4. Kapitel.
In den ersten Tagen des Monats Mai 1812 benachrichtigte Napoleon König Friedrich August durch einen Ordonnanzoffizier von seiner baldigen Ankunft in Dresden. Am 13. Mai überschritt der Kaiser in Begleitung seiner Gemahlin und umgeben von einem glänzenden Hofstaat in der Nähe von Plauen die sächsische Grenze, wo ihm der vom König entsandte Oberkammerherr von Friesen und General von Gersdorff namens ihres Monarchen ehrfurchtsvoll empfingen. Der König und die Königin selbst erwarteten den hohen Gast in Freiberg. Infolge der zahlreichen Huldigungen, die dem Kaiser auf der Fahrt von den Behörden dargebracht wurden, verzögerte sich seine Ankunft, und die Folge war, daß der König sich am Abend kaum zur Ruhe begeben mochte und nur mit vieler Mühe bewogen werden konnte, sich einige Stunden Schlafes zu gönnen. Gegen Morgen traf das Kaiserpaar in dem Städtchen ein, dessen Bewohner während der ganzen Nacht auf den Beinen geblieben waren. Die ersten Schimmer des anbrechenden Frührots mischten sich mit der festlichen Beleuchtung der Stadt.
Am Abend dieses Tages hielt der Kaiser unter dem Geläute der Glocken seinen Einzug in Dresden. Die märchenhafte Beleuchtung dieser schönen Stadt und des lieblichen Elbtales während der Kaisertage übertraf selbst alle derartigen Schauspiele, womit der verschwenderische, prunkliebende Kurfürst August der Starke seine Residenz einst verwöhnt hatte.
Außer dem Kaiser und der Kaiserin von Österreich hatten sich zahlreiche Fürstlichkeiten, hohe Offiziere und Staatsmänner in der sächsischen Landeshauptstadt eingefunden. Glänzende Feste wurden veranstaltet, von denen jedes eine rauschende Huldigung des Allgewaltigen zum Mittelpunkt hatte. Es waren Tage der verschwenderischsten Prachtentfaltung, des höchsten Glanzes.
Die deutschen Fürsten übertrafen sich gegenseitig in der Begierde, einen Gunstbeweis von dem Kaiser zu erhalten, und wenn er einen von ihnen ausgezeichnet hatte, sah dieser stolz auf die, die sich noch immer um einen gnädigen Blick des Gefürchteten bemühten.
Napoleon hatte den Gipfel seiner Macht erklommen.
Nur ein einziger von Deutschlands Fürsten ließ sich von dem Strahlen des Kaiserlichen Gestirns nicht blenden; es war der König von Preußen, der gebeugt und düster durch die Versammlung schritt. König Friedrich August von Sachsen wich seinem Blick aus, und mit Ängstlichkeit mied ihn der Kreis der Fürsten. Der Kaiser bemerkte dies mit freudiger Genugtuung, die aber bald großem Verdrusse Raum gab, als er hörte, welch teilnehmende Hochachtung die Dresdner Bevölkerung dem preußischem König entgegenbrachte, während ihn, den Kaiser, überall nur Neugierde und das dumpfe Schweigen des Grolls empfing.
Am 29. Mai verließ Napoleon Sachsens Hauptstadt, um das Kommando der Armee zu übernehmen. König Friedrich August war, um den Abschied von dem erhabenen Gast nicht zu versäumen, so besorgt, daß er nicht wagte, zu Bett zu gehen, sondern die Nacht im Stuhle verbrachte. Zuletzt hätte er den richtigen Augenblick beinah noch versäumt, doch gelang es ihm, dem Kaiser noch bei seinem Hinabschreiten auf der Treppe mit flüchtigen Worten Lebewohl zu sagen.
Eine verzehrende Unruhe lastete wie ein schwerer Druck auf dem sächsischen Volke. Der Sommer verging, der Herbst nahte und entschwand, und bald brauste der Winter mit fürchterlicher Strenge ins Land, und man gedachte mit banger Besorgnis derjenigen, die weit entfernt von der Heimat in den unendlichen Schneefeldern Rußlands ihr Leben für die Laune des verhaßten Despoten wagen mußten.
Anfänglich hatte man genügend Nachrichten von der Armee erhalten: die Kunden der Schlacht bei Smolensk und bald darauf des fürchterlichen Gemetzels von Borodino bewiesen, daß die Russen sich ihrer Angreifer wie Rasende erwehrten. Dann verstummten alle Nachrichten lange Zeit, und ihr Ausbleiben verschärfte die Qualen, die die daheim erlitten. Plötzlich leuchtete es an dem dunkeln Himmel wieder auf. Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte ganz Europa: die Kunde des Brandes von Moskau drang herüber. Aber die Sorge um den Einzelnen war kaum noch wach, in langen, kummervollen Nächten hatte man sich schon für den Verlust getröstet, mit der Hoffnung, daß dem teuern Sohn ein schmerzvoller Tod erspart geblieben sein möge. Nur schwach glimmte noch in mancher Menschenbrust der Funke der Hoffnung auf ein irdisches Wiedersehen.
Nach dieser Nachricht war wieder Grabesstille. Die ungeheure Armee, deren lärmender Durchzug tagelang gedauert hatte, mit ihren tausend Kanonen und dem nicht endenwollenden Troß, war verschwunden, als wenn sie der Erdboden verschlungen hätte. Schmerzvolles Erwarten, atemloses Aufhorchen, banges Fragen, – – nichts, keine Nachricht. Alles still, als wenn tiefster Friede im Lande herrsche! Nur die östlichen Winde trugen etwas herüber wie Leichengeruch, als ob sie über einen unermeßlich großen Friedhof mit offenen Gräbern gestrichen wären, und aus ihrem Heulen und Brausen klang es wie erstickte Schmerzenslaute und gestammelte Gebete.
So ging man dem Weihnachtsfeste des Jahres 1812, dem heiligen Feste der Liebe und des Friedens entgegen.
Wie hatten doch immer zu dieser Zeit die Herzen höher geschlagen! Noch im vorigen Jahre hatte die Freude alle Gemüter bewegt. Wenn auch genug des Herzeleids die Welt erfüllte, und die dunkle Zukunft viel Schweres in sich bergen mochte, man war vereint, fühlte sich glücklich und war zufrieden mit dem Wenigen, was das gefräßige Kriegsungeheuer einem gelassen hatte.
Aber in diesem Jahre wollte die Herzen kein wonniges Gefühl erwärmen, keine freudige Erwartung erhob die Gemüter.
Alle schlichen scheu umher. Man vermied es, den Nachbar, den Freund zu trösten, in der Besorgnis, den eigenen Kummer zu wecken, zu vergrößern. Ja man wagte zuletzt nicht mehr, zu fragen, aus tötlicher Angst, daß das Entsetzliche sich offenbaren könne.
Ein fürchterlicher Alp lastete auf jeder Menschenbrust, und die Seelen durchzitterte tiefster Schmerz.
Da lief plötzlich ein Raunen durch die Gassen der sächsischen Lande. Zuerst ging das Gerücht wie ein Windhauch. Jeder lieh ihm das Ohr und verstummte jäh vor der entsetzlichen Kunde, unter der sich das Herz krümmte. Dann wurde das Gerücht lebhafter, laut, wuchs zum Lärm an und donnerte endlich wie eine Lawine vor dem Orkan über das hartgeprüfte Volk. Die schwache Hoffnung, die sich im Innern der Stärksten tief verborgen noch erhalten hatte, erlosch in einem einzigen Augenblick. Tötlicher Schrecken lähmte die Glieder und raubte dem Geist den letzten Rest seiner Spannkraft: die riesengroße, stolze Armee war vernichtet! Alles was das russische Blei verschont, der Säbel der Kosaken nicht niedergehauen, der Huftritt ihrer Rosse nicht zerstampft, bei dem Überschreiten des zugefrorenen und halb aufgetauten Dniepr nicht umgekommen, oder bei dem gräßlichen Übergang über die Beresina nicht zerdrückt, zertreten, zwischen den Eisschollen zerquetscht worden war, – lag erstarrt auf den endlosen Eisgefilden. Wie durch ein Wunder, hieß es weiter, hätten sich wenige Tausend gerettet, deren Rückzug sich so gestaltete, daß er in der Geschichte der Kriegsleiden seinesgleichen nicht haben sollte.
Wie ein Feuerstrom ging es von Herz zu Herz; die Unterschiede in den Rangstufen der Menschen schienen aufgehoben. Alle waren nur von dem einen Gedanken beseelt, den zurückkehrenden Unglücklichen die Hände zu reichen. Aber der Wunsch war stärker als die Tat. Große Vorbereitungen konnten nicht getroffen werden, die Hast ließ keiner Überlegung Zeit, und die Kopflosigkeit zerstörte oft wieder das schon bedacht Geschehene. Der Schrecken hatte die Gemüter verwirrt.
Und dann kamen die Trümmer der Armee Napoleons!
Der Hunger hatte die des Weges nur noch Wankenden fürchterlich abgemagert. Unter der schlaffen, farblosen Haut ragten die Backenknochen, das Bein der Nase aus dem hohlen Gesicht schauerlich hervor, und das Haar hing wirr von der Stirn herab. Die Lippen dieser Unglücklichen waren ausgetrocknet, und aus den eingefallenen, matten Augen drang gänzliche Teilnahmlosigkeit, grinste stiller Wahnsinn. Jeder Schein militärischen Ansehens war von ihnen geschwunden. Ihre Füße waren oft nur mit Lumpen oder Stroh umwickelt, die spärlichen Kleider in Fetzen, und um die Blöße des Körpers notdürftig zu bedecken, hatte mancher um die fleischlosen Schultern nur den Rest eines alten Mantels oder ein erbetteltes Tuch geschlungen.
So kamen sie daher, ohne Waffen und kaum fähig sich weiter zu schleppen, das Zeichen furchtbarer Leiden auf der Stirn und dort, wo sie einkehrten, ansteckende Krankheiten verbreitend. Und doch waren es die, die kaum vor Jahresfrist in stolzer Siegeszuversicht ausgezogen waren.
Die Garde du Corps bestand nur noch aus 7 Offizieren und 4 Mann, und von den frischen, kecken Zastrows kehrten 13 Offiziere und 3 Gemeine in das Vaterland zurück.
Und er, der unter dem gewaltigen Schlage des Himmels hätte zusammenbrechen müssen, prahlte in Dresden Sachsens König gegenüber mit seinen unerschöpflichen Hilfsquellen und setzte nach kurzem Aufenthalt, einen Gassenhauer trällernd, in einem schnell auf Schlittenkufen gestellten Wagen der Königin am 17. Dezember seine Weiterreise über Leipzig nach Paris unerkannt fort.
***
Am 9. Januar 1813 trafen die ersten dieser Unglücklichen in Leipzig ein. Ein Teil von ihnen, der auf südlicheren Straßen marschiert war, berührte auch Rehefeld. Fast in jedem Dorfe, das diese Trupps passierten, mußten einige der Schwächsten zurückbleiben. Die Bevölkerung wetteiferte in der Aufnahme und Pflege der Soldaten, ohne darauf zu sehen, ob sie einen Deutschen oder einen Franzosen im Hause hatten. Alle waren sie Unglückliche!
Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte sich reicher Schneefall eingestellt, dem starke und anhaltende Kälte folgte. Die Jammergestalten konnten sich kaum noch weiterschleppen, denn ringsum waren die Straßen verschneit, und der scharfe Nord drang schneidend durch die dünnen, zerrissenen Kleider der Ärmsten. Auch die Mutigsten von ihnen wollten jetzt nicht mehr weiter und nahmen mit Freudentränen die Aufforderung zum Bleiben ohne Zögern an. Fast jedes Haus in Rehefeld hatte unter seinem Dache einen der Fremdlinge, und selbst die Ärmsten der Bewohner teilten mit ihrem Gaste freudig die kärgliche Nahrung. Aber es bedurfte nicht vielem, um die Soldaten zufrieden zu sehen. Die Ruhe tat den von langem Marschieren im Schnee wundgewordenen Füßen wohl, und es widerfuhr ihnen schon ein großes Glück, wenn sie nach langen Qualen und Entbehrungen die starren Glieder auf weichem Lager und in wohltuender Wärme ausstrecken konnten.
Da brach, wenige Tage nach ihrem Eintreffen, unter den Angekommenen eine Krankheit aus, die sich rasch verbreitete und von der auch einige der Dorfbewohner ergriffen wurden.
Die Krankheitserscheinungen waren ernst. Man riet deshalb nicht lange, sondern schickte einen Wagen nach Leipzig hinein, um ärztliche Hilfe zu holen. Noch an demselben Abend kamen zwei Militärärzte an, die sofort mit der Untersuchung der Kranken begannen. Unermüdlich gingen sie von Haus zu Haus; überall begegneten ihnen die gleichen Krankheitserscheinungen. Nach kurzer Beratung erklärten die Ärzte dem sie begleitenden Ortsvorstand, daß die fiebernden Soldaten an Typhus erkrankt seien und nicht länger in den Häusern bleiben dürften, sondern daß für sie ein paar große Räume als Spital herzurichten seien. In seiner Bestürzung eilte der alte Mann auf den Freihof, wo er am ehesten Rat und Beistand zu finden hoffte.
Die Tiefenbachs waren noch wach. Sie beherbergten selbst drei Soldaten, die ebenfalls von der Krankheit befallen waren und in heftigem Fieber lagen.
Max ließ sofort seine Leute wecken und sandte sie im Dorfe herum, um einige der Entschlossensten herbeizuholen.
Nach Verlauf einer halben Stunde waren sieben oder acht Bauern versammelt. Die Ärzte, die die angebotene Unterkunft auf dem Freihofe angenommen hatten, beschrieben die Anforderungen, die an die Krankenzimmer gestellt werden müßten und gaben Unterweisungen für die Überführung der Kranken.
In kurzer Zeit einigten sich die Männer dahin, daß der große Tanzsaal des Gasthofes und das dicht daneben stehende Schulhaus für die Kranken eingerichtet werden sollten. Der Lehrer und seine Familie mußten während dieser Zeit bei einem Bauern Unterkunft bekommen. Sollten diese Räume nicht ausreichen, so würde man den Freiherrn um Aufnahme einiger Kranken im Schloß bitten.
Am andern Morgen, als die Sonne blutigrot am Himmel heraufzog, und ihre Strahlen die eisige Kälte noch fühlbarer machten, begann man damit, die zur Aufnahme der Kranken ausersehenen Räume herzurichten. Von allen Seiten brachten die Leute das im Hause Entbehrliche herangetragen; dieser die Bretter eines alten, wurmstichigen Bettes, die viele Jahre verstaubt und vergessen auf dem Dachboden gestanden hatten, jener einen Strohsack, der rasch mit weichem Haferstroh frisch gefüllt worden war. Ein Dritter gab zwei wollene Decken, wieder einer ein Deckbett, das noch warm war, da es in der verflossenen Nacht ihm selbst gedient hatte, und zwei Kissen dazu. Ein anderer erklärte, daß er und sein Weib unter Decken nicht frieren würden, und er gab alles, was sie an Betten besaßen. Die Hofbesitzer und die großen Häusler trugen fast jeder ein vollständiges Bett herbei, und vom Freihof kam ein zweispänniger hochaufgepackter Wagen, von dem man vier Bettstellen und ebensoviel Strohsäcke und Federbetten ablud. Keiner wollte zurückstehen von der Erfüllung des Liebeswerkes und wenn es der Ärmste war. Etwas hatte jeder, wars auch nur eine geringe Gabe.
In wenigen Stunden waren die Räume soweit instand gesetzt, daß man daran denken konnte, die kranken Soldaten aus den einzelnen Häusern in ihr neues Heim zu schaffen.
Man zählte: dreiundzwanzig Kranke sollten es sein, und neunundzwanzig Betten standen bereit. Gottlob! Soweit war alles geglückt, das Hospital war fertig. Der Tanzsaal allein konnte zwölf Kranke aufnehmen, und die übrigen fanden in den beiden Gastzimmern daneben und im Schulzimmer Unterkunft.
Gegen Mittag brachte man die Kranken von allen Seiten heran. In Decken und Betten gehüllt, wurden sie vorsichtig bis zum Gasthof gefahren; aus den näher liegenden Häusern trugen sie die Einwohner dahin.
Alles beteiligte sich daran. Die beiden Ärzte waren vorher emsig von einem Haus in das andere geeilt und hatten die letzten Anordnungen für den Transport gegeben. Nun standen sie inmitten der frischen Betten und überwachten das sorgsame Hineinlegen der Kranken. Ein Neugeborenes kann nicht zärtlicher und liebevoller von seiner Mutter in den Arm genommen werden, wie mit den Soldaten die Rehefelder verfuhren, und die Kinder trugen den mit ihrer Bürde behutsam Dahinschreitenden die wenigen und armseligen Kleidungsstücke nach.
Das Mitleid mit den Unglücklichen hatte die ganze Einwohnerschaft ergriffen, und man suchte in der Betätigung für die Notleidenden einander zu übertreffen.
Unter denen, die sich von den frühesten Morgenstunden ab um das gute Gelingen des Werks bemüht hatten war auch Max.
Nachdem er mit seiner Mutter kurz besprochen hatte, was sie an Betten und Gerätschaften beisteuern konnten, war er hinüber nach Zehmen geritten. Die Militärärzte hatten erklärt, daß sie nicht länger bleiben könnten, da ihre Hilfe in dem mit Kranken überfüllten Leipzig nur allzu dringend gebraucht würde. Aus diesem Grunde war er zu dem in diesem Dorfe wohnenden Arzt geeilt, der freilich schon seit Jahren infolge hohen Alters seinen Beruf nicht mehr regelmäßig ausübte, um ihn um seinen Beistand für die jetzige Zeit der großen Not zu bitten. Er fand den Greis im Bette liegend und krank, so daß dieser ihm nur ein paar Ratschläge mit auf den Weg geben konnte und in Aussicht stellte, nach einigen Tagen selbst einmal nach den Kranken zu sehen.