Fünfter Auftritt.

Nikolai Iwanowitsch und Maria Iwanowna.

Nikolai. Du willst nichts sehen und mich nicht begreifen.

Maria. Ich will schon, aber ich kann nicht.

Nikolai. Nein, du willst nicht, wir kommen immer mehr auseinander. Dring einmal in mein Inneres ein, versetz dich einen Augenblick in meinen Zustand, so wirst du mich verstehen. Zunächst ist unser ganzes Leben hier unmoralisch. Du bist böse über dieses Wort, ich kann aber ein Leben, das ganz und gar auf Ausbeutung anderer beruht, nicht anders nennen. Das Geld, von dem ihr lebt, ist der Ertrag des Landes, das ihr dem Volk abgenommen habt. Außerdem sehe ich, daß dieses Leben die Kinder verdirbt. »Wehe dem, der dieser Geringsten einen ärgert«, heißt es; ich aber sehe, wie die Kinder vor meinen Augen verdorben werden und zugrunde gehen. Ich kann es nicht mit ansehen, daß erwachsene Menschen, gleich Sklaven, in Livreen gesteckt werden und uns bedienen müssen. Jedes Mittagessen ist für mich eine Qual.

Maria. Aber das war doch immer so, bei allen, im Auslande und überall.

Nikolai. Seitdem ich begriffen habe, daß alle Menschen Brüder sind, kann ich das nicht mehr mit ansehen und darunter leiden.

Maria. Es steht doch aber jedem frei. Schließlich kann man sich alles ausdenken.

Nikolai (erregt). Diese Verständnislosigkeit ist aber wirklich schrecklich. Heute zum Beispiel. Ich bin morgens im Asyl für Obdachlose, sehe, wie da ein Kind direkt vor Hunger stirbt, wie ein Knabe Alkoholiker geworden ist, wie eine schwindsüchtige Wäscherin Wäsche spült. Dann komme ich nach Hause, ein Diener in weißer Binde öffnet mir die Tür; ich sehe, wie mein Herr Sohn sich von dem Diener Wasser bringen läßt, sehe diese Armee von Bedienten, die für uns arbeiten. Darauf fahre ich zu Boris, einem Menschen, der für die Wahrheit sein Leben läßt, sehe, wie man den gesunden, kräftigen, entschlossenen Mann mit Vorbedacht dem Wahnsinn und Verderben in die Arme jagt, um ihn los zu werden. Die Leute wissen, daß er einen Herzfehler hat, und erregen und reizen ihn, schleppen ihn ins Irrenhaus. Nein, das ist fürchterlich, fürchterlich. Und dann komme ich nach Hause und erfahre, daß die eine Tochter, die nicht mich, sondern die Wahrheit verstanden hatte, daß die gleichzeitig ihrem Bräutigam, dem sie ihre Liebe versprochen, und der Wahrheit entsagt hat und einen Lakaien und Lügner heiraten will …

Maria. Nennst du das christlich gedacht?

Nikolai. Nein, es ist häßlich, ich fühle mich schuldig; aber ich will doch nur, daß du dein Ich einmal in das meinige hineinversetzt. Ich sage nur, sie hat der Wahrheit entsagt …

Maria. Du sagst: der Wahrheit; andere, die meisten, sagen: dem Irrtum. Wassili Nikanorowitsch glaubte auch, er sei auf falschem Wege – jetzt ist er aber in den Schoß der Kirche zurückgekehrt.

Nikolai. Nicht möglich!

Maria. Er hat Lisa geschrieben; sie wird dir den Brief zeigen. Lauter vorübergehende Erscheinungen. So auch mit Tonja; ganz zu geschweigen von Alexander Petrowitsch, der die Sache einfach ausnutzt.

Nikolai (ärgerlich). Einerlei. Ich bitte nur, mich zu verstehen. Wahrheit bleibt für mich stets Wahrheit. Aber das alles tut sehr weh. Dort sterben Leute Hungers, hier sehe ich diesen Ball, der Hunderte verschlingt. Ich kann so nicht leben. Hab Erbarmen mit mir, ich bin am Ende meiner Kraft. Laß mich gehen. Leb wohl.

Maria. Wenn du gehst, gehe ich mit dir. Wenn ich dich nicht begleiten kann, werfe ich mich unter die Räder des Zuges, mit dem du fortfährst. Dann mögen alle zugrunde gehen, mit Mischa und Katja. Mein Gott, mein Gott! Diese Qual! Wofür das, wofür? (Sie weint.)

Nikolai (in der Tür). Alexander Petrowitsch, gehen Sie nach Hause. Ich fahre nicht. Ich bleibe, schön. (Er legt den Rock ab.)

Maria (umarmt ihn). Wir haben nicht mehr lange zu leben. Laß uns unser Leben nicht nach achtundzwanzigjähriger Ehe verderben. Ich werde keine Bälle mehr geben. Aber straf mich nicht auf diese Weise.