Fünftes Kapitel.

Salchad, der Wohnsitz von King Og in Baschan, muß von Anbeginn an ein befestigter Ort gewesen sein. Das neuere Dorf gruppiert sich um den Fuß eines kleinen Vulkans, auf seiner Spitze und direkt in den Krater hineingebaut liegt die verfallene Festung. Sie und ihre Vorgänger im Krater bildeten die Vorposten des Haurāngebirges nach der Steppe hin, waren die Vorposten der frühesten Zivilisation gegen die ersten Marodeure. Das Terrain fällt nach Süden und Osten zu steil ab und ebnet, nur ganz im Anfang von ein oder zwei vulkanischen Erhebungen unterbrochen, in die lange, bis zum Euphrat reichende Fläche aus; schnurgerade, wie der Pfeil, der den Bogen verläßt, läuft die Römerstraße von Salchad in die Wüste hinein, keiner der neueren Reisenden ist ihr über zwei oder drei Stationen gefolgt. Hier nimmt der Karawanenweg nach Nedjd seinen Anfang; er führt über Kāf und Ethreh am Wādi Sirhan entlang nach Djof und Haïl und wurde, so gefährlich er ist, von den Blunts und später von Euting bereist. Eutings Beschreibung ist, mit der Gelehrsamkeit und gründlichen Beobachtung der Deutschen verfaßt, die beste, die wir haben. Direkt südlich von Salchad liegt ein interessantes zerstörtes Fort, Kal'at el Azrak. Das Dickicht der Oase birgt eine Menge wilder Bären. Dussaud, der diesen Teil besuchte, hat zwar eine prächtige Reisebeschreibung geliefert, aber ohne Zweifel läßt sich noch viel mehr des Neuen auffinden, birgt die Wüste noch manches Geheimnis, und jene große Ebene lockt so verführerisch, daß der Fuß in Salchad nur widerstrebend die Weiterreise nach Süden aufgibt.

Burg, Salchad.

Mein erster Weg war nach dem Hause von Nasīb el Atrasch, um Fellāh ul 'Isas Brief zu überbringen. Nasīb ist siebenundzwanzig, obgleich er wohl zehn Jahre älter erscheint; er ist von kurzer Statur, glatthaarig, und seine Gesichtszüge, die mehr schlau als angenehm sind, tragen ausgeprägten drusischen Typus. Er empfing mich in seinem Mak'ad, wo er mit seinem Bruder Djadallah saß, letzterer ein schlanker junger Mann mit hübschem, aber ziemlich einfältigem Gesicht. Nachdem er mich mit »bon jour« begrüßt, verfiel er in Schweigen, weil er mit seinem Französisch zu Ende war. Und wie er sich eine einzige Redensart aus einer europäischen Sprache geborgt hatte, so auch ein einziges Kleidungsstück aus einer europäischen Garderobe: einen enormen hochstehenden Halskragen, der zu seiner arabischen Tracht ganz wunderlich paßte. Außerdem befanden sich noch einige kaffeetrinkende Drusen in dem Raume, und noch jemand, den ich sofort aus einen Fremdling schätzte. Er entpuppte sich als der Mudīr el Māl von der türkischen Regierung. Seine eigentlichen amtlichen Funktionen sind mir zwar unbekannt, aber der Titel weist auf einen Angestellten der Schatzkammer hin. Salchad ist eins der drei Dörfer im Djebel Druz (die anderen heißen Sueda und 'Areh), wo der Sultan einen Kāimakām sowie ein Telegraphenamt hat. Jūsef Effendi, der Kāimakām, und Milhēm Iliān, der Mudīr el Māl, waren nicht wenig überrascht, als ich ohne irgend einen Avis oder eine Erlaubnis aus der Wüste auftauchte; täglich gingen drei Telegramme von ihnen mit Berichten über alles, was ich sagte oder tat, an den Vāli von Damaskus ab, und wenn ich auch auf besten Fuße mit beiden stand (Milhēm erwies sich als der intelligenteste und angenehmste Mann im Dorfe), habe ich ihnen wohl leider viel innere Unruhe geschafft. Und hier lassen Sie mich einschalten, daß ich auf Grund meiner Erfahrungen die türkischen Beamten zu den höflichsten und gefälligsten Männern rechnen muß. Komme zu ihnen mit den gehörigen Ausweisungen, und sie werden alles in ihrer Macht tun, um dir beizustehen. Und gesetzt auch, sie sind dir hinderlich, so geschieht es nur, weil sie höherem Gebot gehorchen müssen. Ja, selbst wenn du, wie es hin und wieder notgedrungen geschehen muß, ihre stets in ausgesucht höflicher Sprache gegebenen Weigerungen nicht beachtest, verbergen sie doch ihren gerechtfertigten Verdruß und tragen dir die Mühe nicht nach, die du ihnen verursachst. Die Regierungsbeamten in Salchad haben eine schwierige Stellung. In den letzten fünf Jahren ist es zwar im Gebirgsland friedlich hergegangen, aber die Drusen sind ein wetterwendisches Volk und leicht gereizt. Milhēm wußte sie wohl zu nehmen, und seine Ernennung zu dem neuen Posten in Salchad beweist Vālis aufrichtigen Wunsch, in der Zukunft Reibereien zu vermeiden. Milhēm war früher viele Jahre in Sueda gewesen, und als Christ lag zwischen ihm und den Drusen nicht jene unüberbrückbare Scheidewand des Hasses, die die letzteren vom Islam trennt; überdies sagt er sich auch, daß im Interesse der türkischen Regierung im Djebel Haurān nur wenig von einem Volk gefordert werden darf, das dem Namen nach untertan, in Wirklichkeit aber unabhängig ist. Jūsef Effendi stimmte mit ihm in dieser Überzeugung ziemlich überein, und er wußte gewiß am besten, wie schattenhaft seine Autorität war: gibt es doch nicht mehr als 200 türkische Soldaten im ganzen Bergland; der Rest der ottomanischen Macht besteht aus drusischen Zaptiehs, die sich zwar die Dienstuniform wohl gefallen lassen und den Sold einstecken, der selten genug bis zu ihnen gelangt, im übrigen aber kaum als zuverlässiger Schutz gelten können, wenn ernste Streitigkeiten zwischen ihrem eignen Volke und dem Sultan entstehen. Wie es den Anschein hatte, lebten Nasīb und sein Bruder mit dem Kāimakām im besten Einvernehmen: sie saßen fortwährend in seinem Mak'ad und tranken seinen Kaffee, aber als wir einst zufällig allein waren, bemerkte Jūsef Effendi pathetisch in seinem hochtrabenden Türkisch-Arabisch: »Ich weiß nie, was sie vorhaben, sie betrachten mich als Feind. Und wenn sie den Befehlen aus Damaskus nicht folgen wollen, so zerschneiden sie den Telegraphendraht und tun, was ihnen gefällt. Welche Macht habe ich, sie zu hindern?«

Nasīb el Atrasch.

Indes sind Anzeichen vorhanden, daß das unruhige Volk der Bergbewohner sein Interesse jetzt anderen Dingen zuwendet als dem Kriege mit den Osmanen, vor allem den Dampfwerken, die das Getreide für Salchad und einige andre Ortschaften mahlen. Wer eine Dampfmühle sein eigen nennt, ist gebunden, die bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten. Er, der sie mit beträchtlichen Kosten erbaut hat, wird nicht wünschen, sie von einer eindringenden türkischen Armee zerstört und sein Kapital vernichtet zu sehen; er hofft im Gegenteil, Geld daraus zu schlagen, und so erhält seine rastlose Energie eine neue, einträgliche Betätigung in dieser Weise. Ich habe den Eindruck, daß der Friede jetzt auf einer viel solideren Basis ruht als vor fünf Jahren, und daß die türkische Regierung nicht gesäumt hat, sich die Lektion des letzten Krieges zu Herzen zu nehmen. Hätte nur der Vāli von Damaskus gewußt, welch guten Eindruck seine wohlbedachten Maßnahmen auf die »ränkevolle Engländerin« machen — er hätte seinen Telegraphenbeamten ein gut Teil Arbeit ersparen können.

Eine Gruppe Drusen.

Es kann kaum ein besseres Beispiel geben für die Ungezwungenheit, mit der die Drusen ihre eignen Angelegenheiten erledigen, als ein Vorkommnis, welches sich am Abend meiner Ankunft zutrug. Es waren bereits Andeutungen über die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Zusammenstöße zwischen den Bergbewohnern und der Wüste gefallen, und kaum hatten wir einen Nachmittag in Salchad verlebt, so war uns auch schon klar, daß der große, vor einigen Monaten ausgeführte Raubzug Nasīb und seinen Bruder besonders beschäftigte. Wenn sie auch nicht mit uns davon sprachen, so lauschten sie doch aufmerksam, sobald wir die gegen die Hassaniyyeh verübten Räubereien erwähnten und die Rolle, die die Suchūr dabei gespielt hatten. Sie lockten auch alles heraus, was wir über die jetzige Stellung der letzteren wußten oder vermuteten, wie weit die Räuber gekommen waren, in welcher Richtung sie den Rückzug angetreten. Die Maultiertreiber hatten Männer an den Straßenecken flüstern hören und zwar von Vorbereitungen zum Krieg. Die Gruppen um Michaïls Feuer, von jeher ein Zentrum sozialer Tätigkeit, sprachen von Vergehungen, die nicht unbemerkt bleiben durften, und einer der vielen Söhne von Mohammeds Onkel hatte den ausgehungerten Beirutern ein Frühstück serviert, das mit mancherlei dunklen Winken über ein zwischen den Wādi Sirhan und den Beni Sachr bestehendes Bündnis gewürzt war, welches im Keime erstickt werden müsse, ehe es beunruhigende Dimensionen annehmen könne. Der Raubzug würde sich kaum bis Salchad erstrecken, aber das Unheil brauchte auch gar nicht bis zu diesem Punkte zu warten, besonders nicht im Winter, wo alle Vierfüßler, außer den notwendigen Reitpferden, weit entfernt auf der südlichen Ebene sind.

Mein Lager befand sich außerhalb der Stadt, auf einem Felde am Fuße des Burghügels. Nach Norden zu waren die Hänge bis zu den verfallenen Festungsmauern hinauf dick mit Schnee bedeckt, und auch wo wir lagerten, befanden sich einzelne Schneewehen, die im Vollmondschein glitzerten. Eben ging ich nach beendeter Mahlzeit mit mir zu rate, ob es wohl zu kalt wäre, mein Tagebuch zu schreiben, als wilder Gesang die Stille der Nacht unterbrach, und eine mächtige Flamme von den obersten Mauern des Kastells zum Himmel emporloderte. Es war ein Leuchtfeuer, welches den zahlreichen drusischen Dörfern in der Ebene unten die Annäherung des Raubzuges verkünden sollte, der Gesang aber rief zu den Waffen. Der drusische Zaptieh, der an meinem Lagerfeuer saß, sprang auf und starrte erst auf mich und dann auf die rote Glut über uns.

»Wird es mir gestattet sein, hinaufzugehen?« fragte ich.

»Es liegt nichts dagegen vor. Beehren Sie uns.«

Blick von der Burg Salchad nach Südosten.

Wir kletterten über den halbgefrornen Schlamm und an der schneebedeckten Nordseite des Vulkans entlang, bahnten im Dunklen unsern Weg um die Mauern der Burg, wo die Lava unter unsern Füßen nachgab, und sahen uns endlich im hellen Mondschein der wildesten Szene gegenüber, die je ein Auge sah. Eine Schar Drusen, junge Männer sowohl als Knaben, stand auf dem schmalen Rücken des Hügels, am Rande des Festungsgrabens. Sie waren sämtlich mit Schwertern und Messern bewaffnet und brüllten Strophe um Strophe eines entsetzlichen Liedes. Jede Zeile wurde zwanzigmal oder öfter noch wiederholt, bis es dem Hörer zumute war, als hätte sie sich in die tiefsten Falten seines Geistes eingefressen, wie scharfe Säuren in ein Metall.

»Auf sie, auf sie! Herr unser Gott! Laß den Feind in Schwaden unter unsern Schwertern fallen!
Auf sie, auf sie! Laß unsre Speere ihr Herzblut trinken!
Laß den Säugling sich lösen von der Brust der Mutter!
Laß den Jüngling sich erheben und fallen!
Auf sie, auf sie! Herr unser Gott! Laß unsre Schwerter ihr Herzblut trinken!«

So sangen sie, und es schien, als wolle ihr Grimm nimmer enden, als müßten die Mauern der Burg auf ewig von ihrer Wut widerhallen, als solle die Nacht nie wieder in Schweigen versinken. Aber da brach mit einemmal der Gesang ab, die Sänger traten auseinander und bildeten, sich bei den Händen fassend, einen Kreis. Hinein traten drei junge Drusen mit nackten Schwertern und schritten an dem Ring begeisterter Jünglinge entlang. Vor jedem einzelnen blieben sie stehen, schwangen das Schwert und riefen:

»Bist du ein guter Mann? Bist du ein echter Mann?«

Und jeder schrie jauchzend:

»Ha! ha!«

Das Mondlicht fiel auf die dunklen Gesichter und glitzerte auf den zitternden Klingen, feurige Kriegslust ging von Hand zu Hand, und die Erde schrie zum Himmel auf: »Krieg! Blutiger Krieg!«

Da erblickte einer der Männer plötzlich mich im Kreise; er kam heran und schwang das Schwert über meinem Haupte, gleichsam als Gruß von Nation an Nation, und rief:

»Meine Dame! Engländer und Drusen sind eins!«

Worauf ich erwiderte: »Gott sei Dank! Auch wir sind ein kämpfendes Volk.«

Fürwahr, in diesem Moment dünkte mir nichts herrlicher, als auszuziehen und den Feind zu schlagen.

Als diese Vereidigung der Krieger vorbei war, rannten wir, uns noch an den Händen fassend, im Mondlicht den Hügel hinab, und da ich bemerkte, daß einige von ihnen noch Kinder waren, sagte ich zu dem Kameraden, dessen Hand der Zufall in die meine gelegt:

»Ziehen alle diese mit euch aus?«

Er erwiderte: »Nein, bei Gott! Nicht alle. Die Knaben müssen daheim bleiben und zu Gott beten, daß auch ihr Tag bald kommen möge.«

An der Stadt angelangt, sprangen die Drusen auf das flache Dach eines Hauses und nahmen ihren satanischen Gesang wieder auf. Das Feuer auf den Mauern war nun erloschen, die Nacht wurde plötzlich kalt, und es regten sich Zweifel in mir, ob Milhēm und der Vāli von Damaskus an die Harmlosigkeit meiner Reise glauben würden, wenn sie gewahrten, daß ich mich an einer Demonstration gegen die Suchūr beteiligte. Daher schlug ich mich in den Schatten, rannte nach meinen Zelten und wurde wieder zur Europäerin, die, friedlichen Zielen zustrebend, den rauhen Leidenschaften der Männer fernbleibt.

Wir blieben zwei Tage in Salchad, hatten wir uns doch über unsre Reise zu befragen und Vorräte anzuschaffen, ehe wir nach der Ostseite des Gebirges aufbrachen, wo es keine Dörfer gibt. Der Proviantmeister hat die größte Schwierigkeit, in Salchad Gerste für die Tiere zu schaffen. In Umm er Rummān war genug für unsern Bedarf gewesen, auch in Sueda, dem Hauptsitz der türkischen Regierung, ist nie Mangel daran. Das aber lag weit jenseits der Hügel, und wir beschlossen daher, nach Imtain zu schicken, wohin der Weg schneefrei war. Ich unterlasse auch nicht zu erwähnen, daß es im Winter unmöglich ist, einen Hammel zu kaufen, da das Vieh dann stundenweit weg in der Ebene ist, und was Hühner anbetrifft, so muß der Reisende mit den dürrsten Exemplaren fürlieb nehmen, die aufzutreiben sind. Michaïl war nicht wenig entrüstet über den Mangel an Umsicht, der unsre Speisekammer so schlecht bestellt hatte, denn er tat sich auf das Braten eines Hammelschlegels etwas zu gute, und nun wollte er wissen, warum die Bücher, die ich bei mir führte, sich über den Mangel an dieser Delikatesse ausschwiegen. Auf meine Erklärung, daß den Verfassern dieser Werke römische Altertümer wichtiger wären als Rostbraten und Steaks, sagte er kurzweg:

»Wenn Ew. Exzellenz ein Buch schreiben, werden Sie nicht sagen: Hier befindet sich eine schöne Kirche, dort ein großes Schloß! Das sehen die Herrschaften von selbst. Aber Sie werden sagen: In diesem Dorfe gibt es keine Hühner. Dann wissen die Leute von Anfang an, was für eine Gegend es ist.«

Kreyeh.

Den ersten Tag meines Besuchs bei Nasīb verbrachte ich, indem ich beobachtete, wie er für die zu erwartende militärische Expedition Getreide mahlen ließ, und ihn sowie die Größen seines Dorfes photographierte. Zum Frühstück in seinem Mak'ad gab es ein knirschendes, Packpapier ähnliches Brot und dibs, eine Art Sirup aus eingekochtem Traubensaft, sowie eine recht garstige Suppe, die aus saurer Milch und Fettstückchen bestand. Kirk heißt sie bei den Drusen und erfreut sich einer ganz unverantwortlichen Schätzung. Am Nachmittag mußte Nasīb gegen zehn Meilen südlich reiten, um einen Händel zwischen zwei seiner Dörfer zu schlichten. Er lud mich zwar ein, ihn zu begleiten, aber ich dachte, es würden wahrscheinlich noch andre Angelegenheiten vorliegen, bei denen die Anwesenheit eines Fremdlings nicht wünschenswert war, und daher beschloß ich, eine Stunde weit mit ihm zu gehen, dann aber abseits ein Grabdenkmal auf der Spitze eines Hügels aufzusuchen. Es geht unter dem Namen »Grab von El Chudr«, der kein andrer als der heilige Georg ist. Nasīb machte sich mit großem Pomp auf den Weg; 20 Bewaffnete ritten neben ihm her, er selbst trug einen langen dunkelblauen, schwarzbestickten Tuchmantel, zwischen die Falten seines weißen Turbans schlang sich ein blaßblaues Tuch. Auch jeder der Männer war in einen Mantel gehüllt, und die Flinte hielten sie quer über den Knieen, so daß der ganze Zug sehr stattlich aussah. Man händigte mir die Gewehre eins nach dem andern ein, damit ich die Zeichen darauf besichtigen sollte, und ich fand, daß Alter und Ursprung der Waffen sehr verschieden waren. Einige vorweltliche Exemplare waren türkischen Soldaten gestohlen worden, die französischen, als die meisten, waren ziemlich neu, etliche aber kamen aus Ägypten und waren mit V. R. und dem breiten Pfeil gezeichnet. Nasīb ritt eine Strecke mit mir, wobei er ein Examen über meine gesellschaftliche Stellung anstellte. Ritt ich zu Hause mit dem König von England aus, und wie groß waren die Reichtümer meines Vaters? Seine Wißbegierde hatte ihren besonderen Grund: der Druse schaut immer nach einem reichen Europäer aus, den er sich verpflichten kann, und der ihm im Fall eines neuen Krieges mit dem Sultan zu Geldmitteln und Waffen verhilft. Mit verächtlicher Miene hörte er meine Auskunft über unsre Finanzen an, so daß ich mich bewogen sah, ihn in freilich taktvollerer Weise zu fragen, was man »reich sein« in den Bergen nenne. Darauf erfuhr ich, daß der reichste Turschane, Hamūd in Sueda, ein Jahreseinkommen von 5000 Napoleons hätte. Nasīb selbst, als weniger reich, hatte gegen 1000 Napoleons. Vermutlich fließt es ihm meistens in Naturalien zu, denn alle Einkünfte dort entstammen dem Boden und schwanken natürlich bedeutend nach den jeweiligen Jahreserträgnissen. Die genannten Summen kamen mir ziemlich hochgegriffen vor, sie mochten wohl auf Grund einer besonders glücklichen Ernte normiert sein.

Jetzt blieb Nasīb zurück und begann sich im Flüsterton mit einem alten Manne, seinem Hauptberater, zu unterhalten, während die übrigen sich um mich drängten und mir allerhand Geschichten von der Wüste erzählten und von großen Ruinen nach Süden zu, die sie mir zeigen würden, falls ich bei ihnen bliebe. Am Fuße des Hügels stießen wir auf eine Gruppe Reiter, die Nasīb erwarteten, um ihm wichtige Mitteilungen über die Araber zu machen. Michaïl und ich hielten abseits, denn der argwöhnische Blick, den uns unser Wirt verstohlen zuwarf, war uns nicht entgangen. Wir merkten weiter nichts, als daß die Kunde nicht gut war, und auch so viel verrieten weder Nasībs unbewegliche Züge noch auch die mit den Lidern bedeckten Augen. Offenbar wollte er auch die geringste Spur seiner Gedanken verbergen. Wir verließen ihn zu seiner sichtlichen Erleichterung und ritten bergan. Nun gibt es im ganzen Drusengebirge keinen einigermaßen bedeutenden Hügel, der nicht ein Heiligtum auf seinem Gipfel trüge, und dasselbe erweist sich immer als eins jener alten Monumente des Landes, die bis in die Zeit vor der Einwanderung der Drusen oder Türken zurückdatieren. Welche Geschichte sie haben? Wurden sie nabathäischen Felsen- und Berggöttern errichtet, Drusāra und Allāt, oder jenem Götzenbild mit semitischen Inschriften, dem die Wüste auf dem Ka'abah und manch einsamem Hügel Opfer darbrachte? Wenn es der Fall war, so lassen sich die alten Gottheiten noch unter anderm Namen dienen, denn noch steigt das Blut von Ziegen und Schafen, auf die schwarzen Türpfosten ihrer Wohnstätten gesprengt, zu den Göttern als süßer Geruch empor, noch vernehmen sie die Gebete der mit grünen Zweigen und Blütenbüscheln geschmückten Pilger. Das Grabdenkmal von El Chudr enthält im Innern des Heiligtums eine Art Sarkophag, der mit Streifen farbiger Lappen bedeckt ist; hebt man sie auf und blickt darunter, so zeigt sich ein seltsamer, durch die Verehrungsbezeugungen glattgeschliffner Stein — ein Bruder des Schwarzen Steins zu Mekka. Nahe dabei befand sich ein Steinbecken für Wasser — eine Eisschicht lag heute darauf. Durch die steinernen Türen war Schnee geweht, Schmelzwasser floß durch das Dach herab und bildete Schmutztümpel am Boden.

Ein drusischer Pflüger.

Am nächsten Tage hatten wir bitteren Frost, einen bleiernen Himmel und scharfen Wind — die Vorboten von Schnee. Milhēm Iliān kam herab, um mich für die Nacht zu sich zu laden, aber da ich fürchtete, nach seiner erwärmten Stube die Temperatur in meinem Zelt zu eisig zu finden, lehnte ich ab. Da er einige Zeit blieb, legte ich ihm meinen Plan vor, in die Safa, die vulkanische Einöde östlich vom Djebel Druz, zu reiten. Er ermutigte mich nicht, hielt das Projekt unter den bestehenden Verhältnissen sogar für unausführbar. Hatte es doch den Anschein, daß die Ghiāth, der die Safa bewohnende Stamm, sich gegen die Regierung aufgelehnt hatten. Die Wüstenpost, die zwischen Damaskus und Bagdad fährt, war von ihnen angefallen und ausgeraubt worden, und die Räuber mußten nun ihrer Strafe vom Vāli gewärtig sein. Sicherlich würde die kleine Eskorte Zaptiehs, die mich begleiten sollten, von ihnen in Stücke gehauen werden. Indes war Milhēm mit mir der Ansicht, daß, wenn auch eine ganze Armee Soldaten nichts ausrichten würden, man möglicherweise doch mit den Drusen allein in die Safa gelangen könne, und er versprach mir einen Brief an den Scheich von Saleh, Mohammed en Nassār, den er als guten Freund von sich und einflußreichen klugen Mann bezeichnete. Die Ghiāth sind den Drusen gegenüber in derselben Lage wie die Djebeliyyeh: sie dürfen es mit den Bergbewohnern nicht verderben, da sie im Sommer auf die hochgelegenen Weideplätze angewiesen sind.

Gegen Sonnenuntergang erwiderte ich Milhēms Besuch und fand sein Zimmer voller Leute, traf auch Nasīb, der eben von seiner Expedition zurück war. Ich mußte ihnen von meinen jüngsten Erlebnissen in der Wüste berichten und fand, daß all meine Freunde von den Drusen als Feinde betrachtet wurden, und daß nur die Ghiāth und die Djebeliyyeh Verbündete der Drusen sind. Was die Scherarāt, die Da'dja, die Beni Hassan betraf, so sollte bis auf das Blut gegen sie gekämpft werden.

In der Wüste kommt das Wort gōm (Feind) gleich nach daif (Gast), in den Bergen aber nimmt es gar zu leicht die erste Stelle ein. Ich sagte:

»O Nasīb, die Drusen ähneln dem Volk, von dem Kureyt ibn Uneif sang: ‚Wenn das Unheil ihnen die Zähne zeigt, so bieten sie ihm Trutz, gleichviel ob verbündet oder allein’.« Die schlauen Züge des Scheichs verzogen sich einen Augenblick, aber da das Gespräch sich jetzt gefährlichem Grund näherte, erhob er sich kurz darauf und verabschiedete sich. Bald wurde sein Platz durch Neuankömmlinge ausgefüllt (Milhēms Kaffeetöpfe müssen vom Morgengrauen bis spät in die Nacht hinein kochen), und endlich trat einer ein, zu dessen Begrüßung sich alle erhoben. Es war ein kurdischer Agha, ein schöner alter Mann mit weißem Schnurrbart und glattrasiertem Kinn, der von Zeit zu Zeit in seinen eignen Angelegenheiten von Damaskus herabkam. Da Milhēm aus Damaskus stammt, wollte er allerlei wissen; die Unterhaltung verließ deshalb die Wüstenfragen und wandte sich den Städtern und ihren Gebräuchen und Ansichten zu.

Bosra Eski Schām.

»Sehen Sie, Exzellenz,« sagte ein Mann, der Kaffee über einem Kohlenbecken bereitete, »in der Stadt haben sie nicht so viel Religion wie in den kleinen Landorten.«

»Ja,« fiel Milhēm ein.

»Gott lasse das Ja über dein Haupt kommen!« rief der Kurde aus.

»Lohn dir's Gott, o Agha! In der großen Moschee von Damaskus kann man zum Freitagsgebet Leute genug finden, vielleicht auch einige in Jerusalem, in Smyrna aber und Beirut sind die Kirchen leer, und die Moscheen leer. Sie haben keinen Glauben mehr.«

»Meine Freunde,« nahm der Agha das Wort, »ich will euch den Grund sagen. Auf dem Lande sind die Leute arm und brauchen viel. Von wem sollen sie es fordern, wenn nicht von Gott? Wer hat Mitgefühl für die Armen, als Er allein? Aber in der Stadt sind sie reich und haben alles, was sie brauchen; warum sollten sie zu Gott beten, wenn sie nicht zu bitten haben? Die Dame lacht — ist es bei ihrem Volke nicht ebenso?«

Ich gab zu, daß in dieser Hinsicht sehr wenig Unterschied zwischen Europa und Asien sei, und überließ dann die Gesellschaft ihrem Kaffee und ihrer weiteren Unterhaltung.

Spät in der Nacht klopfte jemand an mein Zelt, und eine Frauenstimme rief:

»Meine Dame, meine Dame, sind nicht die Engländer gütig? Möge das Herz einer Mutter den Kummer eines Mutterherzens hören und diesen Brief meinem Sohne bringen!«

Ich fragte die unsichtbare Bittstellerin, wo sich ihr Sohn befände.

»In Tripoli, in Tripoli, weit im Westen. Er ist ein gefangener Soldat und kam nach dem Kriege nicht mit den anderen zurück. Nehmen Sie diesen Brief mit und schicken Sie ihn durch einen sicheren Boten von Damaskus ab; die Post von Salchad ist mir zu unsicher.«

Während ich das Zelt öffnete und den Brief entgegennahm, fuhr sie fort:

»Nasībs Frau hat mir gesagt, Sie seien gütig. Das Herz einer Mutter, Sie wissen — ein trauerndes Mutterherz.«

Weinend entfernte sie sich, und ich habe den geheimnisvollen Brief von Beirut mit der Post abgesandt, aber ob er Tripoli im weiten Westen und den gefangenen Drusen erreicht hat, werden wir nicht erfahren.

Der Kāimakām kam am andern Morgen vor unsrer Abreise und versorgte uns mit einem drusischen Zaptieh, der uns den Weg nach Sāleh zeigen sollte. Es blies ein schneidend kalter Wind, und weiter im Gebirge oben lag der Schnee hoch; wir wählten deshalb den tiefer gelegenen Weg über Ormān, ein Dorf, das als Schauplatz des Ausbruchs des letzten Krieges bekannt ist. Milhēm hatte meinen Führer Jūsef mit der Post betraut, die eben in Salchad eingetroffen war; sie bestand aus einem einzigen Brief an einen Christen in Ormān, dem wir außerhalb des Dorfes begegneten. Der Brief kam aus Massachusetts von einem seiner drei Söhne, die alle drei nach Amerika ausgewandert waren. Es ging ihnen allen gut, Gott sei Dank! Im vergangenen Jahre hatten sie dem Vater zusammen 30 Lire geschickt. Das und mehr sprudelte er in freudigem Stolze heraus, als wir ihm den Brief mit den frischen Nachrichten einhändigten. In Ormān wandte sich der Weg bergauf — ich benenne ihn weiter mit dem stolzen Namen Weg, da ich keine Benennung weiß, die schlecht genug ist. Es gehört zu den drusischen Verteidigungsmaßregeln, keinen in das Gebirge führenden Weg so breit zu machen, daß zwei Personen nebeneinander gehen können, noch so eben, daß eine andere Gangart als ein mühseliges Stolpern darauf möglich wäre. Und sie haben dieses System auch wirklich sehr erfolgreich durchgeführt. Bald befanden wir uns in halb schmelzendem, halb gefrorenem Schnee, der die Löcher im Pfade wohl verbarg, aber keine genügend feste Decke bildete, um die Tiere vor dem Einbrechen zu schützen. Oft kamen wir auch an tiefe Wehen, in welche die Kamele mit dem größten Vertrauen hineinsteuerten, aber nur, um in der Mitte zu fallen und unser Gepäck zu verstreuen, während die Pferde hineinstampften und sich bäumten, daß wir Gefahr liefen, abgeworfen zu werden. Michaïl, der nicht beritten war, küßte den Schneebrei des öfteren. Die Zeichner der Karte von Palästina haben am Ostabhange des Djebel Druz ihrer Phantasie den weitesten Spielraum gelassen. Hügel sind meilenweit fortgehüpft, Dörfer haben Schluchten übersprungen und sich auf der gegenüberliegenden Seite niedergelassen. So findet man z. B. Abu Zreik, das auf dem linken Ufer des Wādi Rādjīl liegt, auf dem rechten eingezeichnet.

Besonders an diesem Tage schien sich alles gegen uns zu verschwören, und unser Elend erreichte seinen Gipfelpunkt, als wir ein endloses Schneefeld betraten, über das ein furchtbarer Sturm nadelscharfer Graupeln dahinfegte. In nebelhafter, schier unerreichbar scheinender Ferne sahen wir durch das Graupelwetter die Hänge schimmern, auf denen Sāleh steht. Meile um Meile quälten wir uns mühsam vorwärts (es war unmöglich, auf den stolpernden Tieren zu reiten, auch viel zu kalt dazu) und plätscherten und wateten am Spätnachmittag, nachdem wir sieben Stunden auf eine vierstündige Entfernung verwendet hatten, durch die Wassertümpel und schmelzenden Schneehügel, die die Stelle von Straßen in Sāleh vertraten. Im ganzen Dorfe war kein trocknes Fleckchen, und der Schnee fiel dicht; mir blieb keine andere Möglichkeit, als an die Tür Mohammed Nassārs zu klopfen, dem der Ruf großer Gastlichkeit vorausging. Mit Mühe nur stieg ich die eisüberzogenen Stufen zu seinem Mak'ad hinan.

Torweg in Habrān.

Wenn die Vorsehung uns irgend eine Entschädigung für die Mühsalen des heutigen Tages schuldete, so hat sie uns, wenigstens mich, mit einem reichen, ja übervollen Maße bezahlt durch den schönen Abend, den ich im Hause des Scheichs verbringen durfte. Mohammed Nassār ist ein Mann reich an Alter und Weisheit, der eine große Schar Söhne und Neffen um sich hat heranwachsen sehen, deren gute Geistesgaben er durch das vortreffliche Beispiel seiner eignen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit herangebildet hat. Jeder Druse ist ein geborner Gentleman; aber das Haus des Scheichs von Sāleh konnte hinsichtlich guter Manieren, natürlicher sowohl als auch anerzogener, nicht von den Edelsten der sogenannten aristokratischen Nationen, der Perser, Radjputs oder irgend eines anderen sich auszeichnenden Volkes, übertroffen werden. Milhēms Empfehlungsbrief war ganz unnötig, um mir einen Willkomm zu sichern: ich fror, war hungrig und war Engländerin — das genügte. Das Feuer im eisernen Ofen wurde angezündet, und ich meiner feuchten Oberkleider entledigt; unter des Scheichs eigner Leitung belegte man die Diwane mit Teppichen und Kissen, und schließlich stellte sich die ganze Schar der männlichen Familienglieder und der Seitenverwandten ein, um zur Belebung des Abends beizutragen. Es ließ sich gut an. Ich wußte, daß Oppenheim auf seine Reise in die Safa Begleiter aus Sāleh mitgenommen hatte, und führte zufällig auch sein Buch mit mir. Wie oft hatte ich schon bedauert, daß kein weiser Instinkt mich bestimmt, Dussauds zwei prächtige Bände anstelle von Oppenheims gewichtigem Werke zu wählen, das eine Menge mir für die jetzige Reife ganz unnützer Belehrungen enthielt. Die Stärke des Buches liegt in den Illustrationen, und glücklicherweise befand sich unter denselben eine Abbildung Mohammed Nassārs mit seinen beiden jüngsten Kindern. Nachdem ich Kieperts Karten ausgerissen, war ich großmütig genug, den Band einem Familienglied zu schenken, das den gelehrten Reisenden auf seiner Expedition begleitet hatte. Er ist in Sāleh verblieben, den Scheichs zur Ehre und Freude. Sie schauen die Bilder an, ohne sich mit dem Text herumzustreiten, und die Lücke in meinen Bücherreihen wird durch die Erinnerung an die Freude der Drusen reichlich ausgefüllt.

Wir erzählten den ganzen Abend ununterbrochen, eine kurze Pause entstand nur, als das vortreffliche Essen gebracht wurde. Der alte Scheich, Jūsef, der Zaptieh, und ich nahmen zusammen daran teil; die reichlichen Überreste wurden von den ältesten Neffen und Vettern aufgezehrt. Das Thema, dem man in Sāleh das meiste Interesse entgegenbrachte, war der japanische Krieg — ja im ganzen Gebirge drehte sich die Unterhaltung fast ausschließlich um diesen Stoff, da die Drusen meinen, mit den Japanern zu ein und demselben Volksstamm zu gehören. Die Gedankenreihe, die diese erstaunliche Schlußfolgerung gezeitigt hat, ist einfach genug. Ihre geheimen Glaubenslehren weisen auf die Hoffnung hin, daß eines Tages ein drusisches Heer von den fernsten Grenzen Asiens hervorbrechen und die Welt unterjochen wird. Nun haben die Japaner unbesiegbaren Mut gezeigt — auch die Drusen sind tapfer; die Japaner haben gesiegt, die Drusen der Prophezeiung werden unbesiegbar sein: also sind die beiden eins. Die Sympathie von ganz Syrien und Kleinasien ist auf Seiten der Japaner; eine Ausnahme bilden nur die Glieder der griechisch-katholischen Kirche, die in Rußland ihren Schirmherrn sehen. Es erscheint sehr begreiflich, daß die türkische Regierung sich über die Niederlage ihres alten Erbfeindes freut, schwieriger aber ist es, einen Grund für das Vergnügen der Araber, Drusen (abgesehen von den oben erwähnten geheimen Hoffnungen der Drusen) und Kurden zu finden, denn zwischen ihnen und den Türken ist doch wahrlich keine Liebe verloren. Diese Völkerschaften pflegen sich sonst nicht am Unglück der Feinde des Sultans zu erfreuen, da sie selbst zumeist dazu gehören. Jedenfalls liegt der Grund in einer gewissen Schadenfreude und dem natürlichen Bestreben, auf Seiten des kleinen Mannes gegen den großen Unterdrücker zu stehen, vor allem aber mag jenes große Band mitsprechen, das wir mit dem Namen »Erdteil« bezeichnen, und der Krieg wendet sich an das Gefühl der Asiaten, weil er gegen die Europäer geht. Mag man sich auch noch so sehr dagegen sträuben, Rußland als einen Teil der europäischen Zivilisation anzuerkennen, mag man auch noch so überzeugt sein, daß die Japaner ebensowenig Gemeinsames mit den Türken oder Drusen haben wie mit den Südseeinsulanern oder Eskimos — der Osten wendet sich an den Osten, und seine Stimme hallt wider vom Gelben bis zum Mittelmeer.

Drusischer Mak'ad, Habrān.

Wir sprachen auch von den Türken. Mohammed war einer der vielen Scheichs gewesen, die nach dem drusischen Kriege in die Verbannung geschickt worden; er hatte Konstantinopel besucht und kannte auch Kleinasien, so daß man ihm wohl ein maßgebendes Urteil über den türkischen Charakter zusprechen konnte. Ganz unbeabsichtigt von den Türken hatte diese Massenwegführung der drusischen Scheichs und ihr zwei- bis dreijähriger Aufenthalt in entfernten Städten des Reiches einen Erfolg gezeitigt, den selbst die umsichtigste Staatskunst nur schwer erreicht haben dürfte. Männer, die unter anderen Verhältnissen nicht 50 Meilen über ihr Dorf hinausgekommen wären, haben gezwungenerweise ein Stück Welt kennen gelernt und sind zurückgekehrt, um sich dann ebenso großer Unabhängigkeit zu erfreuen wie früher. Aber sie haben doch einen tiefen Eindruck von der Größe des türkischen Reichs und von der unendlichen Zahl der Hilfsquellen des Sultans mitgebracht und haben einsehen gelernt, wie unwichtig ein drusischer Aufstand in einem Reiche ist, das noch besteht, trotzdem es jede Art des Bürgerkrieges durchgemacht hat. Mohammed hatte diese Welt jenseits der Grenzen des Gebirges so schätzen gelernt, daß er zwei von seinen sechs Söhnen hineinzuversetzen versuchte, indem er sie in einem Regierungsbüreau von Damaskus unterbrachte. Der Versuch war mißlungen, weil die Knaben, obgleich in seinen Grundsätzen erzogen, zu eigenwillig waren. Eine knabenhafte Pflichtvergessenheit, ein strenger Verweis des Vorgesetzten hatte sie eiligst in ihr Dorf zurückgetrieben, wo sie als unabhängige Scheichs ein träges und doch geachtetes Dasein führen konnten. Mohammed hatte auf eine in Damaskus erscheinende Wochenschrift abonniert, und er und seine Söhne verfolgten mit dem größten Interesse alle politischen Neuigkeiten des Auslandes, besonders Englands, die dem Stifte der Zensur entgangen waren. Oftmals übersahen sie auch eine wichtige Nachricht — oder war es der Herausgeber? So fragte mich mein Wirt z. B. nach Lord Salisbury und war sehr betrübt zu hören, daß er schon seit einigen Jahren tot sei. Außer Lord Cromer, der immer und überall bekannt ist, kannten sie auch Mr. Chamberlain, und es entspann sich in dem Mak'ad von Sāleh eine belebte Unterhaltung über fiskalische Fragen, die ich meinerseits mit Beispielen aus dem türkischen gumruk, dem Zollhaus, reichlich illustrieren konnte.

Nur ein einziger Punkt wurde an diesem Abend nicht zur allgemeinen Befriedigung erledigt, das war meine Reise in die Safa. Ich hege den leisen Argwohn, daß Milhēms Brief, den er mir versiegelt einhändigte, so daß ich ihn nicht lesen konnte, dem ähnelte, den Praetus Bellerophon einhändigte, als er ihn zum Könige von Lydien sandte. Wurde nun Mohammed zwar nicht aufgefordert, die Überbringerin bei ihrer Ankunft hinzurichten, so war er doch sicher dringlich gebeten worden, ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Jedenfalls meinte Mohammed, daß die Expedition nicht ohne Begleitung von wenigstens 20 Drusen unternommen werden könnte, und da mich das zu viel Vorbereitungen und Ausgaben gekostet hätte, sah ich mich genötigt, das Projekt fallen zu lassen.

Um 10 Uhr fragte man mich, welche Zeit ich zu schlafen wünschte. Zum augenscheinlichen Verdruß aller der Anwesenden, die nicht den ganzen Tag durch den Schnee geritten waren, erwiderte ich, daß die Zeit gekommen sei. Die Söhne und Neffen empfahlen sich, es wurden wattierte Decken gebracht und auf den drei Seiten des Diwans zu je einem Bette aufgetürmt. Der Scheich, Jūsef und ich wickelten uns hinein, und ich wußte von nichts mehr, bis ich im scharfen Frost der Dämmerung erwachte. Schnell stand ich auf und ging an die frische Luft. Sāleh lag noch fest schlafend im Schnee; selbst das kleine Bächlein, das ein Wasserbassin inmitten des Dorfes speiste, schlummerte unter seinem dicken Eispelz. In dem klaren, kalten Schweigen beobachtete ich, wie der Osthimmel sich rötete und wieder erblich, und wie die Sonne einen ersten langen Lichtstrahl über das Schneefeld entsandte, das wir gestern mit so vieler Mühe bezwungen. Nachdem ein kurzes Dankgebet für schönes Wetter meinem Herzen entstiegen war, weckte ich die Maultiertreiber und die Tiere in ihrem gewöhnlichen Ruheplatz unter den Wölbungen der Karawanserei, genoß das von Mohammed en Nassār gebotene Frühstück und sagte meinem Wirt und seiner Familie ein langausgedehntes, dankbares Lebewohl. Kein Wanderer durch Berg und Tal kann sich einer angenehmeren Gesellschaft und einer erquickenderen Nachtruhe erfreuen, als mir in Sāleh zu teil wurden.

Türbalken, El Churbeh.