Inhaltsverzeichnis.

Die Wahrheit und unser Wissen.

Erster Hauptteil.

Die Wahrheit.

Erster Abschnitt: Was ist Wahrheit?

Erste Untersuchung.

Die herkömmliche Definition der Wahrheit [1]

Was ist »Ding an sich«? Definition der Wahrheit; a) falsche, b) richtige Auffassung. Erkennen a) nach rationalistischer, b) nach empiristischer Auffassung. Gegenstand des Erkennens – die Wahrheit. Inhaltsmerkmal der Wahrheit, Kennzeichen der Wahrheit.

Zweite Untersuchung.

Der überzeitliche Charakter der Wahrheit [3]

Begriffsurteile. Thatsachenurteile. Auch die Wahrheit der letzteren hat einen überzeitlichen Charakter.

Dritte Untersuchung.

Bedeutung des überzeitlichen Charakters der Wahrheit [4]

Ewige Bedeutung – Grund der überzeitlichen Geltung. Nur als Glied der Gesamtwirklichkeit ist etwas wahr. Spinozas »sub specie aeternitatis«. Gelten und Existieren, Wahrheit und Wirklichkeit.

Vierte Untersuchung.

Nur Eine Wahrheit für alle Denkenden [5]

Aus der überzeitlichen Geltung folgt die Allgemeingültigkeit für alle Denkenden. Die Wahrheit kein Produkt der menschlichen Organisation. Wahrheit kein Ding an sich, untrennbar vom Erkennen a) als Bewusstsein überhaupt, b) als menschliches Erkennen, dessen Hervortreten in der Zeit nicht bloss durch seine ewige Bedeutung bedingt ist, sondern auch selbst eine ewige Bedeutung hat. Die neuentdeckten Wahrheiten darum schon vor ihrer Entdeckung untrennbar vom menschlichen Erkennen.

Fünfte Untersuchung.

Die Wahrheit und das Urteil [6]

Das Bewusstsein der Wahrheit gleich der Beziehung auf die Objektivität. Erkennen und Urteil keine Abbildung der Wahrheit, sonst wäre diese Ding an sich. Im Erkennen besitzen wir die Wahrheit selbst, nicht ihr Spiegelbild. Mit jedem Urteil treten wir in die ewige, überzeitliche, unvergängliche, übersinnliche Welt ein und fassen in ihr festen Fuss. Augustin, Eckhart. Nikolaus von Cues. Platons Ideenwelt das, was wir Wahrheit nennen.

Zweiter Abschnitt: Die Wahrheit und das Wesen der Dinge.

Sechste Untersuchung.

Wesentliche und unwesentliche Merkmale [7]

Das Wesentliche und das Wesen ist Ziel des Erkennens. Wesentlich nicht gleich notwendig dem Dinge oder notwendig für seinen Begriff. Die Merkmale sicher nach ihrem Werte verschieden. Ein Merkmal, das eine Unterscheidung eines Dinges von allen andern ermöglicht, gehört darum noch nicht in die Definition des Dinges. Das Notwendige gehört (zum Teil wenigstens) zum Ausserwesentlichen.

Siebente Untersuchung.

Wie gewinnen wir die wesentlichen Merkmale? [8]

Wesentlich nicht gleich allgemein oder konstant. Nicht durch Generalisation werden die wesentlichen Merkmale gewonnen, obgleich sie ihre Gewinnung vorbereiten kann, sondern, durch die der Generalisation vorausgehende Abstraktion. Ein Fall, Ein Beispiel genügt für die Gewinnung; sie wird vermittelt durch den Blick des Geistes, den nicht alle besitzen, der der Intuition ähnlich ist und wie diese noch keine Erkenntnis bildet.

Achte Untersuchung.

Die wesentlichen (begrifflichen) Merkmale sind nicht aus den sinnlichen (vorstellungsmässigen) abzuleiten [10]

Sinnenbilder Grundlage alles Erkennens. Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung selbst ausgedehnt und bewegt, schon darum verschieden von den Begriffen der Ausdehnung: Vielheit der gleichzeitigen Teile und Berührung, der Bewegung: Vielheit der aufeinanderfolgenden Teile und Übergang. Sinnenbilder Zusammenfassungen von Empfindungen ohne gegenständlichen Charakter. Wie erhalten die Empfindungen gegenständlichen Charakter, oder wie werden sie zu Vorstellungen? Willensdinge – Substanzen, Ursachen. Das Finden der wesentlichen Merkmale ein Schaffen; doppelte Funktion desselben: Vereinzelung der Teile des Ausgedehnten und Bewegten, Zusammenfassung der sich berührenden [pg XI] und ineinander übergehenden – beides Voraussetzung der betreffenden Urteile. Begriff und Sinnenbild von Punkt, Linie, Fläche, Geist. Auch das negative Urteil setzt den Blick für das, was anders ist, voraus.

Neunte Untersuchung.

Das Wesen der Dinge [14]

Nicht das Sinnenbild des Kreises, der Ellipse, eher die mathematische Formel, das Gesetz für beide, weiterhin das Gesetz für ihre Stellung unter den Kegelschnitten, endlich ihre Stellung in der Gesamtwirklichkeit – das Wesen der Ellipse und des Kreises; Wesen und Wahrheit dasselbe. Wesen nicht unveränderlicher Seinskern.

Zehnte Untersuchung.

Der Begriff der Philosophie [15]

Wesen der Farbe, des Menschen unerkennbar. Trotzdem die Erkenntnis des Wesens das Ziel des Erkennens. Philosophie Wissenschaft vom Wesen der Dinge und Wissenschaft der Fragen. Wesen des Erkennens? Wesen der Erscheinung der Dinge in uns? Wesen der Orts- und Zeitbestimmungen? Erkennen kein Abbilden.

Elfte Untersuchung.

Die Wahrheit das höchste Gut [18]

Wahrhaft schön, wahrhaft sittlich – was alle als solches anerkennen müssen. Unser Begriff von den Dingen zu unterscheiden von dem Begriff, der ihr Wesen, ihre Stellung in der Gesamtwirklichkeit bestimmt. Für den ersteren gilt: nicht ohne dass es wahr ist, ist etwas gut und schön, für den letzteren: dadurch, dass es wahr ist, ist es schön, gut. Wesen und Wahrheit des Nichtseinsollenden, Scheinbaren? Seine Wirklichkeit nicht zu bezweifeln. Vielleicht ist es das anmasslich Selbständige.

Zweiter Hauptteil.

Unser Wissen.

Dritter Abschnitt: Kennzeichen der Wahrheit.

Zwölfte Untersuchung.

Bestandteile des Erkenntnisvorgangs [19]

Wesentlich gleich zugehörig, zusammengehörig; Wesen gleich Zusammengehörigkeit – Grundbegriff des Erkennens. Das was zusammengehörig ist, und seine Zusammengehörigkeit zu unterscheiden. Das Vorgefundene a) Sinnenbilder, b) Vorstellungen Vorstufe des Erkenntnisvorgangs, Erste Stufe: Erfassung dessen, was zusammengehörig, was wesentlich durch den Blick des Geistes – keine Erkenntnis, [pg XII] eine Abstraktion als Hinsehen, Festhalten, eine schaffende Thätigkeit. Ihr Ergebnis Einzelgebilde des Denkens, auf Grund deren erst die Urteilsthätigkeit möglich ist. Zweite Stufe: Einleuchten der Zusammengehörigkeit kein Zwang, keine Nötigung, – noch keine Erkenntnis. Dritte Stufe: Einsicht in die Zusammengehörigkeit, Sehen, Wahrnehmen derselben, – eigentliche Erkenntnis. Vierte Stufe der ersten entsprechend: Gedanklicher Ausdruck der Einsicht im Urteil erzeugt ein neues Gebilde des Denkens – eine Verbindung, kein Einzelgebilde. Fünfte Stufe der zweiten entsprechend: Bewusstsein der Wahrheit, der Objektivität. Fünfte und zweite Stufe objektiv. Sechste Stufe: Gewissheit der dritten entsprechend Ausschluss des Zweifels, – positiver Zustand. Sechste und dritte Stufe subjektiv. Einleuchten, nicht die Einsicht Kriterium, gemäss dem wir über wahr und falsch urteilen. Einsicht das, wodurch wir die Wahrheit erkennen.

Dreizehnte Untersuchung.

Gesetze des Erkennens [23]

Es giebt nur Eine Wahrheit, keine einzelnen Wahrheiten. Entdeckung dieser Einen Wahrheit nach dem Gesetz der Zusammengehörigkeit, dem Grundgesetz des Erkennens; (Synthese nicht Analyse). An seine Stelle treten die Gesetze für die Urteile: erstens Gesetz der Übereinstimmung, Form eins und vier; zweitens Gesetz des Enthaltenseins, Form fünf und acht. Drittens Gesetz des Widerspruchs, Form zwei und drei, Form sechs und sieben – Gesetze für einzelne Urteile; viertens Gesetz des ausgeschlossenen Dritten für das Verhältnis zweier Urteile zu einander. Vier Kategorien: Ding, Eigenschaft, Vorgang, Beziehung; die Begriffe der einen Kategorie nicht der einer andern über- oder unterzuordnen. Verhältnis des Enthaltenseins verschieden von Ding und Eigenschaft, Ding und Vorgang, von untergeordneter Bedeutung für unser Erkennen. Urteil setzt Synthese voraus und schliesst diese als bedingenden Bestandteil ein, mag sein gedanklicher Ausdruck auch als Enthaltensein, Subsumtion, Analyse erscheinen; der sprachliche Ausdruck erscheint wieder als Synthese. Die wesentlichen Merkmale nicht einander über- oder untergeordnet, ausser wenn sie den gleichen Kategorien angehören; nicht in den Sinnenbildern enthalten. Auch die negativen Merkmale der Dinge nicht in ihnen enthalten.

Vierzehnte Untersuchung.

Gesetze des Erkennens (Fortsetzung) [29]

Gesetze für das Einzelwirkliche als Subjekt der Urteile – Urteilsgesetze: die genannten. Gesetze für den Zusammenhang des [pg XIII] Wirklichen, den wir erschliessen – Schlussgesetze: das Einheitsgesetz, das Gesetz der Kausalität oder der Ermöglichung des Anfangenden, das Gesetz des Grundes. Drei Gedankengänge, die zum Einheitsgesetz führen. Falsche Formulierung des Gesetzes der Kausalität; es ist verschieden vom Gesetz der Gleichförmigkeit des Naturlaufs – Sinn dieses Gesetzes – führt nicht auf das Gesetz des Widerspruchs zurück. Gesetz des Grundes, ein Gesetz des Enthaltenseins in seiner Anwendung auf Urteile. Drei Formen des Gesetzes des Widerspruchs. Real- und Formalgesetze. Auch das Gesetz des Widerspruchs kann einen realen, den Fortschritt des Erkennens bedingenden Charakter haben.

Fünfzehnte Untersuchung.

Erkenntnis und blinde Überzeugung [34]

Erkenntnis hat einen vernünftigen Grund in dem Einleuchten, blinde Überzeugung beruht auf Gewöhnung, auf Gefühlen, die meist zuerst ein blindes Urteilen zur Folge haben, an das sich dann die Überzeugung anschliesst von der Wahrheit des Urteils, ferner oft von der (angeblichen, vermeintlichen) Einsicht und dem (vermeintlichen) Einleuchten. Gewissheit nach ihrer negativen Seite ohne Grade, die mit der Einsicht verbundene Gewissheit auch nach ihrer positiven Seite ohne Grade, während die Gewissheit, welche den blinden Urteilen folgt, sich masslos steigern lässt, wie die Gewissheit des Fanatikers zeigt. Ausserdem: die vermeintliche Einsicht folgt dem Urteil, die wirkliche geht ihm immer voran.

Sechzehnte Untersuchung.

Zulänglichkeit des Kennzeichens der Wahrheit [36]

Vermeintliche Einsicht und wirkliche Einsicht nicht bloss durch die steigerungsfähige und nichtsteigerungsfähige Gewissheit und durch ihr Verhältnis zum Urteil von einander verschieden, die vermeintliche kann auch durch die wirkliche überwunden werden. Vier mögliche Fälle. Sinn des Gesetzes der Gleichförmigkeit des Naturlaufs.

Siebzehnte Untersuchung.

Einsicht und Denknotwendigkeit [38]

Einsicht keinerlei Nötigung. Notwendigkeit, Nichtandersseinkönnen oft nur Folgerung aus der Gewissheit. Das Verhältnis des Enthaltenseins ein Notwendigkeitsverhältnis; aber dieses Notwendigkeitsverhältnis nicht Grund unserer Einsicht in die Wahrheit der betreffenden Urteile. Dasselbe gilt von den Denknotwendigkeiten, die in dem zusammengehörigen Nichtenthaltenen und in den Unverträglichkeitsverhältnissen bestehen. Warum es für unser Denken notwendig ist, der Eigenschaft ein Selbständiges (?), den [pg XIV] Veränderungen und Bewegungen ein Veränderliches und Bewegliches, das beharrt, zu Grunde zu legen – davon haben wir keine Einsicht. Dass das System der Wahrheit notwendig einen Denkenden, das Anfangende notwendig einen Ermöglichungsgrund voraussetzt, ist nur eine Folgerung aus der Gewissheit, die wir vom Gesetz der Einheit und der Kausalität haben.

Achtzehnte Untersuchung.

Einsicht und Wille [43]

Widerstreben gegen die erkannte Wahrheit – letzte Quelle alles Unsittlichen. Vom Verstandesakte der Einsicht verschieden die Hingabe des Willens und das Ergriffensein des Gemüts. Beides wichtig für die sittlichen und religiösen Wahrheiten, die gewohnheitsmässig festgehalten wieder zu blossen Verstandeseinsichten oder Kopfwahrheiten herabsinken, von denen das Leben unberührt bleibt. Die Wahrheit Gemeinschaftsgut, nicht Gut des egoistischen Willens, sittliches Gut, höchstes Gut.

Vierter Abschnitt: Umfang unseres Wissens.

Neunzehnte Untersuchung.

Schranken unseres Erkennens [45]

Unterschied von Kategorien und Prädikabilien, der Kategorie Eigenschaft und der Prädikabilie Proprietät. Verhältnis der Eigenschaft zum Ding verglichen mit dem Verhältnis des Anfangenden zum Ermöglichungsgrund. Das Wesen sicher eine Kategorie, auch das ausserwesentliche Zufällige und Notwendige gehört doch zum Seienden und ist insofern Kategorie. Wann Gattung und Art Prädikabilien sind. Verschiedenheit, Gleichheit. Zahl Prädikabilien, Einheit sicher Kategorie. Die Endlichkeit als seiendes Nichtsein. Raum und Zeit, die Formalkategorien, Substanz und Kausalität, die Realkategorien, enthalten Raum und Substanz in der Berührung, Zeit und Kausalität in dem Übergang, ein dem Denken inkommensurables, von ihm nicht aufzuhellendes Element. Wo diese Kategorien eine Rolle spielen, da kann, sofern dieses Element in Frage kommt, von Einsicht und Erkenntnis keine Rede sein. Was haben Raum und Zeit für eine Bedeutung, da sie einerseits als Formalkategorien das Sein der Dinge in keiner Weise vermehren und anderseits doch die Principien der Individuation bilden, durch die das Wirkliche seine Wirklichkeit erhält, da alles Wirkliche Einzelwirklichkeit ist? Die Wirklichkeit eine Realkategorie, da sie auf dem wirklichen Akt der göttlichen Selbstentäusserung beruht, der den wirklichen Dingen eine Selbständigkeit leiht, die ihnen eigentlich nicht zukommt. Inwiefern [pg XV] ist das Wahre wirklich? Insofern Gott es nicht bloss denkt, sondern will? Der Schöpfungsakt ein Akt der Selbstentäusserung. Symbolische Bedeutung von Raum und Substanz – scheinbare Selbständigkeit, Unendlichkeit. Symbolische Bedeutung von Zeit und Kausalität – thatsächliche Abhängigkeit, Beschränktheit. Hat die Negation eine reale Bedeutung?

Zwanzigste Untersuchung.

Die Erkenntnis der Aussenwelt [51]

Keine Erkenntnis der Beschaffenheit der äusseren Dinge möglich. Psychologische Erklärung der Zusammensetzung der sogenannten sinnfälligen Wirklichkeit. Ort der Dinge im Raum, wodurch bestimmt. Die Dinge sind keine blossen Sinnenbilder, Vorstellungen oder fortdauernde Möglichkeiten von Empfindungen. Unmittelbare Evidenz der Existenz dieser Dinge, die nicht nach dem Kausalitätsgesetz erschlossen werden kann. Der Begriff der Ursache spielt in der Wahrnehmung keine Rolle. Die Naturdinge sind verschieden von Raum und Zeit, von Substanz und Kausalität, die nur zur Erscheinungsform der Dinge in unserm Bewusstsein gehören. Sie sind Gedanken Gottes, wie wir nach dem Einheitsgesetz schliessen. Es giebt keine unmittelbare Evidenz von der Nichtexistenz solcher Dinge. Beweis für ihre Existenz. Abstrakte Trennung von Leib und Seele bei Cartesius und in der Psychologie: Empfindungen als blosse Bewusstseinsvorgänge, Anfangszustände des Bewusstseins. Definition der Empfindungen ohne körperliche Vorgänge unmöglich. Weder für das entwickelte Bewusstsein noch für das des Kindes sind sie blosse Empfindungen. Objektivationstheorie – Ersatz dafür. Empfindungen nicht als Empfindungen gegeben, sondern als Erkenntnismittel. Platons Schwungbrett. Aristoteles: kein Begriff ohne Phantasiebild. Verbindung unseres Bewusstseins nicht bloss mit unserm Körper, sondern auch mit der Körperwelt überhaupt. Wie weit reicht unsere Erkenntnis der Körperwelt?

Einundzwanzigste Untersuchung.

Über die Erkenntnis des eigenen Bewusstseins [58]

Brentano über die äussere und innere Wahrnehmung. Bewusstheit uneigentliches Wesen. Auf Grund der Reflexion gewinnen wir eine Einsicht in die wirkliche Beschaffenheit der Bewusstseinsvorgänge. Die angewendeten Vorstellungen ursprünglich sinnliche, aus dem sinnlichen Gebiet entlehnte, übertragene, bildliche. Was ist sinnliches Gebiet? Inwiefern wird dasselbe durch die Empfindungen konstituiert? Nicht insofern sie Gegenstand der Reflexion sind. Falsch, dass wir von den Bewusstseinsvorgängen blosse Vorstellungen haben. Übertragung der sinnlichen [pg XVI] Vorstellungen durch den Blick des Geistes für das Wesentliche, nicht in Urteilen. Methode der Psychologie: Isolierung der Empfindungen, Isolierung der Bewusstseinsvorgänge. Übergreifender Charakter der Bewusstseinsvorgänge schon für das Zustandekommen der Sinnenbilder der Ausdehnung und Bewegung notwendig. Einheit des Bewusstseins. Einsicht in die Zusammengehörigkeit mancher Bewusstseinsvorgänge, in die Zugehörigkeit zu unserm Bewusstsein. Erinnerung, was sie ist. Vergleich mit der Wahrnehmung. Warum wir bei beiden nicht von Einsicht sprechen. Unter welchen Vorbehalten bestehen auch die Erinnerungen in Einsichten? Einsicht in die Lückenhaftigkeit unserer Erinnerungen, wodurch ermöglicht? Selbstbewusstsein ist Einsicht in die Zusammengehörigkeit des Bewusstseins mit unserm Ich. Humes Irrtum. Was das Ich ist, wissen wir nicht. Leibliches Ich. Ich getrennt vom Leib d. h. von dem Leibe wie er seinem Wesen nach ist ein Abstraktum. Einsicht in die Zusammengehörigkeit unserer Bewusstseinsvorgänge mit unserm Ich. Vergleich der Erkenntnis der Aussenwelt mit der Erkenntnis unserer eigenen Bewusstseinsvorgänge. Bei den Bewusstseinsvorgängen fällt die Erscheinung derselben im Bewusstsein mit dem Wissen, das sie von sich selbst haben, also mit ihnen selbst zusammen.

Zweiundzwanzigste Untersuchung.

Weitere Schranken unseres Erkennens [64]

Keine Erkenntnis des Wesens der Aussendinge und Bewusstseinsvorgänge, ihrer Stellung im System der Wahrheit. Die Zahl der blinden Wissensinhalte unübersehbar gross. Blosse Kenntnisse keine Erkenntnisse – Zusammengeratenes nicht Zusammengehörendes. Associative Wissensinhalte – alles Namen- und Wortewissen von dieser Art. Induktionsschluss ergiebt eine auf Einsicht beruhende Wahrscheinlichkeit.

Dreiundzwanzigste Untersuchung.

Die Erkenntnis der Innenwelt anderer [66]

Nicht durch einen Schluss der Analogie vermittelt, sondern
unmittelbar bei Kindern und Erwachsenen. Ansteckende Wirkung der Bewusstseinsäusserungen und Bewusstseinszustände. Actio in distans. Immediatum commercium animarum. Aristoteles, Locke, Pestalozzi als Zeugen für die Grenzen unserer Erkenntnis anderer. Wesen der Religiosität: positive Seite der Moral, persönliches Verhältnis. Selbsterkenntnis inwiefern schwieriger als die Erkenntnis anderer. Einsichtige Urteile über die sittliche Beschaffenheit anderer möglich. Verehrungssinn. Worte ungewollte Selbstbeurteilungen.

Vierundzwanzigste Untersuchung.

Geschichtliche Erkenntnisse [70]

Ist Glauben als Fürwahrhalten auf das Zeugnis anderer minderwertig gegenüber dem Wissen? Mitgeteilte Urteile keine von uns gefällten Urteile. Äussere Einsicht in die Wahrheit vermittelt durch die Einsicht, dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will. Statt Glauben und Wissen zu unterscheiden sprechen wir von Kenntnissen erster und zweiter Hand. Believe, faith. Glauben im religiösen Sinne. Kenntnisse zweiter Hand weitaus überwiegend. Begriffs- und Thatsachenurteile nach ihrem Erkenntniswert. Erkenntniswert der Naturwissenschaften, der Geschichte. Natur eine gebrochene Einheit, in der Geschichte haben wir eine wirkliche Vielheit. Das Einzelne in der Natur hat keinen Eigenwert, nur wertvoll als Exemplar einer Gattung. Vom Körperlichen als solchem haben wir keine eigentlichen Erkenntnisse, wohl aber von den Beweggründen und Triebfedern menschlicher Handlungen. Das Körperliche hat im Geistigen seinen Zweck, das Umgekehrte unmöglich. Zweckbegriff von den Anhängern der mechanischen Naturauffassung durch die Entwicklungstheorie wieder eingeführt. Die Zielstrebigkeit des Aristoteles wird auf die Natur als Ganzes angewendet. Woher die Anpassung? Aristokratisches Prinzip in der Natur: nicht das Stärkere siegt der Regel nach, sondern das Vollkommenere. Entwicklung in der Natur sehr langsam, in der Geschichte augenscheinlich. Fortschritte in der Geschichte auf intellektuellem und religiösem Gebiete. Herstellung von Einheiten in Natur und Geschichte wie verschieden! Dort Mittelpunkte, Systeme des Aussereinanderliegenden, hier bewusste Einheiten vieler Personen. Persönlichkeiten in der Geschichte Träger von Ideen, damit Triebkräfte der Entwicklung. Neues in der Entwicklung: ex nihilo fit nihil. Bedeutung des Individuums in der Geschichte.

Fünfundzwanzigste Untersuchung.

Künstlerische und wissenschaftliche Inspiration [77]

Erfahrung, Vernunft und Offenbarung. Inspiration verschieden von dem Blick für das Wesentliche, von der schöpferischen Einbildungskraft. Künstlerindividualität. Intuitionen. Einfallen von Gedanken. Inspirationen: Zusammengehörigkeiten höherer Art, aufgedrängte, aufgenötigte Gedanken, Ergänzungen des Blicks für das Wesentliche, – noch keine Erkenntnisse. Zwei unverifizierbare Eingebungen über das Wesen des Körperlichen. Einbildungen und Eingebungen. Letztere stammen aus dem Reich der Wahrheit, mit dem wir zusammenhängen. Zwei Erkenntnisquellen als Ausgangspunkte für das Erkennen: a) Erfahrung, aa) Empfindungen, bb) Bewusstseinsvorgänge, b) Eingebungen. Erkenntnis nur durch das Denken möglich.

Sechsundzwanzigste Untersuchung.

Religiöse Erkenntnisse [82]

Religion was sie ist. Inspiration von Religion unabtrennbar – sie giebt den Philosophen interessierende Weltanschauungen. Religion eine praktische Angelegenheit, hat bestimmte theoretische Voraussetzungen. Diese sind nicht darum wahr, weil sie sich bewähren: a) Ausprobieren unmöglich, b) Wirkungen auch rein psychologisch bei falschen Voraussetzungen möglich. Religion nicht bloss Sache des Gefühls. Das intellektuelle Element der Religion, richtig verstanden, nicht bloss Voraussetzung der Religion sondern ihr Wesen, sofern dieses in ihrer Wahrheit besteht. Die Wahrheit an sich das höchste Gut. Darum Gott die Wahrheit. Für uns ist Sittlichkeit ein höheres Gut. Fides quaerens intellectum. Notitia, fiducia, assensus. Der Inspirierte kann davon eine Einsicht gewinnen, dass er eine Inspiration empfangen hat. Die Verkündigung der Inspiration als von Gott stammend – Offenbarung. Mittelbare äussere Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung vermittelt durch die Einsicht, dass der Verkündende die Wahrheit weiss und sagen will. Massgebend und entscheidend hierfür die sittliche und religiöse Beschaffenheit des Verkündigers. Äussere Einsicht vom religiösen Gesichtspunkte aus der inneren vorzuziehen.

Schluss [87]

Alle Wahrheit wegen ihrer ewigen Bedeutung – Metaphysik. Wer diese leugnet, muss auch die überzeitliche Geltung und damit die Allgemeingültigkeit der Wahrheit für alle Denkenden leugnen – er verfällt dem Skepticismus. a) Empiristischer, b) rationalistischer Wahrheitsbegriff. Beide setzen den metaphysischen Wahrheitsbegriff voraus. Nach jenem lässt sich nur entscheiden, was wahrscheinlich ist, nach diesem nur, was möglicherweise wahr ist. Jener ist nützlich für die Sicherung unserer Lebenszwecke, dieser für die Verwirklichung eines Erkenntnisideals. Ein Prüfstein der Wahrheit ist weder der eine noch der andere.


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Seite 7 Zeile 13 lies statt Unveränderliche Veränderliche.


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