Fünftes Kapitel
In diesen Apriltagen wurde in dem dunkeln Hause in der kleinen Brüdergasse ein Fest begangen: das Marschallsche Ehepaar war vierzig Jahre verheiratet.
Im allgemeinen feierte man in der Biedermeierzeit wenig. Die sprichwörtliche Einfachheit war glänzenden Gastereien abhold. Selbst die Wohlhabendsten liebten nur prunklose Geselligkeit. Aber die hohen Familienfeste wurden doch sehr beachtet.
Der Abend dieses Tages sah bei Marschalls eine größere Anzahl von Freunden und Gevattern vereinigt. Auch Kurt Allmer befand sich unter den Eingeladenen.
Das innerliche Zerwürfnis des jungen Offiziers war im Laufe des Winters immer mehr gewachsen. Seine Besuche im Hause des alten Kriegsrats hatte er freilich mit peinlicher Regelmäßigkeit innegehalten. Kurt empfand, daß sein Herz noch ebenso laut für Ursula schlug, als beim Erwachen seiner Liebe zu ihr. Dennoch waren seine Versuche vergebens gewesen, sich von dem Einfluß zu befreien, den Valentine Marschall auf ihn ausübte. Sein Verhältnis zu ihr war im Gegenteil immer vertrauter geworden.
Diese Unschlüssigkeit bedrückte ihn zuweilen recht schwer. Hier erfüllten ihn der glänzende Geist und die ruhige Sicherheit eines jungen Weibes immer wieder von neuem mit Bewunderung, – dort sah er, abgeschieden von jeder Geselligkeit, ein stilles Mädchen von unerschöpflicher Herzensgüte und mit allen sonstigen Eigenschaften eines wahrhaft edlen Frauengemüts.
So war Kurt Allmer zum Zweifler und Träumer geworden.
Die großen Stuben der Marschallschen Wohnung waren mit Gästen gefüllt, unter denen sich Valentine mit natürlicher Ungezwungenheit bewegte. Ihre reife Gestalt umschloß ein schmuckloses, weißes Kleid, und das zu einem einfachen Knoten geknüpfte, üppige Haar erhöhte die Wirkung ihres ausdrucksvollen Kopfes. Kurt saß abseits in einer Ecke des Zimmers und beobachtete, wie Valentine von einer Gruppe zur andern ging. Wenn sie mit den Gästen sprach, wußte er, daß sie mit Sicherheit für jeden die richtigen Worte fand. Valentine würde nach seiner Überzeugung in einer großen und glänzenden Gesellschaft wahrhafte Triumphe feiern. Für diesen schlichten bürgerlichen Kreis aber erschien sie ihm zu vornehm.
Endlich stand Kurt auf und mischte sich unter die Gäste.
Die Ausstattung der Marschallschen Wohnung war wie in allen bürgerlichen Häusern recht einfach. Die meisten Stuben waren blau oder weiß getüncht. Nur die Wände der beiden besten Zimmer waren seit kurzem mit großblumigen Papiertapeten beklebt, deren Muster – nach dem Urteil der heutigen Zeit – greuliche Geschmacklosigkeit verrieten. Übrigens galt Tapete als unerhörter Luxus. In der guten Stube war sogar eine kornblumenblaue Rosette inmitten einer knallroten Rosenranke in die Mitte der weißen Decke gemalt. Diese ungewöhnliche Verschönerung wurde allseitig beachtet.
Die Möbel bestanden aus Kirschbaumholz. Nur ein kleiner Schreibtisch war von Mahagoni. Auf ihm ruhten viele neidische Blicke.
An den Wänden hingen gute Kupferstiche in einfachen, schwarzen Rahmen und einige tollgemalte Ölbilder. In der guten Stube standen auf Wandbrettern nickende Chinesen und sonstige Porzellanfiguren, daneben Tassen, die rührende Inschriften besaßen. Ein kleiner Tisch trug das übliche Potpourri: eine große Vase, gefüllt mit Rosenblättern und süß duftendem Lavendel. Auch ein umfangreicher Glasschrank war vorhanden. Diese Servante barg zierliche, gläserne Figuren, schöne Tassen, silberne Leuchter – der Familienschatz! – und die Patengeschenke.
Jetzt betrat Kurt das hinterste Zimmer, in dessen Mitte ein runder, einbeiniger Tisch stand. Auf ihm waren Berge von Butterschnitten aufgehäuft; dazwischen befanden sich Teller mit kaltem Aufschnitt. Ein paar Damen halfen der Hausfrau, die Herrlichkeiten so zu ordnen, daß sie schon durch das Auge den Gaumen reizten.
»Meine liebe, gute Marschall,« hörte Kurt eine steinalte Dame sagen, »ich sehe, daß Sie heute recht leichtsinnig gewesen sind. So viel aufzutragen! Hier ist Wurst und da ist Wurst, drüben Käse und hüben Schinken, ja, in der Mitte sogar kalter Braten und – Russischer Salat … O, o! meine Liebe! Na, für heute sei Ihnen Nachsicht gewährt. Man ist nicht alle Tage vierzig Jahre verheiratet. Aber an unsern gewöhnlichen Gastabenden bleibt es bei drei Zulagen und an den Familienfesttagen bei vier. Jede Schüssel darüber kommt unweigerlich unter den Tisch. Mit unserer guten, alten Sitte wollen wir nicht brechen!«
Zur Bekräftigung dieser Worte sah sich die greise Sprecherin nach allen Seiten bedeutungsvoll um. Und die alten und jungen Frauen nickten ihr ernsthaft zu, und es bestand unter allen Übereinstimmung.
Der eiserne Druck, der bis zu den Freiheitskriegen auf Sachsen gelegen, hatte seine wirtschaftlichen Verhältnisse ärger zerrüttet, als die des übrigen Deutschlands. Überall befleißigte man sich großer Sparsamkeit. Die Mittel der Hausfrauen zum Wirtschaften waren außerordentlich gering. Und doch mußten sie auskommen! Sie knapsten, wo sie konnten, und die Tüchtigen unter ihnen verstanden es sogar, im Laufe des Monats noch einige Schwenzelpfennige gut zu machen, wofür sie die Ihrigen an Geburtstagen beschenkten. Das Essen war damals in ganz Sachsen schlecht. Der Dresdner aber galt als der geistigste Esser. –
Da wurde Kurt plötzlich von hinten angesprochen. Es war die im Hause lebende Schwester von Frau Marschall, ein kleines, rundliches Fräulein, das von jedermann Friedchen genannt wurde. Friedchen plauderte viel, lachte gern und war überaus harmlos. Feinde hatte sie nicht. Nur gab es etliche, die behaupteten, Friedchens Gedankenspeicher müsse ganz und gar verbaut sein. Mehr sagten diese Spötter nicht.
»Sie scheinen sich zu langweilen, Herr Leutnant,« versetzte Friedchen vorwurfsvoll. »Finden Sie nicht, daß himmelblaue Schleifen Bürzelchen besser stehen als rosenrote?«
Kurt nickte zustimmend. Bürzelchen war der wie ein Kind auf ihrem Arm ruhende, sehr häßliche Zwergmops mit doppelt gespaltener Nase und Friedchens unzertrennlicher Begleiter.
»Kommen Sie doch in die gute Stube zu uns jungen Leuten,« sagte das fünfzigjährige Mädchen. »Wir spielen Blindekuh und Kämmerchenvermieten. Ach, wie reizend wäre es, wenn Sie sich einmal auf den Mokierstuhl setzten!«
Kurt mußte lächeln und wollte irgend etwas Nichtssagendes erwidern. Aber Friedchen kam ihm zuvor. Das war überhaupt ihre Stärke, daß sie sich stundenlang mit jemand unterhalten konnte, ohne daß der andere einmal zum Wort kam.
»Nein, Herr Leutnant,« rief sie begeistert, »was ich jetzt lese! Dieser göttliche Fouqué! Seine Romane übertreffen an Natürlichkeit selbst das Leben. O Gott, wie entzückend er doch schreibt! Wie ästhetisch, nein, wie gefühlvoll!«
Dazu warf sie einen schmachtenden Blick zur Decke und drückte den Mops fest an sich. Kurt mußte sich das Lachen verbeißen.
»Gestern habe ich mir wieder vier seiner Bücher aus der Leihbibliothek geholt,« fuhr sie fort, »und die letzte Nacht durchgewacht und im Bett gelesen. Gerade als die Kerze niedergebrannt war, hatten sie sich. Nein, wie wundervoll!«
Da trat Valentine heran.
»Tante,« sagte sie, »du sollst jetzt Blindekuh sein, alle wünschen es.«
Damit drängte sie das dicke Fräulein mit dem schläfrig dreinblickenden Mops sanft fort.
»Ich gehe ja schon,« sagte Friedchen eilfertig. »Aber Herr Leutnant, bevor Sie uns heute verlassen, müssen Sie sich noch in mein Stammbuch einschreiben.«
Kurt versprach es.
»Warum so einsam?« fragte Valentine, als sie allein waren. »Wollen Sie nicht mit nach den vorderen Stuben kommen?«
Kurt sah eine Sekunde lang in die schönen, grauen Augen des Mädchens, deren Blick ruhig auf ihn gerichtet war.
»Am liebsten möchte ich, wir beide wären allein, Fräulein Valentine,« sagte er leise.
Valentine stand unbeweglich. Der warme Ton seiner Worte hatte sie getroffen. Kurt fühlte es. Aber er konnte nicht erraten, welche Gedanken das Mädchen erfüllten. Da griff er heimlich nach ihrer Hand. Ein heißer Strom drang ihm zum Herzen, als er merkte, wie ihm die Hand nicht entzogen ward.
»Valentine,« flüsterte er.
Ein weicher Zug trat in das herbe Gesicht des Mädchens. Aber sie blieb stumm. Nur ihre glänzenden Augen schienen größer zu werden.
»Valentine,« wiederholte Kurt, und es war ihm, als wenn sie seinen Händedruck fast unmerklich erwidert hätte.
Da erwachte Valentine wie aus einem Traum. Sie fühlte, daß sie nahe daran gewesen war, ihre Umgebung und sich selbst zu vergessen. Sanft entzog sie dem jungen Mann ihre Hand, richtete sich hoch auf und sprach in ihrer kühlen Weise:
»Wir wollen zu den Herren gehen, Herr Leutnant. Dort werden Sie besser aufgehoben sein, als bei den Spielenden.«
Dieser Ton rief Kurt wieder zu sich. Valentine bemerkte, wie er errötete, und blickte zur Seite.
»Kommen Sie, Herr Leutnant,« sagte sie noch einmal.
Da ging er an ihrer Seite aus der Stube, und sie führte ihn in das Herrenzimmer.
Hier war der lange Tisch voll besetzt, und die angeregte Unterhaltung drehte sich wie immer um die Politik. Die Luft war mit Rauch angefüllt, daß alle Anwesenden wie in Nebel getaucht erschienen.
Kurt setzte sich auf den Stuhl, der für ihn herangeschoben wurde, und hörte schweigend auf das Gespräch. Valentine hatte sich neben ihn gesetzt.
»Befehlen der Herr Leutnant?« hörte er neben sich eine leise Stimme. Und wie er aufsah, stand der Korporal Mißbach mit einem gefüllten Bierglas da und stellte es vor ihn auf den Tisch.
Immer wieder dieser Mißbach, dachte Kurt. Es war ihm immer unangenehm gewesen, wenn er den Korporal bei Marschalls gesehen hatte. Er kannte zwar Mißbachs Verhältnis zum Hause und schätzte ihn wegen seiner Brauchbarkeit im Dienst. Aber das wiederholte Zusammentreffen mit dem Korporal in der Marschallschen Familie bereitete ihm Unbehagen. Dieses Gefühl hatte er gleich am ersten Abend gespürt, als er hörte, wie Valentine den Korporal duzte.
Valentine richtete leise eine Frage an Mißbach. Kurt sah, wie sich dieser täppisch-vertraulich zu dem Mädchen niederbeugte und ebenso leise erwiderte:
»Deine Mutter ist bei den Damen in der hintern Stube.«
Darauf nickte Valentine befriedigt, und der Korporal entfernte sich, mit seinen großen, knarrenden Stiefeln so vorsichtig auftretend, wie er es vermochte.
Mißbach nennt das Fräulein ebenfalls Du? dachte Kurt. Da empfand er einen bitteren Geschmack auf der Zunge und sah geflissentlich an Valentine vorbei nach dem Sprechenden hin.
»Ich will ja zugeben,« rief Musikdirektor Röckel, »daß das Märzministerium einen schweren Stand hatte. Aber Pforten und Oberländer hätten die Sache nicht so schnell hinwerfen dürfen. Das waren doch Kerle! Und was haben wir an ihrer Statt bekommen? Dieser Beust! Den hätten sie auf seinem Gesandtenposten in London ruhig lassen sollen. Und Rabenhorst? – Rabenhorst ist ein Vertreter der schärfsten Reaktion und hält immer die Hand erhoben, mit der er die Bajonette, wenn's gilt, heranwinken wird.«
Kurt empfand bei diesen Worten Unbehagen. Der Angegriffene war seit kurzem Kriegsminister.
»Gemach,« versetzte Hofbaumeister Semper, »es muß am Ende doch gehen, wie das Volk will. Um seinetwillen ist die Regierung da, nicht umgekehrt.«
»So ist es richtig,« warf Advokat Minkwitz ein. »Wenn's anders wär', wozu hätten wir dann die konstitutionelle Verfassung?«
»Was fragen die Regierenden lange nach den verfassungsmäßigen Rechten des Volks,« rief Röckel mit heiserer Stimme und lachte spöttisch dazu. »Die Fäden der Politik sind durcheinander geworfen, sage ich, und dieser Knoten läßt sich nicht wieder auffitzen. Wir müssen ihn eben zerhauen!« Dazu schlug er mit der Faust auf den Tisch.
Von mehreren Seiten wurde diesen Worten zugestimmt.
»Nicht unüberlegt handeln, Freunde,« sagte der Hausherr mit Mäßigung. Denn Advokat Marschall, das wußte Kurt, war ein Feind jedes ungesetzlichen Mittels, die Forderungen der Demokratie durchzusetzen.
»Der Beschluß des Reichsparlaments,« fuhr Marschall in seiner ruhigen Weise fort, »den König von Preußen zum Deutschen Kaiser zu krönen, bildet, wie ihr wißt, den Hauptteil unseres Programms. Warten wir erst ruhig ab, ob die Fürsten sich untereinander einigen werden. Es muß ihnen schließlich doch selbst daran gelegen sein, ihre Länder unter dem Schutz eines machtvollen deutschen Kaisertums zu regieren!«
Die Gemäßigten stimmten lebhaft bei.
»Nein!« rief Röckel wütend, »die deutschen Fürsten neiden dem vierten Friedrich Wilhelm die Würde und spinnen heimlich Intrigen gegen das Parlament. Spricht man nicht schon davon, daß sie es mit bewaffneter Hand sprengen wollen?«
»Unsinn!« warf Professor Richter ein, der Chefarzt des Klinikums.
»Doch, so ist es!« schrien mehrere Stimmen durcheinander.
»Am Ende besitzen wir doch kein Recht dazu, den Fürsten eine Entschließung aufzudrängen,« sagte Advokat Marschall.
Da sprang Hofbaumeister Semper erregt in die Höhe und beugte sich weit über den Tisch.
»Keine Berechtigung, sagst du? Die Menschheit darf ihre unveräußerlichen Güter fordern, wenn die Machthaber sie ihnen vorenthalten. Alle Völker ringsum haben sich ihre Einheit errungen, wir allein sind noch elend zersplittert. Ohne festen Zusammenschluß um einen kraftvollen, alle Fürsten überragenden Kaiser kommen wir Deutschen nun einmal nicht vorwärts! Jahrhundertelang haben unsere Stammesbrüder gegen sich gekämpft und den Spott des Auslandes auf sich gezogen. Jetzt ist das Wunderbare geschehen, daß das ganze deutsche Volk sich eint und wieder einen Kaiser haben will, einen Kaiser, der die Zügel der Regierung in starke Hände nimmt und uns endlich aufwärts führt. Und da treten uns die Fürsten entgegen,« – hier schlug die Stimme des Sprechenden vor Ergriffenheit um – »da kommen die Fürsten und sagen: Nein, wir wollen nicht, wir wollen selbständig bleiben, weil ein Kaiser unserer Macht Abbruch tut …«
Hofbaumeister Semper konnte nicht weitersprechen. Seine Augen waren mit Tränen gefüllt. Von tiefer Bewegung übermannt, setzte er sich nieder.
Ebenso wie Advokat Marschall, galt Professor Richter als Vertreter der gemäßigten Partei unter den Demokraten. Deshalb machte es auf die Zuhörer Eindruck, als er jetzt mit tiefem Ernst sagte:
»Semper spricht wahr! Das Volk hat ein Recht darauf, seine Einheit zu fordern, und die Fürsten dürfen sich seinen Wünschen nicht entgegenstellen. Das wäre Verrat am großen deutschen Vaterland! Das Wohl des Volkes steht über den Wünschen der Herrschenden, ihren Dynastien Fortdauer und Machtstellung zu sichern. Doch vermag ich nicht daran zu glauben, daß sich die Fürsten der Kaiserwahl widersetzen sollten. Denn solange der Kaiserthron auf sicheren Füßen steht, wanken auch die kleinen Thronstühle nicht.«
Professor Richter hielt im Sprechen inne und sah sich nach allen Seiten bedeutungsvoll um. Dann fuhr er fort:
»Der Widerstand liegt aber weniger bei den Fürsten, als vielmehr bei ihren Beratern, deren Familien seit Jahrhunderten am Staatsruder sitzen. Das ist noch ein böses Erbstück aus der schwärzesten Zeit des Mittelalters, daß fast ausnahmslos der Adel die höchsten Ämter im Staate einnimmt, obwohl ihn das Bürgertum auf dem Gebiete des Geistes und der erfolgreichen Arbeit schon längst überflügelt hat.«
Diese ruhig gesprochenen Worte fanden großen Beifall; am lautesten stimmte Advokat Lindeman zu.
»Wir müssen von unserer Regierung verlangen,« versetzte er, »daß sie den König nicht beeinflußt, sich der Kaiserkrönung zu widersetzen.«
Röckel, der Hitzkopf, war des gemäßigten Tons dieser Unterhaltung schon längst überdrüssig. Er sprang auf und schrie:
»Verlangen, Lindeman? Das wäre umsonst! Zwingen müssen wir sie! Die Geschichte beweist, daß sich das Gelingen immer nur auf die Seite derer gestellt hat, die in ernsten Zeiten für ihre Sache keine Waschfrauenreden hielten, sondern rücksichtslos handelten. Nun, die Zeiten sind ernst! Und an uns liegt es, ob sie später einmal groß genannt werden sollen!«
Noch hatte sich Röckel trotz seiner hohen Erregung gescheut, mit dürren Worten auszusprechen, was er mit diesem »rücksichtslos handeln« meinte. Doch verstand ihn jeder.
Aber auch Hofbaumeister Semper war des Spielens mit Worten müde.
»Zwingen, sagt Röckel,« versetzte er, das aufgegriffene Wort bedeutungsvoll wiederholend, »und womit wollen wir die Minister zwingen, wenn alle Petitionen und mündlichen Vorstellungen umsonst sind?«
»Mit den äußersten Mitteln!« schrie der Musikdirektor.
Semper war noch immer nicht zufrieden. Das Wort, auf das es ankam, das einzige Wort, das auszusprechen sich jeder scheute, obwohl es allen auf der Zunge lag, dieses Wort mußte fallen. Auf den Straßen hörte man es schon. Aber in diesem Kreis von Männern, die Ansehen besaßen, und deren Ehrenhaftigkeit niemand anzuzweifeln wagte, unter ihnen mußte es gesagt werden. Dann erst würde den Machthabern der Ernst der Stunde aufgehen.
»Und was wäre dieses Mittel?« fragte Semper beharrlich.
Lautlose Stille herrschte. Wenn man hier die letzte Zuflucht besprach, die dem Volke blieb, – das empfand jeder der Anwesenden –, dann würde sich die Kunde davon rasch verbreiten, und die Regierenden würden sagen: Die Bürger Dresdens machen Gemeinschaft mit den Demokraten aus der Hefe der Gesellschaft.
Noch wartete der Hofbaumeister auf die Antwort, als vom unteren Ende des Tisches eine Frauenstimme klar und ruhig in das Schweigen hineintönte:
»Das Schwert!«
Da war das Wort gefallen, das die Männer auszusprechen sich gescheut hatten! Aus dem Munde eines Mädchens war es gekommen. Der Bann war gebrochen. Alle fuhren auf und sahen nach der Tür. Dort stand bleich und mit weit geöffneten Augen Valentine Marschall. Nur die zitternden Nasenflügel verrieten die hohe Erregung, die das ruhig erscheinende Mädchen erfüllte.
»Valentine! Kind!« rief Advokat Marschall. Aber seine Stimme ging in dem Lärm unter, der jetzt anhob. Von allen Seiten wurde laut zugestimmt, und das Wort wurde immer von neuem wiederholt. Ein paar Heißsporne sprangen auf und riefen stürmisch durcheinander. Selbst die Gemäßigten hielten nicht mehr zurück, sondern bezeichneten die Lage als ernst genug, daß man vor keinem Mittel zurückschrecken dürfe, das zur Erfüllung des Volkswillens diene.
Den letzten Teil der Unterhaltung hatte auch Frau Marschall mit angehört, die unbemerkt in die offene Tür getreten war. Sie war eine Frau mit nüchternem Verstand und ließ sich von aufwallenden Gefühlen nicht so leicht fortreißen. Als sich der Lärm gelegt hatte, sagte sie in trockenem Tone:
»Kinder, gebärdet euch nicht so wild. Wartet erst einmal ab, ob der preußische König überhaupt Kaiser werden will.«
Diese Worte dämpften die Erregung augenblicklich. Es lag Klugheit darin. Natürlich mußte sich Friedrich Wilhelm erst entscheiden. Vorderhand war der Zeitpunkt noch nicht gekommen, das Äußerste anzuwenden.
»Aber es muß Klarheit darüber bestehen, was wir zu tun haben, wenn uns nur noch die letzte Notwendigkeit bleibt,« rief Röckel hitzig, dem es nicht gefiel, daß sich die Erregung so rasch gelegt hatte.
Das Gespräch wurde nun in ruhigerem Ton geführt, wenn auch der tiefe Eindruck nicht verflüchtete, den die erregte Szene auf alle gemacht hatte.
Auch Advokat Marschall stand unter dieser Wirkung.
»Wir wissen jetzt,« sagte er, »was unsere Pflicht ist, wenn alle gesetzmäßigen Mittel fruchtlos sind. Erreichen müssen wir unser Ziel! Warten wir ab, welchen Weg uns die Regierung weist.«
Am tiefsten hatte die spannende Unterhaltung vielleicht auf Kurt gewirkt. Er hatte den klaren Eindruck gewonnen, daß in diesem Kreise die Würfel gefallen waren. Wohl gab es unter den Anwesenden Hitzköpfe, die zu Unüberlegtheiten neigten. Aber die meisten kannte er als ruhige und gewissenhafte Männer. Das hatte Bedeutung, wenn sich Bürger, wie die hier versammelten, für die Anwendung von Gewalt erklärten. Dann mußte die Not des Volkes wirklich aufs Höchste gestiegen sein!
Auch daran dachte Kurt, daß die Erregung in beiden Kammern des Landtags von Tag zu Tag wuchs.
Die Verhandlungen blieben stecken, trotz manchen vortrefflichen Wortes, das dort gesprochen wurde.
Freilich saß in der Volksvertretung auch eine beträchtliche Anzahl von Männern, die die Verhandlungen verwirrten oder mit Absicht erschwerten: ehrliche Phantasten, Thronstürzer und hohle Köpfe. Hatte nicht erst jüngst der Abgeordnete Bell die Worte in die Versammlung geschleudert: Ich kenne die Absichten der Regierung nicht, aber ich mißbillige sie! Das hatte die Besonnenen sehr aufgebracht; sie wußten, wie solche Reden der guten Sache schadeten und das Parlament vor aller Welt lächerlich machten.
Auf dem Nachhauseweg stieg der erregte Auftritt noch einmal in seiner ganzen Lebendigkeit in Kurts Erinnerung herauf. Immer wieder gingen seine Gedanken zu Valentine, wie sie streitbar neben ihm gestanden und furchtlos gesprochen. Kurt fühlte sich im Bann des Mädchens. Er liebte die geistige Stärke an der Frau. Ein wenig weibliche Holdseligkeit, wie sie Ursula in hohem Grade besaß, hätte er Valentine gewünscht. Ihr Wesen war grundverschieden gegen das ihrer Altersgenossinnen. Wenn Kurt Valentine aber mit den meisten Töchtern der höheren Stände verglich, wenn er an deren engen Gesichtskreis dachte, an ihr Läppischtun und an ihre Saumseligkeit, mit der sie tändelnd die Tage und Jahre hinlebten, so empfand er deutlich, daß Valentine hoch über allen diesen Mädchen stand.
Auch der Reden gedachte Kurt noch einmal, die er heute gehört. Waren denn die politischen Verhältnisse in Wahrheit so schlimm, daß die Erregung des Volks bis zu dieser bedrohlichen Höhe anwachsen durfte?
Sicherlich hatten die Regierenden hier und anderswo Mißgriffe getan. Ihr geringes Verständnis für die Wünsche des Landes hatte viel böses Blut gemacht. Der Drang des Volkes nach freiheitlicheren Staatsformen wurde von oben herab stark bekämpft. Man glaubte dort, selbst die maßvollsten Forderungen seien nichts anderes als versteckte Attentate auf das monarchische Regiment. Alles sei nur darauf gerichtet, das Bestehende umzustürzen und nach den Ideen einiger zügelloser Schwärmer von Grund auf neu zu gestalten. Daß die Bewegung, trotzdem man sie scharf bekämpfte, aber immer weiter um sich griff, und immer mehr Männer von Bedeutung sich ihr anschlossen, hätte die Regierung doch stutzig machen müssen! – So spann der junge Mann seine Gedanken weiter.
Wohl gab es auch Minister, die den Ernst der politischen Lage erkannten. Aber diese verschwindende Minderzahl erwies sich tatsächlich als ohnmächtig, die regierenden Kreise zu beeinflussen. Sie unterwarfen sich entweder gegen ihre Überzeugung dem starken System oder nahmen ihren Abschied. Es stand in dieser drangvollen Zeit keiner auf, der die Kraft besessen hätte, wahrhaft Großes zu vollbringen. Die feudalen Herren draußen im Lande und im Regierungsapparat bangten vor jedem kleinen Zugeständnis, aus Besorgnis, ihre jahrhundertealten Rechte geschmälert zu sehen.
Und der König? Kurt kannte den Gerechtigkeitssinn Friedrich Augusts und wußte, daß er für das Wohl seines sächsischen Volkes ein warmes Herz hatte. Zudem waren dem jungen Offizier Anhänglichkeit und Liebe zum Herrscherhaus vererbt und mit seinem Blut unzertrennlich verbunden. Soweit sich die Geschichte seines Geschlechts verfolgen ließ, hatten die Allmer im Heeres- und Staatsdienst in guten und bösen Zeiten treu zum Hause Wettin gestanden. Ihnen nachzueifern war für ihn nicht nur Bedürfnis, sondern auch Ehrenpflicht! Und Kurt war bereit, für den König sein Alles ebenso bereitwillig hinzugeben, wie es seine Vorfahren getan hatten. Der Name Allmer mußte seinen alten guten Klang behalten!
Wie stellten sich nun aber die Führer der großen Bewegung zu der Person des Königs? Das wußte Kurt freilich nicht. Und er fühlte eine leise Beklemmung. Wenn sich der Zorn der Unzufriedenen gegen den König richtete, dann würde er sich von ihnen wenden.
Doch nein! Es war ja heute abend wiederholt ausgesprochen worden, der Unwille des Volkes gelte allein den Ratgebern des Königs. Man klagte sie an, daß sie Friedrich August gegen die Kaiserkrönung argwöhnisch gemacht hätten und ihn in seinem Widerstand bestärkten. Dazu wären sie ängstlich darauf bedacht, die wirkliche Stimmung im Volke vor ihm zu verbergen. Den falschen Dienern der Krone also zürnte man, nicht dem Monarchen.
Das waren Kurt Allmers Betrachtungen über die tiefgehenden Strömungen dieser bewegten Zeit. Und ebenso arglos urteilten viele Tausend andere, darunter Männer, die lebenserfahrener waren, als ein junger Offizier. In Vieler Herzen brannte das ungestillte Sehnen nach einem Frieden, der die Wünsche des Volkes erfüllte, ohne das Ansehen des Königs zu schmälern.
Diese Freunde einer gütlichen Schlichtung des endlosen Haders vermochten aber nicht, in die gährenden Tiefen der Bewegung zu schauen. Sie hätten sich mit Entsetzen von dem Anblick des aufgehäuften Zündstoffs gewendet, in den nur ein lichter Funke zu fallen brauchte, um ihn aufflammen zu lassen.
Als Kurt das Portal der Kaserne erreicht hatte, begegnete er dem ihm befreundeten Oberleutnant von Schönberg-Pötting, der zur gleichen Zeit vom Bautzner Platz her mit ihm am Tor eintraf.
»Hallo, Karl,« rief Kurt, »wo bist du heute abend gewesen?«
»Bei meinen Eltern. Und du?«
»Zu einer Familienfestlichkeit bei Advokat Marschall.«
Oberleutnant von Schönberg schwieg dazu. Sie gingen durch das Tor, nachdem der schließende Unteroffizier geöffnet hatte. Der verschlafene Posten vor dem Gewehr präsentierte. Nun stiegen die beiden Offiziere die Treppen hinauf.
Kurt fiel die ungewohnte Schweigsamkeit seines Freundes auf. Plötzlich sagte er zu dem Oberleutnant:
»Warum bist du heute abend so still?«
Und als Schönberg mit der Antwort zögerte, legte er seinen Arm in den des Freundes und veranlaßte ihn, auf dem spärlich erleuchteten Korridor stehenzubleiben.
»Lieber Karl,« sagte Kurt mit leisem Vorwurf, »ich weiß nicht, ob ich mich irre. Aber ich glaube bemerkt zu haben, daß du in der letzten Zeit nicht mehr so offen zu mir gewesen bist, wie sonst.«
Der Oberleutnant sah ihn in leichter Verlegenheit an.
»Habe ich, ohne es zu wissen, gegen dich gefehlt?« fragte Kurt, »dann sag' es mir, damit ich's wieder gutmache. Zwischen Freunden darf keine Verstimmung herrschen.«
Schönberg machte eine verneinende Gebärde.
»Aber es hat sich dennoch etwas zwischen uns geschlichen,« drang Kurt in ihn, »das empfinde ich gerade in diesem Augenblick ganz deutlich.«
Schönberg blickte beiseite und wollte ausweichend antworten.
»Nein, Karl,« versetzte Kurt, »so leichten Kaufs entrinnst du mir nicht. Also sprich offen.«
Der Oberleutnant lächelte gezwungen.
»Karl,« bat Kurt noch einmal, »bitte, sprich!«
»Na, wenn du's willst, meinetwegen …,« entgegnete Schönberg endlich. »Lieber Kurt, es geht ja keinen etwas an, was du treibst, aber … man redet so allerhand. Man meint, du träfst wohl nicht immer das Richtige in der Wahl deines … Verkehrs.«
Kurt schoß das Blut ins Gesicht.
»Das kann sich nur gegen Marschalls richten,« versetzte er gereizt. »Die Familie ist durchaus ehrenwert, und der Advokat genießt einen ausgezeichneten Ruf!«
»Das läßt sich nicht leugnen,« erklärte der Oberleutnant. »Aber du weißt, Kurt, wie vorsichtig gerade wir sein müssen.«
»Hätte ich gefehlt?« warf Kurt ungeduldig ein.
Schönberg hatte den Handschuh abgezogen und betrachtete angelegentlich seine gepflegten Fingernägel.
»Marschall ist zweifellos ein Ehrenmann,« antwortete er, aufsehend. »Aber sieh, lieber Kurt, du weißt, wie jetzt alles erregt ist …«
Und als Kurt nichts erwiderte, setzte er zögernd hinzu:
»Schon den Schein muß man meiden.«
»Karl,« sagte Kurt mit Nachdruck, »glaube mir, die ganze Bewegung ist nur gegen die Regierung gerichtet, die nun einmal, laß es mich offen aussprechen, viele Mißgriffe getan hat.«
Der Oberleutnant blickte den Freund erstaunt an.
»Ja, gewiß,« fuhr Kurt fort, »gegen die Regierung, nicht aber gegen den König.«
Schönberg schien nicht zu begreifen. Er zuckte mit den Achseln, schwieg aber.
»Sind nicht selbst hochgestellte Männer unter den Demokraten, deren Wahrhaftigkeit niemand anzuzweifeln wagt?«
Der Oberleutnant nickte.
»Und mißbilligt, wohin man auch hört, nicht jedermann die Zustände? Räsonnieren nicht selbst wir manchmal?«
Lächelnd bestätigte Schönberg die Wahrheit dieser Worte. Aber er wurde gleich wieder ernst.
»Kurt,« antwortete er, »was du da sagtest von König und Regierung, er drüben und sie hüben, – lieber Kurt, diese Unterscheidung erscheint mir etwas gekünstelt. Ich denke immer, die beiden bilden eins?«
»Du irrst, Karl,« entgegnete Allmer. »Dem König bleibt viel verborgen. Wenn er nur wüßte, was das Volk bewegt, dann würde so manches besser sein.«
Und als der Oberleutnant nichts darauf antwortete, sagte sich Kurt insgeheim: Das ist einer von den Abseitsstehenden, die die ganze Bewegung und ihre tiefen Ursachen nicht verstehen.
Er trat nahe an den Freund heran und versetzte:
»Sei überzeugt, Karl, daß ich wachsam bleiben werde. Du kennst mich doch! Der schlimme Zwist hat seinen Höhepunkt erreicht. Schon die nächsten Tage müssen eine friedliche Lösung bringen. Denke doch nur daran, was für vortreffliche Männer an der Spitze der Bewegung stehen. Aber bis zu dieser Stunde liegt wirklich nicht der geringste Grund vor, dieses gesellige Haus zu meiden.«
Mit diesen Worten bot er Schönberg die Hand.
»Davon bin ich nun überzeugt, lieber Kurt,« erwiderte dieser und schlug lebhaft ein. Mit dieser Aussprache war die alte Freundschaft wieder besiegelt, und die Freunde sagten sich gute Nacht.
Schon ein paar Schritte entfernt, rief der Oberleutnant noch einmal zurück:
»Du, Kurt, heute habe ich im Vorübergehen Fräulein von Abendroth auf ein paar Worte über den Gartenzaun gesprochen. Sie sah recht blaß aus, der alte Kriegsrat scheint ihr viel Sorge zu machen. Übrigens erkundigte sie sich auch, wie dir's gehe und läßt dich grüßen.«
»Danke, danke,« versetzte Kurt und biß sich auf die Lippe, daß sie heftig schmerzte. Und als er auf seinen Finger sah, mit dem er die schmerzende Stelle unwillkürlich berührt hatte, hing ein dicker Blutstropfen daran.
Kurt hatte in dem Augenblick, wo Schönberg ihm Ursulas Grüße bestellte, daran gedacht, wie er vor wenigen Stunden Valentinens Hand gepreßt hatte.