Fünfzehntes Kapitel

Im Hotel herrschte lautlose Stille. Mit eiserner Beherrschung erfüllte Valentine bei ihren Kranken noch die letzten Verrichtungen für die Nacht. Dann wies sie die Magd an, sich zur Ruhe zu begeben. Das junge Mädchen mit dem blassen, schmalen Gesicht und den großen, stillen Augen beharrte jedoch darauf, die Nacht im Lehnstuhl inmitten der Kranken zu verbringen und bat sie, sich selbst auszuruhen. Da ging Valentine in das von dem Fremden überlassene Nebenzimmer und legte sich unausgekleidet auf ein Bett.

In derselben Nacht, in der in dem kleinen Bürgerhaus auf der Brüdergasse, worin jahrzehntelang ohn' Unterlaß der köstlichste Frieden treu gehegt worden war, die beiden alten Leute von furchtbaren Seelenqualen gepeinigt keinen Schlaf fanden, wachte ihr Kind an einer der Stätten dem Morgen entgegen, wo während des Tages der blutige Kampf am erbittertsten getobt hatte.

Die Rede des Fremden hallte Valentine unaufhörlich im Ohre wider, und die fürchterliche Wahrheit seiner Worte grub sich ihr tief ins Herz. Wesenlose Schattengestalten stiegen in der Dunkelheit vor ihren Augen herauf, umwandelten gespenstisch ihr Lager und setzten sich zu ihr auf das Bett. Das sind die unerbittlichen Geister der Zwietracht und des Hasses, hörte Valentine eine Stimme sagen, die auch du hast beschwören helfen.

Und sie dachte an ihre glückliche Kindheit, an ihren geliebten Vater, der, wie sie jetzt wußte, aus seinem Traum, die Menschheit zu beglücken, verhängnisvoll erwacht war, und an die stille Mutter, die bei diesem allen unsäglich litt.

Grenzenlose Traurigkeit zog in des Mädchens Herz und lähmte ihr die Kraft, zu wollen und zu hoffen. Wie sah doch jetzt alles ganz anders aus! Eine einmütige Kundgebung gegen die Weigerung der Regierung, ein flammender Protest des ganzen Landes, der den Ernst des Volkswillens offenbarte, hätte das Äußerste sein dürfen, wozu ein wirklicher Freund des Volkes raten konnte. Was darüber hinaus geschehen, war schreckenvoll!

Valentinens scharfer Verstand erkannte jetzt deutlich, daß der Fremde recht hatte. Das Wort Reichsverfassung hatte als schmetternde Fanfare gedient, bestimmt, das Volk in die Höhe zu reißen, als Losung, um den schon lange im Lande weilenden, aber noch gefesselten Geist der Empörung mit einem Schlage zu befreien. Der Aufstand war eine Machtprobe! Die Regierung sollte erfahren, daß man sie zu allem zwingen könne.

Und selbst wenn diese Probe gelang, was war ihr Erfolg? Sollte der König, sofern er bei seiner Weigerung blieb, zur Abdankung gezwungen und die Republik ausgerufen werden? – Nein! An dem monarchischen Grundpfeiler des sächsischen Staates hatte wohl kaum einer der Führer, die am Anfang an der Spitze der Bewegung standen, rütteln wollen!

Valentine stöhnte auf unter einer zermalmenden Schuld. Auch sie hatte den Kampf herbeigesehnt, sie – ein Weib! Wie jene gutgesinnten, lebensreifen Männer, hatte die Bewegung auch sie mit fortgerissen. Die sonst nicht leicht für eine gemeinsame Idee zu sammelnden Sachsen – hier, wo es der Verwirklichung einer der großen Sehnsuchten des deutschen Volkes galt, – hatten sich alle einmütig zusammengefunden. Nur war das Land, in das sie ihre Blicke mit heißem Verlangen richteten, ein Traumland – – –

Aber die nüchterne Wirklichkeit ist unduldsam gegen die Träger nationaler Hochziele, wenn sie eine gewaltsame Änderung der Machtverhältnisse im Lande herbeiführen wollen. Der graue Alltag haßt die leuchtenden Farben am Himmel der Idealisten und nennt diese Schwärmer.

Auch an die Männer dachte Valentine, die ihr Leben freudig einsetzten und die kaum verstanden, wie rechtlos der Kampf war. Und wieder trat das reine Bild des Vaters vor ihr Auge. Ein furchtbarer Alp legte sich auf sie. Und sie hörte eine Stimme aus der Tiefe ihres starken Herzens heraufschallen: seine Schuld!

Da schrie das Mädchen in namenlosem Weh auf. Ihre Lippen bewegten sich, als ob sie bete, und ihre Augen suchten angstvoll nach einer Tröstung.

So hatte Valentine bis gegen Mitternacht gelegen. Da hörte sie, wie im Nebenzimmer ein Kranker wiederholt um einen Trunk Wasser bat. Entschlossen riß sie sich aus ihren qualvollen Träumen, sprang vom Bett auf und machte eine Bewegung, als wenn sie alle Schwäche von sich abwerfen wolle.

Sie ging in die Krankenstube und sah die junge Magd in tiefem Schlaf. Da reichte sie dem Fiebernden das Glas und ordnete mit liebevoller Schonung sein Lager. Dann setzte sie sich auf den Holzstuhl zur Seite des schlafenden Mädchens und horchte gespannt auf die Atemzüge der Kranken.

Als die ersten Schimmer des jungen Tages hereinbrachen, wurden die Schläfer im Hotel Stadt Rom wach. Das Schweigen der Nacht zog auf den Flügeln der scheidenden Finsternis von dannen, und dumpfes Stimmengewirr und Poltern hob an, denen alsbald Waffenlärm und das Getöse des Gewehrfeuers folgten. Um die vierte Stunde rollte mit dem letzten Glockenschlag der Frauenkirche wieder der erste Schuß durch die feierliche Stille des Sonntagmorgens.

Auf den im Frührot schimmernden und von der heraufsteigenden Sonne golden gefärbten Dächern der Häuser am Neumarkt saßen die Amseln und pfiffen unermüdlich in die neu erwachte Frühlingspracht hinein. Beim Krachen der ersten Schüsse aber schwiegen die munteren Sänger und flogen erschreckt davon, dem Menschen die entweihte Stätte des Friedens überlassend.

Valentine hatte die Betten aus den Zimmern des Fremden in das neue Krankenzimmer bringen lassen. Es währte auch nicht lange, bis wieder Verwundete ihre Hilfe suchten. Doch waren es zum Glück nur leichte Verletzungen, die von Streifschüssen oder von ermatteten Kugeln herrührten. Als aber am Brühlschen Palais ein Geschütz auffuhr und seine Geschosse dröhnend in das Mauerwerk des Hotels einschlugen, wurden auch Schwerverwundete hereingetragen.

Deshalb atmete Valentine auf, als der junge Arzt wieder erschien, der bereits am Abend vorher die Kranken besucht hatte. Er sah todmüde aus, als wenn er während der ganzen Nacht kein Auge zugetan hätte. Rasch legte er die nötigen Verbände an und bezeichnete die Kranken, die er im Laufe des Vormittags nach der Klinik bringen lassen würde.

Nachdem er gegangen war, widmete sich Valentine wieder ihren Pflegebefohlenen. Unermüdlich ging sie von einem zum andern, reichte den Begehrenden Nahrung und versuchte, den Schwerleidenden ihre Qualen mit tröstenden Worten zu erleichtern. In ihrem Herzen hatte sich alle Weichheit befreit, und ein unendliches Mitgefühl für ihre Kranken war in dem Mädchen erwacht.

Von den Vorderzimmern tönte unausgesetzt das Krachen der Gewehre herein. Valentine sah, welche Pein der Lärm manchem Verletzten bereitete. Und es tat ihr weh, daß sie die Schwerleidenden nicht davor bewahren konnte.

Da deutete die Magd nach der Tür, und als sie hinsah, bemerkte sie den weißhaarigen Kopf des Dieners in dem Spalt.

»Mein Herr läßt noch einmal bitten,« flüsterte der Alte.

Als Valentine in das Zimmer des Fremden trat, saß dieser mit dem grünen Schirm über den Augen vor einem geöffneten Koffer. Um ihn herum standen Reisekörbe, und den Fußboden und die Stühle bedeckten Kleider und allerhand Gegenstände.

Bei ihrem Eintreten stand der Fremde auf und führte Valentine zum Kamin, zu dessen beiden Seiten sie sich niedersetzten.

»Das ist noch die einzige Stelle, wohin die Brandung nicht reicht,« sagte er, auf die wirr durcheinanderliegenden Sachen zeigend. »Wie Sie sehen, ziehe ich aus.«

»Ich habe mich gewundert, daß Sie diesen schreckenvollen Ort nicht schon längst verlassen haben,« antwortete Valentine.

Der Fremde zuckte mit den Achseln.

»Die erst vor kurzem vorgenommene Operation meiner Augen verbot eine frühere Übersiedelung. Heute hat mir der Arzt diese erlaubt. Ich werde im Kurländer Haus Wohnung nehmen. Der Wagen, mit dem ich dahin fahre, wird verdunkelt; – so wird es wohl ohne Schaden gehen.«

Valentine machte einen Versuch zu lächeln.

»Wissen Sie auch,« sagte sie, »daß mir Ihr Fortgehen Freude bereitet?«

»Sie müßten keine treue Sorgerin Ihrer Schutzbefohlenen sein,« antwortete der Fremde, »wenn Ihnen der Zuwachs an Krankenzimmern nicht willkommen wäre. Ich verstehe das. Leider finden Sie nur noch zwei Betten vor. Aber wollene Decken kann ich Ihnen dalassen.«

Valentine dankte durch Neigen des Kopfes.

»Der nicht aussetzende Feuerlärm tagsüber,« fuhr der Fremde fort, »war ja bisweilen recht störend. Aber ich saß doch in diesen Hinterzimmern ziemlich sicher. Jetzt befürchte ich freilich, daß diese Sicherheit nicht mehr lange dauern würde.«

Und als er bemerkte, daß Valentine ihn fragend ansah, fügte er hinzu:

»Die Leute, die vorn an den Fenstern stehen, sind mutige Männer. Ich habe mich vorhin überzeugt, mit welcher Kaltblütigkeit sie schießen. Es ist nur schade, daß sie nicht für eine bessere Sache kämpfen. Sicherlich werden sie auch tapfer aushalten, wenn Mann gegen Mann steht. Und das wird, wie ich vermute, nicht mehr lange ausbleiben.«

»Glauben Sie, daß die Truppen angreifen werden?« fragte Valentine, sich jäh aufrichtend.

»Wenn ich richtig urteile,« erwiderte der Fremde, »haben sie schon zu lange damit gezögert. Vielleicht fühlten sie sich zum Angriff noch nicht stark genug. Aber wie ich hörte, sind jetzt preußische Truppen zu Hilfe gekommen. Auch das Geschützfeuer, mit dem sie das Haus in Trümmer legen werden, weist auf ein baldiges Vorgehen.«

Valentine fühlte ihre Pulse heftig arbeiten. Seit diesem Morgen hatte sie der heimliche Wunsch erfüllt, die Kämpfenden möchten Frieden schließen. Ihr Herz krampfte sich zusammen, wenn sie an die Qualen ihrer Verwundeten dachte, und sie sah die Schuld der für den Aufstand Verantwortlichen ins Riesengroße wachsen.

»Ich liebe den Anblick der in Wut geratenen Soldateska nicht,« erklärte der Fremde, »und vor ihren Taten empfinde ich Grauen. Man kann es wohl verstehen, wenn – in einem Kampf wie hier – die aufs höchste gereizten Truppen die Gebote der Menschlichkeit vergessen. Weh denen, die ihnen aber dann gegenüberstehen! Alle Mannszucht geht in ihrer Wildheit unter. – Doch Ihnen droht nichts, mein Fräulein,« setzte er beschwichtigend hinzu. »Der Soldat bekämpft nur seinen Gegner. Bleiben Sie für alle Fälle ruhig bei Ihren Kranken.«

Valentine erhob sich und ging zur Tür. Der Fremde folgte ihr.

»Es würde mir leid tun, wenn ich Sie erschreckt hätte,« sagte er.

Valentine machte eine verneinende Gebärde.

»Es ist besser, ich weiß alles,« versetzte sie mit leiser Stimme.

Und als ihre Hand schon auf der Türklinke lag, fragte sie noch:

»Wann werden Sie das Haus verlassen?«

»Nach dem Mittagessen,« erwiderte der Fremde.

Valentine zögerte einen Augenblick. Dann reichte sie ihm die Hand und sah ihm ins Auge.

»Leben Sie wohl,« sagte sie, wobei ihre sonst sichere Stimme zitterte, »und haben Sie herzlichen Dank!«

Der Fremde umschloß Valentinens Hand mit warmem Druck.

»Ich fühle, wie Sie leiden,« erwiderte er. »Der Grund Ihrer tiefen Traurigkeit ist aber, wenn ich recht vermute, noch etwas anderes, als das Schicksal Ihrer Kranken. Die Zeit mag Ihnen helfen, den Kummer zu überwinden. Ihre starke Seele wird sich obenauf ringen. Ein Nacken wie der Ihrige ist zu stolz, daß er sich vor dem Gram beugte. – Leben Sie wohl!«

Valentine sah noch einmal in die von dem grünen Schirm beschatteten, gütigen Augen des Fremden. Dann ging sie.

Als sie auf dem Korridor ein paar Schritte getan hatte, fühlte sie eine Schwächeanwandlung, die sie zwang, stehen zu bleiben. Da regte sich der Trotz in ihr, und sie ging mit erhobenem Haupte weiter.

Vor der offen stehenden Tür eines der Vorderzimmer stockte ihr Fuß unwillkürlich, und sie mußte hineinschauen. Es war mit Verteidigern gefüllt, die in fiebernder Ungeduld nach den Fenstern drängten. Wenn einer der Schützen zurücktrat, entspann sich jedesmal ein Streit um den freigewordenen Platz. Das Krachen der Schüsse wurde von den Wänden zurückgeworfen und erfüllte das Zimmer mit betäubendem Lärm.

Unter den Verteidigern befanden sich Jünglinge, Männer und Greise. Die meisten standen wohl im Alter zwischen dreißig und vierzig. Welche unter ihnen beobachteten eifrig die Wirkung der Schüsse und brachen in lauten Triumph aus, wenn sie einen Treffer melden konnten. Andere befanden sich in leidenschaftlicher Aufregung und gaben ihren Unmut durch heftige Worte und Gebärden kund, wenn sie während einer längeren Zeit nicht zum Schießen kamen. Wieder andere standen beiseite, luden sorgfältig und warteten geduldig, bis sie ans Fenster treten konnten. Einigen der Männer sah es Valentine an Kleid und Haltung an, daß sie höheren Gesellschaftsschichten angehörten. Ausnahmslos leuchtete aus aller Augen Kampfeslust.

Plötzlich brach in der Mitte des Zimmers einer der Schützen lautlos zusammen. Die Umstehenden sprangen hinzu und richteten ihn auf. Auch Valentine war unbewußt zu dem Verwundeten geeilt. Rasch wurde ihm die Weste aufgeknöpft und das blutige Hemd beiseite geschoben, – seine linke Brust war von einer Kugel durchbohrt. Das Herz hatte schon aufgehört zu schlagen. Da legten ihn die Männer schweigend im Hintergrund des Zimmers längs der Wand nieder. Es lohnte nicht, sich weiter um ihn zu kümmern! Schwankenden Schritts ging Valentine auf den Korridor zurück.

Vor dem Krankenzimmer stand ein Mann in einem hellen Anzug, das Gewehr am Riemen über die Schulter gehängt. Wie Valentine ihn in dem Halbdunkel stehen sah, tat sie unwillkürlich einen tiefen Atemzug. Diese Gestalt und dieser Anzug – – – Beides war ihr bekannt, obwohl es nicht zueinander zu gehören schien.

»Heinrich,« entfuhr es ihr im Näherkommen.

Nun erkannte sie ihn; es war Heinrich. Mit einem verlegenen Lächeln, wie es ihm auf dem Gesicht zu stehen pflegte, wenn er in seiner Schwerfälligkeit nicht die rechten Worte fand, kam er heran.

Mechanisch trat Valentine einen Schritt zurück, und ihr Auge streifte den grauen Anzug. Wie ein Blitz kam ihr die Erkenntnis, daß es der Zivilanzug des Leutnants Allmer war. Er hatte ihn bei seinem letzten Besuch getragen.

»Wie kommst du denn hierher, Heinrich?« fragte jetzt Valentine wieder gefaßt. »Und in dieser sonderbaren Verkleidung?«

Heinrich machte eine unbeholfene Bewegung.

»Schilt mich, soviel du magst,« murmelte er, »aber ich konnte nicht anders!«

Und als er bemerkte, wie die Augen des Mädchens noch immer in Verwunderung auf ihm hafteten, stieß er gequält heraus:

»Ach, Valentine, du weißt ja, mit welchem Widerwillen ich immer die Uniform getragen habe …«

Valentine antwortete nicht.

Da merkte Heinrich, wie das Gefühl dumpfer Verzweiflung in ihm heraufstieg und ihm die Kehle zuschnürte, daß er nicht schlucken konnte. Sein Herz klopfte mit starken Schlägen. Er vermochte Valentinens starren Blick nicht länger zu ertragen und sah zur Seite.

»Ich hätte nimmermehr auf die bürgerlichen Kämpfer schießen können,« murmelte er, »eher hätte ich die Waffe gegen mich selbst gerichtet. Valentine,« setzte er in schlichter Geradheit hinzu, »wer innerlich so an euch hängt, wie ich, der kann nicht anders! Die Luft in euerm Hause« – hier schwoll seine Stimme mit jedem Wort immer mehr an – »ist für mich der Lebensatem! Ich wäre um keinen Preis zu bewegen, mich in Widerspruch zu euch zu setzen. Nicht länger leben oder desertieren. Etwas anderes gab es für mich nicht!«

Valentine war überwältigt von dem Geständnis der Anhänglichkeit Heinrichs an ihr Elternhaus. Gleichwohl traf sie der leidenschaftliche Ausbruch wie ein Schlag vor die Stirn. Dieser schwache und doch so prächtige Mensch, wie er hier vor ihr stand, der seine Pflicht vergaß und seinen Eid brach aus Treue zu denen, die ihm wohlgetan und von denen er sich geliebt wußte – – – seine Schuld, sagte sich das Mädchen, würde einst andern zugeschrieben werden!

Er ist ein Mann, vernahm Valentine eine innere Stimme, der Gut und Böse unterscheiden kann. Die Tugenden sind das Verdienst des Gerechten und die Sünden die Schuld des Sündigen!

»Heinrich,« sagte Valentine mit gepreßter Stimme, »mußtest du das tun? Hast du dich auch wirklich recht geprüft, bevor du diesen verhängnisvollen Schritt tatest?«

Heinrichs Finger glitten unstet am Gewehrriemen auf und nieder.

»Aber, Valentine,« antwortete er mit ungekünstelter Einfalt, »ich habe mich ja doch nie mit Gedanken über Politik ernsthaft beschäftigt. Wenn man so ein einfacher Mensch ist, wo soll es denn da auch herkommen! Hierzu sind ja die Studierten da. Ich habe das bürgerliche Leben von Kind auf viel lieber gehabt, als das Soldatenleben. Und als mich mein Vater in die Uniform hineinzwang, da ist allmählich ein Widerwillen gegen das ganze Soldatenhandwerk in mir herangewachsen, daß ich schon längst schwermütig geworden wäre, wenn ich euch nicht gehabt hätte. Und wie ich sah und hörte, was für politische Anschauungen dein Vater besaß, da hab' ich gleich gewußt, wie ich zu denken hatte. – Ach, Valentine, du weißt das alles ja schon, du kennst mich ja so gut. Warum quälst du mich denn so …?«

Valentine stieg es zum Halse herauf, und sie griff an den Kragen ihres Kleides, als wenn sie ihn aufreißen müsse.

Heinrich trat dicht an sie heran und erzählte in seiner ungelenken Sprechweise, wie es noch glücklich gelungen wäre, ihre Eltern aus dem Hause herauszubringen, und daß er gehört habe, wie die Madam, in ihren Betten bequem auf dem Wagen liegend, zum Herrn Advokaten gesagt habe, es ginge ihr ganz gut, er brauche sich nicht zu ängstigen.

Da schossen Tränen in die Augen des Mädchens. Mit einer ungestümen Bewegung warf sie ihre Arme um Heinrichs Hals, preßte ihn an sich und küßte ihn viele Male. Heinrich wurde rot bis unter die Haarwurzeln und ertrug Valentinens Küsse mit geschlossenen Augen.

Als Valentine die Umarmung gelöst hatte, sah sie Heinrich ohne Verwirrung ins Gesicht.

»Was wirst du nun tun?« fragte sie.

Heinrich nahm langsam das Gewehr von der Schulter und stellte den Kolben hart auf den Boden.

»Schießen,« antwortete er mit düsterer Entschlossenheit, »und zwar bleibe ich hier im Hause.«

»Glaubst du, daß die Truppen angreifen?« fragte das Mädchen hastig.

»Das müssen sie,« versicherte er, »wenn sie nicht wollen, daß man sie verhöhnt und ihnen Mutlosigkeit vorwirft.«

»Und wann denkst du, daß sie kommen werden?«

Heinrich zuckte gleichmütig mit den Achseln.

»Das weiß keiner, Valentine. Aber herankommen werden sie bestimmt!«

Valentine wandte sich rasch zum Gehen.

»Meine Kranken …« rief sie zurück. »Laß dich wieder einmal sehen, Heinrich!«

Im nächsten Augenblick war sie hinter der Tür verschwunden.