Zehntes Kapitel.
Man sieht Hamāh nicht eher, bis man tatsächlich darauf ist — darauf ist das einzige Wort, das die Stellung des Ankommenden richtig bezeichnet. Der Orontes fließt hier in einem tiefen Bett, und die Stadt liegt zwischen den Uferhöhen versteckt. Eine weite eintönige Ebene voller Kornfelder breitet sich ohne Unterbrechung vor dem Auge aus, bis man plötzlich ein wahres Gewirr von Begräbnisstätten erreicht, — wir kamen gerade an dem allwöchentlich wiederkehrenden Allerseelentag an, und alle Kirchhöfe waren ebenso gedrängt voll von Lebenden wie von Toten. Plötzlich hörte die Ebene zu unsern Füßen auf, und wir standen am Rande einer steilen Böschung. Wir überblickten die ganze Stadt, den Orontes im Schmuck der mächtigen persischen Räder und jenseits derselben den kegelförmigen Erdwall, der die Festungen Hamath und Epiphania und wer weiß, was sonst noch trägt, denn er ist einer der ältesten festen Plätze der Welt. Bei unserem Kommen erhoben sich zwei Soldaten vom Erdboden und schickten sich an, mir einen Lagerplatz anzuweisen, aber ich war müde und gereizt, wie das manchmal auf Reisen vorkommt, und alle die kahlen, von Häusern umschlossenen Plätze, an die wir geführt wurden, kamen mir ganz abscheulich vor. Endlich erklärte mein guter Türke, der mich noch nicht verlassen hatte, ein Fleckchen zu kennen, das mir gefallen würde; er führte uns am Rande der Böschung entlang bis zum Nordende der Stadt an eine grasbewachsene Stelle, die den schönsten Lagerplatz bot, den ich mir wünschen konnte. Unter uns verließ der Orontes, zwischen Gärten voll blühender Aprikosenbäume dahingleitend, die Stadt, goldener Abendschein lag hinter den Minarets, und eine große Na'oura entlockte den Fluten ein harmonisches Lied.
Hamāh ist gegenwärtig die Endstation der französischen Eisenbahn[8], und der Sitz eines Muteserrif. Die Eisenbahn versah mich mit einem Führer und Gesellschafter in der Person eines syrischen Stationsvorstehers, eines aufgeblasenen, unfertigen, kleinen Mannes, der in einer Missionsschule erzogen worden war und es verschmähte, Arabisch zu reden, sobald er Französisch radebrechen konnte. Er tat mir zu wissen, daß sein Name Monsieur Kbēs und sein Steckenpferd Archäologie sei, und um seinen Standpunkt auf der Höhe modernen Wissens zu dokumentieren, schrieb er jeden historischen Überrest in Hamāh den Hittitern zu, mochte es nun ein byzantinisches Kapitäl oder eine durchbrochene arabische Verzierung sein. Zwischen dem Muteserrif und mir entstand sofort eine kleine Meinungsverschiedenheit, da er darauf bestand, mein Lager während der Nacht durch acht Soldaten bewachen zu lassen. Welch widersinnige Menge, wenn man bedenkt, daß bisher in jedem Dorfe zwei genügt hatten. Eine so zahlreiche Wachmannschaft bedeutete für mich eine unerträgliche Plage, denn sie hätten sich die ganze Nacht unterhalten und das Lager um die Ruhe gebracht. Ich schickte also sechs wieder weg trotz ihrer Beteuerung, daß sie den Befehlen ihrer Vorgesetzten zu gehorchen hätten. Sie brachten schließlich die Befehle des Muteserrif mit den meinen in Einklang, indem sie die Nacht in einer nahen Moschee zubrachten, wo sie sich, durch kein Gefühl der Verantwortung gestört, eines vortrefflichen Schlafes erfreuen konnten.
[8] Es wird höchstens noch ein oder zwei Monate die Endstation sein, da die Linie bis Aleppo weitergeführt worden ist.
Keine Stadt in Syrien kann sich einer gleich malerischen Lage rühmen wie Hamāh. Der breite Fluß mit seinen Wasserrädern verleiht einen nie versagenden Reiz, die schwarz und weiß gestreiften Türme der Moscheen sind von prächtiger architektonischer Wirkung, die engen, zum Teil überwölbten Straßen bieten in ihrem Wechsel von Sonnenschein und Schatten unvergleichliche Lichteffekte, und die Bazare sind noch nicht durch die eisernen Dächer entstellt, die die Verkaufsstraßen von Damaskus und Homs so sehr ihres charakteristischen Gepräges beraubt haben. Die große Moschee im Mittelpunkte der Stadt war einst eine byzantinische Kirche. Noch heute zeichnen sich die Türen und Fenster des ehemaligen Gebäudes deutlich in den Mauern der Moschee ab; der untere Teil des westlichen Minarets bildete augenscheinlich die Grundmauern eines früheren Turmes; im Hofe liegen zahlreiche byzantinische Säulenschäfte und Kapitäle, und die schöne kleine Kubbeh wird von acht korinthischen Säulen getragen. Auf einer der letzteren bemerkte ich das byzantinische Motiv des wehenden Akanthus. Die Steinschneider aber schienen es müde geworden zu sein, die Blätter in stereotyper Einförmigkeit aufrecht zu stellen, und haben sie statt dessen leicht um das Kapitäl gelegt, als ob ein Wirbelwind über sie hinweggefahren wäre. Diese neue Anordnung wirkt außerordentlich anmutig und pikant.
Kbēs und ich erkletterten den Burgberg und fanden oben ein ungeheuer großes Ruinenfeld, aber alle behauenen Steine der ehemaligen Festungen sind fortgeschafft und zum Bau der Stadt verwendet worden. Meinem Eindrucke nach steht der Festungskegel nicht von Natur so isoliert da, sondern er ist entstanden, indem man durch einen Einschnitt ein in das Tal vorspringendes Vorgebirge von dem Hauptbergzug abgetrennt hat. Wenn es an dem ist, so haben wir ein ungeheures Werk der Vergangenheit vor uns, denn der Durchstich ist sehr breit und tief.
Kubbeh in der Moschee zu Hamāh.
Das Interessanteste dieses Tages in Hamāh waren die Bewohner. Vier machtvolle mohammedanische Geschlechter bilden die Aristokratie der Stadt. Es sind dies die Familien 'Azam Zadēh, Teifūr, Killani und Barāzi. Ein Glied der letzteren hatte ich bereits in Damaskus kennen gelernt. Das Gesamteinkommen jeder dieser Familien beläuft sich vielleicht auf 6000 Pfund Sterling im Jahre und entstammt dem Besitz an Dörfern und Ländereien, denn es wird in Hamāh nur wenig Handel getrieben. Als die ottomanische Regierung noch nicht so fest begründet stand wie jetzt, waren diese vier Familien die Herren von Hamāh und seiner Umgegend, und noch jetzt haben sie beträchtlichen Einfluß auf die Verwaltung der Stadt. Die Beamten des Sultans lassen sie fast immer ihre eigenen Wege gehen, die nicht selten ungesetzmäßige sind. So hört man von den 'Azam Zadēh oft eine alte, böse Geschichte erzählen, die, soviel ich erfahren konnte, auch von der Familie nicht in Abrede gestellt wird. In alten Zeiten lebte ein 'Azam, der, wie weiland König Ahab, nach seines Nachbars Weinberg trachtete, den sein Eigentümer nicht verkaufen wollte. Da schmiedete der große Mann einen Plan. Er ließ einen seiner Sklaven töten, in Stücke schneiden und nicht zu tief in eine Ecke des umstrittenen Besitztums einscharren. Nach einer angemessenen Zeit sandte er seinem Nachbar folgende Botschaft: »Du hast mich oft eingeladen, mit Dir in Deinem Garten Kaffee zu trinken. Ich werde kommen, halte alles bereit!« Der Mann freute sich der Herablassung und richtete ein Fest zu. Der festgesetzte Tag erschien, und mit ihm Fürst 'Azam. Das Mahl sollte in einer Laube eingenommen werden, der Gast aber gab vor, der gewählte Platz sage ihm nicht zu, und führte seinen Wirt gerade an die Stelle, wo der Sklave begraben lag. Der Hausherr erhob Einspruch, da es ein unschöner Winkel in der Nähe des Abraumhaufens war, 'Azam aber behauptete, daß es ihm hier gefiele, und das Fest nahm seinen Anfang. Plötzlich erhob der Gast den Kopf mit der Bemerkung: »Hier herrscht ein eigner Geruch!« »Gnädigster Herr,« entgegnete der Wirt, »er kommt von dem Abraumhaufen.« Der andere aber behauptete: »Nein, das ist etwas anderes!« rief seinen Diener und ließ an der Stelle, wo er saß, die Erde aufgraben. Man fand den gevierteilten Körper des Sklaven und erkannte ihn. Der Eigentümer des Gartens wurde unter Anklage des Mordes verhaftet und gebunden und mußte all seine Güter als Buße hergeben.
Wie Kbēs sagte, wurden auch jetzt noch solch gewaltsame Mittel voll Ungerechtigkeit angewendet. Erst ganz kürzlich waren aus einem 'Abd ul Kādir el 'Azam gehörigen Laden in dem gerade unter meinen Zelten liegenden Stadtviertel Zwiebeln gestohlen worden.
Tekyah Killānijjeh, Hamāh.
Da kamen 'Abd ul Kādirs Diener zu dem Bezirksscheich und verlangten von ihm das Eigentum ihres Herrn zurück; da er nichts von der Angelegenheit wußte und ihnen den Dieb nicht bezeichnen konnte, ergriffen sie ihn und seinen Sohn, wobei letzterer durch eine Kugel an der Hand verwundet wurde, schleppten sie an das Flußufer, entkleideten sie, schlugen sie fast zu Tode und überließen es dann ihnen selbst, sich wieder nach Hause zu finden. Der Vorfall wurde in ganz Hamāh bekannt, die Regierung tat aber keine Schritte zur Bestrafung 'Abd ul Kādirs. Ich stattete auch dem Hause Chālid Beg 'Azams einen Besuch ab, welches das prächtigste der ganzen Stadt und ebenso schön wie das berühmte Azamhaus in Damaskus ist. Chālid zeigte mir alle Räume. Jeder Zoll war mit einer endlosen Mannigfaltigkeit arabischer Muster in Stuck, Holzschnitzerei oder Mosaik bedeckt. Die Zimmer öffneten sich alle auf einen Hof, der von einem Säulengang in bester arabischer Arbeit umgeben war. Ein Springbrunnen plätscherte in der Mitte, Töpfe blühender Ranunkeln und Narzissen schmückten die Ecken. Die Frauen des Hauses Azam genießen einen noch größeren Ruf als die prächtigen Räume, die ihnen zur Wohnung dienen: sie gelten für die schönsten in ganz Hamāh.
Auch die Killānis besuchte ich in ihrem reizenden Heim am Orontes, der Tekyah Killānijjeh. Es enthält ein Mausoleum, in dem drei ihrer Vorfahren begraben liegen, und Räume, die auf den Fluß hinausblicken, und die von dem lieblichen Rauschen eines persischen Mühlrades erfüllt sind. Von hier aus ging ich zu dem Muteserrif, einem alten, fast bis zur Erde gekrümmten Manne, der keiner anderen als der türkischen Sprache mächtig ist. Es war mir eine große Erleichterung, zu finden, daß er mir wegen meines ungebührlichen Betragens der Wache gegenüber nicht zürnte. Auf unsrer Heimkehr zum Frühstück begegneten wir einem weißgekleideten Afghanen, mit Namen Derwisch Effendi. Er hielt den Stationsvorsteher an, um sich nach mir zu erkundigen; nachdem er erfahren, daß ich Engländerin sei, näherte er sich mir mit lächelndem Gruß und sagte auf Persisch: »Die Engländer und die Afghanen sind gute Freunde.« Er war tatsächlich mindestens ebenso gut wie das britische Volk — wenn nicht noch besser — über die Besuche und Höflichkeitsformeln unterrichtet, die zwischen Kabul und Kalkutta ausgetauscht worden sind. Und die Moral von diesem Zwischenfall (sie kam in einem langen, ermüdenden, aber höchst herzlichen Besuche Derwisch Effendis ans Licht) ist, daß alles, was im entferntesten Winkel Asiens geschieht, fast unmittelbar danach schon an den entgegengesetzten Enden bekannt ist. Ohne sich der Übertreibung schuldig zu machen, kann man behaupten, daß der englische Tourist in den Straßen von Damaskus vor Spott nicht sicher ist, sobald ein englisches Heer an den Grenzen von Afghanistan geschlagen worden ist. Islam heißt das Band, das die westlichen und zentralen Teile des asiatischen Kontinents verbindet und wie ein elektrischer Strom die Übertragung der Gefühle vermittelt, und die Stärke dieses Bandes wird noch durch die Tatsache vergrößert, daß wenig oder gar kein auf ein bestimmtes Landgebiet beschränktes Nationalbewußtsein ihm entgegenwirkt. Kein Perser oder Türke würde in dem Sinne »mein Vaterland« sagen oder auch nur denken, wie z. B. der Deutsche oder Engländer; sein Patriotismus beschränkt sich auf die Stadt, wo er geboren ist, oder höchstens auf den Distrikt, zu dem sie gehört. Fragst du ihn, welcher Nationalität er angehört, so wird er antworten: »Ich stamme aus Ispahan«, oder »Ich stamme aus Konia«, je nachdem, und der Syrer gibt dir den Bescheid, daß Damaskus oder Aleppo seine Heimat ist. Ich habe bereits erklärt, daß Syrien lediglich ein geographischer Begriff ist, dem kein nationales Bewußtsein in der Brust seiner Bewohner entspricht. Wer dem Gespräch in den Bazars lauscht oder dem Ladeninhaber, dessen Geschäft in enger Beziehung zu den lokalen Verhältnissen solcher Distrikte steht, die sehr weit von seinem Ladentisch liegen, oder auch den Maultiertreibern, die so unendlich mehr als ihre Lasten von Stadt zu Stadt tragen, dem wird Asien durch die engsten Bande der Verwandtschaft verknüpft erscheinen, und er wird fühlen, daß jedes Detail der auswärtigen Politik Europas, berühre sie nun China oder einen beliebigen Ort, mehr oder minder genau vor dem Schiedsgericht der öffentlichen Meinung erwogen wird. Es ist nicht Sache der Reisenden, die Gerüchte hören, ihre Schlüsse zu ziehen. Wir können nichts tun, als dem Wißbegierigen das zu wiederholen, was denen, die sich um unser Lagerfeuer scharen oder mit uns Steppen und Bergland durchziehen, vom Munde fließt, denn ihre Worte sind in der Strömung der arabischen Politik wie Strohhalme, die uns anzeigen, nach welcher Richtung die Wellen fluten. Die Erfahrung hat sie mit dem Inventar und dem Wortschatz der hohen Staatskunst bekannt gemacht. Sie sind vertraut mit den Begriffen von Krieg und Unterhandlung, von Vertrag und langgehegter und sorgfältig verborgener Rache. Ob sie nun den Ausgang einer Blutfehde oder die Folgen internationaler Eifersucht besprechen, meist ist ihr Urteil richtig, fast immer treffen sie mit ihren Vermutungen ins Schwarze.
Meiner Erfahrung nach scheint der englische Name hier momentan schwerer ins Gewicht zu fallen, als noch vor kurzem. Zwischen jetzt und vor fünf Jahren, wo gerade der Burenkrieg in seinem unglücklichsten Stadium stand, bemerkte ich einen gewaltigen Unterschied in der allgemeinen Haltung uns gegenüber. Dieser Stimmungswechsel hat, soviel ich den Gesprächen, deren Zeuge ich war, entnehmen konnte, seinen Grund weniger in unserem Siege in Südafrika, als vielmehr in Lord Cromers trefflicher Verwaltung Ägyptens, sowie in Lord Curzons Politik am persischen Golf und in unserm Bündnis mit den siegreichen Japanern.
Als ich endlich von der Gegenwart des Afghanen wieder befreit war und allein auf dem Grassaum saß, der mein Zelt von der Hunderte von Fuß unter mir liegenden Stadt trennte, fuhr eine Person von Bedeutsamkeit vor, um mir ihre Achtung zu erweisen. Es war der Mufti Mohammed Effendi. In seiner Begleitung befand sich ein kluger Mann aus Bosra el Harīr im Haurān, der Cypern bereist hatte und viel (wenn auch nicht gerade Gutes) über unsre Regierungsverwaltung dort zu sagen wußte. Der Mufti war ein Mann vom selben Typus wie der Kādi von Homs und der Scheich Nakschibendi, der scharfsichtige Asiate, dessen vornehme Gesichtszüge einigermaßen durch eine gewisse Schlauheit, die sich bis zur Verschlagenheit steigert, beeinträchtigt werden. Er ließ sich auf meinen besten Zeltstuhl nieder und bemerkte mit Genugtuung:
»Ich fragte: ‚Spricht sie Arabisch?’ und beorderte, als mir ‚Ja’ zur Antwort gegeben wurde, schnell meinen Wagen und kam.«
Kapitäl aus der Moschee Hamāh.
Die Unterhaltung drehte sich um Jemen, wohin er vor einigen Jahren gesandt worden war, um den Frieden nach dem letzten arabischen Aufstand wiederherzustellen. Er erzählte von seiner dreitägigen Reise durch die hinter der Küste liegenden dürren Wüsten, von den bewaldeten Gebirgen im Innern des Landes, wo es Winter und Sommer regnet, von den riesigen Trauben in den Weinbergen und der Mannigfaltigkeit der Früchte in den Obstgärten, von den Städten, die an Größe Damaskus gleichkamen und die durch gewaltige, tausendjährige Erdbefestigungen geschützt sind. Die Araber, sagte er, sind Städtebewohner, nicht Nomaden und verabscheuen die ottomanische Regierung so, wie sie nur an wenig Orten verabscheut wird. Wenn die Heere des Sultans gegen sie anrücken, pflegen sie in die Gebirge zu fliehen, wo sie sich, nach der Meinung des Mufti, eine unbeschränkte Zahl von Jahren halten können. Darin aber hat er unrecht: wenige Monate schon brachten den türkischen Truppen, dank ihrer kühnen Führerschaft und ihrer langen Ausdauer bei Wüstenmärschen, den Sieg: der Aufstand schlug fehl wie so viele andere, weil die arabischen Stämme einander noch grimmiger hassen als die Osmanen. Aber wie alle unterdrückten Empörungen in der Türkei, so ist auch diese letztere schon wieder aufgelodert. Vom Mufti hörte ich auch, daß man in Hamāh allerorten unter dem Flußbett auf altes Mauerwerk stößt.
Ihm folgte mein Freund, der türkische Telegraphenbeamte, der sich über mein schönes Lager freute, und diesem der Muteserrif, der ängstlichen unsicheren Ganges vom Wagen durch meine Zelttaue schritt. Er lieh mir seine Equipage, damit ich die auf dem östlichen Ufer des Orontes liegenden Stadtteile besichtigen konnte, und so fuhren Kbēs und ich mit zwei Vorreitern davon, die ganz außergewöhnlicherweise nicht mit Lumpen bedeckt waren. Das Ostviertel, Hādir genannt, ist vornehmlich das Beduinenviertel, das städtische Arabisch ist hier von dem rauhen Wüstendialekt verdrängt worden, und die Bazare sind mit Arabern gefüllt, die Kaffee, Tabak und gestreifte Gewänder einhandeln. Dieser Stadtteil birgt eine schöne, kleine, verfallne Moschee, die nach den gewundenen Säulen ihrer Fenster El Hayyāt, Schlangenmoschee, genannt ist, und die seldschukischen Ursprungs sein soll. Am Nordende des Hofes befindet sich ein Raum mit dem Marmorsarkophag des berühmten Geographen Abu'l Fīda, Prinzen von Hamāh. Er starb im Jahre 1331; sein Grab trägt eine schöne Inschrift, die das Datum nach der Zeitrechnung der Hedschra wiedergibt.
Für den Abend hatte ich den Stationsvorsteher, den syrischen Arzt Sallum und den griechischen Priester zum Diner eingeladen. Wir unterhielten uns bis spät, eine zwar ungleichartige aber doch übereinstimmende Gesellschaft. Sallum hatte die amerikanische Universität in Beirut absolviert, von wo alle die großen und kleinen praktizierenden Ärzte kommen, die über Syrien verstreut sind. Er war Christ, freilich von ganz andrer Anschauung wie der Priester, und Kbēs repräsentierte eine dritte Art Glaubenslehre. Im ganzen herrschte, wie der Priester konstatierte, wenig direkt christenfeindliche Gesinnung in Hamāh, freilich auch nicht viel Achtung vor seinem Gewand; hatten doch am selben Tage, während seines Ganges durch die Stadt, ein paar mohammedanische Frauen Steine vom Dach auf ihn herabgeworfen und dazu geschrieen: »Hund von einem Christenpriester!« Kbēs erörterte die Vorteile der neuen Eisenbahn (meiner Meinung nach ein sehr schlechtgeleitetes Unternehmen) und behauptete, daß Hamāh zweifellos Nutzen daraus gezogen hätte. Die Preise waren in den letzten zwei Jahren in die Höhe gegangen, das Fleisch, das so wenig Absatz gefunden hatte, wurde nach Beirut und Damaskus hinabgesandt. Er selbst hatte zu Beginn seines Aufenthaltes zu Hamāh für ein Schaf einen Frank gegeben, jetzt mußte er zehn bezahlen.
Der Muteserrif von Hamāh versah mich mit dem besten Zaptieh, den ich während all meiner Reisen gehabt habe. Hadj Mahmūd war ein großer, breitschulteriger Mann; er hatte zu des Sultans Leibwache in Konstantinopel gehört und die große Wallfahrt dreimal mitgemacht, einmal als Pilger, die beiden anderen Male als Soldat in der Eskorte. Zehn Tage lang ritt er mit mir und hat mir in dieser Zeit in der schönen, blumenreichen Sprache, deren er Meister war, mehr Geschichten erzählt, als ein ganzer Band fassen kann. Da er bereits mit einem deutschen Archäologen gereist war, kannte er die seltsame Vorliebe der Europäer für Ruinen und Inschriften. Bezüglich des deutschen Gelehrten erzählte er einst:
»In Kal'at el Mudīk sprach ich zu ihm: ‚Wenn Sie gern einen Stein sehen möchten, auf dem ein Roß mit seinem Reiter eingeschrieben ist, beim Lichte Gottes! ich kann Ihnen einen solchen zeigen.’ Er hat sich sehr darüber gewundert und hat mich mit Geld belohnt. Bei Gott und Mohammed, dem Propheten Gottes! Ihre Augen sollen den Stein auch schauen, meine Dame!«
Ein Kapitäl, Hamāh.
Diese Entdeckung Mahmūds war viel merkwürdiger, als man auf den ersten Blick denken sollte, denn unser Suchen nach Altertümern wird am meisten dadurch erschwert, daß die Eingeborenen, besonders in den entlegeneren Gegenden, eine Skulptur nicht als solche erkennen, wenn sie sie sehen. Es ist vielleicht nicht so besonders verwunderlich, daß sie den Unterschied zwischen einer Inschrift und den natürlichen Sprüngen oder den Spuren der Verwitterung auf einem Stein nicht herausfinden, aber man erschrickt förmlich, wenn man auf die Frage, ob Steine mit Menschen- oder Tierfiguren in der Nähe sind, zur Antwort erhält: »Wāllah, wir wissen nicht, wie eine Menschenfigur aussieht!« Und zeigst du den Leuten ein Stück Relief mit deutlichen Gestalten darauf, so behaupten sie nicht selten, keine Ahnung zu haben, was das Bildwerk darstellen soll.
Mahmūds merkwürdigster Reisegefährte war ein Japaner gewesen, den, wie ich später erfuhr, seine Regierung ausgesandt hatte, um die Bauweise in den östlichen Teilen des alten römischen Reiches zu studieren und darüber zu berichten — für derartige Forschungen also fanden die Japaner selbst in ihren Kriegsnöten Muße. Der kleine Mann, dessen Landsleute den gefürchteten Russen den Sieg entrissen, hatte Mahmūds Neugier augenscheinlich in hohem Grade erregt.
»Den ganzen Tag lang ritt er, und nachts schrieb er in seine Bücher. Er aß nichts als ein Stück Brot und trank Tee dazu, und wenn er einmal etwas verneinen wollte, so sagte er (er konnte weder Arabisch noch Türkisch): ‚Noh! Noh!’ Und das ist Französisch,« schloß Mahmūd.
Mein Einwand, daß das nicht Französisch, sondern Englisch sei, gab ihm Stoff zum Nachdenken; nach einer Weile fügte er hinzu:
»Vor dem Krieg hatten wir den Namen der Japaner noch nicht gehört, aber beim Angesicht der Wahrheit! die Engländer kannten sie.«
Zwischen Hamāh und Kal'at el Seidjar beschreibt der Orontes einen Halbkreis; wir folgten der Sehne des Bogens und durchritten dieselbe schwach angebaute Fläche, die ich bereits auf meinem Wege von Masjād gekreuzt hatte. Sie war mit Dörfern aus bienenkorbähnlichen Erdhütten bestreut, wie man sie auf dem ganzen Wege nach Aleppo in der Ebene findet, sonst aber nirgends; sie ähneln höchstens den Dörfern die man auf den Abbildungen zentralafrikanischer Reisebeschreibungen sieht. Sobald ein Bauer reicher wird, baut er an seine Wohnung einen neuen Bienenkorb an, und noch einen und noch einen, bis ein Dutzend und mehr seinen Hof umstehen. In einigen wohnt er und seine Familie, andre bergen das Vieh, einer ist seine Küche, ein andrer die Scheune. In der Ferne sahen wir das Dorf 'Al Herdeh liegen, das, wie Mahmūd sagte, von Christen bewohnt war, die früher alle dem griechischen Bekenntnis angehörten. Die Einwohner lebten friedlich und erfreuten sich guten Wohlstandes, bis sie das Unglück hatten, von einem Missionar entdeckt zu werden, der Traktate verteilte und gegen 60 Personen zur englischen Kirche bekehrte. Seither war es aus mit dem Frieden; keinen Augenblick hatte der Streit in 'Al Herdeh aufgehört. Im Weiterreiten erzählte Mahmūd allerlei von den Ismailiten und den Nosairijjeh. Von den ersteren wußte er zu berichten, daß sich in jedem Hause eine Photographie des Agha Chān befindet, aber daß es die Frau ist, der sie Verehrung zollen. Jedes am 27. Radschab geborne Kind weiblichen Geschlechts wird abgesondert und für eine Fleischwerdung dieser Gottheit gehalten. Das Mädchen heißt Rōzah. Sie arbeitet nicht, ihre Haare und Nägel werden nie verschnitten, auch ihre Familie zollt ihr die Achtung, die ihr gebührt, und jeder Mann aus dem Dorfe trägt in den Falten seines Turbans ein Stück ihres Kleides oder ein Haar von ihrem Körper. Sie darf nicht heiraten.
»Aber,« warf ich ein, »wenn sie nun heiraten möchte?«
»Das ist unmöglich,« erwiderte er, »niemand würde sie mögen, denn welcher Mann könnte wohl Gott heiraten?«
Man weiß, daß die Sekte im Besitz heiliger Bücher ist, aber bisher ist noch keins in die Hände europäischer Gelehrter gefallen. Mahmūd hatte eins gesehen und gelesen — es sang den Preis der Rōzah und beschrieb sie in lauten Lobeserhebungen bis ins einzelste. Die Ismailiten[9] lesen auch den Koran. Mahmūd erzählte noch manche andere Dinge, die ich, wie Herodot, zum Wiedererzählen nicht für geeignet halte. Ihr Glaubensbekenntnis scheint sich aus einer dunklen Erinnerung an den Astartedienst herzuleiten, oder aus jenem ältesten und allgemeinsten Kultus, der Verehrung einer mütterlichen Gottheit; der Vorwurf der Unanständigkeit aber, der ihrer Religion gemacht wird, ist, wie ich glaube, unbegründet.
[9] In der heimischen Sprache ist der Plural von Ismaili Samawīleh. Ich weiß nicht, ob das die Schriftform ist, jedenfalls habe ich sie überall gehört.
Von den Nosairijjeh wußte Mahmūd viel zu sagen, denn er war in ihren Bergen wohl bekannt. Hatte er doch viele Jahre lang unter den Anhängern dieser Sekte die Kopfsteuer einsammeln müssen. Sie sind Ungläubige, behauptete er, die weder den Koran lesen noch Gottes Namen kennen. Er erzählte eine wunderbare Geschichte, die ich hier wiedergeben will, wenn sie auch nicht viel wert ist.
»O meine Dame, es war einst im Winter, als ich die Steuern erhob. Nun feiern die Nosairijjeh im Monat Kānūn el Awwal (Dezember) ein Fest, das in dieselbe Zeit fällt wie das Christenfest (Weihnachten), und als ich am Tage vorher mit zwei anderen durch das Gebirge ritt, fiel so viel Schnee, daß wir nicht vorwärts konnten, und im nächsten Dorfe, und zwar im Hause des Dorfscheichs, Zuflucht suchen mußten. Denn es gibt überall einen Dorfscheich, meine Dame, und einen Glaubensscheich, und die Leute werden in Eingeweihte und Uneingeweihte eingeteilt. Aber die Frauen wissen nichts von den religiösen Geheimnissen, denn bei Gott! eine Frau kann kein Geheimnis bewahren. Der Scheich empfing uns gastfrei und gewährte uns Quartier; aber als wir am andern Morgen erwachten, da war im ganzen Hause kein Mann, nichts als Frauensleute. Und ich rief aus: ‚Bei Gott und Mohammed, dem Propheten Gottes! Was ist das für eine Gastfreundschaft? Ist kein Mann da, den Kaffee zu kochen, sondern nur Frauen?’ Und sie erwiderten: ‚Wir wissen nicht, was die Männer machen, sie sind alle in das Haus des Glaubensscheichs gegangen, und wir dürfen nicht hinein.’ Da erhob ich mich, schlich zu dem Hause und spähte durchs Fenster. Bei Gott! Die Eingeweihten saßen im Zimmer, im Kreis um den Glaubensscheich, der vor sich eine Schale mit Wein und einen leeren Krug hatte. Und er stellte leisen Tones Fragen an den Krug, und — bei dem Lichte der Wahrheit! — ich hörte, wie der Krug mit einer Stimme Antwort gab, die da sagte: Bl... bl... Das war ohne Zweifel Zauberei, meine Dame! Und während ich noch hineinschaute, erhob einer den Kopf und sah mich. Da kamen sie aus dem Haus gelaufen, packten mich und würden mich geschlagen haben, hätte ich nicht gerufen: ‚O Scheich, ich bin dein Gast!’ Schnell trat der Glaubensscheich dazu und erhob seine Hand, und augenblicklich ließen mich alle los, die Hand an mich gelegt hatten. Er aber fiel mir zu Füßen, küßte meine Hände sowie den Saum meines Gewandes und sagte: ‚O Hadji, wenn du versprichst, nicht weiter zu sagen, was du gesehen hast, will ich dir zehn Medschides geben!’ Und bei Gottes Propheten (Friede sei mit ihm), ich habe nichts davon erzählt, bis auf den heutigen Tag!«
Kal'at es Seidjar.
Ein vierstündiger Ritt brachte uns nach Kal'at es Seidjar. Die Burg steht auf einem langgezogenen Bergrücken, der durch einen künstlichen Einschnitt in der Mitte unterbrochen ist und steil nach dem Orontes hin abfällt. Letzterer läuft hier in einem schmalen Bett zwischen Felswänden dahin. Die Burgmauern, die die Anhöhe zwischen dem Flusse und dem Einschnitt krönen, bieten von unten gesehen einen prächtigen Anblick. Am Fuße des Hügels liegt ein kleines Dorf aus Bienenkorbhütten. Der Unmenge behauener Steine nach zu urteilen, die auf dem grasigen Nordabhang verstreut liegen, muß sich früher hier die seleucidische Stadt Larissa befunden haben. Ich errichtete meine Zelte am äußersten Ende der Brücke in einem Aprikosenhain, der in weißem Blütenschnee stand und von dem Summen der Bienen erfüllt war. Anemonen und scharlachrote Ranunkeln bedeckten den Grasboden. Das Kastell ist Eigentum des Scheich Ahmed Seidjari, in dessen Familie es sich bereits seit drei Jahrhunderten befindet. Er und seine Söhne bewohnen einige kleine, moderne, aus alten Steinen erbaute Häuser inmitten der Festungswerke. Ihm gehört auch ein ziemlich großer Grundbesitz sowie ungefähr ein Drittel des Dorfes, in das Übrige teilen sich die Killānis von Hamāh und die Smātijjeh-Araber zu ungleichen Teilen. Die letzteren sind ein halbnomadischer Stamm und bewohnen im Winter feste Häuser. Mustafa Barāzi hatte mir einen Empfehlungsbrief an Scheich Ahmed mitgegeben, und obgleich Mahmūd der Meinung war, daß ich ihn infolge eines langwierigen Streites zwischen den Seidjari und den Smātijjeh kaum in der Burg finden würde, kletterten wir doch zu dem Tore hinauf. Wir gingen dann einen Weg entlang, der wie der Aufgang zu Kal'at el Husn Spuren einer Überwölbung zeigte, und gelangten über Berge von Ruinen an die moderne Niederlassung, die der Scheich bewohnt. Auf meine Frage nach seinem Hause wies man mich nach einem großen Holztor, das abschreckend fest verschlossen war. Ich klopfte und wartete, Mahmūd klopfte lauter, und wir warteten abermals. Endlich öffnete eine sehr schöne Frau einen Laden über uns in der Mauer und fragte nach unserm Begehr. Ich berichtete, daß ich einen Brief von Mustafa an Ahmed hätte und verlangte, ihn zu sehen. Sie erwiderte:
»Er ist nicht da.«
Ich sagte: »Kann ich seinen Sohn begrüßen?«
»Sie können ihn nicht sehen,« gab sie zur Antwort, »er sitzt, des Mordes angeklagt, im Gefängnis zu Hamāh.«
Damit schloß sie den Laden. Während ich mir noch überlegte, welche Handlungsweise mir der gute Ton in dieser kritischen Lage vorschrieb, kam ein Mädchen an das Tor und öffnete es eine Hand breit. Ich gab ihr den Brief und meine in Arabisch geschriebene Karte, murmelte ein paar Worte des Bedauerns und entfernte mich. Mahmūd versuchte mir die Sache zu erklären. Es war eine jener langen Geschichten, ohne Anfang und Ende, wie man sie im Orient hört, die auch nicht den geringsten Hinweis bieten, welcher Gegner im Recht ist, sondern nur eine überzeugende Wahrscheinlichkeit, daß sie alle beide unrecht haben. Die Smātijjeh hatten den Seidjari Vieh gestohlen, darauf waren die Söhne des Scheichs in das Dorf hinabgegangen und hatten zwei Araber getötet — in der Burg freilich hieß es, sie wären von den Arabern überfallen worden, und hätten sie in der Notwehr getötet. Die Regierung aber, die immer die halbe Unabhängigkeit der Scheichs mit scheelen Augen betrachtet, hatte die Gelegenheit ergriffen, den Seidjari eins zu versetzen, gleichviel, ob sie schuldig oder nicht; es waren Soldaten von Hamāh gekommen, einen von Ahmeds Söhnen hatten sie hingerichtet, zwei weitere befanden sich noch im Gefängnis, und alles Vieh war fortgetrieben worden. Die übrigen Familienglieder aber durften die Burg nicht verlassen, konnten es in der Tat auch nicht, denn an den Toren standen die Smātijjeh, bereit, ja begierig, jeden zu töten, der sich über die Mauern herauswagte. Die also Bedrängten hatten Hamāh um Schutz angerufen, es war auch ein Posten von ungefähr zehn Soldaten am Flusse aufgestellt worden; ob sie das Leben der Scheichs behüten oder aber sie in noch strengerem Gewahrsam halten sollten, dürfte schwer zu entscheiden sein. Diese Vorkommnisse lagen bereits zwei Jahre zurück; seit der Zeit waren die Seidjari teils in Hamāh, teils in ihrem eigenen Hause Gefangene. Sie konnten die Bestellung ihrer Äcker nicht beaufsichtigen, die indessen der Verwahrlosung entgegengingen. Überdies schien keine Aussicht auf Verbesserung der Lage. Am Spätnachmittag erschien ein Bote mit der Nachricht, daß Ahmeds Bruder, 'Abd ul Kādir, sich freuen würde, mich empfangen zu können, und daß er selbst zu meiner Bewillkommnung kommen würde, wenn er die Burg verlassen dürfte. Ich begab mich also noch einmal, diesmal ohne Mahmūd, hinauf, und mußte die ganze Geschichte jetzt wieder vom Standpunkte der Scheichs hören, was mir auch nicht zur Klarheit verhalf, da sie gerade in den Hauptpunkten ganz verschieden von dem war, was mir Mahmūd erzählte.
Die einzige unbestreitbare Tatsache (und sie gehörte jedenfalls gar nicht so wenig zur Sache, wie man denkt) war, daß die Frauen der Seidjari sich außerordentlicher Schönheit rühmen konnten. Sie trugen dunkelblaue Beduinengewänder, aber die von ihren Häuptern herabhängenden blauen Tücher wurden an den Schläfen von schweren Goldornamenten gehalten, die den Plaketten des mycenischen Schatzes ähnelten. Obgleich ihre Gesellschaft sich sehr angenehm erwies, mußte ich doch meinen Besuch abkürzen der vielen Flöhe wegen, die die Gefangenschaft der Familie teilten. Zwei der jüngeren Frauen geleiteten mich durch die Burgruinen zurück, hielten aber inne, sobald wir das äußere Tor erreichten, und sahen mich, auf der Schwelle stehend, an.
»Allah!« sagte die eine, »Sie ziehen aus, die ganze Welt zu durchreisen, und wir sind noch nie in Hamāh gewesen!«
Noch sah ich sie im Torweg, als ich mich wandte, ihnen ein Lebewohl zuzuwinken. Groß und stattlich, voll geschmeidiger Anmut standen sie da in den enganliegenden blauen Gewändern, dem goldgeschmückten Haar und ließen ihre Augen über den Pfad schweifen, den sie nicht betreten durften. Denn was auch mit den Scheichs geschehen mag, nichts ist sicherer, als daß so liebliche Frauen, wie jene beiden, von ihren Herren auch weiter in Kal'at es Seidjar gefangen gehalten werden.
Kal'at es Seidjar, der Einschnitt im Bergrücken.
Am nächsten Tage ritten wir durch Kulturland nach Kal'at el Mūdik, eine kurze Strecke von kaum vier Stunden. Obgleich wir mehrmals auf die Spuren verfallner Städte stießen, — ich erinnere mich besonders einer in der Nähe des Weilers Scheich Hadīd liegenden, in der sich ein Schuttberg vorfand, der eine Akropolis gewesen sein mochte — wäre die Reise ohne Mahmūds Erzählungen doch sehr uninteressant gewesen. Er beschrieb die charakteristischen Eigentümlichkeiten der vielen verschiedenen, das türkische Kaiserreich bildenden Völkerschaften, von denen ihm die meisten bekannt waren. Als er zu den Zirkassiern kam, stellte es sich heraus, daß er meine Abneigung gegen dieselben teilte.
»Oh meine Dame,« sagte er, »sie wissen nicht, wie man für empfangene Güte dankt. Der Vater verkauft seine Kinder, und die Kinder würden ihren Vater töten, wenn er Gold im Gürtel hätte. Als ich einst von Tripoli nach Homs ritt, traf ich in der Nähe der Karawanserei — Sie kennen den Ort — einen einsam dahinwandernden Zirkassier. ‚Friede sei mit dir!’ rief ich, ‚warum gehst du zu Fuß?’ Denn das tut der Zirkassier nie. Er erwiderte: ‚Mein Pferd ist mir gestohlen worden, und nun ziehe ich voller Angst diese Straße.’ ‚Komm mit mir,’ sprach ich, ‚so wirst du sicher nach Homs gelangen.’ Aber ich ließ ihn vor meinem Pferde hergehen, denn er trug ein Schwert, und man weiß nie, was ein Zirkassier tut, wenn man ihn nicht im Auge behält. Nach einer Weile kamen wir an einem alten Manne vorüber, der auf dem Felde arbeitete. Der Zirkassier lief hin, sprach mit ihm und zog sein Schwert, als gedächte er ihn zu töten. ‚Laß ihn gehen,’ sprach ich, ‚ich will dir zu essen geben.’ Und ich teilte mit ihm alles, was ich hatte, Brot, Konfekt und Orangen. Wir zogen weiter, bis wir einen Strom erreichten. Da ich durstig war, stieg ich von meinem Tier, hielt es am Zügel und beugte mich nieder, um zu trinken. Plötzlich aufblickend aber sah ich, daß der Zirkassier den Fuß in den Steigbügel auf der mir abgekehrten Seite meines Pferdes gesetzt hatte, denn er wollte es besteigen und davonreiten! Und bei Gott! war ich nicht wie Vater und Mutter gegen ihn gewesen? Deshalb schlug ich ihn mit meinem Schwert, daß er zu Boden fiel. Dann band ich ihn, brachte ihn nach Homs und übergab ihn der Regierung. Das ist die Art der Zirkassier. Möge Gott ihnen fluchen!«
Ich befragte ihn über den Weg nach Mekka und über die Mühsalen, die die Pilgrime unterwegs zu erdulden haben.
»Beim Angesichte Gottes! sie leiden,« rief er. »Zehn Wegstrecken von Ma'ān nach Medā'in Sāleh, zehn von dort nach Medina und abermals zehn von Medina nach Mekka, und diese letzten sind die schlimmsten, denn der Scherif von Mekka hat sich mit den Araberstämmen verbündet; die Araber berauben die Pilgrime und teilen die Beute mit dem Scherif. Auch sind diese Wegstrecken nicht wie die Strecken der vornehmen Reisenden, denn manchmal liegen 15 Stunden zwischen den Wasserstellen, manchmal auch 20, und der letzte Marsch vor Mekka beträgt 30 Stunden. Nun bezahlt die Regierung zwar die Stämme dafür, daß sie die Pilgrime ungehindert ziehen lassen, aber wenn sie hören, die Hadji kommen, stellen sie sich auf die Höhen längs der Straße und rufen dem Amir zu: ‚Gib uns, was uns gehört, Abd ur Rahmān Pascha!’ Und er gibt einem jeden nach seinem Recht, dem einen Geld, dem anderen eine Pfeife Tabak, dem dritten Tuch oder einen Mantel. Aber mehr noch als die Pilger haben die Hüter der Forts zu leiden, die zur Bewachung der Wasserstellen längs des Weges errichtet sind. Jedes dieser Forts gleicht einem Gefängnis. Als ich einst der militärischen Eskorte zuerteilt war, wurde mein Pferd unterwegs krank und konnte nicht weiter, und ich mußte in einem der Forts zwischen Medā'in Sāleh und Medīna bleiben, bis der Zug zurückkehrte. Sechs Wochen und länger wohnte ich bei dem Hüter des Forts, und wir sahen keinen Menschen. Wir aßen und schliefen in der Sonne, dann aßen und schliefen wir wieder, denn aus Furcht vor den Howeitāt und den Beni Atijjeh, die in Fehde miteinander lagen, konnten wir nicht ausreiten. Und der Mann hatte zehn Jahre da gelebt und sich noch keine Viertelstunde weit von dem Orte entfernt, da er die Vorräte hüten muß, die zur Versorgung vorüberziehender Mekkapilger in den Forts aufgespeichert liegen. »Beim Propheten Gottes,« sagte Mahmūd und machte eine Handbewegung von der Erde nach dem Himmel zu, »zehn Jahre hatte er nichts als die Erde und Gott gesehen! Er hatte einen kleinen Sohn, der war taubstumm, seine Augen aber waren schärfer als die irgend jemandes, und er hielt den ganzen Tag Umschau von der Spitze des Turmes. Eines Tages kam er zu seinem Vater gelaufen und machte Zeichen mit der Hand; da wußte der Vater, daß er eine Räuberbande von fern gesehen hatte. Wir eilten hinein und schlossen die Tore. Und die Reiter, 500 Beni Atijjeh, kamen heran, tränkten ihre Tiere und verlangten Speise. Wir wagten aber nicht zu öffnen, sondern warfen ihnen Brot hinaus. Während sie noch aßen, kam eine Räuberhorde der Howeitāt über die Steppe herangesprengt, und sie begannen unter den Mauern des Forts miteinander zu kämpfen. Bis zur Stunde des Abendgebetes fochten sie, dann ritten die Überlebenden davon und ließen ihre Toten, 30 an der Zahl, zurück. Die ganze Nacht blieben wir hinter verschlossenen Türen, im Morgengrauen aber gingen wir hinaus, die Toten zu begraben. Immer noch besser aber ist es, in einer Festung an der Haddjstraße zu wohnen,« fuhr Mahmūd fort, »als Soldat in Jemen zu sein, denn dort bekommen die Soldaten keine Löhnung und nicht genug Nahrung, um davon leben zu können, und die Sonne brennt wie Feuer. Wenn einer in Jemen sich im Schatten befindet und sieht eine Börse mit Gold in der Sonne liegen, bei Gott! er geht nicht hinaus sie aufzuheben, denn die Hitze draußen gleicht der Glut der Hölle. Oh, meine Dame, ist es wahr, daß die Soldaten in Ägypten Woche für Woche und Monat für Monat ihre Löhnung bekommen?«
Ich erwiderte, daß das wohl der Fall sein dürfte, da es im englischen Heere so gebräuchlich wäre.
»Uns,« sagte Mahmūd, »bleibt man den Sold gewöhnlich ein halbes Jahr schuldig, und von der Löhnung von zwölf Monaten werden uns oft nur sechs Monate ausgezahlt. Wāllah! Ich hatte noch nie im Jahre mehr als die Bezahlung für acht Monate. Einmal,« fuhr er fort, »war ich in Alexandria — Mascha'llah, welch schöne Stadt! Häuser so groß wie Königsschlösser, und alle Straßen haben gepflasterte Seiten, auf denen die Leute gehen. Und hier sah ich einen Kutscher, der eine Dame des Fahrpreises wegen verklagte, und der Richter sprach ihm das Recht zu. Bei der Wahrheit! Hier bei uns pflegen die Richter anders zu handeln,« bemerkte Mahmūd nachdenklich und rief dann, schnell das Thema wechselnd: »Sehen Sie, meine Dame, dort ist Abu Sa'ad.«
Ich blickte auf und sah Abu Sa'ad über das gepflügte Feld dahinschreiten. Sein weißes Gewand war so fleckenlos, als ob er nicht gerade von einer Reise, ebenso lang wie Mahmūds, zurückgekehrt wäre, und seine schwarzen Ärmel lagen zierlich gefaltet an seiner Seite an. Ich beeilte mich, den Vater guter Vorbedeutung willkommen zu heißen, denn in Syrien gilt der erste Storch dasselbe, wie bei uns die erste Schwalbe. Er kann freilich ebensowenig wie eine Schwalbe Sommer machen, und so ritten wir denn diesen Tag in strömendem Regen nach Kal'at el Mudīk. Kal'at el Mudīk ist das Apamea der Seleuciden. Seleucus Nicator erbaute es, jener große Städtegründer, der so viele Städte zu Patenkindern hat, Seleucia am Calycadnus, Seleucia in Babylonien und andre. Obgleich es durch Erdbeben völlig in Trümmer gelegt ist, bekunden doch die genügend vorhandenen Ruinen seinen ehemaligen Ruhm: den weiten Umkreis seiner Mauern, die Zahl seiner Tempel, die Pracht seiner mit Säulen bestandenen Straßen. Von Tor zu Tor kannst du die Straßen nach den aufgehäuften Kolonnadentrümmern verfolgen, kannst nach den Steinpostamenten an den Kreuzungen der Straßen auf den Standort früherer Statuen schließen. Hier und da blickst du durch ein massives Tor ins Weite, der Palast, welchem es gedient hat, ist geschleift; oder ein bewaffneter Reiter dekoriert den Grabpfeiler, auf welchem die einstigen Taten seines Ahnen verzeichnet stehen. Die Christen nahmen das Werk auf, wo die Seleucidenkönige es abbrachen: an der Seite der Hauptstraße liegen die Ruinen einer großen Kirche und des mit Säulen umgebenen Hofes. Als ich zum Ärger der grauen Eulen, die blinzelnd auf den Steinhaufen saßen, im lauen Frühlingsregen durch Gras und Blumen dahinschritt, erschienen mir die Geschichte und die Architektur der Stadt wie ein Auszug aus der wunderbaren Verschmelzung zwischen Griechenland und Asien, die Alexanders Eroberungen zur Folge hatten. Ein griechischer König, dessen Hauptstadt am Tigris lag, hat hier eine Stadt am Orontes gegründet und sie nach seiner persischen Gemahlin benannt. Was für Bauherrn haben die Kolonnaden errichtet, die Kal'at el Mudīk, wie alle anderen Städte Syriens griechischer Färbung, in echt orientalischer Freigebigkeit mit klassischen Formen schmückten? Was für Bürger sind darin auf und ab gewandelt und haben Athen und Babylon die Hand gereicht?
Ein Kapitäl, Hamāh.
Der einzige unbewohnte Teil von Kal'at el Mudīk ist das Schloß selbst; es steht, wie die ehemalige Akropolis der Seleuciden, auf einem Hügel, der das Orontestal und die Berge von Nosairijjeh beherrscht. Obgleich viele Hände bei seinem Bau tätig gewesen sind, und griechische sowohl als arabische Inschriften durcheinander eingefügt sind, zeigt es doch in der Hauptsache arabische Bauweise. Südlich vom Schloß befindet sich der Überrest eines altertümlichen Baues, für den mir die Erklärung fehlt. Dem Anschein nach könnte er zu dem Proszenium eines Theaters gehört haben, denn die dahinterliegende Anhöhe ist ausgeschaufelt wie für ein zuhörendes Publikum. Man brauchte nur ein wenig nachzugraben, um zu erforschen, ob sich Sitzplätze unterhalb der Rasenfläche befinden. Das Tal weist die Ruinen einer Moschee und eine schöne, freilich auch halbverfallne Karawanserei auf. Der Scheich des Schlosses bewirtete mich mit Kaffee und gab dabei noch eine andre Version der Seidjari-Angelegenheit zum besten, die freilich mit keiner der beiden ersten im Einklang zu bringen ist, und ich beglückwünschte mich zu meinem längstgefaßten Entschluß, mich an die Lösung dieses verwickelten Problems nicht zu wagen. Von der Höhe des Schlosses aus schien das Orontestal ganz unter Wasser zu stehen. Der große 'Asī-Sumpf, sagte der Scheich, der im Sommer vertrocknet, wodurch dann diese Inseldörfer (so sah ich sie jetzt) wieder als Teil der Ebene auftreten. Ob sie ungesund sind? Ja, gewiß, das sind sie! Sommer wie Winter vom Fieber heimgesucht, die meisten Bewohner sterben jung — seht, wir sind Gottes, und zu Ihm kehren wir zurück. Zur Winters- wie zur Frühlingszeit liegen diese kurzlebigen Leute der Fischerei ob, sobald aber der Sumpf austrocknet, bebauen sie auf ihre eigne Weise das Land. Sie hauen das Schilf um, brennen die Fläche an und säen Mais darauf. Und der Mais schießt aus der Asche empor und wächst. In der Tat ein phönixartiger Betrieb von Landwirtschaft!
In Apamea wurden die vortrefflichen Kuchen alle, die ich in Damaskus gekauft hatte, — eine Sache, die ernst zu nehmen war, da der Mundvorrat einförmig zu werden drohte. Von allen Mahlzeiten zeigte sich das Frühstück am wenigsten verlockend, denn hartgekochte Eier und Stücke kalten Fleisches vermögen den Appetit nicht zu reizen, wenn man schon monatelang darin geschwelgt hat. Allmählich aber brachte ich Michaïl bei, unsre Kost mit den Produkten, die die Gegend lieferte, abwechslungsreicher zu gestalten. Käse aus Schafmilch, Oliven, eingesalzene Pistazien, gesüßte Aprikosen und andre Delikatessen mußten mit unsern Kuchen aus Damaskus aushelfen. Der eingeborne Diener, der daran gewöhnt ist, Cooks Touristen Sardinen und Büchsenfleisch vorzusetzen, betrachtet den Genuß solcher Nahrungsmittel als eines Europäers unwürdig, und willst du in den fruchtbarsten Ländern nicht mit kaltem Hammelfleisch darben, so mußt du schon die Bazare mit ihm absuchen und ihn anleiten, was er kaufen soll.