Vierter Auftritt.

Die Vorigen ohne Wärterin und Maria Iwanowna.

Alexandra. Sie tut mir schrecklich leid, die Schwester. Ich sehe, wie sie sich quält. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, solch einen Hausstand zu führen. Sieben Kinder, eins noch an der Brust; dazu er mit seinen »Ideen«. Mir scheint wirklich bisweilen, daß er hier nicht ganz richtig ist. (Sie deutet auf die Stirn. Zum Priester.) Ich frage Sie: was haben Sie da eigentlich für eine neue Religion entdeckt?

Priester. Ich verstehe nicht ganz …

Alexandra. Hören Sie doch auf mit Ihren Spiegelfechtereien! Sie verstehen sehr gut, was ich meine.

Priester. Erlauben Sie …

Alexandra. Ich frage, was das für eine Religion ist, aus der hervorgeht, daß man allen Bauern die Hand drücken, ihnen den Wald überlassen und Geld zum Schnaps geben, die eigene Familie aber im Stich lassen muß?

Priester. Davon weiß ich nichts …

Alexandra. Er sagt, das sei Christentum. Sie sind Priester der rechtgläubigen christlichen Kirche, also müssen Sie unbedingt Bescheid wissen, ob das Christentum zum Diebstahl treibt.

Priester. Aber ich kann doch …

Alexandra. Wozu sind Sie denn Priester, tragen langes Haar und ein Talar?

Priester. Danach werden wir nicht gefragt …

Alexandra. Wieso nicht gefragt? Ich frage doch aber. Er sagte mir gestern, im Evangelium stände: So dich einer bittet, dem gib. In welchem Sinne ist das zu verstehen?

Priester. Ich denke, ganz wörtlich.

Alexandra. Ich denke aber: nicht. Uns hat man gelehrt, jedem sei das Seine von Gott bestimmt.

Priester. Natürlich, indessen …

Alexandra. Man merkt ganz deutlich, daß Sie tatsächlich, wie man mir gesagt, auf seiner Seite sind. Und ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich das für unrecht halte. Wenn irgendeine Lehrerin oder ein unreifer Junge seine Gedanken nachredet, so ist das begreiflich; Sie in Ihrem Amt müßten aber bedenken, welche Verantwortung auf Ihnen ruht.

Priester. Ich bemühe mich …

Alexandra. Was ist das für eine Religion, wenn er nicht zur Kirche geht und die Sakramente nicht anerkennt! Und Sie, statt ihn zur Vernunft zu bringen, lesen Renan mit ihm und legen das Evangelium auf Ihre Art aus.

Priester (erregt). Darauf weiß ich nichts zu erwidern. Bin sozusagen einfach sprachlos.

Alexandra. Ich sollte nur Bischof sein, dann würde ich Ihnen das Renanlesen und Zigarettenrauchen schon austreiben!

Semjonowitsch. Um Himmels willen hör auf! Was nimmst du dir da heraus!

Alexandra. Bitte keine Zurechtweisung! Batjuschka ist mir sicher nicht böse, daß ich offen meine Meinung gesagt habe. Im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn ich hinter dem Berge hielte. Habe ich recht?

Priester. Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht richtig ausgedrückt habe; verzeihen Sie bitte.

(Ungemütliches Schweigen.)

Ljuba und Lisa (kommen. Ljuba, Maria Iwanownas Tochter, ein zwanzigjähriges, hübsches, energisches Mädchen; Lisa, Alexandra Iwanownas Tochter, ist etwas älter. Beide tragen Kopftücher und Körbe, um Pilze zu sammeln. Ljuba begrüßt die Tante und den Onkel, Lisa Vater und Mutter, sowie den Priester).