VI.
Anton stand vor dem Bett des kranken Bernhard und sah mit innigem Antheil auf die verfallene Gestalt seines Freundes. Das Antlitz des Gelehrten war noch faltiger als sonst, seine Haut durchscheinend wie aus Wachs, unordentlich hing sein lockiges Haar um die feuchte Stirn, die Augen blitzten in fieberhafter Aufregung dem Besuch entgegen. »So lange waren Sie in der Fremde!« rief er klagend; »ich habe mich alle Tage nach Ihnen gesehnt. Jetzt da Sie zurück sind, wird es auch mit mir besser werden.«
»Ich komme oft, wenn ich Sie nicht durch unser Gespräch aufrege,« erwiederte Anton.
»Nein,« sagte Bernhard, »ich will ruhig zuhören, Sie sollen von Ihrer Reise erzählen.«
Anton begann seinen Bericht. »Ich habe in dieser Zeit gesehen, was wir uns oft mit einander gewünscht haben, fremde Menschen und ein stürmisches Treiben. Ich habe gute Gesellen auch in der Fremde gefunden, und doch ist mir bei Vielem, was ich erlebte, die Ueberzeugung gekommen, daß es kein größeres Glück giebt, als sich in seiner Heimath mitten unter seinen Landsleuten tüchtig zu rühren. Manches habe ich erfahren, was auch Sie gefreut hätte, weil es poetisch war und die Seele bewegte, aber zuletzt war das Widerwärtige doch im Vordergrund.«
»Es war dort, wie überall auf der Erde,« sagte Bernhard. »Wo ein großes Gefühl das Herz erschüttert und den Menschen vorwärts treiben möchte, wirft die Erde ihren Schmutz daran, und das Schöne verkümmert, und alles Große wird lächerlich gemacht. Es ist wo anders wohl auch nicht besser, als bei uns.«
»Das ist unser alter Streit,« sagte Anton heiter, »sind Sie noch nicht bekehrt, Ungläubiger?«
Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete niedersehend: »Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.«
»Ei,« rief Anton neckend, »und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's etwas, was Sie erlebt haben? Gewiß, so muß es sein.«
»Was es auch war,« sagte Bernhard mit einem Lächeln, das sein Gesicht wie ein heller Schein überflog, »ich glaube, daß es auch bei uns Schönheit und Liebenswürdigkeit giebt, ich glaube, daß auch bei uns das Leben große Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere Schmerzen. Und ich glaube,« fuhr er traurig fort, »daß man auch bei uns unter dem Druck eines furchtbaren Schicksals untergeht.«
Besorgt hörte Anton diese Worte und sah, wie das große Auge des Kranken begeistert in die Höhe blickte. »Gewiß ist es, wie Sie sagen,« erwiederte er endlich, »aber das Allerschönste, was diesem Leben den höchsten Werth giebt, ist doch, wenn die Kraft des Menschen größer ist, als Alles, was auf ihn eindringt. Ich lobe mir einen Mann, der sich Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht über den Kopf wachsen läßt, der selbst, wenn er Unrecht gethan hat, sich immer wieder herauszureißen weiß.«
»Wenn es aber zu spät ist und wenn die Macht der Verhältnisse stärker wird, als er?«
»Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhältnisse,« sagte Anton. »Ich denke mir, wenn Einer noch so sehr umdrängt ist, und er will nur eine tüchtige Kraft daran setzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird Wunden davon tragen, wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm gut stehen. Und wenn er die Rettung nicht findet, so kann er wenigstens kämpfen als ein Tapferer. Und wenn er so unterliegt, werden die Augen Aller mit Theilnahme auf ihm ruhen. Nur wer sich ohne Widerstand ergiebt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind von dieser Erde.«
»Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der Dichter,« erwiederte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder von seinem Kissen in die Luft. »Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart,« fuhr er nach einer Weile fort, »kommen Sie näher heran. Denken Sie, ich wäre ein Christ, und Sie mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse haben möchte.« Er sah unruhig auf die Thür des Nebenzimmers und frug leise: »Was halten Sie von dem Geschäft meines Vaters?«
Betroffen fuhr Anton zurück, Bernhard sah in ängstlicher Spannung auf den Freund: »Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu wenig. Ich will nicht wissen, ob er für reich oder arm gilt, aber ich frage Sie als meinen Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie er sein Geld erwirbt? Es ist schrecklich und vielleicht ein großes Unrecht, daß ich, sein Sohn, so frage, aber mich zwingt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen mich, Wohlfart.« Er erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals legend, diesem in's Ohr: »Gilt mein Vater bei Männern Ihrer Art für rechtschaffen?«
Antons Herz zog sich von innigem Mitgefühl zusammen, er durfte nicht sagen, was er dachte, und er durfte nicht lügen. So schwieg er eine Weile, der Kranke sank in seine Kissen zurück und ein leises Stöhnen zitterte durch die Stube.
»Mein theurer Bernhard,« erwiederte Anton, »bevor ich dem Sohn eine solche Frage beantworte, muß ich erst wissen, weßhalb er einen Dritten frägt. Wenn Sie es nur thun, um durch meine Ansicht Ihr Urtheil über die Geschäfte Ihres Vaters zu vervollständigen, so muß ich Ihnen die Antwort verweigern, gleichviel, wie sie ausfallen würde. Denn was ich etwa kenne, sind nur die kalten, vielleicht unfreundlichen Ansichten Fremder, und solche Auffassung soll der Sohn eines Geschäftsmannes niemals zu der seinigen machen.«
»Ich frage,« sagte Bernhard feierlich, »weil ich um das Wohl Anderer in großer Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst und Noth ersparen.«
»Dann,« sagte Anton, »will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzelne Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmännischen Begriffen unehrenhaft ist. Ich weiß nur, daß er zu der großen Klasse von Erwerbenden gezählt wird, welche bei ihren Geschäften nicht sehr darnach fragen, ob ihr eigener Vortheil durch Verluste Anderer erkauft wird. Herr Ehrenthal gilt für einen vorsichtigen und gewandten Mann, dem die gute Meinung solider Männer weniger gleichgültig ist, als hundert Andern. Er wird vielleicht Manches thun, was ein Kaufmann von sicherem Selbstgefühl vermeidet, aber er wird sicher auch gegen Vieles Widerwillen empfinden, was gewissenlose Speculanten um ihn herum wagen.«
Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein peinliches Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so nahe an Antons Ohr, daß dieser den heißen Athem des Kranken auf seiner Wange fühlte: »Ich weiß, Sie kennen den Baron Rothsattel.« Anton sah erstaunt auf. »Das Fräulein hat mir selbst gesagt, daß sie eine Bekannte von Ihnen ist.«
»Es ist so, wie Fräulein Lenore sagt,« erwiederte Anton, mit Mühe seine Aufregung verbergend.
»Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn?« frug Bernhard weiter.
»Nur wenig,« sagte Anton, »nur was Sie selbst mir gelegentlich erzählt haben, daß Herr Ehrenthal dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat. Jetzt in der Fremde habe ich gehört, daß dem Freiherrn irgend eine Gefahr droht, ich habe sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem Intriganten zu warnen.« Bernhard starrte angstvoll auf Antons Lippen, Anton schüttelte den Kopf; »es war aber Jemand,« sagte er, »der Ihrem Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.«
»Er ist ein Schurke,« rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand. »Er ist eine gemeine niederträchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er in unser Haus kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefühlt, wie gegen ein unreines Thier.«
»Es scheint mir,« fuhr Anton fort, »daß Itzig, den auch ich aus früheren Zeiten kenne, hinter dem Rücken Ihres Vaters gegen den Freiherrn arbeitet. Die Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so dunkel, daß ich wenig daraus zu machen wußte; ich konnte nichts thun, als sie dem Freiherrn so mittheilen, wie ich sie selbst erhielt.«
»Dieser Itzig beherrscht meinen Vater,« flüsterte Bernhard; »er ist ein böser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater egoistisch gegen den Freiherrn handelt, so trägt dieser Mensch die Schuld.«
Schonend gab Anton das zu. »Ich muß wissen, wie es zwischen dem Freiherrn und meinem Vater steht,« fuhr Bernhard fort; »ich muß wissen, was zu thun ist, um der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich kann helfen,« fuhr der Kranke fort, und wieder flog ein matter Strahl von Freude über sein Antlitz. »Mein Vater liebt mich. Er liebt mich sehr, jetzt in meiner Schwäche habe ich empfunden, daß sein Herz an mir hängt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und mit seiner Hand über meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenübersetzt, wo Sie sitzen, und mich stundenlang kummervoll ansieht, — Wohlfart, er ist ja doch mein Vater.« Er schlug die Hände zusammen und verbarg sein Haupt in den Kopfkissen. »Sie müssen mir helfen, mein Freund,« fuhr er wieder fort, »Sie müssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich fordere das von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich fürchte mich vor der Stunde, wo ich mit ihm darüber spreche, aber nach dem, was Sie mir gesagt haben, sorge ich, auch er weiß nicht Alles, oder« fuhr er murmelnd fort, »er wird mir nicht Alles sagen. Sie aber müssen den Freiherrn selbst aufsuchen.«
»Vergessen Sie nicht, Bernhard,« erwiederte Anton, »daß es auch dem reinsten Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhältnisse eines Andern einzudrängen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin ich ein Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als vorlaute Anmaßung erscheinen, und ich fürchte, wir werden auf diesem Weg wenig erfahren. Ich sage nicht, daß der Schritt unnütz ist, aber ich halte ihn für unsicher. Eher wird es möglich sein, daß Sie selbst auf die Maßregeln Ihres Vaters Einfluß gewinnen.«
»Gehen Sie doch zum Freiherrn,« bat Bernhard dringend, »und wenn er selbst gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Fräulein. Ich habe sie gesehen,« fuhr er fort, »ich habe es Ihnen verschwiegen, wie der Mensch sein liebstes Geheimniß verhüllt, heut sollen Sie auch das erfahren. Ich weiß, wie schön sie ist, wie stolz ihre Haltung, wie edel ihre Geberde. Wenn sie über den Rasen schritt, war sie wie eine Königin der Natur, ein heller Schimmer glänzte um ihr Haupt; wo sie hinsah, neigte sich Alles vor ihrem Blick — ihre Zähne wie Perlen und ihre Brüste wie Rosenhügel,« sagte er leise und sank in die Kissen zurück mit gefalteten Händen und blitzenden Augen.
»Auch er!« rief es in Anton. »Mein armer Bernhard, Sie schwärmen.«
Bernhard schüttelte den Kopf. »Seit dem Tage weiß ich, daß unser Leben nicht grau ist,« sagte er lächelnd; »es ist nicht grau, aber es ist grausig. Wollen Sie jetzt mit dem Freiherrn und mit seiner Tochter sprechen?«
»Ich will,« sagte Anton aufstehend. »Aber ich wiederhole Ihnen, ich beginne etwas Auffallendes, das leicht neue Verwickelungen herbeiführen kann, auch für uns beide.«
»Wer so daliegt, wie ich, der fürchtet keine Verwickelungen,« sagte Bernhard, »und Sie,« fuhr er fort und sah Anton prüfend an, »Sie werden in Ihrem Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher sich durchschlägt, und wenn er auch Wunden erhält, seine Aufgabe ist, mit dem Geschick zu kämpfen. Mich, Anton Wohlfart, mich wird der Sturmwind verwehen.«
»Kleinmüthiger,« rief Anton weich, »das spricht die Krankheit aus Ihnen. Der Muth wird Ihnen mit der Genesung zurückkehren.«
»Hoffen Sie?« frug der Kranke zweifelnd; »oft thue ich's auch, nur manchmal überfällt mich die Muthlosigkeit. Ja ich will leben, und anders will ich leben, als bisher, ich will alle Mühe daran setzen, stärker zu werden, ich werde nicht mehr so viel träumen als jetzt, mich nicht mehr aufregen und quälen in meiner Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt, wenn man ein tüchtiger Mann ist, der jeden Streich zurückgiebt, den er empfängt,« so rief er mit gerötheten Wangen und streckte die Hand dem Freunde entgegen.
Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verließ er das Zimmer.
Am Abend trat Ehrenthal zu dem Bett des Sohnes, wie er immer that, wenn er das Comtoir verschlossen und den Schlüssel in seiner Schlafkammer versteckt hatte. »Was hat heut der Doctor gesagt, mein Bernhard?«
Bernhard hatte sich mit dem Kopfe nach der Wand gedreht, jetzt warf er sich plötzlich herum und sagte heftig: »Vater, ich muß etwas mit dir reden, verschließe die Thür, damit uns Niemand stört.«
Erschrocken lief Ehrenthal zu beiden Thüren, verschloß und verriegelte gehorsam, dann eilte er zum Bett des Sohnes zurück. »Was hast du, das dich kümmert, mein Bernhard?« frug er und fühlte mit der Hand auf die Stirn des Kranken. Bernhard entzog ihm sein Haupt, die Hand des Vaters sank auf die Bettdecke. »Setze dich hierher,« sagte der Sohn finster, »und beantworte meine Frage so aufrichtig, als wenn du zu dir selber sprächst.«
Der Alte setzte sich und sagte: »Frage, mein Sohn, ich will dir Alles beantworten.«
»Du hast mir gesagt, daß du dem Baron Rothsattel viel Geld geborgt hast, daß du ihm keines mehr leihen willst, und daß der Edelmann sein Gut nicht wird behalten können.«
»Es ist, wie ich habe gesagt,« erwiederte der Vater, vorsichtig wie in einem Verhör.
»Und was soll jetzt aus dem Baron und seiner Familie werden?«
Ehrenthal zuckte die Achseln. »Er wird herunter von seinem Gut, und wenn der Tag kommt, wo das Gut vom Gericht verkauft wird, so werde ich wegen meinem Geld bieten müssen auf das Gut, und ich hoffe, ich werde es kaufen. Ich habe eine große Hypothek, welche ist sicher, und eine kleine hinten am Ende, welche ist schlecht. Wegen der schlechten Hypothek werde ich erstehen das Gut.«
»Vater,« rief Bernhard mit schneidender Stimme, so daß Ehrenthal zusammenfuhr, »du willst einen Vortheil ziehen aus dem Unglück des Mannes, du willst dich an seine Stelle setzen. Ja, du bist auf das Gut des Barons gefahren und hast mich mitgenommen vielleicht mit dem Gedanken, die Verlegenheit des Edelmanns zu benutzen. Es ist schrecklich, schrecklich!« Er warf sich in die Kissen zurück und rang die Hände.
Ehrenthal rückte unruhig auf seinem Sitz. »Führe nicht solche Reden von Sachen, die du nicht verstehst. Die Geschäfte sind für den Tag; wenn ich Abends zu dir komme, sollst du dich nicht ängstigen um meine Arbeiten. Ich will's nicht haben, daß du die Hände aufhebst und rufst schrecklich.«
»Vater,« rief Bernhard, »wenn du nicht willst, daß ich vergehen soll vor Schaam und Kummer, so wirst du deine Absicht aufgeben.«
»Aufgeben!« rief Ehrenthal entrüstet. »Wie kann ich aufgeben mein Geld? wie kann ich aufgeben das Gut, um das ich mich bemüht habe bei Tag und bei Nacht? wie kann ich aufgeben das größte Geschäft, das ich gemacht habe in meinem Leben? Du bist ein ungehorsames Kind und machst uns Jammer um gar nichts. Was habe ich für ein Unrecht gethan, daß ich dem Baron gegeben habe mein Geld? Er hat's gewollt. Was thue ich für ein Unrecht, wenn ich kaufe das Gut? Ich rette mein Geld.«
»Verflucht sei jeder Thaler, den du darauf gewandt, verflucht der Tag, wo du diesen unglücklichen Entschluß gefaßt,« fuhr Bernhard auf und erhob seine Hand drohend gegen den Vater.
»Was ist das!« rief Ehrenthal aufspringend, »welcher böse Gedanke hat getroffen das Herz meines Sohnes, daß er so spricht zu seinem Vater? Was ich gethan habe, für wen habe ich's gethan? Nicht für mich und meine alten Tage. Ich habe dabei gedacht jeden Tag an dich, mein Sohn, der du bist ein anderer Mann, als dein Vater. Ich werde haben den Kummer, und du sollst gehen aus dem Schloß in den Garten und wieder zurück in das Schloß, und wenn du gehst, soll der Amtmann abziehen seine Mütze, und die Knechte im Hofe abziehen ihre Hüte, und sie sollen zu sich sagen: das ist der junge Herr Ehrenthal, welcher ist unser Herr, der da geht.«
»Ja,« rief Bernhard bitter, »das ist deine Liebe. Mich willst du zum Mitschuldigen machen einer ungerechten That. Du irrst, Vater; niemals werde ich aus dem Schlosse in den Garten gehen mit meinem Buche, eher will ich als armer Bettler mein Essen erbitten von der Gemeinde, als daß ich einen Fuß auf das Gut setze, das durch Sünde erworben ist.«
»Bernhard!« rief der Alte mit gerungenen Händen, »du wirfst die Steine auf mein Vaterherz, daß ich fühle die Last, wie sie mich drückt zu Boden.«
»Und du verdirbst deinen Sohn,« rief Bernhard in auflodernder Leidenschaft. »Sieh zu, für wen du geschachert und gelogen hast; aber so wahr es einen Himmel über uns giebt, du wirst Niemandem sagen, daß es geschehen ist für deinen unglücklichen Sohn.«
»Mein Sohn,« jammerte der Vater, »schlage nicht auf mein Herz mit deinem Fluche. Seit du bist gewesen ein kleiner Bocher, der sein Gebetbüchel in die Schule getragen hat, habe ich gehabt meinen Stolz, wenn ich auf dich gesehen habe. Ich habe dir gelassen allen Willen, zu thun, was dir am liebsten war; ich habe dir gekauft von Büchern, ich habe dir gegeben von Geld mehr, als du hast haben wollen; wo ich dir etwas absehen konnte an deinen Augen, ich habe dir's abgesehen. Wenn ich unten den ganzen Tag mich geärgert habe, mußte ich immer denken, mein Sohn soll lachen, weil ich mich ängstige.« Er nahm den Zipfel seines Schlafrocks und fuhr sich damit über die Augen, vergeblich bemüht, seine Fassung wieder zu gewinnen. So saß er als ein geschlagener Mann dem Sohn gegenüber.
Bernhard sah schweigend auf die gebeugte Gestalt, endlich streckte er die Hand aus: »Mein Vater!« rief er weich. Ehrenthal fuhr schnell mit beiden Händen nach der dargebotenen Rechten und hielt sie fest, als könnte sie ihm wieder entzogen werden, er schob sich näher heran, küßte und streichelte sie. »So bist du wieder mein guter Sohn,« sagte er gerührt. »Jetzt wirst du nicht mehr führen solche lästerliche Reden und du wirst nicht mehr zanken wegen dieses Barons.«
Bernhard zog hastig seine Hand zurück.
»Ich will ihn nicht drücken, ich will Nachsicht mit ihm haben wegen der Zinsen,« fuhr der Vater flehend fort und suchte die Hand des Sohnes.
»O, es ist umsonst, mit ihm zu reden,« rief Bernhard im tiefsten Schmerz, »er versteht meine Rede nicht!«
»Ich will Alles verstehen,« klagte Ehrenthal, »daß du mir wiedergiebst deine Hand.«
»Willst du deine Pläne gegen das Gut aufgeben?« frug Bernhard.
»Sprich nicht von dem Gut,« flehte der Alte.
»Umsonst!« murmelte Bernhard sich abwendend, und verbarg das Gesicht in seinen Händen.
Ehrenthal saß vernichtet dem Kranken gegenüber, auch er seufzte schwer auf. »Höre mich, mein Sohn,« bat er endlich mit leiser Stimme, »ich will sehen, daß ich ihm schaffe ein anderes Gut, welches er behaupten kann mit seinen Mitteln. Hast du gehört, mein Sohn Bernhard?«
»Geh,« rief Bernhard ohne Härte, aber mit der Energie eines tiefen Schmerzes, »geh, und laß mich jetzt allein.«
Ehrenthal erhob sich und verließ mit gesenktem Haupt das Zimmer, in der Nebenstube ging er heftig auf und ab, rang die Hände und sprach mit sich selbst. Und wieder öffnete er leise die Thür, trat an Bernhards Bett und frug klagend: »Willst du mir nicht geben deine Hand, mein Sohn?« — Bernhard lag abgewandt und rührte sich nicht.
Mit klopfendem Herzen nannte Anton dem Diener des Freiherrn seinen Namen. »Wohlfart?« rief der Freiherr gedehnt, und die Erinnerung an den Brief Antons stach verletzend in seine Seele. »Führe ihn herein.« Mit kühlem Gruß beantwortete er Antons tiefe Verneigung. »Ich bin Ihnen wohl noch den Dank schuldig für Ihr Schreiben von neulich,« sagte er; »daß ich es nicht beantwortet habe, wie die gute Meinung verdiente, müssen Sie mit meinen vielen Geschäften entschuldigen.«
»Wenn ich jetzt in derselben Angelegenheit komme,« begann Anton, »so bitte ich Sie, dies nicht für Zudringlichkeit zu halten. Mich führt der Auftrag eines Bekannten her, der die wärmste Ergebenheit gegen Sie und Ihr Haus empfindet. Es ist der Sohn des Kaufmann Ehrenthal. Er selbst wird durch Krankheit verhindert, Ihnen seine Aufwartung zu machen, er läßt Sie deßhalb durch mich bitten, daß Sie den Einfluß, den er auf seinen Vater hat, benützen möchten. Im Falle Ihnen seine Einwirkung irgend wie brauchbar erscheint, soll ich Sie ersuchen, ihm Ihre Wünsche mitzutheilen.«
Der Freiherr horchte hoch auf. Jetzt, wo ihn Alles verließ, wo er sich selbst aufgegeben hatte, drängten sich fremde Gestalten in sein Leben, dieser Itzig, Wohlfart, der Sohn Ehrenthals. Was ihm Wohlfart anbot, klang abenteuerlich, aber es konnte für ihn eine Hülfe werden gegen das, was unaufhörlich an seinem Herzen fraß, eine Hülfe gegen die Ansprüche Ehrenthals, gegen die furchtbare Gefahr, in der sein guter Name schwebte. »Ich kenne den jungen Mann nur wenig,« sagte er mit Haltung, »ich ersuche Sie, vor Allem zu erklären, wie ich zu der Ehre komme, ein so ungewöhnliches Wohlwollen des Herrn zu erhalten.«
Anton erwiederte warm: »Bernhard Ehrenthal hat ein edles Herz und sein Leben ist rein. Unter seinen Büchern aufgewachsen, versteht er wenig von den Geschäften seines Vaters, aber er hat die Ansicht gewonnen, daß dieser sich durch schlechte Rathschläge verleiten läßt, feindselig gegen Sie aufzutreten. Er hat Einfluß auf seinen Vater, sein feines Ehrgefühl ist sehr beunruhigt, und er wünscht dringend, seinen Vater von Maßregeln abzuhalten, welche er selbst nicht für ehrenhaft hält.«
Hier war Hülfe! Das war ein reiner Luftzug, der in die stickende Atmosphäre eines Krankenzimmers drang, aber dem Kranken machte die frische Luft Mißbehagen. Diese ehrenhaften Leute, die so bereit waren, zu verdammen, was ihnen nicht ehrenvoll erschien, waren ihm peinlich. Und schon jetzt, während er den Werth erkannte, den auch diese unsichere Aussicht für ihn haben konnte, fühlte er in seinem Herzen eine Abneigung, seine Lösung aus der Angst diesen Beiden zu verdanken. Dem eifrigen Wohlfart wenigstens, der Alles sein sollte, was zuverlässig und gewissenhaft heißt, ihm wollte er Näheres nicht mittheilen. Und so erwiederte er mit einer Freundlichkeit, die ihm nicht vom Herzen kam: »Meine Beziehungen zu dem Vater Ihres Freundes sind allerdings von der Art, daß die wohlmeinende Vermittelung durch einen Dritten in unserm beiderseitigen Interesse liegen möchte. Ob der junge Ehrenthal die geeignete Person dafür ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls sagen Sie ihm, daß ich für den Antheil dankbar bin, den er an meinen Angelegenheiten nimmt, und daß ich mir vorbehalte, zu seiner Zeit mit ihm selbst darüber Rücksprache zu nehmen.« Nach diesem Bescheid erhob sich Anton, der Freiherr begleitete ihn bis an die Thür und — merkwürdig, er machte ihm dort eine tiefe Verbeugung.
Es war kein Zufall, daß in dem Augenblick, wo Anton durch das Vorzimmer ging, auch Lenore hereintrat. »Herr Wohlfart,« rief sie freudig und eilte auf ihn zu. »Liebes Fräulein,« rief auch er, und Beide begrüßten einander als alte Freunde.
Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren, Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie sich seit der Zeit geändert hätten, und während sie das erzählten, waren sie in Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jünger geworden um alle die Jahre, welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.
»Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht!« rief Lenore mit leisem Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.
»Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit rother Seite gefüttert, gnädiges Fräulein?« frug er, »der stand Ihnen reizend.«
»Der jetzige hat blaues Futter,« sagte Lenore lachend. »Und denken Sie, die kleine Comteß Lara heirathet in der nächsten Woche, wir haben erst neulich über Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von Ihnen geschrieben. Wie allerliebst, daß Sie den Bruder kennen gelernt haben! Kommen Sie herein, Herr Wohlfart, ich muß wissen, wie es Ihnen seit der Zeit gegangen ist.« Sie führte ihn in ein Gesellschaftszimmer und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu nehmen. Sie saß ihm gegenüber und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gruß ihn einst so glücklich gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja vielleicht schüttelte jetzt zuweilen ein anderer Mädchenkopf seine Locken in dem Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre, das wilde ehrliche Mädchen als vornehme Dame sich gegenüber sah, da lebten alle Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er athmete mit Entzücken den feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.
»Da ich Sie sehe,« sagte Lenore, »ist mir, als wäre die Tanzstunde gestern gewesen. Es war eine fröhliche Zeit auch für mich! Seitdem habe ich vieles Ernste erfahren,« fügte sie hinzu und senkte ihr Haupt. Anton bedauerte das mit einem Eifer, der das Fräulein zwang, wieder heiter auszusehen und ihm freundlich in die Augen zu blicken.
»Was hat Sie zu meinem Vater geführt?« frug sie endlich mit verändertem Ton.
Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechthum des Freundes und seinen guten Wünschen für ihre Familie, er verbarg ihr nicht, daß sie selbst einen mächtigen Antheil daran habe, so daß Lenore auf ihr Taschentuch heruntersah und die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie sehr die Krankheit des Freundes ihn besorgt mache. »Wenn Sie Ihrem Herrn Vater die Vermittelung Bernhards empfehlen können, so thun Sie es. Ich werde eine stille Sorge nicht los, daß in dem Comtoir Ehrenthals eine Verschwörung gegen ihn ausgedacht ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel, Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie wir dem Herrn Baron von Nutzen sein können.«
Lenore sah ängstlich in Antons Gesicht und rückte ihren Stuhl näher an den seinen. »Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich vertrauen, was mich ängstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was ihn quält, ach, aber er selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er hat für die Fabrik viel Geld gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das weiß ich. Alle Tage bitten die Mutter und ich den Himmel, uns den Frieden wieder zu geben; eine Zeit, wie damals, wo ich Sie kennen lernte. — Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will Ihnen schreiben,« rief sie entschlossen; »wenn Eugen auf Urlaub herkommt, soll er Sie aufsuchen.«
So verließ Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das Wiedersehen der schönen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu dienen. An der Hausthür stieß er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gruß eilte er an dem gefährlichen Manne vorüber, der ihm die Bitte nachrief, recht bald seinen Sohn Bernhard zu besuchen.
Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben nicht so viel geseufzt und den Kopf geschüttelt, als jetzt. Vergebens frug seine Frau Sidonie ihre Tochter: »Was hat der Mann, daß er so seufzt?« Vergebens suchte Itzig das gebeugte Gemüth seines Brodherrn durch lockende Bilder der Zukunft aufzurichten. Alle Unzufriedenheit, welche sich in der Seele des Händlers aufgesammelt hatte, entlud sich gegen den Buchhalter. »Sie sind der Mensch, welcher mir hat gerathen zu diesen Schritten gegen den Baron,« schrie er ihn am Morgen nach der Scene mit Bernhard an. »Wissen Sie, was Sie sind? Malhonnet sind Sie.«
Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenüber und zuckte die Achseln. »Wenn Sie weiter nichts wissen,« sagte er, »was ist das für ein Wort »malhonnet«? Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wörter stehen? Reden Sie doch nicht so schwach, Ehrenthal.« Dann seufzte Ehrenthal wieder, sah Veitel böse an und verbarg den Kopf in die Zeitung.
Länger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu ertragen, welcher zusehends kränker wurde und alles Zureden der Eltern mit kurzen Worten zurückwies. »Ich muß ein Opfer bringen,« sagte Ehrenthal vor sich hin, »ich muß die Ruhe wiedergeben seinen Nächten und machen, daß er aufhört mit seinem Stöhnen. Ich will denken an meinen Sohn, und ich will dem Baron schaffen die andere Herrschaft bei Rosmin, worauf er jetzt stehen hat sein Geld, und wenn nicht, so will ich ihm retten das Geld darauf ohne einen Nutzen für mich. Ich verliere dabei einen Vortheil, den ich machen könnte mit dem Löwenberg von mehr als einem Tausend Thaler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard.« So setzte er entschlossen seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, kräftig zu unterdrücken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.
Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm jetzt bei jedem Eintritt eines Geschäftsmannes den Athem benahm. »Kaum ist der Warner hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die gerichtliche Cession der Hypothek von mir fordern, jetzt kommt, was darauf folgen muß.« Aber freudig erstaunte er, als Ehrenthal mit höflichen Worten aus freien Stücken sich erbot, für ihn nach Rosmin zu reisen und nöthigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei dem Verkauf der polnischen Herrschaft zu vertreten. »Ich will mir zu Hülfe nehmen einen sichern Mann, den Justizcommissarius Walther aus Rosmin, damit Sie sehen, daß Alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben, zu bieten auf das Gut, und die Käufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypothek gedeckt ist durch den Kaufpreis, den ein Anderer zahlt.«
»Ich weiß, daß dies nothwendig sein wird,« sagte der Freiherr, »aber um Gottes willen, Ehrenthal! was soll geschehen, wenn die Herrschaft in unsern Händen bleibt?«
Ehrenthal zuckte die Achseln: »Sie wissen, ich habe Ihnen nicht zugeredet zu der Hypothek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet, wenn ich mich recht besinne. Wenn Sie mir damals hätten gefolgt, so hätten Sie vielleicht nicht gekauft die Hypothek.«
»Es ist aber einmal geschehen,« versetzte der Freiherr ärgerlich.
»Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, daß ich unschuldig bin.«
»Das ist ja jetzt gleichgültig.«
»Für Sie ist es gleichgültig,« sagte Ehrenthal, »aber nicht für mich und meine Ehre als Geschäftsmann.«
»Wie meinen Sie das,« fuhr der Freiherr auf, daß Ehrenthal zusammenschrak, »Sie wagen zu behaupten, daß mir etwas gleichgültig ist, was selbst Ihnen keine Ehre bringt.«
»Was werden Sie hitzig, Herr Baron,« rief der Händler; »ich spreche ja nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott davor bewahren!«
»Sie sprachen doch davon,« sagte der unglückliche Mann.
»Wie können Sie mißverstehen einen alten Bekannten!« klagte Ehrenthal; »ich will nichts, als Ihre Versicherung, daß ich unschuldig bin an dem Kauf der Hypothek.«
»Meinetwegen ja,« rief der Freiherr mit dem Fuße stampfend.
»So ist es recht,« sagte der Händler beruhigt. »Und wenn ein Unglück geschieht, und Sie die Herrschaft behalten müssen, so wollen wir sehen, was dann zu thun ist. Es ist eine böse Zeit zum Geldleihen, aber ich will Ihnen doch vorschießen die Caution und die Gerichtskosten gegen eine Hypothek auf die Herrschaft.«
Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach der benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verließ, blieb dieser als ein Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurück.
War er verloren, war er gerettet? Eine quälende Sorge kam ihm, daß diese Hypothek sein Schicksal entscheiden würde. Er beschloß, selbst hinzureisen und Ehrenthal nichts zu überlassen. Aber wieder überfiel ihn die Angst, daß er dem Mann jetzt ein großes Vertrauen zeigen müsse, damit dieser auch ihm nicht mißtraue. So trieb er kraftlos in einer See von Gefahren. Die Wellen hoben sich und rauschten gegen sein Leben heran.
Am Abend trat Ehrenthal wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte eine für ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.
»Kannst du mir jetzt geben deine Hand?« frug er seinen Sohn, der finster vor sich hinstarrte, »ich reise für den Baron, ihm zu kaufen ein neues Gut. Wir haben Alles mit einander besprochen. Hier ist die Vollmacht, die er mir ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschießen ein Capital; wenn er es versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.«
Bernhard sah mit trübem Auge auf seinen Vater und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht genug, mein armer Vater,« sagte er.
»Ich habe mich doch versöhnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden, daß ich keine Schuld habe an diesem Unglück. Ist dir das genug, mein Sohn?«
»Nein,« sagte der Kranke. »So lange du in deinem Comtoir den schlechten Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.«
»Er soll fort,« rief Ehrenthal bereitwillig; »wenn mein Sohn Bernhard es verlangt, soll er fort zum nächsten Quartal.«
»Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons für dich zu erstehen?« frug Bernhard weiter, sich zu dem Vater wendend.
»Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt hast,« erwiederte der Vater ausweichend. »Jetzt rede mir nicht mehr von dem Gut; wenn du wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir darüber.« So ergriff er die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zögerte, hielt sie fest in der seinen und saß ihm schweigend gegenüber.
War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich die Versöhnung mit seinem Sohn erhandelt hatte.