Saint-Germains Persönlichkeit und die Legendenbildung.

Obwohl seine Künste und Geheimnisse, wie wir sahen, im ganzen recht zweifelhafter Art waren, hat sich Saint-Germain doch einen Namen zu erwerben gewußt, der seinen Tod überdauerte. Worin liegt das Rätsel seines Erfolges?

Zusammenfassend dürfen wir sagen: in dem Zauber seiner Persönlichkeit. Nicht, daß in seiner Natur etwas Dämonisches lag, das die Menschen wie mit übernatürlicher Gewalt in seinen Bann zwang. Ganz anderer Art war die Macht, die er ausübte. Er war ein glänzender Gesellschafter, der die Menschen anzuziehen wußte. Er besaß die Gabe fesselnder Unterhaltung; man lauschte ihm gern, wenn er von seinem Leben, seiner Jugend, seinen Reisen, wenn er von den Wundern der Welt erzählte. Er bestrickte die Hörer, denn er sprach mit Eifer und Begeisterung. Er besaß, so berichtet Alvensleben, „eine hervorragende Redegabe“, oder wie Yorke es nennt, „Zungenfertigkeit“. Als der preußische Gesandte ihn stellen wollte, entglitt ihm Saint-Germain, indem er den Offenherzigen zu spielen vorgab, aber mit vielen Worten nichts zu sagen verstand. Dabei liebte er die Debatte, spie aber Feuer und Flamme gegen den, der ihm zu widersprechen wagte. Stieß er hingegen auf ernsten Widerstand, so gebrauchte er die Taktik rechtzeitigen Schweigens.

Dabei verstand er in ungewöhnlichem Maße, sich seiner Umgebung anzupassen. Genau sah er sich die Menschen an, mit denen er zu tun hatte. Schnell fand er heraus, was er ihnen bieten durfte. Den dummen Gläubigen band er dreist seine Lügen auf, während er sich den Klugen gegenüber zurückhielt. Da ließ er nur durchblicken, was er offen zu sagen sich nicht getraute. Zumal liebte er das Spiel mit halben Worten, die die Phantasie des Hörers anregten. Das gelang ihm um so leichter, als seine dunkle Kunst, deren er sich rühmte, unwiderstehlichen Reiz auf die Menschen übte.

So besaß er in hohem Grade die Kunst der Menschenbehandlung. Und so war es ihm möglich, in die hohen Kreise zu dringen, die der Mehrzahl der schlichten Menschen verschlossen sind. Was aber noch weit mehr besagen wollte, er wußte sich dort auch zu behaupten. Unbestreitbar spielte er am Hofe Ludwigs XV. eine Rolle, bis das Haager Abenteuer ihm das Genick brach. Trotzdem gelang es ihm später, noch zu anderen Fürsten in nähere Beziehung zu treten, wie der Ansbachische Markgraf, der Hessische Prinz, der ihm seine Huld bis zu seinem Tode bewahrte. Einen Grafen Cobenzl, der eine hohe Staatsstellung bekleidete, wußte er sogar derart zu bestricken, daß dieser von ihm rühmte: „Er ist Dichter, Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung, wie ich sie noch bei keinem Menschen fand[24].“

Man würde irren, wollte man ihm jedes Wissen und alle Kenntnisse abstreiten. Ernsthafte Zeugen sind es, die zu seinen Gunsten aussagen. „Er ist ein hochbegabter Mann mit sehr regem Geiste,“ so schildert ihn Alvensleben[25]. Zugleich aber nennt er ihn „urteilslos“, „maßlos eitel“ und kriecherisch. Eitelkeit sei die Triebfeder, die seinen Mechanismus in Bewegung setze. Wir hören ferner, daß er mit seiner angeblichen hohen Herkunft zu prahlen liebte. Er vermaß sich zu dem Ausspruch: „Ich halte die Natur in meinen Händen, und wie Gott die Welt geschaffen hat, kann auch ich alles, was ich will, aus dem Nichts hervorzaubern.“

Seine „Gauklerkünste“, so bezeugt wiederum Alvensleben, öffneten ihm die Häuser der Großen. Aber sie dienten ihm auch dazu, die Menschheit auszubeuten. Wir wundern uns daher nicht, ihm ebenfalls im Salon der Marquise von Urfé, den ja auch sein Bildnis schmückte, mit einem Schwindler vom Schlage Casanovas zu begegnen, ein würdiges Paar, das gleichmäßig die dem Wunderglauben ergebene Dame schröpfte, während er doch sonst die Welt mied, in der ein Casanova und Cagliostro sich bewegten.

Von diesen unterscheidet ihn auch die Tatsache, daß die Frauen in seinem Leben keine Rolle spielten, mag er auch, wie Gleichen erwähnt, der Tochter eines Chevalier Lambert in Paris den Hof gemacht und, wie Hardenbroek als Gerücht verzeichnet, die Absicht geäußert haben, sie zu heiraten. Noch fraglicher erscheint, ob jene unbekannte Dame in Amsterdam, von der Grosley so geheimnisvoll erzählt, überhaupt je etwas mit ihm zu tun hatte. Und mit allen übrigen Berichten über sein Ende steht die Angabe Gleichens in Widerspruch, daß Saint-Germain sich in seinem letzten Lebensjahr „wie ein zweiter Salomo“ von Frauen pflegen und hätscheln ließ und in ihren Armen gestorben sei.

Was neben seinen dunklen Künsten dazu beitrug, ihm eine Stellung in der großen Welt zu sichern, war die Fabel von seinen märchenhaften Reichtümern. Er prunkte mit seinen Edelsteinen — aber ihre Echtheit wird bestritten. Er erwarb Landgüter in Frankreich und Holland — aber er konnte sie nicht bezahlen. Die Madame Nettine in Brüssel mußte zu ihrem Schaden erfahren, was es mit seinen in Nimwegen deponierten Wertsachen für eine fatale Bewandnis hatte. Auch der Wert seiner Gemäldesammlung wird angefochten. Notorische Tatsache ist es endlich, daß es ihm beim Markgrafen von Ansbach und in Leipzig kümmerlich ging. Sogar seine Wohnung in Paris war bescheiden. Aber überraschend ist, daß er sich trotz alledem den Ruf eines reichen Mannes zu geben verstand und daß man es ihm glaubte.

Ein weiteres Rätsel, das seine Person bot, war endlich der Umstand, daß er dauernd unter fremdem Namen auftrat, obwohl er den eines Grafen Saint-Germain, unter dem er auf die Nachwelt gekommen ist, bevorzugte[26]. Dieser dauernde Namenswechsel scheint durch seinen abenteuerlichen Wandel hinreichend begründet. Aber es ist bezeichnend für ihn, daß er auch dafür eine geheimnisvolle Erklärung zu geben wußte. Der Ansbacher Minister von Gemmingen hat es uns überliefert. Danach handelte es sich um einen großen Unbekannten, der die Beweise seiner Abkunft in Händen hatte, der ihn verfolgte, vor dem Saint-Germain sich verbergen mußte. Und nur eine weitere Ausschmückung dieses Märchens ist es, wenn er im Elternhause der Frau von Genlis erzählte, daß er als siebenjähriger Knabe flüchten mußte, da ein Preis auf seinen Kopf gesetzt war.

Man sieht: es fehlt kein Zug, um das Bild des Abenteurers vollständig zu machen. Alles ist vorhanden: die rätselhafte Abstammung, der große Unbekannte, der ihn verfolgt, die unbekannte Schöne, der fabelhafte Reichtum. Dazu treten alle die Wunder, die sich mit dem Namen des „berühmten Alchimisten“ verbanden. Er hat den „Stein der Weisen“, er kennt das Geheimnis der künstlichen Herstellung des Goldes, er besitzt das Lebenselixier.

Ist es daher verwunderlich, wenn in der späteren Überlieferung, wie bereits in den Aufzeichnungen eines Lamberg und Gleichen, das Geheimnisvolle und Rätselhafte immer mehr das Geschichtliche der gleichzeitigen Berichte überwuchert? Denn wir hören später kaum noch von allen seinen gewerblichen Künsten, wie der Färbkunst, der Lederbehandlung, die doch das Hauptfeld seiner Tätigkeit ausmachten. Statt dessen ist er ein Goldmacher. Und noch größeren Spielraum bot sein Lebenselixier der menschlichen Phantasie. Da wird er zum Zeitgenossen Christi, und eine Lady Craven, die ihn nur von Hörensagen kennt, malt nun in ihren Denkwürdigkeiten die Fabel immer weiter aus, indem sie dieselbe mit allerlei barocken Einfällen verziert. Da das Lebenselixier andrerseits die Wirkung des Jungbrunnens in sich schließt, so entsteht die Geschichte von der diebischen Kammerzofe, die sich an dem Elixier vergreift, das ihre Herrin um teures Geld erstanden hat, und die nun infolge der genossenen allzu starken Dosis wieder ein kleines Kind wird. Aus der einen Zofe im London Chronicle (bei Grosley) und bei Gleichen macht dann der Fälscher der „Erinnerungen der Marquise von Créquy“ mit drastischer Übertreibung deren zwei. Und den Höhepunkt erreicht der Spaß bei Lamberg mit der alten Frau, die sogar wieder zum Embryo wird.

Indem wir die gleichzeitigen Urkunden, die von ihm erzählen, und die späteren Aufzeichnungen, die über ihn entstanden sind, im folgenden zusammenstellen, tritt uns zum erstenmal das geschichtliche Bild des abenteuerlichen Betrügers entgegen. Zugleich gestattet aber dieser Überblick, den Prozeß der allmählich einsetzenden und von ihm selbst mit Geschick genährten Legendenbildung zu verfolgen, durch die er zum „berühmten Alchimisten“ ward, als der er bis auf unsere Tage fortlebt. —

Um den streng historischen Charakter des Buches zu wahren, ist grundsätzlich davon Abstand genommen, rein literarische Erzeugnisse zu berücksichtigen. Dahin gehören z. B. die phantasievollen Schilderungen von Besuchen Saint-Germains in Wien, am Hofe Karl Augusts in Weimar, am Hofe der Königin Maria Antoinette, wie sie Franz Gräffer in seinen „Kleinen Wiener Memoiren“ (Wien 1845) bringt, A. v. d. Elbe in der Erzählung „Brausejahre“ („Gartenlaube“, Jahrg. 1884) oder der Romanschriftsteller Etienne Léon de Lamothe-Langon in den anonym herausgegebenen „Souvenirs sur Marie Antoinette et sur la cour de Versailles par Madame la comtesse d’Adhémar, dame du palais“ (Paris 1836); denn, um dies ausdrücklich zu betonen, die Gräfin d’Adhémar ist nachweislich keine historische Persönlichkeit, sondern das reine Erzeugnis dichterischer Phantasie. So hat auch die einzige bisher vorliegende Biographie des Abenteurers, das unvollendet gebliebene Werk der Theosophin J. Cooper-Oakley: „The comte de Saint-Germain“ (Mailand 1912) keinen Anspruch auf wissenschaftliche Bedeutung, da sie kritiklos auch aus jenen Darstellungen schöpft und die Märchen der angeblichen Gräfin d’Adhémar als historische Begebnisse erzählt; der Wert ihres Buches beruht allein auf ihren Mitteilungen aus fremden Archiven.

Für die Fülle neuer Aufschlüsse, die mir zahlreiche Archive und Bibliotheken, zumal in Berlin, Wien und Wolfenbüttel gewährten, bin ich der Leitung derselben zu großem Dank verpflichtet. Ferner möchte ich an dieser Stelle auch Herrn Notar Langeveld im Haag meinen aufrichtigen Dank für die liebenswürdige Unterstützung aussprechen, die er meiner Arbeit geliehen hat.

ERSTER TEIL
ALLGEMEINE DARSTELLUNGEN, ANEKDOTEN UND FÄLSCHUNGEN

AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DES BARONS VON GLEICHEN[27]

Bei meiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1759[28] besuchte ich die Witwe des Chevalier Lambert, eine alte Bekannte. Nach mir sah ich einen mittelgroßen, sehr stämmigen Mann eintreten, der mit gesuchter, prächtiger Einfachheit gekleidet war. Er warf Hut und Degen auf das Bett der Hausfrau, setzte sich auf einen Lehnstuhl am Kamin und unterbrach den gerade redenden Herrn mit den Worten: „Sie wissen nicht, was Sie reden. Für diese Frage bin ich allein zuständig. Ich habe sie erschöpft, so gut wie die Musik, die ich aufgegeben habe, weil ich bis zur äußersten Grenze gelangt war.“

Erstaunt fragte ich meinen Nachbar, wer dieser Mann sei, und ich erfuhr, daß es der berühmte Saint-Germain war, der die seltensten Geheimnisse besaß, dem der König[29] eine Wohnung im Schloß Chambord eingeräumt hatte, der in Versailles ganze Abende mit Seiner Majestät und Frau von Pompadour verbrachte und dem alle Welt nachlief, wenn er nach Paris kam. Frau Lambert lud mich zum Essen für den nächsten Tag ein und setzte mit triumphierender Miene hinzu, ich würde mit Herrn von Saint-Germain speisen, der, nebenbei gesagt, einer ihrer Töchter den Hof machte und in ihrem Hause wohnte.

Die Dreistigkeit des Mannes hielt mich bei diesem Diner lange in respektvollem Schweigen. Schließlich wagte ich ein paar Bemerkungen über die Malerei und verbreitete mich über Verschiedenes, was ich in Italien gesehen. Ich hatte das Glück, Gnade vor den Augen von Saint-Germain zu finden. „Ich bin mit Ihnen zufrieden,“ sagte er zu mir, „und Sie verdienen, daß ich Ihnen alsbald ein Dutzend Gemälde zeige, dergleichen Sie in Italien nicht gesehen haben.“ In der Tat hielt er fast Wort; denn die Bilder, die er mir zeigte, trugen sämtlich ein Gepräge von Eigenart oder Vollendung, das sie anziehender machte, als manche klassischen Werke, insbesondere eine Heilige Familie von Murillo, die an Schönheit dem Raffael in Versailles gleichkam.

Aber er zeigte mir noch ganz andere Dinge: eine Menge Edelsteine, insbesondere farbige Diamanten von erstaunlicher Größe und Vollendung. Ich glaubte, die Schätze von Aladins Wunderlampe zu sehen. Unter anderem sah ich einen Opal von ungeheuerlicher Größe und einen eigroßen weißen Saphir, der alle Edelsteine, die ich daneben hielt, durch seinen Glanz überstrahlte. Ich wage mich als einen Juwelenkenner zu rühmen und kann versichern, daß das Auge nichts zu entdecken vermochte, was einen Zweifel an der Echtheit dieser Steine hätte begründen können, zumal sie ungefaßt waren.

Ich blieb bis Mitternacht bei ihm und verließ ihn als sein getreuer Anhänger. Sechs Monate lang folgte ich ihm mit der unterwürfigsten Beharrlichkeit, und ich habe nichts von ihm gelernt als die Praktiken und die Eigenart des Scharlatanismus. Kein Mensch besaß wie er die Gabe, die Neugier zu stacheln und die Leichtgläubigkeit auszunutzen. Er wußte seine Wundergeschichten je nach dem Maße der Empfänglichkeit seiner Zuhörer abzustimmen. Erzählte er einem Dummkopf eine Begebenheit aus der Zeit Karls V., so vertraute er ihm offen an, daß er dabeigewesen sei. Sprach er mit einem etwas weniger Leichtgläubigen, so schilderte er bloß die kleinsten Umstände, Miene und Gebärde der Sprechenden, ja selbst das Zimmer und den Fleck, an dem sie standen, mit allen Einzelheiten und einer Lebendigkeit, daß man den Eindruck erhielt, einen wirklichen Augenzeugen des Vorgangs zu hören. Bisweilen, wenn er eine Rede Franz’ I. oder Heinrichs VIII.[30] wiedergab, spielte er den Zerstreuten und sagte: „Der König wandte sich an mich —“, verbesserte sich aber rasch und fuhr, wie ein Mann, der sich verschnappt hat, hastig fort: „wandte sich an den und den Herzog.“

Im allgemeinen kannte er die Geschichte bis ins kleinste. Er hatte sich Bilder und Szenen zurechtgelegt und sprach von den fernsten Zeiten mit solcher Natürlichkeit, wie kaum ein Zeitgenosse von der jüngsten Gegenwart.

„Die dummen Pariser“, sagte er eines Tages zu mir, „glauben, daß ich 500 Jahre alt sei, und ich bestärkte sie in dieser Annahme; denn ich sehe, daß ihnen das viel Spaß macht. Ich bin freilich ungleich älter als ich aussehe,“ setzte er hinzu, denn auch mich wünschte er bis zu einem gewissen Grade irrezuführen. Aber die Pariser waren nicht nur so dumm, ihm ein mehrhundertjähriges Alter zuzuschreiben, sie machten ihn sogar zum Zeitgenossen Christi, und zwar aus folgendem Anlaß.

In Paris lebte ein kurzweiliger Mann, den man Mylord Gower nannte, weil er die Engländer hervorragend nachmachte. Nachdem die Regierung ihn im Siebenjährigen Kriege als Spion beim englischen Heere verwandt hatte, wurde er zum Spielzeug einiger Leute am Hofe, die die einfältigen Pariser zum besten haben wollten. Man steckte ihn in die verschiedensten Kostüme und ließ ihn alle möglichen Menschen kopieren. So wurde dieser Mylord Gower im Marais[31] als Herr von Saint-Germain eingeführt, um die Neugier der Damen und Maulaffen dieser Stadtgegend zu befriedigen, die sich leichter nasführen lassen als die Leute in der Gegend des Palais Royal. Auf diesem Schauplatz erlaubte sich unser falscher Adept seine Rolle zu spielen. Anfangs übertrieb er nur wenig. Als er jedoch sah, daß man alles bewundernd aufnahm, griff er von einem Jahrhundert aufs andere bis auf Jesus Christus zurück. Von ihm sprach er mit solcher Vertrautheit, als wäre er sein Freund gewesen. „Ich habe ihn sehr gut gekannt,“ sagte er. „Er war der beste Mensch auf Erden, aber romantisch veranlagt und unbesonnen; ich habe ihm oft gesagt, er würde ein schlimmes Ende nehmen.“ Dann ging unser Schauspieler auf die Dienste ein, die er ihm durch Vermittlung der Frau des Pilatus zu leisten versuchte, in deren Haus er täglich verkehrte. Er behauptete, die heilige Jungfrau, die heilige Elisabeth[32], ja selbst deren alte Mutter, die heilige Anna[33], gut gekannt zu haben. „Der“, sagte er, „habe ich nach ihrem Tode einen großen Dienst geleistet. Ohne mich wäre sie nie heilig gesprochen worden. Zu ihrem Glück war ich beim Konzil zu Nicäa[34], und da ich mehrere der dort versammelten Bischöfe kannte, bat ich so innig und stellte ihnen so oft vor, eine wie brave Frau sie gewesen sei und wie wenig es ihnen kostete, so daß sie dann auch wirklich heilig gesprochen wurde.“ Diese abgeschmackte Posse wurde in Paris ziemlich ernsthaft weitererzählt und trug Herrn von Saint-Germain den Ruf ein, im Besitz eines Lebenselixiers zu sein, das ihn verjüngte und unsterblich machte. Daraus entstand die Schnurre von der alten Kammerfrau einer Dame, die eine Phiole dieser göttlichen Flüssigkeit heimlich bewahrte. Die alte Kammerfrau grub sie aus und trank so viel davon, daß sie immer jünger und schließlich zum kleinen Kinde wurde.

Obwohl alle diese Fabeln und mehrere Anekdoten über Saint-Germains Alter weder Glauben noch Beachtung bei vernünftigen Menschen verdienen, so bleibt immerhin wunderbar, was mir zahlreiche glaubwürdige Personen über seine lange Lebensdauer und die fast unbegreifliche Unveränderlichkeit seines Äußeren bestätigt haben. So hörte ich Rameau[35] und die alte Verwandte eines französischen Botschafters in Venedig[36] versichern, als sie Saint-Germain dort 1710 kennen lernten, habe er wie ein Fünfzigjähriger ausgesehen. Im Jahre 1759 schien er 60 Jahre alt zu sein, und damals erneuerte Morin, mein späterer Gesandtschaftssekretär, für dessen Wahrhaftigkeit ich einstehe, in meinem Hause die Bekanntschaft mit ihm, die er 1739 auf einer Reise in Holland gemacht hatte, und war baß erstaunt, daß er nicht um ein Jahr älter aussah. Alle Personen, die ihn danach bis zu seinem Tode kennen gelernt haben — der, wenn ich nicht irre, 1780 in Schleswig[37] stattfand — und die ich über sein vermeintliches Alter befragte, haben mir stets geantwortet, er mache den Eindruck eines guterhaltenen Sechzigers. Ein Mann von 50 Jahren ist also im Zeitraum von 70 Jahren nur um 10 Jahre gealtert — das scheint mir das Außerordentlichste und Bemerkenswerteste an seiner Geschichte.

Er besaß mehrere chemische Geheimmittel, besonders zur Herstellung von Farben und Färbstoffen und einer Art von Similor von seltener Schönheit. Vielleicht hat er auch die erwähnten Edelsteine, deren Echtheit nur durch die Probe mit der Feile widerlegt werden könnte, selbst angefertigt. Aber von einer Universalmedizin habe ich ihn nie reden hören.

Er lebte sehr mäßig, trank nie beim Essen, purgierte sich mit selbstbereiteten Sennesblättern und gab seinen Freunden keinen anderen Rat, wenn sie ihn fragten, was sie tun müßten, um lange zu leben. Überhaupt pries er nie wie andere Scharlatane übernatürliche Kenntnisse an.

Seine Philosophie war die des Lukrez: er sprach mit geheimnisvoller Begeisterung von den Tiefen der Natur und eröffnete der Phantasie unbestimmte, dunkle und unendliche Ausblicke auf die Art seines Wissens, seine Reichtümer und seine vornehme Abkunft. Gern erzählte er Züge aus seiner Kindheit und schilderte sich selbst, wie er mit zahlreichem Gefolge auf prächtigen Terrassen in einem herrlichen Klima lustwandelte, gleich als wäre er der Erbe eines Königs von Granada zur Zeit der Mauren gewesen. Allerdings hat kein Mensch, keine Polizei je herausbekommen, wer er war und woher er stammte.

Er sprach fließend Deutsch und Englisch. Französisch sprach er mit piemontesischem Akzent, Italienisch ausgezeichnet, aber besonders Spanisch und Portugiesisch ohne den geringsten Akzent.

Wie ich hörte, hat er neben mehreren deutschen, italienischen und russischen Namen, unter denen man ihn in verschiedenen Ländern glänzen sah, in früherer Zeit auch den eines Marquis von Montferrat getragen. Wie ich mich entsinne, sagte mir der alte Baron Stosch[38], er hätte in Florenz zur Zeit des Regenten[39] einen Marquis von Montferrat gekannt, der für einen natürlichen Sohn der Witwe Karls II.[40], die sich nach Bayonne zurückgezogen hatte, und eines Madrider Bankiers galt.

Saint-Germain verkehrte im Hause des Herzogs von Choiseul[41] und war dort gern gesehen. Wir waren daher sehr erstaunt, als dieser Minister seiner Gattin gegenüber eine sehr ausfallende Bemerkung über ihn machte. Er fragte sie plötzlich, warum sie nichts trinke, und als sie antwortete, sie wende gleich mir mit Erfolg die Lebensdiät Saint-Germains an, entgegnete Choiseul: „Der Baron, der, soviel ich weiß, eine besondere Vorliebe für Abenteurer hat, ist sein eigener Herr und kann leben, wie er will. Ihnen aber, Madame, deren Gesundheit mir kostbar ist, verbiete ich, die Narrheiten eines so zweideutigen Menschen nachzuahmen.“ Um dem peinlich werdenden Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte der Komtur von Solar[42] den Herzog von Choiseul, ob die Regierung wirklich die Herkunft eines Mannes nicht kenne, der in Frankreich auf so vornehmem Fuße lebe. „Gewiß kennen wir sie,“ versetzte Choiseul (aber er log), „er ist der Sohn eines portugiesischen Juden, der die Leichtgläubigkeit des Hofes und der Stadt zum besten hat. Seltsam,“ fuhr er, sich erhitzend, fort, „daß man erlaubt, daß der König oft fast allein mit einem solchen Menschen ist, während er nur von Garden umgeben ausgeht, als ob die Welt von Mördern wimmelte.“ Dieser Zornesausbruch kam von seiner Eifersucht auf den Marschall Belle-Isle[43], dem Saint-Germain sich mit Leib und Seele verschrieben hatte: ihm hatte er den Plan und das Modell der berühmten Flachboote gegeben, mit denen eine Landung in England[44] gemacht werden sollte.

Die Folgen dieser Feindschaft und der Argwohn Choiseuls kamen wenige Monate später zum Ausbruch[45]. Der Marschall spann immerfort Ränke zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit Preußen und zum Bruch des Allianzsystems zwischen Österreich und Frankreich, mit dem der Herzog von Choiseul stand und fiel. Ludwig XV. und Frau von Pompadour wünschten diesen Sonderfrieden, Saint-Germain redete ihnen ein, ihn zum Prinzen Ludwig von Braunschweig nach dem Haag zu schicken, dessen Busenfreund er sich nannte. Er versprach, auf diesem Wege erfolgreiche Verhandlungen anzuknüpfen, deren Vorteile er durch seine Beredsamkeit ins hellste Licht setzte.

Der Marschall setzte die Instruktionen auf, und der König übergab sie ihm persönlich mit einer Chiffre für Saint-Germain, der, im Haag angelangt, sich berufen fühlte, die Rolle des Gesandten zu spielen. Infolge seiner Indiskretion kam d’Affry, damals Botschafter im Haag[46], hinter das Geheimnis dieser Sendung und schickte einen Kurier an Choiseul, bei dem er sich heftig beschwerte, daß er einem alten Freund seines Vaters und der Würde eines Botschafters den Schimpf antäte, durch einen obskuren Ausländer Friedensverhandlungen unter seinen Augen anzuknüpfen, ohne ihn überhaupt davon in Kenntnis zu setzen.

Choiseul schickte den Kurier sofort zurück und befahl d’Affry, mit aller denkbaren Energie von den Generalstaaten die Auslieferung Saint-Germains zu fordern. Danach sollte er ihn, an Händen und Füßen gefesselt, in die Bastille einliefern. Am nächsten Tage verlas Choiseul im Kronrat d’Affrys Bericht und seine Antwort darauf. Dann blickte er im Kreise herum stolz auf seine Kollegen, heftete seine Blicke abwechselnd auf den König und Belle-Isle und schloß: „Wenn ich mir nicht die Zeit genommen habe, die Befehle des Königs einzuholen, so geschah es in der Überzeugung, daß hier niemand so dreist wäre, ohne Wissen des Ministers des Auswärtigen Eurer Majestät Friedensverhandlungen zu führen!“ Er wußte, daß der König den Grundsatz aufgestellt und stets beobachtet hatte, kein Minister dürfte sich in die Geschäfte eines anderen einmischen. So kam es, wie er vorausgesehen hatte: der König senkte schuldbewußt die Blicke, der Marschall wagte kein Wort, und Choiseuls Schritt wurde gebilligt. Aber Saint-Germain entwischte ihm. Die Generalstaaten beteuerten ihre Willfährigkeit und schickten ein großes Aufgebot zur Verhaftung Saint-Germains. Der aber war heimlich gewarnt und entfloh nach England.

Aus einigen Nachrichten glaube ich zu entnehmen, daß er bald wieder abreiste und nach St. Petersburg ging. Dann tauchte er in Dresden, Venedig und Mailand auf, verhandelte mit den dortigen Regierungen, um ihnen Geheimnisse der Färberei zu verkaufen und Fabriken zu begründen. Er machte damals den Eindruck eines Glücksritters und wurde in einer kleinen Stadt in Piemont wegen eines verfallenen Wechsels verhaftet. Doch er zeigte dem Inhaber für über 100000 Taler Wertsachen, bezahlte auf der Stelle, behandelte den Bürgermeister dieser Stadt als Kaffern und wurde unter den ehrerbietigsten Entschuldigungen freigelassen.

Im Jahre 1770 tauchte er in Livorno auf, mit russischem Namen und in Generalsuniform. Graf Alexei Orlow[47] behandelte ihn mit einer Auszeichnung, die der stolze und hochfahrende Mann sonst niemandem bezeigte. Das muß in engem Zusammenhang mit einer Bemerkung seines Bruders, des Fürsten Gregor Orlow, gegenüber dem Markgrafen von Ansbach stehen. Saint-Germain hatte sich einige Jahre darauf bei diesem niedergelassen[48] und ihn bestimmt, den berühmten Günstling Katharinas II. bei seiner Durchreise in Nürnberg zu besuchen[49]. Da sagte Orlow ganz leise zum Markgrafen über Saint-Germain, den er aufs feierlichste begrüßte: „Dieser Mann hat eine große Rolle bei unserer Revolution gespielt.“

Er wohnte in Triesdorf und hauste dort nach Belieben mit einer Herrenfrechheit, die ihm ausgezeichnet stand. Den Markgrafen behandelte er wie einen Schulknaben. Stellte ihm dieser bescheidene Fragen über seine Wissenschaft, so antwortete er: „Sie sind zu jung, um Ihnen dergleichen zu sagen.“ Um sich an diesem kleinen Hofe noch mehr in Respekt zu setzen, zeigte er von Zeit zu Zeit Briefe Friedrichs des Großen. „Kennen Sie diese Hand und dies Siegel?“ fragte er den Markgrafen, indem er ihm den Brief in seinem Umschlag zeigte. „Ja, es ist das kleine Siegel des Königs.“ — „Wohlan, was drin steht, sollen Sie nie erfahren.“ Damit steckte er den Brief wieder ein.

Der Markgraf behauptet, er habe sich überzeugt, daß Saint-Germains Edelsteine falsch waren: es sei ihm gelungen, durch seinen Juwelier einen Diamanten heimlich mit der Feile prüfen zu lassen, als der Stein der im Bette liegenden Markgräfin[50] gezeigt wurde; denn Saint-Germain paßte scharf auf seine Steine auf und ließ sie nicht aus den Augen.

Schließlich starb der außerordentliche Mann bei Schleswig beim Prinzen Karl von Hessen, den er vollständig bestrickt und zu Spekulationen veranlaßt hatte, die jedoch fehlschlugen. In seinem letzten Lebensjahre ließ er sich nur von Frauen bedienen, die ihn pflegten und ihn wie einen zweiten Salomo verhätschelten. Nach allmählichem Kräfteverfall starb er in ihren Armen.

Umsonst gaben sich die Freunde, die Bedienten und selbst die Brüder des Prinzen[51] alle Mühe, ihm das Geheimnis seiner Herkunft zu entlocken. Da der Prinz aber alle Papiere Saint-Germains erbte[52] und alle Briefe erhielt, die nach seinem Tode eintrafen, muß er mehr darüber wissen als wir, die wahrscheinlich nie mehr erfahren werden. Ein so seltsames Dunkel ist seiner Gestalt würdig.

AUS DEM „TAGEBUCH EINES WELTKINDES“ VON GRAF LAMBERG[53]

Eine seltsame Erscheinung ist der Marquis von Aymar oder Belmar, bekannt unter dem Namen Saint-Germain. Er wohnt seit einiger Zeit in Venedig, wo er hundert Frauen, die ihm eine Äbtissin verschafft, mit Versuchen zum Bleichen des Flachses beschäftigt, dem er das Aussehen von italienischer Rohseide gibt.

Er glaubt 350 Jahre alt zu sein, und wohl um nicht zu arg zu übertreiben, behauptet er, den Thamas Chouli-Kan in Persien[54] gekannt zu haben.

Als der Herzog von York[55] nach Venedig kam, beanspruchte er beim Senat den Vorrang vor diesem. Als Grund gab er an, man wisse wohl, wer der Herzog von York sei, kenne aber noch nicht den Titel des Marquis von Belmar.

Er besitzt einen Verjüngungsbalsam: eine alte Frau, die sich zu stark damit einrieb, wurde wieder zum Embryo. Einem seiner Freunde gab er eine Haarwickel und diesem zahlte ein Bankier, der den Marquis nicht kannte, auf Sicht 200 Dukaten in bar.

Ich fragte ihn, ob er nach Frankreich zurückkehre. Er versicherte mir mit überzeugter Miene, daß die Flasche (mit Lebenselixier), die den König in seinem jetzigen Gesundheitszustand erhalte, zu Ende ginge. Infolgedessen werde er mit einem glänzenden Streich wieder auf der Bühne erscheinen und sein Name werde in ganz Europa bekannt werden.

Er soll in Peking gewesen sein, ohne sich irgendeinen Namen beizulegen; als die Polizei ihn drängte, seinen Namen zu nennen, entschuldigte er sich damit, er wisse selbst nicht, wie er heiße. „In Venedig“, sagte er, „nennt man mich den Herrn ‚Was geht’s dich an’, in Hamburg: ‚Mein Herr’, in Rom: ‚Monsignor’, in Wien: ‚Pst’. In Neapel pfeift man nach mir, in Paris beäugt man mich, und auf dieses Zeichen spreche ich gern jeden an, der mich anschaut. Mein Name kann Ihnen, meine Herren Mandarinen, also gleichgültig sein. Solange ich bei Ihnen lebe, werde ich mich wie der Träger eines erlauchten Namens benehmen. Ob ich Erbse oder Bohne, Piso[56] oder Cicero heiße, mein Name muß Ihnen gleichgültig sein.“ Selbst in Venedig erhält er Briefe, auf denen bloß „Venedig“ steht. Der Rest ist freigelassen, und sein Sekretär verlangt auf der Post einfach Briefe ohne jede Anschrift.

Der König (von Frankreich) gab ihm beim Tode des Marschalls von Sachsen[57] das Schloß Chambord und umarmte ihn, als er ihn verließ. Saint-Germain verkehrte in allen vornehmen Häusern und wurde sogar mit Auszeichnung empfangen. Er ging oft zur Fürstin von Anhalt-Zerbst[58], der Mutter der jetzigen Zarin. „Ich muß“, sagte er zu ihr, „recht gern bei Ihnen sein, um zu vergessen, daß mein Wagen seit zwei Stunden auf mich wartet, um mich nach Versailles zu bringen.“

Übrigens weiß niemand, wer dieser seltsame Mann ist. Man hält ihn für einen Portugiesen. Er besitzt tausend Talente, die bei einem einzigen Menschen selten vereint sind. Er spielt hervorragend Violine, aber hinter einem Wandschirm; dann glaubt man fünf bis sechs Instrumente zugleich zu hören.

Er spricht viel und gut. Jeden redet er mit so passenden Fragen an, daß es anfangs überrascht. In einer Art von Stammbuch, in dem Unterschriften mehrerer Berühmtheiten stehen, zeigte er mir eine lateinische Eintragung meines Ahnherrn Kaspar Felix, der 1686 starb, mit seinem Wappen und der folgenden Beischrift: „Lingua mea calamus scribae velociter scribentis. Ps. 44, Vers 2“[59]. Die Tinte und selbst das Papier waren sehr verblaßt und nachgedunkelt und schienen mir alt. Das Datum ist 1678. Eine andere Eintragung von Michel Montaigne[60] ist vom Jahre 1580: „Kein Mensch ist so bieder, daß er wohl nicht zehnmal den Galgen verdient, auch wenn er alle seine Handlungen und Gedanken der Prüfung der Gesetze unterwirft. Und doch wäre es sehr schade und ungerecht, einen solchen zu bestrafen und zu hängen.“

Ich schließe aus alledem, daß es ebenso leicht ist, zwei gleiche Handschriften herzustellen, wie zwei ganz ähnlich aussehende Menschen zu finden. Le Vayer[61] gibt Beispiele an, aus denen man folgern könnte, daß es vorzeiten ein Verdienst war, Handschriften nachmachen zu können ...

Die beiden genannten Eintragungen könnten das Alter des Marquis bestätigen, spräche die menschliche Natur nicht dagegen. Von welchem Zeitalter er auch spricht, man trifft selten auf einen Irrtum. Er erwähnt sehr zurückliegende Daten am rechten Ort und spielt sich dabei keineswegs auf. Er ist ein seltener, überraschender Mann, und was einem Spaß macht: er hält der Kritik stand. Mit großer Überredungsgabe verbindet er eine ungewöhnliche Gelehrsamkeit und das umfassendste Gedächtnis, obgleich es örtlich beschränkt ist. Er behauptet, Wildmann die Kunst gelehrt zu haben, Bienen zu zähmen und den Schlangen Sinn für Musik und Gesang beizubringen. Da beides auf feststehenden Tatsachen beruht, gibt es der Eigenart des Marquis kein anderes Gepräge als das der Neuheit, die er oft anderen anerkannten Vorzügen vorzieht.

Ich habe einen sehr fesselnden Brief abgeschrieben, den er mir 1773 aus Mantua sandte.

Schreiben von Saint-Germain an Lamberg

„Ich sah ihn (Wildmann) im Haag, als ich dort verhaftet wurde[62]. Bevor ich meinen Degen abgab, bestand ich darauf, d’Affry, den französischen Botschafter bei den Generalstaaten, zu sprechen. Ich wurde in meinem Wagen hingebracht, in Begleitung des Offiziers, der mich zu bewachen hatte. Der Gesandte empfing mich, als ob er überrascht sei, mich zu sehen; bald aber gebot er dem Wächter, sich zurückzuziehen und vor allem den Herren Bürgermeistern zu melden, daß ich die Protektion des Königs besäße und somit unter dem Schutz Sr. Majestät stände, solange ich in Holland bliebe. Ich glaubte, dem Offizier einen Diamanten von reinstem Wasser und von, wenn ich so sagen darf, ungewöhnlichem Karat anbieten zu sollen, aber er lehnte ihn ab, und da all mein Zureden fruchtlos blieb, zerschlug ich den Stein mit einem großen Hammer in mehrere Stücke, die die Lakaien zu ihrem Profit auflasen. Der Verlust des Diamanten, der in Brasilien und im Reiche des Mogul als solcher anerkannt worden, war mir indes nicht gleichgültig, zumal seine Herstellung mir unendliche Mühe gekostet hatte. Graf Zobor, der Kammerherr des verstorbenen Kaisers[63] (ein unvergeßlicher Fürst durch seine erhabenen Eigenschaften wie durch den Schutz, den er den Künsten gewährte), hat Diamanten mit mir gemacht[64]. Prinz T.... hat vor etwa sechs Jahren einen von mir hergestellten für 5500 Louisdors gekauft und ihn dann mit 1000 Dukaten Gewinn an einen reichen Narren verkauft. Man muß in der Tat ein König oder ein Narr sein, sagte der Graf von Barre, um für einen Diamanten erhebliche Summen auszugeben. Da die Narren im Schachspiel[65] übrigens den Königen am nächsten stehen, so verletzt das griechische Sprichwort: Βασιλεῦς ἤ Ὄνος (König oder Esel) und das andere: Aut regem aut fatuum nasci oportet[66] keinen Menschen. Frau von S... hatte einen vom gleichen bläulichen Wasser und ebenso schlecht geschnitten wie jener; in der Fassung sah er wie ein großer böhmischer Stein mit mattem Schliff aus.

„Nun, mein Herr, ein Mann wie ich ist bei der Wahl seiner Mittel sehr oft in Verlegenheit, und wenn es zutrifft, daß die Narren oder die Könige die einzigen sind, denen man einen großen Diamanten anbieten kann, so verdiente ich die Ablehnung des Offiziers; das Unrecht war ganz auf meiner Seite. Übrigens ist der Mensch geneigt, bei den Kunstfertigkeiten oft gewisse Leistungen, die allein auf Rechnung des Künstlers kommen, der Natur zuzuschreiben. Ein Pott, ein Marggraf, ein Rouelle[67] verkünden von ihrem Dreifuß, daß niemand Diamanten gemacht hat, weil sie die Gründe nicht kennen, die dem Gelingen entgegenstehen. Wenn alle diese Herren (ihre Zahl ist groß) die Menschen mehr studieren wollten als die Bücher, so würden sie bei ihnen Geheimnisse entdecken, die sie in der „Goldenen Kette Homers“ und dem großen und kleinen „Albertus“, in dem geheimnisreichen Band „Picatrix[68] usw. nicht finden. Die großen Entdeckungen werden nur dem zuteil, der reist.

„Ich verdanke die Entdeckung des Schmelzens der Edelsteine der zweiten Reise nach Indien, die ich 1755 mit dem Oberst Clive[69] unter dem Befehl des Vizeadmirals Watson[70] machte. Auf meiner ersten Fahrt hatte ich nur sehr geringe Kenntnisse über dies wunderbare Geheimnis erworben. Alle meine Versuche in Wien, in Paris, in London galten nur als Proben; den Stein der Weisen zu finden, war mir in der genannten Zeit beschieden.

Max Joseph Graf v. Lamberg

Stich von Maag

„Aus guten Gründen gab ich mich bei dem Geschwader nur als Graf C...z aus. Überall, wo wir landeten, genoß ich die gleichen Auszeichnungen wie der Admiral. Ohne mich nach meinem Vaterlande zu fragen, erzählte der Nabob von Baba mir nur von England. Ich entsinne mich, mit welchem Vergnügen er meiner Beschreibung vom Pferderennen zu Newmarket zuhörte. Ich erzählte ihm, daß ein berühmtes Pferd namens Eclipse schneller sei als der Wind, und ich log nicht; denn angenommen, daß dies Pferd in einer Minute eine englische Meile lief, d. h. 82½ Fuß in der Sekunde, könnte man, selbst wenn es diesen rasenden Lauf nur ein bis zwei Minuten aushielt, ohne Gefahr begründeten Widerspruchs behaupten, daß ein solches Pferd vor dem Winde herlief; denn dessen größte Geschwindigkeit beträgt 85 Fuß im freien Raum, und ein Schiff, das auch nur ein Drittel seines Anpralls aushielte, würde 6 (französische) Meilen in der Stunde vorwärts getrieben werden, was der größten bekannten Fahrtgeschwindigkeit entspricht.

„Der Nabob schlug mir vor, ihm meinen Sohn, den ich mithatte, dazulassen. Er nannte ihn seinen Lord Bute[71], nach dem Muster seiner Höflinge, die sämtlich englische Namen trugen. Dieser Nabob hatte unter seinen Kindern einen Prinzen von Wales, einen Herzog von Glocester, einen Herzog von Cumberland usw. Als Watson ihn besuchte, erkundigte er sich nach dem Befinden des Königs Georg, und als er erfuhr, daß dieser einen Sohn verloren hatte[72], rief er seufzend aus: „Auch ich habe meinen Prinzen von Wales verloren!“

Der Marquis Belmar.“

Eine Gabe, die Herr von Belmar allein besitzt und die in den Familien gelernt und gepflegt zu werden verdiente, ist, mit beiden Händen zugleich zu schreiben. Ich diktierte ihm etwa zwanzig Verse aus „Zaïre“[73], die er auf zwei Blättern Papier in denselben Schriftzügen zugleich schrieb. „Ich tauge nicht viel,“ sagte er zu mir, „aber Sie werden zugeben, daß ich meinen Sekretär ganz umsonst ernähre. Die Fortschritte in den Kunstfertigkeiten sind langsam; man beginnt mit Versuchen und gelangt schließlich zu einem festen System.“

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Am Schluß berichtigt Lamberg die Angabe der in Florenz erscheinenden Zeitung „Le notizie del mondo“, die im Juli 1770 unter der Rubrik „Nachrichten aus der Welt“ die Mitteilung gebracht hatte:

„Tunis, Juli 1770. Der kaiserliche Kammerherr Graf Maximilian Lamberg hat der Insel Korsika einen Besuch abgestattet, um verschiedene Forschungen anzustellen. Er weilt hier seit Ende Juni in Gesellschaft des Herrn von Saint-Germain, der in Europa wegen seiner umfassenden politischen und philosophischen Kenntnisse berühmt ist[74].“

Lamberg dementiert diese Nachricht mit dem Hinweise, daß ihn die Zeitung zum Reisegefährten Saint-Germains in Afrika mache, „zu einer Zeit, wo Herr von Belmar aus Genua an einen Freund in Livorno schrieb, er wolle nach Wien gehen, um den Prinzen Ferdinand von Lobkowitz[75] wiederzusehen, dessen Bekanntschaft er 1745 in London gemacht hatte.“

Schreiben des Grafen Lamberg an Opiz[76]

„Herr von Saint-Germain hat ziemlich lange in Paris gelebt und das allgemeine Gespräch gebildet. Er behauptete tatsächlich, vierhundert Jahre alt zu sein. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Eines Tages traf ich ihn bei der verstorbenen Prinzessin von Talmond. Ich fühlte ihm auf den Zahn und hörte ihm aufmerksam zu. Er schien mir sehr kenntnisreich und sehr unterhaltend. Abends erzählte ich von der zufälligen Begegnung in einem Hause, wo ich zur Nacht speiste. Ich sagte, ich hätte den berühmten Grafen von Saint-Germain gesehen. Man fragte mich, ob er wirklich 400 Jahre alt sei, wie er behaupte. Ich entgegnete kalt: „Ich glaube, er übertreibt. Er sieht nicht älter aus als 200 Jahre.“ Im übrigen empfiehlt sich dieser berühmte Abenteurer, der einen guten Teil seines Lebens mit der Leichtgläubigkeit der Menschen gespielt zu haben scheint, durch seine Kenntnisse und Talente. Die Eigenartigkeit ist durchaus nicht sein einziger Vorzug; man täte ihm Unrecht mit der Annahme, daß sein Ruf nur darauf beruht. Seine Reisen und Forschungen würden eigenartiges und nützliches Material für einen Schriftsteller liefern, der über sichere Nachrichten verfügt.“

Aus Lambergs „Kritischen, moralischen und politischen Briefen“[77]

Cagliostro[78] ist undurchdringlich und ebenso eigenartig wie der Graf von Saint-Germain, dessen Schüler er sein soll, wenn er auch seinem Meister an Talenten und Genie weit nachsteht. Dieser verdankte seine Berühmtheit seinem Wissen; jener verdankt sie dem Glück und dem Ränkespiel: Mundus vult decipi[79].

Epigramm des Grafen Lamberg auf Saint-Germain[80]

Dreihundert Jahre bin ich für die Welt.

Zweihundert zähle ich für meine Freunde.

Beim Trinken bin ich fünfzig Jahre alt.

Bei Iris sind es fünfundzwanzig bloß.

Ich bin zwar nicht Fortunas Feind in allem,

Doch macht sie mich zu ihrem Spielball nicht:

Ich selber war’s, der stets mit ihr gespielt.

Grabschrift Saint-Germains auf den Grafen Lamberg[81]

Um einen Weltmann traure, braver Bürger,

Der Gottes Freund, Freund von Gesetz und Recht,

Des Kaisers Freund und auch des Nächsten war.

Lamberg starb arm, doch unverdienstlich nicht.

Er ward es satt, lichtscheuer Dummheit Licht

Zu bringen, doch das Schicksal war gerecht:

Der Nachwelt weiht es seinen teuren Namen,

Den siechen Leib den Würmern, und sein Herz

Dem Vaterland, der Freundschaft seine Seele,

Den Musen aber seinen hohen Geist.

Zur Kritik Lambergs

Der brandenburgische Forscher Moehsen schreibt im Anschluß an Lamberg in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg“, S. 22 (Berlin und Leipzig 1783):

„So hat auch in unseren Tagen der berühmte Marquis Belmar oder Graf Saint-Germain von der außerordentlichen Kraft eines solchen Verjüngungsbalsams eine große Erfahrung durch einen Apostolischen K. K. Kammerherrn bekannt werden lassen. Eine alte Dame hatte sich zu stark damit gerieben und sahe sich in kurzer Zeit in den Zustand eines Embryons versetzt, und man kann sich vorstellen, wie künstlich und beschwerlich es dem Herrn Grafen geworden, wenn er sie wieder zur Welt bringen und aufpäppeln müssen.“

AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER GRÄFIN GENLIS[82]

Ich komme nun zu einer seltsamen Persönlichkeit, die ich länger als ein halbes Jahr fast täglich gesehen habe. Das war der berühmte Schwindler Graf Saint-Germain. Er sah damals höchstens wie ein Fünfundvierzigjähriger aus, aber nach dem Zeugnis von Leuten, die ihn 30 bis 35 Jahre vorher gesehen, war er sicherlich weit älter.

Er war nicht ganz mittelgroß, gut gewachsen und hatte einen sehr leichten Gang. Seine Haare waren schwarz, seine Haut stark gebräunt, sein Gesichtsausdruck sehr geistreich, seine Züge ziemlich regelmäßig. Er sprach fließend Französisch, ohne eine Spur von Akzent, ebenso Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.

Er war ein hervorragender Musiker, begleitete auf dem Klavier aus dem Kopfe alles, was man sang, und mit solcher Vollendung, daß Philidor[83] darüber erstaunt war, ebenso über sein Präludieren.

Er war ein guter Physiker und ein großer Chemiker. Mein Vater, der das wohl beurteilen konnte, bewunderte seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sehr. Er malte auch in Öl, freilich nicht hervorragend, aber doch nett. Er hatte ein Geheimverfahren für wirklich prachtvolle Farben, durch das seine Bilder hervorragend ausfielen. Er malte im Stil der Historienmalerei; seine Frauengestalten waren stets mit Juwelen geschmückt. Für diese Schmuckstücke benutzte er seine Farben, und seine Smaragde, Saphire, Rubinen usw. hatten wirklich die Leuchtkraft, den Wiederschein und Glanz der wirklichen Steine. Latour, Vanloo[84] und andere Maler besichtigten seine Gemälde und bewunderten aufs höchste den erstaunlichen Kunstgriff dieser leuchtenden Farben, die allerdings den Nachteil hatten, die Gesichter auszulöschen und ihre Naturwahrheit durch ihre überraschende Täuschung zu zerstören. Aber für die Ornamentalmalerei hätten diese seltsamen Farben von großem Nutzen sein können, hätte Saint-Germain das Verfahren nicht geheim gehalten.

Im Gespräch war er belehrend und unterhaltend. Er war viel gereist und beherrschte die neuere Geschichte mit erstaunlicher Kenntnis der Einzelheiten. Man sagte daher, er spräche von längst verstorbenen Personen, als hätte er mit ihnen gelebt. Aber ich habe dergleichen aus seinem Munde nie gehört.

Er zeigte die besten Grundsätze, erfüllte gewissenhaft alle äußeren Pflichten der Religion, war sehr wohltätig und, wie allgemein zugegeben wurde, von größter Sittenreinheit. Kurz, in seinem Benehmen wie in seinen Reden war alles gesetzt und moralisch.

Dieser Mann erschien außergewöhnlich durch seine Talente, seine umfassenden Kenntnisse und alles, was persönliche Achtung verschafft — Wissen, vornehmes, gesetztes Wesen, lauteren Wandel, Wohlstand und Wohltätigkeit. Trotzdem war er ein Schwindler oder doch ein halber Narr, der sich Maßloses auf seine paar besonderen Geheimmittel einbildete, die ihm eine kräftige Gesundheit und ein längeres Leben als das des Durchschnitts der Menschen verschafft hatten. Ich bin überzeugt, und mein Vater glaubte es fest, daß Saint-Germain, der damals höchstens 45 Jahre alt schien, mindestens 90 alt war. Triebe der Mensch nicht Mißbrauch mit allem, so würde er insgemein noch zu höheren Jahren kommen; Beispiele dafür sind vorhanden. Ohne unsere Leidenschaften und unsere Unmäßigkeit würden wir 100 Jahre alt werden und bei sehr hohem Alter 150 bis 160 Jahre. Dann stände man mit 90 Jahren in der Kraft eines Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Somit hat meine Annahme über Saint-Germain nichts Ungereimtes, vorausgesetzt, daß er mit Hilfe der Chemie die Bereitung eines Trankes oder einer Flüssigkeit gefunden hätte, die seinem Temperament entsprach. Auch ohne an den Stein der Weisen zu glauben, könnte man annehmen, daß er damals viel älter war, als ich hier voraussetze.

In den ersten vier Monaten unseres vertrauten Umgangs tat Herr von Saint-Germain keine maßlose Äußerung, ja nicht mal eine ungewöhnliche. In seinem Wesen lag etwas so Gesetztes und Achtenswertes, daß meine Mutter ihn gar nicht über die Seltsamkeiten, die man von ihm behauptete, zu fragen wagte. Eines Abends jedoch, als er mich beim Vortrag mehrerer italienischen Arien nach dem Gehör begleitet hatte, sagte er zu mir, ich würde in vier bis fünf Jahren eine sehr schöne Stimme haben. „Und wenn Sie siebzehn bis achtzehn Jahre alt sind,“ setzte er hinzu, „würden Sie dann nicht gern in diesem Alter bleiben, wenigstens für eine lange Reihe von Jahren?“ Ich wäre entzückt darüber, entgegnete ich. „Wohlan!“ fuhr er tiefernst fort, „das verspreche ich Ihnen.“ Und sofort ging er auf andere Dinge über.

Frau von Genlis

Steindruck von Henry Meyer

Diese paar Worte ermutigten meine Mutter, ihn kurz darauf zu fragen, ob er wirklich aus Deutschland stamme. Da schüttelte er geheimnisvoll den Kopf und versetzte mit einem tiefen Seufzer: „Alles, was ich Ihnen über meine Herkunft sagen kann, ist, daß ich mit sieben Jahren in Begleitung meines Gouverneurs durch die Wälder irrte und daß auf meinen Kopf ein Preis gesetzt war!“ Bei diesen Worten schauderte ich, denn die Ehrlichkeit dieser großen Offenbarung stand für mich außer Zweifel. „Am Tage vor meiner Flucht“, fuhr Saint-Germain fort, „befestigte meine Mutter, die ich nicht wiedersehen sollte, ihr Bild an meinem Arme.“

„Ach Gott!“ rief ich aus. Bei diesem Ausruf blickte Saint-Germain mich an und schien gerührt, weil er meine Augen voller Tränen sah.

„Ich will es Ihnen zeigen“, sagte er.

Damit schlug er seinen Ärmel zurück und zeigte ein Armband mit schöner Emailmalerei, das eine bildschöne Frau darstellte. Ich betrachtete es mit tiefer Bewegung. Saint-Germain sagte nichts weiter und ging auf ein anderes Thema über.

Als er fort war, machte sich meine Mutter zu meinem großen Kummer über seine „Ächtung“ und seine „Königin-Mutter“ lustig; denn der Preis, der mit sieben Jahren auf seinen Kopf gesetzt war, die Flucht in die Wälder mit seinem Gouverneur ließen durchblicken, daß er der Sohn eines entthronten Herrschers war. Ich glaubte an diesen Königsroman und wollte daran glauben, so daß die Scherze meiner Mutter mich sehr verdrossen. Seit jenem Tage sagte Saint-Germain nichts Bemerkenswertes mehr in dieser Hinsicht; er sprach nur noch von Musik, Kunst und Merkwürdigkeiten, die er auf seinen Reisen gesehen.

Er brachte mir jedesmal ausgezeichnete Bonbons in Fruchtform mit, die er, wie er versicherte, selbst gemacht hatte. Von allen seinen Talenten war mir dies nicht das unliebste. Er gab mir auch eine sehr merkwürdige Bonbonniere, deren Deckel er angefertigt hatte. Die Schachtel war aus schwarzem Perlmutter und sehr groß. Der Deckel war mit einem weit kleineren Achat verziert. Stellte man die Schachtel ans Feuer und nahm sie gleich darauf wieder fort, so sah man den Achat nicht mehr, sondern an seiner Stelle eine hübsche Miniatur, die eine Schäferin mit einem Blumenkorb darstellte. Diese Figur blieb so lange, bis die Schachtel wieder erwärmt wurde; dann erschien der Achat wieder und verdeckte die Darstellung. Das wäre ein reizendes Mittel, ein Bild zu verbergen. Ich habe seitdem eine Zusammensetzung entdeckt, mit der ich alle möglichen Steine, selbst durchsichtige Achate, täuschend ähnlich nachahme. Durch diese Erfindung habe ich den Kunstgriff von Saint-Germains Schachtel erraten.

Um mit meinen Erinnerungen über den seltsamen Mann zu schließen, muß ich sagen, daß ich 15 bis 16 Jahre später bei der Durchreise durch Siena in Italien erfuhr, daß er in dieser Stadt wohnte und daß man ihn nicht für älter als 50 Jahre hielte. 16 bis 17 Jahre darauf, als ich in Holstein war, hörte ich vom Prinzen von Hessen, dem Schwager des Königs von Dänemark und Schwiegervater des (heute regierenden) Kronprinzen[85], daß Saint-Germain ein halbes Jahr vor meiner Reise nach Holstein bei ihm gestorben sei. Der Prinz ging auf alle meine Fragen über den berühmten Mann ein. Wie er mir sagte, sah er zur Zeit seines Todes weder alt noch gebrechlich aus; nur schien er von einer unbezwinglichen Trübsal verzehrt. Der Prinz hatte ihm in seinem Schloß eine Wohnung angewiesen und machte mit ihm chemische Experimente. Saint-Germain war nicht als armer Mann zu ihm gekommen, doch ohne Begleitung und ohne glänzendes Auftreten. Er besaß noch mehrere schöne Diamanten. Er starb an Auszehrung, und zwar unter Zeichen furchtbarer Todesangst. Selbst sein Verstand war getrübt. Zwei Monate vor seinem Tode war er ganz geistesgestört. Alles an ihm deutete auf ein gequältes Gewissen hin, das sein Inneres in ungeheuren Aufruhr versetzte. Diese Erzählung betrübte mich; ich hatte noch immer viel für diesen seltsamen Mann übrig.

AUS GROSLEYS „NACHGELASSENEN SCHRIFTEN“[86]

Unter den Flüchtlingen, die Holland aufnimmt, gibt es Leute, deren fabelhafte Abenteuer unaufklärbar sind und bleiben. Im Jahre 1758 kam aus Frankreich nach Utrecht eine Frau von 36 Jahren, die durch Ton, Wesen und Benehmen eine gute Erziehung, ja vielleicht vornehme Herkunft verriet. Daran änderte sich nichts in den vier Jahren, die sie in einem Zimmer des Gasthofes, in dem ich wohnte, verbrachte. Sie hatte keine Bekannten und keinen Verkehr nach auswärts, außer daß sie vierteljährlich eine sehr anständige Rente erhielt. Umsonst hatte sie die besorgte Neugier des Wirtes erregt, der nach ihrem Fortgehen vergeblich seine Nachforschungen fortsetzte. Er schien noch voller Bewunderung für die Frömmigkeit und unveränderliche Sanftmut der „schönen Dame“, die er im Verdacht hatte, mit einem berühmten Abenteurer in Verbindung zu stehen: dem sogenannten Grafen Saint-Germain, der in Holland glänzend auftrat, mit allen europäischen Herrschern in Briefwechsel zu stehen behauptete, sich ein Alter von 74 Jahren beilegte, obwohl er erst ein Fünfziger zu sein schien, und den Stein der Weisen zu besitzen vorgab.

Seit zehn Jahren war die „schöne Dame“ von Utrecht nach Amsterdam übergesiedelt, und da ihre Rente ausblieb, hatte sie eine Stelle in einer alten Wohltätigkeitsanstalt der französischen Kirche erhalten. Sie bildet noch heute die Erbauung dieser Anstalt durch ihre Sanftmut und Frömmigkeit und alle christlichen und menschlichen Tugenden. Hätte ich Holland über Amsterdam statt über Utrecht verlassen, so hätte ich durch gründliche Nachforschungen vielleicht alles herausgebracht, was von ihr zu erfahren war.

Das Ergebnis meiner Nachforschungen über den Grafen Saint-Germain, dessen Geschichte mit der ihren verknüpft war, bilden folgende Einzelheiten, die ein Engländer seinen Landsleuten im London Chronicle vom 5. Juni 1760 zum besten gegeben hat. Der Graf Saint-Germain hatte Paris auf höheren Befehl verlassen und war nach London gegangen[87], wo er die öffentliche Aufmerksamkeit bald erregte und sie so lange fesselte, bis er nach den nordischen Ländern spurlos verschwand. Nachfolgend die wörtliche Übersetzung jenes Zeitungsartikels.

Der London Chronicle

vom 5. Juni 1760

„Welche Gründe den geheimnisvollen Fremdling hierher geführt haben, ist völlig unbekannt, ebenso weshalb der Hof solches Aufheben von ihm gemacht hat. Sein rätselhaftes Leben und die seltsamen Dinge, die von ihm erzählt werden, geben seinen gewöhnlichsten Handlungen, deren Schauplatz ganz Europa ist, etwas Besonderes.

„Die ehrenvollen Titel, mit denen er sich schmückt, verdankt er weder seiner Geburt noch irgendwelcher Fürstengunst. Selbst sein Name ist ein Geheimnis, das bei seinem Tode noch mehr Verwunderung erregen wird als alle wunderbaren Ereignisse seines Lebens. Sein jetziger Name ist angenommen.

„Das Wort „Unbekannter“, mit dem man ihn bezeichnet, ist zu schwach; die Bezeichnung „Abenteurer“ und „Glücksritter“ aber gehen von niedrigen Voraussetzungen aus, die nicht seinem Wandel entsprechen. Sie träfen nur zu, wenn man damit einen Mann — ich möchte fast sagen, einen vornehmen Mann — bezeichnete, der viel ausgibt und von niemandem abhängt, dessen Einnahmequellen unbekannt sind, der aber die der Gauner verschmäht, und dem von keinem Menschen und nirgendwo nachgesagt werden kann, daß er ihn benachteiligt hätte.

„Unsere Kenntnis über sein Vaterland ist ebenso gering wie über seine Herkunft. Die gewagtesten Vermutungen füllen die Lücken aus, und auf dieser Grundlage hat niedrige Gesinnung, die überall etwas Schlechtes annimmt und sieht, Geschichten erfunden, die ebenso lächerlich wie für ihren Helden entehrend sind. Es wäre aber recht und billig, mit dem Urteil zurückzuhalten, bevor man ihn kennt, und Menschenpflicht wäre es, diese widersinnigen, haltlosen Geschichten nicht kritiklos hinzunehmen. Beschränkt man sich auf das, was bekannt ist, so erscheint er nur als ein Unbekannter, dem niemand etwas vorzuwerfen hat und dem Mittel unbekannten Ursprungs zur Verfügung stehen, um in dieser Weise seit geraumer Zeit aufzutreten. Vor Jahren tauchte er in England auf[88]. Seitdem hat er die größten europäischen Höfe mit dem glänzenden Gefolge eines vornehmen Fremden besucht.

„Gil Blas’ Meister[89] hatte stets Geld, ohne daß man wußte, woher. Das trifft auch auf unseren Unbekannten zu. Sein Wandel ist unter den heikelsten Umständen beobachtet und verfolgt worden, und er hat sich als harmlos und geregelt erwiesen. Zwischen dem Romanhelden und dem unseren besteht nur der Unterschied, daß er alle seine Schätze in winzigem Umfange von unbekannter Form mit sich zu führen scheint. Man könnte den Vergleich mit der Phiole der Alchimisten ziehen, die die Grundstoffe enthält, mit denen sie alle ihre Operationen vornehmen. Nie hat man vor seiner Haustür Tonnen voll Silber abladen sehen, deren er doch bedurft hätte, um ein so großes Haus zu führen.

„Geschickt erfaßt er die Lieblingsneigung jeder Nation, bei derer sich zeigt; dadurch hat er sich überall anziehend und angenehm zu machen gewußt. Bei seiner ersten Reise nach England fand er eine große Vorliebe für Musik vor und entzückte uns durch sein Geigenspiel. Seine Begabung für dies Instrument ist so hervorragend, daß man mit einem unserer Dichter sagen könnte, er sei mit der Violine in der Hand geboren. Italien fand ihn seinen Virtuosen ebenbürtig, ebenso seinen feinsten Kennern der alten und neueren Kunst. Deutschland stellte ihn auf die gleiche Stufe mit seinen geübtesten Chemikern.

„Bei seinen umfangreichen und mannigfaltigen Kenntnissen bildete es eine besondere Empfehlung, daß er sich niemals mit einer anderen Kunst beschäftigt zu haben schien als eben der, in der er hervorragen wollte. So trat er in der Musik als ausübender Künstler wie als Komponist stets mit der gleichen Virtuosität und dem gleichen Erfolg auf, und seine Unterhaltung drehte sich stets um diese Kunst, der er tausend bildliche Ausdrücke entlehnte.

„Aus Deutschland brachte er nach Frankreich den Ruf eines perfekten Alchimisten mit, der den Stein der Weisen und die Universalmedizin besaß. Er sollte Gold machen können, eine Behauptung, die sein glänzendes Auftreten und seine Ausgaben zu rechtfertigen schienen. Die Sache kam selbst dem Minister zu Ohren, der lächelnd sagte, er werde schon herauskriegen, aus welcher Mine er sein Gold bezöge. Doch vergebens stellte er die genauesten Nachforschungen über das Papiergeld und die Wechselbriefe an, in denen er jene Mine erblickte. Während dieser zweijährigen Nachforschungen lebte Saint-Germain wie gewöhnlich, bezahlte überall in klingender Münze, ohne daß man entdecken konnte, daß ein Wechselbrief für ihn nach Frankreich gelangt wäre. Dadurch wurden die Gerüchte bestärkt, er sei im Besitz des Steines der Weisen, und man schrieb ihm nun auch ein Allheilmittel, selbst ein Elixier gegen das Altwerden und seine Folgen zu.

„Eine vornehme Dame wollte die Probe machen. Als gefallsüchtige Frau sah sie mit Schmerz, daß die Jahre ihre Züge zu entstellen begannen. Sie geht zu dem Fremdling und sagt: „Herr Graf, was ich Ihnen sagen werde, wird Ihnen vielleicht etwas wunderlich erscheinen. Aber Sie sind die Gefälligkeit selbst; darum zur Sache. Wie man sagt, besitzen Sie noch etwas Besseres als das Geheimnis, Gold zu machen: die Gabe, die Gebrechen des Alters zu heilen, ja ihnen vorzubeugen. Noch bin ich von ihnen verschont, doch die Jahre gehen hin, und ich möchte nicht warten, bis ich es nötig habe. Reden Sie frei heraus: besitzen Sie diese Art Medizin? Wollen Sie sie mir geben, und unter welchen Bedingungen?“

„Der Unbekannte hüllte sich in geheimnisvolle Zurückhaltung und sagte nur, wer solche Geheimnisse besäße, vermiede es, daß man davon erführe. „Das weiß ich wohl“, entgegnete die Fragerin und versprach ihm Geheimhaltung. Da sagt er zu, und am nächsten Tage bringt er ihr ein Fläschchen von 4 bis 5 Löffeln Inhalt und verordnet ihr, von diesem Elixier zehn Tropfen beim ersten Mondviertel und beim Vollmond zu nehmen. Das Mittel sei ganz harmlos, aber äußerst kostbar, und wenn es vergeudet werde, ließe es sich vielleicht nicht erneuern.

„Die Dame schloß das Fläschchen in Gegenwart ihrer Kammerfrauen ein. Sei es nun, um ihre Schwachheit zu verbergen oder die Neugier ihrer Kammerfrauen abzulenken, sie sagte ihnen, es sei ein Kolikmittel. Am selben Abend bekommt die erste Kammerfrau heftiges Leibschneiden. Sie geht an das Fläschchen, öffnet es, hält es an die Nase, kostet es, und da sie den Geschmack ebenso köstlich findet wie den Duft, trinkt sie es aus. Das Mittel wirkt ebenso rasch wie sicher. Die Flüssigkeit war wasserhell. Um ihren Diebstahl zu verbergen, füllt sie das Fläschchen mit gewöhnlichem Wasser, in der Hoffnung, daß ihre Herrin nicht so bald Gebrauch davon machen werde; dann sinkt sie in tiefen Schlaf.

„Gegen Morgen kommt ihre Herrin nach Hause, geht in ihr Zimmer, ruft ihre Kammerfrauen zum Auskleiden und blickt die an, die das Fläschchen ausgetrunken hat. „Was machen Sie hier bei mir?“ fragt sie. „Woher kommen Sie?“ Die Gefragte macht statt jeder Antwort eine tiefe Verbeugung. „Nun, was wollen Sie hier?“ fährt die Herrin ärgerlich fort. „Ich habe Sie nicht bestellt. Gehen Sie fort.“ — „Die Gnädige behandelt mich ungewöhnlich streng“, versetzt die Gescholtene. „Ich habe nie meine Pflicht versäumt. Leider war ich eingeschlafen, aber ist das etwas so Schlimmes?“ — „Wollen Sie mir was vormachen?“ entgegnet die Dame. „Ich kenne Sie nicht und habe Sie noch nie gesehen. Ich habe kein so junges Ding in meinem Dienst.“ — Damit klingelt sie und ruft nach Radegonde (so hieß die Kammerfrau, die das Fläschchen ausgetrunken hatte). „Aber hier bin ich ja, gnädige Frau!“ ruft sie aus. „Erkennen Sie mich nicht mehr?“ Sie blickt in den Spiegel und sieht zu ihrer größten Überraschung, daß sie wie ein sechzehnjähriges Mädchen aussieht, obwohl sie 45 Jahre alt ist.

„Ganz Frankreich hat bei diesem seltsamen Ereignis ein Wunder ausgeschrieen. Aber der Fremde war verschwunden, und die unglückliche Dame sah sich dazu verdammt, eine alte Frau zu werden.

„So erzählt man sich die Geschichte in Paris und wird sie wohl noch mehrere Menschenalter erzählen. Hatte der Inhalt des Fläschchens die Fünfundvierzigjährige zur Sechzehnjährigen gemacht? War diese Metamorphose nicht von dem Grafen ins Werk gesetzt? Ich vermag es nicht zu entscheiden.“

Wägt man die Einzelheiten, wie sie London Chronicle angibt, so wird man sie nicht sowohl als Nachrichten über den Grafen Saint-Germain, als vielmehr als Nachrichten von ihm ansehen, die er der englischen Zeitung mitgeteilt hatte, um Nachforschungen zu vereiteln und die für seine Rolle nötige Illusion aufrechtzuerhalten. Diese Rolle war zweifellos die eines Spions in höherem Auftrage, dem seine Auftraggeber die Mittel gaben, durch sein glänzendes Auftreten und seine hohen Ausgaben zu imponieren, wozu dann noch die großen Talente des Grafen traten, die alle zusammengenommen das ausmachten, was die Italiener un gran furbo nennen.

Herr de l’Épine Danican hatte sich ihm während seines Aufenthalts in Frankreich angeschlossen und sich seine sehr ausgedehnten metallurgischen Kenntnisse zunutze gemacht, um die bisher unbekannten Bergwerke in der unteren Bretagne auszubeuten. Derselbe Danican wollte den Grafen von Saint-Germain in einem gut aussehenden Manne wiedererkennen, der zeitlebens im Zuchthause von Brest eingekerkert war, weil er bei Hofe zur Zeit des Attentats[90] auf den König eine Schmähschrift geschrieben hatte, derentwegen er auf Befehl des Ministers lebenslänglich eingekerkert wurde, ein Befehl, den seine Nachfolger bestätigt oder nicht widerrufen haben.

Dieser Mann, den ich 1776 in dem genannten Zuchthause sah, war von guter Figur, imponierendem Äußern und ehrwürdigem Alter. Seine Zelle stieß an einen der Säle des Zuchthauses. Er bekam sein Essen vom Tische des Zuchthausdirektors, ging täglich zur Messe, kommunizierte jeden Sonntag und nannte sich Ludwig von Bourbon. Die Fürsten und Minister, die seitdem nach Brest kamen, haben ihn dort gesehen und gesprochen. In den Denkwürdigkeiten zur Geschichte dieses Jahrhunderts wird er als Doppelgänger des Mannes mit der eisernen Maske[91] dastehen. —

Drei Jahre nach der Niederschrift des Vorstehenden sagte mir ein Holländer, es sei in Holland bekannt, daß der Graf Saint-Germain der Sohn einer zu Anfang dieses Jahrhunderts nach Bayonne geflüchteten Fürstin[92] und eines Juden aus Bordeaux sei. Bei der Rückkehr in die Heimat wurde sie von einem Großwürdenträger des Hofes ihres Gemahls mit einer Ansprache vorgestellt, die des Lobes von ihr voll war. Der Marchese del Carpio, der mit ihrem Empfange betraut war, trat auf den Redner zu, und statt jeder Antwort sagte er ihm leise ins Ohr: „Ist sie in anderen Umständen?“