Das Rätsel seines Alters
Nicht minder geschickt, wie er seine Herkunft zu verschleiern wußte, so auch sein Geburtsjahr. Er deutete an, daß sein Lebensalter nicht nach Jahren und Jahrzehnten, sondern nach Jahrhunderten zähle. Der Spaßvogel „Mylord Gower“, von dem der Baron von Gleichen berichtet, mußte ihm als Schrittmacher für die Fabel dienen, daß er schon ein Zeitgenosse Christi gewesen sei. In seinen Gesprächen ließ Saint-Germain gern durchblicken, daß er schon in früheren Jahrhunderten gelebt habe. Für denjenigen, der, wie Alvensleben, ihn stellen wollte, hatte er, in die Enge getrieben, die Antwort bereit, daß er sich von Zeit zu Zeit aus dem Treiben der Welt zurückziehe. Vergeblich suchen die einzelnen Berichterstatter aus seiner äußeren Erscheinung Schlüsse auf sein Lebensalter zu ziehen. Gegenüber all den Zeugnissen fremder Personen, wie der Gräfin Gergy, die ihn nach Jahrzehnten im Äußeren unverändert wiederfinden wollte, fällt das eigene Geständnis des Grafen Saint-Germain schwer ins Gewicht, der dem Prinzen von Hessen nach dessen Aufzeichnung erklärte, er sei bei seiner Ankunft in Schleswig (1779) 88 Jahre alt gewesen. Das würde ungefähr mit dem Lebensalter stimmen, das für den Sohn des Steuereinnehmers aus San Germano angegeben wird.
Aber, so könnte man einwenden, spricht nicht für sein Alter das Stammbuch mit den Eintragungen von Montaigne und dem älteren Grafen Lamberg? Darauf läßt sich mit der Gegenfrage antworten: waren diese echt? Schon der jüngere Lamberg spielt auf die Möglichkeit einer Fälschung an. Waren sie jedoch echt, wo ist dann der Beweis, daß das Album nicht erst später in den Besitz Saint-Germains gelangt ist? Denn jene Einzeichnungen sind ganz unpersönlicher Art. Damit scheidet das Stammbuch als Argument für die Frage des Alters des Grafen aus.