19. Die Fürstin Kornakowa.
»Ich lasse bitten,« sagte Großmutter, sich tiefer in den Sessel setzend.
Karl Iwanowitsch stand auf, strich mit der Hand seine Frackschöße glatt – beim Hinsetzen und Aufstehen vergaß er das nie – machte einen Kratzfuß und trat zu Großmutters Sessel.
»Sie erlauben mir, hochverehrte Frau Gräfin,« begann er, wie gewöhnlich, gedehnt und mit kläglicher Betonung, »den heutigen Tag bei meinem alten Freunde Schönheit zu verbringen, dessen Gattin, Madame Schönheit, Geburtstag feiert.«
Großmutter gab sofort ihre Einwilligung, bemerkte aber dabei, sie hätte ihn an ihrem eigenen Geburtstag lieber bei sich gesehn; indessen hätten die alten Freunde vor den neuen gerechterweise den Vorzug.
»Sie können gehen,« sagte Papa ziemlich kurz zu Karl Iwanowitsch, als dieser mit verlegenem Lächeln vor ihn hintrat. Und als er fort war, meinte Papa zu Großmutter: »Ich fürchte, er geht hier zugrunde.«
»Wieso?« fragte Großmutter, die eintretende Fürstin nicht bemerkend.
Zu meinem größten Kummer konnte Papa nicht mehr erläutern, wie Karl Iwanowitsch zugrunde gehen würde.
Die Fürstin war eine etwa fünfundvierzigjährige, kleine, schwächliche, hagere, gallige Dame mit trübgrauen, unangenehmen Augen, deren Ausdruck durchaus zu dem unnatürlich sanft lächelnden Mündchen paßte. Unter dem schwarzen Samthut mit Straußenfedern blickte hellrötliches Haar hervor. Brauen und Wimpern erschienen bei der ungesunden Gesichtsfarbe noch rötlicher. Trotzdem hatte ihr Auftreten infolge der ungezwungenen Bewegungen der winzigen Hände und der Hagerkeit in allen Zügen etwas Vornehmes und Energisches.
Die Fürstin sprach sehr viel; sie gehörte zu der Gattung von Leuten, die so reden, als wenn man ihnen widerspräche, obgleich niemand ein Wort äußert; bald erhöhte sie die Stimme, bald ließ sie sie sinken, begann plötzlich mit neuer Lebhaftigkeit zu sprechen und betrachtete dabei die Anwesenden, die an der Unterhaltung nicht teilnahmen, als suchte sie in diesen Blick neue Argumente zu legen.
Trotzdem die Fürstin Großmamas Hand küßte und sie unaufhörlich »ma bonne tante« nannte, bemerkte ich, daß Großmutter unzufrieden mit ihr war; als die Fürstin erzählte, weshalb Fürst Michael unmöglich zum Gratulieren hätte kommen können, obgleich er es sehr gern getan hätte, schob Großmutter eigentümlich die Augenbrauen zusammen, antwortete russisch auf die französische Rede der Fürstin und sagte ihre Worte ganz besonders in die Länge ziehend: »Ich bin Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit sehr verbunden, meine Liebe; und daß Fürst Michael nicht gekommen ist – was soll man darüber reden! Ich weiß, daß er stets mit Arbeit überhäuft ist, und was für ein Vergnügen wäre es für ihn, bei einer alten Frau herumzusitzen.«
Und ohne der Fürstin Zeit zur Erwiderung zu lassen, fuhr sie fort: »Wie geht es Ihren Kinderchen, meine Liebe?«
»Gott sei Dank wachsen sie, lernen, machen dumme Streiche, ma tante; besonders der Älteste, Etienne, wird ein solcher Bengel, daß mit ihm nicht mehr auszukommen ist. Dafür ist er ein kluger Bursche: un garçon qui promet. Können Sie sich vorstellen, mon cousin,« wandte sie sich direkt an Papa, weil Großmutter sich wahrscheinlich für die Kinder der Fürstin nicht im mindesten interessierte und mit ihren eigenen Enkeln glänzen wollte, jetzt langsam meine Verse aus der Schachtel nahm und das Blatt sorgfältig umblätterte. »Können Sie sich vorstellen, mon cousin, was er neulich gemacht hat?« damit beugte sich die Fürstin zu Papa und erzählte ihm fast flüsternd etwas sehr lebhaft. Als die Erzählung beendet war, die ich nicht verstand, meinte sie, Papa direkt ins Gesicht blickend: »Ist das ein Junge, nicht wahr? Obgleich er einfach Prügel verdiente, ist der Einfall doch so klug und komisch, daß ich ihn nur ausgescholten habe, mon cousin.«
Dann richtete die Fürstin den Blick auf Großmutter und fuhr fort, stumm zu lächeln.
»Schlagen Sie denn Ihre Kinder?« fragte Großmutter, immer noch mit meinem Gedicht in der Hand.
»Ach, ma bonne tante,« erwiderte die Fürstin mit einem Blick auf Papa, »ich weiß nicht, wie Sie über diesen Gegenstand denken, aber erlauben Sie mir, hierin eigener Meinung zu sein. Wieviel habe ich nicht über Erziehung nachgedacht, gelesen, mir bei anderen Rat geholt – schließlich hat die Erfahrung mich doch dahin gebracht, daß, um etwas aus den Kindern zu machen, Furcht notwendig ist. Habe ich nicht recht, mon cousin?« wandte sie sich wieder an Papa. »Was aber, je vous demande un peu, fürchten Kinder mehr als die Rute?«
Dabei blickte sie streng und fragend auf uns, und ich muß gestehen, mir wurde in diesem Augenblick recht ungemütlich.
»Was Sie auch sagen, ein Junge bis zum zwölften und selbst bis zum vierzehnten Jahr ist immer noch Kind. Anders mit den Mädchen.«
Welches Glück, daß ich nicht ihr Sohn bin, dachte ich.
»Das ist ja sehr schön, meine Liebe,« sagte Großmutter, meine Verse zusammenfaltend und wieder in die Schachtel legend, als hielte sie nach diesem die Fürstin nicht mehr für würdig, mein Erzeugnis zu hören. »Das ist alles sehr schön, aber sagen Sie mir bitte, wie Sie dann noch feines Empfinden von Ihren Kindern verlangen können und welcher Unterschied dann noch zwischen den Ihrigen und Bauerkindern besteht.«
Und, ihr Argument für unwiderleglich haltend, fügte Großmutter hinzu: »Übrigens kann hierüber jeder seine eigene Meinung haben.«
Die Fürstin lächelte gnädigst, um auszudrücken, daß sie diese sonderbaren Vorurteile bei einer Person, die viele so hochschätzten, nicht weiter übelnähme.
»Ach ja, machen Sie mich doch mit Ihren jungen Leuten bekannt, mon cousin,« sagte sie mit einem Blick auf uns, freundlich lächelnd.
Wir standen auf, sahen die Fürstin gerade an und wußten nicht, was wir tun mußten, um zu zeigen, daß unsere Bekanntschaft geschlossen sei.
»Küßt der Fürstin die Hand,« sagte Großmutter.
»Habt eure alte Tante lieb,« sagte die Fürstin, Wolodja auf das Haar küssend. »Ich bin zwar keine nahe Verwandte, aber ich denke, es geht hier nach den freundschaftlichen Beziehungen und nicht nach dem Verwandtschaftsgrade,« wandte sie sich besonders an Großmama, die aber noch immer unzufrieden war und erwiderte: »Ach, meine Liebe, wer rechnet denn in unserer Zeit noch solche Verwandtschaft!«
»Das ist mein junger Weltmann,« deutete Papa auf Wolodja, »und dieser ein Philosoph, ein gelehrter Herr,« fügte er hinzu, während ich mir beim Küssen der kleinen dunklen Hand der Fürstin mit wunderbarer Deutlichkeit eine Rute in der Hand, und unter der Rute auf einer Bank den kleinen Etienne mit lautem Wehgeschrei: »Au, au, au! ich will's gewiß nicht wieder tun!« samt allem Zubehör vorstellte.
»Außerdem Poet; je vous prie de croire,« fügte Papa hinzu.
»Welcher?« fragte die Fürstin, mich bei der Hand fassend.
»Dieser Struwwelpeter da,« sagte Papa mit vergnügtem Lächeln.
Brauche ich dem Leser, der sich meines neuen Moskauer Anzuges erinnert, zu sagen, wie diese Bemerkung mich kränkte?
Als ich bei dem Spiegel vorbeikam, hatte ich hineingeblickt. Mein Gesicht war rot wie Siegellack; auf der Nase, die noch breiter war als gewöhnlich, und auf der breiten Stirn standen dicke Schweißtropfen; der weiße Kragen lag schief auf dem zimtbraunen Frack; das pomadisierte Haar starrte nach oben; die grauen Augen blickten trübe drein; jeder mußte bemerken, daß ich mich bemühte, nachdenklich auszusehen, in Wirklichkeit aber ein häßlicher, zerstreuter Junge war.
Obgleich ich die sonderbarsten Vorstellungen von Schönheit hatte – sogar Karl Iwanowitsch mit seiner riesigen Nase hielt ich für den schönsten Mann der Welt – wußte ich sehr gut, daß ich häßlich sei, und darin irrte ich mich nicht.
Ich weiß noch sehr gut, wie man, als ich erst sechs Jahre alt war, beim Mittagessen über mein Äußeres sprach und wie Mama sich bemühte, in meinem Gesicht etwas Hübsches zu entdecken; sie meinte, ich hätte kluge Augen, ein angenehmes Lächeln usw., und wie sie schließlich den Einwendungen Papas und dem Augenschein nachgebend, eingestand, daß ich häßlich sei; wie sie nachher, als ich ihr gesegnete Mahlzeit wünschte, meine Wange streichelte und sagte: »Das mußt du dir merken, Nikolenka, daß dich wegen deines Gesichtes niemand lieben wird; deshalb mußt du dich bemühen, ein kluger und guter Junge zu werden.«
Dieses Vorfalls erinnere ich mich sehr gut, und die Worte gaben mir nicht nur die Überzeugung, daß ich niemals hübsch werden würde, sondern sie hatten auch Einfluß auf meine Richtung. Es kam vor, daß mich Verzweiflung ergriff; ich bildete mir ein, für einen Menschen mit so breiter Nase, so dicken Lippen und kleinen Augen gäbe es kein Glück auf Erden; ich betete zu Gott, ein Wunder zu tun und mich in einen hübschen Jungen zu verwandeln; – alles was ich besaß und jemals besitzen würde, hätte ich für ein hübsches Gesicht hingegeben.