27. Ein Brief.
Am 16. April, fast sechs Monate nach dem soeben beschriebenen Tage, kam der Vater während des Unterrichts zu uns nach oben und teilte uns mit, daß wir heute nacht mit ihm aufs Land, nach Hause fahren sollten. Mir wurde bei dieser Nachricht beklommen ums Herz; meine Gedanken wandten sich sofort der Mutter zu. Der Grund dieser unerwarteten Abreise war folgender Brief:
Petrowskoie, 12. April.
»Soeben, erst um zehn Uhr abends, erhielt ich Deinen lieben Brief vom 2. April, und meiner alten Gewohnheit gemäß beantworte ich ihn sogleich. Fedor hatte ihn gestern aus der Stadt mitgebracht, da es aber schon spät war, übergab er ihn Mimi erst heute morgen. Die behielt ihn unter dem Vorwande, ich sei nicht wohl, den ganzen Tag. Allerdings hatte ich heute etwas Fieber und, um Dir die Wahrheit zu sagen, bin ich schon drei Tage nicht wohl und bettlägerig.
Erschrick bitte nicht, Liebling; ich fühle mich ziemlich gut, und wenn Iwan Wassilitsch erlaubt, gedenke ich morgen aufzustehen.
Freitag voriger Woche fuhr ich mit den Kindern spazieren; wo der Weg auf die Chaussee mündet, bei der kleinen Brücke, die mir stets Schrecken einflößt, blieben die Pferde im Schmutz stecken. Es war gutes Wetter und ich gedachte, während man den Wagen herausgezogen hätte, bis zur Chaussee zu Fuß zu gehen. Bei der Kapelle fühlte ich mich sehr müde und setzte mich hin, um etwas auszuruhen; da es aber fast eine halbe Stunde dauerte bis Leute kamen, die den Wagen herausziehen konnten, wurde mir kalt, namentlich an den Füßen, weil meine Stiefel dünne Sohlen hatten und durchnäßt waren. Nach dem Mittagessen stellte sich Schüttelfrost und Hitze ein; ich ging, aber, wie gewohnt, meiner Beschäftigung nach und spielte nach dem Tee mit Ljubotschka vierhändig. (Du wirst sie nicht wiedererkennen, solche Fortschritte hat sie gemacht.) Denke Dir mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß ich nicht Takt halten konnte. Ein paarmal fing ich an zu zählen, aber es drehte sich alles in meinem Kopf, und ich hatte sonderbares Ohrensausen. Ich zählte: eins, zwei, drei, dann plötzlich acht, fünfzehn – ich fühlte, daß ich verkehrt zählte und konnte es doch nicht besser machen. Endlich kam Mimi mir zu Hilfe und brachte mich fast mit Gewalt zu Bett. Das ist, Liebling, mein ausführlicher Bericht, wie ich krank geworden, und daß ich selbst an allem schuld bin.
Den nächsten Tag hatte ich ziemlich starkes Fieber, und unser guter alter Iwan Wassilitsch kam, der bis jetzt bei mir weilt und mich bald zu entlassen verspricht. Ein prächtiger Alter, dieser Iwan Wassilitsch. Als ich Fieber hatte und phantasierte, hat er die ganze Nacht, ohne ein Auge zu schließen, an meinem Bett gesessen; jetzt, wo er weiß, daß ich schreibe, sitzt er mit den Mädchen im Diwanzimmer, und ich kann vom Schlafzimmer aus hören, wie er ihnen deutsche Märchen erzählt und sie vor Lachen vergehen wollen.
La belle Flamande, wie Du sie immer nennst, ist schon vierzehn Tage bei mir, da ihre Mutter irgendwo zum Besuch ist. Sie zeigt mir durch ihre Fürsorge aufrichtige Anhänglichkeit und vertraut mir all ihre Herzensgeheimnisse an. Bei ihrem hübschen Gesicht, ihrem guten Herzen und ihrer Jugend könnte ein in jeder Beziehung reizendes Mädchen aus ihr werden, wenn sie in gute Hände käme; in der Gesellschaft aber, in der sie lebt, geht sie, nach ihren Erzählungen zu urteilen, ganz zugrunde. Mir kam der Gedanke, wenn ich nicht soviel eigene Kinder hätte, täte ich ein gutes Werk, sie zu mir zu nehmen.
Ljubotschka wollte dir selbst schreiben, hat aber schon den dritten Bogen zerrissen und sagt: ›ich weiß, wie gern Papa spottet; wenn ich einen Fehler mache, zeigt er ihn allen.‹ Katja ist immer noch lieb, Mimi gut und langweilig.
Jetzt von etwas Ernstem. Du schreibst mir, Deine Geschäfte gingen in diesem Winter nicht gut; Du wärest genötigt, von dem Chabarower Geld zu nehmen. Es kommt mir sonderbar vor, daß Du dazu meine Zustimmung erbittest; was mir gehört, gehört doch auch Dir!
Du bist so gut, lieber Freund, daß Du aus Furcht, mich zu betrüben, die wirkliche Lage Deiner Geschäfte verheimlichst; ich errate aber, daß Du sicher sehr viel verloren hast und bin, das schwöre ich Dir, darüber nicht bekümmert. Wenn sich also die Sache noch gutmachen läßt, denke nicht weiter daran und quäle Dich nicht unnütz. Ich bin es gewohnt, für die Kinder nicht auf Dein Einkommen zu rechnen, ja, entschuldige, nicht einmal auf Dein Vermögen. Dein Gewinn freut mich ebensowenig, wie mich Dein Verlust betrübt; mich bekümmert nur Dein unseliger Hang zum Spiel, der mir einen Teil Deiner Anhänglichkeit raubt und mich nötigt, Dir so bittere Wahrheiten zu sagen wie jetzt. Gott weiß, wie weh mir das tut! Ich bitte ihn unaufhörlich um das eine, daß er uns behüte … nicht vor Armut (was ist Armut?), sondern vor dem schrecklichen Zustande, wo die Interessen der Kinder, die ich vertreten muß, mit den unsrigen kollidieren. Bis jetzt hat der Herr mein Gebet erhört – Du hast den Schritt nicht getan, nach welchem wir entweder das Vermögen opfern müssen, das schon nicht mehr uns, sondern unseren Kindern gehört, oder … es ist schrecklich, daran zu denken, aber dieses schreckliche Unglück bedroht uns stets. Ein schweres Kreuz, das Gott der Herr uns beiden auferlegt hat.
Du schreibst mir noch von den Kindern und kommst auf unseren alten Streit zurück; Du bittest mich, darein zu willigen, daß wir sie einer staatlichen Erziehungsanstalt übergeben. Du kennst meine Abneigung gegen eine öffentliche Erziehung; glaub mir, daß ist keine Kaprice, sondern meine Überzeugung, daß diese Erziehung schädlich und für junge Leute gefährlich ist. Ich bestreite nicht all die Vorteile, die für die Beamtenlaufbahn durch Verbindungen und Konnexionen entspringen; bestreite auch nicht, daß nur Kinder sogenannter besserer Familien diese Schule besuchen und daß man zu Hause den Kindern nicht solche Lehrer geben kann wie sie dort haben. Du wirst mir aber darin recht geben, daß es außer der Beamtenlaufbahn, Konnexionen und glänzenden Kenntnissen noch gute Grundsätze und feines, zartes Empfinden gibt, auf die man am meisten zu achten hat. Ich weiß, daß in den staatlichen Lehranstalten wohl auf die Sittlichkeit geachtet wird, aber es scheint mir unmöglich, auf alle Kinder gleichmäßig zu wirken; man muß die Richtung, die Neigungen, die vorangegangene Erziehung jedes Kindes kennen, um ihm gute Gefühle einzuflößen, damit es an das Gute glaubt und es liebt. Wie ist das bei gemeinsamer Erziehung möglich? Bei einem Kinde wirkt die Rute, beim anderen Zureden und Ermahnungen. Nur Mutter oder Vater, die schon deswegen, weil sie an den Kindern ihre eigenen Neigungen wahrnehmen und sie daher von kleinauf mit den Augen der Liebe beobachten, können ein Kind soweit begreifen, wie für die Erziehung nötig ist. Allen die gleichen moralischen Grundgedanken beibringen ist dasselbe, wie Ananas, Levkojen, Gurken und Jasmin in denselben Topf pflanzen. Wie gut man die Gewächse auch pflegt – die Hälfte oder die Mehrzahl geht sicher ein. Deswegen lachen die Kinder in öffentlichen Lehranstalten über alle Verhaltungsmaßregeln.
Da ein großer Teil der Kinder in staatlichen Erziehungsanstalten keine Sympathie für die trockenen Tugendregeln, die ihnen beigebracht werden, hat und haben kann, lachen sie innerlich und untereinander darüber und meiden das Schlechte nur aus Furcht vor Strafe. Glaub mir aber, ein Kind wird niemals über die Ermahnungen des Vaters lachen, oder über die Tränen der Mutter, die es betrübt hat. Gewohnt mit seinen Mitschülern über alles Gute und Edle zu spotten, vergißt es bald die feinen Gefühle, die ihm zu Hause beigebracht sind. Empfindsamkeit, die beste Fähigkeit der Seele, nämlich die, zu lieben und zu weinen, weicht dem Geist, der unter den Kameraden herrscht und der Forschheit. Religiöses Gefühl, Liebe zu Verwandten, Eltern, Mitleid mit dem Kummer und den Leiden anderer – all die besten Regungen, von denen ein unverdorbenes, kindliches Gemüt so voll ist und ohne die es kein wahres Glück gibt, erregen nur Spott und Verachtung. Dann aber, wenn kein einziges edles, zartes Gefühl, kein einziger fester, moralischer Grundbegriff mehr übriggeblieben ist, fühlt der Knabe das Verlangen, sich hinreißen zu lassen, und nun erscheint das Laster in tausend verschiedenen Formen. Er trachtet nach dem äußersten – in Tugend oder Laster: das hängt von der Richtung ab, die die Umgebung ihm zeigt – nichts hemmt ihn, und er begeht so schreckliche, schmutzige Handlungen, daß er entweder, um sein Gefühl und die Stimme des Gewissens zu betäuben, sich dem Laster ganz in die Arme wirft, oder, wenn er noch die Kraft besitzt, am Rande des Verderbens haltzumachen und die Gewissensbisse zu ertragen, hat er für immer genug zu tun, um wenigstens etwas von seiner Reinheit, Unschuld und Seelenruhe, die fast dahin sind, zu retten. Gewiß, es gibt Leute, die diesem Unglück aus dem Wege zu gehen wissen; es gibt auch solche, die sich schließlich mit ihren Erinnerungen abfinden und sie gnädigst wie Kinderstreiche betrachten, die keine Bedeutung haben. Ich möchte aber für meine Kinder das bessere Teil, möchte, daß sie ins Leben treten, ohne schlechtes Beispiel kennen gelernt zu haben, mit entwickeltem Verstand, festen, von kleinauf eingeflößten moralischen Grundsätzen, einem gestärkten Willen und besonders im Zustande der seelischen Reinheit und Unschuld, durch die sie jetzt so lieb und glücklich sind.
Ich weiß nicht, lieber Freund, ob Du mit mir übereinstimmst oder nicht; jedenfalls bitte ich, flehe ich Dich bei meiner Liebe zu Dir an, wenn Du mich ganz glücklich sehen willst, gib mir das Versprechen, weder bei meinen Lebzeiten, noch nach meinem Tode, wenn es Gott gefällt uns zu trennen, unsere Kinder in einer Lehranstalt unterzubringen.
Du schreibst mir, Du müßtest notwendig in Geschäften bald nach Petersburg reisen; Gott mit Dir, mein Freund; fahr hin und kehr recht bald zurück. Wir alle grämen uns, wenn Du nicht da bist! Der Frühling ist herrlich; wir haben die Balkontür schon vor vier Tagen geöffnet; der Weg zum Gewächshaus war ganz trocken, und die Pfirsiche standen in voller Blüte; nur hier und da noch Spuren von Schnee; die Schwalben sind da, und heute hat Ljubotschka mir vom Spaziergang die ersten Frühlingsblumen mitgebracht. Der Doktor sagt, in drei Tagen wäre ich ganz gesund und könnte die frische Luft atmen und mich in der Aprilsonne wärmen. Leb wohl, lieber Freund, beunruhige Dich bitte nicht, weder über meine Krankheit, noch über Deine Verluste, sondern bring Deine Angelegenheiten schnell zu Ende und komm mit den Kindern den ganzen Sommer zu uns. Ich mache herrliche Pläne, wie wir ihn verbringen wollen; zu ihrer Verwirklichung fehlst nur Du noch.«
Der folgende Teil des Briefes war mit ungleichmäßiger, enger Schrift, französisch auf einem anderen Stück Papier geschrieben. Ich übersetze ihn Wort für Wort:
»Glaub nicht, was ich Dir über meine Krankheit geschrieben habe; niemand ahnt, wie ernst sie ist; nur ich weiß, daß ich nicht mehr vom Bett aufstehen werde. Komm sofort, verlier keine Minute und bring die Kinder mit. Vielleicht kann ich Dich noch einmal umarmen und sie segnen; das ist mein letzter Wunsch. Ich weiß, welch schrecklicher Schlag diese Nachricht für Dich ist; aber früher oder später, von mir oder anderen würde er Dir doch zugefügt. Laß uns versuchen, dieses Unglück mit Festigkeit und Ergebung in den Willen Gottes zu ertragen. Hoffen wir auf seine Barmherzigkeit.
Glaub nicht, was ich Dir hier schreibe, seien Fieberphantasien einer Kranken; im Gegenteil: meine Gedanken sind in diesem Augenblick außerordentlich klar und ich bin ganz ruhig. Gib Dich nicht der Hoffnung hin, ich hätte mich geirrt, es seien trügerische unklare Vorgefühle einer ängstlichen Seele. Nein, ich fühle, ich weiß – weiß es deshalb, weil es Gott gefallen hat, mir alles zu offenbaren – daß ich nicht mehr lange zu leben habe.
Ob meine Liebe zu Dir und den Kindern mit dem Tode endet? Das sind Zweifel, die mich stets gequält haben; jetzt aber weiß ich bestimmt, daß das unmöglich ist. Ich fühle in diesem Augenblick meine Liebe zu Euch zu deutlich, um glauben zu können, daß das Gefühl, ohne das ich meine Existenz nicht begreife, jemals aufhören könnte. Meine Seele kann ohne die Liebe zu Euch nicht existieren; ich weiß aber, daß sie schon deswegen ewig bestehen wird, weil solch ein Gefühl wie meine Liebe nicht entstehen könnte, wenn sie jemals aufhören müßte. Jetzt bin ich fest überzeugt, daß, wenn ich nicht mehr bei Euch bin, meine Liebe doch niemals aufhört und Euch nicht verläßt. Dieser Gedanke ist so tröstlich für mein Herz, daß ich ruhig und ohne Furcht das Nahen des Todes erwarte. Ich bin ruhig; Gott weiß, daß ich den Tod stets als Übergang zu einem besseren Leben betrachtet habe; aber warum drohen Tränen mich zu ersticken? Warum werden die Kinder der geliebten Mutter beraubt? Warum wird Dir ein so schrecklicher, unerwarteter Schlag versetzt? Warum muß ich sterben, obgleich die Liebe mein Leben so unendlich glücklich gemacht hat? Warum? … Sein heiliger Wille geschehe!
Ich kann vor Tränen nicht weiterschreiben. Vielleicht sehe ich Dich nicht mehr; also danke ich Dir, mein teurer Freund, für alles Glück, daß Du mir in diesem Leben gegeben hast; ich werde dort Gott bitten, daß Er Dich belohnt. Leb wohl, lieber Freund, denk daran, daß, obgleich ich nicht mehr bin, meine Liebe zu Dir Dich nie und nirgends verläßt.
Leb wohl, Wolodja; leb wohl, mein Engel; leb wohl mein Benjamin, Nikolas! Werden die Kinder mich wirklich je vergessen?!« –
In diesem Brief lag ein gewandter und gefühlvoller Brief Mimis folgenden Inhalts:
»Les tristes sentiments dont elle vous parle ne sont que trop appuyés par les paroles du docteur. Hier dans la nuit elle a demandé qu'on envoie tout de suite cette lettre à la poste. Croyant que dans ce moment elle était en délire, j'ai attendu jusqu'à ce matin et j'ai osé la décacheter. A peine l'avais-je expédiée que Natalja Nikolajewna me demanda ce que j'avais fait de la lettre, et m'ordonna de la brûler, si elle n'était pas partie. Elle ne cesse d'en parier, même en délire et prétend que cette lettre doit vous tuer.
Ne mettez donc pas de retard à votre voyage, si vous voulez voir cet ange, avant qu'il vous quitte.
Excusez ce griffonage, je n'ai pas dormi trois nuits. Vous savez si je l'aime!«[2]
Natalie Sawischna, die vom 11. April die ganze Nacht in Mamas Schlafzimmer verbracht hatte, erzählte mir, Mama hätte nach Beendigung des ersten Teiles den Brief neben sich auf den Nachttisch gelegt und sei eingeschlafen. »Ich selbst,« sagte Natalie Sawischna, »nickte im Lehnstuhl ein, und der Strickstrumpf fiel mir aus der Hand. Da höre ich im Schlaf – es war so um ein Uhr – daß sie mit jemandem spricht. Ich öffne die Augen und sehe, daß mein Täubchen im Bett sitzt, hat die Hände gefaltet und Tränen fließen in Strömen aus ihren Augen. ›Also ist alles zu Ende,‹ sagt sie und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen.
Ich sprang auf und fragte: ›Was ist Ihnen?‹
›Ach, Natalie Sawischna, wenn Sie wüßten, wen ich soeben gesehen habe!‹
Soviel ich auch fragte, sie sagte mir nichts weiter, befahl nur, den Tisch heranzurücken, schrieb noch etwas, hieß mich den Brief in ihrer Gegenwart siegeln und sofort befördern. Danach wurde es schlimmer und schlimmer.«