehr mit den Ideen der Revolution durchsetzt gewesen, meine Erziehung war zu frei, mein Leben zu rastlos, als daß ich leicht ein Joch auf mich nehmen könnte, das in vielen Punkten immer noch meine Vernunft beleidigen würde. Ich bebte, wenn ich bedachte, was für einen Christen ich abgeben würde, wenn gewisse Prinzipien, die der freien Forschung der zwei letzten Jahrhunderte entlehnt sind, wenn endlich das Studium der verschiedenen Religionen mich nicht auf diesem Abhang aufhalten würde. Ich habe meine Mutter nie gekannt, die meinem Vater zum Heere folgen wollte wie die Frauen der alten Germanen. Sie starb am Fieber und vor Müdigkeit in einer kalten Gegend Deutschlands, und mein Vater selbst konnte meine ersten Gedanken nicht darauf lenken. Das Land, in

dem ich erzogen wurde, war voll von seltsamen Legenden und fremdartigem Aberglauben. Einer meiner Oheime, der den größten Einfluß auf meine erste Erziehung hatte, beschäftigte sich zum Zeitvertreib mit römischen und keltischen Altertümern. Es fanden sich manchmal in seinem Feld oder in der Umgebung Bilder von Göttern oder Kaisern, die seine Gelehrtenbewunderung mich verehren hieß, und deren Geschichte mich seine Bücher lehrten. Ein gewisser Mars aus vergoldeter Bronze, eine bewaffnete Pallas oder Venus, ein Neptun oder eine Amphytrite, die ausgehauen über dem Brunnen des Dorfes standen und vor allem das gute, dicke, bärtige Antlitz eines Pan, der am Eingang einer Grotte zwischen Girlanden von Osterluzei und Efeu lächelte, waren die Haus- und Schutzgötter dieses Ruhesitzes. Ich gestehe, daß sie mir damals mehr Ehrfurcht einflößten als die ärmlichen christlichen Kirchenbilder und die beiden unförmigen Heiligen des Portals, von denen manche Gelehrten behaupten, sie seien der Esus und der Cernunnas der Gallier. Ich war verlegen zwischen diesen verschiedenen Symbolen und fragte eines Tages meinen Onkel, was »Gott« sei? »Gott ist die Sonne!« sagte er mir. Das war der innerste Gedanke eines Ehrenmannes, der sein ganzes Leben als Christ gelebt, aber die Revolution durchgemacht hatte und aus einer Gegend war, wo viele dieselbe Vorstellung von der Gottheit besaßen. Das hinderte nicht, daß die Frauen und die Kinder in die Kirche gingen und ich verdankte einer meiner Tanten einige Belehrungen, die mich die Schönheit und die Größe

des Christentums verstehen ließen. Nach 1815 ließ mich ein Engländer, der sich in unserm Lande aufhielt, die Bergpredigt lernen und gab mir ein Neues Testament . . . . Ich führe diese Einzelheiten nur an, um die Ursachen einer gewissen Unentschlossenheit anzugeben, die sich in meinem Geist oft mit der ausgesprochensten Religiosität verbunden hat.

Ich will erklären, wie ich, nachdem ich lange Zeit vom rechten Weg entfernt war, mich zu ihm durch die geliebte Erinnerung an ein totes Wesen zurückgeführt fühlte, und wie das Bedürfnis zu glauben, daß es fortlebe, das bestimmte Gefühl für die verschiedenen Wahrheiten, die ich nicht fest genug in meiner Seele aufgenommen hatte, in meinem Geist aufleben ließ. Die Verzweiflung und der Selbstmord sind das Resultat gewisser unglücklicher Situationen für den, der nicht an die Unsterblichkeit mit ihren Leiden und Freuden glaubt: ich werde glauben, etwas Gutes und Nützliches getan zu haben, wenn ich ganz naiv die Folgen der Ideen aufzeichne, durch die ich Ruhe und neue Kraft wiedergefunden habe, die ich den zukünftigen Unglücksfällen des Lebens gegenüberstellen werde.

Die Visionen, die einander während meines Schlummers gefolgt waren, hatten mich einer solchen Verzweiflung preisgegeben, daß ich kaum reden konnte; die Gesellschaft meiner Freunde verhalf mir nur zu einer ungewissen Zerstreuung; mein Geist, der vollauf mit seinen Einbildungen beschäftigt war, versagte bei der geringsten abweichenden Vorstellung; ich konnte keine zehn Zeilen hintereinander lesen und verstehen.

Ich sagte mir die schönsten Dinge: was liegt daran, das gibt es nicht für mich. Einer meiner Freunde namens Georg unternahm es, diese Entmutigung zu besiegen. Er führte mich in verschiedene Gegenden der Umgebung von Paris und nahm es auf sich, allein zu sprechen, während ich mit einigen unzusammenhängenden Phrasen antwortete. Sein ausdrucksvolles und fast mönchisches Gesicht machte eines Tages seine sehr beredten Einwände besonders wirkungsvoll, die er gegen jene Jahre des Zweifels und der politischen und sozialen Entmutigung fand, die der Juli-Revolution folgten. Ich war einer der Jungen dieser Epoche gewesen und ich hatte ihre Glut und ihre Bitterkeiten geschmeckt. Eine Bewegung vollzog sich in mir: ich sagte mir, daß solche Lehren von der Vorsehung nicht ohne Absicht gegeben werden konnten, und daß ein Geist ohne Zweifel aus ihm sprach. Eines Tages aßen wir unter einer Laube in einem kleinen Dorf in der Umgebung von Paris zu Abend; eine Frau kam und sang an unserm Tisch und ich weiß nicht was in ihrer abgenutzten aber sympathischen Stimme mich an die Aureliens erinnerte. Ich betrachtete sie: selbst ihre Züge waren nicht ohne Ähnlichkeit mit denen, die ich geliebt hatte; man schickte sie weg und ich wagte nicht sie zurückzuhalten, aber ich sagte mir: Wer weiß ob ihr »Geist« nicht in dieser Frau ist! Und ich fühlte mich glücklich, daß ich ihr ein Almosen gegeben hatte.

Ich sagte mir: Ich habe das Leben recht schlecht ausgenutzt, aber wenn die Toten vergeben, so geschieht es sicher unter der Bedingung, daß man für immer dem Bösen entsagt, und

daß man alles, was man getan hat, wieder gut macht. Ist das möglich? . . . . Von diesem Augenblick an wollen wir versuchen, nichts Böses mehr zu tun und Ersatz zu geben für alles, was wir schuldig sein könnten. — Ich hatte ein frisches Unrecht gegen eine Person; es war nur eine Nachlässigkeit, aber ich fing damit an, daß ich mich entschuldigen ging. Die Freude, die ich empfand, als ich dies wieder gut gemacht hatte, tat mir ungemein wohl. Ich hatte von jetzt an einen Grund zum Leben und zum Handeln und gewann wieder Interesse an der Welt.

Schwierigkeiten tauchten auf; für mich unaussprechliche Ereignisse schienen sich zu vereinigen, um meinen guten Entschluß zu durchkreuzen. Der Zustand meines Geistes machte mir die Ausführung ausgemachter Arbeiten unmöglich. Da man mich seither gesund glaubte, verlangte man mehr, und da ich auf die Lüge verzichtet hatte, wurde ich von Leuten eines Vergehens geziehen, die sich nicht scheuten, es auszunutzen. Die Masse von Entschuldigungen, die ich zu machen hatte, erdrückte mich im Hinblick auf meine Ohnmacht. Politische Ereignisse wirkten indirekt, sowohl um mich zu betrüben wie um mich zu hindern, Ordnung in meine Angelegenheit zu bringen. Der Tod eines meiner Freunde vervollständigte diese Gründe zur Mutlosigkeit. Ich sah mit Schmerzen seine Wohnung, seine Bilder wieder, die er mir einen Monat vorher mit Freuden gezeigt hatte; ich ging an seinem Sarg vorüber im Augenblick, wo man ihn vernagelte. Da er von meinem Alter und aus meiner Zeit war, sagte

ich mir: Was würde geschehen, wenn ICH so plötzlich stürbe?

Am folgenden Sonntag erhob ich mich mit einem dumpfen Schmerz. Ich ging meinen Vater besuchen, dessen Magd krank war, und der Launen zu haben schien. Er wollte allein Holz von seinem Speicher holen und ich konnte ihm nur den Dienst leisten, ihm ein Holzscheit, das er brauchte, zu reichen. Ich ging niedergeschlagen weg. Auf der Straße begegnete ich einem Freund, der mich zum Essen mit sich nach Hause nehmen wollte, um mich ein bißchen zu zerstreuen. Ich lehnte ab und richtete meine Schritte ohne gegessen zu haben nach Montmartre. Der Friedhof war geschlossen, was ich als üble Vorbedeutung auffaßte. Ein deutscher Dichter hatte mir einige Seiten zu übersetzen gegeben und mir auf diese Arbeit eine Summe vorgestreckt. Ich nahm den Weg zu seinem Haus, um ihm das Geld zurückzugeben.

Als ich um das Clichytor bog, war ich Zeuge eines Streites. Ich versuchte die Streitenden zu trennen, aber es wollte mir nicht gelingen. In diesem Augenblick ging ein Arbeiter von großem Wuchs über denselben Platz, wo der Kampf sich abgespielt hatte. Er trug auf der linken Schulter ein Kind in hyazinthfarbenem Kleid. Ich stellte mir vor, es wäre der heilige Christophorus, der den Heiland trägt, und ich wäre verdammt, weil es mir bei der eben stattgehabten Szene an Kraft gefehlt hatte. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute der Verzweiflung in dem unbegrenzten Gelände umher, das die Vorstadt von dem Tor trennt. Es war zu spät, um den

Besuch zu machen, den ich vorgehabt hatte. Ich ging also kreuz und quer durch die Straßen nach dem Zentrum von Paris zurück. In der Nähe der Rue de la Victoire begegnete ich einem Priester und wollte ihm in der Verwirrung, in der ich mich befand, beichten. Er sagte mir, daß er nicht zu der Pfarre gehöre, und daß er zu irgendjemand in eine Abendgesellschaft ginge, aber daß ich, wenn ich ihn am folgenden Tage in Notre-Dame um Rat fragen wolle, nur nach dem Abbé Dubois fragen solle.

Verzweifelt und weinend lenkte ich meine Schritte nach der Kirche Notre-Dame de Lorette, wo ich mich zu Füßen des Altars der heiligen Jungfrau niederwarf und um Vergebung für meine Fehler bat. Etwas in mir sagte sich: Die Jungfrau ist tot und deine Gebete sind unnütz. Ich ging nach den hintersten Plätzen des Chors, um mich dort auf die Knie zu werfen, und streifte einen silbernen Ring vom Finger, in dessen Stein die drei arabischen Worte graviert waren: Allah! Mohammed! Ali! Sofort entzündeten sich mehrere Kerzen im Chor, und es begann ein Gottesdienst, mit dem ich mich im Geist zu vereinigen versuchte. Als man beim Ave Maria angelangt war, unterbrach sich der Priester mitten beim Gebet und fing siebenmal von vorne an, ohne daß ich in meinem Gedächtnis die folgenden Worte hätte wiederfinden können. Dann beschloß man das Gebet und der Priester hielt eine Rede, die auf mich allein anzuspielen schien. Als alles ausgelöscht war, erhob ich mich und ging hinaus, wobei ich die Richtung nach den Champs-Elysées einschlug.

Als ich bei der Place de la Concorde angelangt war, hatte ich den Gedanken mich zu vernichten. Verschiedene Male ging ich zur Seine, aber etwas hinderte mich meinen Entschluß auszuführen. Die Sterne leuchteten am Firmament. Plötzlich schien es mir, wie wenn sie mit einemmal verlöschten wie die Kerzen, die ich in der Kirche gesehen hatte. Ich glaubte, daß die Zeiten erfüllt seien und daß wir dem Ende der Welt nahe seien, die der heilige Johannes in der Apokalypse verkündigt hat. Ich glaubte, eine schwarze Sonne an dem verödeten Himmel und eine blutrote Kugel über den Tuilerien zu erblicken. Ich sagte mir: Die ewige Nacht beginnt und sie wird fürchterlich sein. Was wird geschehen, wenn die Menschen gewahren werden, daß es keine Sonne mehr gibt? Ich ging durch die Rue St. Honoré zurück und beklagte die verspäteten Bauern, denen ich begegnete. Am Louvre angekommen ging ich bis zum Platz und da wartete meiner ein seltsames Schauspiel. Zwischen den rasch vom Wind gejagten Wolken sah ich mehrere Monde, die mit großer Schnelligkeit vorüberglitten. Ich dachte, die Erde sei aus ihrer Bahn getreten und irre am Firmament wie ein entmastetes Schiff umher, wobei sie sich den Sternen, die abwechselnd wuchsen und wieder abnahmen, näherte und wieder von ihnen entfernte. Zwei oder drei Stunden lang betrachtete ich diese Unordnung und ging schließlich nach der Gegend der Hallen. Die Bauern brachten ihre Waren und ich sagte mir: Wie werden sie erstaunt sein, wenn sie merken, daß die Nacht sich verlängert? Indessen bellten hie und da Hunde und die Hähne krähten.

Von Müdigkeit zerschlagen ging ich nach Hause und warf mich auf mein Bett. Als ich aufwachte war ich erstaunt das Licht wiederzusehen. Eine Art geheimnisvollen Chors drang an mein Ohr: »CHRISTUS, CHRISTUS! CHRISTUS!« Ich dachte, daß man in einer benachbarten Kirche, Notre-Dame-des-Victories, eine große Zahl Kinder vereint habe, um den Heiland anzurufen. — Aber Christus ist nicht mehr! sagte ich mir, sie wissen es noch nicht! Die Anrufung dauerte ungefähr eine Stunde. Ich stand endlich auf und ging unter die Galerien des Palais Royal. Ich sagte mir, daß die Sonne wahrscheinlich noch genügend Licht aufgespeichert hätte, aber daß sie dazu ihre eigene Substanz abnützen müsse, und ich fand sie wirklich kalt und farblos. Ich beschwichtigte meinen Hunger mit einem kleinen Kuchen, um die Kraft zu gewinnen, das Haus des deutschen Dichters zu erreichen. Als ich eintrat sagte ich zu ihm, daß alles aus sei, und daß wir uns zum Sterben vorbereiten müßten. Er rief seiner Frau, die zu mir sagte: »Was fehlt Ihnen!« — »Ich weiß es nicht,« sagte ich zu ihr, »ich bin verloren!« Sie schickte nach einer Droschke und ein junges Mädchen führte mich nach der Maison Dubois.