Siebzehnter Auftritt.

Die Vorigen ohne Priester.

Alexandra. Wirklich, Nikolai, du nimmst keine Rücksicht. Trotz seines geistlichen Standes ist er doch noch so jung, kann noch keine festen Überzeugungen haben …

Nikolai. Man soll ihm wohl Zeit lassen, in seinen verkehrten Ansichten fest und sicher zu werden. Nein, wozu das? So ein braver, aufrichtiger Mensch!

Alexandra. Was würde aus ihm, wenn er dir glaubte?

Nikolai. Mir zu glauben braucht er nicht; es wäre aber gut für ihn, wie für alle anderen, wenn er die Wahrheit einsähe.

Alexandra. Wenn das gut wäre, würden alle dir glauben; dir glaubt aber niemand – deine Frau am allerwenigsten. Sie kann einfach nicht.

Nikolai. Wer hat dir das gesagt?

Alexandra. Du magst ihr alles noch so deutlich erklären – sie wird dich nie begreifen, wie ich nicht, und wie die ganze Welt nicht begreift, daß man sich um fremde Leute kümmern und seine eigenen Kinder im Stich lassen muß. Das mach mal deiner Frau begreiflich!

Nikolai. Auch Mascha wird mich sicher einst verstehen. Und, nimm es mir nicht übel, Aline, aber wenn hier keine fremden Einflüsse mitwirkten, denen sie sehr leicht unterliegt, würde sie mich schon verstehen und mit mir gehen.

Alexandra. Um ihre Kinder zugunsten des trunkenen Jefim und Konsorten zu verstoßen? Niemals! Du wirst mir deswegen böse sein, aber verzeih mir, ich kann nicht anders, ich muß dir das sagen.

Nikolai. Ich bin dir nicht böse. Im Gegenteil, ich freue mich, daß du alles ausgesprochen hast und mir dadurch Veranlassung gibst, ihr unumwunden meine Meinung zu sagen. Ich habe unterwegs alles überlegt und werde es ihr sofort sagen, und du sollst sehen, daß sie mir beistimmt, weil sie gut und verständig ist.

Alexandra. Das möchte ich doch bezweifeln.

Nikolai. Nein, es ist ganz sicher. Es handelt sich doch nicht um etwas, das ich mir ausgedacht habe, sondern um das, was wir alle wissen, was Christus uns geoffenbart hat.

Alexandra. Ja, deiner Auffassung nach hat Christus das geoffenbart, meiner Meinung nach etwas anderes.

Nikolai. Das kann nicht sein.

(Geschrei bei den Tennisspielern. Ljuba: »Out!« Wanja: »Nein, wir haben nichts gesehen.« Lisa: »Ich hab’s gesehen, dort ist der Ball niedergefallen.« Ljuba: »Out! Out! Out!« Wanja: »Ist nicht wahr!« Ljuba: »Erstens ist es nicht fein, zu sagen: es ist nicht wahr.« Wanja: »Und erst recht nicht fein, die Unwahrheit zu sagen.«)

Nikolai (fortfahrend). Wart einen Augenblick; sag einmal nichts dagegen, sondern hör mich an.

Alexandra. Schön. Ich höre.

Nikolai. Es ist doch wahr, daß wir alle jede Minute sterben können und entweder in das Nichts eingehen oder zu Gott, der von uns ein Leben nach seinem Willen verlangt.

Alexandra. Nun?

Nikolai. Was kann ich also in diesem Leben anderes tun, als nur das, was der oberste Richter in meiner Seele, mein Gewissen, Gott verlangt? Und dieses Gewissen, Gott, verlangt, daß ich alle Menschen für gleich halte, allen diene, alle liebe.

Alexandra. Also auch die eigenen Kinder.

Nikolai. Gewiß, auch sie; aber dabei alles tue, was mir mein Gewissen befiehlt. Die Hauptsache ist, daß ich begreife, daß mein Leben nicht mir, deins nicht dir, sondern Gott gehört, der uns in dieses Leben gesandt hat und verlangt, daß wir seinen Willen tun. Sein Wille aber …

Alexandra. Davon willst du Mascha überzeugen?

Nikolai. Sicherlich.

Alexandra. So daß sie aufhört, ihre Kinder zu erziehen, wie es sich gehört, und sie im Stich läßt? Niemals!

Nikolai. Nicht nur sie, auch du wirst es begreifen, wirst begreifen, daß dir nichts anderes übrig bleibt.

Alexandra. Nie! Niemals!

Maria Iwanowna (tritt ein).