3. KAPITEL.

Eines Tages brachte der Vater den kleinen Manuel Negros aus der Stadt mit; er war ganz braun und hatte tief schwarze, glattanliegende, glänzende Haare.

»Wie klein er ist,« dachte Blanche. »Und ich meine, er ist noch ein halbes Jahr älter als Lux.«

Aber interessant war er. Und was er schon für Manieren hatte. Wie ein junger Graf.

Und diese Augen! Große schwarze, für gewöhnlich etwas verschleierte Augen, die aber wieder ordentlich leuchten und funkeln konnten.

Was Lux wohl zu dem neuen Kameraden sagen würde? Ob er ihm wohl »über« wäre? Sehr stark sah der Spanier nicht aus; er war nicht größer als sie selbst, höchstens eben so groß und war doch fast zwei ganze Jahre älter.

Er hatte ihr zur Begrüßung die Hand gegeben, und sie hatte zögernd ihre weiße Mädchenhand in die fremde, braune Knabenhand gelegt.

»Guten Tag,« hatte er dabei mit gezierter, fremder Aussprache gesagt.

Ob er denn schon deutsch sprechen könnte? Ein wenig, wie es schien. Das war schön. So konnte man sich doch verständlich machen. Und wie drollig es klang, wenn er sprach. Wie er das R rollte und jede Silbe betonte.

Lux, der nicht ohne Beklemmung seiner Ankunft entgegengesehen hatte, fand ihn sehr nett und atmete erleichtert auf. Der reichte ihm ja nur bis an die Nasenspitze.

Der kleine Fremde war ein wenig verlegen und musterte fast scheu den größeren, blonden Knaben. Lux schlug einen gönnerhaften Ton an und meinte, er solle sich nur nicht fürchten, sie würden schon gut miteinander auskommen.

»O nein, nicht fürchten,« sagte Manuel, und über sein feines, braunes Gesicht lief ein hübsches Lächeln, und die dunklen Augen leuchteten auf. »Ich spreche nur so schlecht die deutsche Sprache.«

Lux und Blanche beruhigten ihn aus einem Munde, er spräche schon sehr nett, und sie verständen alles, was er sage.

»Findest Du ihn nicht auch niedlich?« fragte Blanche auf dem Schulweg.

»Ich finde ihn sehr nett,« bestätigte Lux.

»Ja, nicht wahr?«

»Klein ist er ja nur.«

»Ich hätte ihn mir ja auch ganz anders gedacht.«

»Wie denn?«

»Ja, anders, ganz anders.«

Lux gab sich mit dieser Erklärung zufrieden und schwieg.

»Adieu Blanche!«

»Adieu Lux!«

Sie gaben sich die Hände und schlugen jeder einen anderen Weg nach ihrer Schule ein, beide mit allen Gedanken bei dem kleinen Manuel Negros.

Der streifte indessen im Garten herum, machte von weitem die stumme Bekanntschaft des Dr. Irmler und setzte sich im Pavillon auf die Bank und dachte an Blanche. Der Abschied von seinem Vater war ihm wohl schwer gefallen, doch war er nicht das erste Mal in der Fremde. Er war schon ein halbes Jahr in Paris gewesen und wußte, daß auch dieses Jahr in Deutschland nicht allzu langsam vorübergehen würde. Dann würde sein Vater ihn wieder mit hinübernehmen in die Heimat.

Unter afrikanischer Sonne war er aufgewachsen, in der Fremden-Kolonie von Tanger, der marrokkanischen Stadt, und er sehnte sich dahin zurück, wo der Himmel heller, die Luft wärmer, die Menschen lebhafter und die Tage bunter und lauter waren.

Hier aber war Blanche!

Er hatte schon viele, viele kleine Mädchen gesehen und hatte zuhause eine kleine Spielgenossin gehabt, ein arabisches Mädchen namens Nushat, die ein paar Jahre älter war als er, und an der er leidenschaftlich hing, und von der er sich nur mit Tränen hatte trennen können. Aber sie war drüben, und wenn er wieder nachhause kommen würde, wäre sie erwachsen und vielleicht gar nicht mehr da.

Mit Blanche sollte er nun unter einem Dache leben, an einem Tische sitzen, in diesem Garten mit ihr spielen, jeden Tag. Sollte hier in diesem Pavillon mit ihr sitzen. Viele kleine Mädchen hatte er schon gesehen, aber noch keine Blanche. Sie hatte ja goldene Haare, wie das reinste Gold leuchteten sie. Und ihre Haut war wie der zarte Sammet weißer Rosenblätter. Und wie niedlich sie lachte, und wie lustig ihre Augen waren.

Ja, hier würde er schon aushalten. Der große Junge von nebenan war auch freundlich zu ihm gewesen, wenn auch etwas schweigsam. Und er hatte einen so forschenden Blick: Wer bist du eigentlich? Aber mit ihm hatte er ja nichts zu schaffen, nur mit Blanche und ihren Eltern. Und die Erwachsenen würden schon gut zu ihm sein. Wären sie es nicht, so würde er es einfach seinem Vater schreiben, und der würde nicht dulden, daß man ihn schlecht behandele. Nein, da hatte er keine Sorge. Und sie waren ja auch gleich so freundlich zu ihm gewesen, vor allem die Hausfrau. Die hatte ihm den Scheitel gestreichelt, und er hatte ihr die Hand geküßt, und sie hatte darauf gelächelt. Dann hatte sie ihn selbst nach oben in sein Zimmer geführt. Das war ein hübscher, freundlicher Raum mit einem Fenster nach dem Garten hinaus. Von hier aus konnte er über alle Beete und Bäume hinwegsehen bis an das Wäldchen, das sich in einiger Entfernung hinzog und dem Blick, der bis dahin ungehindert über Wiesen und Kornfelder flog, Halt gebot. Und von hier aus hatte er, als er seinen Koffer auspackte, Blanche durch den Garten springen, an der kleinen Pforte in der Ligusterhecke stehen bleiben und mit dem großen Nachbarjungen sprechen sehen.

Während seine Gedanken auch jetzt bei Blanche waren, spielten seine Augen mit den blanken Wellen des Bächleins, das mit leisem Glucksen flink vorüber lief. So ein laufendes Wasser hatten sie zuhause nicht. Da waren nur Brunnen und Zisternen und kleine schnell austrocknende Rinnsale. Aber wenn er an den Hafen hinunter ging, da hatte er freilich das Meer, das große blaue mittelländische Meer.

Ach, das Meer! Er sah es vor sich. Unter strahlendem Himmel dehnte es sich aus, weit, weit, bis an den silbernen Horizont, wo es sich mit dem Himmel in einer zitternden Umarmung vereinte. Und die Wellen, wenn sie sich dem Strande näherten, schmückten sich mit silbernen Kronen, jauchzten auf, donnerten laut ihre trotzigen Grüße dem Lande zu, das den Stürmenden zurücktrotzte, mit dem schimmernden Gebiß seiner gelben Küste, mit der harten Stirn des aufgetürmten Gebirges. Wolken lagen auf dem höchsten Gipfel des Atlas und bleicher Schnee. Hinter den Bergen aber dehnte sich, unendlich wie das Meer, die Wüste mit ihren gelben Sandwogen. Dorthin war er nie gekommen, aber er kannte ihre Schrecken aus den Erzählungen Nushats und der Kameeltreiber, und es gelüstete ihm nicht danach. Aber das große blaue Meer, das zwischen zwei Erdteilen auf- und abwogte, liebte er. Und er sah die Heimat vor sich liegen und hörte als ihren Gruß den Donner der Brandung vor dem Hafen von Tanger. Weiße, würfelförmige Häuser mit flachen Dächern, sich terrassenförmig übereinander lagernd, steigen die steilen Uferhöhen hinan und leuchten wie der Schaum des Meeres. Es scheint von weitem, als hätte der Sturm eine Handvoll schneeiger Flocken aus dem Gischt der Brandung hier an die Felsen geschleudert. Dazwischen schimmern grüne Gärten auf, und aus einem lockt das leise, tiefe Lachen der braunen Nushat.

Als sie an Bord des Schiffes fuhren, das seinen Vater nach Europa hinüberbringen sollte, war Nushat mit im Boot und hielt ihn mit ihren braunen Armen umschlungen; die Brandung ging unter heftigem Winde höher als sonst, und sie hatten beide ein wenig Furcht, wenn sie von dem Kamm einer großen Welle mit einmal in die Tiefe schossen, und der nächste Wasserberg alles zu verschlingen drohte. Nur vor den kühnen, unbekümmerten Gesichtern der Ruderer schämte er sich, seine Furcht zu zeigen. Die standen aufrecht, sechs Gestalten aus Bronze, feuerten sich mit lauten Rufen an und schüttelten sich höchstens einmal, wenn der überspritzende Gischt es gar zu gut meinte. Auch vor dem Vater, der sich gar nicht zu fürchten schien, schämte er sich. Nushat mußte es ihm wohl angemerkt haben, denn sie hielt ihn fest umschlungen und drückte ihn ein paarmal wie beruhigend und tröstend an sich, wobei sie indes leise zitterte. Und ihre schmalen, braunen Hände waren ganz kalt.

Wie gern hätte er sie zum Abschied noch umarmt. Aber das Boot tanzte auf und ab an der Schiffstreppe, und sie hatten alle genug zu tun, sich auf den Füßen zu halten, um nicht ins Wasser zu fallen. Er hatte ihr nur noch vom Bord aus zuwinken können, und hatte gewinkt, so lange er sie unter den Zurückfahrenden noch erkennen konnte.

Doch alles das war jetzt wie hinter silbernen Schleiern und zog schnell wie die glitzernden Wellen an seinem Geiste vorüber, während das weiße Bild der kleinen Blanche wie die Sonne selbst fest und unverrückbar im Mittelpunkt seiner traumhaften Gedanken stand.

Da flog ein Steinchen neben ihm auf die Bank und schreckte ihn auf. Sogleich ertönte ein silbernes Lachen, und Blanche kam zögernd den Steig herunter.

»Frei!« rief sie ihm zu, und ihre Augen blitzten unternehmungslustig, während ihr ganzer Körper noch unter der Zügelung einer leisen Scheu stand.

Der Knabe erhob sich und ging ihr entgegen. Da übermannte sie vollends die Verlegenheit, und sie wurde blutrot, als sie ihm die Hand bot. Er aber neigte sich schnell und drückte ihr einen Kuß darauf. Sie hatte ihn auch ihrer Mutter die Hand küssen sehen und dachte, das tut man in seiner Heimat so. Aber den ganzen Tag fühlte sie die Stelle brennen, die seine Lippen flüchtig berührt hatten.

Sie gingen wieder in den Pavillon zurück und setzten sich auf die Bank, und sie saß wie eine kleine Dame neben ihm, steif und kerzengrade, und sie führten eine kümmerliche Unterhaltung miteinander, mit ja und nein und wie und was? Aber ihre Augen, wenn sie nicht am Boden hinirrten oder wie abwesend in die Weite sahen, ruhten mit einem stillen Leuchten auf ihren Gesichtern.

»Sieh mal,« sagte Blanche nach einer neuen Verlegenheitspause und stand auf und ging ein paar Schritte dem Nußgebüsch zu, das die gegenüberliegende Ecke des Gartens ausfüllte. Sie schlug einige Zweige auseinander, und es entstand ein Eingang, durch den man in das Innere gelangen konnte. Er sah hinein und sah in den schattigen Raum ein Bänkchen aus Moos und Erde und eine muldenartige Vertiefung, der man es ansah, daß sie oft als Lagerplatz diente.

»Es ist so mollig drin,« sagte Blanche und schlüpfte vorauf. Er folgte ihr und befreite mit klopfendem Herzen ihr loses Haar, das sich in den Zweigen verfangen hatte. Es herrschte ein märchenhaftes Licht in dem grünen Hause; die goldenen Sonnenstrahlen fanden hier und da Zugang und spielten nun auf dem schwarzen Boden Haschen. Zwei schlanke, junge Birkenstämme standen wie silberne Säulen in dem Sälchen dieses heimlichen Palastes, dessen Dach sie durchbrachen und mit ihren feinen, hängenden Zweigen überschatteten.

Blanche nötigte Manuel, auf der kleinen Moosbank Platz zu nehmen. Sie konnten so eben nebeneinander sitzen.

»Hast du dir selber diese Höhle gemacht?« fragte er.

»Lux hat sie mir gemacht.«

»Spielt ihr oft zusammen?«

»Gewiß, jeden Tag.«

»Und dann sitzt ihr hier zusammen?«

»Manchmal.«

Und nach einer kleinen, peinlichen Pause setzte sie hinzu:

»Er erzählt mir dann Geschichten.«

Aber er sagte wieder nichts darauf.

»Weißt du auch Geschichten?«

»Ich weiß nicht,« antwortete er zögernd und nachdenklich. »Nushat hat mir oft Geschichten erzählt, aber ich weiß nicht, ob ich sie dir noch erzählen kann.«

»Nushat? Wer ist das?«

Und er erzählte ihr von Nushat und von seiner Heimat, und sie wollte gar keine anderen Geschichten weiter von ihm hören.

Dies war ja alles wie ein Märchen. Es war wie aus tausend und einer Nacht. Die Dattelpalmen ragten hoch in blaue Luft, riesenhafte Kakteen breiteten ihre schwammigen, glänzenden und stacheligen Blätter aus, und Rosen, Kamelien und Oleander blühten und dufteten, reicher als hier die Veilchen und Primeln. Kameele zogen schwer bepackt durch die Straßen, und Araber und Neger und Kabylen, Leute von denen sie nie gehört hatte, begleiteten die Karawanen durch die Wüste. Große Schiffe schaukelten im Hafen, und nur auf den sich überstürzenden Wogen einer beständigen Brandung konnte man zwischen ihnen und dem seltsamen Lande verkehren. Und hier war nun Manuel aufgewachsen. Und seine Augen leuchteten, wenn er davon erzählte, und seine Stimme wurde wärmer, wenn er den Namen Nushat nannte.

Blanche sah den Erzähler bewundernd an. Sein gebrochenes Deutsch brachte sie nicht ein einziges Mal zum Lachen. Und Manuel, unter den bewundernden Blicken seiner kleiner Nachbarin, wurde immer redseliger.

Währenddessen stand eine schlanke Knabengestalt am Heckenpförtchen, die Hand unschlüssig auf der Klinke. Lux kam eine Stunde später aus der Schule als Blanche. Auf dem ganzen Weg hatte er an den fremden Knaben gedacht, der jetzt bei den Eltern seiner kleinen Freundin wohnte. Noch so lange, lange Zeit wohnen sollte. Ja, während des Unterrichts selbst hatte er seine Gedanken nicht zügeln können. Nun stand er am Pförtchen und wagte auf einmal nicht, in den Nachbargarten hinüberzugehen; Blanche war schon seit einer Stunde frei, und sie würde nun mit dem fremden Knaben zusammen spielen. Was sollte er nun noch dabei?

Aber er trat doch ein, beklommenen Herzens, und schlug gleich den kürzeren Weg ein, der ans Wasser hinunter führte. Da hörte er Manuels Stimme. Verwundert stand er still, da er die Beiden nicht im Pavillon sah. Er horchte. Dann schlug er das Gesträuch hastig auseinander, und der helle Tag flutete in die grüne Dämmerung hinein. Da saß Blanche mit dem fremden Knaben, eng zusammen geschmiegt, auf der kleinen Moosbank und sah den Störer mit großen, erstaunten Augen an, als erkenne sie ihn nicht gleich.

Für einen Dritten war drinnen nicht Platz; Lux hatte dieses Bänkchen nur für sich und Blanche berechnet.

»Willst du nicht hereinkommen?« rief Blanche.

»Alle drei können wir ja doch nicht darin sitzen,« sagte er und blieb draußen stehen. Da standen sie auf und kamen heraus und waren freundlich mit ihm. Er aber blieb unlustig und wortkarg und wußte nichts mit ihnen anzufangen.