1. Kapitel.
Der zur Rüste gehende Julitag hatte alle vorangegangenen Tage, so heiß sie auch gewesen waren, übertroffen. Vom frühen Morgen ab hatte die Sonne von dem wolkenlosen Himmel auf die Erde herabgeschienen. Nun ging aber ihre Herrschaft zu Ende, denn der glühende Ball näherte sich dem Himmelsrand und seine Strahlen glitten in schräger Richtung über die Landschaft.
Auf der alten Poststraße, die von Borna nach Leipzig führte, schritt ein junger Mann fürbaß, dessen müder Gang verriet, daß er heute schon einen weiten Weg zurückgelegt hatte. Er hatte den leichten Strohhut in den Nacken geschoben und lüftete ab und zu das kleine Ränzel, das ihn nach so langen Stunden wohl arg drücken mochte.
Ein schmaler Weg kreuzte die Straße, und an dem Schnittpunkt stand ein alter Meilenstein. Der Wanderer ging zu ihm hin, stützte sich hintenübergelehnt mit beiden Armen auf seinen derben Knotenstock und versuchte, die kaum noch leserlichen Buchstaben auf dem verwitterten Stein zu entziffern. Nach einigem Bemühen las er mit lauter Stimme: »Rehefeld ¼ Meile.«
Eine muntere Melodie pfeifend, hieb der Fremde mit dem Stock ein paarmal vergnügt ins Blaue und schlug dann den schmalen Weg ein. Die Aussicht auf das nahe Ziel belebte seine Kräfte sichtlich aufs neue. Obwohl der Weg nicht bequem zu gehen war, denn hüben und drüben hatten schwerbeladene Wagen tiefe Radspuren hinterlassen, und aus dem schmalen Grasstreifen in der Mitte ragten zahlreiche, spitze Steine hervor, eilte der Wanderer dennoch mit schnellen Schritten vorwärts. Ein schwacher Wind hatte sich erhoben, der ihm wohltuende Kühlung spendete, und vor dem die mannshohen Halme ihre schweren Häupter leicht hin- und herwiegten.
Zu seiner Linken verlor sich das Land in eine unabsehbare Ebene, während vorwärts und nach rechts hin ein dichtes Waldstück die Fernsicht versperrte.
Nach wenigen Minuten befand er sich inmitten der Fichten, durch die der Weg jetzt leicht anstieg. In kurzer Zeit aber wurde der Wald wieder lichter und die Bäume hochstämmig, und nach einigen Schritten verdoppelter Eile, und nachdem der Weg eine letzte, scharfe Biegung nach rechts gemacht hatte, trat der Fremde wieder ins Freie.
Ein herrliches Bild bot sich den entzückten Augen des Wanderers. Zu seinen Füßen schlängelte sich in seinem tiefeingeschnittenen Bette gleich einem silbernen Streifen der Göselbach dahin, zu dessen beiden Seiten zahlreiche, hochstämmige Lindenbäume und Ulmen standen, aus deren saftigem Grün die Häuser des Dorfes hervorlugten. Die dunkeln Balken in den Giebelwänden hoben sich von dem weißgetünchten Mauerwerk scharf ab, und hier und da schlängelte sich aus einem Schornstein schon eine dünne Säule blauen Rauches, dessen Ringe sich sanft kräuselten, bis sie endlich in der Luft verschwanden. Einige der Häuser waren mit Ziegeln gedeckt, bei den meisten aber bestand das Dach aus einer dicken Lage Stroh.
Der Hügel, auf dem der Wanderer sich befand, ging nach rechts in die weite Ebene über. Das linke Ufer des Flüßchens dagegen erhob sich zu einer sanften Lehne, auf deren höchstem Punkt, vielleicht zweihundert Fuß über dem schlanken Turme des Kirchleins, ein altes Schloß thronte. Es war eine festungsartige Burg mit einem weit hervortretenden Mittelbau und zwei dicken, vom Erdboden ab aufgeführten Türmen, von denen der westliche, wahrscheinlich infolge Altersschwäche, zur Hälfte eingestürzt war.
Jahrhunderte mochten ins Land gezogen sein, seitdem der Grundstein dieser Feste gelegt worden war. Wohl hatte das Schloß den Zeiten und Wettern seinen Tribut zollen müssen, aber noch immer behauptete es, den wildesten Stürmen zum Trotz, seinen Platz, wuchtig und herausfordernd zugleich, und die großen, weißen Quader leuchteten noch wie ehedem weit in das Land hinein. Wie ein ehrfurchtgebietendes Denkmal alter Zeiten, ein stummer Zeuge der Geschehnisse eines halben Jahrtausends grüßte es zu dem Wanderer herüber.
Dieser hatte sich an eine der hohen Fichten gelehnt und überließ sich ganz dem Zauber des Anblicks, der sich ihm bot.
Seine Blicke glitten hinüber zu dem mächtigen Bauwerk, das als ein stolzes Erzeugnis menschlicher Kunst und menschlichen Fleißes, nunmehr dem Zerfall entgegenging, wie es den Menschenwerken endlich beschieden ist.
Die Phantasie gaukelte dem Fremden die Geschichte des Schlosses in lebhaften Bildern vor die Seele. Er sah, wie die mächtigen Bausteine von starken Pferden den Berg hinangeschleift wurden, wie die Mauern erstanden, und wie endlich der Bischof segnend die Hände über den Bau ausbreitete, den die Bewohner des Dorfes mit frischen Blumengewinden bräutlich geschmückt hatten. Dann sah er, wie die Tore sich öffneten und aus ihnen eine lärmende Schar herauszog, den Schloßherrn mit seinen Gästen an der Spitze, und an ihrer Seite ritten Edelfrauen mit den Jagdfalken auf den Schultern. Aber weiter eilte sein Geist. Er sah wieder ein Häuflein den Abhang herabziehen, diesmal aber nicht zur Jagd, oder um die feurigen Rosse im Turnier zu tummeln: von den Schildern der Gewappneten glänzte das Kreuzeszeichen, und die Ritter schauten mit ernsten Mienen hinauf, wo vom Söller die Frauen feuchten Auges die letzten Grüße herabwinkten. Und jeder der Beherzten fragte sich leise: »Wer wird wiederkehren?« Doch im nächsten Augenblick warfen sie unwillig den Kopf in den Nacken und reckten die gepanzerten Glieder, daß die eherne Rüstung klirrte, und die wallenden Federn der blanken Helme durcheinander wogten, und sie beeilten sich, die sie überkommene Weichheit zurückzudrängen. Seit wann war es denn auch Sitte, daß der zum Kampfe ausziehende deutsche Krieger der Weibertränen achtete? Galt es doch diesmal, dem heidnischen Sarazen die Herrschaft über das heilige Grab mit dem Schwert wieder zu entreißen und an der Stelle des Halbmonds die Kreuzesfahne aufzupflanzen.
Jahrhunderte durchmaß des Wanderers Phantasie. Die sonst so friedliche Umgebung des Schlosses war niedergestampft, niedergebrannt, verwüstet. Rundum breitete sich das Heerlager des Belagerers aus, der sich eben anschickte, die Feste zu berennen. Sturmleitern wurden in Eile herangeschoben, und Rammbock und Mauerbrecher waren in Tätigkeit. Von oben aber wurde siedendes Oel hinabgegossen, und Steinblöcke wurden mit wildem Getöse auf die Stürmenden herabgeworfen, während des Angreifers Feldkartaune aus ihrem ehernen Leibe schwere Geschosse gegen die stellenweise schon wankenden Mauern schleuderte. Da schien mit einem Male der Widerstand der Eingeschlossenen gebrochen; die Abwehr läßt nach, die Mannen auf dem Mauerrand ziehen sich zurück. Da, – Stimmengewirr, Schnauben und Stampfen nicht mehr zu zügelnder Rosse. Gedämpfter Kommandoruf wird vernehmbar, und – nieder rasselt klirrend die Zugbrücke. Wie Sturmwind fegt es darüber hinweg: die Belagerten machen einen Ausfall. Wenn der Untergang im Buche des Schicksals einmal besiegelt, dann wenigstens nicht ruhmlos untergehen, Hörnerruf, der erzene Klang der ihren Scheiden entfliehenden Schwerter, und dann mit vielstimmigem, drohendem Schlachtruf hinein in die schnell gebildeten Haufen der Feinde. Wie Löwen kämpfen die Ritter, und manch einem entsinkt das Schwert der Faust; edles Blut färbt den Rasen. Aber Söldlinge können solchem Ansturm nicht lange widerstehen: hier und dort beginnt der Feind schon zu weichen, und endlich wirft der bleiche Mond sein mildes Licht auf den Kampfplatz, den sich die Tapfern, wenn auch mit schweren Opfern, ruhmvoll erkämpft, und die Geister der Gefallenen setzen auch dann noch erbittert den Strauß fort, wenn die Überlebenden längst schon die müden Glieder auf das Lager streckten.
Die feinen Züge des Fremden hatten sich belebt und seine Augen glänzten begeistert.
Dann wandte er sich ab und sah hinein in das weite Land. Die Felder waren überreich bestanden, ihre Grenzen hoben sich von einander scharf ab. Hier und dort bemerkte er eine Windmühle, deren lange Flügel sich rastlos drehten, – fast vermeinte er, ihr Klappern töne herüber; dort wieder stand ein einsames Haus, dort lag ein Dorf in weiter Ferne, als wenn ein Riesenkind seine Spielwaren aufgebaut habe, und weit hinten am Horizont grüßten die Türme von Leipzig, – der alten Lindenstadt. Über dem ganzen herrlichen Bilde aber lag ein Hauch von Frieden und segensreicher Arbeit.
Der einsame Beschauer ließ seine trunkenen Blicke von einem zum andern gleiten, über all die blühenden Gefilde, die gesegneten Fluren; und er seufzte. Denn noch immer befürchtete man die Wiederkehr der Scharen Napoleons. Die Wunden, die des verhaßten Korsen blutige Geisel geschlagen, waren noch lange nicht verheilt, und die Schrecken der Tage von Jena und Friedland zitterten noch sattsam nach in den Seelen der Menschen.
Wie lange war es dem Landmann noch beschieden, friedlich seine Felder zu bebauen und den reichen Gottessegen einzuernten? Konnte es nicht dem Ruhelosen noch einmal gelüsten, sein Schlachtenglück zu erproben und Verwüstung und Greuel hineinzutragen in die deutschen Lande, in denen eine große Anzahl von Eltern und Kindern an den noch frischen Gräbern ihrer Teuern stand, die der Ruhmsucht dieses Weltenstürmers zum Opfer gefallen waren! Sind nicht alle Menschen Brüder untereinander, und warum läßt ein gerechter Gott Tausende von blühenden Jünglingen dahinsinken nach dem Willen eines Einzigen?
Dem Wanderer schauerte, wenn er daran dachte, daß diese Fluren verödet, zertreten werden könnten, und er wandte sich langsam zum Gehen.
Noch immer diesen Gedanken nachhängend, stieg er den Hügel hinab und befand sich bald zwischen den ersten Häusern von Rehefeld.
Kurz nach dem Betreten des Dorfes fiel sein Blick auf ein kleines, altes Haus, das von einem sorgfältig gepflegten, kleinen Garten umgeben war. Vor ihm saßen auf der steinernen Bank neben der Tür drei Menschen: ein junger Bauernbursche, der den Arm um die Hüften des neben ihm sitzenden Mädchens gelegt hatte und eine kleine, gebückte Frau, deren hohes Alter mit dem des Hauses wohl fast übereinstimmen mochte. Auf ihren Knien hielt sie eine Schüssel, in die sie Kartoffeln hineinschälte.
Einer plötzlichen Eingebung folgend, trat der Wanderer an den niedrigen Zaun und fragte hinüber, ob er wohl eine kleine Zehrung erhalten könne.
Die drei hatten den Fremden schon beim Näherkommen mit neugierigen Blicken betrachtet, seine unerwartete Anrede aber machte sie verlegen. Am ehesten fand die Alte Worte. »Wenn der Herr mit einem Trunke frischgemolkener Milch fürlieb nehmen würde –«
»Das ist es ja gerade was ich wünsche,« antwortete der Fremde und trat durch die Tür in den Garten.
Der Bursche war aufgestanden und bot dem Ankömmling seinen Sitz auf der Bank an, den dieser aber mit einem lächelnden Blick auf das errötende Mädchen dankend ausschlug.
Unterdessen hatte die Greisin den Napf zu Boden gesetzt und war dann mit überraschender Beweglichkeit in das Haus geeilt, um bald darauf mit einem Glase Milch und einer Brotschnitte zurückzukehren.
Der Fremde, der sich auf einem Grasstreifen des kleinen Gartens niedergestreckt hatte, griff verlangend nach dem dargebotenen Trunk und tat einen tiefen Zug davon. Dann brach er das Brot auseinander, tauchte es in die Milch und verzehrte das einfache Mahl mit sichtlichem Behagen. Die Alte und der Bursche hatten sich wieder zu dem Mädchen gesetzt, und nun ruhten aller Augen auf dem Fremden, der sich so zwanglos vor ihnen niedergelassen hatte, und jeder von ihnen versuchte nach seiner Art zu erraten, welch Standes er wohl sei.
Ein Bauer war er nicht, das sah der Bauer auf den ersten Blick. Er war von schlanker Gestalt, noch nicht dreißig Jahre alt und hatte ein von der Sonne stark gebräuntes Gesicht. Seine Züge waren vornehm, seine Haltung und Art edel. Die Kleider hatten einen Schnitt, wie man ihn hier im Dorfe selten sah und waren von feinem Tuche gefertigt. Es war schade, daß man die Farbe des Stoffes nicht recht erkennen konnte, eine so dicke Staubschicht lag darauf. Der Fremde mochte heute früh weit von Rehefeld entfernt aufgebrochen sein. Er war ein Stadtherr, das stand fest. Aber was mochte ihn hierher führen? Vielleicht war er auf der Reise nach Leipzig, denn das kleine Dörfchen bot für einen Mann wie seinesgleichen keine Anziehung.
Mit all diesen Fragen beschäftigten sich die drei Rehefelder eifrig, und wenn auch jeder von ihnen viel darum gegeben hätte, zu erfahren, was er zu wissen wünschte, so soll doch nicht verhehlt werden, daß sich besonders das junge Mädchen im geheimen diese Fragen immer wieder auf das eindringlichste stellte, die befriedigenden Antworten darauf ihr aber nicht gelingen wollten.
Der junge Bursche rückte wieder an Antonie heran; als er sich aber anschickte, sie wie vorhin zu umfangen, deutete das Mädchen ihm durch stumme Zeichen an, daß dies in Gegenwart des Fremden wohl nicht schicklich sei. Hermann schien jedoch für die verstohlene Äußerung jungfräulichen Taktes nicht das genügende Verständnis zu besitzen, denn sie sah sich veranlaßt, ihm heimlich einen genügend hörbaren Klaps auf die Hand zu geben und dem verdutzt Dreinschauenden obendrein verweisende Worte zuzuwispern.
Daß Hermann sie gerade in der Betrachtung des kleinen Medaillons gestört hatte, das verstohlen von dem goldenen Armband des Fremden aus dem Ärmel hervorlugte, und in dem sie mit echt weiblichem Scharfsinn ein schönes Frauenbild vermutete, zu dem wohl zwei schwere Zöpfe gehörten, vielleicht von einem solch lieblichen Blond wie die krausen Locken, die sich unter dem Hute des Fremden hervorgedrängt hatten und nun über der Stirn im leichten Windhauch zitterten, daß Hermann sie aus diesen wichtigen Betrachtungen gerissen hatte, sagte sie ihm freilich nicht.
Der Fremde hatte den Rest der Milch ausgetrunken, und Antonie beeilte sich, ihm das leere Glas abzunehmen.
Wenn die Alte bisher nur einige Male zu dem im Grase Liegenden heimlich hinübergeschaut hatte, so schien ihr aber jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Verhör gekommen.
Eben hatte sie eine große Kartoffel geschält und wie sie diese zerschnitt, fielen beide Hälften klatschend in die Schüssel, daß das Wasser über den Rand spritzte. Und mit diesem Laut war der Bann ihrer Zunge gebrochen.
»Der Herr ist heute wohl lange gewandert?« fragte sie.
Der Angesprochene hatte sich im Grase lang ausgestreckt und den Kopf in die Hand gestützt; er schien diese Frage schon längst erwartet zu haben.
»Ja,« sagte er, »so reichlich zehn Stunden bin ich heute unterwegs, und die Sonne hat mich von allen Seiten gehörig beschienen.«
»Ei, ei, das ist lange,« versetzte die Greisin, die ihre Kartoffeln ganz vergaß, »das kann nicht jedermann tun. Nun dafür hat aber der Herr gestern gewiß weidlich geruht.«
»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute, fast war der Weg noch länger.«
Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der drei Rehefelder spann von neuem seine Gedanken.
Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht närrischer Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der Hundstage, und die liebe Sonne meinte es über alle Maßen gut. Darüber durfte man freilich im allgemeinen nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen. Aber man läuft, wenn man’s anders haben kann, bei dieser Hitze doch nicht durch das ganze Land. Ja, diese Stadtleute!
Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild in der goldenen Kapsel steckte, würde weit entfernt weilen, und nun ließ die Sehnsucht nach der Geliebten ihm keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter, bequemer hätte es der Verliebte doch gehabt, wenn er die Reise zu Wagen gemacht haben würde.
Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens aber huschte das Aufleuchten des Verständnisses.
»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach sie, »besonders in dieser Zeit. Wenn es der junge Herr nun aber einmal getan hat, so ist es gewiß das erste Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher Natur wandernd viel besser genießt, als wenn er in der dumpfigen Postkutsche sitzt und nur durch ein kleines Fenster schauen darf. Und obendrein ist es doch nicht selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster vielleicht noch überkommt.«
»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig, »jetzt wird der Herr die Mutter aber auslachen.«
Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der Fremde zugehört. Jetzt antwortete er, belustigt durch die geschickt verkleidete Neugier der Alten:
»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich habt ihr Recht! Manch Schönes habe ich gesehen, was mir im Wagen entgangen wäre; und wenn ich, vom vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager strecke, so bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer Wanderung gekräftigt. Freilich bin ich das Marschieren gewöhnt, schon so manches Jahr wandere ich ja in der Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich für ein schlimmes Vergehen hätte büßen müssen.«
Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher unerschütterliche Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet arg ins Wanken.
Die Alte hingegen war befriedigt und schmunzelte vor sich hin.
»Da kommt der Herr wohl schon sehr weit her?« hub sie wieder an. »Vielleicht aus dem Thüringischen?«
»Gott bewahre,« sagte dieser, »ich komme aus Dresden.«
»Ach, aus dem lieben Dresden,« erwiderte die Greisin. »Ich habe sie auch einmal gesehen, die herrlichen Ufer der Elbe. Freilich ist dies schon sehr lange her,« setzte sie mit tiefem Aufseufzen hinzu, »damals lebte ja noch der selige Herr Oskar von Tiefenbach.«
Mit einem Ruck fuhr der Fremde herum und schaute der Alten scharf ins Gesicht. Dann sagte er kurz:
»Ihr seid die Mutter Lehnhardt, nicht wahr?«
Und wie er sich wieder zur Seite wandte, murmelte er: »Aber wie konnte ich das denn nicht gleich wissen!«
»Zu dienen, gnädiger Herr,« antwortete die Greisin, »doch woher kennt Ihr meinen Namen?«
»Mutter Lehnhardt,« erwiderte der Fremde, »wen der liebe Gott an Jahren so gesegnet hat wie Euch, der wird weithin bekannt, ohne daß er davon weiß. Aber sagt, wie alt seid Ihr denn eigentlich?«
»Siebenundachtzig sind es nunmehr gewesen, Herr. Eine lange Zeit ist’s,« fuhr sie redselig fort, »und wie viel die Augen schauen mußten, wie vieles dem Menschen da zustößt, Glück und Leid. Aber der da droben weiß es doch immer so einzurichten, daß den trüben Tagen wieder Sonnenschein folgt. Und wenn ich nun auf mein Leben zurückschaue, auf all die guten und bösen Tage, und ich sollte sagen, welche von ihnen die andern überwogen haben, nun, so muß ich gestehen, daß die trüben Bilder der Vergangenheit verblichen, verschwunden sind, daß mir aber vieles des Fröhlichen, das mir beschieden war, unauslöschlich in die Erinnerung eingegraben ist. Nun gebe mir Gott nur noch ein sanftes Ende.«
Die heitere Zufriedenheit, die in den einfachen Worten lag, drang dem Fremden zum Herzen. Sie klangen von den Lippen der Greisin wie ein Gebet. Und als sie geendet und nun mit ineinander gelegten Händen, den Blick in die Weite gerichtet, eine Weile unbeweglich verharrte, da überkam ihn wieder dieselbe gehobene Stimmung, die er vorhin beim Betrachten der Natur empfunden hatte. Dort hatte er die Ruhe geschaut, die nach beendetem Tagewerk in der weiten Werkstatt des ewigen Schöpfers eingetreten war. Hier sah er einen alten Menschen der ein reiches Leben voll Arbeit hinter sich hatte, und der sich nunmehr mit müden Schritten dem Ende seiner Pilgerfahrt näherte.
Um das welke, schmale Gesicht der Alten aber woben die letzten Strahlen der scheidenden Sonne einen lichten Schein.
»So kann in der zwölften Stunde seines Lebens nur ein glücklicher Mensch aussehen,« dachte der Fremde.
»Ach Mutter Lehnhardt,« sagte er, »vorhin hat dort oben auf der Höhe der Anblick des Schlosses lange meine Aufmerksamkeit gefesselt. Wollet Ihr mir nicht etwas von dem ehrwürdigen Bau erzählen? Ich bitt’ Euch drum.«
»Warum nicht, gnädiger Herr,« versetzte die Alte, »wenn Ihr mit meinem Geplauder fürlieb nehmet. Ich tu es gern, denn die Erinnerungen an die seligen Tage meiner Kindheit steigen dabei wieder in mir herauf.«
Sie setzte den Napf zu Boden; in dem gleichen Augenblick aber sprang vom Fensterbrett eine gelbe Katze auf ihren Schoß, die schon ein altes Anrecht auf diesen Platz haben mochte. Und während die zitternden Hände der Greisin das glänzende Tier liebkosten, erzählte sie die folgende Geschichte:
»Meine Vorfahren haben von Alters her zusammen mit den Tiefenbachs auf dem Weißen Schlosse gelebt, sie die Herren, wir als Diener. Das Amt des Pförtners war es, das meine Väter getreu wahrgenommen und das sich immer vom Vater auf den Sohn vererbte. Die Chronik des Schlosses spricht zum ersten Mal von einem Lehnhardt, der den Obristen Gustav von Tiefenbach während des dreißigjährigen Krieges als Diener begleitete und der, nachdem sie heimgekehrt waren und er seiner vielen Verwundungen wegen nicht mehr kämpfen und das Roß nicht mehr besteigen konnte, Pförtner ward. Hans hat er geheißen und so jeder Sohn bis auf meinen seligen Vater herab. Dieser war der letzte Torwart des Weißen Schlosses. Die Zeiten waren andere geworden; man schaffte das Amt ab. Niemand war damit froher als er, denn Gott hatte ihm keinen Sohn beschert und er gönnte keinem Fremden die Würde.
Hanno von Tiefenbach ist der Urahn der Familie, und er war es auch, der unter Kaiser Heinrich dem Vierten das Schloß im Anfang des zwölften Jahrhunderts erbaute. Die bösen Hussiten spielten der Burg später aber sehr übel mit, daß nur noch die Grundmauern stehen blieben, auf denen Herr Arnulf gegen 1450 das Schloß in seiner heutigen Gestalt aufrichtete. Viel Leid wurde dem Bau im dreißigjährigen Krieg durch die Schweden zuteil, die sich aber an seinen unzerstörbaren Mauern tüchtig die Köpfe einstießen. Freilich hat seine Festigkeit durch die langen Beschießungen, denen er zu dieser Zeit ausgesetzt war, stark gelitten. Heute ist das Schloß zwar noch immer bewohnbar, aber wer weiß auf wie lange noch.
Diese früheste Vergangenheit, gnädiger Herr, habe ich in den alten Aufzeichnungen des Schlosses gelesen, zum Teil hat sie mir auch mein Vater erzählt.
Meine Mutter habe ich nicht kennengelernt, Gott nahm ihre Seele für die meine. Alle süßen Erinnerungen an meine Jugendzeit sind von dem Schlosse unzertrennlich. Mein Vater war, wie man sagte, ein wortkarger, in sich gekehrter Mann, dem der Dienst viel Zeit übrig ließ. Aber nur die Leute nannten ihn wortkarg, daheim war er gesprächig. Mit wehmütiger Freude gedenke ich besonders der langen Winterabende.
Während der Vater um neun Uhr das letzte Abendläuten besorgt und dann den letzten Rundgang gemacht hatte, saß ich schon, ungeduldig seiner harrend, in der großen Stube. Kein Laut war zu vernehmen, nur die Wanduhr, deren Gehäuse bis zur Decke reichte, tickte einförmig, und im Kamin knackten und knisterten die schweren Buchenscheite.
Ich spitzte die Ohren. Draußen ging der Vater, schon hörte ich seine Tritte. Er prüfte noch einmal den Torriegel und die Verankerung der Zugbrücke, die er schon mit dem Anbrechen der Dunkelheit in die Höhe gewunden hatte. Bevor er sich aber zur Ruhe begeben durfte, hatte er von der Mauer nach dem Dorfe hinab drei Mal ins Horn zu stoßen. Es war dies das Zeichen für die drunten, daß Licht und Feuer gelöscht werden mußten.
Und dann kam er! Dicht neben dem Tor war unsere Wohnung, die der Vater selbst besorgte. Die Speisen erhielten wir aus dem Schlosse.
Ich war ein rechter Wildfang, immer zu tollen Streichen aufgelegt, furchtlos und ohne Ruhe. Aber wenn es Abend wurde, und der Vater sich zum Erzählen anschickte, dann konnte ich stundenlang sitzen ohne mich zu rühren, und meine Augen hingen an den Lippen meines Vaters. Und wie konnte er erzählen! Alle Sagen, die sich mit der Geschichte des Schlosses verwoben, und die ihm sein Vater berichtet, bekam ich zu hören. Die Begebnisse von Jahrhunderten entrollten sich vor mir, und ich lernte zuletzt alle verstorbenen Tiefenbachs so gut kennen, daß sie mir vertrauter waren, als die Leute im Dorfe. Die Leiber der edeln Herren und Frauen ruhten drunten in dem in den Felsen eingehauenen, hohen Saal. Dort stand die lange Reihe großer und kleiner metallner Särge, über die hinweg es manchmal in wilder Jagd ging, wenn ich mit den beiden Burgkatzen dort spielte. Aber die Seelen der Verstorbenen hatten mich lieb. Mit Hilfe meiner Einbildung waren sie mir treue Spielgefährten, saßen mit mir am Tische, sprachen zu mir und hörten auf meine Worte. Und selbst des Nachts in meinen Träumen erschienen sie mir noch.
Das war der Winter.
Im Sommer saß ich meist droben in einem der Türme und blickte sinnend hinauf zu dem blauen Himmel, oder hinunter auf die bunten Felder und blumigen Wiesen. Dann schaute ich um mich, soweit mein Auge reichte, und ich dachte, wie schön und wie groß ist doch die Welt! Die flinken Schwalben, die den Turm unaufhörlich umkreisten, und deren leichtbeschwingtem Fluge ich so gern zuschaute, kamen zu mir. Zutraulich setzten sie sich zu meinen Füßen nieder und pickten die Krümchen auf, die von meinem Brote auf den Sims herabfielen. Und wenn ich sie fragte: wie hoch ist der Himmel? Da schauten sie mich mit ihren blanken Augen erstaunt an, zwitscherten so laut, daß es mir schien, als belustige sie mein Fragen, zogen von neuem ihre anmutigen Kreise, stiegen höher und immer höher und verschwanden endlich in den lichtblauen Wellen.«
Ein Hustenanfall hieß die Greisin ihre Worte unterbrechen. Ehe sie aber in der Erzählung fortfuhr, sagte sie:
»Zürnen Sie mir nicht, Herr, wenn ich auch von mir selbst berichte, aber es würde mir nicht gelingen, vom Schlosse zu sprechen, ohne meine eigenen Erlebnisse dabei zu berühren.«
Der Fremde machte eine Handbewegung, die andeutete, daß ihn die Erzählung gut unterhalte, und Mutter Lehnhardt fuhr fort:
»So verlebte ich die Jahre meiner Kindheit. Selten kam ich vom Schloß in das Dorf hinunter. Dies geschah nur, wenn mein Vater zu mir sagte: komm, Kind, heute ist Sonntag, da dürfen wir den Gottesdienst nicht versäumen.
Dann gingen wir nebeneinander den Weg hinunter. Im Dorfe sah ich viele Menschen im Feiertagsgewand, die ebenfalls zum Gotteshause wanderten, und Kinder, die mit einander spielten. Wenn ich an ihnen vorüberging, unterbrachen sie ihr Spiel und schauten das fremde Gesicht verwundert an. Ihr Zusammensein schien ihnen viel Freude zu machen, aber ich beneidete sie nicht. Droben in meiner stillen Einsamkeit, im luftigen Erker, tief unter mir die Welt und über meinem Haupte das hohe, geheimnisvolle Himmelszelt, dazu das große Schweigen der lebendigen Natur, – dort war es doch viel schöner!
Der Vater hatte mich das Lesen gelehrt, und ich nahm zuweilen ein Buch mit hinauf auf den Turm, da das Zimmer mir zu eng wurde. Aber bald entsank es meiner Hand. Die schwarzen, eckigen Buchstaben erschienen mir steif und tot. Deshalb wollte auch das Lesen an der Stelle, wo Alles Leben ausatmete, nicht recht gehen. Das was die Bücher von den Menschen sagten, erzählte mir der Vater weit besser, und schwach geradezu erschien mir, was ich von Gottes Wunderwerken las. Wie armselig waren die Worte in ihnen, obwohl der Vater mir gesagt hatte, daß sie ein sehr gelehrter Herr niedergeschrieben habe. Das kleine Grashälmchen, das vor mir in der Mauerritze wuchs, die vorbeiziehenden Vögel, die bunten Felder, der glitzernde Bach, die dunkeln Wälder und über mir die Wolken, die majestätisch ihre Bahnen dahinzogen, sie alle führten eine lebendigere Sprache und verkündeten mir mit nicht zu übertreffenden Worten das geheimnisvolle Walten des Höchsten.
Aber man muß diese Sprache auch verstehen!
Ein jäher Schlag sollte meinen Freuden ein rasches Ende bereiten. Ich war sechzehn Jahre alt.
Mein Vater wurde krank und starb nach wenigen Tagen. Mich nahm man ins Schloß, wo ich der alten Beschließerin zur Hand gehen mußte. Aber das Arbeiten machte mir Freude. Es ließ mir freilich nicht mehr so viel Zeit zum Träumen, half mir aber den schmerzlichen Verlust des innig geliebten Vaters leichter ertragen.
Der Herr des Schlosses war zu jener Zeit der greise Herr Leopold von Tiefenbach.
Er hatte in Polen zur Seite König Augusts des Starken wiederholt gekämpft und war von ihm zum Lohne für seine Tapferkeit in den Freiherrnstand erhoben worden, mit der Bestimmung, daß dieser Titel sich auf den ältesten Sohn in der Familie vererben solle.
Die edle Gattin des Schloßherrn, die schon lange gestorben war, hatte ihm drei Söhne hinterlassen. Dem ältesten, Udo, wurde einmal das Schloß. Damit aber auch seine Brüder Oskar und Egbert einen eigenen Besitz haben sollten, ließ der Vater unten im Dorfe ein Anwesen errichten, für das er von den Bauern die besten Felder kaufte, und das von der Zahlung der Abgaben an das Schloß befreit wurde. Schöne steinerne Gebäude wurden aufgeführt, und mit allem wurde das Gut reichlich versehen. Dann übergab er es einem alten Bauern aus dem Dorfe zum Verwalten. Erst nach des Vaters Tode sollten die beiden Brüder den Freihof beziehen.
Der Erbe des Majorats hatte sich mittlerweile die junge Gräfin von Eckartsberg zur Gattin erkoren. Sie war eine blendend schöne Frau, aber so stolz! Hu, es schauerte einem, in ihrer Nähe zu weilen, ein solcher Eishauch ging von ihr aus. Sie hatte für uns Leute keinen Blick. Der Freiherr sah stillschweigend auf die Schwiegertochter, als wenn er im Innern die Wahl seines Sohnes nicht recht billigen könne. Aber Herr Udo war von ihrer Schönheit ganz geblendet und gab sich ihrem Einflusse willig hin. Schon immer war er ja selbst unfreundlich mit den Schloßbediensteten gewesen, jetzt achtete er unser gar nicht mehr.
Sein um zwei Jahre jüngerer Bruder Oskar bildete den schroffsten Gegensatz zu ihm. Schon äußerlich ähnelten die Brüder sich nicht. Während Udo klein und zierlich war, war Oskar von hohem Wuchs und hatte einen kraftvollen Körper. Er war unser aller Liebling und stets auf unser Wohl bedacht. Aber zuweilen konnte er doch sehr zornig werden! Vor allem duldete er nie den leisesten Widerspruch.
Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart und hing mit inniger Liebe an Oskar.
Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich nach Eckartsberg hinüberritt, um die schöne Gräfin Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine tiefe Zuneigung zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses Verhältnisses zu finden, war aber sehr schwierig, da sich bisher noch kein Tiefenbach ein Mädchen niederer Geburt zur Gattin erwählt hatte.
Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von der Ausführung eines Vorhabens durch Hindernisse zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber nach, wie er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten könne. So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine Neigung anzuvertrauen, ebenso oft verschob er das Geständnis auf eine günstigere Gelegenheit.
Da kam ihm das Schicksal entgegen.
Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe ich später wiederholt von Herrn Oskar selbst gehört, als er es seiner Tochter, der jetzigen Freihoferin mitteilte.
Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und forderte von ihm Rechenschaft. Der Vater der Geliebten war auf das Schloß gekommen und hatte dem Freiherrn mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes Oskar, so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten dürfe, da andernfalls seine Tochter zum Gespött der Leute werden würde. Er brauche es wohl kaum auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung des Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch ehre, aber er müsse es als Vater verhindern, daß auf den Namen seiner Tochter auch nur der Schein eines Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine Lage versetzen.
Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn, der seinen geraden und vornehmen Sinn hoch achtete. Aufmerksam hörte er das Geständnis seines Sohnes an, das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten, sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis jetzt zugewendet, durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund von neuem zu bezeigen. Dabei verfehlten die einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen Charakter der Geliebten schilderte, wie auch die männliche Festigkeit gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der er seine Bitte vorbrachte, nicht, einen tiefen Eindruck auf den Freiherrn zu machen.
Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein echter Tiefenbach war.
Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne um sich und sprach über Oskars Neigung und Bitte. Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde dafür zu zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz gebiete. Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch in Hütten werde der Adel der Gesinnung geboren, und er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen wisse, was er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde. Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen könne, so wäre es deshalb, weil dieser Schritt in der Familie noch nie getan worden sei, und er ihm die höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit sich halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis dahin möge Oskar sich gedulden und der Liebe seines Vaters vertrauen.
Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn auf die Stirn, dem, überwältigt von der tiefen Bewegung, die die gütigen Worte bei ihm hervorgerufen hatten, die Tränen in die Augen getreten waren.
Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert an der Leiche ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über die Felder unternommen. Beim überraschenden Auffliegen eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd gescheut und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise war er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben und von dem galoppierenden Pferde eine große Strecke geschleift worden. Und als es dann gelang, das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt vor.
Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause von neuem, »wir fühlten uns alle verwaist; es war, als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine düstere Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für sie vorüber sei.
Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in das Schloß eingezogen war, hatte ich bei ihr den Dienst als Zofe verrichtet. Es war dies eine schlimme Zeit für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf meine Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner Herrin doch niemals ein Wort der Anerkennung zuteil. Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich täglich und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine Arbeit zur Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich Tadel. Wie schmerzlich trafen mich die kränkenden Worte!
Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende zuneigte, und die letzten Leidtragenden von der Tafel aufgestanden waren und das Schloß verlassen hatten, forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in das Zimmer des Vaters zu begleiten.
Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und Oskar einmal hart an einander geraten würden. Aber zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied es Udo, den Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem er den Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh, immer herrischer und finsterer geworden und das Verhältnis der beiden Brüder zu einander immer gespannter.
Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene eintreten.
Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider Willen Zeuge sein mußte, unvergeßlich geblieben.
Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim Auskleiden behilflich gewesen war, war ich dabei, die starken Zöpfe aufzumachen, um das Haar zu kämmen und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das seidenartige Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern wie ein goldener Mantel umfloß. Da hörte ich, wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten. Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich, sie schien um einen Entschluß zu kämpfen. Dann stieß sie mir die Hände zurück und sprang zu der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich Stühle heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren, unerhörbaren Bewegung glitt sie sodann zu der Lampe vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch und schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte sie sich mir, beugte sich zu meinem Ohre nieder und raunte mir zu, daß ich mich nicht von der Stelle rühren solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand dicht hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar bang zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus Furcht, daß die Atemzüge meine Gegenwart verraten könnten.
Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen und entnahm diesem eine dicke Ledermappe, die er öffnete und deren einzelne Blätter er aufmerksam prüfte. Die beiden Brüder schauten ihm zu.
Nach einer Weile sagte Herr Udo:
»Das Testament des Vaters ist so geblieben, wie er es uns früher schon einmal vorgelesen hat. Überzeugt Euch davon, hier ist es.«
Mit diesen Worten reichte er es Herrn Oskar. Dieser öffnete das Blatt, sah flüchtig darauf und gab es sodann Egbert, der das Papier zusammenfaltete und es, ohne einen Blick hineingeworfen zu haben, zurück auf den Schreibtisch legte.
»Ihr erkennt also das Testament für richtig an?« fuhr der Freiherr fort.
Die Brüder bejahten.
Eine Pause trat ein, keiner rührte sich. Nur die hastigen Atemzüge der Frau Baronin vernahm ich.
Herr Udo hielt seine Augen auf die lederne Mappe gerichtet, als er langsam begann:
»Oskar, hast Du Dich schon entschlossen, wann Du die Bewirtschaftung des Freihofes übernehmen willst?«
»Ja,« klang es zurück, »noch heute.«
Das Gesicht des Freiherrn blieb bei diesen Worten unbeweglich.
Er wandte sich an den jungen, mädchenhaften Herrn Egbert und sagte:
»Ich brauche es wohl nicht erst auszusprechen, daß Dir, solange Du es wünschest, alles in bisheriger Weise zur Verfügung steht.«
Der Angesprochene schien verwirrt durch dieses Anerbieten. Er sah einen Augenblick vor sich nieder, dann sagte er:
»Du bist sehr gütig, Bruder. Aber ich gehöre ebenfalls auf den Freihof.«
Der Freiherr blieb regungslos.
»Wie Ihr wollt. Trefft Eure Anordnungen für die Überführung Euers Eigentums nach Euerm neuen Heim. – Noch eine Frage: Glaubt Ihr, noch einen Anspruch an mich zu besitzen, oder ist Euch das geworden, was nach des Vaters Willen und den Gesetzen Euch geziemt?«
Die Brüder erklärten sich für abgefunden.
Während dieser Worte waren die Herren aufgestanden. Der Freiherr und Herr Oskar standen einander gegenüber, hinter diesem stand Herr Egbert.
Sekunden vergingen, ohne daß einer von ihnen das Schweigen brach. Das Abschiednehmen schien allen schwer zu fallen.
Ich beobachtete Herrn Oskar; der volle Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht. Er dachte wohl an den teuern Toten, der an diesem Tische so oft gesessen hatte und dessen Wunsch es immer gewesen war, die Brüder einträchtig zu sehen.
Seine Blicke schweiften im Zimmer umher und hafteten bisweilen längere Zeit auf einem Gegenstand, ehe sie weiter glitten.
Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich gewachsenen Gehörn eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett, auf dem die vielen Pfeifen mit tönernen und hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander standen, der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle und die vielen Gegenstände aus Hirschhorn, – alle schienen ihn vertraulich zu grüßen wie einen alten, lieben Bekannten.
Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als wenn er der Tage gedächte, in denen er es als eine Gunst betrachtete, wenn er spielend in des Vaters Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am Schreibtische saß.
Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild, das dort über dem Tische in schlichtem Rahmen hing: das Bild des teuern Vaters, das ihn bereits gebeugt unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen wolle, seine Handlungen nicht von Verdruß und Eigensinn beherrschen zu lassen.
Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut.
Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des Mannes, der stets bestrebt gewesen, wohlzutun, und der den geringsten der Menschen nicht von sich gehen lassen mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen zu sein. Sie standen hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die sie beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete ihr Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben. So wollten sie seine Lehren in den Wind schlagen! Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie aus dem Leben gegangen.
Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte, trat Oskar mit raschen Schritten auf den Bruder zu, der zwischen Stuhl und Schreibtisch stand, und streckte ihm die Hand entgegen.
Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen des Bruders auf und sah ihm unverwandt in die Augen.
Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte, wie das Gesicht des Herrn Oskar unter diesem Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die Hand herab.
Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt:
»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar, bevor wir scheiden. Ich stehe vor Dir, als der Vertreter der Familie, als das Oberhaupt eines, wie Du weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen Wurzeln selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner hineinragen. Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren vor Augen standen, waren allzeit die Gunst ihrer gnädigen Landesherren, die Hochhaltung ihres fleckenlosen Namens und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter kämpften und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den Tiefenbachs die verschiedensten Naturen gesehen, aber es hat keinen unter ihnen gegeben, bei dessen Erwähnung die Nachkommen erröten müßten. Die Ehre stand ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen Geschlechts heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen des Namens sie selbst zu Opfern bereit finden muß. Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine Pflicht, Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen Traditionen vergessen mögest, damit auch die kommenden Geschlechter das Andenken ihrer Väter so rein finden, wie wir es vorgefunden haben!«
Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit zuweilen scharfer Betonung gesprochen. Am Schluß seiner Rede hatte er die Stimme erhoben.
Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem Bruder ins Gesicht. Er hatte die Herrschaft über sich vollkommen verloren, seine breite Brust bewegte sich in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar zu sprechen, aber die Sprache versagte ihm den Dienst. Endlich drangen zwischen den bebenden Lippen die abgerissenen Worte hervor:
»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen, mit denen Du mich, wie Du empfinden mußt, tief verletzest? Aber ich will selbst den Kern aus seiner Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich damit abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo freit, als dort, wo es bisher für einen Edelmann der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der von mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem Zuschauenden ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das zu tun, was man in früheren Zeiten zu unterlassen für richtig fand, wird einstmals gute Sitte, sofern es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch steht. So will es der Wandel der Zeiten und der Wille der Menschen, der ihren Tagen die Prägung gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen, den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms aufzuhalten. Mit Dir aber von dem zu sprechen, was mir ein Heiligtum ist, hieße, dies Heiligtum verunglimpfen. Ich werde meinen Vorsatz ausführen und niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere Tiefenbachs mögen meine Richter sein!«
Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden.
»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer Familie in den Schmutz ziehst!« schrie der Freiherr, mit der Faust auf den Tisch schlagend.
»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang es zurück, »schon viel zu weit hast Du dieses frevelnde Spiel getrieben. Ich trage in meinem Innern die unumstößliche Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt noch gebilligt haben würde, und nur der überraschende Tod ihn verhinderte, mir seinen Segen zu geben. Ich habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen Vorsatz ausführen will, und ich werde ihn ausführen!«
»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen Schritt zu verhindern, so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft zu entziehen, indem ich alle Bande, die uns bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für gelöst erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses gleichzeitig aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du bist nunmehr frei, wirf Dich in die Arme einer Dir …«
»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr Oskar, den die Wut sinnlos machte, indem er auf den Bruder eindrang.
»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine Handlungen nicht mehr ein! So mißbrauchst Du also den Platz, den Dir unser edler Vater soeben abgetreten hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus vornehmem Geschlecht so glückliche Tage beschieden sein werden, wie mir mit dem Weib aus dem Dorfe. Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte von den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich gebe Dir Dein Wort zurück. Aufgehoben sei alle Gemeinschaft zwischen uns und unsern Nachkommen, und ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem Spruche zu trotzen!«
Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin unbemerkt durch die Tür in das Zimmer getreten, das Haar offen und den Nachtmantel von den Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich, und ihre Augen funkelten vor Zorn.
»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen Menschen mit Hunden vom Schlosse hetzen! Rühr Dich doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie in ihren Ställen hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle doch, – Memme!«
Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus.
Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um das Zimmer zu verlassen. Egbert folgte ihm. Noch einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu dem Bruder:
»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig eine Teufelin!«
Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu.
Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam Bewegung in mich. Von einer wahnsinnigen Angst erfaßt, stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine Stellung gebot, vergessend, hing ich mich an Herrn Oskars Arm und flehte mit bebender Stimme:
»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von hier, und lassen Sie mich Ihre niedrigste Magd sein!«
Er blieb stehen und schaute sich nach mir um. Ich fühlte, wie seine Hand über meine brennende Stirn strich. Eine dunkle Binde schien sich auf meine Augen zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg; dann verlor ich das Bewußtsein.
In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag die Bewohner des Dorfes aus den Betten; – der westliche Turm des Schlosses war eingestürzt.
Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit statt. Die Wunde, die der Tod des Freiherrn geschlagen, war noch zu frisch, daß man laut gejubelt hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die Gäste und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. Und als der festliche Spruch verklungen war, den Herr Egbert auf eine fröhliche und glückliche Zukunft des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich der Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen sprach er mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme seines Herzens hätte folgen müssen und er fortan nicht bloß unter den Bauern sein Leben zubringen wolle, sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter Bauer genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, hätte eine tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem Schlosse aufgetan. In seiner Brust aber wohne kein Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung von der Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes und das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten würden ihn reich entschädigen. –
Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner Ehe das was er erhofft hatte in reichem Maße, denn mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem Freihof eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine zartsinnige Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen Jahren schien es, als wenn Oskar von Tiefenbach nie anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt habe; er war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt hatte und reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers sicheres und treffendes Urteil, seine vielseitige Bildung und nicht zuletzt sein biederer, freimütiger Charakter zog alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn die Dorfbewohner als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn sprach er nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder erfüllte seine Seele.
Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung den Freihof verlassen und war zum Hof des Kurfürsten nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn als Junker auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder und die Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter des Generals von Zeschau beizuwohnen.
Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe begrüßt, und Herr Oskar und Frau Martha trafen ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich sie begleiten sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden, und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis in mein hohes Alter getreulich gefolgt.
Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem Ferdinand die Hand fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden Jahre bescherte mir Gott ein wonniges Glück: ich genas eines Knaben, während mein Mann unter Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht. Wenige Wochen später drang die Kunde der Niederlage der Sachsen bei Kesselsdorf durch das Land. Alles war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind fest umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren und war eine Witwe von einundzwanzig Jahren.
Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin war eben vom Wochenbett aufgestanden. Kurz darauf warf eine hitzige Krankheit sie hart darnieder. Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich dem Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. Da die Krankheit nur langsam wich, stillte ich ihr Mädchen auch weiterhin.
Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen wuchs heran, und heute ist Konstanze von Tiefenbach Freihoferin. Sie war schon über die Vierzig hinaus, als sie sich vermählte.
Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die traurige Botschaft zu bringen, daß er kurz nacheinander Vater und Mutter hätte begraben müssen. Das Leben auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu seiner Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein Knabe und ein Mädchen entsprossen ihrer Ehe. Nun ist auch die Freihoferin alt geworden und hat ihrem Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen.
Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. Als junger Bursche schnürte er das Ränzel und zog viele Jahre in der Welt umher. Endlich war er müde geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden Italiens, mit großen, schwarzen Augen und einem Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte viel Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein.
Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst unter dem Rasen. Aber zurückgelassen haben sie mir doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte die Greisin, sich zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters!
Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler Jahre gedient und gute und böse Zeiten mit ihnen durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das Gnadenbrot, das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine Kräfte taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann den Tiefenbachs nicht mehr nützlich sein. Dafür ist Hermann aber an meine Stelle getreten. Er waltet auf dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.«
Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun schwieg sie erschöpft.
Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben einander. So ausführlich wie heute, hatte die Mutter lange nicht erzählt.
In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber zu dem Schlosse, in dessen Fenstern sich das letzte Abendrot spiegelte.
»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner schönen Frau geworden?« fragte er.
»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Auch die Geburt eines Sohnes konnte keine Besserung herbeiführen. Die Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb erfüllte sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr Udo mit seiner Gemahlin während des größten Teils des Jahres auf Reisen.
Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, die Baronin sei mit einem österreichischen Edelmann auf und davon gegangen. Verbittert und weltscheu ist er im hohen Alter gestorben.«
»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien nunmehr geschwunden?«
Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie:
»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria sind tief betrübt über die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; in den Leuten auf dem Freihofe aber lodert noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!«
Schweigend sah der Fremde wieder nach dem Schloß hinüber, auf das nunmehr die Dämmerung leichte Schatten warf. Niemand sprach ein Wort. Die gelbe Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig. Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen Buckel und sprang auf die Erde. Die nassen Stellen auf den Steinen sorgfältig vermeidend, lief es nach der Tür und verschwand dann im Hause.
Der bisher leichte Wind hatte sich verstärkt. Seine Kühle war während des Erzählens unbemerkt geblieben, jetzt aber begann den Fremden zu frösteln.
Langsam stand er auf, und mit ihm erhob sich der kleine Kreis. Er zog seine Börse, ein Gespinst von feinen Silberfäden, und entnahm ihr ein Geldstück.
»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »ich bin Euch vielen Dank dafür schuldig, daß Ihr meinen Wissensdrang nach der Geschichte des Schlosses und der Familie Tiefenbach so erschöpfend befriedigt habt. Nehmt diese Gabe und herzlichen Dank obendrein.«
Die Greisin wollte ihm wehren, aber er drückte ihr das Geld in die Hand.
Betroffen sah es die Alte an:
»Herr,« sagte sie, »Ihr habt Euch vergriffen, – einen Silbertaler …!«
»Nehmt ihn nur,« entgegnete der Fremde, »und betrachtet ihn aufmerksam, denn er trägt das Bildnis unseres allergnädigsten Königs Friedrich August.«
Die Greisin verneigte sich tief vor dem Fremden und würde ihm die Hand geküßt haben, wenn er sich nicht so schnell zur Tür gewandt hätte.
»Lebt wohl, Mutter Lehnhardt,« sagte er, »wir sehen uns heute nicht zum letzten Mal.«
»Ach,« fragte diese erstaunt, »dann führt den Herrn wohl der Weg hinauf auf das Schloß?«
Der Fremde war mittlerweile, zum Abschied grüßend, auf die Straße getreten und hatte sich zum Weiterschreiten gewandt, als er die Frage der Greisin vernahm.
Lächelnd wandte er sich noch einmal um und rief zurück:
»Auf das Schloß nicht, – auf den Freihof!«