Die Mission des Grafen Saint-Germain im Haag

Zum Verständnis der Rolle, die Saint-Germain im Haag spielte, müssen wir kurz den allgemeinen politischen Hintergrund zeichnen.

Seit mehreren Jahren schon währte der englisch-französische Kolonialkrieg, rangen die Mächte Europas in erbittertem Kampfe miteinander. Mancherlei Versuche, den Frieden wieder herzustellen, waren im Sande verlaufen. Immer größer wurde indessen in Frankreich das Friedensbedürfnis, aber auch in England bestand eine starke Friedenspartei. Da bot im Herbst 1759 die spanische Krone ihre Vermittlung an.

Weit bedeutsamer war der Schritt, zu dem sich im November des Jahres die englische und die preußische Regierung entschlossen. Sie erklärten sich bereit, an einen noch zu bestimmenden Ort Bevollmächtigte zur Verhandlung mit den Gegnern über die Einleitung eines allgemeinen Friedens zu senden. Prinz Ludwig von Braunschweig, der Vormund des oranischen Erbstatthalters, übernahm es, den Vertretern des feindlichen Dreibundes im Haag (Graf d’Affry, Baron Reischach und Graf Golowkin) diese Erklärung zu übermitteln. Auf dem Schlosse zu Ryswijk fand am 25. November dieser feierliche Akt statt. Darauf brachten die Generalstaaten Breda als Konferenzort in Vorschlag. Aber der Plan des Kongresses scheiterte, da die drei eingeladenen Mächte (Österreich, Frankreich und Rußland) am 3. April 1760 durch ihre Vertreter dem Prinzen Ludwig ihre Gegenerklärung abgeben ließen, daß sie ohne Zuziehung ihrer übrigen Verbündeten (Kursachsen und Schweden) sich mit Preußen auf nichts einlassen könnten.

Der Versailler Hof, der bereits mit der Londoner Regierung durch die beiderseitigen Gesandten im Haag, Graf d’Affry und General Yorke, in geheime Besprechungen eingetreten war, fügte noch die weitere Erklärung hinzu, er sei zu einem Sondervergleich mit England bereit. Das Londoner Kabinett stand vor der Frage, ob es seine Verbündeten, Preußen und die übrigen deutschen Fürsten, mit denen es Subsidienverträge abgeschlossen hatte, preisgeben sollte. Doch William Pitt, der Leiter der englischen Politik, beharrte auf ihrem Einschluß in den Frieden. So kam es auch zwischen England und Frankreich zu keiner Verständigung, und der allgemeine Krieg ging weiter.

Neben den Verhandlungen, die von den beglaubigten Vertretern der Mächte geführt wurden, liefen andere einher, die des förmlichen Charakters entbehrten. Eine Zeitlang (1759) hatte Voltaire das Amt des Mittlers zwischen Friedrich dem Großen und dem französischen Premierminister, dem Herzog von Choiseul, versehen. Im Februar 1760 war der junge Freiherr von Edelsheim als geheimer preußischer Agent nach Paris geschickt worden. Nun erschien auch Saint-Germain im Haag auf der Bildfläche, um sich die diplomatischen Sporen zu verdienen.

Um die Mitte des Februar 1760 war er in Holland angelangt, hatte zunächst in Amsterdam verweilt. Als dann Anfang März im Haag die Vermählung der Schwester des Erbstatthalters gefeiert wurde, tauchte er in Hollands Hauptstadt auf. In der Öffentlichkeit sprach er von einer Anleihe, die er für Frankreich vermitteln sollte, von der Aufgabe, die er habe, die Verpflegung der vom Mutterland abgeschnittenen französischen Kolonien sicherzustellen. Einem Freunde vertraute er an, er sei beauftragt, sich über den Gang der Friedensverhandlungen zu unterrichten. Insgeheim aber setzte er sich mit Yorke in Verbindung, um ihm Eröffnungen über einen englisch-französischen Friedensschluß zu machen.

Auf drei mächtige Gönner berief er sich: auf die Pompadour, den Kriegsminister, Marschall von Belle-Isle, von dem er zwei Briefe nebst einem Paß vorweisen konnte, und — im Verlauf einer zweiten Unterredung — auf den Grafen von Clermont, einen Prinzen von Geblüt, der im Jahre 1758 den Oberbefehl über die französischen Armeen in Westdeutschland geführt hatte.

Trotzdem war Saint-Germains Verhandlung ein vorzeitiges und unrühmliches Ende beschieden. Zwar wußte er den Grafen Bentinck, den er zu seinem Werkzeug ausersehen hatte, geschickt für seinen Plan zu gewinnen[9]. Aber das Schreiben, das er mit dieser Mitteilung am 11. März an die Marquise von Pompadour richtete, wurde ihm zum Verhängnis. Die Marquise stellte den Brief dem Herzog von Choiseul zu; denn Saint-Germains Version, daß dieser Brief durch „Diebstahl“ in dessen Besitz gelangt sei[10], ist nicht ernst zu nehmen. Daraufhin verbot der Herzog dem Grafen unter heftigen Drohungen jede Einmischung in die Politik. Und als er gar von Saint-Germains Eröffnungen, den Friedensschluß betreffend, erfuhr, befahl er, auf das höchste erbost, dem Botschafter Graf d’Affry, die Auslieferung des „Abenteurers“ von Holland zu fordern. Ja, am liebsten wäre ihm gewesen, hätte d’Affry ihm eine Tracht Prügel verabfolgen lassen, um den „Halunken“, der die Kreise seiner Politik zu stören wagte, vor aller Welt in Verruf zu bringen. Wenigstens sorgte er aber dafür, daß eine Mitteilung in die Zeitungen gelangte, in der Saint-Germain mit schärfsten Ausdrücken des Mißbrauchs der ihm in Frankreich gewährten Gastfreundschaft beschuldigt wurde[11]. Bevor der Botschafter seinen förmlichen Antrag bei den Generalstaaten stellte, unterbreitete er den Entwurf dazu dem Herzog. So kam es denn erst am 30. April zur Übermittelung der Denkschrift mit dem förmlichen Auslieferungsgesuch an die holländische Regierung. Diese begrub den Antrag durch seine Verweisung an Kommissionen. Überdies war er gegenstandslos geworden, da Saint-Germain beizeiten von der ihm drohenden Gefahr Wind bekommen und mit Hilfe Bentincks sich nach England geflüchtet hatte.

Aber auch hier war seines Bleibens nicht. Sofort in polizeilichen Gewahrsam genommen, wurde er nach kurzer Frist wieder abgeschoben, da die englische Regierung fürchtete, daß sein Aufenthalt in England sie Frankreich gegenüber kompromittiere. Es war von seiner Übersiedlung nach Ostfriesland die Rede, wo ihm König Friedrich unter der Bedingung Zuflucht gewähren wollte, daß er sich künftig von jedem politischen Treiben fernhielt. Allein er begab sich wiederum nach Holland, wo er Unterschlupf fand.

Man vergleiche diese Darstellung, die sich auf die Berichte der Beteiligten stützt, mit dem Bilde, das Saint-Germain in seinem späteren Briefe an Graf Lamberg von den Geschehnissen entwirft. Da sind es Lügenmärchen, die er auftischt!

Zum Schluß noch die Frage: hat Saint-Germain bei seinen Friedenseröffnungen an General Yorke im Auftrage des Hofes gehandelt? Hat Ludwig XV. hinter dem Rücken seines Premierministers, wie dieser nach Gleichens Darstellung ihm vorwirft, eigene Politik gemacht? Waren also der König und die Pompadour seine geheimen Auftraggeber? Diese Frage ist zu verneinen. Denn erstens steht es fest, daß die Pompadour es war, die den Herzog von Choiseul auf die Spur Saint-Germains setzte, indem sie ihm den Bericht überlieferte, den ihr der Graf sofort über seine politische Tätigkeit im Haag erstattet hatte. Einen zweiten Beweis liefert das Schreiben, in welchem der Marschall Belle-Isle seinem Schützling, wenn auch in schonender Form, sein Verhalten vorwirft und ihm bedeutet, daß für die Behandlung politischer Fragen der Botschafter d’Affry zuständig sei[12].

Aber, so wird man einwenden, worauf bezogen sich dann die Schreiben von Belle-Isle und Clermont, die Saint-Germain dem General Yorke gleichsam als seine Beglaubigung vorlegte? Alles spricht dafür, daß sie die 30 Millionen-Anleihe betrafen, die er für den geldbedürftigen Versailler Hof und, wie wir hinzufügen dürfen, in seinem Auftrag vermitteln sollte[13]. Über diese Anleihe hat er offenbar in Amsterdam und auch im Haag mit seinen Gastgebern, den jüdischen Bankiers, verhandelt.

So lockte ihn der politische Ehrgeiz, auf eigene Faust die Rolle des Friedensstifters zu spielen oder, wie Kauderbach schreibt, gleich einer zweiten Jungfrau von Orléans Frankreich abermals zu retten. Doch seine diplomatische Laufbahn fand ein schnelles und klägliches Ende: sein Erscheinen auf der politischen Weltbühne glich einer schillernden Seifenblase, die nach kurzem Fluge jählings zerplatzt.