Siebzehntes Kapitel

Der Monat Juni war ins Land gezogen, und der Aufstand war längst niedergeschlagen.

Die hochgespannte Erregung hatte sich allmählich verflüchtigt; eine kühle Beurteilung der Ereignisse war aufgekommen. Die besonnenen Elemente, die den Kämpfen ferngeblieben waren, hatten längst die Oberhand gewonnen. Auch die erhitzten Gemüter beruhigten sich langsam. Man erkannte die Fehler, die gemacht worden, verstand die innere Schwäche und Unwahrheit der vermeintlichen Berechtigung zu dem blutigen Aufstand, und manch einer begriff nicht, wie ihn der Sturm hatte mit fortreißen können.

Nach dem jähen Aufflammen der Geister herrschten niedergedrückte Stimmung und Mutlosigkeit. Und man sah besorgt in die Zukunft und ahnte, daß dem heftigen Ansturm wider die Regierung ein empfindlicher Rückprall folgen würde.

Die Bewohner des Häuschens in der Glacisstraße hatten die letzten Wochen in schwerer Bangigkeit durchlebt. Während draußen der junge Frühling unter tausend- und abertausendfältigem Sprießen und Blühen sein farbenprächtiges, duftendes Kleid gewoben und über das noch zuckende sächsische Land tröstend gebreitet hatte, lag im Innern des Hauses ein junges Menschenkind, das nicht leben und sterben konnte.

Wiederholt war der unbarmherzige Sensenmann an Kurts Schmerzenslager getreten und wieder gegangen. Dann waren Tage gekommen, wo sich in die Herzen der Bangenden das leise Hoffen auf die endliche Genesung des Schwerverwundeten gestohlen. Aber immer hatte sich Kurts Befinden von neuem verschlimmert, daß die zage Hoffnung wieder erstarb. Bis endlich niemand mehr zu hoffen wagte und eine dumpfe Trostlosigkeit sich aller bemächtigte.

Die Ärzte hatten immer nur mit den Achseln gezuckt und versichert, daß Menschenkunst hier umsonst sei. Alles irdische Wissen wäre machtlos, wenn sich die Lebenskraft so verzweifelt gegen den Allbezwinger wehre.

Ein neuer Tag war gekommen, wo das Fieber in dem aufs letzte ermatteten Leib des Kranken nicht mit der gewohnten Heftigkeit raste. Aber solcher Tage hatte es schon gegeben! Keiner der drei Menschen, deren Herzen um das Leben des geliebten Kranken zitterten, wagte noch zu hoffen, in der Besorgnis, die dämonischen Geister wieder wachzurufen.

Seitdem die tückische Kugel in Kurts Rücken eingedrungen und sich den Ausweg durch die Brust gebahnt hatte, war der Verwundete noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen. –

Die Sonne schien freundlich ins Zimmer, als die Augenlider des Kranken ein paarmal leise zitterten und sich alsdann halb öffneten. Da unterschied Kurt die verschwommenen Umrisse einer grauen Katze, die behaglich auf einem buntgestickten Kissen lag und ihn verwundert ansah. Es war eine allerliebste Katze, nur viel kleiner, als Katzen schlechthin zu sein pflegen. Ja, eine so niedliche Katze war es, wie er noch keine gesehen hatte. Das Tierchen schien sich über seinen Anblick zu freuen, denn es ringelte den Schwanz auf und zu und begann leise zu schnurren.

Aber was war das? Neben dieser Katze entdeckte Kurt eine zweite, – eine dritte, – eine vierte! Ja, eine ganze Anzahl von Katzen sah er! Alle lagen auf Kissen und sahen ihn erstaunt und erfreut an.

Kurt schloß vor Mattigkeit die Augen. Als er nach kurzer Zeit von neuem aufsah, fiel sein Blick wieder auf die Katzen. Jetzt erkannte er einen durchscheinenden Vorhang, auf dem die Tiere in grauer Farbe aufgedruckt waren. Gleichzeitig hörte er zwei Frauenstimmen gedämpft miteinander sprechen.

Da versuchte der Kranke, den Kopf dahin zu wenden. Diese leise Bewegung schienen die Sprechenden gehört zu haben, denn ihre Unterhaltung brach ab.

Kurt musterte aufmerksam seine Umgebung und entdeckte, daß er in einem Himmelbett lag, dessen Vorhang zugezogen war. Da bewegte sich geräuschlos die eine Hälfte des Vorhangs, und ein Gesicht beugte sich über ihn.

»Bist du aufgewacht, mein Junge?« hörte er leise eine Stimme sagen, die wie zwischen Lachen und Weinen klang.

Regungslos sah er eine Weile in das Gesicht. Es war faltig und abgehärmt.

»Erkennst du mich, Kurt?« vernahm er die zage Stimme wieder.

Es dauerte noch eine Zeitlang, dann kam es wie ein Hauch von seinen Lippen:

»Tante Sidonie …«

Er merkte noch, wie es feucht auf sein Gesicht niederfiel. Dann war es ihm, als ob er in eine unermeßliche Tiefe hinabsänke. Das Bewußtsein hatte ihn wieder verlassen.

Nach einer geraumen Zeit erwachte Kurt von neuem. Gleich waren die Katzen wieder da. Jetzt konnten sie ihn aber nicht noch einmal äffen, denn er erinnerte sich deutlich seiner ersten Begegnung mit ihnen.

Er wandte den Blick zur Seite und unterschied hinter dem Vorhang einen weiblichen Kopf. Tante Sidonie konnte es nicht sein; dieses Gesicht war ja viel jünger. Es war ein feingezeichnetes Profil, was er dort sah. Er konnte die Umrisse des Kopfes gegen den hellen Hintergrund klar erkennen.

Wieder machte er eine Bewegung. Darauf klangen eilig leise Schritte, und Tante Sidonie stand vor ihm. Jetzt besaß er soviel Kraft, daß er sie genau betrachten konnte. Ihr Gesicht schien ihm schmaler als sonst. Ja, wenn ihn nicht alles täuschte, sah er darin tiefe Falten. Hatte Tante Sidonie denn Sorgen?

»Was ist mir?« fragte Kurt leise, »und wo bin ich?«

Beim Klang dieser Stimme zuckte es in Tante Sidoniens Gesicht wunderlich, und sie warf einen Freudenblick hinter sich, als ob noch jemand im Zimmer sei. Dann trug sie flink einen Stuhl herbei und setzte sich neben dem Kranken nieder.

»Weißt du nicht, Kurt,« fragte sie mit gedämpfter Stimme, »daß du während des Straßenkampfs verwundet worden bist?«

Kurt sann angestrengt nach. Straßenkampf? Verwundet? – Da zerriß der undurchdringliche Schleier, der ihm die letzte Vergangenheit verhüllte, und blitzschnell zog alles noch einmal an seinem Geiste vorüber. Die Anfänge der Bewegung traten vor seine Seele, sein Zaudern, das Marschallsche Haus, seine Erkenntnis der wahren Sachlage, der Abschied von Valentine, Ursulas Zürnen und der Kampf und der Sturmangriff auf Stadt Rom. Dann sah er Valentine Marschall mit der Pistole in der Hand, entsann sich des heftigen Schlags, den er im Rücken gespürt, – und zuletzt, schon ganz verschwommen, tauchte der weite, menschenleere Neumarkt in seiner Erinnerung herauf.

»Und wo befinde ich mich?« fragte er noch einmal.

»Du bist bei Abendroths, lieber Kurt. Das ist Ursulas Zimmer. Und Ursula ist es auch gewesen, der du es neben unserm lieben Herrgott verdankst, wenn du jetzt wieder auf dem Wege der Genesung bist.«

Das alte Fräulein machte in das Zimmer eine bejahende Handbewegung. Dann fuhr sie rasch fort:

»Denn Ursula hat dich so gepflegt, wie es ein Engel nicht besser hätte tun können.«

Da hörte Kurt leise Schritte sich hastig entfernen, und eine Tür schnappte gedämpft ins Schloß.

Er verstand das Geräusch. Eine tiefe Bewegung ergriff ihn. Tante Sidonie bemerkte es.

»Nun ist es aber für heute genug,« sagte sie. »Jetzt mußt du dich ganz still verhalten, und wir dürfen nicht mehr zusammen sprechen. Morgen wieder, so Gott will.«

Kurt ergriff die Hand des alten Fräuleins und schloß die Augen. Nachdem er eine Weile still gelegen hatte, sah er wieder auf und fragte:

»Wie lange ist es her, daß ich verwundet wurde, Tante Sidonie?«

Das alte Fräulein sah ihn bittend an.

»Laß es für heute genug sein, lieber Kurt. Du bist ja noch so schwach. – Na, meinetwegen. Vorgestern waren es vier Wochen, daß sie dich als Sterbenden hierher brachten.«

Und sie beschrieb mit kurzen Worten, wie er zu Abendroths gekommen war.

Nachdem Tante Sidonie geendet, blickte Kurt lange ruhig vor sich hin. Dann kam eine unwiderstehliche Müdigkeit über ihn, und er schlief ein.

Als er nach einigen Stunden erwachte, brachte ihm Tante Sidonie ein Glas Wein. Die Freude des alten Fräuleins war unbeschreiblich. Kurt erkannte sie gegen früher kaum wieder. Alle Gemessenheit war von ihr gewichen, und auf ihrem sonst so ernsten Gesicht lag der Schimmer eines unermeßlich großen Glücks.

»Sprich noch etwas zu mir,« bat er.

»Kurt, nicht gleich so viel fürs erstemal,« sagte Tante Sidonie in zärtlicher Besorgnis. »Während du vorhin schliefst, war der Arzt da und verordnete Ruhe, – viel Ruhe!«

Kurt versuchte zu lächeln.

»Ich fühle mich gar nicht so schwach, wie du glaubst,« erwiderte er.

Da erzählte sie nach einigem Zögern, wie der Aufstand niedergeschlagen worden sei, sprach von seinen verwundeten Kameraden und von den vielen Verhaftungen und den großen Prozessen, die die Gerichte jetzt beschäftigten.

So hatte sie zuletzt alle Bekannten erwähnt. Aber noch immer sah Kurt sie fragend an. Tante Sidonie wußte die stumme Bitte in seinem Blick zu deuten. Unruhig rückte sie auf dem Stuhl hin und her. Aber die Augen des Kranken wandten sich nicht von ihr. Bis sie endlich versetzte:

»Nun, weil du mich so quälst: Advokat Marschall ist ebenfalls in Untersuchungshaft gesetzt worden. Aber man hat ihn wieder freigelassen, als man sah, daß der Arme seinen Verstand nicht mehr richtig beisammen hat. Er soll sich in seinem wieder hergerichteten Hause befinden, wo ihn seine Frau pflegt.«

Tante Sidonie schwieg und sah beiseite. Dann stand sie auf.

»In Oberschlesien haust die Cholera in erschreckender Weise,« begann sie noch einmal, »sie ist über die russische Grenze herübergekommen. Wie man sagt, sind schon ganze Dörfer ausgestorben. Täglich stehen in der Zeitung Aufrufe, daß sich Frauen zur Pflege melden möchten. Aber niemand will es tun, da der Umgang mit den Kranken fast den sicheren Tod bedeutet. Unter den Wenigen, die sich aus Sachsen gemeldet haben, stand in den ›Nachrichten‹ obenan der Name – Valentine Marschall.«

Das alte Fräulein sah, wie Kurt tiefatmend die Augen schloß.

Da blieb sie noch so lange neben ihm, bis seine ruhigen Atemzüge verkündeten, daß er schlief. Dann verließ sie auf den Zehen das Zimmer.

Am andern Morgen fühlte sich Kurt schon viel kräftiger. Als er erwachte, stand Ursula neben dem Bett und beglückwünschte ihn zu seiner endlichen Besserung. Auch der Kriegsrat kam mit strahlendem Gesicht hereingehumpelt und verließ den Kranken nicht eher wieder, bis Ursula den alten Herrn unerbittlich zur Tür hinausschob.

Von nun an machte Kurts Genesung rasche Fortschritte, und er aß und trank mit Behagen. Seine Pflege versah Ursula. Tante Sidonie saß tagsüber stundenlang an seinem Bett und vertrieb ihm durch ihr Plaudern die Zeit. Aber sie bemerkte, daß er oft zerstreut war und ihren Worten kaum folgte. In solchen Augenblicken hingen Kurts Augen, wie sie mit unbeschreiblicher Freude wahrnahm, heimlich an Ursula.

Zwischen den beiden jungen Menschen herrschte eine tiefinnerliche, stille Herzlichkeit. Tante Sidonie war eine scharfe Beobachterin und empfand deutlich, daß jeder von ihnen eine schwere Last trug.

So war eine Woche vergangen. Kurt durfte heute zum erstenmal das Bett auf ein paar Stunden verlassen.

Nun saß er auf der kleinen Veranda an der Elbseite des Hauses in dem warmen Sonnenschein. Auf seinen Wangen zeigte sich schon eine leichte Röte, das sichere Zeichen der jungen Kraft, die wieder in seinen Körper eingezogen war. Die Mattigkeit war aus seinen Augen verschwunden. Aber sie blickten nicht so heiter in den herrlichen Sonntagmorgen hinein, wie es das Recht des dem Tode Entronnenen gewesen wäre.

Tante Sidonie saß neben ihm, bemüht, seine stille Traurigkeit durch ihre Unterhaltung zu verscheuchen. Endlich mochte sie jedoch überzeugt sein, daß es nutzlos war. Von da an saßen sie stumm beieinander.

Da trat Ursula auf die Veranda.

Das alte Fräulein erhob sich rasch vom Stuhl.

»Beinahe hätte ich's vergessen,« sagte sie, »ich muß ja Herrn von Abendroth …«

Mit diesen Worten eilte sie in das Zimmer.

Ursula stand regungslos hinter Kurts Lehnstuhl. Eine lange Weile drückenden Schweigens verstrich so. Kurt hörte Ursulas Atem schwer gehen. Da wandte er sich im Stuhl plötzlich um und ergriff ihre Hand. Das Mädchen zitterte, daß sie sich an den steinernen Pfeiler der Tür lehnen mußte.

Kurt wollte sprechen, aber eine tiefe Bewegung hinderte ihn daran. Endlich sagte er:

»Ursula, ich habe deine Liebe schlecht belohnt. Das tut mir bitter weh. Du aber hast das Schlimme, was ich dir zugefügt, mit Aufopferung und Großmut vergolten. Ursula, – kannst du mir verzeihen?«

Ursula war bei diesen Worten bleich geworden. Eine Sekunde lang stand sie mit niedergeschlagenen Augen stumm und unbeweglich. Dann entfuhr ihr ein gepreßter Schrei, und sie sank neben dem Sitzenden auf die Knie nieder und legte ihre Stirn in seinen Schoß.

»Liebste, steh auf,« bat Kurt tief ergriffen, »die Beschämung, die ich erleide, tötet mich sonst!«

Da hob das Mädchen den Kopf und richtete ihre in Tränen schwimmenden Augen auf ihn.

»Nein, Kurt,« sagte sie mit fester Stimme, »du darfst mich nicht um Verzeihung bitten! Ich konnte dir wohl zürnen, aber ich war grausam gegen dich, denn ich hörte nicht auf deine Worte, aus denen ich alles erfahren hätte. Als meine Heftigkeit verflogen war, bereute ich sie. Und Tante Sidonie lehrte mich vollends das bittere Unrecht erkennen, das ich dir zugefügt. Kurt, verzeihe …«

Der Sitzende beugte sich erschüttert herab.

»Sprich nicht weiter,« stammelte er mit bebenden Lippen. »Wer sich von uns schuldig fühlt, mag den andern mit doppelter Liebe für die schlimmen Tage entschädigen. Du hast mir durch deine aufopfernde Pflege das Leben noch einmal geschenkt. Geliebte! Dein soll es nun aber auch fortan gehören, – bis zu meinem letzten Atemzuge!«

»Kurt!« jubelte Ursula hell auf und warf ihre Arme um seinen Hals.

In diesem Augenblick kam Tante Sidonie zurück. Hilflos blieb sie in der Tür stehen. Zwar hatte sie in den letzten Wochen im Träumen und Wachen schon immer das Bild vor Augen gehabt, das sich ihr jetzt so überraschend bot. Aber es war ja doch nur ihre Einbildung gewesen, der höchste Ausdruck ihrer Sehnsucht. Was sie jetzt aber hier sah, war Wirklichkeit – – –

Dem alten Fräulein rannen die Tränen über die faltigen Wangen, und sie trippelte fassungslos hin und her.

»Richtig, der Herr Kriegsrat!« kam es mit einem Mal wie eine innerliche Befreiung von ihren Lippen. »Ach, ich werde ja schon so vergeßlich …«

Damit schoß sie wieder hinein.


Die Sonne stand leuchtend am Himmel, über Sachsens Hauptstadt schwebte Sonntagsfrieden. Der leichte Wind trug vom Kreuzturm, halb verweht, das Geläute der Glocken herüber. Ihr eherner Mund lud alle, die die feierlichen Klänge hören wollten, zum Kirchgang ein.


Von demselben Verfasser erschien 1912:

Siebeneichen

Roman aus dem Alt-Meißner Land von

Geheftet 3 M; – Elegant gebunden 4 M

Eine Reihe glänzender Beurteilungen liegen über dieses schöne, ausgereifte Werk vor, von denen wir Raummangels wegen nur einige abdrucken können. Es schreiben die

»Literarische Neuigkeiten«, Leipzig:

Das Meißner-Land hat seinen Dichter gefunden! Gustav Hildebrands Roman »Siebeneichen« versetzt uns an die rauschende Elbe, nach der alten Markgrafenstadt, und zaubert ein Bild längst vergangener Zeiten hervor, Zeiten geistiger Not, wo alles in heller Begeisterung eintrat für die geläuterte Lehre des Wittenbergers und Ringen nach Erkenntnis die Herzen erfüllte. Die Glaubenskämpfe, welche die wackeren Bürger mit ihrem stolzen Burgemeister Waltklinger an der Spitze zu bestehen hatten, geben dem Buche seinen Grundton, und herrliches Lokalkolorit durchzieht das ganze Werk, in dem ein Dichter das hohe Lied der Heimatliebe erschallen läßt. Der Roman wirkt in der Zeit literarischer Verflachung überaus erquickend, und auch in die Hände der reiferen Jugend darf dieses wahre Volksbuch unbedenklich gegeben werden.

S.-A.

»Sachsensport«, Dresden:

Ins Alt-Meißner Land führt er uns hinein, wie es sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert darstellt, von Religionswirren durchtobt, von regem Handel belebt. Zwei Männer stehen im Vordergrund: der strenge päpstlich gesinnte Amtmann Ernst von Miltitz, Schloßherr zu Siebeneichen, der stolzen meißnischen Burg, die dem Buch den Namen gegeben, und Georg Waltklinger, Meißens ehrenfester, treu evangelischer Burgemeister. Zwei Eisenköpfe, die keinen Schritt breit von ihrer Überzeugung weichen und deren Hader verdunkelnd auf dem Liebesglück ihrer Kinder, Bernhard und Sonnhild, ruht. Mit straffer Hand führt Gustav Hildebrand seine mannigfach verwickelte Handlung bis zum befriedigenden Schluß durch. Packend ist's geschildert, wie, jubelnd vom Volk begrüßt, die Reformation ihren Einzug in Meißen hält. Liebevoll, mit historischer Treue sind die alten schönen Sitten aufgezeichnet. Ein echter Dichter voll Poesie und Humor steht hinter diesem Buch, das den, der es zu lesen angefangen, nicht losläßt bis zum Schluß.

»Dorfzeitung«, Hildburghausen:

Der Verfasser versucht es, uns ein eingehendes Kulturbild aus jener großen und interessanten Zeit zu geben, in der sich die Reformation zu entwickeln beginnt und sich siegreich dem alten Glauben gegenüber durchsetzt. Der Ort der Handlung ist die alte Markgrafenschaft Meißen, die uns Hildebrand mit großer Liebe in allen Einzelheiten ihres damaligen Bildes schildert. Die Hauptträger der Handlung sind ein junges Liebespaar, der katholische Junker Bernhard von Miltitz und Sonnhild, des tatkräftigen Meißner Bürgermeisters Waltklinger liebreizendes Töchterlein, die, wie ihr Vater sich zum neuen Glauben bekennt. Vorzüglich hat der Verfasser es verstanden, in einer hie und da etwas altertümelnden Sprache uns den Geist und die Eigenart jener merkwürdigen Zeit zu schildern; mit plastischer Deutlichkeit treten uns die Hauptpersonen entgegen, die zum Teil als Vertreter der Hauptströmungen des politischen, religiösen und gesellschaftlichen Lebens jener Zeit aufzufassen sind. So verkörpert, um nur zwei Beispiele anzuführen, des Liebhabers Vater Ernst von Miltitz, der herzogliche Amtmann von Meißen, den Adel jener Tage, der voll stolzen Selbstgefühls sich höher dünkt, als die Bürger hinter den Mauern ihrer Stadt, während wir in der Person eben des Bürgermeisters Waltklinger einen Vertreter des aufstrebenden Bürgertums jener Zeit sehen, das, voll Stolz auf sein wirtschaftliches Vorwärtskommen, sich dem Adel ebenbürtig fühlt und diesem voll trotzigen Selbstgefühls die Spitze bietet. – Alle Stände des 16. Jahrhunderts ziehen in bunter Reihe an uns vorüber, der heimatlose Spielmann, das fahrende Kriegsvolk, die Juden u. a. m. Es ist ein Buch, das sich vorzüglich auch für unsere Jugend zur Lektüre eignet und das darum allen Volks- und Schulbibliotheken warm empfohlen sei.

Franz Mießner in »Leipziger Neueste Nachrichten«, Leipzig:

Das ist eine ganz prächtige Geschichte, ohne jeden übermodernen Klimbim, aber dafür voll von Heimatpoesie und echtem gutem Menschentum. Eine kulturgeschichtlich hochinteressante Zeit taucht auf. Deutscher Bürgerstolz im Kampfe mit stolzem Adel, und dazu das sieghafte Ein- und Vordringen von Luthers Lehre; Meißen, die alte Markgrafenstadt, gibt das spezielle Bild, und Schloß Siebeneichen mit seinen Bewohnern spielt eine besondere Hauptrolle. Eine zarte, sinnige Liebesgeschichte klingt glücklich aus und wirkt versöhnend zwischen dem bürgerlichen und adligen Milieu. Die beigegebenen Federzeichnungen von Josef Windisch sind ganz reizend und stimmen vortrefflich zu der feinen, unmittelbaren Schilderungskunst des Verfassers. Ein kerndeutsches Buch! Für die Familie eine prächtige Lektüre.


Einer reichgefüllten Schatzkammer
für alle Kunst- und Literaturfreunde gleicht

Rafael von Urbino

Kunstgeschichtlicher Roman in Bildern

von

Heinrich von Schoeler

300 Seiten mit 10 Kunstblättern
In vornehmem Geschenkband M. 4.50

Wie der bekannte Autor in seinem vor drei Jahren erschienenen und glänzend aufgenommenen historischen Roman »Kaiser Tiberius auf Capri« den Versuch wagte, den genialen Cäsar zu schildern, abweichend von dem Bilde, das eine unkritische Schultradition uns von ihm übermittelt hat, so bietet Dr. H. von Schoeler in seinem neuesten kunstgeschichtlichen Roman »Rafael von Urbino« ein auf der Grundlage sorgfältiger Studien gezeichnetes Bildnis Rafael Santis, das den großen Urbinaten der historischen Wirklichkeit entsprechend darstellt. – Mit Riesenfleiß zeichnet der Verfasser aus dem unermeßlich reichen Borne lebhafter Gestaltungskraft und kunsthistorischen Wissens Blatt um Blatt den Werdegang eines in rastloser Arbeit durch unermüdliche, vorbereitende Studien und konzentrierte Geisteskraft sich emporringenden Genius, der zielbewußt sein Lebenswerk der höchsten Vollendung entgegenführt. Denn Rafael Santi war das Genie, das in seinem gewaltigen Können alle zerstreuten Zeitkräfte sammelte und als zusammenfassender Geist repräsentativ für sein Zeitalter offenbarte.

Nur ein absoluter Beherrscher historischer Darstellungkunst konnte aus dem Vollen heraus ein solch großzügiges Lebensbild des genialen Künstlers und zugleich ein wichtiges Dokument der Blüte der italienischen Renaissancezeit schaffen.

Es ist kein Buch, das man nur zur Unterhaltung zur Hand nimmt. Den Künstler sowohl als den Kunstverehrer, den Lehrer wie den Schüler, kurz die Gebildeten aller Stände fesselt das verdienstvolle Werk durch seine machtvolle Gestaltenfülle und durch den hehren Ausdruck der Kunstbegeisterung eines hoch über den Parteien stehenden Historikers.


Schaffet gute Bücher ins Haus!

37.–42. Tausend

Leonardo da Vinci

Historischer Roman aus der Wende des 15. Jahrhunderts von

Dmitry Mereschkowski

Einzige autorisierte Übersetzung. Vollständige Ausgabe. 584 Seiten mit 16 Kunstbeilagen, gebunden in elegantem, modernem Leinenband.

Preis nur Mark 3.–

Einige Urteile:

Das Buch gehört zu den seltenen Schriften, deren Wirkung auf nachdenkliche Leser bleibend ist, ja deren Lektüre wie ein Schicksal in das Leben vieler einzugreifen imstande ist. Es kann nicht dringend genug empfohlen wenden. Um ihm gerecht zu werden, müßte man allerdings mehr als ein paar Ankündigungszeilen zur Verfügung haben. Hier müssen einige wenige Worte warmer Bewunderung genügen.

(Blätter für Volksbiblioth. und Lesehallen)

… Gewöhnliche Romane hat Mereschkowski nicht geschrieben, es sind gewaltige Seelen- und Kulturbilder.

(Liter. Echo, Berlin)

… so steht dieses machtvolle Werk als das bedeutendste, das Riesenfleiß und geniale Phantasie bisher einen modernen Dichter aus der Lebens- und Gestaltenfülle der italienischen Renaissancezeit hat erschaffen lassen.

(Westermanns illustr. Monatshefte.)

Kein Gelehrter, ein Romancier hat uns die beste Arbeit über Leonardo geschenkt … und so wollte ich auf das Werk verweisen, das besser als gelehrte Erörterungen in die Werkstatt seines Geistes einführt.

(Prof. R. Muther, Breslau.)

Nur ein absoluter Beherrscher schriftstellerischer Darstellungskunst konnte dieses Buch ins Leben rufen, das seinem Autor eine den bedeutendsten Erzählern ebenbürtige Stellung anweist …

(Monatsberichte über Kunstwissenschaft, München)

Mereschkowski, der jüngste der russischen Schriftsteller, ist ein würdiger Nachfolger Tolstois und Dostojewskis.

(Daily Telegraph, London.)

Ein packendes Buch, das höher steht als die besten Romane der Neuzeit, höher als es sich sagen läßt …

(Spectator, London.)

… Und ich wüßte keinen, der auch nur annähernd in dieser Anschaulichkeit die große Zeit vor uns lebendig gemacht hätte … Über das wundervolle Material eines Gelehrten ist ein Dichter geraten, der über die seltene historische Phantasie verfügt. Das ist so außerordentlich wie Mereschkowski aus dem Vollen schöpft. Und man denkt an sein Werk zurück wie an eine gefüllte Schatzkammer. Es liegt so viel Reichtum darin, daß man ihn auf einmal nicht übersehen kann.

(Carl Busse in »Liter. Monatsberichte«.)


Von Dmitry Sergejewitsch Mereschkowski erschienen ferner:

Julian Apostata

der letzte Hellene auf dem Throne der Cäsaren

Ein biographischer Roman

Deutsch von C. von Gütschow

Preis gebunden M. 4.–

»Julian Apostata bringt uns nicht nur die Erzählung des Lebens jenes letzten Hellenen auf dem Throne der Cäsaren, sondern auch eine bewegte Schilderung der damaligen zivilisierten Welt des Westens in mit dramatischer Lebhaftigkeit vor dem inneren Auge des Lesers sich abspielenden wechselvollen, interessanten Szenen.«

Mülheimer Zeitung vom 19. Dezember 1902.

Peter der Große

und sein Sohn Alexei

Historischer Roman aus Rußlands großer Zeit

Deutsch von C. von Gütschow

Preis gebunden M 7.–

»Noch kein Romanschriftsteller hat die Gabe besessen, eine längst vergangene Zeit in solcher Lebensfülle wieder wachzurufen. Es grenzt ans Wunderbare. Und darum glauben wir, daß von allen russischen Schriftstellern der Jetztzeit sich Mereschkowski am längsten halten wird.«

République française, Paris

Julian Apostata (Christ und Antichrist Band 1: Tod der Götter), Leonardo da Vinci (Christ und Antichrist Band 2: Auferstehung der Götter), Peter der Große (Christ und Antichrist Band 3: Der Antichrist) bilden eine Romantrilogie. Jeder Band hat selbständigen Wert u. ist einzeln käuflich.

Michelangelo

und andere Novellen aus der Renaissancezeit

Deutsch von C. von Gütschow

Preis gebunden M. 3.–

Inhalt: Michelangelo. – Die Liebe ist stärker als der Tod. – Die Wissenschaft der Liebe. – Der heilige Satyr.

Mereschkowski zeigt sich hier als Meister einer Kleinkunst von köstlicher Feinheit. Daß uns auch aus diesen vier Erzählungen der lebendige Odem einer reichbewegten Zeit geistigen Erwachens und eines einzig dastehenden künstlerischen Aufschwunges machtvoll entgegenweht, wird niemand wundernehmen, der des Dichters, von vielen namhaften Kritikern als eines der gewaltigsten Bücher unserer Zeit gekennzeichneten, großen biographischen Roman »Leonardo da Vinci« gelesen hat.


Henryk Sienkiewicz, Roman-Trilogie

Deutsch von Clara Hillebrand und Dr. R. Löwenfeld
6 Bände

Elegant gebunden in 6 Original-Leinenbänden M. 28.–

Daraus einzeln:

Mit Feuer und Schwert. Zweite Auflage. 2 Bände. Elegant gebunden M. 9.–

Sturmflut. Dritte Auflage. 3 Bände. Elegant gebunden M. 13.50

Der kleine Ritter (Pan Wolodyjowski). Zweite Auflage. Elegant gebunden M. 6.–

Jede der drei Abteilungen bildet einen Roman für sich

Sienkiewicz, Quo vadis?

Deutsch von Clara Hillebrand

2 Bände. Elegant geb. M. 7.–

Erste korrekte und vollständige, mit vielen Erklärungen versehene Übersetzung

Sienkiewicz, Die Kreuzritter

Deutsch von Clara Hillebrand

2 Bände. Elegant geb. M. 9.–

Sienkiewicz, Die dritte Braut

Gebunden M. 1.50

Sienkiewicz, Lilian Moris

Gebunden M. 1.50


Die Vorzüge unserer Sienkiewicz-Ausgaben sind:
Vollständigkeit, mustergültige Übersetzung, vorzügliche Ausstattung und Billigkeit.


Verlagsbuchhandlung Schulze & Co. in Leipzig


Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.