Sewastopol im Dezember 1854, im Mai und August 1855

Leo Tolstoj war aus dem Kaukasus in die Heimat zurückgekehrt. Er war Soldat und konnte sich – nach den kleinen Scharmützeln mit den ungebändigten Gebirgsstämmen, – auch dem gewaltigen Völkerkriege nicht entziehen, dessen Schauplatz die Krim ward. Vor Sewastopol fiel die Entscheidung in diesem ungleichen Kampfe, den Rußland gegen zwei Großmächte des Westens zu führen hatte.

Am 23. September hatten die Russen ihre ganze Flotte in das Schwarze Meer versenkt, um den Angriff von der Seeseite her zu vereiteln, und Totlebens Kunst hatte die Festung durch Aufführung von Forts und Bastionen zu einer fast uneinnehmbaren gemacht. Die fortgesetzte Beschießung aber mit ihren Opfern an Menschenleben, die Abschneidung der Zufuhr von Lebensmitteln und die gänzliche Ermattung des russischen Heeres führten endlich am 27. August 1855 nach einem furchtbaren Sturmangriff zur Uebergabe Sewastopols.

Alle Leiden des russischen Heeres hatte der junge Offizier in der vierten Bastion, an einer der gefährlichsten Stellen der belagerten Festung, mitgemacht. Und gewohnt, das Erlebte im dichterischen Spiegelbilde festzuhalten, bannte Leo Tolstoj auch die Leidenstage von Sewastopol in drei gewaltige Schilderungen, die das entzückte Rußland mit steigender Bewunderung las, während noch der Heldenmut seiner Söhne vergeblich um den Sieg rang. Kaiser Nikolaus selbst, der Urheber des großen Völkerunglücks, war von dem Werke des jungen Offiziers begeistert. Er gab den Befehl, ihn von dem gefährlichen Orte zu entfernen, damit das Leben eines zukunftsreichen Talents geschont werde.

Tolstoj wählte für seine Schilderungen den Anfang, den Höhepunkt und das Ende der Kämpfe vor Sewastopol, und benennt sie äußerlich nach der Zeit: Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai, Sewastopol im August.

Aus diesen drei Augenblicksbildern sprechen mit beredten Worten das tiefe Mitgefühl mit den Leiden des Volks, die Bewunderung für seine unwandelbare Tapferkeit und Leidensfähigkeit, der große Schmerz um den Völkerwahn des Krieges, die Geringschätzung für Eigenschaften, die eine hergebrachte Anschauung Tugenden nennt – genug, all die Grundideen Tolstojscher Ethik, die auch in seinen anderen dichterischen Werken zum Ausdruck kommen, und die erst im sechsten Jahrzehnt seines Lebens sich zu einer systematischen Weltanschauung verdichten sollten.

Aber trotz des scheinbar auf sittliche Ziele gerichteten Inhalts ist die Schilderung von ruhigster Sachlichkeit. Dem Dichter ist nichts gut, nichts böse; nicht zur Nachahmung aneifern will er in seinen Schilderungen der Tapferkeit, nicht abschrecken vom Bösen durch grausige Darstellung des Entsetzlichen, nicht einmal in den einzelnen Personen, die er handeln läßt, Muster kriegerischer Tugenden oder abschreckende Beispiele des Gegenteils vorführen. Die Menschen alle »können nicht die Uebelthäter, noch die Helden der Erzählung sein«.

»Der Held meiner Erzählung – sagt Tolstoj – den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird – ist die Wahrheit.«

Erscheinen in dieser Hinsicht die Schilderungen der Sewastopoler Kämpfe gewissermaßen als eine kunstlose Wiedergabe der Wirklichkeit, so zeigt sich die berechnende Kunst des Dichters deutlich in der Steigerung, die in der Wahl der drei Momente liegt, die von entscheidender Bedeutung für den Krieg waren: die Zeit der Entwicklung, der Wendung und des tragischen Abschlusses.

Alle drei Skizzen sind unter den Eindrücken der Sewastopoler Leidenstage selbst geschrieben, in den Jahren 1854 und 1855. Zwischen ihnen liegt nur die Abfassung der kurzen Erzählung: »Der Holzschlag«.

Die Kritik nahm die Sewastopoler Skizzen mit Bewunderung auf. Sie waren das erste Werk Leo Tolstojs, das einen allgemeinen, unbestrittenen Erfolg hatte. Das lesende Rußland sah in den poetischen Schilderungen des Grafen Tolstoj nicht bloß interessante Thatsachen in der Wiedergabe eines Augenzeugen, nicht bloß begeisterte Erzählungen von Heldenthaten, die auch den Leidenschaftslosesten hätten fortreißen können; jeder Leser erblickte darin die Verherrlichung der nationalen Tapferkeit und die Verewigung ihres Andenkens.

Nie vorher hatte Rußland Soldatenschilderungen solcher Art gekannt. Skobelews vielgelesene Erzählungen waren unter den Vorurteilen einer schönfärberischen Vaterlandsliebe entstanden und sind die Schöpfungen einer mittelmäßigen Dichtergabe. Tolstoj strebte nach einer treuen Wirklichkeitsschilderung und besaß zugleich die Kraft, dem Alltäglichen den Charakter des Erhabenen zu geben.

R. L.

Sewastopol im December 1854

Eben beginnt die Morgenröte den Horizont über dem Ssapunberg zu färben; die dunkelblaue Meeresfläche hat bereits das nächtliche Dunkel abgestreift und erwartet den ersten Sonnenstrahl, um in glänzenden Farben zu spielen; von der Bucht her weht es kalt und neblig; es liegt kein Schnee, alles ist schwarz, aber der scharfe Morgenfrost greift das Gesicht an und macht die Erde unter den Füßen knirschen; nur das entfernte, unaufhörliche, bisweilen von rollenden Schüssen in Sewastopol übertönte Brausen des Meeres unterbricht die Stille des Morgens. Auf den Schiffen ist es still; die achte Stunde schlägt.

Auf der Nordseite beginnt allmählich die Ruhe der Nacht der Thätigkeit des Tages zu weichen: hier marschiert eine Wachablösung, mit den Gewehren klirrend, vorbei; dort eilt ein Arzt schon ins Lazarett; hier kriecht ein Soldat aus einer Erdhütte, wäscht sich mit eisigem Wasser das sonnenverbrannte Gesicht und betet, nach dem sich rötenden Osten gewendet und sich schnell bekreuzigend, zu Gott; hier schleppt knarrend eine hohe, schwere, mit Kamelen bespannte Madshara (tatarischer Bauernwagen) blutige Leichen, mit denen sie fast bis an den Rand beladen ist, zur Beerdigung auf den Kirchhof ... Wir gehen auf den Hafen zu, – hier schlägt uns ein eigentümlicher Geruch von Steinkohlen, Dünger, Feuchtigkeit und Fleisch entgegen; tausend verschiedenartige Gegenstände – Brennholz, Fleisch, Schanzkörbe, Mehl, Eisen u. s. w. – liegen haufenweis am Hafen; Soldaten verschiedener Regimenter, mit Säcken und Gewehren, ohne Säcke und ohne Gewehre, drängen sich hier, rauchen, zanken sich, schleppen Lasten auf den Dampfer, der rauchend an der Landungsbrücke liegt; Privatkähne, voll von allerlei Volk, – von Soldaten, Seeleuten, Kaufleuten, Weibern, – legen an oder stoßen ab.

Nach der Grafßkaja, Euer Wohlgeboren, wenn's gefällig ist! bieten uns zwei oder drei verabschiedete Matrosen ihre Dienste an, indem sie in ihren Böten aufstehen.

Wir wählen den, der uns am nächsten ist, schreiten über den halbverfaulten Kadaver eines braunen Pferdes, der hier im Schmutz in der Nähe des Bootes liegt, und gehen an's Steuerruder. Wir stoßen vom Ufer ab. Rings um uns haben wir das schon in der Morgensonne glänzende Meer, vor uns den alten Matrosen, in einem Überrock aus Kamelhaar, und einen blonden Knaben, die unter Schweigen emsig die Ruder führen. Wir sehen die vielen segelfertigen Schiffe, die nah und fern in der Bucht zerstreut sind, die kleinen, schwarzen Punkte der auf dem glänzenden Azur des Meeres sich bewegenden Schaluppen und die auf der andern Seite der Bucht befindlichen, durch die hellroten Strahlen der Morgensonne gefärbten, schönen und hellen Häuser der Stadt; wir sehen die schaumbespritzte Linie des Molo und der versenkten Schiffe, deren schwarze Mastenspitzen hie und da düster aus dem Wasser ragen; unserm Blicke begegnet die entfernte feindliche Flotte, die am kristallenen Horizont des Meeres unthätig daliegt, endlich sehen wir die durch unsere Ruder in den schäumenden Wellen in die Höhe geworfenen und springenden Tropfen der Salzflut; wir hören den einförmigen Laut von Stimmen, die über das Wasser her zu uns dringen, und die majestätischen Töne der Kanonade, die, wie uns scheint, immer stärker wird in Sewastopol.

Es ist unmöglich, daß bei dem Gedanken: auch wir sind in Sewastopol, unsere Seele nicht das Gefühl eines gewissen Mutes und Stolzes durchdringe, und das Blut nicht schneller in unsern Adern fließe.

Euer Wohlgeboren! Steuern Sie direkt auf den Kistentin (das Schiff »Konstantin«), sagt zu uns der alte Matrose, indem er sich rückwärts wendet, um die Richtung, die wir dem Boote geben, zu berichtigen, das Steuerruder rechts!

Und er hat noch all seine Kanonen! bemerkt der blonde Bursche, während er am Schiffe vorbeirudert und es betrachtet.

Freilich. Er ist neu, Kornilow hat ihn befehligt, bemerkt der Alte, indem er ebenfalls das Schiff betrachtet.

Sieh, wie sie geplatzt ist! sagt der Knabe nach einem längeren Schweigen, indem er auf ein weißes Wölkchen zerfließenden Rauches sieht, das sich plötzlich hoch über der südlichen Bucht erhebt und von dem lauten Krachen einer platzenden Bombe begleitet ist.

Er feuert heut aus einer neuen Batterie, fügt der Alte hinzu, indem er sich gleichmütig in die Hände spuckt. Nun, Mischka, zugerudert, wir wollen die Barkasse überholen! ... Und unser Boot eilt schneller vorwärts über die weite, wogende Bucht, überholt wirklich die schwere Barkasse, die mit Säcken beladen ist und von ungeschickten Soldaten ungleich gerudert wird, und landet, zwischen einer Menge am Ufer befestigter Böte, im Grafßkaja-Hafen.

Auf dem Uferdamm bewegen sich lärmend Scharen von Soldaten in grauen Mänteln, von Matrosen in schwarzen Winterröcken und von buntgekleideten Frauen. Alte Weiber verkaufen Semmeln, Bauern mit Theemaschinen schreien: »Heißer Sbitjen!«[A] und dort auf den ersten Stufen der nach dem Landungsplatz führenden Treppe liegen verrostete Kanonenkugeln, Bomben, Kartätschen und gußeiserne Kanonen verschiedenen Kalibers; etwas weiter ist ein großer Platz, auf dem mächtige Balken, Kanonenlafetten, schlafende Soldaten liegen, und Pferde, Fuhrwerke, grüne Pulverkasten mit Geschützen, und Sturmgeräte der Infanterie stehen; Soldaten, Matrosen, Offiziere, Weiber, Kinder und Kaufleute bewegen sich durcheinander; Bauernwagen mit Heu, mit Säcken und Fässern kommen angefahren; hier reitet ein Kosak und ein Offizier, dort fährt ein General in einer Droschke. Rechts ist die Straße durch eine Barrikade gesperrt, auf der in Schießscharten kleine Kanonen stehen; neben diesen sitzt, seine Pfeife rauchend, ein Matrose. Links erhebt sich ein hübsches Haus mit römischen Ziffern an der Stirnseite, vor dem Soldaten neben blutigen Tragbahren stehen, – überall sehen wir die häßlichen Spuren des Lagerlebens im Kriege. Der erste Eindruck, den wir empfinden, ist jedenfalls der unangenehmste; die eigentümliche Vermischung des Lagerlebens mit städtischem Leben und Treiben, der schönen Stadt mit dem schmutzigen Biwak ist nicht nur unschön, sondern kommt uns wie ein widerwärtiges Durcheinander vor; es scheinen uns sogar alle bestürzt und unruhig, und nicht zu wissen, was sie thun sollen. Aber wenn wir den Menschen, die sich um uns herum bewegen, näher ins Gesicht sehen, kommen wir zu einer ganz andern Ansicht. Betrachten wir nur diesen Train-Soldaten, der seine drei Braunen zur Tränke führt, und so ruhig vor sich hinsummt, daß man ihm anmerkt, er wird sich in dieser bunten Menge, die für ihn nicht existiert, nicht verirren, er verrichtet seine Arbeit, welche es immer sei, ob Pferde zu tränken, oder am Geschütz zu ziehen, ebenso ruhig, selbstvertrauend und gleichgültig, als wenn das alles irgendwo in Tula oder Saransk geschehe. Denselben Ausdruck lesen wir auch auf dem Gesicht des jungen Offiziers, der in tadellosen weißen Handschuhen vorbeigeht, auf dem Gesicht des Matrosen, der rauchend auf der Barrikade sitzt, auf den Gesichtern der als Träger verwendeten Soldaten, die mit Bahren auf der Außentreppe des ehemaligen Kasinos warten, und auf dem Gesicht des Mädchens, das, in der Furcht, sein rosafarbenes Kleid naß zu machen, von Stein zu Stein über die Straße hüpft.

[A] Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern oder Salbei, das von den Aermeren als Thee getrunken wird. Anm. d. Herausg.

Wenn wir zum erstenmal in Sewastopol ankommen, sind wir unbedingt enttäuscht. Wir suchen vergebens, auch nur auf einem Gesicht, Spuren von Unruhe und Kopflosigkeit, oder auch von Begeisterung, Todesmut und Entschlossenheit, – nichts von alledem: wir sehen ruhig mit ihrer Alltagsarbeit beschäftigte Alltagsmenschen, so daß wir uns vielleicht selbst ein Übermaß von Enthusiasmus vorwerfen, daß wir leise Zweifel hegen an der Richtigkeit der Vorstellung von dem Heldenmut der Verteidiger Sewastopols, die wir uns nach den Erzählungen, den Beschreibungen gebildet haben und dem, was wir auf der Nordseite gesehen und gehört. Aber ehe wir zweifeln, gehen wir auf die Bastionen, betrachten wir Sewastopols Verteidiger auf dem Schauplatz der Verteidigung selber, – oder noch besser, gehen wir direkt in das Haus gegenüber, das früher das Sewastopoler Kasinogebäude gewesen und auf dessen Außentreppe Soldaten mit Tragbahren stehen, – da werden wir die Verteidiger Sewastopols sehen, da werden wir schreckliche, traurige, große, Erstaunen erregende und herzerhebende Szenen sehen.

Wir wollen in den großen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die Thür geöffnet, da erschreckt uns plötzlich der Anblick und der Geruch von vierzig oder fünfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken, die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir dürfen dem Gefühl, das uns an der Schwelle zurückhält, nicht nachgeben – es ist kein schönes Gefühl; gehen wir nur vorwärts, schämen wir uns nicht, daß wir gekommen, von den quälendsten Schmerzen Gepeinigte zu sehen – schämen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen: die Unglücklichen sehen gern ein mitfühlendes Menschenantlitz, sprechen gern von ihren Qualen und hören gern Worte der Liebe und Teilnahme ... Wir wollen in der Mitte der Lagerstätten entlang gehen und ein weniger düsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen können, um zu sprechen.

Wo bist du verwundet? – fragen wir unentschlossen und zaghaft einen alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur tiefes Mitgefühl, sondern auch Scheu vor der Möglichkeit zu beleidigen und Hochachtung vor dem, der sie erträgt, einflößen.

Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den Falten der Decke, daß ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank, fügt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.

Und ist es schon lange her, daß du verwundet worden bist?

Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.

Schmerzt es dich jetzt?

Nein, jetzt schmerzt es nicht, – gar nicht; nur die Wade scheint mir weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.

Wie und wo bist du verwundet worden?

Auf der fünften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement war, ich hatte das Geschütz hergerichtet, wollte nach einer anderen Schießscharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob ich in eine Grube stürzte, – fort war das Bein.

Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?

Nein, nur ein Gefühl, als wenn ich mit etwas Heißem ans Bein gestoßen würde.

Nun, aber dann?

Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war mir, als ob sie wund gerieben würde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist, an nichts denken; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts. Alles kommt daher, daß der Mensch denkt.

Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide, mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in unser Gespräch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzählen, von seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen lang befunden, – wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Großfürsten mit ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, daß er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen, wenn er selber nicht mehr arbeiten könnte. Während die Frau dies in einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der, abgewandt und als wenn er nicht auf sie hörte, auf seinem Kopfkissen Charpie zupft, – und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen Entzücken.

Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit einem Ausdrucke, als wenn er spräche: Sie müssen ihr schon verzeihen, es ist einmal so, Weiber müssen dummes Zeug schwatzen.

Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schämen uns förmlich vor diesem Menschen. Wir möchten ihm gar viel sagen, um ihm unser Mitgefühl und unsere Bewunderung auszudrücken, aber wir finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und unbewußten Größe und Stärke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen Werte.

Nun möge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und in unerträglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.

Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht. Er liegt auf dem Rücken, den linken Arm hinten unter gelegt, in einer Lage, die fürchterliche Schmerzen ausdrückt. Der vertrocknete, geöffnete Mund stößt mit Mühe röchelnden Atem aus; die blauen, glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der dumpfige Geruch, den der leblose Körper ausströmt, fällt uns stark auf die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des Dulders durchdringt, bemächtigt sich auch unser.

Wie, ist er besinnungslos? fragen wir die Frau, die hinter uns geht und uns, wie Verwandte, freundlich ansieht.

Noch nicht, er hört, befindet sich aber sehr schlecht, fügt sie flüsternd hinzu, ich habe ihm heute Thee zu trinken gegeben; obwohl er mir fremd ist, so muß man doch Mitleiden haben, – er hat fast gar nicht mehr getrunken.

Wie fühlst du dich? fragen wir ihn.

Der Verwundete bewegt auf unsere Frage die Pupillen, aber er sieht und versteht uns nicht.

Im Herzen brennt's.

Ein wenig weiter sehen wir einen alten Soldaten, der die Wäsche wechselt. Sein Gesicht und Körper sind ziegelfarbig und mager wie bei einem Skelett. Der eine Arm fehlt ihm gänzlich, er ist ihm an der Schulter abgenommen worden. Er sitzt gefaßt da, – er befindet sich auf dem Wege der Besserung; aber an dem toten, trüben Auge, an der schrecklichen Magerkeit und den Runzeln des Gesichts erkennen wir, daß dieses Wesen schon den größeren Teil seines Lebens durchlitten hat.

Auf der anderen Seite sehen wir auf einer Pritsche ein leidendes, bleiches und zartes Frauengesicht, auf dessen Wangen flammende Röte spielt.

Das ist unsere Matrosenfrau, am 5. hat sie eine Bombe am Bein getroffen, sagt uns unsere Führerin, sie brachte ihrem Manne Essen auf die Bastion.

Hat man sie amputiert?

Sie ist über'm Knie amputiert worden.

Jetzt gehen wir durch eine Thür links, wenn unsere Nerven stark sind; in diesem Zimmer werden die Verwundeten verbunden und operiert. Wir sehen hier die Ärzte mit Blut an den Armen bis zu den Ellbogen und mit blassen, finsteren Gesichtern um eine Pritsche beschäftigt, auf der mit geöffneten Augen und wie im Fieber sinnlose, bisweilen einfache und rührende Worte sprechend, ein Verwundeter chloroformiert liegt. Die Ärzte sind mit einer widerwärtigen, aber wohlthätigen Arbeit beschäftigt. Wir sehen, wie ein scharfes krummes Messer in den weißen, gesunden Körper einschneidet; – wir sehen, wie der Verwundete mit einem schrecklichen, herzzerreißenden Schrei und mit Verwünschungen plötzlich zur Besinnung kommt; – wir sehen, wie der Feldscher den abgeschnittenen Arm in eine Ecke wirft; – wir sehen in demselben Zimmer, auf einer Tragbahre, einen anderen Verwundeten liegen, der beim Anblick der Operation des Kameraden sich windet und stöhnt, nicht so sehr aus körperlichem Schmerz, wie aus Qual und Erwartung; – wir sehen schreckliche, herzerschütternde Szenen, wir sehen den Krieg nicht in dem üblichen schönen und glänzenden Gewande, mit Musik und Trommelklang, mit wehenden Fahnen und Generalen hoch zu Rosse, wir sehen den Krieg in seinem wahren Wesen – in Blut, in Leiden, in Tod ...

Treten wir aus diesem Hause der Qualen heraus, so empfinden wir unfehlbar ein tröstliches Gefühl, atmen voller die frische Luft ein, empfinden Vergnügen im Bewußtsein unserer Gesundheit, schöpfen aber zugleich aus der Anschauung dieser Leiden das Bewußtsein unserer eigenen Nichtigkeit und gehen ruhig und entschlossen auf die Bastionen ...

»Was bedeutet der Tod und die Leiden eines so nichtigen Wurmes, wie ich, im Vergleich zu dem Tode und dem Leiden so vieler?« Aber der Anblick des klaren Himmels, der strahlenden Sonne, der schönen Stadt, der geöffneten Kirche und des Kriegsvolks, das sich nach allen Richtungen hin bewegt, versetzt unsern Geist schnell in den normalen Zustand des Leichtsinns, der Alltagssorgen und des Genusses der Gegenwart.

Vielleicht begegnen wir einem aus der Kirche kommenden Begräbnis eines Offiziers, mit einem rosafarbenen Sarge, mit Musik und fliegenden Fahnen; an unser Ohr dringen vielleicht die Töne der Kanonade von den Bastionen, aber das versetzt uns nicht in die frühere Stimmung zurück: das Leichenbegängnis erscheint uns als ein wunderschönes militärisches Schauspiel, die Töne als ein minder schönes Kriegsgetön, und wir verknüpfen weder mit diesem Schauspiel, noch mit diesen Tönen den klaren, uns selbst betreffenden Gedanken an Leiden und Tod, wie wir das an dem Verbandort gethan haben.

An der Kirche und Barrikade vorüber kommen wir nach dem belebtesten Stadtteil. Auf beiden Seiten befinden sich Aushängeschilder von Verkaufsläden und Gastwirtschaften. Kaufleute, Frauen in Hüten und Tüchern, stutzerhafte Offiziere, – alles spricht uns von der Standhaftigkeit, dem Selbstvertrauen und der Sicherheit der Einwohner.

Wir müssen in ein Gasthaus rechter Hand gehen, wenn wir ein Gespräch von Seeleuten und Offizieren hören wollen; hier werden jedenfalls Gespräche über die verflossene Nacht, über Fenjka, über den 24. geführt, darüber, wie schlecht und teuer man die Koteletts bekommt, und wie der und jener Kamerad gefallen ist.

Hol's der Teufel, wie arg es heut bei uns ist! spricht mit Baßstimme ein bartloser Marineoffizier mit blonden Augenbrauen und Wimpern, der eine grüne, gestrickte Schärpe trägt.

Wo ist das – bei uns? fragt ihn ein anderer.

Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir betrachten unfehlbar mit großer Aufmerksamkeit und sogar mit einer gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: »auf der vierten Bastion«. Seine übermäßige Ausführlichkeit, sein Herumfuchteln mit den Händen, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen, erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach einer Gefahr über junge Leute kommt; wir denken, daß er anfangen wird, uns zu erzählen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und Gewehrkugeln wegen – weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig ist. – »Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er auf seine bis über die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn ist er getroffen worden,« sagt ein anderer. – »Wer war es? Mitjuchin?« »Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr Kanaillen!« fügt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt. »Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad – sechs Ausfälle hat er mitgemacht!«

Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel, ein junger Mann, erzählt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzählung macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint, ob man ihm auch glaube, hauptsächlich aber an der allzu großen Rolle, die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, daß er stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind nicht in der Stimmung, diese Erzählungen mit anzuhören, die wir noch lange an allen Enden Rußlands werden zu hören bekommen; wir wollen so schnell als möglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte, von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzählt hat. Wenn jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder allzugroßen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und fragt: woher? – so bekommt man meist die Antwort: von der vierten Bastion. Es giebt überhaupt zwei völlig verschiedene Meinungen über diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und die überzeugt sind, daß die vierte Bastion das sichere Grab für jeden ist, der dorthin geht – und solcher, die dort hausen, wie der blonde Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns sagen, ob es in der Erdhütte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist u. s. w.

In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich das Wetter geändert: der Nebel, der über das Meer gebreitet lag, hat sich zu grauen, düsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhüllt die Sonne; ein trauriger Staubregen sprüht vom Himmel und netzt die Dächer, die Straßen und die Soldatenmäntel ...

Wir gehen noch durch eine Barrikade hindurch, dann treten wir zur Thür heraus, wenden uns rechts und steigen auf einer langen Straße bergauf. Hinter dieser Barrikade sind die Häuser zu beiden Seiten unbewohnt, Schilder fehlen, die Thüren sind mit Brettern vernagelt, die Fenster eingeschlagen, hier ist eine Mauerecke fortgeschossen, dort ein Dach durchgeschlagen. Die Gebäude gleichen Veteranen, die alle Not und Sturm erfahren haben, und scheinen stolz und geringschätzig auf uns herabzusehen. Unterwegs stolpern wir über herumliegende Kanonenkugeln und fallen in Löcher voll Wasser, welche die Bomben auf dem steinigen Grunde gerissen. Auf der Straße treffen wir Soldatendetachements, Grenzkosaken, Offiziere. Bisweilen begegnen wir einer Frau oder einem Kinde, aber die Frau geht nicht in Weiberkleidung; sie ist eine Matrosenfrau und trägt einen alten Pelz und Soldatenstiefel. Wenn wir auf der Straße weitergehen und unter eine kleine Anhöhe gelangt sind, bemerken wir um uns nicht mehr Häuser, sondern sonderbare Trümmerhaufen – Steine, Bretter, Lehm, Balken; vor uns sehen wir auf einer steilen Anhöhe eine schwarze, schmutzige, von Gräben durchzogene Fläche, und dies vor uns ist die vierte Bastion ... Hier begegnen wir noch weniger Menschen, Frauen sind gar nicht zu sehen, die Soldaten gehen schnell, auf dem Wege zeigen sich Blutstropfen, und unfehlbar treffen wir hier vier Soldaten mit einer Tragbahre, und auf der Bahre ein fahlgelbes Gesicht und einen blutigen Mantel. Wenn wir fragen: »Wo ist er verwundet?« sagen die Träger ärgerlich, ohne sich zu uns zu wenden, am Bein oder am Arm, wenn der Kranke leicht verwundet ist; oder sie schweigen mürrisch, wenn auf der Bahre der Kopf nicht sichtbar und der Getragene bereits tot oder schwer verwundet ist.

Das nahe Pfeifen einer Kanonenkugel oder Bombe, gerade da wir den Berg zu besteigen beginnen, überrascht uns in unangenehmer Weise. Wir begreifen plötzlich, und ganz anders, als wir es vorher begriffen haben, die Bedeutung der Kanonentöne, die wir in der Stadt gehört haben. Ein friedlich tröstliches Erinnern blitzt in unsern Gedanken auf; unser eigenes Ich beginnt uns mehr zu beschäftigen, als die Beobachtungen: die Aufmerksamkeit für alles, was uns umgiebt, nimmt ab, und ein unangenehmes Gefühl der Unentschlossenheit überkommt uns plötzlich. Wir achten dieser kleinlichen Stimme nicht, die bei dem Anblick der Gefahr plötzlich in unserm Innern sich vernehmen läßt, und bringen, – besonders da wir den Soldaten betrachten, der mit ausgebreiteten Händen über den flüssigen Kot schnell lachend an uns vorbei den Berg hinanklimmt, – diese Stimme zum Schweigen, strecken unwillkürlich die Brust vor, heben den Kopf empor und klettern den schlüpfrigen, lehmigen Berg hinauf. Kaum haben wir uns etwas auf den Berg hinaufgearbeitet, so beginnen rechts und links Kugeln aus Stutzen zu pfeifen, und wir denken vielleicht, ob wir nicht besser thäten, den Laufgraben entlang zu gehen, der mit dem Wege parallel läuft; aber der Laufgraben ist so voll von flüssigem, gelbem, übelriechendem, bis über die Knie reichendem Schmutz, daß wir unbedingt den Weg auf dem Berge wählen, umsomehr, als wir alle ihn gehen sehen. Zweihundert Schritt weiter gelangen wir zu einer aufgerissenen, schmutzigen Fläche, die auf allen Seiten von Schanzkörben und von Erdaufschüttungen umgeben ist, in denen sich Pulverkeller und Erdwohnungen befinden, und auf denen große gußeiserne Kanonen, mit regelmäßigen Haufen von Kugeln daneben, stehen. Das alles scheint uns ohne Zweck und Ordnung aufgetürmt zu sein. Da in der Batterie sitzt eine Schar Matrosen, dort in der Mitte des Platzes liegt eine halb in Schmutz versunkene, zerschossene Kanone; da geht ein Infanterist mit seinem Gewehr durch die Batterien und zieht mit Mühe seine Füße aus dem Schmutz. Aber überall, auf allen Seiten und allen Punkten, sehen wir Sprengstücke, nichtgeplatzte Bomben, Kanonenkugeln, Spuren des Lagerlebens, und das alles ist in flüssigen, morastigen Schmutz versunken; wir hören das Aufschlagen einer Kanonenkugel, hören die verschiedenen Töne der Gewehrkugeln, die wie Bienen summen, schnell pfeifen oder wie eine Darmsaite klingen, wir hören furchtbaren Geschützdonner, der uns alle erschüttert und mit furchtbarem Entsetzen erfüllt.

»Das ist also die vierte Bastion, das ist also der schreckliche, wirklich furchtbare Ort!« denken wir und empfinden ein kleines Gefühl des Stolzes und ein großes Gefühl unterdrückter Angst. Aber wir sind enttäuscht, das ist noch nicht die vierte Bastion. Das ist die Jasonow-Redoute, ein verhältnismäßig sehr gefahrloser und durchaus nicht schrecklicher Platz. Um nach der vierten Bastion zu gelangen, müssen wir rechts einen engen Laufgraben verfolgen, in dem ein Infanterist gebückt einhergeht. In diesem Graben treffen wir vielleicht wieder Tragbahren, Matrosen, Soldaten mit Schaufeln, sehen Leitungen zu Minen, Erdhütten voll Schmutz, in denen nur zwei Menschen gebückt herumkriechen können, wir sehen die hier wohnenden Plastuns[B] der Bataillone vom Schwarzen Meer, die sich dort umkleiden, essen, Tabak rauchen, wohnen, und sehen wiederum überall denselben übelriechenden Schmutz, die Spuren des Lagerlebens und in jedweder Gestalt umherliegendes Gußeisen. Nach dreihundert Schritten kommen wir wieder zu einer Batterie, – zu einem kleinen mit Löchern bedeckten Platze, der von Schanzkörben voll Erde, von Geschützen auf Plattformen und von Erdwällen umgeben ist. Hier sehen wir nun fünf Mann Matrosen, die unter der Brustwehr Karten spielen, und einen Marineoffizier, der uns, als neugierigen Neulingen, seine Wirtschaft und alles uns Interessierende zeigt. Dieser Offizier dreht sich so ruhig, auf dem Geschütz sitzend, eine Cigarette aus gelbem Papier, geht so ruhig von einer Schießscharte zur andern, spricht so ruhig mit uns, so gänzlich ungezwungen, daß wir ungeachtet der Gewehrkugeln, die häufiger als früher über uns pfeifen, kaltblütig bleiben, aufmerksam fragen und den Erzählungen des Offiziers lauschen. Dieser Offizier wird uns, aber nur, wenn wir ihn fragen, von dem Bombardement am 5. erzählen; er wird erzählen, wie in seiner Batterie nur ein einziges Geschütz thätig sein konnte, und von der ganzen Bedienungsmannschaft nur acht Mann übrig geblieben waren, und wie er dennoch am folgenden Morgen, am 6., aus allen Geschützen gefeuert; er wird uns erzählen, wie am 5. eine Bombe in eine Matrosen-Erdhütte eingeschlagen und elf Mann niedergestreckt hat; er wird uns von der Schießscharte aus die nicht mehr als dreißig bis vierzig Faden entfernten Batterien und Laufgräben des Feindes zeigen. Nur das eine fürchte ich, daß wir, zur Schießscharte hinausgelehnt, um zu dem Feinde hinüberzuschauen, unter dem Einflusse des Sausens der Kugeln nichts sehen, und wenn wir etwas sehen, uns sehr wundern werden, daß dieser uns so nahe weiße Steinwall, über dem weiße Rauchwölkchen emporsteigen, der Feind ist – »er«, wie die Soldaten und Matrosen sagen.

[B] Plastuns hießen die am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres und am Kuban lebenden Kosaken.

Es ist sogar leicht möglich, daß der Marineoffizier aus Eitelkeit oder nur so, um sich ein Vergnügen zu machen, in unserer Gegenwart ein wenig schießen lassen will. »Den Kommandor herschicken, Bedienungsmannschaft ans Geschütz!« – und an vierzehn Mann Matrosen, der eine seine Pfeife in die Tasche steckend, der andere Zwieback kauend, gehen frisch und munter, mit den beschlagenen Stiefeln auf der Plattform laut auftretend, an die Kanone und laden sie. Wir betrachten die Züge, die Haltung und die Bewegung dieser Leute: in jeder Falte dieses verbrannten Gesichts mit den starken Backenknochen, in jeder Muskel, in diesen breiten Schultern, in diesen kräftigen Beinen, die in gewaltigen Stiefeln stecken, in jeder dieser ruhigen, sicheren, langsamen Bewegungen erkennt man die Hauptcharakterzüge, die die Kraft des Russen ausmachen – Schlichtheit und Festigkeit; aber hier, dünkt uns, hat die Gefahr, der Zorn und die Leiden des Krieges jedem Gesicht außer diesen Hauptzügen noch die Spuren des Bewußtseins des eigenen Wertes, erhabenen Denkens und Empfindens eingeprägt.

Plötzlich überrascht uns ein schrecklicher, nicht nur unser Gehör, sondern unseren ganzen Organismus erschütternder Knall, so daß wir am ganzen Leibe erzittern. Gleich darauf hören wir, wie das Geschoß sich pfeifend entfernt, und dichter Pulverdampf hüllt uns, die Plattform und die schwarzen Gestalten der hin- und hergehenden Matrosen ein. Wir hören verschiedene Gespräche der Matrosen über diesen Schuß. Wir sehen, wie sie lebhaft werden und ein Gefühl offenbaren, das wir kaum erwartet hätten – das Gefühl der Wut, der Rache am Feinde, das in der Seele eines jeden verborgen ruht. »Gerade in die Schießscharte hat es getroffen; wie es scheint, sind zwei gefallen ... dort trägt man sie heraus,« hören wir freudig ausrufen. »Sieh, er ärgert sich, – gleich wird er hierher schießen,« sagt jemand, und wirklich sehen wir bald darauf Blitz und Rauch vor uns; der auf der Brustwehr stehende Posten schreit: »Kano–one!« und gleich darauf kommt eine Kanonenkugel an uns vorbeigeflogen, schlägt auf die Erde auf und wirft, sich trichterförmig einbohrend, Steine und Erdstücke um sich. Der Batteriechef, ärgerlich wegen dieser Kugel, befiehlt ein zweites und drittes Geschütz zu laden, – der Feind beginnt uns zu antworten, und wir durchleben interessante Empfindungen, hören und sehen interessante Dinge. Der Posten schreit wiederum: »Kanone!« und wir hören denselben Ton und Schlag, sehen dieselben Erdstücke; oder er schreit: »Mörser!« – und wir hören ein gleichmäßiges, ziemlich angenehmes Pfeifen der Bombe, mit dem man nur mühsam den Gedanken an etwas Furchtbares in Verbindung bringt, wir hören das Pfeifen, das sich uns nähert und sich beschleunigt, dann sehen wir eine schwarze Kugel, ihr Aufschlagen auf die Erde und das von einem starken Krach begleitete Platzen der Bombe. Mit Pfeifen und Zischen fliegen dann die Splitter umher, schwirren Steine durch die Luft und wir werden mit Schmutz beworfen. Bei diesen Tönen empfinden wir ein sonderbares Gefühl, gemischt aus Angst und Genuß. In dem Augenblicke, wo das Geschoß auf uns zufliegt, schießt uns unbedingt der Gedanke durch den Kopf, daß es uns tötet; aber das Gefühl der Eigenliebe stachelt uns, und niemand bemerkt das Messer, das uns ins Fleisch schneidet. Dafür aber leben wir, wenn das Geschoß vorübergeflogen ist, ohne uns zu streifen, wieder auf, und ein erquickendes, unsagbar angenehmes Gefühl kommt, wenn auch nur einen Augenblick, über uns, so daß wir an der Gefahr, an diesem Spiel um Leben und Tod einen besonderen Genuß finden; wir wünschen, es möchten noch näher und näher bei uns Kugeln oder Bomben niederfallen. Da schreit der Posten noch einmal mit seiner lauten, tiefen Stimme: »Mörser!« – wiederum ertönt das Pfeifen, Aufschlagen und Platzen der Bombe, aber zugleich mit diesem Ton erschreckt uns das Stöhnen eines Menschen. Wir gehen zu gleicher Zeit mit den Trägern zu dem Verwundeten heran, der blutig und beschmutzt ein seltsames, nicht menschliches Aussehen hat. Einem Matrosen ist ein Teil der Brust fortgerissen worden. In dem ersten Augenblick ist in seinem mit Schmutz bespritzten Gesicht nur Schreck und ein unechter, vorzeitiger Ausdruck von Leiden zu lesen, wie er einem Menschen in solcher Lage eigen ist; aber in dem Augenblick, wo man ihm die Tragbahre bringt, und er sich selbst mit seiner gesunden Seite darauf legt, bemerken wir, daß dieser Ausdruck sich in den Ausdruck einer gewissen Begeisterung und eines erhabenen, unausgesprochenen Gedankens verwandelt: die Augen leuchten heller, die Zähne pressen sich aufeinander, der Kopf richtet sich mit Anstrengung in die Höhe und in dem Augenblick, wo man ihn aufhebt, hält er die Bahre an und spricht mühsam mit zitternder Stimme zu den Kameraden: »Lebt wohl, Brüder!« – er will noch etwas sagen, man sieht, er will etwas Rührendes sagen, aber er wiederholt noch einmal: »Lebt wohl, Brüder!« Da geht ein Kamerad, ein Matrose, zu ihm, setzt ihm die Mütze auf den Kopf, den ihm der Verwundete hinhält, und kehrt ruhig, gleichmäßig die Arme schwenkend, zu seinem Geschütz zurück. »So ist es jeden Tag – sieben oder acht Mann,« sagt uns der Marineoffizier, indem er uns antwortet auf den Ausdruck des Entsetzens, das aus unsern Zügen spricht, und dabei gähnt und aus gelbem Papier eine Cigarette dreht.


So haben wir die Verteidiger Sewastopols an dem Orte der Verteidigung selber gesehen und gehen zurück, ohne den Kanonen- und Gewehrkugeln, die den ganzen Weg entlang bis zu dem niedergeschossenen Theater hin pfeifen, Beachtung zu schenken, – wir gehen mit ruhiger, erhobener Seele. Die hauptsächliche, tröstliche Überzeugung, die wir davontragen, ist die Überzeugung von der Unmöglichkeit, die Kraft des russischen Volkes an irgend einem Punkte zu erschüttern. Und diese Unmöglichkeit haben wir nicht in der Menge der Quergänge, der Brustwehren, der kunstvoll gezogenen Laufgräben, der Minengänge und Geschosse, die übereinander getürmt sind, gesehen, wovon wir nichts verstanden haben, nein, wir haben sie in dem Blick, in der Rede, in dem Gebahren gesehen, in dem, was man den Geist der Verteidiger Sewastopols nennt. Was sie thun, thun sie so schlicht, so ohne Anspannung und Anstrengung, daß wir die Überzeugung gewinnen, sie können noch hundertmal mehr – sie können alles. Wir begreifen, daß das Gefühl, das sie schaffen heißt, nicht das Gefühl der Kleinlichkeit, der Eitelkeit, der Unbedachtsamkeit ist, das wir selbst empfunden haben, sondern ein anderes Gefühl, ein gewaltigeres, das sie zu Menschen gemacht hat, die ebenso ruhig unter dem Regen der Kugeln leben, unter hundert Möglichkeiten des Todes anstatt der einen, der diese Menschen alle unterworfen sind, und die unter diesen Bedingungen leben mitten in ununterbrochener Arbeit, in Wachen und Schmutz. Um eines Ordens willen, um eines Titels willen, um des Zwanges willen können Menschen sich so entsetzlichen Lebensbedingungen nicht fügen: es muß eine andere, eine erhabenere Triebfeder sein. Und diese Triebfeder ist ein Gefühl, das selten, verschämt bei dem Russen in die Erscheinung tritt, das aber auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht – die Liebe zum Vaterland. Erst jetzt sind uns die Erzählungen von den ersten Zeiten der Belagerung Sewastopols, da es noch keine Befestigungen, keine Armee hatte, da es physisch unmöglich war, es zu halten, und doch nicht der mindeste Zweifel bestand, daß es sich dem Feinde nicht ergeben würde, glaubhaft geworden, – die Erzählungen von den Zeiten, da Kornilow, dieser des alten Griechenlands würdige Held, bei einer Musterung der Truppen sprach: »Wir wollen sterben, Kinder, aber Sewastopol nicht übergeben,« und unsere Russen, die kein Talent zur Phrasenmacherei haben, antworteten: »Wir wollen sterben! Urra!« – erst jetzt haben die Erzählungen aus jener Zeit aufgehört, für uns eine schöne geschichtliche Überlieferung zu sein, und sind zur Wahrheit, zur Thatsache geworden. Wir verstehen klar und würdigen die Menschen, die wir soeben gesehen, als die Helden, die in jener schweren Zeit den Mut nicht sinken ließen, sondern steigerten, und die freudig in den Tod gegangen sind, nicht für die Stadt, sondern für das Vaterland. Lange wird in Rußland diese Epopöe von Sewastopol, deren Held das russische Volk war, tiefe Spuren zurücklassen ...

Der Tag neigt sich schon. Die Sonne ist vor ihrem Untergange aus den grauen Wolken hervorgetreten, die den Himmel bedecken, und beleuchtet plötzlich mit purpurnem Licht: lilafarbene Wolken, das mit Schiffen und Böten bedeckte, gleichmäßig wogende grünliche Meer, die weißen Häuser der Stadt und die in den Straßen wogenden Menschen. Über das Wasser tönen die Klänge eines alten Walzers, den die Regimentsmusik auf dem Boulevard spielt, und der Schall der Geschosse von den Bastionen, der sie seltsam begleitet.

Sewastopol, den 25. April 1885.

Sewastopol im Mai 1855

I

Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in den feindlichen Werken aufriß, und seit der Zeit sind unaufhörlich Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in die Laufgräben und aus den Laufgräben nach den Bastionen geflogen, und unaufhörlich hat der Engel des Todes über ihnen geschwebt.

Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekränkt, tausendfach befriedigt und genährt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmückte Särge, wie viel linnene Leichentücher! Und noch immer erschallen dieselben Töne von den Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkürlichem Schrecken und Zittern, die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche, aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen, auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zählen die Schießscharten, aus welchen gußeiserne Kanonen trutzig hervorragen; noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhügel aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grünen Höhe bewegen, und die in den Laufgräben aufsteigenden Rauchwölkchen, – und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren Wünschen nach dieser schicksalsreichen Stätte. Und immer noch ist die Frage, die die Diplomaten nicht gelöst haben, nicht gelöst durch Pulver und Blut.

II

In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende Wellen im Silberglanze funkelten.

Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen nicht ganz weißen, aber sauberen Handschuh über die Hand zog, trat aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch, gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher, veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war, und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin, erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem der Kamerad schreibt:

»Wenn der Invalide bei uns eintrifft, stürzt Pupka (so pflegte der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer, greift nach der Zeitung und rennt damit nach der Plauderecke, in das Empfangszimmer (in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und liest mit solchem Feuereifer Euere Heldenthaten, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. ‚Nicht wahr, Michajlow – sagt sie – ist doch eine Seele von Mensch. Ich könnte ihn abküssen, wenn ich ihn sehe. Er kämpft auf den Bastionen und bekommt gewiß das Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...‘ u. s. w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B. haben die Dir bekannten jungen Damen mit der Musik erzählt, Napoleon sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube. Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand in der Stadt ist, eine solche Ressource für uns, daß Du Dir's kaum vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria genommen, so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnitten sind, und wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren. Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nacht gezecht hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne das, und hättest Dich ausgezeichnet.«

Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn lachte – dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten (vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und, lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in der dieser ihm so liebe Brief steckte.

Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung und Freude sein – dachte er, während er durch das schmale Gäßchen dahinschritt, – wenn sie auf einmal im Invaliden die Schilderung lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ... den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General, und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war – als die Töne der Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte – als der alte Stabskapitän von der Infanterie.

III

Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen, denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen abgesonderte Gruppen.

Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern, hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war er zur Musik gekommen.

Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte, und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt hätten.

Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal nicht wiedergrüßen – denkt er – oder wenn sie mich grüßen und in ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den Aristokraten?« Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises, gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dünkel eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in Winniza – überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h. auch viel Aristokraten, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem Haupte jedes Aristokraten und Nicht-Aristokraten.

Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat, für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat, weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht. Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er Flügeladjutant ist.

Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte, die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung von Snobs und Dünkel?

Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppe seiner Aristokraten vorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran. Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten Hundertzweiundzwanzig Bürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war, mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.

Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ... Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es ging heiß her?

Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.

Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...

Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion. Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.

Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten Galzin.

Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er bald Kalugin, bald Galzin ansah.

Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach einer kurzen Pause:

Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht, Kapitän?

Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete der Stabskapitän.

Gehen wir, sehen wir sie uns an.

Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen – den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That zutreffend war.

Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde, sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein, stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der Aristokraten anzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen, auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mit diesem Marineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit; er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.

Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser Gesellschaft umherzuschlendern, daß er den lieben Brief aus T. und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben, daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten. Der Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, – die er zum ersten Male in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich für einen Helden hielt, – besonders stolz und selbstbewußt.

IV

Kaum aber hatte der Stabskapitän die Schwelle seiner Wohnung überschritten, als ihm völlig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen, mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darüber befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und über dem zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke versehene Lagerstätte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestülpten Stiefel und ein Bündel, aus dem das Ende eines Käses und der Hals einer großen Flasche mit Branntwein, den er sich für den Aufenthalt auf der Bastion besorgt, hervorragten; und plötzlich fiel ihm ein, daß er heut auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schützengräben gehen müsse.

»Gewiß, ich werde heut sterben müssen, – dachte der Stabskapitän – ich fühle es. Die Hauptsache ist, daß ich nicht zu gehen brauchte, aber mich selbst angeboten habe. Immer fällt der, der sich selber anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschißezki? Er ist vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer für ihn fallen, ja, gewiß fallen. Übrigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur gefiel, als ich sagte: »Gestatten Sie, daß ich gehe, wenn Leutnant Nepschißezki krank ist.« Setzt es nicht den Major, so ist mir der Wladimir gewiß. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion. Ach, dreizehn ist eine böse Zahl. Ich werde bestimmt fallen – ich fühle es, daß ich fallen werde. Aber Einer muß doch gehen, ein Fähnrich kann doch nicht die Kompagnie führen. Und wenn sich etwas ereignen sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hängt ja davon ab. Meine Pflicht war es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe Vorahnungen.« Der Stabskapitän vergaß, daß er derartige Vorahnungen mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion gehen sollte, und wußte nicht, daß dieselbe Vorahnung mehr oder minder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das Pflichtbewußtsein, das bei dem Stabskapitän besonders entwickelt und stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief beendet, stand er mit thränenfeuchten Augen vom Tische auf und begann, im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden. Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm träge seinen neuen Rock (der alte, den der Stabskapitän gewöhnlich anzog, wenn er auf die Bastion ging, war nicht gereinigt).

Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du! du! rief Michajlow zornig.

Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag läuft man umher wie ein Hund, da wird man wohl müde; und dann heißt es: schlaf' nicht mal ein!

Du bist wieder betrunken, sehe ich.

Nicht für Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwürfe?

Schweig', Tölpel, schrie der Stabskapitän und wollte seinem Diener einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war er vollends außer sich und erbittert über die Grobheit Nikitas, den er gern hatte, sogar verwöhnte, und mit dem er bereits zwölf Jahre zusammen lebte.

Tölpel? Tölpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie mich Tölpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu schimpfen.

Michajlow erinnerte sich, wohin er zu gehen hatte und schämte sich.

Du bringst einen wirklich um alle Geduld, Nikita, sprach er mit sanfter Stimme, diesen Brief an meinen Vater laß auf dem Tische liegen, rühr' ihn nicht an, fügte er errötend hinzu.

Zu Befehl, Herr, sprach Nikita, den unter dem Einflusse des Weines, den er, wie er sagte, für sein eigenes Geld getrunken hatte, ein Gefühl der Rührung überkam, und der mit dem ersichtlichen Wunsche, in Thränen auszubrechen, mit den Augen zwinkerte.

Als der Stabskapitän auf der Außentreppe sagte: lebe wohl, Nikita! brach Nikita plötzlich in Schluchzen aus und stürzte auf seinen Herrn zu, um ihm die Hände zu küssen. Leben Sie wohl, Herr, sprach er schluchzend. Eine alte Matrosenfrau, die auf der Außentreppe stand, konnte als Weib dieser Gefühlsszene nicht unbeteiligt zuschauen, sie wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel die Augen und sprach ihre Verwunderung darüber aus, warum sich denn die Herren solchen Qualen aussetzten; sie sagte, sie sei eine arme Witwe, und erzählte zum hundertsten Male dem betrunkenen Nikita von ihrem Kummer: wie ihr Mann schon beim ersten »Bandirement« getötet und ihr Häuschen total zerstört worden (das, in dem sie jetzt wohnte, gehörte nicht ihr) u. s. w. Nachdem der Herr gegangen war, zündete Nikita sein Pfeifchen an, bat das Haustöchterchen, Schnaps zu holen und hörte sehr bald auf zu weinen. Ja, er begann sogar mit der Alten einen Zank wegen eines kleinen Eimers, den sie ihm zerschlagen haben sollte.

»Vielleicht werde ich nur verwundet, dachte der Stabskapitän, als er bereits in der Dämmerung mit der Kompagnie auf die Bastion ging. – Aber wo, wie: hier oder dort? er hatte den Leib und die Brust im Sinn. – Wenn hier (er dachte an den Oberschenkel), würde der Knochen ganz bleiben ... Wenn aber hier, besonders von einem Bombensplitter, dann ist es aus!«

Der Stabskapitän gelangte glücklich durch die Laufgräben bis zu den Schützengräben, stellte mit Hilfe eines Sappeuroffiziers bereits in vollständiger Dunkelheit die Leute zur Arbeit an und setzte sich in eine kleine Grube unter der Brustwehr. Es wurde wenig geschossen, nur bisweilen flammten bald bei uns, bald bei »ihm« Blitze auf und beschrieb eine leuchtende Bombenröhre einen feurigen Bogen am dunklen, gestirnten Himmel. Aber alle Bomben fielen weit hinten und rechts von dem Schützengraben nieder, in dessen Grube der Stabskapitän saß. Er trank seinen Schnaps, aß seinen Käse, rauchte seine Cigarette und versuchte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, ein wenig zu schlafen.

V

Fürst Galzin, Oberstleutnant Neferdow und Praßkuchin, den niemand gerufen hatte, mit dem niemand sprach, der sich aber immer zu ihnen hielt, verließen alle drei den Boulevard, um bei Kalugin Thee zu trinken.

Nun, du hast mir noch nicht zu Ende erzählt von Wasjka Mendel, sprach Kalugin; er hatte den Mantel abgelegt, saß am Fenster auf einem weichen, bequemen Sessel und knöpfte den Kragen seines weißen, gestärkten Oberhemdes auf, – wie hat er sich verheiratet?

Zum Kranklachen, Kamerad! ... Je vous dis, il y avait un temps, on ne parlait que de ça à Pétersbourg, sagte Fürst Galzin lachend, erhob sich von dem Klavier, vor dem er saß, und setzte sich auf das Fenster neben Kalugins Fenster, einfach zum Kranklachen. Ich kenne die Geschichte schon ganz genau ...

Und er begann lustig, witzig und lebendig eine Liebesgeschichte zu erzählen, die wir hier übergehen, weil sie für uns nicht interessant ist. Aber merkwürdig war's, daß nicht bloß Fürst Galzin, sondern alle diese Herren, die sich's hier bequem gemacht hatten, der eine im Fenster, der andere mit übergeschlagenen Beinen, der dritte am Klavier, ganz andere Menschen zu sein schienen, als auf dem Boulevard: frei von der lächerlichen Aufgeblasenheit und Dünkelhaftigkeit, die sie den Infanterie-Offizieren gegenüber hatten; hier waren sie unter sich, gaben sich natürlich und waren, besonders Kalugin und Fürst Galzin, höchst liebenswürdige, heitere und gute Jungen. Es war die Rede von Petersburger Kameraden und Bekannten.

Was macht Maslowski?

Welcher: der von den Leib-Ulanen oder von der Garde-Kavallerie?

Ich kenne sie beide. Den Gardisten habe ich noch als Knaben gekannt, wie er eben aus der Schule kam. Nicht wahr, der ältere ist Rittmeister?

O, schon lange!

Geht er noch immer mit seinem Zigeunermädel?

Nein, die hat er laufen lassen ... oder so ähnlich.

Dann setzte sich Fürst Galzin an das Klavier und sang prächtig ein Zigeunerlied. Praßkuchin, obwohl von niemand gebeten, begann ihn zu begleiten, und so gut, daß man ihn bat, in der Begleitung fortzufahren, was er auch sehr gern that.

Ein Diener trat ins Zimmer; er brachte Thee, Sahne und Bretzeln auf einem silbernen Präsentierteller.

Reiche dem Fürsten! sagte Kalugin.

Es ist doch eigentümlich, daran zu denken, sagte Galzin, indem er ein Glas nahm und ans Fenster ging, daß wir hier in der belagerten Stadt, ... »Klaviergesang«, Thee mit Sahne und eine solche Wohnung haben, wie ich sie wirklich in Petersburg haben möchte.

Ja, wenn auch das noch fehlte, entgegnete der mit allem unzufriedene alte Oberstleutnant, so wäre diese beständige Erwartung einfach unerträglich, – zu sehen, wie jeden Tag die Menschen fallen und fallen, ohne daß man ein Ende absieht, – wenn man dabei noch im Schmutz leben müßte und keine Bequemlichkeit hätte! ...

Und was sollen unsere Infanterieoffiziere sagen, rief Kalugin, die auf den Bastionen mit den Soldaten in den Blindagen liegen und Soldatensuppe essen? – was sollen die sagen?

Die? Die wechseln allerdings acht Tage lang nicht die Wäsche, aber das sind auch Helden, bewunderungswürdige Menschen.

In diesem Augenblick kam ein Infanterieoffizier ins Zimmer.

Ich ... ich habe Befehl ... kann ich als Bote des Generals N. den Gen... Seine Excellenz sprechen? fragte er schüchtern und grüßte.

Kalugin erhob sich; aber ohne den Gruß des Offiziers zu erwidern, fragte er ihn mit beleidigender Höflichkeit und einem erzwungenen offiziellen Lächeln, ob es »Ihnen« nicht beliebte zu warten, dann wandte er sich, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, an Galzin, sprach mit ihm französisch, so daß der arme Offizier, der mitten im Zimmer stehen geblieben war, absolut nicht wußte, was er mit seiner Person machen sollte.

In einer äußerst dringenden Angelegenheit, sagte der Offizier nach einem minutenlangen Schweigen.

Ich bitte Sie, mit mir zu kommen, sagte Kalugin, zog den Mantel an und begleitete den Offizier zur Thür.

Oh bien, messieurs, je crois, que cela chauffera cette nuit! sagte Kalugin, als er vom General zurückgekommen war.

Wie? Was? Ein Ausfall? begannen alle zu fragen.

Ich weiß nicht, Sie werden selber sehen, antwortete Kalugin mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Mein Kommandeur ist auf der Bastion, darum muß ich wohl auch hingehen, sagte Praßkuchin und legte den Säbel an.

Aber niemand antwortete ihm, er mußte selber wissen, ob er zu gehen habe oder nicht.

Praßkuchin und Neferdow gingen hinaus, um sich auf ihre Plätze zu begeben.

Leben Sie wohl, meine Herren! Auf Wiedersehen, meine Herren! Wir werden uns heute Nacht noch wiedersehen! schrie Kalugin aus dem Fenster, als Praßkuchin und Neferdow über ihre Kosakensättel gebeugt, den Weg entlang trabten. Das Getrabe der Kosakenpferde verklang bald in der dunklen Straße.

Non, dites moi, est-ce qu'il y aura véritablement quelque chose cette nuit? sagte Galzin, während er mit Kalugin im Fenster lag und die Bomben betrachtete, die über den Bastionen aufstiegen.

Dir kann ich's erzählen. Siehst du, ... du bist ja auf den Bastionen gewesen? – (Galzin machte ein Zeichen der Zustimmung, obgleich er nur einmal auf der vierten Bastion gewesen war.) – Dort, unserer Lunette gegenüber war ein Laufgraben ... und Kalugin, der kein Fachmann war, trotzdem aber seine strategischen Ansichten für sehr richtig hielt, begann, ein wenig verwirrt und die technischen Ausdrücke verdrehend, den Stand unserer und der feindlichen Werke und den Plan des beabsichtigten Unternehmens zu schildern.

Aber um die Schützengräben beginnt es zu knallen. Oho! Ist das eine von uns oder von »ihm«? Da platzt sie, riefen sie, indem sie vom Fenster aus, die feurigen, in der Luft sich kreuzenden Linien der Bomben, die den dunkelblauen Himmel auf einen Augenblick erleuchtenden Blitze der Schüsse und den weißen Pulverrauch betrachteten und den Tönen des immer stärker werdenden Schießens lauschten.

Quel charmant coup d'oeil, a? sagte Kalugin, indem er die Aufmerksamkeit seines Gastes auf dies wirklich schöne Schauspiel lenkte. Weißt du, bisweilen kann man einen Stern nicht von einer Bombe unterscheiden.

Ja, ich dachte soeben, daß das ein Stern sei; aber er fällt ... sieh, sie ist geplatzt. Und dieser große Stern ... wie heißt er? – sieht ganz wie eine Bombe aus.

Weißt du, ich habe mich so an diese Bomben gewöhnt, daß mir in Rußland, ich bin davon überzeugt, in einer Sternennacht alles als Bomben erscheinen wird, – so gewöhnt man sich daran.

Soll ich aber nicht lieber diesen Ausfall mitmachen? sagte Fürst Galzin nach einem minutenlangen Schweigen.

Laß nur gut sein, Kamerad, und denk' nicht daran; ich lasse dich auch nicht fort, antwortete Kalugin, du kommst schon noch zurecht, Kamerad!

Im Ernst? ... Du meinst also, ich brauche nicht zu gehen – wie?

In diesem Augenblicke ließ sich in der Richtung, nach der die Herren sahen, auf das Kanonengebrüll, schreckliches Gewehrgeknatter hören, und Tausende von kleinen Feuern, die ununterbrochen aufflammten, blitzten auf der ganzen Linie.

So ist's, wenn's richtig losgeht! sagte Kalugin. Solches Gewehrfeuer kann ich nicht kaltblütig anhören: weißt du, es erschüttert einem gewissermaßen die Seele. Horch, das Urra! fügte er hinzu, indem er auf den entfernten, gedehnten Ton von Hunderten von Stimmen: »a–a, aa,« die von der Bastion her zu ihm drangen, horchte.

Wessen Urra ist das – das ihrige oder das unsere?

Ich weiß nicht; aber das Handgemenge ist schon losgegangen, denn das Feuer schweigt.

In diesem Augenblick kam ein Offizier, von einem Kosaken begleitet, unter das Fenster an die Außentreppe gesprengt und stieg vom Pferde.

Woher?

Von der Bastion. Ich muß zum General!

Gehen wir. Nun, was giebt's?

Wir haben die Schützengräben angegriffen ... genommen ... die Franzosen haben zahllose Reserven herangeführt ... haben die Unsrigen angegriffen ... wir hatten nur zwei Bataillone, sprach atemlos und nach Worten ringend, nach der Thür gewandt, derselbe Offizier, der am Abend dagewesen war.

Haben wir die Schützengräben geräumt? fragte Galzin.

Nein, antwortete ärgerlich der Offizier, ein Bataillon kam noch zur rechten Zeit, – wir haben sie zurückgeschlagen; aber der Regimentskommandeur ist tot, viele Offiziere, – es ist Befehl gegeben, um Verstärkung zu bitten.

Mit diesen Worten ging er, von Kalugin begleitet, zum General, wohin wir ihm nicht mehr folgen wollen.

Schon nach fünf Minuten saß Kalugin auf einem Kosakenpferde und wieder in der eigentümlichen quasi-kosakischen Weise, in der, wie ich beobachtet habe, alle Adjutanten etwas Besonderes, Anmutiges sehen, und ritt im Trabe nach der Bastion, um einige Befehle zu überbringen und Nachrichten über das endgültige Resultat des Treffens abzuwarten; Fürst Galzin begab sich unter dem Eindruck der peinigenden Erregung, welche die nahen Anzeichen eines Treffens auf einen Zuschauer zu machen pflegen, der nicht daran teilnimmt, auf die Straße, um hier ziellos hin- und herzugehen.

VI

Soldaten brachten Verwundete auf Tragbahren oder führten sie unterm Arme. Auf der Straße war es vollständig dunkel; nur selten glänzte Licht in einem Hospitale oder bei zusammensitzenden Offizieren. Von den Bastionen her drang der frühere Geschütz- und Gewehrdonner, und die früheren Feuer flammten unter dem schwarzen Himmel auf. Bisweilen hörte man den Hufschlag des Pferdes eines fortgesprengten Ordonnanz-Offiziers, das Stöhnen eines Verwundeten, die Schritte und das Gemurmel von Krankenträgern und die Reden bestürzter Einwohner, die auf die Außentreppe gegangen waren und sich die Kanonade mit ansahen.

Unter den letzteren befand sich auch der uns bekannte Nikita, die alte Matrosenfrau, mit der er sich schon versöhnt hatte, und deren zehnjährige Tochter. »Herr Gott, heil'ge Mutter Gottes!« sprach seufzend die Alte vor sich hin, als sie die Bomben sah, die wie Feuerbälle unaufhörlich von einer Seite nach der anderen flogen; schrecklich, wie schrecklich! ... i–i–hi–hi ... So schlimm war's nicht beim ersten »Bandirement«. Sieh, wo die Verfluchte geplatzt ist! gerade über unserm Hause in der Vorstadt.

Nein, weiter, zur Tante Arinka fallen alle in den Garten, sprach das Mädchen.

Und wo, wo ist jetzt mein Herr? sagte Nikita mit etwas singender Stimme und noch ein wenig betrunken. Wie ich diesen Herrn liebe, das kann ich gar nicht sagen, – ich liebe ihn so, wenn man ihn, was Gott verhüte, sündhaft töten sollte, dann, glauben Sie mir, liebe Tante, weiß ich selber nicht, was ich mit mir anfangen soll, – bei Gott! Ein solcher Herr ist er, daß ... mit einem Worte! Soll ich ihn denn mit denen vertauschen, die da Karten spielen? ... Was? – pfui, mit einem Worte! schloß Nikita und zeigte dabei auf das erleuchtete Fenster im Zimmer seines Herrn, wohin Junker Shwadtschewskij, während der Abwesenheit des Stabskapitäns, zur Feier seiner Dekoration den Oberstleutnant Ugrowitsch und den Oberstleutnant Nepschißezki, der an Reißen litt, zu einem Festmahl geladen hatte ...

Wie die Sternchen, die Sternchen fliegen! unterbrach, nach dem Himmel sehend, das Mädchen das Nikitas Worten folgende Schweigen: sieh, sieh, dort springt es noch! Weshalb ist das so, liebe Mutter?

Sie werden unser Häuschen ganz und gar vernichten, sprach seufzend und ohne auf die Frage des Mädchens zu antworten, die Alte.

Und wie ich heut mit der Tante dorthin ging, Mütterchen, fuhr das im singenden Tone sprechende Mädchen fort, da lag eine große Kanonenkugel in der Stube neben dem Schranke, sie hatte, wie man sah, den Vorraum durchgeschlagen und war in die Stube geflogen ... So groß, daß man sie nicht aufheben konnte!

Wer einen Mann hatte und Geld, der ist fortgezogen, – hier haben sie auch das letzte Häuschen zu Schanden geschossen, sagte die Alte. Sieh, sieh, wie er feuert, der Bösewicht! Herr Gott! Herr Gott!

Und wie wir gerade fortgehen, kommt eine Bombe geflogen, sie platzt und überschüttet uns mit Erde, fast hätte mich und die Tante ein Stück getroffen.

VII

Immer mehr und mehr Verwundete auf Tragbahren und zu Fuß, die einen von den andern gestützt und laut untereinander sprechend, kamen dem Fürsten Galzin entgegen.

Wie sie herangestürzt kamen, Kameraden, sprach mit Baßstimme ein großer Soldat, der zwei Gewehre auf dem Rücken trug, wie sie herangestürzt kamen und losschrien: »Allah, Allah!«[C] so klettert einer über den andern weg. Schlägt man die einen tot, gleich kommen andere hinterdrein geklettert – da ist nichts zu machen. Kopf an Kopf ...

[C] Unsere Soldaten waren aus den Türkenkriegen so an diesen Schlachtruf gewöhnt, daß sie jetzt immer erzählen, die Franzosen schreien auch Allah.

An dieser Stelle seiner Erzählung unterbrach ihn Galzin.

Kommst du von der Bastion?

Jawohl, Euer Wohlgeboren.

Nun, was gab's dort? Erzähle.

Was es dort gab? Ihre »Macht« rückte heran, Euer Wohlgeboren, sie klettern auf den Wall und aus war's. Sie haben vollständig gesiegt, Euer Wohlgeboren!

Was? gesiegt? ... Ihr habt sie ja doch zurückgeschlagen?

Wie soll man »ihn« zurückschlagen, wenn »seine« ganze »Macht« heranrückt! Er hat alle Unsrigen getötet, und Hilfe kommt nicht.

Der Soldat hatte sich geirrt, denn der Laufgraben war in unserem Besitz; aber das ist eine Eigentümlichkeit, die jeder beobachten kann: ein Soldat, der in einer Schlacht verwundet worden ist, hält sie stets für verloren und für schrecklich blutig.

Wie hat man mir da sagen können, daß Ihr den Feind zurückgeschlagen habt? sagte Galzin unwillig. Vielleicht ist er, nachdem du fort warst, zurückgeschlagen worden? Bist du schon lange von dort fort?

Diesen Augenblick, Euer Wohlgeboren! antwortete der Soldat, er ist schwerlich zurückgeschlagen; der Laufgraben ist jedenfalls in seinen Händen. – Er hat vollständig gesiegt.

Nun, und ihr schämt euch nicht, den Laufgraben geräumt zu haben? Das ist schrecklich! sagte Galzin, empört über diese Gleichgültigkeit.

Was soll man thun gegen die »Macht«? brummte der Soldat.

Euer Wohlgeboren, sprach in diesem Augenblick neben ihnen ein Soldat von einer Tragbahre herab, wie soll man nicht weichen, wenn er beinahe alle getötet hat. Wäre unsere Macht dagewesen, wir würden lebend nicht zurückgegangen sein. Was will man aber machen? Den einen habe ich niedergestoßen, da bekam ich auch sogleich einen Hieb ... O – ach, ruhiger, Brüderchen, gleichmäßiger, geh langsamer ... O–o–o! stöhnte der Verwundete.

Hier geht in der That, glaub' ich, viel überflüssig Volk, sagte Galzin, indem er den langen Soldaten mit den zwei Gewehren wieder zurückhielt. Warum gehst du fort? He, du, still gestanden!

Der Soldat blieb stehen und nahm mit der linken Hand die Mütze ab.

Wohin gehst du und weshalb? schrie er ihn barsch an. Verf...

Aber in diesem Augenblick war er ganz nah herangekommen, und bemerkte, daß sein rechter Arm über dem Aufschlag bis über den Ellbogen hinaus blutig war.

Bin verwundet, Euer Wohlgeboren.

Wodurch verwundet?

Hier, wohl durch eine Gewehrkugel, sagte der Soldat, auf seinen Arm zeigend, und hier, aber ich kann nicht sagen, was mich hier an den Kopf getroffen hat, er beugte den Kopf vor und zeigte die blutigen, zusammenklebenden Haare am Hinterkopf.

Und wem gehört das zweite Gewehr?

Ein französischer Stutzen, Euer Wohlgeboren, ich habe es einem fortgenommen. Ja, ich wäre auch nicht fortgegangen, wenn ich nicht diesen Soldaten hätte führen wollen, sonst fällt er, fügte er hinzu, indem er auf einen Soldaten wies, der ein wenig vor ihm ging, sich auf das Gewehr stützte und mit Mühe das linke Bein schleppend vorwärts bewegte.

Fürst Galzin schämte sich auf einmal sehr wegen seines ungerechten Verdachts. Er fühlte, wie er rot wurde, wandte sich ab und ging, ohne die Verwundeten weiter auszufragen oder zu beobachten, nach dem Verbandplatz.

Mit Mühe wand sich Galzin auf der Außentreppe durch die zu Fuß gehenden Verwundeten und durch die Krankenträger, die Verwundete brachten und Tote forttrugen, hindurch; dann ging er in das erste Zimmer, warf einen Blick hinein, wandte sich sogleich unwillkürlich zurück und eilte hinaus ins Freie – das war zu schrecklich!

VIII

Der große, hohe, dunkle Saal, nur von vier oder fünf Kerzen erleuchtet, bei deren Licht die Ärzte die Verwundeten besichtigten, war buchstäblich voll. Die Krankenträger brachten fortwährend Verwundete, legten sie nebeneinander auf die Diele, auf der es schon so eng war, daß die Unglücklichen sich stießen und einer in des andern Blute lag, und holten neue. Die auf den nicht besetzten Stellen der Diele sichtbaren Blutlachen, der fieberheiße Atem von einigen Hunderten Menschen und die Ausdünstungen der Träger erzeugten einen eigentümlichen, drückenden, dicken, übelriechenden Dunst, in dem die Lichte an den verschiedenen Enden des Saales trübe brannten. Stöhnen, Seufzen, Röcheln, bisweilen durch einen durchdringenden Schrei unterbrochen, erfüllte den ganzen Saal. Die »Schwestern« schritten mit ruhigen Gesichtern und mit dem Ausdruck thätiger, praktischer Teilnahme, nicht mit dem des wertlosen, frauenhaften, krankhaft-thränenreichen Mitleids, bald hierhin, bald dorthin durch die Reihen der Verwundeten mit Arznei, mit Wasser, mit Binden, mit Charpie, und tauchten zwischen blutigen Mänteln und Hemden auf. Die Ärzte knieten mit aufgestreiften Ärmeln vor den Verwundeten, in deren Nähe die Feldscher Lichte hielten, und untersuchten, befühlten, und sondierten die Wunden, ohne auf das schreckliche Stöhnen der Dulder zu achten. Einer der Ärzte saß in der Nähe der Thür an einem kleinen Tisch und trug in dem Augenblick, da Galzin ins Zimmer trat, bereits den 532ten Verwundeten in die Liste ein.

Iwan Bogajew, Gemeiner der dritten Kompagnie des S..-Regiments, fractura femuris complicata, rief ein anderer vom Ende des Saales her, indem er das zerschossene Bein befühlte. Dreh' ihn um.

O weh, Väterchen, mein liebes Väterchen! schrie der Soldat und flehte, man möchte ihn nicht anrühren.

Perforatio capitis!

Ssemjon Neferdow, Oberstleutnant im N..-Infanterieregiment. Sie müssen ein wenig Geduld haben, Oberst, sonst geht es nicht: ich lasse Sie sonst liegen, sprach ein dritter, indem er mit einem Häkchen in dem Kopfe des Oberstleutnants hin- und hertastete.

Ach, nicht doch! O, um Gotteswillen, schneller, schneller, um ... A–a–a–a–a!

Perforatio pectoris! ... Sewastjan Ssereda, Gemeiner ... von welchem Regiment? ... Lassen Sie das Schreiben: moritur. Tragt ihn weg, sagte der Arzt, und ging von dem Soldaten fort, der mit brechenden Augen dalag und schon röchelte.

Vierzig Mann, als Träger verwendete Soldaten, standen an der Thür, um die Verbundenen ins Lazarett, die Toten in die Kapelle zu tragen, und betrachteten von Zeit zu Zeit schwer seufzend dieses Bild ...

IX

Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus Erfahrung wußte, wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen, um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten. Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem Galopp von der Bastion gesprengt kam.

Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.

Nun, was giebt's?

Wo kommen Sie her?

Aus den Schützengräben.

Nun, wie geht's dort zu, heiß?

Ach, entsetzlich!

In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwächer geworden, die Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.

»Ach, gräßlich!« dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefühl empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natürlicher Gedanke – der Gedanke an den Tod überkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit stählernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen, er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe zu Napoleon herangesprengt kam.

Vous êtes blessé? sagte Napoleon zu ihm. – »Je vous demande pardon, Sire, je suis mort.« Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der Stelle tot.

Das erschien ihm sehr schön, und in seiner Einbildung kam er sich selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke »Kosakenpose«, warf einen Blick zurück auf den Kosaken, der in den Steigbügeln aufrecht stehend hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an, wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf Steinen saßen und ihre Pfeifen rauchten.

Was macht ihr hier? schrie er sie an.

Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er seine Pfeife hinter dem Rücken verbarg und die Mütze abnahm.

Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Plätze!

Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf, wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Höhe des Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor ihm auf und kam, wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Plötzlich wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fünf Schritte weit und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr böse, er stand auf und sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt hätte; aber niemand war da.

Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemächtigt hat, weicht sie nicht bald einem anderen Gefühle. Er, der sich immer gebrüstet hatte, daß er sich niemals bücke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und fast kriechend den Laufgraben entlang. »Ach, schlimm! dachte er, als er stolperte, ich werde unfehlbar getötet,« er fühlte, wie schwer es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schweiß an seinem ganzen Körper hervortrat, und wunderte sich über sich selber, versuchte aber nicht mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.

Plötzlich ließen sich Schritte vor ihm hören. Schnell richtete er sich auf, hob den Kopf in die Höhe und ging, munter mit dem Säbel klirrend, nicht mehr mit den früheren schnellen Schritten einher. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: »Duck dich!« indem er auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und heller, immer schneller und schneller sich näherte und in der Nähe des Laufgrabens platzte, – bog er nur ein wenig und unwillkürlich, unter dem Einfluß des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.

Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, daß ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt sich nicht einmal!

Nur noch einige Schritte hatte Kalugin über einen kleinen Platz bis zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das dumpfe Gefühl und die thörichte Furcht von vorhin überkam; sein Herz schlug stärker, das Blut strömte ihm nach dem Kopfe, und er mußte sich zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.

Warum sind Sie so außer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle überbrachte.

Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!

Wollen Sie nicht ein Glas Wein?

Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht hatte bereits aufgehört, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden Seiten fort. In der Blindage saß der General N., der Kommandeur der Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Praßkuchin, und sprachen über verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem behaglichen Zimmer saß, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war, das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt, – als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fuß dicken Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tönenden Schüsse hörte, – konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal von einer so unverzeihlichen Schwäche hatte können übermannen lassen. Er war über sich selber erzürnt und sehnte sich nach der Gefahr, um sich von neuem zu prüfen.

Ich freue mich, daß auch Sie hier sind, Kapitän, sagte er zu einem Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner Batterie verschüttete Schießscharten wieder herzustellen. Der General hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der Batteriekommandeur aufgehört hatte, mit dem General zu sprechen, ob Ihre Geschütze den Laufgraben mit Kartätschen beschießen können.

Nur ein Geschütz kann es, antwortete mürrisch der Kapitän.

Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.

Der Kapitän runzelte die Stirn und schrie zornig:

Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen, um nur ein wenig auszuruhen, können Sie nicht allein hinuntergehen? Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles zeigen.

Der Kapitän kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine der gefährlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung, da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. »Was bedeutet der Ruf!« dachte er.

Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in etwas spöttischem Tone dem Kapitän, der jedoch seine Worte nicht weiter beachtete.

Kalugin bedachte aber nicht, daß er zu verschiedenen Zeiten alles in allem nur an fünfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, während der Kapitän sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die Eitelkeit, der Wunsch zu glänzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen, auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitän hatte all das schon durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht über ihn verloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er erfüllte aufs pünktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl bewußt, wie wenig Aussichten ihm für das Leben blieben, und setzte darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so daß der junge Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unnützerweise zur Schießscharte hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer erschien, als der Kapitän.

Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage zurückging, stieß er in der Finsternis auf den General, der sich mit seinen Ordonnanzoffizieren auf die Höhe begab.

Rittmeister Praßkuchin! sagte der General, gehen Sie gefälligst in den rechten Schützengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, daß es die Arbeit abbrechen, ohne Lärm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll, das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es selbst zum Regiment führen.

Zu Befehl.

Und Praßkuchin lief im Trabe zum Schützengraben.

Das Feuer wurde stärker.

X

Ist dies das zweite Bataillon des M.-Regiments? fragte Praßkuchin, als er, an Ort und Stelle gekommen war und auf Soldaten stieß, die in Säcken Erde trugen.

Jawohl, Herr.

Wo ist der Kommandeur?

Michajlow war in dem Glauben, daß nach dem Kompagniekommandeur gefragt würde, kam aus seiner Grube herauf und ging, mit der Hand am Mützenschirm, an Praßkuchin heran, den er für einen Vorgesetzten hielt.

Der General hat befohlen, schnell ... und vor allem still zurückzugehen ... nein, nicht zurück, sondern zur Reserve, sprach Praßkuchin, indem er nach dem feindlichen Feuer schielte.

Als Michajlow Praßkuchin erkannt hatte, ließ er die Hand sinken und gab, nachdem er erfahren, worum es sich handelte, den Befehl weiter; das Bataillon hörte auf zu arbeiten, ergriff die Gewehre, zog die Mäntel an und setzte sich in Bewegung.

Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen, die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistündigen Bombardement einen so gefährlichen Platz, wie ein Schützengraben ist, verläßt. Michajlow, der während dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne Grund geglaubt, daß sein Ende gekommen, hatte sich schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß er unzweifelhaft fallen müsse und daß er nicht mehr dieser Welt angehöre. Aber trotzdem kostete es ihm große Mühe, seine Beine vom Laufen zurückzuhalten, als er neben Praßkuchin an der Spitze der Kompagnie aus dem Schützengraben ging.

Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen Bataillons, das in den Schützengräben zurückblieb, und mit dem er in der Grube an der Brustwehr gesessen und Käse gegessen hatte. Glück auf den Weg!

Und Ihnen wünsche ich, glücklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es, wie mir scheint, ruhig geworden.

Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die Bewegung in den Gräben bemerkt hatte, immer stärker und stärker zu feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glänzten aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, daß man die Hand vor den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schüsse und die platzenden Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstände. Die Soldaten gingen schnell und schweigend und suchten unwillkürlich einander zuvorzukommen; nach dem unaufhörlichen Rollen der Schüsse wurden nur die gemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege, das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines Soldaten: »Herr, Herr! Was ist das?« gehört. Bisweilen ließ sich das Stöhnen eines Verwundeten und der Ruf: »Tragbahre!« vernehmen. (In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann getötet.) Ein Blitz flammte am dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie: »Kano–o–ne!« und die Kugel sauste über die Kompagnie hin, riß die Erde auf und warf Steine in die Höhe.

»Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Praßkuchin, indem er neben Michajlow einherschritt und fortwährend zurückblickte. Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja überbracht ... Übrigens, nein: man könnte ja sagen, daß ich ein Feigling bin. Mag geschehen, was will, – ich gehe mit den übrigen.«

»Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. – Soviel ich bemerkt habe, bringt er immer Unglück. Da kommt eine geflogen, schnurstracks hierher, wie mir scheint.«

Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stießen sie auf Kalugin, der, mit dem Säbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den Schützengräben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen, wie weit die Arbeiten dort gediehen seien. Als er aber Michajlow traf, fiel ihm ein, er könne, anstatt selbst in diesem schrecklichen Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzählte ihm Michajlow ausführlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage führenden Laufgraben ein.

Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer saß und Abendbrot aß.

Nichts, es scheint, daß es kein Gefecht mehr geben wird.

Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's ja los ... hören Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen? Wozu das? fügte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die Kalugin machte.

»Eigentlich müßte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer ist schrecklich.«

Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.

Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm befindlichen Offiziere zurück; unter ihnen befand sich der Junker Baron Pest, aber Praßkuchin fehlte. Die Schützengräben waren von den Unsrigen genommen und besetzt worden.

Nachdem Kalugin ausführliche Nachrichten über das Gefecht erhalten, verließ er mit Pest die Blindage.

XI

Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn Kalugin.

Ach, schrecklich! Sie können sich vorstellen ...

Und Pest begann zu erzählen, wie er seine Kompagnie geführt, wie der Kompagniekommandeur getötet worden, wie er einen Franzosen niedergestochen und wie ... wäre er nicht gewesen, das Gefecht verloren wäre.

Das Wesentliche dieser Erzählung, daß der Kommandeur getötet war und daß Pest einen Franzosen getötet hatte, war richtig; aber in der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und prahlsüchtig.

Er prahlte unwillkürlich, da er sich während des ganzen Gefechts in einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so daß alles, was geschah, ihm so vorkam, als wäre es irgendwo, irgendwann und mit irgend jemandem geschehen; und es war natürlich, daß er sich Mühe gab, diese Einzelheiten in einer für ihn vorteilhaften Weise darzustellen. Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?

Das Bataillon, dem der Junker während des Ausfalls zugeteilt war, stand zwei Stunden im Feuer, in der Nähe einer Wand, dann gab der Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den rechten Flügel der zweiten Kompagnie zu stellen.

Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wo er sich befinde und weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah mit unwillkürlich verhaltenem Atem und mit kaltem, über den Rücken laufendem Zittern bewußtlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus, etwas Schreckliches erwartend. Übrigens war ihm nicht so schrecklich zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke eigentümlich, seltsam, sich außerhalb der Festung, auf freiem Felde zu befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der Front, wiederum überbrachten ihn flüsternd die Offiziere, und plötzlich senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, – es war befohlen worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls, wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nur der Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt, mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwährendem Sprechen hin- und herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.

Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen Schuß, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich »Urra« schreie, dann mir nach und nicht zurückgeblieben! ... Frisch drauf los ist die Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den Staub! Nicht wahr, Kinder? Für den Zaren, den Vater! ...

Wie heißt unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben ihm lag, er ist wirklich tapfer!

Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker, Lißinkowski heißt er.

Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertönte, der die ganze Kompagnie betäubte, hoch in die Luft schwirrten Steine und Sprengstücke (wenigstens fiel nach fünfzig Sekunden ein Stein nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies, daß die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.

Mit Bomben schießt er! ... Laß uns nur erst an dich heran sein, dann sollst du, Verfluchter, das dreikantige russische Bajonett kosten! rief der Hauptmann so laut, daß der Bataillonskommandeur ihm befehlen mußte zu schweigen und nicht so viel zu lärmen.

Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen, und das Bataillon ging vorwärts. Pest hatte vor Furcht das Bewußtsein verloren, wie betrunken ging er mit. Aber plötzlich blitzte von allen Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und lief vorwärts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel auf etwas. Das war der Kompagnieführer, ... er war vor der Kompagnie verwundet worden, er hielt den Junker für einen Franzosen und packte ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stieß in der Finsternis ein Mensch mit dem Rücken ihn an und hätte ihn fast wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: »Stich ihn nieder! Was gaffst du?« Er nahm das Gewehr und stieß das Bajonett in etwas Weiches. »Ah Dieu!« schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme, und erst da begriff Pest, daß er einen Franzosen erstochen hatte. – Kalter Schweiß trat an seinem ganzen Körper hervor, er schüttelte sich wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf, daß er ein Held sei. Er hob das Gewehr und lief »Urra« schreiend mit der Menge von dem getöteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der Bataillonskommandeur.

Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.

Brav, Baron!

XII

Und wissen Sie, Praßkuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der nach Hause ging, begleitete.

Nicht möglich!

Warum? Ich habe es selbst gesehen.

Leben Sie wohl, ich habe Eile!

Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal habe ich während meines Tagdienstes Glück gehabt. Es ist mir vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe ich es verdient.

Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein Zimmer.

Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt, erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht, der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt, furchtbar ungern auf die Bastion.

Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion fliegt sie!« hörte.

Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen hörbar, – gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.

Legt euch! rief eine Stimme.

Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde erschien, – die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle entfernt von ihm sich drehenden Bombe.

Ein Schreck – ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck – ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Noch eine Sekunde verging – eine Sekunde, in der eine ganze Welt von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste vorüberblitzte.

»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann wird es abgeschnitten – und dann werde ich bitten, daß man mich chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen, wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir ist sie näher ... mich tötet sie!«

Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen; ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte, fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart – die Erwartung des Todes – ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts, stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und fiel auf die Seite.

»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke, und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt. Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf, und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.

»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten, die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm, als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust getroffen und auf der Stelle getötet worden.

XIII

Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen; während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag, dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu bin ich in den Dienst getreten – dachte er gleichzeitig – und noch dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen: eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben, ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!« dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber besinnungslos auf den Rücken.

Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut, das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. – Wie wird es »dort« sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der Soldaten und die Schüsse höre.«

Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew erkannte.

Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten – er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im Jenseits sei.

Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber, daß er lebendig war; die dritte – der Wunsch, so bald als möglich die Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach dem Verbandort führen.

»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.

Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.

Und er wandte sich zurück.

Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer Wohlgeboren, sagte Ignatjew, – nur in der ersten Hitze scheint das nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!

Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.

»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,« dachte der Stabskapitän und ging, trotz der Gründe des Trommlers, entschlossen zur Kompagnie zurück.

Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war? fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.

Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich, tot oder verwundet.

Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?

Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!

Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist, mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.

Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen! sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.

Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der Bewegung aufs heftigste schmerzte.

Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt er noch, sagte Michajlow. – Das ist unsere Schuldigkeit, Michail Iwanytsch!

Michail Iwanytsch antwortete nicht.

»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten allein schicken; aber darf ich sie schicken? – Bei solch einem schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte Michajlow.

Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend, da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls sein würde, – und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte, trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.

»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es lohnt sich nicht, die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine Schuldigkeit,« sprach Michajlow zu sich selbst.

Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen, sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.

Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Als er sein Bataillon erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast außerhalb Schußweite. Ich sage: fast, nicht außerhalb Schußweite, weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.

»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn verband.

XIV

Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten, blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen, krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen, stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher gezogen, flammte die helle Morgenröte im Osten auf, zerstreuten sich die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude, Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.

XV

Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten Alleen.

Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.

Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil, den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck, den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen, wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen, dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu bekommen.

Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken Flügel losgegangen, ich bin ja dort gewesen.

Vielleicht, antwortete Kalugin. Ich war mehr auf dem rechten; ich bin zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal ging ich so hin – die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.

Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein tapfrer ...

Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. Von meinem Regiment sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, daß ich lebendig davongekommen bin.

Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.

Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.

Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.

Est ce que pavillon est baissé déjà? fragte Fürst Galzin und sah dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte Person zu wenden.

Non, pas encore, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er französisch verstehe und spreche.

Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch, und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern, außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals nieder und rauchte eine Cigarette an.

Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt: S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les embuscades auraient été reprises, und er habe ihm geantwortet: Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti, so vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.

In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen, obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen, die in seiner Nähe waren, gefragt: De quel régiment êtes-vous? Sie antworteten ihm – und das war alles. Als er sich aber zu weit über die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn in der dritten Person aus: »Il vient regarder nos travaux ce sacré ...« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht oder erwähnt.

XVI

Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale, liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen, verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen. Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt die eine Schar zur andern.

Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.

Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.

Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.

Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui porte l'aigle impérial.

Eh wu de la gard?

Pardon, Monsieur, du 6ème de ligne.

Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.

A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme.

Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.

Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre, vous m'obligerez.

Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.

Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen, an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.

Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.

Oui, bon tabac, tabac turc, sagt der Franzose, et chez vous autres, tabac – russe? bon?

Ruß – bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.

Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes, sagt ein Zuave mitten aus dem Franzosenhaufen.

De quoi de ce qu'ils rient donc? sagt ein anderer, ein dunkelbrauner Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.

Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des Zuaven betrachtet – und wieder lachen alle.

Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom! schreit der französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher Unzufriedenheit auseinander.

Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf. Es ist die Rede von einem gewissen comte Sazonoff, que j'ai beaucoup connu, M., sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe fehlt; c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons.

Il y a un Sazonoff, que j'ai connu, sagt der Kavallerist, mais il n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à peu près.

C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte. Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. – Capitaine Latour, sagt er mit einer Verbeugung.

N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça chauffait cette nuit, n'est-ce pas? sagt der Kavallerist, der die Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.

Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme eux.

Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus – sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu sein.

Aber genug.

Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten, jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht, hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt. Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, – der Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, – der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft spornstreichs fort nach der Festung.

Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt, das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen, sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen, die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.

So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf, um den Wein nicht zu zerstören.

Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr Bösewicht, wer ihr Held? – Alle sind gut und alle sind schlecht.

Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit – bravoure de gentilhomme – und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung und Grundsätze – sie alle können nicht die Bösewichter, noch die Helden der Erzählung sein.

Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird, – ist die Wahrheit.

Sewastopol im August 1855

I

Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol) und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem russischen Wagen und einem Korb).

Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern, als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille – den Einschnitt in der Mitte des Rückens – hatte er nicht, er hatte aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war. Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben. Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend; der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn, besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen, schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken, Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden Kranken und Verwundeten.

Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.

Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände, mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.

Dolshnikow! schrie er.

Ich – o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann Soldaten zusammen schrien.

Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?

Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.

Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben schwerfälligen Baß.

Wo steht jetzt das Regiment?

Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer Wohlgeboren.

Wohin?

Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren! Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so, daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...

Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge erzählte.

Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht, besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie, die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste unter den Menschen, die er sich gleichstellte.

Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was Moskau[D] schwatzt! ... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm zurückgelassen. Dies Moskau ist lächerlich! ... Vorwärts, Nikolajew! Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an, indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.

[D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich, halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.

Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk rollte im Trabe weiter.

Nur einen Augenblick füttern – und sogleich, heute noch, weiter, sagte der Offizier.

II

Als Leutnant Koselzow bereits in eine Straße von Duwanka eingebogen war, an deren Seiten die Trümmerhaufen der steinernen Mauern von Tartarenhäusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege zusammendrängte, aufgehalten.

Zwei Infanteristen saßen im dichtesten Staube auf den Steinen eines zertrümmerten Zaunes am Wege und aßen eine Wassermelone und Brot.

Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, während er sein Brot kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rücken bei ihnen stehen geblieben war.

Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf seinem Rücken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurückberufen; es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwärtig steht. Es heißt, die Unsrigen sind in vergangener Woche nach der Korabelnaja abmarschiert. Haben Sie nichts gehört, meine Herren?

In der Stadt, Brüderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere, ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen, weißlichen Wassermelone wühlte. Wir sind erst seit Mittag von dort fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brüderchen!

Weshalb denn, meine Herren?

Hörst du denn nicht, wie er jetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten getötet hat – das läßt sich gar nicht sagen.

Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und setzte sich die Mütze zurecht.

Der wandernde Soldat schüttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zündete ein Stück Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lüftete die Mütze.

Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging, den Sack auf dem Rücken, weiter.

Ei, thätest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der Melone stocherte.

Alles eins! brummte der Wanderer, indem er sich zwischen den Rädern der zusammengedrängten Fuhrwerke hindurchwand.

III

Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei nachfolgenden Offizieren stritt.

Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen lassen.

Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum Vorsteher ohne weiteres auch du sagen könnte.

Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.

Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.

Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...

Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd:

Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen. Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk, und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht gesehen.

Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.

Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.

Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei Monate sind wir schon unterwegs, – warten wir noch. 's ist kein Unglück, wir kommen schon noch zurecht.

Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an und begann sich eine Cigarette zu drehen.

Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe: ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegen hätte, wohl aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten – ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging, sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech. Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.

IV

Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere, schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute etwas, und wir sind nicht dabei.

Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige, jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.

Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.

Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur, sagte er.

Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete, verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«

Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit unserm eigenen Pferde fahren?

Der Kamerad wollte nicht fahren.

Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, – daher haben wir beide gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.

Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?

Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.

Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.

Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht stark.

Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach seinem Bruder erkundigen wollte.

Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.

Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow weiter.

Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine Cigarettentasche hervorholen wollte.

Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.

Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu Koselzow gewandt.

Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.

Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen, nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen – einer Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.

Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.

Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie hier bekommen.

Und haben Sie eine Bescheinigung?

Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns hier geben?

Ganz bestimmt.

Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone, der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr recht glaubte.

V

Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin, ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe ins Zimmer trat.

Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar, mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.

Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.

Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend, mitten im Zimmer stehen.

Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim Aufstehen angestoßen hatte.

Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn zu.

Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.

Ah–ah–ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte den Bruder.

Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?

Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete. Gehen wir auf die Außentreppe, – um uns auszusprechen.

Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson! sagte er zu einem Kameraden.

Du wolltest ja doch essen?

Ich will nichts.

Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag', wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.

Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten wäre, wie dies alle erwartet haben.

Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was ist da weiter ...

Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.

Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.

Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß wir nicht zusammen sein werden.

Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen? fragte plötzlich der Jüngere.

Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sich daran, und es ist weiter nichts. Du wirst selber sehen.

Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.

Gott weiß.

Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden, darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin und nicht weiß, wie ich mich melden soll.

Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich, aber die Ähnlichkeit war die einer blühenden Rose mit einer abgeblühten Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den Schläfen gelockt. Auf seinem weißen zarten Nacken hatte er ein blondes Zöpfchen – ein Zeichen des Glücks, wie die Ammen sagen. Auf seiner zarten weißen Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von Zeit zu Zeit ein vollblütiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine waren offener und heller, und das kam hauptsächlich daher, weil sie häufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum sproßte auf den Wangen und über den roten Lippen, die sich sehr häufig zu einem schüchternen Lächeln falteten und die weißen glänzenden Zähne sehen ließen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten Rücken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem schrägen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das Geländer der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zügen und im Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hübscher junger Mann, daß man ihn immer hätte anschauen mögen. Er freute sich außerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in Hinsicht der weltlichen Bildung, des Französischsprechens, des Verkehrs mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schämte er sich ein wenig für ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar die Hoffnung, ihn womöglich fortzubilden. Alle seine Eindrücke waren noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hübsche junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf einem großen Balle getanzt hatte.

VI

Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem Gefühl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.

So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der Ältere.

Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.

Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen Schweigen.

Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie unterbringen.

Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.

Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ traurig den Kopf hängen und dachte:

»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens mit dem Bruder zusammen ...«

Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme, und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete, verlor er vollständig die Fassung.

Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der Hand ab, erwarte mich dort drin.

Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen Seufzer auf seinen Bruder zu.

Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.

Wie? ... Was ist das für Unsinn!

Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!

Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen nicht.

Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.

Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich. Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir gespielt – ich blieb ihm etwas schuldig ...

Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den jüngeren anzusehen.

Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen. Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.

Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.

Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?

Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort gegeben, sie nicht anzurühren.

Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence spielen dürfe.

Worauf hast du gespielt?

Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.

VII

Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl sie beständig einer an den andern dachten.

»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere, der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin! Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht, aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen – fuhr er fort – ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze, und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an – fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken zu lassen, daß er unbequem sitze – und auf einmal schnurstracks auf die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns. Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt, ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse ich mich und rufe: ‚Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über alles in der Welt geliebt‘ – sage ich – ‚und ich habe ihn verloren. Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf dem Platze!‘ Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt, Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage nur: ‚O ja, – ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen; Gott möge euch verzeihen!‘ – und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von diesen Gedanken wahr werden!«

Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen wollte.

Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders geführt, als du glaubst, Wolodja!

Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.

Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.

Weshalb?

Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.

Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und klopfte ihm auf das Bein.

So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.

Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die ihm plötzlich in die Augen traten.

VIII

Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben angekommen waren.

Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien, die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne, deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.

Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken, an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins, daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.

Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des sogenannten neuen Städtchens – hölzerner, durch Matrosenfamilien errichteter Baracken – in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen, aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten Hütte verbunden war.

Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren, damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt, die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges, zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen, zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte. Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte, der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart, adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges, aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ (als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.

Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow I., als er in die Hütte trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij Michajlytsch!

Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.

Ach, wenn das mein wäre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende Schatulle legte und Wolodja ansah.

Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.

Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den Gästen Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.

Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!

Wolodja war überrascht von der Würde des Train-Offiziers, seinem ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm entgegenbrachte.

»Das muß ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschätzen: gewiß einfach, aber gastfrei und tapfer,« dachte er und setzte sich bescheiden und schüchtern auf das Sofa.

Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ältere Bruder.

Wie?

Er wiederholte die Frage.

Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fünfte Bastion gezogen.

Bestimmt?

Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; übrigens, der Teufel weiß! es kommt ihm auf eine Lüge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.

Ich trinke, sagte Koselzow.

Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort, jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionär gewandt. Sie haben genug geschlafen, – es ist bald fünf Uhr.

Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete eine faule, dünne Stimme.

Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.

Und der Train-Offizier ging zu den Gästen.

Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.

Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Hütte, holte den Porter unter der Bank hervor, und stieß dabei Wolodja.

Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gespräch dauerte noch in der früheren Weise fort, als die Vorhänge des Zeltes auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmütze mit rotem Rand und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen kleinen schwarzen Schnurrbart und beantwortete, indem er immer nach einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung der Schulter den Gruß der Offiziere.

Laßt mich auch ein Gläschen trinken! sagte er, indem er sich an den Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er, sich freundlich zu Wolodja wendend.

Ja, ich gehe nach Sewastopol.

Haben Sie selber darum gebeten?

Ja.

Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der Kommissionär fort. Ich würde jetzt, glaube ich, gern zu Fuß nach Petersburg gehen, wenn man mich fortließe. Ich habe, bei Gott, dies verfluchte Leben satt!

Was fehlt Ihnen hier? fragte der ältere Koselzow, sich zu ihm wendend: wenn Sie hier kein gutes Leben führen!

Der Kommissionär sah ihn an und wandte sich ab.

Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile davon hätten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, plötzlich fürs ganze Leben zum Krüppel zu werden?

Der eine macht Geschäfte, der andere dient der Ehre halber ... mischte sich im Tone des Unwillens der ältere Koselzow wieder ein.

Schöne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionär mit verächtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darüber lachte.

Stell' sie auf »Lucia«, wir hören zu, sagte er und zeigte auf eine Spieldose. Ich höre sie gern.

Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja seinen Bruder, als sie, bereits in der Dämmerung, die Hütte verließen und nach Sewastopol weiter fuhren.

Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen Kommissionär kann ich nicht ausstehen ... Den prügele ich noch einmal durch.

IX

Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam, fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken: dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thränen in den Augen von ihnen Abschied nahm – so wenig glich alles seinen schönen, buntschillernden, hochherzigen Träumen.

Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.

Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich daran gewöhnen. Wenn du gehst, kann ich es auch.

Besser ist es, du gehst nicht.

Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...

Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...

Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft. Diesem Getöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:

Wer da?

Soldat.

Ist verboten, durchzulassen.

Was? wir müssen ...

Fragen Sie den Offizier.

Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob sich und befahl, sie durchzulassen.

Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.

Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten, die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.

Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr zu fordern.

Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!

Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen ...

Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß, mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine hoch aufspritzende Welle ergoß sich über die rechte Brückenseite und machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.

Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder hergestellt?

Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?

Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.

Und wo ist Marzow?

Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?

Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?

Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.

Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?

I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ... Leben Sie wohl!

Und der Offizier ritt im Trabe weiter.

Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.

Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren und fliehen – weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes. »Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils, weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht machte.

»Herr! werde ich wirklich fallen, – gerade ich? Herr, erbarme dich meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.

Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?

Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagen mit Verwundeten, mit Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.

Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte, der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen, trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum Verbandplatz.

X

Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die ihnen entgegenkamen.

Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle; die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten, sie könnte hinter ihr zurückbleiben.

Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.

Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von Ihnen?

Nein, ein Kamerad.

Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch, ... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den Verwundeten zu.

Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir nur!

Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte unbewußt:

Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!

Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow, indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im Zwischengange hinter ihnen schritt.

Er ist soeben erst angekommen.

Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere. Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.

Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren dünnen zarten Fingern – an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring – seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte. Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.

Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur, so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller. Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, – hier vergißt man alles, fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.

Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.

Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten, wenn's bald zu Ende wäre ...

Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.

Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.

Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen, beschlossen sie, – als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander darüber gesprochen hatten, – jeder einzeln zu gehen.

Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere. Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde allein gehen und morgen bei dir sein.

Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der beiden Brüder.

XI

Der Kanonendonner dauerte mit der früheren Stärke fort, aber die Katharinenstraße, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden Nikolajew ging, war still und öde. In der Dunkelheit sah er nur die breite Straße, mit den weißen, an vielen Stellen zertrümmerten Mauern großer Häuser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der Straße und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer Mauer brannte, die längs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren grünen Pfählen und ihren verkümmerten, bestaubten Blättern. Deutlich hörte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hübsche Schwester, Marzows Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste vorüber. Seine ganze junge, eindrucksfähige Seele krampfte und preßte sich zusammen unter dem Einflusse des Gefühls der Verlassenheit und der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr! »Ich kann getötet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint um mich.« Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens eines Helden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Näher und näher platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch häufiger, ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er über die Brücke ging, die nach der Korabelnaja führte, sah Wolodja, wie unweit von ihm etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Höhe flog.

Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.

Ja, antwortete er ganz unwillkürlich und sich selbst unerwartet mit dünner, piepsender Stimme.

Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen mit Schanzkörben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und Reiter ritten vorüber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag und ritt davon. »Allein, allein; es ist allen ganz gleichgültig, ob ich da bin oder nicht,« dachte der Jüngling und hatte ernstlich Lust zu weinen.

Er schritt bergauf, an einer weißen Mauer vorüber, und kam in eine Straße zerstörter, unaufhörlich von Bomben beleuchteter Häuschen. Da stieß er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib, das mit einem Matrosen aus einem Pförtchen herauskam.

Denn, w–w–wenn er ein Ehrenm–m–mann w–wäre, – lallte sie – pardon, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!

Dem armen Jüngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrückt; und am schwarzen Horizont flammten immer häufiger Blitze auf, und immer häufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nähe. Nikolajew seufzte auf und begann plötzlich, wie es Wolodja schien, mit bestürzter, gepreßter Stimme:

Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher, nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!

Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja, in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gespräch das schreckliche Gefühl, das ihn beherrschte, zu verscheuchen.

Gesund ... Schöne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer wirklich gesund ist, thäte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder der Arm abgerissen – das ist alles! Ein Unglück ist schnell geschehen! Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts, als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht! fügte er hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew. Wohlgeboren zu führen. Wie's unsereinem geht, das weiß man ja: was befohlen wird, muß man ausführen; da überläßt man dem ersten besten Soldaten den Wagen, und das Bündel ist offen. Aber du geh, geh mit; und was an Sachen verloren geht – Nikolajew, steh dafür ein!

Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew schwieg und seufzte.

Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er plötzlich, fragen Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.

Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hörte er die Seufzertöne Nikolajews nicht mehr hinter sich.

Er fühlte sich plötzlich vollständig, ganz und gar allein. Dieses Bewußtsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte, lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte mit Entsetzen: »Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender, abscheulicher, niedriger Feigling – gilt es nicht das Vaterland, den Zaren, für den ich gestern noch mit Wonne zu sterben wähnte? Nein, ich bin ein unglückliches, bejammernswertes Geschöpf!« Und mit einem wahren Gefühl der Verzweiflung und der Enttäuschung über sich selbst, fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und ging in der Richtung, die er ihm wies.

XII

Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte, war ein kleines, zweistöckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her. Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht einer Kerze. Der Bursche saß auf der Außentreppe und rauchte seine Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und führte Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren über und über bedeckter Tisch, einige Stühle und eine eiserne Bettstelle mit reiner Bettwäsche und einem kleinen Teppich davor.

Dicht an der Thür stand ein hübscher Mann mit starkem Schnurrbart – der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz und die Medaille für den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjähriger Stabsoffizier, mit einer verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dünnen, alten Mantel hin und her.

Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fünften Leichten kommandiert, Fähnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als er ins Zimmer trat.

Der Batteriekommandeur beantwortete kühl seinen Gruß und forderte Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.

Wolodja ließ sich schüchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken, unaufhörlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will, und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hände, die mit der Schere spielten.

Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer großen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade heruntergekämmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen Augen; er hatte schöne, reine, rundliche Hände, seine Beine waren stark nach außen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, daß der Batteriekommandeur nicht gerade schüchtern war.

Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschützmannschaft wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben müssen, sie werden zu schlecht behandelt. Was meinst du?

Gewiß, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei die Finger an den Händen, die er an den Nähten hielt, die aber offenbar gern seine Rede mit ihrer Gebärde unterstützten. Gestern hat mir auch unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer Hochwohlgeboren, wir müßten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es heißt, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?

Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. – Und wo sind Ihre Sachen? fragte er plötzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.

Den armen Wolodja hatte der Gedanke, daß er ein Feigling sei, so niedergedrückt, daß er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung gegen sich, als einen kläglichen Feigling, sah. Es war ihm, als hätte der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafßkaja und der Bruder hätte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.

Der Oberst aber hörte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:

Wo werden wir den Fähnrich unterbringen?

Den Fähnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr verlegen durch den flüchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der gewissermaßen die Frage ausdrückte: »Was ist das für ein Fähnrich?« – Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitän können Seine Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte; der Stabskapitän sind jetzt auf der Bastion, so daß seine Pritsche leer steht.

Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie müssen, denk' ich, müde sein; morgen werden wir es besser einrichten.

Wolodja stand auf und verbeugte sich.

Ist Ihnen nicht Thee gefällig? fragte der Batteriekommandeur, als er bereits bis zur Thür gegangen war. Man kann eine Theemaschine aufstellen.

Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten begleitete ihn nach unten und führte ihn in ein kahles, schmutziges Zimmer, in dem allerlei Gerümpel umherlag und ein eisernes Bett ohne Wäsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.

Wolodja hielt ihn für einen gemeinen Soldaten.

Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schläfer an der Schulter rüttelte. Hier werden sich der Fähnrich hinlegen ... Das ist unser Junker, fügte er, zum Fähnrich gewandt, hinzu.

Ach, lassen Sie sich nicht stören, bitte! sagte Wolodja; aber der Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hübschen, aber sehr dummen Zügen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.

Schadet nichts, ich werde mich draußen hinlegen, brummte er.

XIII

Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher, vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.

»Übrigens, wenn eine geflogen kommt – dachte er – trifft sie erst oben und dann mich – also wenigstens nicht mich allein.« Dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern. »Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen, barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine längst vergangene, tröstliche Stimmung.

»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es geschehen, Herr – dachte er – laß es schnell geschehen! ... Bedarf es aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe, so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu erfüllen.«

Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des Bombardements und des Klirrens der Scheiben.

Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind, aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...

XIV

Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der fünften Bastion.

Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.

Weshalb?

Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite der Straße einschlug.

Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der Straße.

Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern, dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.

Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt, bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre verratend.

Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.

In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.

Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren Spalt Licht schimmerte.

Darf man eintreten?

Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.

Drinnen sprachen zwei Stimmen.

Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird auch Österreich ...

Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ... Laß eintreten.

Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem – dachte er – hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«

Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu Koselzow und sah ihn kühl an.

Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz geschlossen.

So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den Dienst versehen?

Gewiß kann ich das!

Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die neunte Kompagnie – Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre erhalten.

Zu Befehl!

Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durch eine leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.

Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz, Unbehagen oder Ärger – Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was um ihn her vorging, unzufrieden.

XV

Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er, seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über die er unterwegs stolperte, – das alles, unaufhörlich durch das Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt. Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die bekannten Orte und Gegenstände wieder. Die Kompagnie lag an der Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.

Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die Blindage eintrat, hörte er folgendes:

»Ge–bet nach Be–en–di–gung des Un–terrichts. Ich dan–ke Dir Schöp–fer ...«

Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein ... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.

Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam, über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.

Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?

Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. – Hat sich Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach Ihnen gesehnt.

Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.

Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der Trommler begrüßte ihn.

Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.

Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.

Wie geht's euch, Kinder?

Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, – er schießt so bös von den Schanzen her – und damit basta, ins Feld wagt er sich nicht.

Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen, Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir werden sie wieder ausklopfen.

An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige Stimmen.

Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.

Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.

Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen zu den Offizieren, seinen Kameraden.

XVI

In dem großen Zimmer der Kaserne waren eine Menge Leute: Marine-, Artillerie- und Infanterieoffiziere. Die einen schliefen, andere unterhielten sich, auf dem Pulverkasten und der Lafette einer Festungskanone sitzend; die dritten bildeten im Alkoven eine große und laute Gruppe, sie saßen auf der Diele auf zwei ausbreiteten Filzmänteln, tranken Porter und spielten Karten.

Ah, Koselzow, Koselzow ... Gut, daß du gekommen bist. Brav! ... Was macht die Wunde? ließ sich von verschiedenen Seiten hören. Auch hier konnte man sehen, daß man ihn gern hatte und sich über seine Ankunft freute.

Koselzow schüttelte seinen Bekannten die Hand und gesellte sich zu der lauten Gruppe, die aus mehreren Offizieren bestand, die Karten spielten. Es waren auch Bekannte von ihm darunter. Ein hübscher, magerer, brünetter Mann mit einer langen, hageren Nase und einem starken Schnauzbart, der lang von den Wangen herabhing, hielt die Bank mit seinen weißen, hageren Fingern, auf einem der Finger trug er einen großen goldenen Siegelring mit einem Wappen. Er legte die Karten gerade vor sich hin, ohne Sorgfalt, er war offenbar erregt und wollte nur sorglos erscheinen. Neben ihm zur Rechten war, auf den Ellbogen gestützt, ein grauköpfiger Major hingestreckt, setzte mit erheuchelter Kaltblütigkeit immer einen halben Rubel und zahlte sofort aus. Zur linken Hand saß kauernd ein hübscher junger Offizier mit schweißigem Gesicht, lächelte gezwungen und scherzte. Wenn seine Karte dran war, bewegte er unaufhörlich die eine Hand in seiner leeren Hosentasche. Er spielte um hohen Einsatz, aber offenbar nicht mehr um Tausende, was den hübschen, brünetten Herrn wurmte. Ein kahlköpfiger Offizier mit riesiger Nase und großem Mund, ein hagerer und blasser Mann, ging im Zimmer auf und nieder, hielt einen großen Haufen Banknoten in der Hand, spielte immer mit barem Gelde va banque und gewann immer.

Koselzow trank einen Schnaps und setzte sich zu den Spielern.

Setzen Sie doch, Michail Ssemjonytsch! sagte der Bankhalter zu ihm. Geld, meine ich, müssen Sie die Menge mitgebracht haben.

Wie soll ich zu Geld kommen? Im Gegenteil, ich habe das letzte in der Stadt gelassen.

Wie? Sie haben doch gewiß jemanden in Ssimferopol aufsitzen lassen.

Wahrhaftig, ich habe nicht viel, sagte Koselzow, aber er wünschte offenbar nicht, daß man ihm glaube, knöpfte den Rock auf und nahm die alten Karten zur Hand.

Ein Versuch kann nicht schaden. Man muß das Schicksal versuchen! Jedes Tierchen hat sein Plaisierchen! ... Sie müssen nur eins trinken, sich Mut zu machen.

Er trank ein zweites Gläschen Schnaps und etwas Porter, und hatte in kurzer Zeit seine letzten drei Rubel verspielt.

Der kleine schweißige Offizier war mit hundertfünfzig Rubel in der Kreide.

Nein, es will nicht glücken, sagte er und griff nachlässig nach einer neuen Karte.

Wollen Sie einsetzen, sagte der Bankhalter zu ihm, hielt einen Augenblick inne und sah ihn an.

Gestatten Sie mir, morgen zu setzen, antwortete der schweißige Offizier, erhob sich und bewegte noch lebhafter seine Hand in der leeren Tasche.

Hm ... brummte der Bankhalter, warf sich ärgerlich nach rechts und nach links und führte die Taille zu Ende. – Aber nein, so geht's nicht, sagte er und legte die Karten hin. Ich passe. So geht's nicht, Sachar Iwanytsch, fügte er hinzu. Wir haben auf bar gespielt und nicht auf Kreide.

Wie, zweifeln Sie an mir? ... Merkwürdig, wahrhaftig!

Von wem wünschen Sie Geld? brummte der Major, der etwa acht Rubel gewonnen hatte. Ich habe schon mehr als zwanzig Rubel gesetzt, und habe gewonnen, aber ich bekomme nichts.

Woher soll ich denn zahlen, sagte der Bankhalter, wenn kein Geld auf dem Tische ist.

Was kümmert das mich? schrie der Major und erhob sich, ich spiele mit Ihnen und nicht mit dem da.

Der schweißige Offizier wurde plötzlich hitzig.

Ich sage, ich bezahle morgen – wie können Sie es wagen, mir Grobheiten zu sagen.

Ich sage, was ich will! So handelt man nicht, wissen Sie's nun? schrie der Major.

Lassen Sie gut sein, Fjodor Fjodorytsch, begannen alle und hielten den Major zurück.

Aber senken wir schnell den Vorhang über dieses Schauspiel. Morgen, heute schon wird vielleicht jeder dieser Menschen heiter und stolz dem Tode entgegengehen und standhaft und ruhig sterben; aber der einzige Lebenstrost in diesen, auch die kühlste Einbildungskraft entsetzenden Verhältnissen des Mangels alles Menschlichen und der Aussichtslosigkeit einer Besserung, der einzige Trost ist Vergessen, Vernichtung des Bewußtseins. Auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht der edle Funke, der einen Helden aus ihm macht; aber dieser Funke hört auf hell zu glimmen – kommt die entscheidende Stunde, dann lodert er flammend auf und beleuchtet große Thaten.

XVII

Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Stärke fort. Gegen elf Uhr morgens saß Wolodja Koselzow in dem Kreise der Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewöhnt und betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzählte. Das bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende Gespräch der Artillerieoffiziere flößte ihm Achtung ein und gefiel ihm. Das schamhafte, unschuldige und hübsche Äußere Wolodjas machte ihm die Offiziere geneigt. Der älteste Offizier in der Batterie, ein Kapitän, ein Mann von kleiner Gestalt und rötlichem Haar mit einem Schopf und glattgekämmten Schläfen, in den alten Überlieferungen der Artillerie aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen Erfindungen, spöttelte liebenswürdig über sein hübsches Gesichtchen und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um, was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Außenseite natürlich einen sehr prächtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja fortwährend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, daß alle Geschütze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er war zwar höflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen, wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfältig geflickten Rock und ließ auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht müde zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzählte ihm unaufhörlich mit erkünstelter Begeisterung von den Heldenthaten vor Sewastopol, klagte darüber, daß es so wenig Patrioten gebe und ließ überhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken; aber es berührte doch alles Wolodja unangenehm und unnatürlich. Vor allem bemerkte er, daß die übrigen Offiziere mit Tschernowizkij fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gestern geweckt hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern saß bescheiden in einer Ecke und lachte, wenn etwas Spaßhaftes erzählt und dabei etwas vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum und machte für alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene, höfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder sein angenehmes Äußere »Wlanga«, wie ihn die Soldaten nannten, indem sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte seine gutmütigen, großen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers nicht abwenden, indem er alle seine Wünsche zu erraten und ihnen zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der Verliebtheit befand, die natürlich von den Offizieren bemerkt und verspottet wurde.

Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitän von der Bastion abgelöst und schloß sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitän Kraut war ein blonder, hübscher, fescher Offizier mit großem rötlichen Schnurrbart und Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht und schön für einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad, der zuverlässigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissen Sinne gut an ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein sonderbarer Gegensatz zu den »idealen« Deutschen, im höchsten Grade »praktisch«.

Da erscheint unser Held! rief der Kapitän, als Kraut, die Arme schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.

Was wünschen Sie, Thee oder Schnaps?

Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich bitte Sie, uns Freund und Gönner zu sein, sagte er zu Wolodja, der aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitän Kraut ... Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, daß Sie schon gestern angekommen sind.

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.

Aber auch gut? ... Ein Fuß ist abgebrochen, und beim Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, – man muß was unterlegen.

Nun, wie war's, haben Sie glücklichen Tagesdienst gehabt? fragte Djadjenko.

Ja, es war weiter nichts; nur Skworzow hat was abbekommen, auch eine Lafette mußte ausgebessert werden: ihre Wand ist in tausend Stücke geschossen worden.

Er erhob sich von seinem Platz und begann hin- und herzugehen: es war ihm anzumerken, daß er sich unter dem Einflusse der angenehmen Stimmung eines Menschen befand, der soeben einer Gefahr entronnen ist.

Na, Dmitrij Gawrilytsch, sagte er und klopfte dem Kapitän auf die Knie. Wie geht's, Väterchen? Noch keine Antwort auf den Vorschlag zur Beförderung?

Noch nichts.

Es kommt auch nichts, begann Djadjenko, ich habe es Ihnen vorher klar gemacht.

Warum denn nicht?

Warum? weil die Relation nicht so abgefaßt ist.

Ach Sie, Sie sind ein Streithahn, ein rechter Streithahn! sagte Kraut und lächelte fröhlich. Ein echter, hartnäckiger Chacholl (Spitzname für die Kleinrussen), aber Ihnen zum Possen wird der Leutnant herauskommen.

Nein, er wird nicht herauskommen.

Wlang! bringen Sie mir doch meine Pfeife her und stopfen Sie sie mir, sagte er zu dem Junker gewandt, der sofort bereitwillig nach der Pfeife lief.

Kraut brachte Leben in die Gesellschaft. Er erzählte vom Bombardement, fragte, was in seiner Abwesenheit geschehen war und plauderte mit allen.

XVIII

Na, wie haben Sie sich bei uns schon eingerichtet? fragte Kraut Wolodja. Verzeihen Sie, wie ist Ihr Vor- und Vatersname? Bei uns in der Artillerie ist es einmal so Sitte ... Haben Sie schon ein Reitpferd angeschafft?

Nein, sagte Wolodja, ich weiß nicht, was werden wird. Ich habe dem Kapitän gesagt ... ich habe kein Pferd, ich habe aber auch kein Geld, so lange ich nicht Zehr- und Reisegelder bekomme.

Apollon Sergjeitsch? – er brachte mit den Lippen einen Laut hervor, der starken Zweifel ausdrückte und sah den Kapitän an, – kaum!

Je nun, schlägt er's ab, ist's auch kein Unglück, sagte der Kapitän, hier braucht man eigentlich kein Pferd, aber man kann's immerhin versuchen, ich will heute fragen.

Wie, kennen Sie ihn nicht? mischte sich Djadjenko ein, etwas anderes kann er abschlagen, aber Ihnen wird er keineswegs ... Wollen Sie wetten?

Na ja, Sie müssen natürlich immer widersprechen.

Ich widerspreche, weil ich weiß: in anderen Dingen ist er geizig, aber ein Pferd giebt er, er hat ja auch keinen Vorteil von der Ablehnung.

Gewiß hat er Vorteil davon, wenn ihm hier der Hafer acht Rubel zu stehen kommt, sagte Kraut. Man hat Vorteil, wenn man keine überflüssigen Pferde hält.

Bitten Sie um den Staar, Wladimir Ssemjonytsch, sagte Wlang, der mit Krauts Pfeifchen zurückkam, ein ausgezeichnetes Pferd!

Mit dem Sie in Ssoroki in den Graben gefallen sind, Wlanga, hm? bemerkte der Stabskapitän.

Nein, aber was sprechen Sie da, acht Rubel der Hafer, fuhr Djadjenko fort im Streit, wo er seine Rechnung mit zehneinhalb macht? ... Natürlich, hat er keinen Vorteil davon.

Das wäre schön, wenn ihm nicht noch was übrig bliebe! Wenn Sie, so Gott will, Batteriekommandeur sind, so geben Sie kein Pferd, nach der Stadt zu reiten.

Wenn ich Batteriekommandeur bin, Väterchen, soll jedes Pferd vier Maß Futter haben, ich werde keine Gelder zusammenscharren, haben Sie keine Sorge.

Wer's erlebt, wird's sehen ... sagte der Stabskapitän. Und Sie werden ebenso handeln, und Sie auch, wenn Sie eine Batterie kommandieren werden, fügte er hinzu und zeigte auf Wolodja.

Warum glauben Sie, Friedrich Christianytsch, daß auch Sie Profit machen wollen? mischte sich Tschernowizkij ein. Vielleicht haben Sie Vermögen, wozu sollten Sie Vorteil suchen?

Nicht doch, ich halte ... Verzeihen Sie mir, Kapitän, sagte Wolodja und wurde bis über die Ohren rot, ich halte das für unehrenhaft.

Aha, wie heikel er ist! sagte Kraut.

Das ist ganz gleich: ich meine nur, wenn es nicht mein Geld ist, darf ich's auch nicht nehmen.

Und ich sage Ihnen nur so viel, junger Mann, begann der Stabskapitän in ernsterem Ton, Sie müssen wissen, wenn Sie eine Batterie kommandieren, wenn Sie da Ihre Sache gut machen, dann ist alles in Ordnung; in die Ernährung der Truppen mischt sich der Batteriekommandeur nicht: das wird in der Artillerie von altersher so gehalten. Sind Sie ein schlechter Wirt, so behalten Sie nichts übrig. Hier müssen Sie Ausgaben machen, im Widerspruch mit Ihren Verhältnissen, für Hufbeschlag – das ist eins (er bog einen Finger ein), für die Apotheke – das ist zwei (er bog einen zweiten Finger ein), für die Kanzlei, drei, für Handpferde an die fünfhundert zahlen, Väterchen – das ist vier, Sie müssen den Soldaten neue Kragen geben, Kohlen brauchen Sie viel, Tisch für die Offiziere müssen Sie halten. Sind Sie Batteriekommandeur, so müssen Sie anständig leben, Sie müssen einen Wagen haben, einen Pelz und noch zwei, drei, zehn andere Dinge ... Was ist da viel zu reden!

Die Hauptsache aber, fiel der Kapitän ein, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, die Hauptsache, Wladimir Ssemjonytsch, ist die: stellen Sie sich vor, ein Mensch, wie ich zum Beispiel, dient zwanzig Jahre, erst für zwei-, dann für dreihundert Rubel Gehalt; soll man ihm für seinen Dienst nicht wenigstens ein Stück Brot im Alter geben?

Ach, was soll das! begann wieder der Stabskapitän, urteilen Sie nicht voreilig, kommt Zeit, kommt Rat, leisten Sie nur Ihren Dienst.

Wolodja überkam eine schreckliche Scham, weil er so unüberlegt gesprochen hatte, er brummte etwas in den Bart und dann hörte er weiter schweigend zu, wie Djadjenko im höchsten Eifer wieder zu streiten begann und das Entgegengesetzte behauptete.

Der Streit wurde durch den Eintritt des Hauptmannsburschen unterbrochen, der zum Essen rief.

Aber sagen Sie heute Appollon Sergjeewitsch, er solle Wein geben, sagte Tschernowizkij zum Kapitän und knöpfte sich den Rock zu. Was knausert er? Sind wir erst tot, kriegt keiner was!

Sagen Sie's ihm selbst.

Das geht nicht. Sie sind der älteste Offizier. Alles muß seine Ordnung haben.

XIX

In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet hatte, war der Tisch von der Wand abgerückt und mit einem schmutzigen Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und fragte ihn über Petersburg und seine Reise aus.

Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen. Die Fähnriche trinken keinen, fügte er lächelnd hinzu.

Überhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht so mürrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen eines guten, gastfreien Wirts und eines älteren Kameraden unter den Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die größte Achtung, vom alten Kapitän an bis zum Fähnrich Djadjenko, die sich darin kundgab, wie sie mit einem höflichen Blick auf den Kommandeur sprachen und wie sie einer nach dem andern zögernd herantraten und den Schnaps tranken.

Das Mittagessen bestand aus einer großen Schüssel Kohlsuppe, in der fette Stücke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge von Pfeffer und Lorbeerblättern gewürzt war, aus polnischen Zrazy mit Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab es nicht, die Löffel waren aus Blech und Holz, Gläser gab es zwei, und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse; aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte keinen Augenblick. Zuerst war von dem Treffen bei Inkermann die Rede, an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzählte seine Eindrücke und sprach seine Meinung über die Ursache des Mißerfolges aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen begann; dann ging das Gespräch ungezwungen auf die Unzulänglichkeit des Kalibers der leichten Geschütze über, zu den neuen leichteren Kanonen, und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie zu zeigen. Aber bei der gegenwärtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols blieb das Gespräch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen Gegenstand dachte, als daß er noch darüber sprechen sollte. Auch von den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war zu seinem Erstaunen und Verdruß gar nicht die Rede, als ob er nach Sewastopol gekommen wäre, nur um über die leichteren Geschütze zu plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Während des Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saßen, eine Bombe nieder. Der Fußboden und die Wände zitterten, wie von einem Erdbeben, und die Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.

Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche Überraschungen häufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie nach, wo sie geplatzt ist.

Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze, und weiter war von der Bombe nicht mehr die Rede.

Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und übergab sie dem Batteriekommandeur.

Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom Oberbefehlshaber der Artillerie überbracht.

Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen Dingen geübten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen und das »sehr dringliche« Schriftstück herauszogen. »Was kann das wohl sein?« stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.

Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf den Tisch.

Was enthält es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der älteste Offizier.

Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft für eine Mörserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere, und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzählig, brummte der Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer muß gehen, meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet, um sieben Uhr auf der Schanze sein ... Den Feldwebel herschicken! Wer geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.

Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf Wolodja zeigend.

Der Batteriekommandeur antwortete nichts.

Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf dem Rücken und am Halse hervortrat.

Nein, weshalb! fiel der Kapitän ein. Natürlich wird sich niemand weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es damals gethan haben.

Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie zusammen und warf sie in eine Mütze. Der Kapitän scherzte dabei und entschloß sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein zu bitten, »um tapfer zu bleiben«, wie er sich ausdrückte. Djadjenko saß finster da, Wolodja lächelte, Tschernowizkij behauptete, es werde bestimmt ihn treffen. Kraut war vollständig ruhig.

Wolodja ließ man zuerst wählen. Er nahm einen Papierstreifen, der war sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu wählen, – er zog einen zweiten, kleineren und dünneren, entfaltete ihn und las: »gehen«.

Ich! sagte er seufzend.

Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald Ihre Feuertaufe, sagte der Kommandeur, indem er mit einem gutmütigen Lächeln dem Fähnrich in das verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.

XX

Wlang war mit diesem Befehl außerordentlich zufrieden, er machte sich schnell fertig, um Wolodja zu helfen, und redete ihm zu, das Bett, den Pelz, eine alte Nummer der »Vaterländischen Annalen«, die Spiritusmaschine zum Kaffeekochen und andere unwichtige Dinge mitzunehmen. Der Kapitän riet Wolodja, zunächst im »Handbuch«[E] den Abschnitt über das Schießen aus Mörsern zu lesen und sich die Schießtabellen herauszuschreiben. Wolodja ging sofort ans Werk und bemerkte zu seiner Verwunderung und Freude, daß, obwohl das Gefühl der Furcht vor der Gefahr und noch mehr davor, sich feig zu erweisen, ihn noch immer ein wenig beunruhigte, dies doch nicht in dem Grade der Fall war, wie am Abend vorher. Zum Teil lag das an den Eindrücken des Tages und seiner Thätigkeit, zum Teil, und zwar zum größeren Teil daran, daß die Furcht, wie jedes starke Gefühl, nicht lange in gleichem Grade dauern kann. Mit einem Worte, er war schon so weit, daß er den Furchthöhepunkt hinter sich hatte. In der siebenten Stunde, da sich eben die Sonne hinter der Nikolajewkaserne verbarg, kam der Feldwebel zu ihm mit der Meldung, die Leute seien bereit und warten.

[E] »Handbuch für die Offiziere der Artillerie« von Bezaque.

Ich habe »Wlanga« die Namensliste übergeben. Belieben Sie, ihn zu fragen, Euer Wohlgeboren! sagte er.

Zwanzig Artilleristen mit Seitengewehren, ohne Lederzeug, standen an einer Ecke des Hauses. Wolodja ging mit dem Junker an sie heran. Ob man ihnen eine kleine Rede hält oder einfach sagt: Wünsch' euch Gesundheit, Kinder! – oder sagt man gar nichts? dachte er. Aber warum soll man nicht einfach sagen: Wünsch' euch Gesundheit! Das ist sogar das Richtige. Und er rief keck mit seiner klangvollen, jugendlichen Stimme: Wünsch' euch Gesundheit, Kinder!

Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme tönte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten kühn voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus Leibeskräften gelaufen wäre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht heiter. Bereits dicht an dem Malachowhügel und die Höhe hinaufsteigend, bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu Hause so tapfer gezeigt hatte, beständig auf die Seite ging und den Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon sehr häufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kämen. Einige Soldaten thaten dasselbe, überhaupt drückte sich auf den meisten ihrer Gesichter wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstände beruhigten und ermutigten Wolodja vollständig.

»So bin denn auch ich auf dem Malachowhügel, den ich mir tausendmal schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor Kanonenkugeln zu bücken und bin weit mutiger als andere ... Also bin ich kein Feigling?« dachte er mit Vergnügen, ja mit einem gewissen Entzücken des Selbstbewußtseins.

Aber dieses Gefühl wurde bald erschüttert durch das Schauspiel, das ihm entgegentrat, als er in der Dämmerung auf der Kornilowbatterie den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und Mantel an Füßen und Händen und schwenkten ihn hin und her, um ihn über die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man nicht überall die Körper auf den Bastionen sammeln können und warf sie in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Höhe der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte; aber hier traf ihn zum Glück der Befehlshaber der Bastion, erteilte ihm Befehle und gab ihm einen Führer nach der Batterie und der für die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht erzählen, wie viel Gefahren, Enttäuschungen unser Held an diesem Abend noch erlebt hat: wie er, statt den Schießübungen auf dem Wolkowofeld unter allen Bedingungen der Pünktlichkeit und Ordnung, die er hier zu finden erwartete, zwei außer Stand gesetzte Mörser fand; die Mündung des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern. Nicht ein Geschoß hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war zwanzigmal während dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glück war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hünenhafter Gestalt bestimmt worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mörsern diente; dieser überzeugte ihn von der Möglichkeit, aus ihnen zu schießen, führte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion, wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Führer geleitete, war eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit ellendicken Eichenbalken bedeckte längliche Grube. Hier quartierte er sich mit seinen sämtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige, eine Elle hohe Thür der Blindage gesehen, als er kopfüber allen voran auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen schlug, als alle Soldaten sich längs der Wände auf den Boden gelagert und einige ihre Pfeifen angezündet hatten, sein Bett in einer Ecke auf, zündete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine Pritsche. Über der Blindage hörte man ununterbrochen Schüsse, die aber nicht sehr laut tönten, ausgenommen die einer in der nächsten Nähe stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschütterte. In der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer für die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen. Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah, seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen, dichtbevölkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand dasselbe Gefühl des Glückes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ängstigte sich in der Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer und heiter zugleich zu Mute.

XXI

Im Laufe einer Viertelstunde fühlten sich die Soldaten heimisch und wurden gesprächig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nächsten hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker, der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen, ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie überall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen. Die Bombardiere und die Reiter saßen in der Mitte; und dort im Schatten am Eingange hatten sich die »Gehorsamen«[F] untergebracht. Unter diesen begann auch das Gespräch. Die Veranlassung dazu gab der Lärm, den ein in die Blindage stürzender Mensch verursachte.

[F] S. »Der Holzschlag« II. Anm. d. Herausg.

Weshalb bist du nicht auf der Straße geblieben, Brüderchen? ... Singen denn die Mädchen nicht lustig? fragte man ihn.

Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals gehört hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage gekommen war.

Ah, Waßin hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der Aristokratenecke, – ach, er hat sie nicht gern!

Wie so? Wenn es sein muß, ist es eine ganz andere Sache, entgegnete langsam Waßin, bei dessen Worten alle übrigen zu schweigen pflegten. Am 24. haben wir ordentlich im Feuer gestanden, da ging's nicht anders; aber weshalb soll man es zwecklos thun? ... Man wird unnütz totgeschossen, und die Vorgesetzten sagen einem nicht einmal dank' schön dafür.

Bei diesen Worten Waßins lachten alle.

Mjelnikow sitzt vielleicht noch draußen, sagte jemand.

Schicken Sie ihn hierher, den Mjelnikow, fügte der alte Feuerwerker hinzu, er wird sonst wirklich zwecklos totgeschossen.

Wer ist dieser Mjelnikow? fragte Wolodja.

Wir haben hier einen einfältigen Soldaten, Euer Wohlgeboren. Er fürchtet sich vor nichts in der Welt und geht jetzt immer draußen umher. Belieben Sie, ihn sich anzusehen: der Kerl sieht wie ein Bär aus.

Er kann besprechen, sagte Waßins träge Stimme.

Mjelnikow trat in die Blindage. Er war ein dicker Mann (eine außerordentliche Seltenheit bei Soldaten) mit rotem Haar und Gesicht, ungemein vorstehender Stirn und hervortretenden hellblauen Augen.

Wie, fürchtest du dich vor den Bomben? fragte ihn Wolodja.

Weshalb soll ich mich vor den Bomben fürchten? antwortete Mjelnikow, indem er einen krummen Rücken machte und sich kratzte; durch eine Bombe sterbe ich nicht, das weiß ich.

So möchtest du hier wohnen?

Gewiß, ich möchte schon. Hier ist's heiter! entgegnete er, indem er plötzlich in Lachen ausbrach.

O, da muß man dich zu einem Ausfall mitnehmen. Wenn du willst, sage ich es dem General, sagte Wolodja, obgleich er hier nicht einen General kannte.

Warum soll ich's nicht wollen, – ich will's.

Und Mjelnikow verbarg sich hinter den anderen.

Laßt uns »Nase« spielen, Kinder! Wer hat Karten? ließ sich seine hastige Stimme vernehmen.

Wirklich begann bald in der hintern Ecke das Spiel, – man hörte die Schläge auf die Nase, Lachen und Trumpfen. Wolodja goß sich Thee aus dem Ssamowar ein, den ihm der Trommler aufgestellt hatte, lud die Feuerwerker ein, scherzte und sprach mit ihnen; er hatte den Wunsch, sich populär zu machen und war sehr befriedigt von der Achtung, die ihm entgegengebracht wurde. Als die Soldaten bemerkten, daß er ein leutseliger Herr war, fingen auch sie an, gesprächig zu werden.

Einer erzählte, die Belagerung Sewastopols werde bald ein Ende haben, denn ein zuverlässiger Mann von der Marine habe erzählt, wie Konstantin, der Bruder des Zaren, mit der amerikanischen Flotte uns zu Hilfe komme, ferner, daß bald ein Vertrag kommen würde, zwei Wochen lang nicht zu feuern und Ruhe zu halten, wenn aber einer feuern sollte, müßte er für jeden Schuß 75 Kopeken zahlen.

Waßin war, wie Wolodja Gelegenheit hatte zu sehen, ein kleiner, bärtiger Mann mit großen, gutmütigen Augen, er erzählte, erst unter allgemeinem Schweigen, dann unter Gelächter, wie sie sich, als er auf Urlaub nach Hause kam, anfangs mit ihm gefreut hätten, wie ihn der Vater dann auf Arbeit geschickt und der Forstmeister ihm seinen Wagen gestellt hätte, um seine Frau abzuholen.

Alles das vergnügte Wolodja außerordentlich. Er fühlte nicht nur nicht die mindeste Furcht oder Unbehaglichkeit vor der Enge und dem auf die Brust fallenden Geruch in der Blindage, es war ihm sogar außerordentlich heiter und angenehm zu Mut.

Viele Soldaten schnarchten schon. Wlang hatte sich ebenfalls auf dem Boden ausgestreckt, und der alte Feuerwerker murmelte, nachdem er seinen Mantel ausgebreitet und sich bekreuzigt hatte, vor dem Einschlafen Gebete, als Wolodja auf einmal den Wunsch empfand, aus der Blindage zu gehen, um zu sehen, was draußen vorging.

Zieh' die Füße weg! schrieen, kaum daß er aufgestanden war, die Soldaten einander zu; sie zogen die Füße an sich und ließen ihm den Weg frei.

Wlang, der sich schlafend gestellt, erhob plötzlich den Kopf und faßte Wolodja an den Schößen des Mantels.

Lassen Sie das, gehen Sie nicht, – wie kann man nur! sagte er in weinerlichem, überredendem Tone. Sie kennen das noch nicht. Dort schlagen unaufhörlich die Kugeln ein. Bleiben Sie lieber hier.

Aber ohne Wlangs Bitten zu beachten, drängte sich Wolodja aus der Blindage und setzte sich auf die Schwelle, auf der Mjelnikow saß.

Die Luft war rein und frisch, besonders nach der Luft in der Blindage; die Nacht war hell und ruhig. Nach dem Getöse der Schüsse hörte man das Geräusch der Fuhrwerke, die Schanzkörbe herbeibrachten, und das Geplauder der Leute, die an einem Pulverkeller arbeiteten. Droben wölbte sich der hohe, gestirnte Himmel, an dem die feurigen Streifen der Bomben ununterbrochen dahinflogen. Links führte eine kleine, eine Elle hohe Öffnung in eine andere Blindage, in dem die Füße und Rücken der dort wohnenden Matrosen sichtbar und ihre Stimmen hörbar waren; vor sich sah Wolodja die Erhöhung eines Pulverkellers, neben dem die Gestalten gebückter Leute auftauchten, und auf dem, gerade in die Höhe, unter den Gewehrkugeln und Bomben, die unaufhörlich an diesem Platze pfiffen, eine hohe Gestalt in einem schwarzen Überrock stand, die Hände in den Taschen und mit den Füßen die Erde festtretend, die andere Leute in Säcken dorthin trugen. Bomben kamen häufig dorthin geflogen und platzten ganz nahe bei dem Keller. Die Soldaten, die die Erde schleppten, beugten sich nieder und wichen zur Seite; die schwarze Gestalt bewegte sich nicht fort, trat ruhig mit den Füßen die Erde fest und blieb immer in derselben Stellung an Ort und Stelle.

Wer ist dieser Schwarze? fragte Wolodja Mjelnikow.

Ich weiß es nicht; ich werde hingehen, nachsehen.

Geh nicht! Es ist nicht nötig.

Mjelnikow aber hörte nicht und stand auf, ging an die schwarze Gestalt heran und stand sehr lange, ebenso gleichmütig und unbeweglich neben ihr.

Das ist der Kellermeister, Euer Wohlgeboren! sagte er, zurückgekehrt, eine Bombe hat den Pulverkeller beschädigt, darum tragen Infanteristen Erde dorthin.

Bisweilen flogen, wie es schien, Bomben direkt nach der Thür der Blindage. Da drückte sich Wolodja in eine Ecke und kam von neuem hervor, um in die Höhe zu sehen, ob nicht noch eine geflogen käme.

Obwohl Wlang einigemal aus der Blindage heraus Wolodja bat, zurückzukehren, saß dieser doch an drei Stunden auf der Schwelle, er fand ein gewisses Vergnügen daran, das Geschick zu versuchen und den Flug der Bomben zu beobachten. Gegen Ende des Abends wußte er bereits, woher so viele Geschütze feuerten und wo ihre Geschosse sich niedersenkten.

XXII

Am andern Tage, dem 27. August, ging Wolodja, nach einem zehnstündigen Schlaf, frisch und munter frühmorgens über die Schwelle der Blindage. Wlang war mit ihm zusammen hinausgekrochen, aber beim ersten Kanonenschusse stürzte er spornstreichs, indem er sich mit dem Kopf den Weg bahnte, nach der Öffnung der Blindage zurück, unter dem allgemeinen Gelächter der zum größten Teil ebenfalls an die Luft gekommenen Soldaten. Nur Wlang, der alte Feuerwerker und einige andere gingen selten in den Laufgraben hinaus, die übrigen aber ließen sich nicht abhalten: sie traten alle aus der übelriechenden Blindage an die frische Morgenluft, lagerten sich, trotzdem das Bombardement ebenso heftig war wie tags zuvor, teils an der Schwelle, teils unter der Brustwehr. Mjelnikow ging bereits seit der Morgendämmerung auf den Batterien spazieren, indem er gleichgültig in die Luft sah.

An der Schwelle saßen zwei alte Soldaten und ein junger, kraushaariger, jüdischer Soldat, der von der Infanterie abkommandiert war. Dieser Soldat hatte eine der herumliegenden Gewehrkugeln aufgehoben, sie mit einem Sprengstück an einem Steine plattgeschlagen und schnitt nun aus ihr mit einem Messer ein Kreuz in der Art des Georgskreuzes; die andern sahen plaudernd seiner Arbeit zu. Wirklich kam ein sehr hübsches Kreuz heraus.

Wenn wir hier noch einige Zeit stehen, sagte der eine von ihnen, wird man dann uns allen nach dem Friedensschlusse den Abschied geben?

Wo denkst du hin! ich hatte im ganzen vier Jahre bis zu meiner Verabschiedung zu dienen, und stehe jetzt fünf Monate in Sewastopol.

Wir werden also nicht den Abschied erhalten? fragte ein anderer.

Da pfiff eine Kanonenkugel über den Köpfen der Sprechenden und schlug eine Elle weit von Mjelnikow ein, der im Laufgraben auf sie zukam.

Sie hätte bald Mjelnikow getötet! rief der eine.

Mich tötet sie nicht, antwortete Mjelnikow.

Da hast du das Kreuz für deine Tapferkeit! sagte der junge Soldat, der das Kreuz gemacht hatte, und gab es Mjelnikow.

Nein, Brüderchen, der Monat wird für ein ganzes Jahr gerechnet, so ist's befohlen, ging das Gespräch fort.

In jedem Falle wird nach dem Friedensschlusse eine Kaiserparade in Warschau abgehalten, und werden wir nicht verabschiedet, so werden wir doch auf unbestimmte Zeit beurlaubt.

Da flog eine Gewehrkugel mit Zischen über die Köpfe der Sprechenden hin und schlug an einen Stein an.

Seht, noch vor Abend kann's mit einem »aus« sein, Soldaten.

Alle lachten. Und nicht erst vor Abend, sondern schon nach zwei Stunden war es mit zweien von ihnen »aus« und fünf waren verwundet; aber die übrigen scherzten wie früher.

Wirklich waren am Morgen die beiden Mörser wieder soweit ausgebessert, daß aus ihnen geschossen werden konnte. Gegen zehn Uhr rief Wolodja, auf Befehl des Kommandeurs der Bastion, sein Kommando zusammen und begab sich mit ihm nach der Batterie.

An den Leuten war auch nicht eine Spur des Furchtgefühls zu entdecken, das sich tags zuvor gezeigt hatte, sobald sie an die Arbeit gingen. Nur Wlang konnte sich nicht überwinden: er versteckte und bückte sich noch immer, ja, auch Waßin hatte ein wenig seine Ruhe verloren, er war unruhig und duckte sich fortwährend nieder. Wolodja war in außerordentlicher Begeisterung: nicht der geringste Gedanke an Gefahr beunruhigte ihn. Die Freude, daß er seine Pflicht erfülle, daß er nicht nur nicht feig, sondern sogar tapfer sei, das Gefühl des Kommandierens und die Gegenwart von zwanzig Mann, die, wie er wußte, mit Neugierde auf ihn sahen, machten aus ihm einen vollkommen mutigen Menschen. Er prahlte sogar mit seiner Tapferkeit, kletterte auf die Brustwehrbank hinaus und knöpfte absichtlich den Mantel auf, um besser bemerkbar zu sein. Der Kommandeur der Bastion, der zu dieser Zeit seine Wirtschaft, wie er es nannte, musterte, konnte, wie sehr er auch im Verlauf von acht Monaten daran gewöhnt war, alle Arten von Tapferkeit zu sehen, nicht umhin, mit Wohlgefallen diesen hübschen jungen Menschen zu betrachten, mit dem aufgeknöpften Mantel, unter dem ein, einen weißen zarten Hals umschließendes, rotes Hemd sichtbar war, wie er mit flammendem Gesicht und Augen in die Hände klatschte und mit tönender Stimme kommandierte: »das erste, das zweite!« und heiter auf die Brustwehr lief, um zu sehen, wohin seine Bomben gefallen waren. Um halb zwölf hörte das Schießen auf beiden Seiten auf, und punkt zwölf Uhr begann der Sturm auf den Malachow-Hügel – die zweite, dritte und fünfte Bastion.

XXIII

Diesseit der Bucht, zwischen Inkermann und den Befestigungen der Nordseite, auf dem Telegraphenhügel, standen um die Mittagszeit zwei Seeleute: ein Offizier, der durch ein Fernrohr nach Sewastopol hinübersah, und ein zweiter, der soeben zu Pferde mit einem Kosaken zu der hohen Signalstange gekommen war.

Die Sonne stand hell und hoch über der Bucht, die im heitern und warmen Glanz mit den Böten und den Schiffen und ihren bewegten Segeln spielte. Ein schwacher Wind trieb leicht die Blätter der vertrockneten Eichensträucher um den Telegraphen, blähte die Segel der Böte und erregte die Wellen des Meeres. Sewastopol, noch immer dasselbe, mit seiner unvollendeten Kirche, seiner Säule, seinem Hafendamm, dem grünen Boulevard auf der Höhe, dem schönen Bau der Bibliothek, mit seinen kleinen, azurblauen, von Masten angefüllten Buchten, den malerischen Bögen der Wasserleitung und mit den Wolken blauen Pulverdampfes, bisweilen von der roten Flamme der Schüsse beleuchtet – noch immer schön, feiertäglich, stolz, umgeben auf der einen Seite von gelben, rauchenden Bergen, auf der andern von dem hellblauen, in der Sonne schillernden Meer – Sewastopol war jenseits der Bucht sichtbar. Wo das Meer dem Gesichtskreis entschwand, war ein Streifen dichten Rauches sichtbar, den ein Dampfer verursachte; zogen langgestreckte weiße Wolken hin, die Wind ankündigten. Auf der ganzen Linie der Befestigungen, besonders auf den Höhen der linken Seite, bildeten sich unaufhörlich, unter Blitzen, die bisweilen sogar in der Mittagssonne leuchteten, dichte, zusammengeballte, weiße Rauchmassen, die sich ausbreiteten, in mannigfachen Formen in die Höhe stiegen und sich am Himmel dunkler färbten. Diese Rauchwolken zeigten sich bald hier, bald dort, auf den Höhen, in den feindlichen Batterien, in der Stadt und hoch oben am Himmel. Die Explosionen verstummten nicht und erschütterten, ineinander fließend, die Luft. ...

Um zwölf Uhr begannen die Rauchwolken sich seltener zu zeigen, die Luft wurde weniger von Getöse erschüttert.

Aber die zweite Bastion antwortet gar nicht mehr, rief der zu Pferde sitzende Husarenoffizier, sie ist ganz zusammengeschossen. ... Schrecklich.

Ja, auch der Malachow schickt ihnen auf drei Schüsse nur einen zur Antwort, entgegnete der mit dem Fernrohr. Das macht mich rasend, daß er schweigt. Der Feind trifft ganz direkt in die Kornilow-Batterie, und man antwortet ihm nicht.

Aber sieh, um zwölf Uhr hört er immer mit dem Bombardement auf, wie ich gesagt habe. So ist's auch heute. Gehen wir lieber frühstücken, – man erwartet uns jetzt schon. ... Es ist nichts zu sehen.

Wart', stör' mich nicht! antwortete der mit dem Fernrohr, indem er mit besonderer Gespanntheit nach Sewastopol hinübersah.

Was ist da, was?

Bewegung in den Laufgräben. Dichte Kolonnen rücken vor.

Das sieht man auch so. Sie rücken in Kolonnen an.

Wir müssen das Signal geben. ...

Sieh, sieh! sie sind aus den Laufgräben herausgekommen!

In der That konnte man mit bloßem Auge sehen, wie sich dunkle Flecken bergab von den französischen Batterien durch das Thal nach den Bastionen bewegten. Vor diesen Flecken sah man dunkle Streifen schon in der Nähe unserer Gefechtslinie. Auf den Bastionen flammten an verschiedenen Stellen, wie vorübergehend, weiße Rauchwolken von Schüssen auf. Der Wind trug die Töne des beiderseitigen Gewehrfeuers, das so häufig war, wie wenn Hagel an die Fenster schlägt, hinüber. Die schwarzen Streifen bewegten sich in dichtem Rauch immer näher und näher. Die immer stärker werdenden Töne des Gewehrfeuers schmolzen in ein ununterbrochenes, rollendes Krachen zusammen. Der immer häufiger emporsteigende Rauch verbreitete sich schnell über die ganze Linie und verschmolz endlich in eine dunkelblaue Wolke, die auf- und abwogte, und durch die Feuer und schwarze Punkte hindurchschimmerten; alle Töne vereinigten sich zu einem einzigen rollenden Donner.

Sturm! sagte der Offizier und gab mit bleichem Gesicht dem Seemann das Fernrohr zurück.

Kosaken sprengten den Weg entlang; der Höchstkommandierende kam in einer Kalesche vorbeigefahren, die Offiziere seines Gefolges begleiteten ihn zu Pferde. Auf allen Gesichtern lag sorgenvolle Unruhe und Erwartung.

Es ist unmöglich, daß sie ihn genommen haben! sagte der Offizier zu Pferde.

Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er seufzte und vom Fernrohr fortging: die französische Fahne weht auf dem Malachow.

Es ist unmöglich!

XXIV

Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden, schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle Schrei ertönte:

Alarm!

Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich eine Stimme zu.

Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es nicht.

Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle, machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie. Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen, sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt hatte.

Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles ist verloren!

Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel und schrie:

Vorwärts, Kinder! Urra–a!

Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.

Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote.

Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust.

Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.

Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend, ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte, was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend, etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem Kreuze in der Hand dastand.

Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm herangekommen war.

Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem Verwundeten das Kreuz zum Kuß.

Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen.

Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den Geistlichen.

Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte.

Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die Thränen über die Wangen rannen.

Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf. »Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er.

XXV

Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade einem Märchen, das ihm Waßin erzählte, als man plötzlich schrie: »Die Franzosen kommen!« Das Blut strömte ihm augenblicklich nach dem Herzen, er fühlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die Soldaten ziemlich ruhig ihre Mäntel zuknöpften und einer nach dem andern herauskrochen, – der eine, wie es schien, war es Mjelnikow, sagte sogar scherzend:

Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder!

Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder diesseits noch jenseits zu hören. Nicht so sehr das ruhige Aussehen der Soldaten, als vielmehr die klägliche, unverhohlene Feigheit des Junkers ermutigte ihn. »Darf ich denn wie dieser sein?« dachte er und lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mörser standen. Er konnte deutlich erkennen, wie die Franzosen über einen freien Platz gerade auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne blitzenden Bajonetten, in den nächsten Laufgräben bewegten. Ein kleiner breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und sprang über die Gruben.

Mit Kartätschen schießen! schrie Wolodja und stieg eilig von der Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der metallene Ton einer abgeschossenen Kartätsche pfiff über seinen Kopf hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mörser. »Das erste! das zweite!« kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem Mörser zum andern lief und vollständig die Gefahr vergaß. Von der Seite her ließ sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und unruhiges Geschrei hören.

Plötzlich ertönte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein erschütternder Schrei der Verzweiflung: »Wir sind umzingelt, umzingelt!« Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen zeigten sich im Rücken. Einer von ihnen, ein hübscher Mann mit schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen; zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In seiner Nähe war außer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel gefallen, und Wlang, der einen Geschützhebel erfaßt und mit wütendem Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwärts stürzte, niemand mehr. »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach!« schrie die verzweifelte Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von hinten gekommen waren. Des Junkers wütende Gestalt machte ihn stutzig. Einem der vordersten schlug er über den Kopf, und die anderen blieben unwillkürlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: »Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie!« – lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen schoß. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder hervor, um zu sehen, was sein vergötterter Fähnrich mache.

Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen, die auf die Unsrigen schossen.

XXVI

Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur acht gerettet.

In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefüllten Dampfer nach der Nordseite über. Die Schüsse hatten überall aufgehört. Die Sterne glänzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion flammten längs der Erde Blitze auf; Explosionen erschütterten die Luft und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstände und in die Luft fliegende Steine. In der Nähe der Docks war ein Brand, und die rote Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen überfüllte Brücke war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet. Die große Flamme schien über dem Wasser auf der fernen Landzunge der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer Rauchwolke, die über ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen, herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte. Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brände waren die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten Schiffe sichtbar. Gespräch ließ sich auf dem Verdeck nicht hören; nur hörte man durch das gleichmäßige Geräusch der zerteilten Wellen und des Dampfes auf der Fähre die Pferde schnauben und mit den Füßen stampfen, die Kommandoworte des Kapitäns und das Stöhnen der Verwundeten. Wlang, der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stück Brot aus der Tasche und begann es zu kauen; plötzlich aber erinnerte er sich Wolodjas und begann so laut zu weinen, daß die Soldaten in seiner Nähe es hörten.

Sieh, unser Wlanga ißt Brot und weint dabei! sagte Waßin.

's ist wunderbar! entgegnete ein anderer.

Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezündet ... fuhr er seufzend fort. Daran, daß von unsereinem so viele dort gefallen, hat der Franzose noch nicht genug!

Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafür sei dem Herrn Dank! sagte Waßin.

Aber doch ist es kränkend ...

Ach was, kränkend? Wird »er« denn dort herumspazieren? Wo denkst du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber, so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt – wird's ihm abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewiß nicht! ... Behalt dir nur die nackten Wände, die Schanzen sind sämtlich in die Luft gesprengt ... Auf dem Hügel hat er sein Fähnchen aufgesteckt, aber in die Stadt wagt er sich nicht.

Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... Laß uns nur Zeit! schloß er, zu den Franzosen gewandt.

Gewiß wird das geschehen! sagte der andere mit Überzeugung.

Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war, die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten, einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht, den Haß und endlich das Entzücken der Feinde erregt hatten, auf den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war tot, öde, schrecklich, aber nicht still, – noch immer wurde das Werk der Zerstörung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen aufgerissenen und eingestürzten Erde lagen überall zerbogene Lafetten auf russischen und feindlichen Leichen, – schwere gußeiserne, für immer verstummte Kanonen, die durch eine fürchterliche Gewalt in Gruben geworfen und halb mit Erde überschüttet waren, – Bomben, Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstücke von Balken aus den Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mänteln. Das alles zitterte noch häufig nach und wurde durch die Purpurflamme der Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschütterte.

Die Feinde sahen, daß etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter dem Eindruck des kräftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht zu glauben, daß ihr unerschütterlicher Feind verschwunden sei, und erwarteten, ohne sich zu rühren, mit Beben das Ende der finstern Nacht.

Wie das Meer in stürmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und ängstlich erbebt in seiner ganzen Fülle und am Ufer brandet, so bewegte sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis über die Brücke auf der Nordseite – fort von dem Ort, auf dem es so viel tapfere Brüder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute getränkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt stärkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen mußte.

Unbegreiflich und schwer war für jeden Russen der erste Eindruck dieses Befehls. Das zweite Gefühl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute fühlten sich widerstandsunfähig, sobald sie die Orte verlassen hatten, an denen sie zu kämpfen gewohnt waren, und drängten sich unruhig in der Finsternis am Anfang der Brücke zusammen, die von einem starken Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre Bajonette stießen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen drängten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rädergerassel arbeitete sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als möglich davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen in Anspruch genommen waren, war doch das Gefühl der Selbsterhaltung und der Wunsch, so schnell als möglich von diesem furchtbaren Orte des Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefühl hatte der tödlich verwundete Gemeine, der unter fünfhunderten solcher Verwundeter auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der Landwehrmann, der sich mit äußerster Kraftanstrengung in die dichte Menge drängte, um dem vorüberreitenden General den Weg freizumachen, der General, der standhaft den Übergang leitete und gegen die Hast der Soldaten ankämpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepreßt wurde, daß ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederließen, weil die gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der sechzehn Jahre sein Geschütz bedient hatte und der es auf den Befehl der Führung, der ihm unverständlich war, mit Hilfe der Kameraden den steilen Abhang der Bucht hinabgestürzt hatte, die Seeleute, die eben das Wasser in die Schiffe einließen und in ihren Barkassen mit schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich. Aber diesem Gefühl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes Gefühl: es war ein Gefühl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol hinüberblickte, seufzte mit unsagbarer Trübsal im Herzen und drohte den Feinden.