Zwölftes Kapitel
Während des ganzen Tages hielt das Gewehrfeuer ununterbrochen an. Die Kranke lag fast immer mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und antwortete kaum auf Friedchens Plaudern. Da regte sich das Zartgefühl in Friedchens Brust, und sie erwähnte fortan die Abwesende nicht mehr.
Herr Marschall war tagsüber nicht nach Hause gekommen. Und nachdem gegen Abend Anna mit großer Entrüstung erzählt hatte, daß der fremde Mann, den Professor Richter mitgebracht, soeben heimlich auf und davon gegangen sei, waren die Frauen allein im Hause. Friedchen und Anna horchten ängstlich, wenn auf der Gasse ein schreiender Haufe vorüberzog und wagten nicht, an die Fenster zu treten.
Die Dunkelheit war hereingebrochen, und Friedchen stand gerade im Begriff, die Lampe anzuzünden, als es mit einem Male an der Haustür klopfte. Es war der hungernde Heinrich, der Einlaß begehrte. Geschwind blies Friedchen das Streichholz aus und blieb vor Schreck eine Weile regungslos stehen. Gleichzeitig kam Anna eilends aus der Küche herbei und lehnte entschieden ab, die Tür zu öffnen und nachzusehen. Übrigens würde sie hier in der Kammer während der Nacht auf einem Stuhle schlafen.
Bald darauf klopfte es noch mehrere Male. Friedchen und Anna drängten sich geängstigt aneinander und jammerten leise.
»Möchtest du nicht einmal zum Fenster hinaussehen?« fragte Frau Marschall die Schwester.
Friedchen wehrte mit beiden Händen ab und flüchtete in eine Ecke der Kammer. Zu sprechen wagte sie nicht.
Da dröhnte die Tür unter den Kolbenstößen des vor dem Hause ungeduldig Wartenden.
Anna bedeckte das Gesicht mit der Schürze, während Friedchen sich auf das andere Bett warf und einen Weinkrampf bekam. So blieben die drei Frauen, kaum wagend sich zu rühren, in dumpfem Schweigen beieinander, bis in der Nacht Herr Marschall nach Hause kam.
Jetzt machte Anna Licht und begleitete Friedchen in die nebenliegende Kammer, wo sich beide in ihren Kleidern auf ein Sofa legten.
Frau Marschall bemerkte die seelische und körperliche Erschöpfung ihres Mannes.
»Setz' dich noch eine Weile zu mir, Hermann,« bat sie in weichem Tone, »bevor du zu Bett gehst.«
Advokat Marschall ließ sich neben dem Bett seiner Frau nieder. Seine Kraft war zu Ende. Regungslos starrte er vor sich hin. Endlich sah er müde auf.
»Wo ist Valentine?« fragte er.
Mit unendlicher Schonung erzählte die Kranke des Mädchens Entschluß. Da bedeckte der alte Mann die Augen mit beiden Händen, lehnte sich zurück und blieb eine lange Zeit stumm. Valentine! Sein Kind, an dem sein ganzes Herz hing! Jetzt stand auch sie unter den Kämpfenden! Daß sie gegangen, nur um die Leidenden zu pflegen, vermochte er kaum zu glauben. Er kannte ihren aufflammenden Sinn – –
Als er heute den langen Zug der Verwundeten gesehen und ihr Wimmern und die bittern Anklagen und Verwünschungen gehört, hatte ihm das Herz brechen wollen.
O! wie fürchterlich lastete doch die Verantwortung auf ihm!
Als auch er sich dafür erklärte, daß das Volk die Erfüllung seiner Forderungen erzwingen müsse, hatte er mit vielen Anderen geglaubt, die Regierung würde den Kampf nicht annehmen, sondern nachgeben. Statt dessen blieb sie fest. Und nun dieser entsetzliche Zustand!
»Leg' dich nieder, lieber Mann,« sagte Frau Marschall sanft und streichelte seine Hand.
Da stand der Schwergeprüfte auf, beugte sich über seine Frau und ließ es geschehen, daß sie ihre Arme um seinen Hals schlang und ihn wie ein Kind herzte und wieder und immer wieder küßte. Mit übermenschlicher Kraft mußte er an sich halten, daß er nicht vor Verzweiflung laut aufschrie.
Advokat Marschall konnte trotz seiner großen Müdigkeit keinen Schlaf finden. Von schweren Gewissensbissen gepeinigt, warf er sich im Bett hin und her. Im Hause war es totenstill. Auch von der Gasse drang kein Laut herein. Die alte Standuhr in der Wohnstube verkündete feierlich die abgelaufenen Stunden. Aus ihren gemessenen Perpendikelschlägen hörte er eine Stimme heraus, die heftige Anklagen gegen ihn ausstieß. Ab und zu hallte von fernher ein einzelner Schuß durch die schweigende Nacht. Sonst herrschte lautlose Stille.
Auf den Gassen war es menschenleer. Nur hinter den Barrikaden lagerten um eine einsame Laterne herum in der empfindlichen Kälte der Frühlingsnacht die todesmatten Schläfer, das Gewehr im Arm. Vielleicht gaukelten liebliche Bilder vor ihrer Seele, und sie sahen sich im Traum in der Heimat friedlich mit ihren Lieben vereint. Nur wenige Stunden noch. Dann flammte über der Dreikönigskirche purpurn das Frühlicht auf, und die Blutarbeit begann wieder.
Aus den Wassern des Stroms stiegen die Nebelfrauen herauf und fegten durch das Elbtal, ihre langen Gewänder hinter sich herschleifend. Dann fuhren sie über das hartgeprüfte Land. Wo sie eine Mutter oder Gattin wußten, die bleich hinter dem Fenster wachte und mit verhärmten Augen nach ihrem Teuern in die Nacht hinaussah, ließen sie ihre Schleier gleich Leichentüchern auf- und niederwallen. Vor jenem Felsen aber, auf dem hoch droben Sachsens König einsam weilte, liehen sie sich die Kräfte des Sturms. Hohle Klagelieder singend, umflatterten sie die schweigende Feste, schlugen an das eiserne Tor und rüttelten an den Fenstern.
An dem dunkeln Nachthimmel funkelten die Sterne in hellem Glanz, unbekümmert um den Hader der törichten Menschlein tief drunten, die sich voll Erbitterung zerfleischten, als wäre ihnen nie das Wort erklungen: Friede auf Erden!
Und wie in den zur Verteidigung hergerichteten Häusern und hinter den Barrikaden die bürgerlichen Kämpfer, so lagerten vor den Mauern des altehrwürdigen Königschlosses der Wettiner, im Zwinger und auf der Brühlschen Terrasse die stark erschöpften Truppen. Die heftigsten Vorwürfe waren ihnen von den Gegnern zugeschleudert worden, daß sie sich nicht scheuten, auf ihre Brüder und Väter zu schießen. Aber sie hielten ihren Treuschwur!
Das Andenken an diese braven Soldaten wird nicht untergehen. Mit helleuchtender Schrift ist in das Buch der Geschichte eingeschrieben: Sie waren Helden!
Und während im Rathaus, wo sonst für das Wohl der sächsischen Hauptstadt gewirkt wurde, bis zum frühen Morgen die Leitenden der bürgerlichen Kämpfer sich berieten, waren drüben im Blockhaus die Führer der Truppen vereinigt. An ihrer Spitze stand jener Mann von eisernem Willen, der für die Niederwerfung des Aufstands mit schärfster Gewalt eintrat: Kriegsminister Rabenhorst.
Advokat Marschall lag, von fürchterlichen Seelenqualen gepeinigt, schlaflos auf seinem Lager. Er konnte in der Dunkelheit, die in der Kammer herrschte, seine Frau nicht sehen. Aber ihre Atemzüge verrieten ihm, daß auch sie wachte.
»Schläfst du?« fragte er einmal leise.
»Zerquäle dich nicht, mein guter Hermann,« antwortete Frau Marschall mild, »schlaf!«
Da schwieg er und starrte mit weitgeöffneten Augen in die pechschwarze Finsternis hinein.
In dieser Nacht hielt Advokat Marschall Gericht über sich. Und als er das Soll und Haben seiner irdischen Rechnung lange betrachtet und sorgfältig verglichen hatte, blieb trotz eines ansehnlichen Guthabens eine Schuldsumme als Rest. Diese Erkenntnis raubte ihm alle Hoffnung. Und er wußte nunmehr, daß sich in seinem Lebenskelch nur noch eine schale Neige befand.
Endlich ging diese furchtbare Nacht ihrem Ende zu.
Als die ersten Morgenstrahlen Marschall aus seinem kurzen Schlummer weckten, bedeckte kalter Schweiß seinen Körper. Da gedachte er seiner Pflicht, die ihn aufs Rathaus rief. Entschlossen stand er auf und kleidete sich an. Seine leisen Hantierungen weckten seine Frau.
»Wie geht dir's?« fragte er zärtlich und trat an ihr Bett.
Frau Marschall sah ihren alten, treuen Lebensgefährten mit einem Blick voll unaussprechlicher Liebe an.
»Du solltest bis zu Mittag im Bett bleiben,« erwiderte sie. »Tu mir's zuliebe, Hermann!«
Marschall schüttelte den Kopf und sagte mit Nachdruck:
»Jetzt, wo alles auf dem Spiel steht, gehöre ich auf meinen Platz.«
Da versuchte es Frau Marschall nicht noch einmal, ihren Mann zum Bleiben zu bewegen.
Inzwischen hatte Anna Kaffee gekocht und brachte ihn herein.
»Der schöne Sonntagmorgen,« sagte sie, das Fenster öffnend, »heute werden wir die Glocken vom Kreuzturm wohl nicht zu hören kriegen.«
Als unmittelbare Antwort darauf krachte von der Schloßgassenbarrikade her ein Schuß, dem alsbald weitere folgten. Nach wenigen Minuten war das Gewehrfeuer wieder zu seiner vollen Stärke angewachsen, um bis in die sinkende Nacht anzuhalten.
Frau Marschall hatte beim Rollen des ersten Schusses verstohlen geseufzt. Als sie aber sah, wie ihr Mann verstört auffuhr, haschte sie nach seiner Hand und zog sie auf das Deckbett nieder.
»Bleibe noch eine Weile bei mir,« bat sie weich. Daß sie aber plötzlich eine große Bangigkeit verspürte, verschwieg sie ihm. Da schlugen die Uhren von den Kirchtürmen die vierte Morgenstunde.
»Hier riecht es ja so sengrig,« sagte Anna, als sie wieder hereinkam, um das Kaffeegeschirr zu holen.
Auch Advokat Marschall verspürte jetzt den Geruch. Er ging zum Fenster und sah eine Sekunde lang die Brüdergasse nach dem Zwinger hinab. Und als er sich wieder umwandte, war sein Gesicht kreidig. Mit ungeheurer Anstrengung sagte er:
»Die Rasenden! Jetzt haben sie das Opernhaus angezündet. Es steht über und über in Flammen.«
Frau Marschall faltete stumm die Hände und schloß die Augen.
»Wenn der Heinrich hier wäre,« sagte sie tief atmend.
»Aber gute Madam,« rief Anna im Hinausgehen, »der Heinrich is ja bei's Militär und muß mit schießen.«
Advokat Marschall fuhr sich mit den Händen an den Kopf und stöhnte:
»Bevor ich gestern abend vom Rathaus fortging, habe ich Tzschirner noch das Versprechen abgenommen, daß die provisorische Regierung keine gewalttätige Handlung unternehmen dürfe. Und jetzt diese fluchwürdige Freveltat.«
Ein fürchterlicher Zorn stieg in dem gutmütigen Mann herauf und erstickte alle weiteren Worte. Wie sinnlos schritt er in der Kammer auf und ab, mit den Armen durch die Luft schlagend.
»Weil wir nicht mehr die Herren der Bewegung sind!« stieß er mit abgerissenen Worten heraus. »Das fremde Gesindel, das sich eingeschlichen hat und dem nichts heilig ist! Dieser Bakunin …«
Hier brach die Stimme.
»Ich wollte, der Heinrich käme und brächte mich weit fort von hier,« sagte Frau Marschall, als ob sie bete.
Da klopfte es. Die Kranke ließ die zitternden Hände auf das Deckbett fallen und starrte mit verhaltenem Atem nach der Tür. Kam er? – Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und Anna stürzte schreiend herein.
»Sie haben das Haus aufgebrochen!« rief sie mit gerungenen Händen.
In der offenen Tür standen ein gutgekleideter Mann mit einer blutigroten Schärpe um den Leib und hinter ihm zwei verdächtige Gestalten. Advokat Marschall schoß wie ein gereizter Stier auf die Männer zu und herrschte sie an:
»Was wollt ihr hier? Wie könnt ihr in mein Haus eindringen?«
Der Schärpenträger trat auf die Schwelle und erwiderte in anmaßendem Ton und mit fremdartiger Aussprache:
»Wir sollen das Haus anbrennen.«
»Waas? Mein Haus in Brand stecken?«
Advokat Marschall taumelte.
»So ist es,« versetzte der Sprecher, »es kann gleich losgehen. Wir haben ein Faß Öl und ein Faß Pech mitgebracht. Das schütten wir im Treppenflur aus und brennen es an.«
»Ihr Wahnsinnigen!« rief Marschall außer sich, »was soll denn das heißen?«
Da nahm ein anderer in unverfälscht Leipziger Mundart das Wort und antwortete mit einem Klang von gutmütigem Bedauern in der Stimme:
»Sie, mei Gudster, härnse mal. Um Ihr'n ald'n Gasten handelt sich's ja garnich. Dadriewer gennse beruhigt sein. Awer der Wind steht grade so scheene. Wenn's Haus anfangen dud ze brenn', dann bläst'rs Feier hinden nachdn brinzlichen Balläh. Un dadruff hammersch ja bloß abgesähn. Nich edwa uff Ihr Haus. I, Gudd behiede, uff Ihr Haus nich!«
»Wer hat euch diesen Auftrag gegeben!« rief Marschall mit drohender Stimme. »Etwa Tzschirner?«
»Ach, Tzschirner,« versetzte der Fremde mit der roten Schärpe wegwerfend. »Tzschirner, – diese Drahtpuppe! Der einzige, der zu befehlen hat, ist Bakunin! Von ihm erhielten wir die Weisung.«
Advokat Marschall schlug sich mit beiden Fäusten vor die Stirn.
»Bakunin!« schrie er auf, und die Speichelflocken flogen ihm vom Munde. »Bakunin! Und diese Kreatur bestimmt jetzt unser Geschick! Hahaha! Während auf den Gassen sächsisches Blut in Strömen vergossen wird im Dienst der Revolution – die unsere bürgerliche Bewegung schon längst erdrückt hat – führt ein herzugelaufener Landfremder das Regiment und übt eine Schreckensherrschaft aus, gegen die der Zustand, den wir abschütteln wollten, eine wahrhaft goldene Zeit gewesen ist. O, welch ein entsetzlicher Hohn …!«
»Wir sind nicht hier, um Ihre Klagelieder anzuhören,« antwortete der Mann an der Tür kalt, »sondern um unsern Auftrag auszuführen. Unten harren noch mehr von den Unsrigen. Wenn Sie nicht augenblicklich von hier fortgehen, müssen Sie die Folgen tragen.«
Diese Worte trafen Marschall wie Keulenschläge.
»Sofort verlaßt ihr mein Haus, Brandstifter!« donnerte er die Männer an.
In diesem Augenblick trat im Nachtgewand und mit verschlafenem Gesicht aus der nebenliegenden Kammer Friedchen verwundert herein.
»Aber, Kinder, wer schreit nur so?« fragte sie unschuldsvoll. »Da wird man ja aus dem besten Schlaf geweckt.«
Anna schoß zu ihr hin.
»Um Gottes willen, bloß still, Fräulein,« raunte sie ihr zu, »die Männer schlagen unsern Herrn sonst noch tot.«
Da erkannte Friedchen blitzartig die Situation. Mit einem Aufschrei lief sie ans Fenster und verkroch sich hinter Anna, die ihr dahin gefolgt war.
»Nun, habt ihr mich verstanden?« schrie Marschall noch einmal.
Die Männer rührten sich nicht.
»Kennt ihr mich nicht?« herrschte er sie an. »Ich stehe der provisorischen Regierung nahe und befehle euch, auf der Stelle aus meinem Hause zu gehen!«
Da trat der Leipziger wieder vor und sagte:
»Machense nu mal weider geene Mährde un nähmse Vernumft an. Das Haus wärd ähm angebrannt! Dadervon beißt änne Maus gee Fädchen ab.«
Advokat Marschall erkannte, daß er machtlos war, und seine ohnehin schon gänzlich untergrabene Willenskraft brach plötzlich zusammen. Verzweifelt fuhr er mit den Händen in sein weißes Haar, das feucht an den Schläfen klebte. In sein verstörtes Gesicht schoß ein Ausdruck, wonach er sich in der nächsten Sekunde auf die Männer stürzen oder weinen mußte.
»Aber ihr seht ja,« stammelte er mit erstickter Stimme, »daß meine Frau krank zu Bett liegt. Sie kann bei Lebensgefahr das Haus nicht verlassen.«
»Auf ein Leben mehr oder weniger kommt's jetzt nicht an,« sagte der Schärpenträger verächtlich. »Was ist denn nun schon weiter dabei, wenn eine alte Frau stirbt, wo so viel junges Blut dahin ist. Wer fragt nach unserm Leben!«
Frau Marschalls Pulse flogen, und ihre runzligen Hände zuckten ohne Rast auf dem Deckbett hin und her.
»Der Heinrich muß kommen,« stammelte sie und wandte in unaussprechlichem Schmerz die Augen von ihrem seelisch völlig gebrochenen Mann, weil sie seinen Anblick nicht mehr ertragen konnte.
»Erbarmt euch, gute Leute!« bat Marschall jetzt in ergreifendem Tone, »erbarmt euch um der christlichen Liebe willen und wartet so lange mit eurem Beginnen, bis ich vom Rathaus zurück bin …«
»Tod und Teufel, alter Heulknochen!« schrie der Fremde. »Wir haben unsere beste Zeit verschwatzt. Jetzt wird angefangen!«
Kaum waren diese Worte gesprochen, als die in der Tür stehenden drei Gestalten plötzlich wie Strohpuppen beiseite geworfen wurden und ein Mann mit dunkelrotem Gesicht in die Kammer trat. In demselben Augenblick flog Anna aus ihrer Ecke, unter Tränen lächelnd, auf den Eingetretenen zu und warf ihm die Arme um den Hals.
»Heinrich!«
Darauf herrschte eine kurze Weile tiefes Schweigen in dem Raum.
Frau Marschall fand zuerst wieder Worte.
»Ich wußte es ja, daß er kommen würde,« murmelte sie.
Heinrich drängte das an ihm hängende Mädchen sanft von sich. Sein Atem keuchte vor Eile und Zorn.
»Herr Advokat,« stieß er in fliegenden Worten heraus, während seine Augen drohend auf den Brandstiftern ruhten, »Sie brauchen bloß ein Wort zu sagen, und ich werfe diese Lumpenhunde die Treppe 'nunter, daß sie die Hälse brechen, – einen nach dem andern!«
Während er dies sagte, wichen die drei Eindringlinge unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Die athletische Gestalt Heinrichs und seine nur mühsam gebändigte Wut ließen ahnen, daß er ein furchtbarer Gegner sein mußte.
Mit diesem heftigen Ausbruch hatte sich Heinrichs Zorn aber auch schon wieder verflüchtigt, und sein schwerblütiges Temperament kam obenauf. Und als er noch dazu Frau Marschall sah, deren Augen starr an ihm hingen, erhielt er seine volle Besonnenheit wieder.
»Herr Advokat,« sagte er, »die Madam muß fort …«
»Aber meine Frau ist doch krank und kann nicht aus dem Bett,« stöhnte Marschall verzweifelt auf.
»Das werden wir schon machen,« antwortete Heinrich, der jetzt wieder in seiner ganzen Pomadigkeit war. »Herr Professor Richter hat mir's gestern aufgetragen, daß die Madam fort soll. Wenn es für sie gefährlich wär', hätte er's nicht verlangt. Ich hab' einen Wagen mitgebracht, der die Madam nach dem Trompeterschlößchen fährt. Aber wir dürfen keine Minute mehr verlieren; unten im Hause spielt die Brut schon mit Feuer.«
Während der letzten Worte war er zu der Kranken getreten, hob sie samt dem Unterbett und der Zudecke wie ein Spielzeug in die Höhe und schritt mit ihr zur Tür.
Da rief draußen die Stimme des Leipzigers:
»Härnse, mit der Frau gennse nich mehr iewer die Drebbe gehn, 's Geländer brennt schoon. Die andern Leide gomm' noch nunter, aber de Beddn fangn glei Feier.«
In der Tat zeigte sich auf dem Flur dicker Qualm, der bereits in die Kammer eindrang. Bei diesem Anblick verlor Advokat Marschall alle Beherrschung und fing laut an zu schluchzen.
»Mein Haus! – mein Vaterhaus!« klagte er ergreifend, das Gesicht mit den Händen verhüllend.
Während diesem allen schallte von der nahen Barrikade her unaufhörlich das sinnbetäubende Krachen der Gewehre in die Kammer.
Heinrich legte die Kranke wieder auf das Bett und rief:
»Anna, die Wäscheleine!«
Das Mädchen flog. In einer halben Minute war die Leine zur Stelle. Mit ein paar raschen Griffen schlang Heinrich sie um die Betten und verknotete sie fest.
In diesem Augenblick erschien Friedchen wieder, die inzwischen in die Nebenkammer gehuscht war. Ihre Kleider waren in Unordnung und die halb aufgelösten Zöpfe hingen über das verängstigte Gesicht herunter. Unter dem einen Arm trug sie Bürzelchen, ihren dicken Mops, der – aus dem Schlafe gerissen – ärgerlich dreinsah, und mit dem Ellbogen des andern Arms preßte sie einige zerlesene Leihbibliotheksbücher an sich.
»Schnell vor das Haus, Herr Advokat,« rief Heinrich, »ich lasse die Madam hinunter.«
Mit diesen Worten hob er das Bündel auf und trug es zum Fenster.
Noch stand Marschall wie angewurzelt, als im Treppenhaus eine Stimme schrie:
»Die Leute da oben, vorwärts! In einer Minute brennt die ganze Treppe.«
Da faßte Anna ihren Herrn am Arm und riß ihn fort. Das bepackte Friedchen fegte hinterdrein. Bürzelchen bellte zornig.
Jetzt ließ Heinrich die in Betten gehüllte Kranke recht vorsichtig hinab. Inzwischen war Marschall unter dem Fenster angekommen, fing mit dem Kutscher das Bündel auf und legte es behutsam auf den Tafelwagen. Frau Marschall lächelte ihren Mann an und sagte:
»Es geht mir ganz gut, Hermann. Sorge dich nicht.«
»Rasch fort,« rief Heinrich, der unterdessen an der um das Fensterkreuz geschlungenen Wäscheleine herabgeglitten war.
In diesem Augenblick hörte er hinter sich eine müde Stimme sagen:
»Ich konnte es zu Hause nicht mehr aushalten, Heinrich. Bist du mir böse?«
Und als er sich umwandte, sah er in das gramerfüllte Gesicht seiner Schwester.
»Linchen!« rief er und riß sie stürmisch an sich. Dann hob er sie rasch auf den Wagen, auf den schon Friedchen und Anna geklettert waren.
Die Gasse war menschenleer. Nur die Männer, die den Brand in das Haus gelegt hatten, standen gaffend um den Wagen herum. Aus der Tür drang dicker Qualm. Im Treppenhaus brannte es jetzt lichterloh.
»Kutscher, fort!« schrie Heinrich mit Aufbietung seiner ganzen Stimme, da in dem fürchterlichen Lärm des nahen Gewehrfeuers fast jeder Laut unterging.
Der Mann verstand den Zuruf und sprang auf den Bock.
»Fahren Sie mit, Herr Advokat,« rief Heinrich dem wie betäubt Stehenden ins Ohr und setzte ihn kurzerhand auf den Wagen.
Heinrich war gerade im Begriff, sich selbst hinaufzuschwingen, als aus der Seitengasse am Taschenbergpalais plötzlich ein Schwarm Soldaten hervorbrach, voran ein Offizier. Blitzschnell erkannte ihn Heinrich. Es war der Oberleutnant von Döring. Die Brandstifter wirbelten beim Anblick der Soldaten nach der andern Seite davon, wie Spreu vor dem Gewittersturm.
»Heinrich, die Kompagnie!« rief Linchen schrill durch den Lärm.
Da schlug der Kutscher wie unsinnig auf das Pferd ein, daß der Wagen mit großer Schnelligkeit durch die Soldaten hindurchrasselte. Heinrich hatte im letzten Augenblick sein Gewehr vom Wagen gerissen. Er durfte es nicht wagen, hinaufzuspringen. Sie hätten ihn erkannt und herabgeschossen. Linchen hatte richtig gesehen, es war die Kompagnie seines Vaters.
Er hörte noch den Oberleutnant rufen:
»Die Löschmannschaften vor!«
Dann wandte er sich um und lief schnell nach Stadt Gotha zu. Da knallten von hinten her Schüsse, und die Kugeln pfiffen an ihm vorüber. Trotzig hielt er im Laufen inne und ging, unbekümmert um die Gefahr, in langsamem Schritt weiter, bis er bei Stadt Gotha um die Ecke bog.
Erstürmung der Hotels des Saxe und Stadt Rom.