SAINT-GERMAIN IN SCHLESWIG UND ECKERNFÖRDE (1779-1784)

I
Aus den „Denkwürdigkeiten“ des Prinzen Karl von Hessen-Kassel[512]

Bei meiner Rückkehr aus Berlin und Hanau sah ich in Altona[513] den berüchtigten Grafen Saint-Germain, welcher mir seine Freundschaft zuzuwenden schien, besonders als er hörte, daß ich kein Jäger sei und auch keine anderen Liebhabereien habe, welche dem Studium der höheren Naturwissenschaften hinderlich sind. Er sagte mir damals: „Ich werde Sie in Schleswig besuchen, und Sie sollen sehen, was wir zusammen für große Dinge ausrichten werden.“ Ich gab ihm zu verstehen, daß ich viele Gründe hätte, die Gunst, die er mir erweisen wolle, für den Augenblick nicht anzunehmen. Er entgegnete: „Ich weiß, daß ich zu Ihnen kommen muß, und ich muß Sie sprechen.“ Ich wußte kein anderes Mittel, um den Erörterungen auszuweichen, als ihm zu sagen, der Oberst Koeppern[514], welcher krank zurückgeblieben war, würde mir in einigen Tagen folgen und er möchte mit diesem darüber reden. Dann schrieb ich an Koeppern einen Brief, um ihm zu sagen, er möchte sein Möglichstes tun, um dem Grafen Saint-Germain zuvorzukommen und ihm, soviel als möglich, abzuraten, hierher zu kommen. Koeppern kam nach Altona und sprach mit ihm, aber der Graf antwortete ihm: „Sie können sagen, was Sie wollen, ich muß nach Schleswig gehen und werde nicht davon abstehen. Das Übrige wird sich finden. Sie werden Sorge tragen, mir dort eine Wohnung bereit zu halten usw.“ Koeppern teilte mir dies Ergebnis ihrer Unterhaltung mit, welches ich nicht billigen konnte.

Ich hatte übrigens bei der preußischen Armee[515] viele Erkundigungen über diesen ungewöhnlichen Mann eingezogen und hatte besonders mit meinem Freund, dem Obersten Frankenberg, über ihn gesprochen. Dieser sagte mir: „Sie können überzeugt sein, daß er kein Betrüger ist, und daß er große Kenntnisse besitzt. Er war in Dresden, als ich mit meiner Frau dort war. Er wollte uns Beiden wohl. Meine Frau wollte ein Paar Ohrgehänge verkaufen; ein Juwelier bot ihr eine Kleinigkeit dafür. Sie sprach in Gegenwart des Grafen davon, welcher zu ihr sagte: ‚Wollen Sie sie mir zeigen?’ Was sie auch tat. Dann sagte er: ‚Wollen Sie mir dieselben für einige Tage anvertrauen?’ Er gab sie ihr zurück, nachdem er sie verschönert hatte. Der Juwelier, welchem sie meine Frau darauf zeigte, sagte: ‚Das sind schöne Steine; die sind ganz anders als die, welche Sie mir früher zeigten!’ und er bezahlte mehr als das Doppelte dafür.“

Saint-Germain kam bald darauf nach Schleswig. Er sprach mit mir von großen Dingen, welche er zum Besten der Menschheit tun wolle usw. Ich hatte keine Lust dazu, aber zuletzt machte ich mir ein Gewissen daraus, Kenntnisse, die in jeder Hinsicht wichtig waren, auf Grund einer vermeintlichen Weisheit oder aus Geiz zurückzuweisen, und ich wurde sein Schüler.

Er sprach viel von der Verschönerung der Farben, welche fast nichts kostete, von der Verbesserung der Metalle, indem er hinzufügte, daß man durchaus kein Gold machen müsse, selbst wenn man es verstände, und diesem Grundsatz blieb er unbedingt treu. Die Edelsteine kosten den Einkaufspreis; aber wenn man ihre Verbesserung versteht, so wird ihr Wert unendlich gesteigert. Es gibt fast nichts in der Natur, was er nicht zu verbessern und nützlich zu machen verstand. Er vertraute mir fast alle seine Kenntnisse von der Natur der Dinge an, aber nur die Anfangsgründe, und ließ mich dann durch Versuche die Mittel zu Erreichung des Zwecks selbst suchen und freute sich ungemein über meine Fortschritte. So machte er es in Bezug auf die Metalle und die Steine; aber die Farben teilte er mir wirklich mit, sowie einige andere sehr wichtige Kenntnisse.

Man wird vielleicht neugierig sein, seine Geschichte kennen zu lernen, und ich will sie durchaus wahrheitsgetreu mit seinen eigenen Worten wiedergeben und nur die nötigen Erklärungen hinzufügen.

Wie er mir erzählte, war er 88 Jahre alt, als er hierher kam, und er starb in einem Alter von 92 oder 93. Er sagte mir, er sei der Sohn des Fürsten Rakoczy von Siebenbürgen und dessen erster Gattin, einer Tököly[516]. Er wurde unter den Schutz des letzten Medici[517] gestellt, der ihn als Kind in seinem eigenen Zimmer schlafen ließ. Als er hörte, daß seine beiden Brüder, Söhne der Prinzessin von Hessen-Rheinfels oder Rotenburg, wenn ich mich nicht irre, sich dem Kaiser Karl VI. unterworfen und nach dem Kaiser und der Kaiserin[518] die Namen San Carlo und Santa Elisabetta erhalten hätten, sagte er zu sich selbst: „Gut, dann will ich mich Sanctus Germanus, den heiligen Bruder, nennen[519].“

Ich kann allerdings seine Herkunft nicht verbürgen; aber daß er von dem letzten Medici außerordentlich begünstigt wurde, das habe ich auch von anderer Seite gehört. Dieses Haus war, wie bekannt, in den höchsten Wissenschaften bewandert, und es ist nicht zu verwundern, daß er dort seine ersten Kenntnisse schöpfte. Aber er behauptete, die Kräfte der Natur durch seinen eigenen Fleiß und seine Untersuchungen erforscht zu haben. Er kannte die Kräuter und Pflanzen aus dem Grunde und hatte Arzneien erfunden, deren er sich ständig bediente, und welche sein Leben und seine Gesundheit verlängerten. Ich habe noch alle seine Rezepte, aber nach seinem Tode eiferten die Ärzte sehr heftig gegen seine Wissenschaft. Wir hatten einen Arzt Lossau, welcher Apotheker gewesen war, und dem ich jährlich 1200 Taler gab, um die Arzneien zuzubereiten, welche der Graf Saint-Germain ihm vorschrieb, unter anderen und vorzugsweise seinen Tee, den die Reichen gegen Bezahlung und die Armen umsonst erhielten. Letztere genossen auch die Pflege dieses Arztes, welcher eine Menge Leute heilte und welchem meines Wissens niemand starb. Aber nach dem Tode desselben ward ich der Äußerungen müde, die ich von allen Seiten zu hören bekam, nahm alle meine Rezepte zurück und ersetzte Lossau nicht wieder.

Die Farbenfabrik wollte Saint-Germain hier im Lande gründen. Die des verstorbenen Otte[520] in Eckernförde stand leer und verlassen. Ich hatte somit Gelegenheit, diese Gebäude vor der Stadt billig zu kaufen, und setzte den Grafen Saint-Germain dorthin. Auch kaufte ich Seidenzeuge, Leinen usw. Außerdem waren vielerlei Gerätschaften zu einer solchen Fabrik erforderlich. Ich sah dort nach der Art, wie ich es gelernt und in einer Tasse selbst versucht hatte, 15 Pfund Seide in einem großen Kessel färben. Das gelang vollkommen. Man kann also nicht sagen, daß es im Großen nicht gehe.

Das Unglück wollte, daß der Graf Saint-Germain, als er nach Eckernförde kam, unten in einem feuchten Zimmer wohnte, wo er einen sehr starken Rheumatismus bekam, von welchem er sich trotz aller seiner Heilmittel nie wieder ganz erholte.

Ich besuchte ihn oft in Eckernförde und kehrte nie ohne neue höchst interessante Belehrungen zurück, da ich mir häufig die Fragen aufschrieb, welche ich ihm vorlegen wollte. In seiner letzten Lebenszeit fand ich ihn eines Tages sehr krank und, wie er glaubte, auf dem Punkte zu sterben. Er schwand zusehends dahin. Nachdem ich in seinem Schlafzimmer das Mittagessen eingenommen hatte, mußte ich mich allein vor sein Bett setzen, und er sprach dann viel rückhaltsloser über viele Dinge, sagte mir vieles voraus und ersuchte mich, so bald wie möglich wiederzukommen, was ich auch tat. Indes fand ich ihn bei meiner Rückkehr weniger krank, dafür aber desto schweigsamer. Als ich 1783 nach Kassel ging, sagte er mir, daß ich, im Fall er während meiner Abwesenheit sterben sollte, ein versiegeltes Billet von seiner Hand finden würde, welches mir genügen werde. Aber dieses Billet fand sich nicht; vielleicht hatte er es ungetreuen Händen anvertraut. Oftmals bin ich in ihn gedrungen, mir noch während seines Lebens das mitzuteilen, was er mir in diesem Billet hinterlassen wollte. Dann ward er traurig und rief: „Ach, wie unglücklich würde ich sein, mein lieber Prinz, wenn ich zu sprechen wagte!“

Er war vielleicht einer der größten Weltweisen, welche je gelebt haben. Er liebte die Menschheit; Geld verlangte er nur, um es den Armen zu geben. Er liebte selbst die Tiere, und sein Herz beschäftigte sich nur mit dem Glück anderer. Er glaubte, die Welt dadurch zu beglücken, daß er ihr zu billigeren Preisen neue Vergnügungen, schönere Stoffe und schönere Farben verschaffte; denn seine herrlichen Farben kosteten fast nichts. Ich habe nie einen Mann von klarerem Geiste gesehen, und dabei besaß er eine Gelehrsamkeit, besonders in der Geschichte, wie ich selten gefunden habe.

Er war in allen Ländern Europas gewesen, und ich kenne fast keines, wo er sich nicht längere Zeit aufgehalten hätte. Er kannte sie alle von Grund aus. In Konstantinopel und in der Türkei war er oft gewesen. Frankreich schien jedoch das Land zu sein, welches er am meisten liebte. Er wurde Ludwig XV. bei der Frau von Pompadour vorgestellt und nahm auch an den kleinen Soupers des Königs teil. Ludwig XV. hatte viel Vertrauen zu ihm. Er benutzte ihn unter der Hand, um einen Frieden mit England zu unterhandeln, und schickte ihn nach dem Haag[521]. Es war die Gewohnheit Ludwigs XV., ohne Vorwissen seiner Minister Emissäre zu benutzen, die er jedoch im Stiche ließ, sobald sie entdeckt wurden. Der Herzog von Choiseul hatte von seinen Umtrieben Kunde erhalten und wollte ihn festnehmen lassen. Er flüchtete aber noch bei Zeiten. Er vertauschte nun den Namen Saint-Germain mit dem eines Grafen Welldone.

Seine philosophischen Grundsätze über Religion waren der reine Materialismus, den er aber so scharfsinnig vorzutragen wußte, daß es schwer war, ihm siegreiche Beweise entgegenzustellen; aber ich hatte öfters das Glück, die Mängel der seinigen darzutun. Er war nichts weniger als ein Verehrer Christi, und da er sich in Bezug auf diesen Äußerungen erlaubte, die mir unangenehm waren, so sagte ich zu ihm: „Mein lieber Graf, es hängt von Ihnen ab, ob Sie an Jesus Christus glauben wollen oder nicht; aber ich gestehe Ihnen offen, daß Sie mir vielen Kummer verursachen, wenn Sie bei mir gegen Den sprechen, welchem ich so gänzlich ergeben bin.“ Er blieb einen Augenblick nachdenklich und antwortete: „Jesus Christus ist Nichts; aber Ihnen Kummer verursachen, das ist Etwas. Also verspreche ich Ihnen, nie wieder darüber mit Ihnen zu reden.“ Auf seinem Sterbebette, während meiner Abwesenheit, trug er eines Tages Lossau auf, mir, wenn ich von Kassel zurückkäme, zu sagen, daß Gott ihm die Gnade erwiesen habe, ihn seine Ansicht noch vor seinem Tode ändern zu lassen, und fügte hinzu, er wisse, wieviel Freude mir das machen und daß ich noch viel für sein Glück in einer anderen Welt tun werde.

II
Prinz Karl von Hessen an Prinz Christian von Hessen-Darmstadt[522]

17. April 1825.

Was Saint-Germain betrifft, so bin ich der einzige, dem er sich anvertraut hat. Er war der größte Geist, den ich kannte. Er starb bei vollem Verstande in Eckernförde. Ich war damals in Kassel. Er ließ mir durch seinen Arzt[523], der ein eingeweihter Bruder war, sagen, er stürbe im Glauben an Jesus Christus; das würde mich freuen. Wir haben viel zusammen über Religion gesprochen, aber er war nichts weniger als ängstlich.

III
Prinz Ferdinand von Braunschweig an Prinz Friedrich August von Braunschweig[524]

Middelfort, jenseit des Kleinen Beltes, 2. November 1779.

Ich habe die Bekanntschaft des Grafen Saint-Germain gemacht und bin davon sehr befriedigt. Dreimal war ich bei ihm. Er hat große Kenntnisse in der Erforschung der Natur erworben ... Seine Kenntnisse sind sehr ausgedehnt, und seine Unterhaltung ist denkbar lehrreich.

Christianspflegehaus in Eckernförde

IV
Aus Briefen des Grafen Warnstedt[525]

Schleswig, 24. November 1779.

Wir haben hier auch den berüchtigten Abenteurer Saint-Germain. Er ist der kompletteste Charlatan, Narr, Schwätzer, Windbeutel und in gewisser Hinsicht Gauner, der seit lange gelebt hat. Unser Prinz[526] schätzt und ehrt ihn nach besten Kräften und ganzem Herzen. Er folgt darin seiner angeborenen Neigung für Leute dieses Schlages. Er nimmt täglich drei Stunden Unterricht bei ihm. Hoffentlich wird sein Leibarzt sich mit guten Mitteln versehen, um all die Winde zu vertreiben, mit denen Seine Hoheit sich zur Zeit so zuversichtlich vollpumpt. Dieser Saint-Germain mag trotz seiner allgemeinen Menschenliebe die Stadt Kopenhagen nicht leiden und wird sie nicht besuchen. Der Schlüssel des Rätsels liegt darin, daß Graf Bernstorff ihn vor langen Jahren in Paris als das erkannt hat, was er ist[527].

Schleswig, 11. Dezember 1779.

Ich verbrachte zwei Abende bei dem berüchtigten Saint-Germain. Ich bin so sicher wie von meinem Dasein überzeugt, daß er ein Abenteurer und ein Charlatan in jedem Belange ist. Zudem besitzt er eine glühende Einbildungskraft und betrügt sich daher vielleicht manchmal selbst, wie er andere betrügt. Er ist voller Geist und Kenntnisse — wahrer und falscher —, aber noch weit mehr erfüllt von Dünkel, Hochmut und maßloser, seltener Eigenliebe. Eine Religion hat er wohl nicht; er ist ein Materialist, ein zweiter La Mettrie[528]. Ich halte ihn, nach seinem Aussehen und seiner unsicheren Sprechweise zu schließen, unbedingt für einen portugiesischen oder spanischen Juden. Der Prinz macht sich mit diesem Manne unglaublich lächerlich. Er behauptet, nur 86 Jahre alt zu sein. Übrigens ist es unrecht von mir, schlecht von ihm zu reden; denn er liebt mich sehr.

V
Friedrich der Große an die Königin-Witwe Juliane von Dänemark[529]

Potsdam, 16. Oktober 1784.

Der Prinz von Hessen wird nach Kopenhagen reisen, um seine Tochter[530] mit dem Kronprinzen zu vermählen und, wenn er kann, Dänemark zu beherrschen. Er hat den Schwindler Saint-Germain verloren, und zum Trost dafür wird man ihn allmählich in die Staatsgeschäfte einführen.