Sechster Auftritt.

Die Vorigen ohne Adjutant.

Boris. Wenn es sich einrichten läßt, möchte ich Sie bitten, falls Sie mich einsperren wollen, dieses recht bald zu tun, damit ich zur Ruhe komme.

Oberarzt. Entschuldigen Sie, wir müssen unbedingt die bestehenden Vorschriften befolgen. Nur ein paar Fragen. Was empfinden Sie? Welches Leiden haben Sie?

Boris. Gar keins. Ich bin vollkommen gesund.

Oberarzt. Gewiß; Sie handeln aber nicht so wie alle anderen Menschen.

Boris. Ich handle so, wie mein Gewissen mir befiehlt.

Oberarzt. Sie haben sich geweigert, Ihrer Militärpflicht zu genügen. Wie motivieren Sie das?

Boris. Ich bin Christ und kann deswegen nicht töten.

Oberarzt. Man muß doch aber sein Vaterland gegen äußere Feinde verteidigen, muß den Feind im Innern, den Feind der öffentlichen Ordnung im Zaum halten.

Boris. Das Vaterland greift niemand an; Feinde der öffentlichen Ordnung sind in den Kreisen der Regierenden weit häufiger als unter denen, die von der Regierung vergewaltigt werden.

Oberarzt. Das heißt – wie meinen Sie das?

Boris. Eine der Hauptursachen alles Elends bei uns in Rußland ist der Branntwein. Er wird von der Regierung verkauft. Falsche Religionen, die zu Lug und Trug verleiten, werden von der Regierung verbreitet. Der Militärdienst, dessen Ableistung man von mir verlangt und der die Sittlichkeit am meisten untergräbt – wird von der Regierung verlangt.

Oberarzt. Ihrer Ansicht nach sind also Regierung und Staat überflüssig?

Boris. Das weiß ich nicht. Dagegen weiß ich bestimmt, daß ich an dem Bösen nicht teilnehmen darf.

Oberarzt. Was wird dann aber aus der Welt? Wir haben doch unsere Vernunft bekommen, um sie auch für Zukünftiges zu gebrauchen.

Boris. Und ebenso, um einzusehen, daß die soziale Ordnung nicht mittels Gewalt, sondern auf gütlichem Wege aufrechterhalten wird, und daß die Weigerung eines einzelnen, am Bösen teilzunehmen, keine Gefahr bedeutet.

Oberarzt. Jetzt möchte ich Sie ein wenig untersuchen. Bitte, legen Sie sich hin. (Er beginnt ihn zu betasten.) Fühlen Sie hier Schmerz?

Boris. Nein.

Oberarzt. Und hier?

Boris. Nein.

Oberarzt. Holen Sie tief Atem. Halten Sie den Atem an. Ich danke. Jetzt gestatten Sie. (Er holt ein Maß hervor und mißt Boris’ Stirn und Nase.) Jetzt seien Sie so gut, schließen Sie die Augen und gehen ein paar Schritte.

Boris. Schämen Sie sich nicht, solche Sachen zu machen?

Oberarzt. Was heißt, wie meinen Sie das?

Boris. All diese Dummheiten? Sie wissen doch, daß ich gesund bin; daß man mich hierher geschickt hat, weil ich mich weigere, an den Verbrechen der anderen teilzunehmen; daß man auf die Wahrheit nichts zu erwidern weiß und daß man sich deswegen stellt, als hielte man mich für anormal! Und dazu leisten Sie Beistand! Das ist häßlich, schändlich. Lassen Sie das.

Oberarzt. Also, Sie wollen die paar Schritte nicht gehen?

Boris. Nein, ich will nicht. Sie können mich quälen, wie Sie wollen – aber ich werde Ihnen dabei nicht behilflich sein. (Erregt.) Lassen Sie das!

Der Oberarzt (drückt auf die Klingel).

Zwei Wärter (treten ein).