Zwölfter Auftritt.
Die Vorigen. Maria Iwanowna und Nikolai Iwanowitsch. Später Stefan, Ljuba, Lisa, Tonja und Diener.
Nikolai. Guten Tag, Fürstin. Guten Tag … Entschuldigen Sie, wie ist Ihr Name?
Pater Gerassim. Meinen Segen wünschen Sie nicht?
Nikolai. Nein.
Pater Gerassim. Gerassim Fedorowitsch. Sehr angenehm.
Ein Diener (bringt Frühstück und Wein).
Pater Gerassim. Angenehme Witterung. Für die Ernte sehr günstig.
Nikolai. Ich nehme an, Sie sind auf Veranlassung meiner Schwägerin in der Absicht gekommen, mich von meinen Verirrungen zu befreien und mich wieder auf den wahren Weg des Heils zurückzuführen. Wenn das der Fall ist, wollen wir nicht wie die Katze um den heißen Brei herumgehen, sondern uns sofort ans Werk machen. Ich leugne nicht, daß ich mit der Kirchenlehre nicht übereinstimme. Es war einmal der Fall: später wurde ich anderer Meinung. Doch wünsche ich von ganzer Seele die Wahrheit kennen zu lernen und nehme sie sofort an, wenn Sie sie mir zeigen.
Pater Gerassim. Wie können Sie sagen, daß Sie der Kirchenlehre nicht glauben? Woran glauben Sie, wenn nicht an die Kirche?
Nikolai. Ich glaube an Gott und sein Gebot, das uns im Evangelium gegeben ist.
Pater Gerassim. Das lehrt auch die Kirche.
Nikolai. Wenn sie es täte, würde ich ihr glauben; sie lehrt aber gerade das Gegenteil.
Pater Gerassim. Sie kann nicht das Gegenteil lehren, weil sie von dem Herrn selbst bestätigt ist. Es heißt: »Euch ist die Macht gegeben … und auf diesen Felsen will ich meine Gemeine bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.«
Nikolai. Das hat damit nicht das geringste zu tun. Aber selbst zugegeben, daß Christus eine Kirche gegründet hat – woher weiß ich denn, daß diese Kirche gerade Ihre ist?
Pater Gerassim. Weil es heißt: »Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.«
Nikolai. Auch das hat hierauf gar keine Beziehung und beweist nicht das geringste.
Pater Gerassim. Wie kann man nur so die Kirche verwerfen, die doch allein alle Gnadenmittel besitzt.
Nikolai. Ich habe sie erst verworfen, als ich mich überzeugt hatte, daß sie alle möglichen Einrichtungen unterstützt, die dem Christentum direkt zuwiderlaufen.
Pater Gerassim. Die Kirche kann nicht irren, weil in ihr allein die Wahrheit ist. Im Irrtum wandeln die Abtrünnigen; die Kirche aber ist heilig.
Nikolai. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich das nicht anerkenne. Ich erkenne es deswegen nicht an, weil ich – wie es im Evangelium heißt: »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,« weil ich erkannt habe, daß die Kirche den Eid, Morde und Hinrichtungen segnet.
Pater Gerassim. Die Kirche erkennt die von Gott selbst eingesetzte Obrigkeit an und segnet sie.
Stefan, Ljuba, Lisa und Tonja (treten im Verlauf des Disputs nach und nach ein, setzen sich oder bleiben stehen und hören zu).
Nikolai. Ich weiß, daß es im Evangelium heißt, nicht nur: du sollst nicht töten, sondern: du sollst nicht zürnen. Die Kirche aber erteilt ganzen Armeen den Segen. Im Evangelium heißt es: du sollst nicht schwören; die Kirche läßt den Eid zu. Im Evangelium heißt es …
Pater Gerassim. Erlauben Sie, als Pilatus sagte: »Ich beschwöre dich beim lebendigen Gotte …« erkannte Christus den Eid an, indem er antwortete: »Ich bin es.«
Nikolai. Ach, was reden Sie da! Das ist doch einfach lächerlich.
Pater Gerassim. Deswegen erlaubt die Kirche nicht jedem einzelnen, das Evangelium auszulegen, damit er nicht in Irrtum verfällt, sondern sie sorgt für ihn, wie eine Mutter für ihr Kind, und gibt jedem die Auslegung, die für ihn paßt. Nein, lassen Sie mich zu Ende reden. Die Kirche bürdet ihren Anhängern keine unerträglichen Lasten auf, sondern verlangt nur die Erfüllung der Gebote: Liebe deinen Nächsten, du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen.
Nikolai. Jawohl: du sollst mich nicht töten, mir nicht stehlen, was ich selbst gestohlen habe. Wir alle haben das Volk bestohlen, haben ihm den Grund und Boden genommen und erlassen hinterher Gebote: Du sollst nicht stehlen. Die Kirche aber gibt allem ihren Segen.
Pater Gerassim. Arglist, Hochmut spricht aus Ihnen. Ihren Stolz müssen Sie bezwingen.
Nikolai. Durchaus nicht. Ich frage Sie, wie ich nach christlichem Gebote handeln muß. Ich habe meine Sünde erkannt, die darin liegt, daß ich das Volk des Grundes und Bodens beraube und dadurch in Knechtschaft halte. Was soll ich jetzt tun? Noch weiter Land besitzen und die Dienstleistungen hungriger Menschen für solche Dinge benutzen? (Er deutet auf den Diener, der das Frühstück und den Wein hereingebracht hat.) Oder soll ich das Land denen zurückgeben, denen meine Vorfahren es geraubt haben?
Pater Gerassim. Sie müssen handeln, wie es einem Sohn der Kirche geziemt. Sie haben eine Familie und Kinder, für die Sie sorgen, die Sie standesgemäß erziehen lassen müssen.
Nikolai. Warum?
Pater Gerassim. Weil Gott Sie in diese Lage versetzt hat. Wenn Sie Wohltätigkeit üben wollen, tun Sie es, indem Sie einen Teil Ihrer Habe den Armen geben und sie durch Zuspruch trösten.
Nikolai. Dem reichen Jüngling wurde doch aber gesagt, ein Reicher könne nicht ins Himmelreich kommen.
Pater Gerassim. Mit dem Zusatz: Wenn du vollkommen sein willst.
Nikolai. Ich möchte eben vollkommen sein. Es heißt im Evangelium: Seid vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Pater Gerassim. Man muß aber auch wissen, worauf sich solche Worte beziehen.
Nikolai. Ich bemühe mich darum. Alles, was in der Bergpredigt steht, ist durchaus einfach und verständlich.
Pater Gerassim. Das sagt Ihr Hochmut.
Nikolai. Wieso Hochmut? Heißt es doch: Was den Weisen verborgen ist, wird den Unmündigen offenbar.
Pater Gerassim. Den Sanftmütigen, von Herzen Demütigen, aber nicht den Hochmütigen.
Nikolai. Wer ist denn hier hochmütig? Ich, der ich mich für genau solchen Menschen halte wie alle anderen, und der deswegen genau wie alle anderen von seiner Hände Arbeit in ebensolcher Not wie die Brüder leben will – oder diejenigen, die sich als besondere Wesen, als Heilige betrachten, die im alleinigen Besitz der Wahrheit sich nicht irren können und die Worte Christi nach ihrer Art auslegen?
Pater Gerassim (gekränkt). Verzeihen Sie, Nikolai Iwanowitsch, ich hin nicht hergekommen, um mit Ihnen darüber zu streiten, wer von uns beiden recht hat, und auch nicht, um Belehrungen entgegenzunehmen, sondern ich bin auf Bitten Alexandra Iwanownas gekommen, um mit Ihnen über verschiedene Dinge Rücksprache zu nehmen. Sie wissen aber alles besser, deswegen schließe ich lieber die Unterredung. Nur möchte ich Sie zu guter Letzt im Namen Gottes noch einmal bitten: kommen Sie zur Besinnung; Sie sind in schrecklichem Irrtum befangen und richten sich zugrunde. (Er erhebt sich.)
Maria. Wollen Sie nicht etwas frühstücken?
Pater Gerassim. Nein, danke. (Er geht mit Alexandra Iwanowna ab.)