9. KAPITEL.

Frau Elisabeth war sehr froh, daß Blanche so bald vergaß, und legte es ihr nicht als Oberflächlichkeit aus. Das Kind lebt dem Tage und soll ihm leben. Seine kleinen Leiden überwindet es schnell und öffnet mit jedem neuen Tag sich wieder der Sonne; wie die Blume am Abend ihren Kelch schließt und ihn am Morgen in Reinheit und Frische wieder auftut. Und sie meinte, man solle das Kind in diesem auf das nächste, auf die Gegenwart gerichteten Wesen nicht stören und man solle froh sein, wenn ihm der Tag alles ist und das Gestern nichts mehr gilt. Die Wandlung kommt leise von selbst, und stete Sorge für eine rechte Gemütsbildung verhindert die Oberflächlichkeit.

Für Lux war sie in dieser Beziehung nicht bange. Ihre eigene Beobachtung und viele kleine Züge, die Dr. Irmler ihr erzählt hatte, sprachen dafür, daß er ein reiches Innenleben führte.

Wenn Lux mit keinem Wort nach Manuel fragte, so war es nur Scheu, einen Namen zu nennen, der in jedermann schmerzliche Erinnerung erwecken mußte. Hörte er doch auch von den Erwachsenen Manuels nie erwähnen, so daß es war, als wäre sein vorübergehender Aufenthalt unter ihnen nur ein Traum gewesen.

Nun war Manuel keineswegs so vergessen, als es den Anschein hatte. Blanches Vater blieb nach wie vor in Geschäftsverbindung mit Herrn Negros, und es kam Nachricht von dem weiteren Ergehen des kleinen Spaniers auf dem Weg über das Kontor ins Haus. Ja von ihm selbst gelangte ein für seine Jahre reifer und doch auch wieder kindlicher Brief in Frau Elisabeths Hände:

»Ich denke jeden Tag und jede Nacht an Sie und an Blanche und an Lux und bete für sie alle. Und ich bin sehr böse auf mich, daß ich ihnen so weh getan habe und daß ich nun nie mehr zu ihnen zurück kann. Grüßen Sie Blanche, ich werde sie nie vergessen. Und grüßen Sie auch Lux. Er soll mir schreiben, daß er mir nicht mehr böse ist. Ich habe auch hier gute Menschen gefunden, aber ich werde Sie nie vergessen können.«

Sie schrieb ihm gütig zurück und bestellte ihm Grüße von Blanche und auch von Lux, der noch nicht selbst schreiben dürfe, aber es ginge ihm besser, und er dächte nur noch freundlich an ihn.

Ob sie recht daran tat, den Kindern Manuels Grüße vorzuenthalten? Sie überlegte lange und kam zu dem Entschlusse, daß es besser sei. Blanche schloß sich eben in alter Weise wieder an Lux an, in harmloser Kameradschaft; das wollte sie nicht stören.

Es war in den ersten Tagen des September, daß Lux zum ersten Male in den Garten gehen durfte. Er war völlig wiederhergestellt. Aber er trug noch die Farbe des Krankenzimmers. Doch der Spätsommer war so schön, wie er selten war, und die Sonne hatte noch Kraft genug, kranke Wangen zu bräunen. Die Bäume standen still und früchteschwer, auf den Beeten dufteten Goldlack und Levkojen, und Dalien und Georginen blühten üppig und farbenprächtig am Wege.

Hand in Hand gingen Lux und Blanche auf den sonnigen Steigen durch all die reife, satte Sommerpracht zu ihrem Lieblingsplätzchen. Hier schwellten am Strauch die grünen Haselnüsse. Kaum merklich stockte ihr Fuß, und sie gingen verstummend vorüber.

Das Bächlein, das im Hochsommer oft ein armseliges Rinnsal gewesen, lief wasserreich vorbei und lockte sie. Sie setzten sich auf die Stufen, die hinabführten, und sahen bis auf den klaren Grund. Da lag, halb übersandet, ein verrostetes, offenes Taschenmesser. Sie sahen es beide zugleich.

»Das ist es!« rief Blanche und reckte den Hals noch weiter vor.

»Soll ich es holen?« fragte sie.

»Ich darf es nicht!« sagte Lux. »Aber laß es doch. Was willst du damit?«

»Nein, ich hole es.«

Sie legte Schuhe und Strümpfe ab, und watete in das klare Wasser hinein; es ging ihr fast bis an die Knie. Sie streifte die Ärmel hoch, als sie sich nach dem Messer bückte, und ihr goldenes Haar fiel ihr wie ein goldener Schleier vors Gesicht.

Sie bemühte sich, das Messer zu schließen; doch vergeblich.

»Gib her,« sagte Lux, tat, als ob er es auch versuche, besann sich einen Augenblick und schleuderte es weit weg.

»Du kannst dir Blutvergiftung damit zuziehen,« sagte er.

Sie sah ihn unwillig an, beruhigte sich aber doch; was wollte sie auch mit dem alten verrosteten Messer.

»Möchtest du wohl, daß Manuel wieder kommt?« wollte sie fragen, dachte aber noch rechtzeitig, daß sie ihn das kaum fragen dürfe. Er aber, als hätte er ihre unterlassene Frage dennoch verstanden, sagte:

»Es ist doch viel besser so, – jetzt – –«

»Aber nett war er doch,« sagte Blanche nachdenklich.

Durch den Garten zitterten die dumpfen Töne eines Gong.

Langsam erhoben sie sich und gingen dem Hause zu, diesmal nicht Hand in Hand.

Blanche schlenderte etwas vorauf. Unter einem jungen Apfelbaum blieb sie stehen.

»Sieh mal!« rief sie bewundernd und wandte sich halb zurück.

An einem niederhängenden Zweig saß an der äußersten Spitze ein schöner, wachsglänzender, rotbackiger Frühapfel.

Sie streckte die Hand danach aus, blieb einen Augenblick so auf den Zehenspitzen stehen, und drehte leise an der schönen Frucht.

Plötzlich löste sich der Apfel und blieb in ihrer Hand.

»Ach!« rief sie und errötete vor Schreck.

Doch schnell entschlossen gab sie den Apfel Lux.

»Da!«

Sollte er ihn zurückweisen?

Zögernd nahm er ihn und ließ ihn ohne ein Wort in seine Tasche verschwinden.

»Blanche! Blanche!« klang die helle Stimme Frau Elisabeths vom Hause her.

»Gleich!« rief Blanche zurück. »Ich komme schon! Adieu, Lux!«

Sie nickte ihm zu und sprang leicht den Steig herauf.

Lux blieb an der kleinen Pforte zurück und sah ihr nach; die Hand in der Tasche spielte dabei mit dem Apfel. Ein leises Leuchten lag auf dem schmalen, blassen Knabengesicht; und Lux wandte sich nicht eher weg, als bis das weiße Kleid der zierlichen Blanche in der Nähe des Hauses verschwand, in dessen Fenstern des Mittags rote Rosen blühten.

Gedruckt in Leipzig
bei Poeschel & Trepte